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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Drittes Kapitel.

Ein bildschöner Knabe von etwa vierzehn Jahren, den große Ähnlichkeit als Adalos Bruder bekundete – aber ganz hellgelb, fast weiß, war sein kraus gelocktes Haar – zog am Ohre heran eine gewaltig große Bärin, die brummend, widerstrebend, aber gleichwohl nachgebend, sich von dem kleinen Führer näher an das Feuer zerren ließ.

»Nieder, Bruna!« rief der Knabe und brachte das mächtige Tier zum Liegen. »Auch du hast sie ja so lieb gehabt, die Lustige, die Kecke! Siehst du, braune Brummriesin, da ist nur die Altfrau. Und Zercho, der dir immer soviel Wildhonig zu naschen gebracht aus dem Bienwald. Aber sie fehlt! Unsere Bissula fehlt! Ha, wärest du dabei gewesen, – grimmig hättest du sie wohl verteidigt. Denn du hast es nicht vergessen, daß sie und Adalo selbander dich gerettet, dich aus dem Gießbach gezogen haben. Kaum geboren, kaum größer als eine Katze, hatte dich der Wolkenbruch von deiner Mutter hinweggerissen: hart am Ertrinken schriest du so jämmerlich! – Und eifriger wahrlich haben dich ihre emsigen Hände als die unsern dann großgefüttert mit Milch und mit Speltbrot und mit leckeren Waldbeeren. Seit du zuerst die Augen, die noch blinzenden, aufschlugst, die jetzt so menschenverständig blicken, hast du in ihr deine beste Freundin erkannt. Oh wärest du bei ihr –, keiner wagte, sie zu schlagen. Ach Bruder, starker Bruder, du Held und Hort des ganzen Gaus, hole sie heraus! Weh, wenn die Kleine mit den feinen Händen den Verhaßten das Badwasser heizen, die Füße waschen muß, wie ich oft drüben in Arbor gesehen von ihren Mägden! Was brausen wir nicht hinunter auf den Flügeln des Sturmes und hauen sie heraus aus der hochumpfählten Lagerburg?«

Und er schwang den kleinen Wurfspeer: die Lohe des Feuers schlug hell empor: er stand in dem Schein der Flammen: schön sah er aus in dem lichtblauen, von weißem Schwanenflaum gesäumten Linnenrock.

»Ja, mein Sippilo,« sprach der ältere Bruder in tief verhaltnem Weh, »du hast sie auch lieb gehabt.«

Erschrocken sah dieser auf: aber Adalo fuhr fort:

»Ja, ja. Vielleicht ist sie tot –: für uns – für unser Volk! Vielleicht schauen wir sie niemals wieder, hören nie wieder ihr holdes, ihr elbisch neckendes Lachen!« »Oh der Rauch! Wie das beißt!« rief der Knabe und wischte sich die nassen Augen, »Vielleicht ist sie ganz gern bei den Walen!« fuhr Adalo grimmig sich selbst quälend fort, »bei dem wortklugen Ausonius!« »Ist der wieder im Land?« rief Sippilo. »Den durchspeer' ich wie einen dicken Karpfen, der sich im Seichtwasser sonnt. Ah, schon damals wünscht' ich, er führ' in Wodans und der Sonne Haß! So oft ich kam, die Frohe zu holen zum Fischen oder zum Ballwurf, – immer war sie zu ihm hinübergefahren oder war nicht fortzubringen von den langen Runenrollen, darin sie den Kopf vergrub: – Er hatte sie ihr gegeben. Wenn ich den erwische!« – »Hätten wir nur sie zurück: Mein Herz verzehrt sich in Sorge!« »Wehre der zehrenden Sorge, mein Sohn,« mahnte die Alte. »Sie lähmt dir Gedanken und Arm: – und beide brauchst du, das böse Kind zu befreien. Ich bin keine weissagende Frau: aber ich träume ganz eigen – seit ich blind ward –: oft treffen meine Träume ein: ich sah dich heut' Nacht wund, schwer wund. Wahre dein Leben! Wenn sie frei würde und fände dich nicht mehr!« – »Dann wäre ja ihr Rachewunsch erfüllt! Sie haßt mich ja, die Wilde! Laut genug hat sie's geschrien.« Sippilo lachte, »Die? Dich hassen? Sie hat dich lieb – ärger als eine Schwester! Wie mußte ich ihr doch immer erzählen von dir: – alles, was du triebest. Deine Ehrenpreise in den Wettkämpfen! Der Nachbarfürsten Geschenke! Deine jüngsten Liedsprüche – wem sie wohl galten? Da ich sie jüngst am See beim Bürschlingfischen traf, da fragte sie, ob Jettaberga mit ihrem Vater nicht oft in den Hirschhof zu Besuch komme? Und da ich sagte, die komme gar nie mehr, da löste sie sich vor lauter Freude ihren schönen blauen Gürtel, den sie immer trug, vom eigenen Leibe und schenkte ihn mir. – Seht, da ist er. – Ich trag' ihn, wohl geborgen, stets im Ranzen! – Und, nicht wahr, Bruna, dich hat sie sogar einmal zwischen die Augen geküßt, da ich ihr erzählte, wie du Adalo zu Hilfe gesprungen auf der Jagd und den wütigen Auerstier zerrissen, der ihm das Roß durchhörnt hatte. Ja, Bruna, du hältst auch treu zu ihr. Stundenlang bist du im Walde hinter uns her getrottet beim Beeren- und Pilzesuchen und hast unsern Mittagsschlaf bewacht.«

Da scholl ein langgezogener Hornruf von der Hochkuppe. Adalo sprang auf. »Der Herzog ruft. Wir beraten, was wir im Volksding vorschlagen werden. – Zercho, komm mit! Er will dich ausfragen über der feindlichen Reiter Zahl. Du, Sippilo, pflege der Mutter Waldrun: – das ist alles, was du für deine Bissula thun kannst.« »Einstweilen!« meinte der Knabe, dem Bruder nachschauend. »Aber ich werde nicht fehlen beim Sturm auf die Lagerburg, wo die bösen Buben das schönste Vögelein – das kleine Goldhähnlein, nein, das Rotköpflein! – des Alamannenlands gefangen halten.« Und drohend hob der Knabe die kleine Faust.

 


 

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