Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070618
modified20160412
projectid4fe5e590
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel.

An dem Morgen, der auf diesen letzten Eintrag des Ausonius in sein Tagebuch folgte, teilte Bissula wie gewöhnlich das Frühmal in dessen Zelt mit Oheim und Neffe.

Der Präfectus Prätorio von Gallien war guter Dinge, scherzte oft, sprach viel, ließ sich von dem Bechersklaven wiederholt die Schale füllen und meinte wieder einmal, der Feldzug werde nun bald zu Ende sein. »Wenn die Schiffe kommen,« schloß er, »bitten die Barbaren um Frieden!« Fröhlich sah er auf: da traf zufällig sein Blick auf des Mädchens Antlitz.

Er staunte: ein spöttisches, ja zorniges Lächeln spielte um den trotzig aufgeworfenen Mund: ihre Stirn war gefurcht: sie schwieg. Das Gespräch stockte.

Scharf bemerkte Herculanus das aufsteigende Wölklein. Eifrig schürte er den drohenden Brand. »Was?« rief er. »Frieden? Verknechtung, Ausrottung! Bald schleppt der Kaiser die letzten noch übrigen Alamannen vor seinem Triumph-Wagen auf das Kapitol: die Führer werden erdrosselt, der Rest billig verkauft: ein Alamannenkopf um einen Kohlkopf.«

Thränen der Wut traten in Bissulas Augen. Sie fand nicht Worte: der Zorn schnürte ihr die Kehle zusammen. Sie suchte in ihren Gedanken, in ihrem Gedächtnis nach Hilfe, nach Abwehr. »Adalo!« – war der Name, der allein ihr einfiel. »Ja, Adalo! Wärst du da! Oder hätte ich dein raschgeflügeltes, wodangeflüstertes Wort! Halt – sein Spruch – sein Trotzspruch. Wie lautete er doch?« Und sie schloß, nachsinnend, die Augen, die Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, die beiden kleinen Fäuste vor die pochende Stirn gedrückt.

»Ich trinke vor,« fuhr Herculanus fort, die Schale erhebend: »thut mir Bescheid – du, des Ausonius Schülerin, zählst ja zu uns: Schmach und Tod den Alamannen!« Da sprang sie auf: – das blaue Auge blitzte – das rote Haar flatterte um ihr Haupt – ein Schlag mit der geballten Faust – klirrend flog seine Silberschale zur Erde: und in ihres Volkes Sprache rief sie:

»Wehe den Walen!
Rache den Römern!
Brecht ihre Burgen,
Malmt ihre Mauern!
Schwinget das Schwert,
Bis sie rennen, die Räuber!
All' dies Erdreich
Weihete Wodan
Seinen und des Sieges Söhnen, –
Uns zu eigen, den Alamannen!«

»Ah Dank dir, Dank dir, Adalo!« Und sausend sprang sie aus dem Zelt.

»Wie thöricht,« schalt Ausonius den Neffen. »Wie unwirtlich! Wie kannst du sie so reizen – unseren Gast!« – »Gast? Unsere – das heißt des Illyriers – Sklavin! – Aber vergieb, Oheim. Es soll nicht wieder geschehen. – Wie wenig doch die Barbarin taugt in Gesellschaft von Römern! – Unsere Gedanken, unsere Wünsche, – allem ist sie feind, unversöhnlich feind. – Und Adalo? Den Namen hört' ich schon! Ist das nicht –?« »Gleichviel wer es ist!« polterte der Oheim. »Du aber – bist mein Neffe und hast an meinem Tisch, in meinem Zelt die Liebliche beleidigt, zur Wut gereizt. Wie würdest du wohl erst in Burdigala . . .« –

Ein vielerratender, finsterer Blick des Neffen hemmte das unbedachte Wort. »Du mußt sie versöhnen. Jetzt verlaß mich: – ich will dich heute nicht mehr sehen! Oder bleibe: – Ich selbst eile ihr nach! Arme Kleine!« Ausonius stand erregt von dem Lectus auf und eilte hinaus.

