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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Zweites Kapitel.

»Noch einmal, Zercho,« sprach er ernsthaft, »erzähle mir alles genau, bis die Altfrau sich erholt hat und einfügen kann, was du nicht weißt und gesehen. Ich habe noch immer nicht gerade dasjenige scharf erfaßt, worauf mir alles ankommt.« Der Knecht kauerte nun ganz am Feuer nieder: er mühte sich unablässig, mit dem Wolfsfell, das ihm als Mantel diente, den Rauch von der Greisin abzuwehren, der sie aber gar nicht bedrohte: – dadurch konnte er sein Auge dem scharf forschenden Blicke des Jünglings entziehen.

»Ging das nun so, schöner Nachbar. Gleich nachdem du im Zorn den Bühl hinabgesprungen, – ich hatte es gesehen, von dem Stall aus – gebot mir das rote Geistchen, die Kaisermünzen des Herrn zu vergraben – ach es sind recht wenige! – und die Erzschale und den zerbrochnen Henkelkrug, die er vor drei Wintern erbeutet bei Brigantium. – Schon vorher hatte ich die Kuh, die Schafe und die Ziegen fortgetrieben in den Erlenbusch. Am folgenden Tag sollte ich das Geistchen und die graue Frau in die Sümpfe führen, zu Suomar, dem Herrn. Aber ach, die gute graue Frau bespringt gar oft die heißkalte Katze, die unsichtbar den Leib schüttelt wie eine Maus. So war's am folgenden Tag. Mit Mühe konnte die Schmerzenreiche die alten Glieder vom Lager heben: gar schwach, wie ein verglimmender Kienspan, war ihre Kraft: ich mußte sie fast immer tragen. Aber das ging nur auf festem Boden: im Wildsumpf wär' ich eingesunken mit der Last: denn starke Knochen wiegen schwer. So mußte die Blinde in dem Wald an ihrem Stabe selbst schreiten, geführt von dem Geistchen, während ich voraussprang von Stein zu Stein, den besten Pfadsteig aussuchend. Doch vor der Heuhütte sank uns die Altfrau zusammen. Sie konnte nicht mehr stehen noch gehen: wir trugen sie hinein: du weißt, dort neben dem linken Eckpfahl mündet der alte Höhlengang. Da unten war es sicher, warm und – für sie! – nicht dunkler als oben. Wir verbrachten dort den Rest des Tages und die Nacht. Bissula wollte, trotz aller Mahnung, die Kranke nicht verlassen und nicht sich allein von mir fortführen lassen. Sie hatte Milch im Ziegenschlauche mitgetragen und Speltbrot. Ich wachte draußen vor der Hütte. Bei Tagesgrauen schlich ich mich gen Westen an den Saum des Waldes zurück, auszuspähen nach den Hochbehelmten. Bald sah ich, wie ein Häuflein Reiter gerade auf Suomars Hof zusprengte. Ich hatte im dichtesten Seeschilf unseren alten Einbaum samt den Rudern geborgen: ich wollte nun den Kahn durch Sumpf und See so nahe als möglich an die Heuhütte schieben, die Kranke hineintragen und dann versuchen, die beiden Herrinnen den See entlang zu Suomar zu fahren. Aber als ich das Ufer erreicht, sah ich von drüben, von Arbor her, mehrere Schiffe – die hohen, hochmütigen Schnäbel und die dreieckigen Segel verrieten sie als römische – vor dem Südwind gegen unser Gestade treiben: bald mußten sie dicht heran sein: der Weg zu Wasser war gesperrt. Und schon hörte ich zur Rechten, von Westen her, das Platschen der Gäule in Sumpf und Wiesenmoor, ganz nahe bei mir: ein paar Reiter, den Pfeil und den langen Bogen in der Rechten, sprengten an mir vorbei, nicht einen Speerwurf weit. Ich duckte mich ins Schilf, ja in den Seesumpf bis an den Mund. Dabei scheuchte ich aber den Silberreiher auf, der dort immer fischt: wie er laut kreischend – der einfältige Vogel! – aufstieg und über das Schilf hinstrich, zog er die Blicke der nächstfolgenden Reiter auf sich und leider! auch auf mich. Mein Kopf fiel ihnen in die Augen. Ein Bogen schwirrte: in meine Ottermütze fuhr sausend ein Bolz, auch ein wenig in meinen Kopf: – aber nicht tief: – Zerchos Schädel ist hart: – oft hat das Suomar gesagt und diesmal war es gut, daß er hart ist. – Nun floh ich, schwimmend, in den See hinaus, tauchend, wie eine Duckente, solang ich den Atem halten konnte. Als ich mich heben mußte, waren die Reiter verschwunden. Behutsam, wie der Fuchs, der die Maus beschleicht, kroch ich auf allen Vieren im tiefsten Röhricht näher an das Land, in der Richtung der Heuhütte, aber in weitem Bogen. Da sah ich alsbald zwei Walen in schimmernden Brünnen heraustreten auf die Waldlichtung: einer von ihnen führte am Arm die junge Herrin mit fort . . . –«

