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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Zwölftes Kapitel.

»Du aber, Herculanus,« forschte der Tribun, »glaubtest wohl des Oheims Leben nicht sicher genug unter meinem Schutz, daß du dich so eifrig herzu drängtest?« Bevor der Neffe erwidern konnte, fiel Ausonius ein: »Aber – Dank den Göttern! unser Feldzug bleibt unblutig. Die Barbaren haben das Land geräumt. Wohin mögen sie gewichen sein? Was hast du durch deine Kundschafter erfahren von dem Treiben der Feinde?« – »Nichts! Das ist das Unheimliche. Es ist, als hätte die Erde sie eingeschluckt! – Sie sollen auch wirklich viel unterirdische Gänge und Keller haben, in welchen sie ihre Vorräte und sich selbst bergen in Zeiten der Gefahr. – Nur sehr schwer sind unsere Colonen auf dem Südufer als Späher zu gewinnen. Sie wissen recht gut: wir Römer kommen und gehen, die Alamannen bleiben im Land: und sie fürchten deren Rache. Und Überläufer giebt es nicht mehr! Ja, in früheren Kriegen wird oft davon erzählt. Aber daß die Überläufer ausbleiben, zeigt, daß drüben das Selbstvertrauen steigt und die Furcht vor Rom oder auch die Hoffnung auf Rom sinkt. Nur ein Paar Freiwillige gewann ich, – für schweres Geld! – auf Kundschaft sich weit voraus zu wagen: der nach Ost gewanderte kam wieder, ohne eine Spur vom Feinde gesehen zu haben: der nach Norden gesandte kam – bisher – gar nicht wieder. Und leider auch nicht einen Gefangenen haben wir gemacht! Nicht die Spur eines Menschentrittes haben wir gesehen auf dem ganzen Marsch entlang dem See. Einmal meinte ich freilich, ich sähe aus dem dichten Schilf, das stundenweit in den See hineinreicht, eine kleine Rauchsäule aufsteigen: – ich befahl, zu halten mit dem ganzen Heer: aber gleich war das einsame Wölklein wieder verschwunden.«

»Ich begreife die Strategie unseres trefflichen Feldherrn doch nur,« spottete der Führer der Panzerreiter, zu Ausonius gewendet, »wenn ich ihm ein fast beleidigendes Maß von Vorsicht zumesse. Beim Herkules! Wo sie auch stecken, – nicht einen Tagmarsch können die Barbaren von uns entfernt sein.« – »Ja,« bestätigte Ausonius. »Ich sollte doch meinen, wir wären stark genug, sie aufzusuchen und zu verscheuchen aus ihrem Versteck.« Saturninus furchte nur leise die Brauen: »Was dein Neffe von meinem Mut urteilt, ist gleichgültig. Du aber, Präfekt, hast schon wieder vergessen, daß wir die Barbaren, nach des Kaisers Befehl, gerade nicht verscheuchen, sondern umfassen und zur Unterwerfung zwingen sollen. Zu dieser Umzingelung sind wir zu schwach und müssen wir die Schiffe abwarten. Wenn unsere Flotte nicht ihnen den See versperrt, entkommen sie abermals auf ihren Kähnen, wie schon oft. – Bleibe, pierischer Freund, bei deinen Hexametern und überlasse mir die Barbaren: es ist besser für alle Beteiligten.« »Ausgenommen die – Barbaren!« lächelte Ausonius, dem Freund die Hand reichend. »Wer sind wohl die Führer der Feinde?«

»Die Römer auf dem Südufer nennen zwei Namen. Die übrigen alamannischen Gaue haben meist Könige –« »Soweit Germanen Königsherrschaft tragen, sagt Tacitus,« nickte der gelehrte Präfekt. »Mögen sie doch immer so fortleben, in zahllose Gaue zerklüftet, unter ihren Zaunkönigen und Dorfrichterlein, denen jeder nur gehorcht, soweit es ihm beliebt.« – »Es scheint, – das hat sich geändert. – Viele Gaue schließen sich zusammen zu Bünden, die auch im Frieden beisammen bleiben, nicht nur für einen Feldzug. Die Linzgauer nun haben, scheint es, keinen König, nur einen alten Gaugrafen. Dieser aber muß ein geistgewaltiger Mann sein. Denn er, der greise Hariowald, ist zum obersten Heerführer gekoren aller gegen uns verbündeten Gaue. – Nämlich, wir haben es nicht mit den »Lentienses« allein zu thun. Sie sind, nach Jahrhunderten der Thorheit, beinahe ein wenig dahinter gekommen, diese Barbaren, daß die »Freiheit«, das heißt, das Belieben, zu thun, was man will und sich nie um den Nachbar zu kümmern, ein zwar recht schönes, aber gefährliches Vergnügen ist, und daß sie bei solcher »Freiheit« für immerdar unsere Knechte werden, alle miteinander, wenn jeder Gau schadenfroh zusieht, wie ein Nachbargau, mit dem er einmal früher Hader gehabt, von uns bezwungen wird, – bis die Reihe an den Zuschauer kommt. Früher haben sie lieber uns ihren Überschuß an jungem Volk gestellt, ehe sie sich verbündet, dem Gebot eines Volksgenossen gefügt hätten: – schon seit geraumer Zeit ist das anders geworden; auch meine Bataver, diese trefflichen Krieger, wollen mir nicht mehr bleiben, ihre Dienstverträge nicht mehr erneuern! Und man hört gar nicht mehr die zahllosen Namen kleiner Völkerschaften, wie früher: fünf oder sechs große Bundesnamen sind es, die alles Land vom Ister bis zum Suebischen Meer erfüllen. – Das gefällt mir schon lange sehr, sehr übel! – Jener Alte nun ist der Feldherr aller gegen uns verbündeten Germanen.«

