Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070618
modified20160412
projectid4fe5e590
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel.

Lange, sehr lange schien es der Ungeduld Adalos zu währen, wie er – sein Unmut glaubte, mit absichtlicher Verzögerung – in dem weitläufig angelegten Lager Hügel auf Hügel ab umhergeführt wurde, bis endlich sein Führer ihn anhielt und man ihm die Hülle vom Haupte nahm. Er befand sich in dem Zelt des Präfekten. Dieser selbst – zornig erkannte er sogleich den Freund Bissulas – und eine Anzahl anderer Heerführer saßen und standen vor ihm. Man hatte Zeit genug gehabt, sie zu versammeln, während der Barbar kreuz und quer durch die Zeltgassen in verwirrendem Zickzack geleitet worden war.

Stumm begrüßte er Ausonius – es entging ihm nicht, daß die Augen der Feinde bewundernd auf ihm ruhten, – der ihm winkte, sich auf einem Feldsessel niederzulassen. Aber trotzig blieb der Jüngling stehn.

Umsonst bemühte er sich, in dem reich geschmückten Raum umherblickend, eine Spur – nicht von der Kleinen selbst – das wagte er nicht zu hoffen! – aber von irgend einem ihr gehörigen Gewand oder Gerät zu entdecken: hier waren nur Waffen und Papyrosrollen zu sehen.

Ausonius hob an: »Du verstehst, Alamanne, die Sprache Roms, da du allein, ohne Dolmetsch, gekommen?« Adalo nickte. »Sei willkommen! Wir erwarteten solche Sendung. Du erbittest den Frieden?« Zornig warf der junge Held das schöne Haupt zurück, daß ihm die langen Locken auf die Schultern rieselten: er erwiderte funkelnden Auges: »Freien Abzug biet' ich euch an.« »Ha, frecher Barbar!« schrie Herculanus. Aber Saturninus winkte ihm unwillig, zu schweigen, und fragte dann sehr ruhig: »Sind wir eingeschlossen?« – »Noch nicht! Aber nur deshalb nicht, weil wir noch nicht wollten.«

Saturninus warf dem Präfekten einen vielsagenden Blick zu. »Prahlerei!« meinte dieser in griechischer Sprache. »Und warum,« höhnte Herculanus, »habt ihr uns noch nicht vernichtet?«

»Der Ausgang, Römer, liegt in der Götter Hand. – Angegriffen haben wir deshalb nicht, weil wir, die wir den Kampf nicht scheuen, vielmehr – ihr wißt es genau! – ihn lieben, weil wir diesmal den Frieden wollen, – oder doch unsere weisen Führer wollen ihn, die weiter denken, als meine Jugendgenossen. Der große Völkerbund der Alamannen will nicht nur diesem Streifzug, er will dem ganzen, viele Menschenalter hindurch brennenden oder doch glimmenden Krieg mit euch durch Vertrag ein Ende schaffen für immerdar: nicht Waffenruhe, Frieden wollen wir mit Rom.«

Aufmerksam forschte Saturninus: »Ist das dein Gedanke, Jüngling?«

»Ich sagte schon: es ist die Wahl unserer Weisen, zu denen ich wahrlich nicht zähle. Aber auch ich erkenne, daß der Verkehr mit euch über den Grenzwall hin, wann die Speere in der Halle lehnen, unserem Volk allerlei Vorteile bringt: wir haben euch schon manches abgesehen, – noch mehr müssen wir von euch lernen.« »Weshalb aber,« fiel Ausonius ein, »wenn ihr dies einseht, brecht ihr seit Jahrhunderten immer wieder jeden Vertrag, jeden Waffenstillstand? Ihr rühmt euch gern der Treue als einer Tugend eures Volkes, ihr Germanen, und wir müssen auch den treuen Dienst eurer Söldner unter unseren Fahnen loben. Weshalb aber brecht ihr hier, an den Grenzen – und zwar all' ihr vielnamigen Völker, Alamannen wie Franken, Goten wie Quaden und Markomannen, ganz gleich in solcher Untreue, – weshalb zerreißt ihr Jahr um Jahr immer wieder Frieden und Vertrag? Unsere Kohorten, genötigt unaufhörlich in euren Waldsümpfen hin und her zu waten, schelten euch mit grimmem Haß das falscheste der Völker! Warum brecht ihr immer wieder über unsre Grenzen, einem Waldstrom gleich?«

