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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Sechstes Kapitel.

Auch Adalo erhob sich rasch, »Du läßt ihn ziehn, den Drohenden? Soll ich ihm nach?« Aber ganz ruhig blieb der Herzog. »Nicht fürchte Gefahr von diesem Mann.« Schauer durchrieselte den Jüngling und er fuhr zusammen, als jener, ganz leise nur den Speer erhebend, beifügte: »Er ist Wodan geweiht!« – »Du willst ihn – ?« – »Nicht ich. Er selbst wird sich opfern, – opfern müssen. Staune nicht: wart' es ab!« – »Und das von den Goten, Herzog? War es dein Ernst? Oder wolltest du nur den Feigherzigen ermutigen?« Der Alte lächelte: »Sieh, sieh, solche Arglist zu gutem Werk traust du mir zu?« – »Du bist Wodans Zögling!« – »Es ist, wie ich sagte. Einer unserer Gauleute hat als Schildner gedient im Heere des andern Kaisers: er kam auf Urlaub nach Hause. Er erzählte, wie viele ungezählte Haufen Goten über die Donau gedrungen sind und jenen Kaiser so hart bedrängen, daß er sicher nicht seinem jungen Neffen hierher zu Hilfe ziehen kann. Ja, vielleicht muß das ganze Heer des Neffen dem Oheim zu Hilfe eilen. Weil ich dies wußte, verstattete, ja befahl ich unsern jungen Gefolgsführern, im Frühjahr über die Grenze zu gehn, den Krieg zu erneuen. Du aber – schweige hiervon. Und öffne im Römerlager morgen weit die Augen: nicht nur jenes Kindes gedenke, wie gern ich dir's gönne, sie zu sehen, vielleicht, sie loszukaufen, oder etwa mit List sie zu retten. Denn, bei Friggas Gürtel! sie ist hold: und gern säh' ich sie frei, unseres Gaues zierlichste Zier.«

Adalo griff nach der Rechten des Herzogs, Aber dieser entzog sie und streng fuhr er fort: »Auf die Höhe des Walls, auf die Tiefe des Grabens, auf die Lage der Thore, auf die Zahl der Zelte, auf den Lauf der Zeltgassen achte mir scharf, daß du alles genau mir berichtest. Jetzt geh und sende mir Zercho, den Knecht. Nein, frage nicht, was ich mit ihm will – gehorche!« Adalo ging. Sein Herz klopfte. »Ich soll sie sehen! Loskaufen! All' meine Fahrhabe, ja – muß es sein – mein Erbgut setz' ich dran: – ich verkauf' es! – Aber wird sie losgekauft sein wollen? – Wird sie nicht lieber folgen dem klugredenden Walen, dem Reichen, in sein sonniges Land? – Und wie, wenn er sie nicht frei giebt? – Nun, dann giebt es zum Glück ein Mittel, sie herauszuholen, das nur der Herzog kennt und meines Vaters ältester Sohn.« Von solchen Gedanken wild bewegt, sandte er den Jazygen, der am Feuer kauerte, in das Zelt.

Scheu, furchtsam stand der Knecht vor dem gewaltigen Greis, »Wie lang ist's her, daß dich Suomar erwarb?«

