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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Achtes Kapitel.

»V. vor den Calenden des September

Seinem Paulus wünscht Ausonius Heil.

Gestern schrieb ich dir von dem reizenden Barbarenkind, – ›Kind‹? Sie ist es nicht mehr! Berückend runden sich die zarten, aber doch reizvoll schwellenden Formen! Und »Barbarin«? Ist sie es je gewesen, – so ist sie es nicht mehr, seit Ausonius sie den Pomp der latinischen Rede gelehrt hat. Wie soll ich sie dir schildern, ohne sie – nicht zu zeichnen, – sondern zu malen. Denn gerade der Farben Reiz ist so unvergleichlich. Hätt' ich nur Paralos, meinen jonischen Sklaven, mitgeführt, der so schön die Nymphen gemalt hat – du weißt – in meinem kleinen Speisesaal dort in der Villa im Gau Noverus! Und der Ausdruck! Das Leben in diesen stets bewegten, bald von schelmischem Zorn, bald von Scherz, bald von einer mir rätselhaften Trauer der Sehnsucht beseelten Zügen!

Und die zierliche Gestalt! Neulich blieb ihre Ledersohle stecken in dem Sumpf vor dem Lagergraben! Wie weiß und wie reizend dies Füßlein! Wie kann es nur die Gestalt tragen, so leicht diese auch schwebt! Die Muse, die mich so lange gemieden, – in Gestalt dieses suebischen Mädchens hat sie sich wieder eingestellt: in einer schöneren Metamorphose, als je Ovidius sie geahnt. Unablässig quellen mir die Verse! Höre nur!

Bissula schmückte Natur mit dem Reiz, den der trefflichste Maler
Wiederzugeben umsonst sich bemüht. – Wohl anderen Mädchen
Mag er werden gerecht, wenn er Mennig verwendet und Bleiweiß –
Doch dies Farbengemisch, es entzieht sich dem Künstler: es sei denn,
Daß mit der Lilie Glanz er sie malt, der von Rosen behaucht ist.«


»Ach, Freund, bei den Empfindungen, die mir kommen, schäme ich mich manchmal des halben Jahrhunderts, das ich mit mir trage. – Ich möchte Anteros etwas opfern, – am liebsten: – meine grauen Haare!


Neulich hat die Kleine gar zu unserer aller Staunen – zumeist aber war Saturninus überrascht, ich weniger: denn ich traue ihr schon bald Übermenschliches zu – strategischen Scharfblick bewährt.

Bei einem Rundgang auf dem Südwestwall war die Rede davon, daß ihr kleines Hüttlein durch mich vor dem Verbrennen war beschützt worden, während unsere Kohorten sonst mit wahrer Emsigkeit die Fackel in die Holzhäuser der Barbaren warfen. Da meinte Saturninus, durch Zufall sei bisher auch noch ein anderes Gehöft verschont geblieben, das weiter südwestlich auf einer Anhöhe ragt mit hochaufsteigendem Giebeldach: – keine unserer Streifscharen war in diesen Tagen in jener Richtung ausgezogen. Mein Neffe rief nun einem seiner Panzerreiter zu, morgen sollten ein paar hinübersprengen und das Gezimmer niederbrennen.

Da rief auf einmal die Kleine mit blitzenden Augen: »Wie dumm!« und lachte – Höflichkeit ist nämlich nicht ihre Lieblingstugend! – und mein Neffe und sie verlieren wenig Liebe einer an den andern. – »Wie einfältig,« wiederholte sie. »Der Bau ist sehr fest, der Pfahlzaun sehr hoch: – es ist fast eine Burg, wie hier dies euer Lager! – Und hier: zwischen euch und dem See – wohin ihr doch flüchten müßt, wenn die Meinigen kommen! – da könntet ihr euch gerade wieder setzen, wenn ihr hier ausreißen müßt, wie die Füchse aus dem Bau gejagt.« Höhnisch lachte Herculanus. Aber Saturninus warf einen Blick von der Wallkrone auf jenen Hügel und das hoch ragende Gehöft und sprach mit jenem ruhigen Ton, der Widerrede ausschließt: »Ich selbst hatte bereits für morgen die Verbrennung beschlossen. Aber das Kind hat Recht. Das feste Haus wird nicht verbrannt: – eher vielleicht – später – besetzt, wann die Schiffe da sind.«