Herculanus und der Bechersklave waren nun allein in dem Zelt. »Steht es schon so?« knirschte jener grimmig. »Ganz offen gesteht der kindisch gewordene, verliebte alte Narr seine Pläne? Ans Werk, Davus – gesund oder krank – ans Werk! Hast du Schierling? Hast du genug?« – »Ich glaube, es reicht. Und mißlingt es das erste Mal, so hast doch auch du in dem andern Fläschlein noch Vorrat?« Herculanus nickte. Der Sklave fuhr fort: »Er klagte gestern über allerlei Unwohlsein; ich will's nun bald wagen, bevor er wieder genesen. Aber – noch eins – heute Nacht schläft die Barbarin allein.« – »Wie? Nicht in dem Zelt der Troßfrauen?« – »Nein! Ein roter, ansteckender Ausschlag brach heut' Nacht in diesem Zelt aus –: ich hörte, wie Saturninus auf die Meldung befahl, sofort der Gefangenen ein frisches Zelt an der entgegengesetzten Seite aufzuschlagen.« – »Er wird sie aber wieder scharf bewachen lassen!« – »Doch heute Nacht macht er mit all' seinen unnahbaren Illyriern einen Streifzug: Bataver beziehen heute die Nachtwachen: – die trinken gern: – vielleicht . . . –« – »Schweig! Diesen Ring zum Lohn für das Wort! Wir wissen noch nicht, ob der Anschlag gegen den Alten gelingt –: so haben wir zwei Sehnen bereit für unseren Bogen. Und ich hasse sie: – ihn hasse ich nicht: – ihn muß ich nur geschwind beerben. – Heute Nacht also! – Still, Prosper kommt! – Wegen des Giftes – in den zwei Fläschchen – sprechen wir noch später: – du weißt wo und wann. Wollen erst abwarten, was diese Nacht bringen wird.«


Einstweilen hatte der gutherzige Ausonius vergeblich die zornmütig Entsprungene gesucht. Eifrig sah er die langen und breiten Lagergassen nieder, welche sich im Geviert bei dem Prätorium kreuzten: – umsonst. Er hoffte nun sicher, sie an ihrem Lieblingsschlupfwinkel zu finden, dem abgelegenen Platz mit der hohen Tanne: der Platz war leer. Auch auf dem Baume saß sie diesmal nicht: genau sah er hinauf. Kopfschüttelnd schritt er noch weiter nach Nordwesten, gegen den Wall selbst: da hörte er zwei Stimmen, wie streitend: eines Soldaten und – Bissulas. Und nun sah er, wie Rignomer, der batavische Centurio, mit quergehaltener Lanze die langsam Weichende zurückdrängte: halb germanisch sprach der Mann, halb, zur Erklärung, Vulgärlatein: denn Bataver und Alamannen, obzwar beide Germanen, verstanden sich damals so schwer, wie heute etwa Schiffer vom Niederrhein und Bauern vom Bodensee sich verstehen. »Zurück, rote Elbin, – schöne Idise du, – Nympha! – Und versuch's nie wieder! Wäre schad' um dich: – zu hoch ist der Wall und der Graben zu tief.« – Da erkannte der Soldat den Präfectus Prätorio, grüßte und kehrte auf die Wallkrone zurück.

Bissula hatte sich, den ehrfurchtsvollen Gruß bemerkend, umgesehen: – nun eilte sie auf Ausonius zu, noch immer heftig bewegt. »Vater,« rief sie, »gieb mich frei! Gleich! Auf der Stelle!« Ausonius schüttelte das Haupt: »Bedenke –« »Wenn ihr denn wirklich wehrlose Mädchen fangt und mit dem Schwerte bedroht, ihr ruhmreichen Römer, – wie dein Neffe, der Neiding . . .« – »Wann that er das?« – »Gleichviel! – so schicke mich mit sicherem Geleit, mit einem Schreiben von dir über eure Vorwachen hinaus.« – »Wohin?« Bissula schwieg eine Weile. Sie ward ganz rot.

»Wohin? Wohin du immer träumend spähst? Dahinaus?« »Nein,« sprach sie jetzt, die Zähne zusammenbeißend, – »nach Aufgang, in mein Haus! Ich helfe mir dann schon weiter.« – »Kind, du mußt bleiben, bis der Krieg zu Ende.«

