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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Fünfzehntes Kapitel.

Einstweilen hatten die Bataver, die beiden Begleiter Adalos und der Bärenführer sich friedlich plaudernd um das Feuer gelagert.

Es fehlte – im allgemeinen – so völlig an dem Gefühl der Zusammengehörigkeit der verschiedenen germanischen Stämme, daß es den Alamannen gar nicht einfiel, den Batavern darüber laute Vorwürfe zu machen oder auch nur im Stillen zu grollen deshalb, weil diese unter römischen Fahnen andere Germanen bekämpften: fochten doch gelegentlich auch alamannische Söldner wie gegen andere so gegen germanische Feinde Roms. So kreiste die römische Bronzeschale, gefüllt mit dunkelrotem Räterwein, auch unter den beiden Alamannen; und recht gern tranken die Bataver von dem Meth, den die Gefolgen Adalos in länglichen Holzgefäßen, über den Rücken geschnürt, mitgeführt hatten.

Denn groß und häufig wiederkehrend war schon damals der alamannische Durst: ungern hätten die Wackern – Bewirtung im Feindeslager war doch nicht vorauszusetzen – für die vielen Stunden des Hinwegs, des Wartens und des Rückwegs jeglichen Trunkes gedarbt. Der Sarmate trank, in schöner Unparteilichkeit, abwechselnd bald Wein, bald Meth. Auch er hatte sich, auf einen Wink Rignomers, an das Feuer gesetzt.

Die Bärin lag, lang ausgestreckt, neben ihm, während er anhob, scharf geschliffene Messer abwechselnd in die Luft zu werfen und behend aufzufangen, zum Staunen der Bataver, die ihm dafür kleine Kupfermünzen zuschoben. – Sein lahmer Begleiter lag im Busch und schlief bald so fest, daß er schnarchte.

»Ah,« rief Rignomer, sich den Flachsbart mit dem nackten Arm wischend und dem Alamannen das »Lägel« zurückgebend, »Fro lohne dir den Trank! So hat mir kein Naß mehr gemundet, seit ich der Yssala und meiner Mutter Erdkeller den Rücken gewendet. Die braut ihn noch stärker.« »Wein schmeckt doch besser,« meinte sein Landsmann. »Besser im Munde, Brinno: aber Meth und Ael schmecken besser im Herzen: 's ist Heimat-Trank! Und das beste am Trunk ist doch nicht der nasse Schwall, der durch die Gurgel rinnt, sondern das Andenken an manche frohe Stunde früheren Trunkes, das darüber schwebt wie ein Reiher mit rauschendem Flügelschlag. – Nun, Alamanne, wann geht es an das Hauen? Und werdet ihr zu uns kommen oder müssen wir euch aufsuchen?« »Wie der Herzog will,« antwortete der Gefragte, die Schale leerend, »und der waltende Wodan.« Da zuckte es über des Batavers Gesicht. »Nenne mir den nicht! Ihn scheue ich! Euch Haarschopftrager fürchte ich nicht! Schon manchen von den Euern habe ich mit der Linken an seinem Suebenschweif gepackt von hinten und ihm von vorn mit der Rechten das kurze Römerschwert in die Kehle gestoßen. Aber den Manteltragenden scheu' ich! Gram ist er uns Soldkämpfern! Mir ist, er schwebt in den Lüften gegen uns, wo immer wir fechten. – Da, Gaukler, trinke noch einmal. Und dann zeige – deine Künste haben wir nun gesehn –, was dein Bär gelernt hat. Soll dein Knecht da im Gebüsch, der Lahme, nicht auch was haben? Aber wo ist er denn geblieben?«

»He, Zizais, Hund von einem Krüppel, bist du so taub wie stumm, wo steckst du? Seht, da liegt er an der Quelle dort, – näher an dem Graben: er hat das Fieber, er suchte das Wasser. – Nun rühre dich, braune Tanzmaid!« Und er raunte dem Tier in das Ohr, worauf es sich brummend auf die Hinterbeine hob: der Gaukler steckte ihm durch die Vorderpranken seinen langen Stock und nun drehte sich die ungefüge Gestalt langsam im Kreise, nach dem Takt einer eintönigen, traurigen Weise, die er ihr zuerst auf der Schwegelpfeife vorspielte, dann aber vorsang, den Takt dazu auf einem bronzenen Becher mit der Messerklinge schlagend. Laut lachten die Männer über die ungeschlachte Tänzerin. »Ha,« fragte Rignomer, »wie heißt die zierliche Jungfrau?« – »Bruna. Sie kann auch weissagen. Gieb acht! Frage sie, was du willst.« Dabei legte er, während er ihr den Stock aus den Pranken nahm, die Hand auf der Bärin Haupt. Das Tier sank nun auf die Vorderfüße nieder und blinzelte verständig zu seinem Herrn auf, der ihm Brot in den Rachen schob.

»Nun, du weise Wala,« lachte Rignomer, »werden die Römer siegen in der nächsten Schlacht?«

Der Sarmate fuhr leise dem Tier, gegen den Strich der Haare, wider die Stirn: unwillig brummend schüttelte die Bärin den Kopf. –

Der Bataver erschrak: sein Lachen verstummte. »Sie ist Donars Freundin,« sprach er betroffen. »Der redet aus ihr. – Ich hab's wohl gedacht.« Er sprach, als sei die Schlacht schon geschlagen und verloren.

»Nun,« tröstete der Gaukler, »ich will einmal für dich fragen. Bruna, kluger Waldgeist, schau' dir einmal diesen Helden genau an: – kommt er aus diesem Kriege heil zurück zu seiner Mutter, die den guten Meth braut?« Dabei strich er leise dem Tier von der Stirn ab nach der Schnauze: Bruna nickte bejahend.