»Ist schwer sagen für Zercho: – ich rechne nur mühevoll weiter als beider Hände Finger reichen – und es sind mehr Jahre als Finger. Das Geistchen war da noch ganz klein. Wohlfeil erstand mich der Herr: – gar viele, viele von uns hatten die Römer als Gefangene fortgeschleppt aus den schönen Weidesteppen des Tibiscus, für ein Roß und ein Netz voll Fische ertauschte er mich drüben in Vindonissa von dem Händler.« – »Suomar hat mir dich gelobt. Er hat dich nie geißeln müssen.« Zercho machte ein verlegen Gesicht und rieb sich am Ohre, »Doch, Herr! – Einmal.« – »Warum?« – »Als ich zuerst das Geistchen sah: – es war damals ein Kind von etwa sieben Jahren: – ich hielt es für das Waldmädchen, die rote Vila, warf mich zur Erde und verhielt mir die Augen: denn wer die sieht, erblindet. Da schrie er ein Wort in eurer Sprache, das ich seither noch oft gehört – es bedeutet ein horntragend Tier – und schlug mich. – Aber seitdem nie mehr.« Der Knecht hatte all' das rasch herausgestoßen: – er fürchtete sich vor dem Herzog und er sprach immer fort, diese Furcht zu betäuben. »Du hängst treu an der Kleinen?« – »Mit der Pflugschar ließ ich mich für sie durchschneiden!« – »Du zupftest mich am Mantel, als du mir vor dem Edeling und der Alten deinen Bericht gabst. Du wolltest mir etwas vertrauen, was jene beiden nicht wissen sollten.« – »So ist es, großes Väterchen! Woher weißt du?« – »Das war nicht schwer zu erraten. Aber ich ahne mehr: das Mädchen ist nicht des gutartigen Schwätzers, der Ausonius heißt, ist eines anderen Beute geworden.« Mit Grauen sah der Slave zu ihm auf: »Hat dir das wieder dein Wuodanbog verraten, dein furchtbarer, wissender Gott?« – »Nein. Er gab mir nur, in der Menschen Augen zu lesen. Also eines anderen ward sie – so vermutete ich, – und du wolltest die Großmutter nicht noch tiefer in Gram versenken und den Edeling: – denn der liebt das Kind mit heißem Herzen.« – »Auch das weißt du?« »Dazu,« lächelte der Herzog, »braucht man nicht Wodans Hilfe. Auch ich war einmal jung. Du wolltest den Jüngling schonen.« – »Ja, Vater großer! Er würde sich verzehren vor Wut und Weh. Und kann doch nichts thun, sie zu retten.« – »Nur sich selber würde er verderben – und vielleicht unsere beste Siegeshoffnung – in verzweifelter That. – Ich bin zufrieden mit dir, Knecht. Schweig' auch fürder davon. Aber jener Ausonius war doch auch dabei?« – »Ja: der Fremde, der vor Jahren schon solang drüben in Arbor weilte. Aber nicht er griff das Geistchen: ein anderer, jüngerer.« – »Hörtest du nicht seinen Namen? Hieß er etwa Saturninus?« – »Herr, sein Name ward nicht gerufen. Oder ich hörte ihn nicht. Es war ein stattlicher Mann und glänzend waren seine Waffen.« – »Aber er führte doch die Gefangene dem Ausonius zu?« – »Wohl. Jedoch nicht auf des Ausonius weißes Pferd hob er sie, wie dieser zu fordern schien, sondern die Widerstrebende schwang er auf ein anderes Roß – ein schwarzes: vielleicht – ja, wahrscheinlich – sein eigenes.« Der Herzog schwieg nachdenkend. Endlich fuhr er fort: »Der Edeling soll erst bei Einbruch der Dunkelheit morgen im Römerlager eintreffen. Bevor er reitet, holt er sich von mir noch Aufträge. Sag' ihm das. – Und« – hier dämpfte er die Stimme ganz, zur Verwunderung des Slaven, da doch niemand im Zelte war – »wenn ein treuer und schlauer Mann wäre, der es wagte, sich oder einen anderen unvermerkt ins Feindeslager zu spielen und mir zu berichten, was er sah – denn ich fürchte, dem Edeling werden sie nicht viel zu schauen geben! – und wenn dieser Mann ein Unfreier wäre, – – ich kaufte ihn frei!« »Vater großer!« rief der Sarmate, warf sich vor ihm nieder und wollte ihm die Füße küssen. Unwillig stieß ihn der Herzog mit dem Speerschaft von sich: »Bist du ein Hund, daß du mir die Füße lecken willst?« »Zercho ist Jazyg,« entschuldigte dieser, aufstehend und das getroffene Schienbein reibend.»So ehrt mein Volk, wen es recht ehren will.« – »Wir aber, wir Söhne der Asen, wir beugen das Knie selbst vor dem großen Asgardhkönig nicht, wenn wir ihn anrufen und ehren wollen. Geh nun! – Vielleicht ist es gut, daß Adalo gar nicht erfährt, was etwa geschieht.« – »Er darf erst davon hören, nachdem es gelungen. – Denn er würde den anderen, der dabei sein muß, nicht mit mir gehen lassen.« – »Ich will nicht wissen – vorher – was im Werke. Sage draußen' niemand tritt jetzt ein, bis ich auf den Schild schlage.« Kaum war der Slave fort, als der Herzog den hinter ihm bis auf den Boden wallenden Linnenvorhang zurückschlug, der das hintere Zelt, den Schlafraum, abschloß. Hervor trat ein Alamanne in langen, grauen Haaren, kaum viel jünger als Hariowald, vorsichtig sich umschauend. »Wir sind allein, Ebarvin. – Wiederhole mir nochmals deines Königs Worte genau! Denn bedenke, du mußt sie ihm ins Antlitz, eidlich, vor der Volksversammlung vorhalten, falls er sie leugnet.«

