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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070618
modified20160412
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Fünfzehntes Kapitel.

Das Gestrüpp ward lichter, offenbar hier von Menschenhand beseitigt: noch ein paar Schritte und der Verfolger stand auf einem freien, durch Feuer gerodeten Platz im Urwald. Hier erhob sich eine kleine Hütte, aus unbehauenen Stämmen, sehr kunstlos, im Viereck gefügt: statt der Thüren, einander gegenüber, zwei schmale niedrige Lücken: solche Waldhäuslein dienten dem Jäger zum Anstand, dem Hirten, der im Wald von Unwetter überrascht ward, zur Zuflucht; vor allem aber barg man so Vorräte von Waldheu, die man nicht in das ferne Gehöft schleppen mochte. – So war es hier: man sah durch die Lücke hochgeschichtet Gras heurigen Erstschnitts.

Bevor Herculanus die Waldhütte erreicht hatte, schlug von seiner Rechten, von dem Seeufer her unbestimmtes Geräusch an sein Ohr. Er zog das Schwert und blieb stehen. Angestrengt horchte er: da nochmal! War es ein Ruf? Es schien ihm der Ton dem Anrufen gleich, mit welchem Römer auf Wache sich untereinander vor dem Feinde warnten. Gleich darauf ein andrer Ton: wie das Schwirren der Sehne bei dem Abdrücken und das Anschlagen an das Holz des geschweiften Bogens: darauf ein dumpfer Fall oder Schlag in das Wasser –: und nun alles still! Nur das metallische Klopfen des Buntspechts scholl durch den schweigenden Urwald.

Vorsichtig den Schild bis an die Augen hebend und nach rechts ausspähend, harrte der Römer, die hagere Gestalt hoch aufrichtend, noch einige Sekunden: nichts rührte sich. Jetzt sprang er in ein paar Sätzen über die Waldblöße auf die Heuhütte zu, bückte sich und drang durch die Lücke von Norden her ein.

Da raschelte etwas unter dem dichten Grase: dieses schien lebendig zu werden: aus den tiefen Schichten glitt etwas – war es ein Wiesel? – nach der gerade gegenüber liegenden Öffnung und wollte entwischen: nur die wogende Bewegung der Grasgarben verriet die Richtung. – Hastig griff Herculanus mit dem Schildarm nach dem Raschelwesen, die Rechte mit dem gezückten, breiten, kurzen Schwert zu mörderischem Stoß erhebend.

Er faßte etwas Warmes und riß es aus dem dichten Heu nach oben: die Garben fielen rechts und links zur Seite und er zog heraus ein Mädchen, von rotem Wirrhaar und von Heuhalmen überflutet das Antlitz, welches in tödlichem Schreck und mit flammendem Zorn zugleich zu dem Ergreifer aufblickte.

So wunderbar, so sinneberauschend schön war das junge Geschöpf, daß Herculanus einen wilden Schrei der Lust ausstieß.

Er hatte sich fest geschworen, der erste Augenblick, da er die gefährliche Barbarin allein vor dem Schwerte haben würde, sollte ihr letzter werden: und auch jetzt ward er in diesem Beschluß wahrlich nicht wankend; weder Erbarmen noch Leidenschaft mochten seinen lediglich auf den Reichtum des Oheims gerichteten Sinn beirren: aber doch weckte ihm soviel Jugendreiz eine kurze Wallung der Gier: – bevor er die Feindin erstach, wollte er einmal diese roten Lippen küssen. So zog er sie, mit der Rechten zum Todesstreich ausholend, mit der Linken näher an sich.

Mit der Kraft der Verzweiflung sträubte sich das Mädchen; das Haupt soweit wie möglich von ihm abwendend, stieß es einen Angstschrei aus, wie ein sterbendes Reh: es war nur ein Augenblick Verzögerung des Mordstoßes: aber er rettete sie. Denn bevor Herculanus seine häßlichen Lippen ihrem abgekehrten Gesicht nähern konnte, fiel von außen ein Schatte vor die nach der Seeseite führende Öffnung, in der die Ringenden nun standen. »Mörder!« rief eine tiefe Stimme: und mit überlegner Kraft vor die Brust gestoßen, taumelte Herculanus zurück, die Ergriffene loslassend.