Wenn sie nur endlich kämen, diese Schiffe! Der eifrige Tribun verzehrt sich vor Ungeduld des Thatendrangs. Schon wiederholt ist er über den See gefahren auf einem elenden, morschen Nachen der Barbaren, welchen wir im tiefsten Röhricht versteckt, nahe Bissulas Waldhütte, fanden, und hat Nannienus zur Eile getrieben. Aber dieser konnte in Wahrheit mit Homer sprechen: »Was mahnst du den ohnehin Willigen?« Man kann nicht in Tagen herstellen, was in Monaten versäumt worden! Seine eignen elenden Beamten schaden dem Reich mehr als die Barbaren!

Und wir wissen gar nicht, wohin sie geschwunden, diese sonderbaren Landesverteidiger. Ach, da fällt mir auch wieder ein Geschichtchen von der Kleinen ein! – Wie sie sich doch immer wieder in meine Gedanken stiehlt! –

Selbstverständlich haben wir – in Ernst und Scherz – auch den Versuch gemacht, Auskunft über die Verstecke der Feinde zu erlangen von der einzigen Gefangenen, deren wir uns bisher berühmen können: aber da sind wir ›Sieger‹ übel angekommen! »Wo stecken sie denn, eure Helden?« lachte ich einmal gegen Ende der Hauptmahlzeit in meinem Zelt. »Ihr Heldentum ist freilich so unfindbar, wie sie selber.« »Sie werden es ihr schwerlich auf das kurze Näslein gebunden haben,« meinte Saturninus. »Denn die Barbarinnen können wohl so wenig schweigen als die Römerinnen. Sie weiß es nicht!« »Doch! Sie weiß es!« rief die Schelmin, trotzig die Lippen aufwerfend. »So? Dann wird man dir's abfragen,« – rief ich, »auf der Folter!« – »Nicht nötig. Ich sag's gern!« »Nun, wo weilen sie?« fragte der Tribun aufmerksam.

Da huschte sie zum Zelt hinaus, steckte mutwillig den Kopf durch den Vorhang des Eingangs herein und lachte neckisch: »Bei Wodan wohnen sie und bei der Seefrau im See. Da suchet sie selber!« Und fort war sie.

Ihr Lieblingsaufenthalt ist zu den Füßen einer ungeheuren Tanne – sie sei heilig, einer germanischen Göttin geweiht, die wohl, nach der Schilderung, der Isis entspricht –; dort hab' ich sie wiederholt gefunden.

Einmal gar auf den Zweigen derselben sich schaukelnd, wie ein Vöglein. Sie bat mich, diesen ihren Versteck ja den andern nicht zu verraten – dem Tribun und meinem Neffen: – sie liebe es, oft ganz einsam da zu träumen. Nun, ich verrate sie gewiß nicht! Wenn nur ich es weiß, wo sie zu suchen. Die andern sollen sie nicht – gegen ihren Willen – finden. –

 
IV. vor den Calenden des September

Neulich vermißte ich den Maler. Hierher kann ich ihn nicht schaffen. Aber vielleicht Bissula – später – zu dem Maler, nach Burdigala? Wie ich damals schon gewollt! Oh Paulus, könnte ich sie dir zeigen! Je mehr ich von ihr schreibe, dichte, – desto mehr gefällt sie mir, oder vielleicht umgekehrt! – Ich will einmal gar nicht mehr an sie denken, nicht mehr von ihr schreiben! –«

 


 

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