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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Siebentes Kapitel.

Es war wirklich so, wie Zercho der Knecht vermutet hatte. Nicht des Ausonius Gefangene war Bissula geworden – und geblieben. Zum äußersten Staunen, ja kaum zurückgehaltenen Unwillen des Präfectus Prätorio von Gallien hatte der jüngere Mann seinen Anspruch nach Kriegsrecht geltend gemacht: Ausonius hatte keinerlei Recht auf die Gefangene: das war klar. Sein Neffe hätte sonder Zweifel Ansprüche erheben können. Er machte auch – anfangs – einen solchen Versuch. Aber seltsamer Weise verstummte er, als der Tribun, kaum ganz mit der Wahrheit übereinstimmend, ihn vor dem Oheim anfuhr: »Das Mädchen war wieder entsprungen. Ich zuerst habe sie – endgültig – gefangen. Soll ich sie rufen, auf daß sie selbst erzähle, wie alles war?« Da ging Herculanus mit einem giftigen Blick. –

Ausonius aber begriff die rechthaberische Schroffheit des ihm sonst so herzlich ergebenen und so wackeren Mannes nicht. Als dieser sich kurzweg auf das Kriegsrecht berief, unterließ es Ausonius, im weichen Gemüte tief verletzt, alle die Gründe anzuführen, die, wie er meinte, den Freund zwingen mußten, ihm gegenüber – in diesem Fall! – den Rechtsboden gar nicht zu beschreiten. Zuerst geriet der Dichter, nach Beweggründen für jene Handlungsweise suchend, natürlich auf den Nächstliegenden: staunten doch alle Männer im Lager das von ganz eigenartigem Reiz umschwebte Mädchenkind mit unverhohlener Bewunderung an: kein Wunder, wenn auch der Illyrier, in voller Manneskraft strotzend, für das schöne Geschöpf, das in seine Hand gefallen, erglüht wäre, daß er, ohne gerade Böses zu planen, sie in seiner Macht behalten wollte, bis sich, in Güte oder Gehorsam, die Gefangene ihrem Herrn fügen werde! Aber bald gab er, beruhigt, diese anfangs schwer auf ihm lastende Besorgnis auf. Scharf, mit dem Argwohn der Eifersucht, beobachtete er den Nebenbuhler bei jedem Zusammensein.

Jedoch selbst das Mißtrauen vermochte nichts, gar nichts zu entdecken, was für jene Annahme gesprochen hätte. Ruhig, stet, sicher, wie immer, war die Haltung des festen Mannes auch in ihrer Nähe, die er weder mied noch suchte, sondern gleichgültig hinnahm: er sah nicht öfter in die wunderbaren Äugelein als das Gespräch es mit sich brachte und dann war sein Blick ruhig, seine Stimme zitterte nicht.

So nahm Ausonius die Handlungsweise des Freundes als eine seltsame soldatische Grille und zweifelte nicht, er werde sie bald aufgeben. Aber das erwies sich doch als Täuschung.

In das Lager zurückgekehrt, bat Ausonius den Tribun, unbeschadet seines Eigentumsrechts, das Mädchen in dem Nebenzelt des Präfekten unterbringen zu lassen, aus dem er die Sklaven und Freigelassenen entfernen wollte. Allein Saturninus bestand darauf, daß Bissula zu den Frauen der Freigelassenen und zu den Sklavinnen gebracht werde, die, weit abgelegen von dem Präfekten, neben den Händlern und deren Weibern, in einigen Zelten hausten.

