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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Fünftes Kapitel.

Ebarbold wollte einen giftigen Blick auf ihn werfen: – aber er mußte das Auge niederschlagen vor so viel Hoheit. Bitter die Lippe aufwerfend, meinte er: »Hüte dich, Hariowald. ›Herzog‹ heißest du: – nicht König. Und deine Herzogschaft ist aus, wann dieser Kriegsgang aus ist. Nach deinem Wunsch, so scheint es, sollte nur Einer walten aller Alamannen. Gaukönige haben wir seit alters her wie Graugrafen: – aber weh' uns, wenn je alle Gaue eines Volkskönigs Knechte geworden.« – »Sind die Götter Knechte, weil der Eine, der Hohe, als Volkskönig ihrer waltet?« – Drohend scholl des Alten Stimme.

Ausweichend antwortete der Gereizte: »Hier auf Erden aber sind wir gleichen Rechts, wir Alamannen. Und eher als –« »Was stockst du?« forschte Adalo zornig.

»Er stockt, weil er sich scheut zu sagen, was er sinnt. Mir aber gab der Hohe, der Menschen Gedanken von ihrer Stirn abzulesen wie gelöste Runen.«

Rot und bleich ward Ebarbold, er sprang auf.

»Dieser Sohn Eburs denkt:« fuhr der Herzog fort, »eher als einem Volkskönig der Alamannen beug' ich mich – dem Imperator.« Nun sprang Adalo vom Sitz empor. »Und wenn's so wäre?« schrie der Gescholtene. »Wolltest du's wehren? In wenigen Wochen, wann die Blätter fallen, fällt auch dein Heerbefehl! Einstweilen aber« . . . – »Einstweilen aber rat' ich, zu gehorchen!« – »Dir?« »Nicht mir,« erwiderte der Alte mit unerschütterlicher Ruhe, »dem Volksding, das über allen Gauen steht – auch über deinem, dem Ebergau und seinem König! Aber setze dich wieder, raschgrimmer Held! Und du, Adalo, reiche ihm von der Zeltwand, wo es hängt, das Methorn: der Vergessenheit Reiher rausche über unsere Häupter und trage mit sich hinweg auf seinen Schwingen Zornwort und Zankwort!«

Die beiden Jüngern setzten sich wieder. Während das Auerstierhorn, an Mündung und Ende mit Erz beschlagen, kreiste, sprach Ebarbold: »Und sollten wir auch siegen diesmal und diese Streifschar vertreiben aus dem Lande, – wir haben's erfahren oft genug: es kommen immer wieder andre nach, die Geschlagenen zu rächen. So ging es viele Menschenalter lang,« »So wird es aber nicht mehr gehen,« sprach der Herzog langsam. »Es ist dafür gesorgt. Die böse alte Wölfin ist von zu vielen Hunden zugleich umstellt! Nicht mehr kann sie die linke Pranke heben, der von uns gepackten Rechten zu Hilfe zu kommen: der Gote hält ihr die Linke gar fest an dem Danubius; und kaum noch scheucht sie mit dem Gebiß den Franken am Rhein.« »Die Goten?« meinte der König. »Wer weiß, ob sie dies Jahr im Felde stehen!« »Ich weiß es,« erwiderte der Alte ruhig. »Kannst du von hier bis nach Thrakien sehen?« spottete Ebarbold: »Ich nicht!« »Aber ein anderer, der vom Hochsitz in den Wolken über alle Lande schaut; und der hat mir's verraten.«

»Ich aber schaue das Elend,« fuhr der König fort, »das um uns her der Römer angerichtet hat in unserem Lande. Schwer hat mein Gauvolk gelitten! Auf dem Durchzug haben die Kohorten alle Gehöfte verbrannt. Auch meine Halle!« »Man baut sie wieder auf!« lachte Adalo, das Horn an die Wand hängend. »Nicht weigert der Wald seinem Volke die Bäume, – Auch mein Haus da unten am Seebühl!« – und ernst ward nun sein Antlitz, »Wert ist mir das Weite, heilig der Herd, an dem ich auf der lieben Mutter Schose saß, während der harfenkundige Vater von den Göttern sang und den Thaten unserer eigenen Ahnen! Auch in meines Geschlechtes altes Gehöft mit der Hirschhornrune wirft wohl bald der Centurio die Fackel. Nie hoff' ich mehr, den Hochsitz zu besteigen, auf dem ich so oft dem Vater das Trinkhorn füllen durfte. Aber, ob ich all' meine kommenden Tage dies Haupt nur zu bergen hätte unter wogenden Wipfeln des Waldes, nie beug' ich mich den Walen.« – »Beugen! Es gilt einen Vertrag zu festigen, wie wir so oft ihn geschlossen!« »Und wie so oft der Römer ihn brach!« warf Adalo ein. »Oder auch wir. – Was verlangt man denn von uns? Junge Mannschaft, des Cäsars Schlachten zu schlagen. Wir haben mehr Nachwuchs, als wir ernähren können. Dafür giebt man uns rotes Gold.«