»Nein, ich muß fort!« schalt sie. »Zu meinem Volk gehör' ich, – nicht zu euch! Nicht recht, abscheulich ist es von mir, daß ich hier in deinem Schutz sicher schlafe, Römerwein schlürfe aus goldner Schale, während die Meinen Mangel und Gefahr leiden. Laß mich fort!« Sie hob die Hand: – es sollte eine Bitte sein, aber es glich einer Drohung. »Kleine,« sprach Ausonius nun ernster, »laß die Thorheit. Meines Neffen thörichte, unziemliche Rede hat dich gekränkt, – ich verwies sie ihm: er wird dir abbitten.« Bissula machte eine verächtliche Bewegung. »Und alles wird vergessen sein.« – »Soll ich vergessen meines Volkes?« – »Vergessen? Nein! Aber allmählich dich desselben – – entwöhnen. Du staunst? Wohlan: dieser unwichtige Anlaß mag die wichtige Eröffnung beschleunigen, die ich dir zu machen habe. Du denkst daran, mich zu verlassen? Gieb das auf: liebes Mädchen,« – er bezwang sich und fuhr kühler fort: »mein Töchterchen, – du wirst mich nie mehr verlassen.«

Hoch erstaunt riß Bissula die Augen auf: mit der Angst des umstellten Rehes maß sie den Römer. Ganz nahe hörte man den ehernen Schritt einer zur Ablösung anziehenden Kohorte: aber die Zeltgasse verdeckte sie noch dem Blick. »Was willst du sagen?« stammelte sie. »Ich will sagen,« erwiderte Ausonius fester, strenger, als er je gesprochen – der jetzt geahnte Widerstand erbitterte ihn und er war entschlossen, seinen Willen durchzusetzen – »ich will sagen, daß ich beschlossen habe, meinen früheren Plan auszuführen. Ich nehme dich als meinen Gast – auf unbestimmte Zeit – als mein Töchterchen,« fügte er vorsichtig bei – »mit mir – nach Burdigala.« »Nimmermehr!« rief Bissula, beide Arme in hohem Schrecken erhebend. »Ja, gewiß!« – »Ich will aber nicht! Ich? – fort vom See? – Von –? Von den Meinen –? Nein! Nein! Nein!« – »Ja, ja, ja! Das ist nicht tyrannisch, nicht grausam, wie du jetzt denkst!« – »Wer will mich zwingen?« – »Ich! Wir zwingen auch die Kinder, die wir erziehen, zu ihrem Heil. Du begreifst dein wahres Glück nicht: – ich zwinge dich dazu.«

»Ich bin aber kein Kind. Ich bin . . .« – trotzig trat sie gegen ihn. »Gefangen bist du! Vergiß das nicht! Du mußt folgen deinem Herrn, und der –« »Bin ich,« sprach eine tiefe Stimme.

Saturninus trat zwischen beide: er hatte die Kohorte herangeführt: mit festem Griff hielt er Bissula, die, wie von Schwindel umgetrieben, sich drehte und unwillkürlich wieder auf die Wallkrone hatte springen wollen.

»Vergiß das nicht, Ausonius!«

Unwillig über die Störung, verwirrt, beschämt trat dieser zurück. »Was thust du?« – »Ich schütze meine Gefangene.« – »Gegen wen?« – »Gegen jede Bedrohung: gegen Tücke wie gegen Zwang, – auch gegen wohlgemeinten.« Sprachlos blickten beide zu ihm auf: in das Dankgefühl des Mädchens mischte sich aber leise Furcht: – auch vor diesem Beschützer.

Ausonius fand zuerst das Wort wieder. Ärgerlich, eifersüchtig, argwöhnisch rief er: »Und wer schützt sie gegen – dich?« – »Nichts, und niemand – als mein eigner guter Wille!« »O gieb mich frei,« rief Bissula, verzweifelt beide verschlungene Hände zu dem Tribun emporhebend. »Damit du den Barbaren alles erzählst, was du bei uns gehört und gesehen? Nein, Kleine – du bleibst – vielleicht für immer! Nichts da von entspringen! Höre, Landsmann!« – er winkte, – »führe sie in ihr neues Zelt! – Halte dort die Wache, bis ich aufbreche heute Nacht: – dann löst dich der Bataver Rignomer ab. Und höre, sage meinem Schreibsklaven, auch bei Tage soll er sie . . . –«, den Rest flüsterte er in des Soldaten Ohr, der das ratlose, bestürzte Mädchen am Arme fortführte. Ohne Wort schieden Ausonius und Saturninus voneinander: letzterer grüßte ehrerbietig: aber der Gereizte sah den Gruß nicht oder wollte ihn nicht sehen. –

 


 

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.