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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Drittes Kapitel.

Unter den Römern war, wie wir sahen, nicht bekannt geworden, ob die Barbaren Witterung hatten von den Vernichtung drohenden Streichen, die von mehreren Seiten zugleich gegen das Waldvolk geführt werden sollten. Die Vorbereitungen waren so geheim betrieben worden, daß den Feldherren völlige Überraschung der Feinde erreichbar schien. Seit Wochen schon durfte kein Germane mehr die äußerste Postenlinie überschreiten des »limes«, des – jetzigen – römischen Grenzhags: er war freilich sehr weit zurückverlegt worden im Lauf der letzten drei, vier Menschenalter. – Das Recht des Marktverkehrs in den Stationen auf dem südlichen Ufer war ihnen schon länger entzogen wegen angeblicher Verletzungen der Bedingungen solchen Verkehrs. Die römischen Händler aber wagten sich seitdem auch nicht mehr in das Gebiet der über solche Strenge erbitterten Nachbarn. Die Grenzwachen meldeten, daß man von den Warttürmen aus irgend Auffälliges bei den Barbaren wahrzunehmen nicht vermöge. In gewohnter Weise gingen die Leute da drüben ihrer Arbeit in Feld und Wald, dem Weiden ihrer zahlreichen Herden, manche der Jagd oder dem Fischfang im See nach; sie schienen weder an Gegenwehr noch an Flucht zu denken.

Einmal zwar ward von einer der »speculae« aus berichtet, tief in der Nacht sei auf einem fernen, wohl mehrere Stunden weit vom See entfernten Berg plötzlich ein Feuer aufgeflammt und nach kurzer Frist ebenso plötzlich wieder erloschen. Der »Weihberg«, das heißt: »der heilige Berg«, auch »Wodansberg«, hieß den Alamannen jene hochragende, weithin sichtbare Kuppe, und der Name hat zähe gehaftet. Später freilich galt die »Weihe« einem christlichen Weihtum: aber heute noch führt den Namen »Heiligenberg« ein stattlich Schloß auf jener herrlichen Höhe. An der Stelle, wo damals Wodans Eschen gerauscht, säuselt jetzt der Wind über die Blumenbeete eines wunderschönen Gartens. –

Die Meldung war nicht aufgefallen. Waldbrand, auch zur Nacht, war nicht selten bei dem Rodungswerk der Alamannen, die oft statt der Axt die raschere Flamme zur Arbeit riefen. Auch war in den nächsten Tagen alles ruhig geblieben am Grenzhag. – – –

An dem Morgen nach jener Nacht – es war wenige Tage vor dem eben geschilderten Einmarsch der Römer über die Höhe von Meersburg – schritt von dem dichten, meilenweiten Gehölz, das sich vom See nordwestlich gegen den »Weihberg« zog, in die Lichtung heraus ein Jüngling: hochragend, schlank, wie eine Edeltanne aufgeschossen. Die zurückgeworfene Kapuze des Luchsfelles, das als ein kurzer Mantel von seinen Schultern flatterte, hinderte nicht das lange, dunkelblonde Haar, das in breiter Woge auf die Schultern wallte; der Morgenwind spielte kosend darin, wie der Wanderer Halt machte auf einem niedern Rasenhügel, der den Blick über den Seespiegel gewährte. Den schwungkräftigen Schritt hemmend, den rechten Arm um den Eichenschaft des Speeres geschlungen, neigte er sich leise vornüber: mit der linken Hand die blendende Spiegelung der Sonne auf der glatten Fläche ausschließend, spähte er angestrengt über die Flut hin nach dem Südufer. Der Blick war adlerhaft: denn er war stolz und kühn und scharf, und die Farbe des Auges war ein helles Goldbraun. –