»Er leugnet nicht,« sprach der Graukopf traurig. »Er ist zu stolz, sich dir zu beugen, aber auch zu stolz, zu lügen.« »Schad' um ihn,« meinte der Herzog kurz. »Er war ein furchtloser Mann.« »Du sprichst von ihm wie von einem Toten!« rief der andere, erschauernd. »Ich sehe nicht, wie er leben bleiben kann. Oder glaubst du, er ändert seine Wahl?« Schweigend schüttelte der Gefragte das Haupt, »Wie lange schon trägst du seinen Schild?« »Seit er einen Schild führen darf! Schon seinem Vater hab' ich ihn getragen,« seufzte der Mann. »Ich weiß es, Ebarvin! Und –« so fragte er lauernd, wie vorwurfsvoll, während das graue Auge forschend blitzte, – »und du verrätst ihn doch?« Grimmig griff der Gefolge an das kurze Schwert. »Verrat? Offen klag' ich ihn an, nachdem ich ihn treu und oft gewarnt, nachdem ich ihm gedroht, ich würde dir alles aufdecken. Er lachte dazu, er glaubte das nicht.« – »Und weshalb thust du's? Er ist dir lieb gewesen.« – »Weshalb? Und das frägst du? Du, der es mich, der es uns alle gelehrt? Nicht zwar du allein: – vorher schon die Not! Weshalb? Weil dieser Bund der Alamannen ganz allein uns rettet vor dem Verderben, vor der Schmach der Verknechtung. Weshalb? O Herzog, fürchterlich sind die Eide, mit welchen du uns vor der Wodans-Esche gebunden hast schon vor Jahrzehnten! Nicht meineidig will Ebarvin werden! nicht will ich, ein Schwurbrüchiger, unendliche Nächte in dem gräßlichen Strome Hels dahin treiben, der Leichen, Schlangen und Schwerter wälzt! Und ich hab's gelernt ein langes Leben durch: wir müssen zusammenstehen, sonst bricht uns der Römer Gau nach Gau. Ah, meinen eigenen Sohn würde ich erwürgen, der, ungehorsam dem Herzog wie dem Volksding, unsern Volksbund wieder sprengen wollte.«

Da sprang der Hohe auf: Freude loderte aus seinem Auge: mit der Linken hoch den Speer erhebend, schlug er mit der Rechten dem Erregten auf die Schulter: »Dank dir, Ebarvin, für dieses Wort! Und Dank dir, du Gewaltiger hoch in den Wolken! Lebt solcher Sinn im Volke der Alamannen, – dann wird der Bund nicht mehr gelöst.«

 


 

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