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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

»Ich bin großmütig,« erwiderte der Geneckte. »Gut, daß ich hierdurch auch einmal ein Lieblingsgericht meines sonst so spartanischen Freundes entdeckte. Ich werde mich rächen, indem ich dir, wenn irgend möglich, die köstlichen Fische vorsetze, die dieser See birgt: den in der grünen Tiefe lebenden Felchen und, mit zartestem Fleische, den Seeferch. Besser noch sind sie als die der Mosella: sicher könnte ich sie dir liefern, hätten nicht die thörichten Barbaren vor unserm Rachezug alle das Ufer verlassen. Als ich vor fünf Jahren drüben in Arbor felix monatelang weilte, den Zustand der Grenzlande zu untersuchen, was erhielt ich da für herrliche Fische!« – Wie in Nachdenken versunken seufzte er: »Ach, das war noch eine glückliche Zeit! Da lebte noch meine teure Frau, meine sanfte Sabina.« »Heil sei deinem Andenken, Attusia Lucana Sabina!« fiel der Neffe ein. »Und meine lieben Kinder! Da war doch mein großes, schönes Säulenhaus in der Stadt und die reizvolle Villa vor dem Garumna-Thor noch nicht leer und ausgestorben! Wie fröhlich scholl der jungen Mädchen Gesang zur Zeit der duftigen Rebenblüte durch die Gelände! Da sah ich noch um mich gedrängt liebe Häupter von Verwandten, stand nicht allein, arm mit all' meinem Reichtum, wie jetzt –!«

»Oheim,« schalt der Neffe, der den Ton des zärtlichen Vorwurfs ausdrücken wollte, aber nicht recht traf. »Allein stehn! Hast du nicht mich, der dich so herzlich liebt?« Der Tribun heftete einen kühlen Blick auf den eifrigen Neffen. Ausonius aber beschwichtigte gutmütig: »Gewiß, Liebster, du bist mir geblieben. Aber du allein aus der ganzen reichblühenden Familie, welche in einem Jahre die böse Seuche hinraffte: meine Sabina, meine drei Kinder, meine beiden Schwestern und zwei junge holde Nichten! Du allein kannst mir doch nicht sie alle ersetzen! Ich fühle mich oft so vereinsamt! Und du bist ein Mann! Meine milde Frau, meine Töchter, meine Schwestern, meine Nichten: wie fehlen sie mir! Ich gestehe es: – ich bedarf des Wohlklanges weiblicher Stimmen, der weichen Bewegung von Frauengestalten um mich her! Mir fehlt etwas!«

Der Neffe griff hastig, erregt, nach dem Becher. Der Tribun aber sah ihm scharf ins Gesicht und, ohne den Blick von dem Neffen zu wenden, sprach er plötzlich zu dem Oheim sehr laut: »Heiraten mußt du wieder!« Erst jetzt kehrte sich der Illyrier von Herculanus ab: er schien sich an ihm satt genug gesehen zu haben.

»Ja,« sprach langsam, fast feierlich Ausonius. »Ich habe das oft erwogen. Es ist eine ernste, sehr ernste Sache – in meinem Alter!« »In jedem Alter,« sprach Saturninus. »Die Jahre stehen dir nicht im Weg! Du magst fünfzig sein?« »Zweiundfünfzig,« seufzte der Gefragte. »Und mein Haar ist grau!« – »Noch nicht sehr! – Übrigens: das meine auch! Bei mir vom Helmdruck! – Und es läßt dir recht gut! Du bist ein –« »Ein schöner alter Herr! willst du sagen,« lächelte Ausonius. »Ist just nicht, was die Mädchen lieben.«

»Nun, du brauchst dir ja keine sechzehnjährige auszusuchen.« »Aber auch keine viel ältere!« fiel der Dichter hurtig ein. »Nein, mein Freund! Ich will ja Jugend und Anmut um mich haben!« »Auch gut,« meinte der Illyrier. »Du hast die Auswahl in deiner Provinz, ja im ganzen Reich. Du, der höchste Beamte in Gallien, des Kaisers Lehrer und Liebling, der gefeierte Dichter und . . . –«