Rasch, wie die Forelle dahin huscht, wollte die Befreite zur Lücke hinaus: allein sie fühlte sich am Arme gefaßt mit dem eisernen Griff einer viel stärkeren Faust: zu einem zweiten hochbehelmten Römer blickte sie empor.

»Du bist's, Tribun!« stammelte Herculanus und steckte hastig das Schwert in die Scheide. Dieser würdigte ihn keines Wortes: »Du bist Bissula, Kleine? Nicht wahr?« fragte er. Und mit staunenden Blicken maß er die wunderbare Erscheinung. Ein süßes Feuer durchrieselte ihn, wie er das holde Köpfchen, die zarten, anmutreichen Glieder, die nackten, weißen Füßlein prüfte und das warme junge Leben fluten fühlte durch den vollen Arm, den seine Hand fest umschlossen hielt.

Die Gefangene gab nicht Antwort: aber vertrauender schaute sie in dies männlich schöne Antlitz auf. Dann warf sie einen seltsamen Blick, wie suchend, in die Hütte zurück: denn Saturninus hatte sie aus der Thüre heraus in das Freie gezogen: sie schien ängstlich zu horchen.

»Ja, es ist Bissula,« sprach Herculanus, nun ebenfalls heraustretend. »Wie kamst du zu dem Wahn, ich wollte sie morden? Seit frühstem Morgen such' ich sie.« – »So dachte ich.« – »Nicht für mich! – Ich hielt sie nur fest, ihr Entfliehen zu hindern.« – »Mit gezücktem, zum Stoß erhobenem Schwert?«

»Nur, sie einzuschüchtern.« Aber Bissula warf einen strafenden Blick auf ihn. »Wie dem sei,« fuhr der Illyrier fort, »sie ist meine Gefangene!« Und leuchtend ließ er die Augen auf ihr ruhen: – verwirrt senkte das Mädchen die langen Wimpern. »Nein, nein! Ich habe sie entdeckt!«

»Aber bevor du sie abermals bewältigt – denn sie war wieder frei – griff ich sie! Wag' es, zu widersprechen, Mädchenmörder!« und drohend schritt er gegen ihn heran. Da scholl vom Rücken her aus dem Wald ein Tubaruf. »Wir müssen zurück! Das Tubazeichen mahnt,« sprach der Tribun. »Die erste Spur der Feinde ist gefunden: – nicht nur das Kind: – ein Mann.«

Ängstlich sah Bissula auf.

»Von Fellen bedeckt lag er,« erzählte jener im Gehen, »im Röhricht verborgen, von einem umgestürzten Baumstamm nicht zu unterscheiden. Bevor wir ihn greifen konnten . . .« –

Bissula atmete hoch auf.

»War er im Schilf verschwunden. Ein batavischer Schütze schoß ihm nach. Horch, der Präfekt wiederholt das Zeichen! Geh' in Güte, Kind.«

Er führte sie am Handgelenk, sorglich bemüht, ihr nicht weh zu thun; sie blieb manchmal stehn und sah zurück nach der Hütte, auch einmal in den See.

Herculanus folgte finstern Blickes.

Nach wenigen Schritten hörten sie das Wiehern eines Rosses und traten bald in eine Waldlichtung: da hielt Ausonius mit seinem berittenen Gefolge.

»Vater Ausonius!« rief die Gefangene freudig und wollte sich losreißen, auf ihn zuzufliegen. Aber da ward der Griff des Illyriers um ihren Arm eisern. Militärisch grüßend trat er an den Präfekten, der Bissula beide Arme entgegenstreckte, heran und sprach streng: »Der erste Zusammenstoß mit dem Feind! Ein Mann ist entflohn –: ein Mädchen – diese hier – ward meine Gefangene: meine Sklavin.«

 


 

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