»Hel schlinge dies Gold und diese Verträge,« rief Hariowald aus. »Unseres Volkes Herzblut und junge Heldenbrut haben sie von Geschlecht zu Geschlecht dem Altfeind verkauft, der sie gegen uns selbst, gegen unsere Nachbarn brauchte. Wären die vielen Hunderttausende, die für Rom gefallen, gegen Rom zusammengestanden: – längst tränkten wir unsere langmähnigen Rosse im gallischen Meer. Aber wir schlagen dein Wort nicht in den Wind, Ebarbold. Wohlan, auch ich willige ein, ins Römerlager einen Boten zu senden – um Frieden!« »Was? Du wolltest?« rief Adalo ungestüm. »Was ich will, wird sich weisen.« – – »Frieden antragen? Sie abziehen lassen? Mit ihrer Beute?« – »Werden nicht schwer daran tragen!« Und hier zog ein Schmunzeln über des Gewaltigen Lippen, das ihm köstlich stand. »Sechs Töpfe in Iburninga und ein zersprungener Metkessel in Mariswik: so klagten mir zwei alte Weiber!« »Und die Gefangenen!« mahnte Adalo. »Sie haben nur Eine, hör' ich,« fiel der Gaukönig ein, »eines Kleinbauern Kind.«

»Gleichviel, unseres Volkes Tochter, eine freie Jungfrau ist auch sie,« rief Adalo lodernden Blickes. »Sie hat ein Recht auf ihres Volkes Schutz.« – »Schützen! Eine Gefangene! Was können wir« – – »Sie befreien – mit dem Schwert – oder sie rächen!« – »Um eines Weibes willen den Kampf aufnehmen, der das Volk verdirbt!« – »Du redest sehr wahr,« sprach da der Herzog langsam. »Seines Volkes Heil muß Weib sich opfern wie Mann. Sie bleibe, wo sie ist, – die kleine Bissula!« »Wie, Bissula?« fragte Ebarbold, erschrocken. »Albofledis, welche sie ›Bissula‹ nennen? Die schöne Rotelbin?« »Du kennst sie?« forschte Adalo. »Ha, wer hat nicht von ihr gehört! Am ganzen Seeufer spricht man von ihr. Und spricht so, daß der Hörer gespannt wird, sie zu sehen. So ward auch ich neugierig und ich suchte, sie zu sehen: erst jüngst – beim letzten Sunnwendsprung. – Schade um sie! Bei Freias Augen! Sehr schade! – Aber der Friede gilt mehr!« »Ja,« sagte Hariowald, »und noch mehr – der Sieg!« »Der Sieg ist uns gewiß!« rief Adalo. »Meinst du?« verwies der Alte. »Ich meine nicht, – noch nicht!« verbesserte er. »Führ' uns zum Sturm auf das Römerlager! In dichten Haufen sind, seit du den blutigen Heerpfeil von Gehöft gesendet zu Gehöft, unsere Heermänner schon hierher geströmt.« – »Noch nicht genug! Noch fehlt der Heerbann gar manches fern von uns gen Mitternacht oder Aufgang gelegenen Gaues: vom Alpgau, von Albwins-Bar, vom Wisent- und vom Drag-Gau.« – »Zähle nicht, – wäge!« – »Das thu' ich: – aber auch des Römerlagers festen Bau!« – »Doch auch die Feinde verstärken sich indessen! Ihre stolz geschnäbelten Schiffe liegen drüben in Arbor schon in großer Anzahl bereit: – bald bringen sie neue Kohorten herüber!« »Das sollen sie!« lachte der Alte leise vor sich hin und eine unheimliche, grimmige Freude sprühte dabei aus seinem Blick. »Indessen,« fuhr er nach einer Pause fort, »will ich morgen einen Gesandten schicken zu den Feinden.« »Sende mich!« rief Ebarbold eifrig. »Nein –: Adalo – du gehst.« – »Er! Der bringt nicht den Frieden heim!« – »Nein: – aber gute Spähe und,« flüsterte er dem Jüngling zu – »vielleicht: – Bissula!« – »Dank! Dank!« »Ich,« zürnte Ebarbold, »ich brächte sicher heim unsres Volkes . . .« – »Unterwerfung!« schloß der Herzog. »Das eben sollst du nicht. Weisen die Walen billigen Vorschlag ab, dann befrag' ich das Volksding, das ganze Heer um seinen Beschluß« –

»Ich weiß voraus,« unterbrach Ebarbold unwillig, »was sie beschließen, geleitet von dir, du Wodansgefolge, du Zius-Opferspender! Aber ein anderes ist, was ihr beschließt, ein anderes . . .« – Er fing das Wort auf seiner Zunge und stockte.

»Was du thun wirst, willst du sagen, Gaukönig! Ich warne dich, Ebarbold. Dein Vater war ein wackrer Held: – er fiel an meiner Seite vor zwanzig Wintern in jener Mordschlacht gegen Julian. Sein gedenkend, warn' ich dich noch einmal: sieh dich vor!« »Sieh du dich selber vor,« rief der König unwillig – »du bist nicht mein Muntwalt!« Er sprang auf und stürmte aus dem Zelt.

 


 

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