Adalo hörte das zum zweitenmal, aber doch seufzte er wieder tief auf. –

»Hinter uns wieherte ein Gaul und auf dem Gaule saß das kluge Väterchen, das vor einigen Wintern in Arbor drüben dem Geistchen immer vorsang aus vielen, vielen Eselshäuten: – ach so lang, so grausam lang! – während ich warten mußte, es zurückzurudern über den See.« – »Weißt du ganz gewiß,« fragte Adalo, den Knecht bei der Schulter fassend und mit Gewalt dessen abgewandtes Gesicht sich zukehrend – »daß dieser Reiter jener alte Römer war?« »Nun, so gar alt ist er just nicht,« erwiderte der Sarmate ausweichend, »ob er zwar etwas grauer geworden seit jenem Sommer.« »Antworte,« zürnte Adalo. »Kannst du schwören, daß jener Reiter Ausonius war?« – »Ausonius! Ja, ja, so nannte sie ihn damals immer, Vater Ausonius! Und so rief sie auch gestern, da sie ihn erblickte: ›Vater Ausonius!‹ schrie sie.«

Er brach kurz ab und rieb sich verdrießlich den Kopf, der ihn nun auf einmal zu schmerzen schien an der getroffenen Stelle. Er brummte dabei in seiner Sarmatensprache, die Adalo nicht verstand, »Also wirklich er!« seufzte Adalo. »Und ich muß noch den Göttern danken, daß sie gerade den herbeigeführt haben.«

»Das lohne dir Freia,« sprach da plötzlich die Blinde, sich auf dem linken Arm aufrichtend und mit der Rechten, der Stimme nach, tastend, bis sie des Jünglings Haupt erfaßt hatte und nun die langen Locken streichelte. »Das lohnen dir die von Asgardh, daß du also denkst!« – »Muß ich nicht, Mutter? Oh weil du dich nur wieder aufrichten kannst!« – »Dein Trank, der Römer Trank, hebt die matte Seele.« – »Ausonius, ihr Väterchen, wird sie ja schützen vor den andern. Aber,« fuhr Adalo grollend fort, »wer schützt sie vor Ausonius? Sie war ihm zärtlich zugethan.« – »Wie ein Kind dem Vater!« – »Sei's! Damals! Aber jetzt hat die Jungfrau ihm alles zu danken: – das Höchste!« Zercho hatte während dieser Wechselreden die beiden wiederholt bedenklich angesehen: er kratzte sich jetzt hinter dem Ohr und wollte etwas einwenden: aber er besann sich wieder anders – und schwieg.

»Das Kind war,« ergänzte nun die Alte des Knechts Erzählung, »wider meine Warnung von meiner Seite aus der Kellerhöhle hinauf gehuscht in die Hütte. Gar lang ward ihr die Weile, auf Zerchos Wiederkommen zu warten in dem dumpfen Gewölbe, Plötzlich hörte ich einen schweren Mannestritt über mir: – dann einen Schrei der Kleinen, der mich erbeben machte. Aber bis ich mich zu der Steinplatte hin getastet und diese gehoben hatte, war alles still. Vergeblich rief ich ihren Namen. Bald kam Zercho mit der Nachricht, er habe sie gefangen fortgeführt gesehen. Traurig warteten wir die Dunkelheit ab: mein Fieber war gewichen: – ich konnte langsam gehen: aber Zercho, der Vielgetreue, suchte und fand im hohen Ried des Erlenbruchs verborgen unsere Kuh, hob mich darauf und führte mich in weitem Bogen durch Busch und Wald hierher.«

»Denn zwischen der Waldhütte und Suomar in den Ostsümpfen,« fiel der Sarmate ein, »hatte ich welsche Schiffe landen sehen: – Feinde streiften dort: so suchte ich den Weihberg zu gewinnen, wie auch die Herrin vorzog.« – »Ja: denn nun, da Suomar, mein Sohn, unerreichbar, nun bist du es, Adalo, vor allen Männern unseres Volkes, unser guter Nachbar, ihr Jugendgespiele, dem ich es klagen muß: gefangen ist das liebe Geschöpf: – hilf – rette – befreie!«

Traurig strich sich der Jüngling über die schön geschweiften Brauen. »Ja,« dachte er mit bitterem Weh, »gefangen aus Schuld des eignen Trotzes, der störrigen Laune!« Aber er sagte davon nichts: er seufzte nur: »Das wird nun schweres Werk! – Ging' es nach mir, – vom Augenblick ab, da ich's erfuhr, hätt' ich den Idisenhang so unablässig und so wild bestürmt, daß den Walen Lust und Muße gefehlt hätte, das Kind zu quälen. Oder – zu gewinnen!« fügte er herb hinzu. »Aber über das Volksheer gebeut nur mein Vetter Hariowald, der Herzog! Ich darf nicht . . .« –

Da unterbrach ihn ein leises Gebrumm: er wandte sich und ein seltsames Schauspiel wies sich dar.

 


 

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