»Danke dir, Donar,« rief Rignomer heiter. »Was schert mich der Römer Sieg! Ich ziehe bald nach Hause! – Höre, Mann, die kluge Wahrsagerin gefällt mir. Ist sie dir feil?« Der Sarmate machte ein bedenklich Gesicht. Die Frage kam ihm offenbar sehr unerwartet.

»Nicht gern – nicht billig,« – sprach er zögernd: er wollte Zeit gewinnen, nachzudenken. – »Leb' ich doch von ihren Künsten, – mehr als von den meinen.« »Du hast recht, Rignomer,« fiel Brinno ein. »Es ist oft so langweilig im Lager, wenn wir nicht Dienst haben. Das brächte Kurzweil.« – »Und ich möchte sie wohl erschrecken, die Walen, die stolzen Legionäre, die auf uns Hilfstruppen spöttisch herabsehen, aber im Kampf uns stets auf den blutigsten Posten schicken.« »Das Tier ist wohl aus diesen Wäldern?« fragte Brinno. Der Gaukler nickte. »Ei,« lachte Rignomer, »dann müssen wir sie haben. Wir bringen sie Bissula, der Kleinen: die braune Alamannin zu der roten.« »Wer ist Bissula?« fragte der Gaukler gedehnt. »Das liebreizendste Mädchen, das ich je gesehen,« rief Brinno rasch. »Ja! Alle sind ihr gut, die sie schauen,« fuhr Rignomer fort. »Absonderlich wir Germanen!« – »Ei, auch die Römer, mein' ich! Wenigstens die meisten! Aber sie sitzt oft so traurig und schaut, wie sehnend, in die Wälder. Die Landsgenossin soll ihr Kurzweil schaffen. Ich kaufe dir das Tier ab.«

»Nein, nein! Nicht gern! Trenne mich nicht gern von ihr. Aber« – (und hier leuchtete des Mannes Auge – »weißt du was? Nimm mich mit, samt dem Tier« und mit meinem Knecht; wollte er sagen –: da er aber denselben nicht mehr an der Quelle liegen sah und auch nicht an dem früheren Platz, unterdrückte er den Zusatz) »in das Lager auf ein paar Tage – bis ihr des Spielzeugs müde seid.« – Aber beide Söldner schüttelten die Köpfe. »Geht nicht! Euch Gaukler und Tierbändiger halten sie für Kundschafter von Gewerbe!« – »Den Rebstock ließe der Tribun uns fühlen, ließen wir dich nur das Lagerthor überschreiten.«

»Nun,« schlug der Bärenführer vor, – »ich verkaufe nicht – aber ich überlasse dir das Tier auf wenige Tage, – bald komme ich wieder, es abzuholen.« »Umsonst? Das ist verdächtig!« meinte Brinno. »Nicht umsonst!« fiel jener hastig ein. »Bei Leibe nicht! Ich muß ja davon leben! Du wirst mir dann schon etwas zahlen müssen!« – »Gut! Aber höre; die Bestie ist doch ganz zahm?« – »Völlig! Wird sie etwas ungebärdig, hast du nur das breite Halsband hier – siehst du? – fester zu schnallen.« – »Ich sehe!« »Versäume nicht,« mahnte der Sarmate, »dies von dem Halsband allen zu sagen, die mit dem Tier zu thun haben.« »Zumal der Kleinen,« warnte Brinno. »Wie schade, würde der ein Haar gekrümmt.« »Wenn ihr nur die Menschen nichts zuleide thun!« meinte Rignomer – »hier diese kluge Landsmännin wird sie nicht beißen.«

Da tönten Schritte vom Lager her. Adalo ward zurückgeleitet. »Zizais, wo steckst du? Wir müssen fort!« rief der Sarmate und wandte sich eilfertig in die Büsche, den jungen Knecht zu suchen, der langsam aus dem Dickicht heranhinkte. Dem Gesandten ward nun die Wolldecke vom Haupte genommen: finstern Blickes schwang er sich aufs Pferd, seine beiden Begleiter desgleichen und bald waren sie in der Waldnacht verschwunden.

Da dröhnte von dem Thore her Waffenklirren: die thrakischen Speerträger kamen, die Bataver abzulösen. Gleichzeitig traten der Bärenführer und der Krüppel aus dem Dickicht zur Linken; jener übergab das Tier Rignomer, der es an dem Halsriemen mit fortzerren wollte gegen das Lager. Aber die Bärin sträubte sich: leise brummend stemmte sie sich auf die Hinterfüße und sah mit den klugen; verständigen Augen flehend zu ihrem Herrn auf.

»Komm, komm, Bruna,« mahnte dieser, – »es geht zu guten Leuten,« – (und er bückte sich und flüsterte in ihr Ohr –) »willst noch nicht? Hast nicht verstanden?« Verlegen kratzte er sich hinter dem Ohr.

Da hinkte der Krüppel heran, zog aus seinem Ranzen von Maulwurfsfellen ein schmales, langes, blaues Tuch – wie ein Gürtel sah es aus – und reichte es seinem Herrn.

Dieser lachte hellauf und gab es dem Bataver.

»Ja, ja. Das wird helfen! Halt es dem Tiere vor! – Nein! – Nicht vor die Augen: – vor die Nase –: so! – Siehst du, wie es schnüffelt? – Es wittert! – Du staunst? Ja, das Tuch gehörte . . . es hat einen Zauber! – Gehe nur langsam vorwärts. Siehst du, es folgt wie ein Lämmlein. – Nun, grüße mir das Römerlager, Bruna: – bald hol' ich dich daraus ab!«

 


 

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