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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Vierzehntes Kapitel.

Großen Eindruck machten die offenbar aus tiefer Überzeugung geschöpften und mit warmer Empfindung vorgetragenen Worte. Herculanus zuckte verächtlich die Achseln. Saturninus schaute, ernst, schweigend in das Leere: – in die Zukunft. – Erst nach geraumer Zeit fand Ausonius ein Wort: »So hab' ich's nie gesehn – Ist das deine Weisheit?« – »Nochmal sag' ich's: die unserer Weisen: Herzog Hariowald hat mich's gelehrt. Aber die Not unseres Volkes schreit so laut, – auch ein Unerfahrner muß vernehmen ihren Ruf: ›Land oder Untergang!‹ Deshalb frag' ich euch im Namen unseres ganzen Völkerbundes – wir Alamannen weichen an Heldentum keinem Volk auf Erden! – wollt ihr uns, unsere Speere für euch gewinnen, auf immerdar, gegen all' eure Feinde, – zumal gegen die falschen Franken, unsre wie eure bösen Nachbarn – wollt ihr das?«

Aufmerksam lauschten die Römer: – keiner unterbrach ihn. »Wohlan, es giebt ein Mittel: – aber nur eines!« Er hielt inne. »Sprich,« mahnte Saturninus eifrig. »Räumt alles Land, das ihr noch innehabt, aber nur schwer ringend noch behauptet, räumt alles Land im Norden zwischen diesem See und dem rechten Ufer des Rhenus, bis dahin, wo der Moenus mündet unter eurer Zwingburg Mogontiacum, und alles Land im Süden dieses Sees bis an den Kamm der Eisalpen!« »Unverschämter!« rief Herculanus.

Auch die übrigen Heerführer sparten nicht Worte des Zorns. »Nicht übel!« lächelte Ausonius.

Nur Saturninus schwieg: er dachte, wie der große Kriegsheld Aurelianus in ganz ähnlicher Weise, wie hier verlangt ward, die stolze Eroberung Trajans, Dakien, geräumt und dadurch auf lange Zeit die Goten an der Donau zu Ruhe gebracht hatte.

Aber Adalo fuhr fort. »Thut es, thut es halb freiwillig, thut es gegen wertvollsten Entgelt, – denn ich sag' euch, ihr müßt in Bälde doch. Dann aber gezwungen und ohne Gegendienst. Thut es in Güte! Denn durch unser Volk geht eine stolze Weissagung: der Alamanne tummelt einst seine Rosse vom Alpenschnee bis an den Wasgenwald.«

Da stand Ausonius unwillig auf. »Kein Wort mehr! Als einzige Antwort bringe den Deinen den alten Römerruf: ›Weh den Barbaren!‹«

»Weh den Barbaren!« wiederholten laut rufend die Heerführer. Aber Saturninus schwieg. –

»Bevor ich scheide,« sprach der Jüngling – mühsam suchte er die heiße Erregung, die bange Sorge zu verbergen, die ihn jetzt durchzitterte: – »hört noch einen Auftrag. – Ihr – habt gefangen – eine Tochter unseres Volks.«

Höchst aufmerksam richteten sich auf ihn sechs Augen. »Ich bin beauftragt, – sie – loszukaufen.« Trotz aller Anstrengung, ruhig, kalt zu scheinen, bebte ihm die Stimme. »Bist du Bissulas Verwandter? – Sie hat keinen Bruder!« – meinte Ausonius argwöhnisch. »Oder ihr Geliebter?« forschte Herculanus. Gluten flammten auf in des Jünglings Antlitz, zornig furchte er die Brauen: »Nicht ihr versippt, nicht verlobt. Beauftragt – ich sagte es schon – bin ich, sie loszukaufen. Nennt den Preis,«

Ausonius wollte abweisend erwidern. Aber Saturninus kam ihm rasch zuvor: »Du zahlst jeden?« – »Jeden.« – »Ist sie eine Königstochter oder eine Edle, daß die Ihrigen so hohen Wert auf ihre Freiheit legen?«

»Sie ist eine freie Jungfrau unseres Volks und hat so viel Recht wie eine Königin auf unseren Schutz.« »Nun, euer Schutz,« lachte Herculanus, »hat ihr nicht eben viel geholfen.«