»Einem Waldstrom gleich! – Du hast, wohl ohne es zu wissen, das rechte Wort gesagt. Ich schweige davon, daß gar oft nicht wir die Verträge brechen, sondern, vielleicht gegen des Kaisers Willen, eure Heerführer, eure Grenzbeamten: Zwingburgen bauen sie, wider die Verträge, auf unserer freien Erde, und die Lieferungen, die ihr uns nach den Verträgen schuldet, unterschlagen sie: an Getreide zumal.«

»Warum,« fragte Saturninus, sich vom Sitze erhebend, ernst, aufmerksam, »baut ihr nicht selbst das Getreide, das ihr braucht?«

»Wir können nicht! Das Land genügt nicht unserer schwellenden Volkszahl. Die Götter mehren uns wunderbar: sie müssen wollen, daß wir wachsen, daß wir überquellen. Wohl ziehen Hunderte, ja Tausende aus der heranwachsenden Jugend jedes Jahr davon, euch zu dienen als Söldner, als Grenzer. Wohl senden wir oft ein ganzes Drittel der Jünglinge, durch das Los gekoren, sich neue Heimat zu suchen, wohin der Vogelflug ihnen winkt nach dem Willen der Götter: – all' das, – es reicht nicht!«

»So wäre es,« forschte Saturninus, mehr mit sich selbst, als mit dem Abgesandten sprechend, »nicht Mutwille?« –

»Mutwille, wähnt ihr, hätte seit unsrer ältesten Ahnen Gedenken – treu und traurig und stolz haben's die Sagen bewahrt – immer wieder und wieder unsere fast nackten Helden in die Speere getrieben eurer erstarrenden Legionen? Ja, wären's nur wir Jünglinge! Wir lieben's allezeit mehr, mit Blut – der Feinde oder dem eignen – was wir brauchen, zu gewinnen, als mit der Pflugarbeit. Aber glaubt ihr, daß aus Mutwillen unsere Graubärte, daß ganze Völker mit ihren Weibern und Kindern, mit Knechten und Mägden, mit ihren Herden und Wagen immer wieder über eure Grenzen nach Mittag und nach Niedergang dringen, nicht eine Kriegerschar auf frohem Beutezug, nein, ganze Völker auf müheschwerer Wanderung, vorwärts drängend, weil von andern gedrängt, schiebend, weil geschoben, aus Mitternacht und Aufgang von andern Germanen und von Sarmaten, aber die alte Heimat nicht räumend, sondern durch die Zurückgebliebenen behauptend, bis auch diese weichen müssen? Mutwille, glaubt ihr, hat diese Hunderttausende so oft an und über eure Grenzen gelockt – meist ins sichere Verderben? O nein! Uns treibt nicht Übermut – uns treibt die mächtigste der Göttinnen –: die Not! Ungern nennt ein Mann ihren Namen: denn die Frau mit dem ehernen Gürtel, die einzige Unerbittliche der Gottheiten, – sie ist die Mutter der drei Schicksalsschwestern, die auch ihr verehrt, und oft würgt sie mit ihrem Gürtelband den Menschen, der leichtsinnig sie herbeibeschwört. Hütet euch, Römer! – Vor unserem Antlitz stehet nur ihr, freilich ein waffengewaltiges Reich: – aber hinter uns dräuet und treibt die furchtbare Mutter der Nornen! Wir haben keine Wahl. Zu eng ward das Land: – wir müssen überquellen, was immer werden mag aus den das alte Bett mit Brausen verlassenden Fluten. – Und deshalb wahrlich mit Fug, klugredender Römer, sprachst du vom Waldstrom. Glaubt es mir: unablässig werden wir brechen über eure Grenzen, seien sie noch so furchtbar mit Männern und Mauern geschirmt, bis entweder wir alle, wir ungezählten Völker der Germanen, untergegangen sind, oder bis wir Land genug gewonnen, darauf zu leben. Erst dann wird Friede sein.«

 


 

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.