Das Mädchen selbst kümmerte wenig der Streit der beiden Römer, dessen Sinn sie kaum verstand. Aus tiefster Todesangst, aus äußerstem Entsetzen, das ihr Herculanus erregt, befreit durch den Tribun und beschwichtigt durch die Nähe ihres verehrten Freundes, fand sich ihr junges, heiteres Herz bald in die neue Lage: das war nicht Tollkühnheit, nur kindliche Unkenntnis der Gefahren, die ihr – möglicherweise – drohten. Die Großmutter war nicht entdeckt, der treue Knecht nicht gefangen worden: sie aber war ja sicher in der Nähe, unter den Augen ihres Freundes, des vornehmsten Mannes im Römerlager: nicht ein Haar würde er ihr krümmen lassen, das wußte sie wohl. Dabei fiel ihr freilich schwer aufs Herz, – am wuchtigsten sofort, da sie gerade ergriffen ward – daß sie ihr Schicksal ganz allein verschuldet hatte durch ihren Trotz, – wäre sie dem doch wohl treu gemeinten Wink gefolgt! – Da kamen ihr fast die Thränen: – die Erfahrung hatte gelehrt, wie gut der Rat gewesen: – sie wäre sicher und geborgen, bei der Großmutter, – aber freilich auch – bei ihm! Ihm zu Dank verpflichtet! Da zerdrückte sie das Naß in den Wimpern. Nein, sie wollte sich's nicht eingestehen, daß er Recht gehabt! –

Nun hatte sie doch ihm, dem Stolzen, nichts zu danken. Das war auch ein Vorteil! »Und« – trotzig schüttelte sie das Haar in den Nacken – »sie werden mich nicht fressen hier! Nur nicht sich fürchten, Bissula,« sprach sie zu sich selbst – »und sich nichts gefallen lassen! Aber auch gar nichts!« Nur einen Augenblick hatte sie, nachdem sie Herculanus entkommen war, gezittert: – damals, da ihr kraftvoller Erretter mit einem Ausdruck, mit einem Blicke ihre ganze Gestalt maß, vor dem sie verwirrt die Wimpern gesenkt hatte. Aber als sie die unschuldigen Kinderaugen wieder aufschlug, war jener Ausdruck gewichen: und er kehrte nie mehr wieder! –

Auch ließ sie ihr Herr den ganzen Tag mit ihrem Vater Ausonius allein: nur wann es dunkelte, erschien er unerbittlich, sie abzuholen; er selbst begleitete sie in das ihr angewiesene Zelt: einen seiner illyrischen Landsleute stellte er des Nachts auf Posten vor dasselbe. Den Neffen ihres Freundes, den sie scheute, sah sie nie allein.

Sie zählte fest darauf, bei dem Abbruch des Lagers und dem Rückzug der Römer werde sie der Freiheit wiedergegeben werden: zum Kampfe kam es ja nicht, das versicherte ihr Ausonius wiederholt. So betrachtete die Frohgemute ihre Gefangenschaft, die alle Schrecken verloren hatte, als ein Abenteuer, das ihr das lang vermißte Gespräch mit dem väterlichen Freunde schenkte. Hatten doch gar manche ihrer Jugendgenossinnen als Geiseln, auch wohl als Gefangene, eine Zeit lang in römischen Lagern und in den Kastellen auf dem Südufer gelebt und ohne Harm bei Waffenstillstand oder Friedensschluß die Freiheit wiedererlangt. Daß sie gegen ihren Willen festgehalten, fortgeführt werden könnte, das befürchtete sie nicht: war doch der mächtigste Mann im Lager ihr Beschützer.

Jedoch – solche Gefahr schwebte immer näher an sie heran.

Ausonius führte eine Art Tagebuch, in welches er vor dem Schlafengehen Erlebnisse, Eindrücke, Entwürfe zu Poesien, kleinere Dichtungen einzutragen liebte: – eine Gepflogenheit, deren streng eingehaltene Regel er auch im Feldlager kaum unterbrach: ein pedantischer Zug war ihm eigen. Doch war das »Tagebuch« nicht ein Monolog, vielmehr eher eine Art »Dialog«. Denn er richtete es in Briefform an seinen ältesten und nächsten Freund Axius Paulus aus Bigerri, Rhetor, aber auch alter Kriegsmann. Jedes Vierteljahr faßte er zusammen, was er so geschrieben und schickte es diesem, um das Manuskript mit dessen Kritiken und Antworten in Randbemerkungen zurück zu empfangen. So schrieb er denn auch in diesen Tagen unfreiwilliger Muße.

 


 

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