»Und die reichste Partie im Abendland!« rief der Neffe in grellem Ton dazwischen. Er hatte bisher hartnäckig geschwiegen, die Augen niedergeschlagen und den im Ausdruck allzu beweglichen Mund mit der Hand bedeckt. »Der reichste Greis diesseit der Alpen!« fügte er bei. »Ja, das ist es,« seufzte Ausonius bitter. »Herculanus spricht nur offen, freimütig aus, was mich in diesen Jahren im stillen soviel gequält, ja, was allein mich abgehalten hat. Du weißt, mein Freund – oder vielmehr, du rauher Tribun der Kriegslager, du weißt es nicht! – wie, aus welchen Erwägungen in unseren großen Städten die Eltern ihre Töchter verheiraten, ja wie diese Mädchen selbst, kaum haben sie die Puppe beiseite gelegt, sofort ausspähen nach einer ›guten Partie‹! Wahrlich, nicht Eros und Anteros, – Hermes und Plutos führen heute die Paare zusammen.« »Ja, sie heiraten nur das Geld!« zürnte Herculanus. »Ich bin arm: – mich fliehen die Mädchen! –« Der Tribun wollte etwas erwidern, aber er lachte nur – und trank. »Obwohl ich fast dreißig Jahre jünger als der Oheim! – Ihn umschmeicheln Väter, Mütter, Vormünder, ja diese aufdringsamen Katzen selbst, – daß ich ihn kaum genug warnen und hüten kann.« »So hütet der Zeidler den Honig vor den Mäusen,« brummte der Illyrier unhörbar vor sich hin. – »Mein Neffe hat ganz recht. Ein Freund von mir, Erminiscius, ein reicher Kaufmann, Juwelenhändler, fünfzig Jahre alt, heiratet ein Mädchen von zwanzig. Eine Woche darauf ist sie verschwunden, mit all' seinen alten Juwelen und – mit seinem jüngsten Freigelassenen. – Ein anderer, Euronius, ein großer Weinbergbesitzer, etwas älter, heiratet eine junge Witwe von fünfundzwanzig – das heißt: er ward von ihr geheiratet: denn sie ruhte nicht eher! Noch vor der Hochzeit mußte er sein Testament machen: sie diktierte es ihm Wort für Wort: – an den nächsten Calenden starb er an – Bauchgrimmen. Gefiel mir gar nicht: – ich hasse Bauchgrimmen! Und ganz nahe seinem Garten wuchsen so viele Tollkirschen! Und nun hättest du die Lebensvergnüglichkeit dieser Doppelwitwe sehen sollen! Auf einmal machte sie mir einen Besuch – sie ist sehr schön und war hinreißend lieb gegen mich: – aber ich dachte immer an des verewigten Euronius Bauchgrimmen und kam so noch ungeheiratet davon. Nun bilde ich mir nicht in allen Fällen das Durchgehen oder einen Tollkirschenkuchen ein: – nicht jede ist eine Helena oder eine Locusta! – Mißtrauen ist mein Fehler sonst nicht! –« »Eher das Gegenteil,« meinte Saturninus. – »Aber, ich gestehe es, meine grauen Haare machen mich argwöhnisch. Ich wäre so unglücklich – Apollos reichster Lorbeer würde die Wunde nicht heilen! – müßte ich glauben, man habe mich geheiratet, nur um mich zu beerben. Ich verdiene das nicht.« »Nein, wahrlich nicht,« rief der Tribun, warm seine Hand drückend. »Du weiches, warmes, offnes Herz! Niederträchtig wäre, wer dir Liebe heuchelte um deines Geldes willen! Und ich wünsche dir, daß du noch ein ganzes Rudel von Kindern um deine Kniee spielen siehst in den herrlichen Villengärten an deiner geliebten Garumna blühenden Ufern.« Ausonius lächelte behaglich vor sich hin. Das Bild schien ihn zu vergnügen. Da traf sein Auge den Blick des Neffen, der, minder behaglich, in die Ferne zu schauen schien. »Sorge nicht, Herculanus!« mahnte er. »Auch wenn das so käme, – mein Testament würde deiner nicht vergessen – und deiner Gläubiger!« fügte er mitleidig lächelnd bei. »Testament! Welch' Unheilswort! Fern sei das Omen!« rief der Neffe. »Nun, man stirbt ja nicht am Testiren! Sonst wäre ich lange tot. Ein römischer Bürger bestellt als beflissener Hausvater sein Haus für alle Fälle: – auch für den Todesfall. Und so habe ich denn, obzwar Herculanus jetzt nach dem Gesetz ohnehin mein einziger Erbe, vor dem Aufbruch zu dem Heere mein Testament vor der Kurie zu Burdigala errichtet und ihn feierlich zum Erben eingesetzt: ein paar kleine Vermächtnisse, dann Freilassungen von treuen Sklaven mußte ich doch auch anordnen. Dir, Saturninus,« fuhr er lachend fort, »vermache ich aber nach der Heimkehr in einem Kodicill ein wertvoll und dankbar Andenken an diesen Abend!« – »Nun?« – »Ein Exemplar der Mosella – jedoch: die Verse über die Fische zur Strafe herausgeschnitten!« Und er trank, vergnügt über seine eigne gute Laune.

 


 

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