»Ich will sie aufwiegen – in Silber, muß es sein in Gold: – ihr ganz Gewicht –« »Pah,« schmunzelte Ausonius, »will nicht viel sagen! Sie wiegt nicht schwer, die Kleine. Gieb dir keine Mühe: – ich gebe sie nicht frei!« »Vergieb, Präfekt,« sprach da Saturninus ruhig, – er verwandte aber kein Auge von Adalo: – »ich erinnere dich noch einmal, – die Barbarin ist nicht deine, – sie ist meine Sklavin.« »Was? O Götter!« schrie Adalo, außer sich vor Schrecken und Schmerz. Lebhaft machte er zwei Schritte gegen den Römer.

»Ist es möglich – ist es wahr? Sage nein, Ausonius?« Fast flehend klang nun die Stimme des sonst so Trotzigen. »Leider ist es so,« antwortete verdrießlich der Gefragte.

Saturninus aber – er wußte nun, was er wissen wollte – bemerkte ruhig: »Die Gefangene ist mein Eigentum. Und um Gold ist sie mir nicht feil. Aber ich gebe sie frei, wenn du . . . –« hier erhob er sich, trat auf Adalo zu und flüsterte in sein Ohr. Zornig fuhr der Alamanne auf: »Wo wir verschanzt stehen und wie stark wir sind? Komm in die Wälder, Römer: dort wirst du's erfahren!«

Kalt trat Saturninus zurück. »Wie du willst. Nie mehr sieht die Rotlockige die Ihrigen.« »Und bedenke, Barbar,« zischte Herculanus, nun auch aufstehend, »man bedarf nicht der Folterschrauben, um eine – Jungfrau sehr, recht sehr zu peinigen.«

Mit einem Aufschrei fuhr der Jüngling an den Griff des Kurzschwerts an seiner Seite. Aber er faßte sich. Nur einen Blick warf er auf Herculanus, den dieser nicht ertrug: blinzelnd sah er zur Seite.

Adalo jedoch, von tiefem, bitterem Weh gequält, sah fragend, forschend nach Sinnesweise und Eigenart, erst in des Saturninus männlich schönes, strenges Antlitz: – dann musterte sein Blick des Ausonius gutmütige, aber des Ausdrucks der Willenskraft völlig entbehrende Züge. Er seufzte tief. Allein er fühlte, wie aller Augen scharf auf ihn gerichtet waren: er nahm nun die ganze Kraft zusammen und sagte ruhig: »Geschieht ihr Leid, wird ihr Volk sie furchtbar rächen.« Der stark verhaltene, aber abgrundtiefe Grimm in diesen kargen Worten verfehlte nicht des Eindrucks. Er wandte sich, ohne Scheidegruß, zu gehen.

Schon stand er unter den Vorhängen des Eingangs: da rief Saturninus: »Und wie heißt der Gesandte des Alamannenvolks?«

Der Jüngling wandte sich rasch und, alle Anwesenden in einem Blick zusammenfassend, rief er: »Adalo, Adalgers Sohn. Ihr sollt den Namen merken.« Damit schritt er vor das Zelt.

»Oheim,« rief da Herculanus, »war das nicht jener Name? Ja, ja, er ist es: der ›Mars der Alamannen‹! Laß ihn ergreifen – und der Krieg ist aus!«

Bevor Ausonius antworten konnte, sprach Saturninus, aus dem Zelte eilend: »Hüte dich, Ausonius! Diesem Neffen scheint nichts heilig zu sein im Himmel und auf Erden. – Aber die Augen muß man ihm rasch wieder verbinden, jenem Barbaren: er blickt wie ein Adler.« Und er eilte aus dem Zelt, dem Gesandten nach.

Ausonius aber sagte, verstimmt durch gar manches, äußerst verdrießlich, in einem Ton, wie er bei dem Gutmütigen fast unerhört war: »Du mißfällst mir schon lange, Neffe Herculanus. Bin sehr unzufrieden mit dir. – Sehr! – Recht sehr!« –

Und mit hastigem Schritt ging er an dem Betroffenen vorbei, dessen beschwichtigend vorgestreckte beide Arme unwirsch zur Seite schiebend. – Einen Unheil verkündenden Blick warf ihm der Neffe nach.

 


 

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