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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Zehntes Kapitel.

»Es hilft nichts mehr, mir es zu verhehlen!

Und was ich mir gestehe, gestehen muß: – dir, meinem Paulus, meinem zweiten Ich, soll es nicht länger als mir selbst verborgen sein. Ach, ich fürchte, du hast es schon längst aus diesen Worten, in Prosa und Vers, herausgelesen. Ich bitte dich – schüttle nicht, wie du pflegst, dein kühles, kluges Haupt über deinen »allzujugendlichen« Ausonius: – ich hoffe, warm soll mein Herz schlagen, bis es still steht. Ich weiß alles, was du sagen willst – dagegen natürlich. Denn dafür würdest du etwa nur sprechen, hättest du sie gesehen! Aber ich bin doch froh, daß du jetzt nicht hier bist: – ich will nicht gewarnt sein!


Freilich – ein anderes ist es, in verschwiegener Brust, dem verschwiegenen Freund gegenüber mit der süßen Vorstellung spielen: – ein anderes, das Spiel in den Ernst des Lebens überzuführen. – Ich trage mich mit widerstreitenden Gedanken. Wohl bin ich fünfzig – ach nein! zweiundfünfzig Jahre! Aber welches Glück für das junge Geschöpf, nicht nur meinen Reichtum, – nein, die ganze launische Bildung mit mir zu teilen! Sie ist Heidin. Bah! Das Taufwasser wird ihr die Anmut so wenig abspülen, wie es mir die heidnischen Musen verscheucht hat. Glauben mag sie nach der Taufe, was sie vorher glaubte. Und opfern soll sie – der goldenen Aphrodite und – Hymen!


Ich schwanke. Sie ist mir sehr zugethan. Aber manchmal find' ich sie doch träumend, sehnend über den Lagerwall hinausblickend: seltsamer Weise nicht nach Osten, nicht nach ihrem Heimathause, – immer nach Nordwesten! Dort ragt nahe dem Wall ihre riesige Tanne, mit Zweigen, die bis zur Erde reichen: gestern fand ich sie wieder hier versteckt. Sie klettert so hoch empor in dem Gezweig, daß sie gerade über den Wall hinweg nach fernen Höhen schauen mag. Da steckt sie, wie ein Marder geduckt, in dem dichten Geäst. Mit Mühe entdeckte ich sie dort: – es war schon Abend. Als sie auf mein Geheiß herabhuschte, glaubte ich zuerst eine Thräne in ihren Augen zu sehen.

Aber das leuchtende Abendrot hatte mich wohl geblendet: ich sah die Thräne nicht mehr, als sie vor mir auf der Erde stand. Doch blickte sie ernster als sonst. »Was fehlt dir?« fragte ich. »Die Freiheit!« war die rasche Antwort. Ich mag wohl bestürzt, unwillig ausgesehen haben, denn hastig fuhr sie fort:

»Vergieb! Ich war thöricht. Ich weiß ja, ließest du mich jetzt schon frei, noch bevor der Krieg ganz zu Ende, – ich könnte, eh' ich die Meinigen erreichte, in die Hände andrer Römer fallen. Und undankbar bin ich obendrein. Wie gut bist du gegen mich! – Aber doch – manchmal spür' ich so arges Heimweh – nach – nach – ach ich weiß selbst nicht –!«

Da scherzte ich – denn nie zuvor, und auch jetzt nicht im Ernst, kam mir dieser Einfall: – »Nach einem Liebsten?« Da schnellte sie empor wie ein rotes Schlängelein! So zornig habe ich sie nie gesehen, – und es schäumt doch oft genug über, das kleine Strudeltöpfchen! – sie stampfte mit dem Füßlein, Glut schoß ihr in die Wangen und heftig rief sie: »Einen Liebsten? Ich? – Die rote Beißkatze! Ich habe ja kein Herz! – Womit sollte ich lieben.« Und trotzig sprang sie von mir weg, lief in ihr Zelt und ließ sich den Abend nicht mehr sehn. –

Nun, nun, das kennt man! Giebt sich – nach der Hochzeit. Aber ich freue mich, nun aus ihrem eignen Munde zu wissen: keine Neigung hält sie fest hier im Barbarenland, will ich mich wirklich entschließen, sie mitzuführen nach Burdigala. Ziemlich spät, wirst du spotten, fiel mir dies mögliche Hemmnis meiner Wünsche ein. Aber das macht: ich dachte sie so lang als Kind, bis ich – an mir selbst – von Tag zu Tag steigend es spürte nein, nein, diese Vollarmige ist kein Kind mehr: sie ist ein bräutlich Mädchen. –

Der holde Wunsch – kaum dräng' ich ihn noch zurück – er reift mir mächtig zum Entschluß! –

Und bei diesem guten Mädchen bin ich sicher: sie wird nicht um meines Geldes willen mein, was ich bei unsern gallischen Fräulein ängstlich fürchte: – und erst bei den Witwen! Bauchgrimmen krieg' ich, denk' ich an sie! – Vorsichtig will ich zuerst, die Scheue nicht zu erschrecken, – denn wie kann sich die Barbarin solche Ehre träumen lassen! – ihr nur den Vorschlag machen, als mein Gast mich nach Burdigala zu begleiten. Es ist undenkbar, daß sie sich weigert: jetzt, nachdem sie erwachsen! Und weigert sie sich, dann – aber nein, es wird ja nicht nötig werden. Und hat sie erst dort das reiche, schöne Dasein gekostet, dann verlangt sie nie mehr zurück in diese Wildnis. Dann wird es nicht mehr lange währen, daß ich diese Verse ihr vorlesen kann, welche ich jetzt nur dem Freunde vertrauen darf:

Bissula, jenseit des Rheins du, des kalten, gezeugt und entsprossen,
    Bissula, die du erblüht nah des Danubius Quell:
Kriegegefangne, du hast, aus der Knechtschaft entlassen, gefangen
    Deinen Besieger: sein Herz ward der Erbeuteten Raub.
Pflegender Mutter verwaist hast du nie doch die Herrin erduldet:
    Als du in Knechtschaft gerietst, wurdest Gebieterin du,
Ob du durch römische Gunst so, Germanin, wurdest verwandelt: –
    Blieb doch des Auges Blau, blieb dir das rötliche Haar.
Zwiefach erscheinst du uns nun und dir schmücken mit doppeltem Vorzug
    Latiums Sprache den Geist, suebischer Reiz die Gestalt.


Wie gefällt dir das, mein Teurer? Nicht übel, hoff' ich! Mir wenigstens gefällt es sehr – und du weißt: ich bin gar nicht eitel. Nun denke dir, wie müssen sie, diese Wohllaut atmenden Zeilen, erst ihr gefallen – ihr, der sie gelten! –«

 


 

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