»Feldherrnschaft der Alamannen!«

»Verlache sie nicht, Ausonius! Ja, diese Feldherrnschaft des Waldkriegs: – sie hat uns seit jenem Quinctilius Varus viel Blut gekostet und manchen Sieg sehr streitig gemacht. Wie jener Weißbart das Haupt, so soll ein junger Verwandter von ihm der Arm, das Schwert, der Feuerbrand des Krieges sein.«

»Wie heißt er?« – »Attalus!« – »Adalo! – so hieß ein Gespiele Bissulas! Sie nannt' ihn oft. Ich sah ihn auch manchmal: – trutzig genug blickte er auf mich. Sollte der es sein?«

»Weiber und Männer in unseren Seestationen wissen nicht genug zu sagen von seiner Schönheit und kühnen Kraft.«

»Nun, bisher,« meinte Herculanus, »hat weder die Kriegsweisheit des Alten, noch das Kriegsfeuer des Jungen sich gezeigt.« »Doch,« lachte Ausonius. »Ihre Weisheit ist eben der Beschluß des Davonlaufens und ihr Feuer der Eifer, mit dem sie jenen Beschluß vollführen.« Aber stirnrunzelnd rief der Tribun: »Mit solchen Reden verscheucht man die Siegesgötter und ruft die Vergelterin des Übermutes herbei! – Spottet, nachdem wir gesiegt haben! – Und auch dann: – spottet lieber nicht: die Nemesis hat leisen Schlaf!« –

»Wenn du nicht weißt, wo sie stecken, die Barbaren, was willst du thun?« – »Sie suchen, bis ich sie finde und zum Stehen bringe!« »Dann aber,« rief Herculanus – »keine Verträge, keine Gnade mehr, sondern Vernichtung! Wie oft hat dies treulose Volk den Frieden gebrochen! Unsere Legionen sind voll Wut über diese Barbaren, die sie Jahr für Jahr zu den Märschen in diesen scheußlichen Sumpfwäldern zwingen. Nur die Ausrottung des letzten Germanen wird dem Römerreiche Ruhe schaffen.« Und drohend ballte er die Faust.

»Du hast vielleicht ein weissagend Wort gesprochen«, meinte Saturninus bedächtig, »aber in anderem Sinne als du ahnst.« »Ein abscheulich Wort hat er gesprochen!« rief Ausonius, und schenkte sich den Becher voll. »Und ein grundloses dazu. Ja, vor hundert Jahren etwa, unter Gallienus, da sah es aus, als sollten Perser und Germanen das Ost- und Westreich überfluten. Aber seither hat sie sich wieder verjüngt, die ewige Roma. Deine tapferen Landsleute, mein Saturninus, die illyrischen Heldenkaiser, haben die Barbaren gebändigt an Euphrat, Rhein und Ister, Diokletian hat das Reich im Innern neugestaltet: und so möchte ich es auf Roms Weltherrschaft umdeuten, das stolze Wort meines Kollegen Horatius – war nicht unbegabt, nur fehlte es ihm doch an Gelehrsamkeit!« –

»Gehört die in die Poesie?« fragte Saturninus zweifelnd. Aber der Eifrige hatte es nicht gehört und fuhr fort: »Das Wort, das er von Dauer und Ausbreitung seines Ruhmes gesprochen: ich deut' es auf Romas Herrlichkeit: ›dauern wird sie und wachsen, so lange noch aufs Kapitol der Priester steigt mit der schweigenden Jungfrau:‹ der Vestalin nämlich,« fügte der Professor erläuterungsbeflissen bei. »Hum,« wandte der Illyrier ein, »schade nur, daß die Voraussetzung nicht mehr zutrifft.« – »Was? Wie so?« – »Der fromme Constantin, mordblutigen Andenkens! – ich höre sie wollen ihn heilig sprechen lassen, den Sohn- und Weibermörder! – hat ja die Opfer auf dem Kapitol verboten oder beschränkt, und dein Schüler und Gönner, Gratian, hat ja vor kurzem die vestalischen Priesterinnen abgeschafft.«

 


 

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