Hell glänzten von drüben, von Arbon und den anderen Stationen, wie Constantia (Konstanz), die römischen Warttürme und Hafenburgen herüber mit ihrem roten Ziegelbau. Alles lag in tiefster Ruhe. Kein Segel, kein Ruderboot war zu sehen: ungestört zog ein mächtiger Weih, mit seltnem Flügelschlag, seine stolzen Kreise über dem Seicht der Ufergewässer. – Befriedigt wandte der Alamanne nun den Blick auf die vor ihm liegende sanfte Höhe, die heute, nordwestlich von Friedrichshafen, das Dorf Jettenhausen trägt. Schon damals war das Land daselbst gerodet und unter den Pflug genommen. Auf der Krone der Anhöhe ragte eine stattliche Holzhalle, von wehrhaftem brusthohem Pfahlzaunwerk umgürtet; ein stolzes Hirschgeweih prangte – als Hauszeichen – an dem Firstbalken. Von der Herrenhalle selbst und von einem der kleinen Nebengebäude stieg kreiselnder Rauch aus den Luken der Balkendächer; die Leute rüsteten wohl das Frühmahl. Es schien, als ob der Jüngling nach Süden, in der Richtung der vornehmen Halle, auf der sein Blick mit Stolz, aber auch mit fast wehmutvollem Ernst geruht hatte, herniedersteigen wollte. Aber plötzlich wandte er sich: »Nein!« sprach er zu sich selbst, »zuerst – zu ihr!« Und nun eilte er geradeaus nach Osten, durch den damals völlig morastigen Tann, der heute noch der »Seewald« heißt. Er durchschnitt ihn in der Richtung nach dem Tettnanger Forst. Gar oft mußte er vorsichtig den Sprung von Stein zu Stein, oder von einem Mooshügel zum andern abmessen, nicht in den gürteltiefen Sumpf einzusinken. Aber der Jüngling schien ihn trefflich zu kennen, den kaum wahrnehmbaren, viel unterbrochenen Gangsteig, der sich bald als Furt, bald als Brücke durch den Moorgrund und das dichte Gestrüpp hinzog. – Über einen ziemlich breiten Bach, der durch Moos und Röhricht dem See zueilte, schwang er sich in hohem Sprung auf seinem Speerschaft – hell gackernd flog das Moorhuhn auf, das er emporgescheucht – und nun sah er bald vor sich liegen die seiner stolzen Halle – denn er war der Herr und Eigner jenes hochragenden Edelhofs – nächste Siedelung; weiter als eine Stunde wohnte damals hier Nachbar von Nachbar entfernt; erst in den folgenden Geschlechtern erwuchsen die Einödhofe am See allmählich zu Dörfern. –

Das Häuslein im Walde – fast mochte man es Hütte nennen – duckte sich bescheiden an den Fuß eines sanften Bühls, der es vor dem Nordostwind barg. Dunkelgrünes Moos hatte das alte Dach überzogen. Der schmale Stallraum für wenige Häupter Vieh war mit dem Wohnhaus zusammengebaut. Doch war alles sauber und wohl gehalten, zumal der kleine Anger, auf dessen umzäuntem Wiesboden ein paar Obstbäume standen. Und gar seltsam berührten in dieser Wildnis das Auge einige römische oder doch südgallische Ziersträucher: Taxus und – sorglich gepflegt – edle Rosen. – Über die Stirn des Firstbalkens ragte, ungefüg aus Tannenholz geschnitzt, aber doch unverkennbar, das Bild eines vierzackigen Sternes. Es war dadurch nicht eben schöner geworden, daß man die weiße Fläche, offenbar erst kürzlich, grellrot angestrichen hatte mit dem Mennig, dessen man sich zur Färbung der eingeritzten Hausmarke zu bedienen pflegte. Der Wanderer warf unwillkürlich, sowie er des Häusleins ansichtig ward, den ersten Blick auf das Dachzeichen; da er den roten Anstrich gewahrte, zog ein Lächeln über seinen feingeschnittenen, vom weichen Flaumbarte nicht ganz bedeckten Mund. Der zweite Blick aber suchte den Scheitel jenes niedrigen Bühls, wo eine uralte Eiche, jetzt vom goldnen Sommersonnenschein hell beleuchtet, die knorrigen Äste leis im Morgenwinde wiegte; lange, von den Zweigen herabhängende Flechten von Waldbart wogten und schwankten daran hin und her. – Um den Stamm der Eiche war eine ihn ganz umgürtende Rundbank gezimmert; auf der Südseite hatte man ein paar Felssteine zu einer Art Tisch zusammengefügt.

 


 

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