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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nun saß er schon in Bayonne, wo er die Landschaft als weichere Idealisierung von Pommern auffaßte, sich an fremdartigen Blättern, Pinien, gelbem Ginster ergötzte und sich in eine Mollstimmung von Heimweh auflöste. Er überschritt den Grenzfluß Bidassoa und fand in San Sebastian Schönheit und Schmutz, sowie den preußischen Gesandten v. Galen, einen alten Freund.

»Sind Sie's denn wirklich? Alle Welt glaubt Sie schon in Berlin an der Spitze.«

»Habe nichts gehört, weder aus Berlin noch Paris. Ich bin ein freier Mann. Und nichts drängt ja.«

»Wirklich nichts? Die Kammer verstümmelt doch das Heeresbudget.«

»Ja, sie langweilt das Land, indem sie sich auf Lappalien verbeißt und die Tagesordnung verschleppt. Sie macht sich selber mürbe, ihr wird der Atem ausgehen. Dann würde ich wie eine frische Reserve aufmarschieren und meine Reputation als Staatsstreichler wird Tusch blasen.«

»Geht's denn wirklich los?«

»Keine Spur! Die Kerls werden nachgeben und unterhandeln. Übrigens kann sich dies noch lange hinziehen, und meine Ernennung ist ganz ungewiß.«

»Diese unfähigen Querköpfe, die sich Parlamentarier nennen!«

»Respekt vor ihnen! Nicht einer, der nicht zynisch seine seelische Nacktheit prostituierte und seine vollendete Ignoranz feierlich zu Markte trüge! Wir sind eben so hochgebildet, daß jeder berufen ist, als Fachmann über sämtliche Ressorts zu referieren, selbst wenn sie ihm so unbekannt sind wie mir die Insel Kuba.«

»Ist Seine Majestät zu Konzessionen und Kompromissen geneigt?« »Ganz und gar nicht, schreibt mir Roon. Diesmal verläuft's schwerlich spurlos im märkischen Sand, die Erzstreusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wird ein kleines Erdbeben haben.«

»Der Knoten ist so verheddert, daß alle Parteien disgustiert sind.«

»Und ich erst? Ich weiß nicht, wo mein Bett und mein Schreibtisch stehen sollen, ob in Paris oder Berlin. Roon will mir Gewißheit schaffen, doch vor Frühjahr wird sich's nicht entscheiden.«

»Roon ist ein Onkel von Moritz Blanckenburg, nicht wahr? Steht er da den Altkonservativen nicht etwas zu nahe, die doch ausgespielt und keinen Sitz im Lande haben?«

»Er steht der Armee nahe, das ist die Hauptsache. Und verschafft er mir den Posten in Paris, so werd' ich Engelsflügel an seine Photographie malen. Dort möcht' ich sitzen bis 1875! Bis in zehn Jahren passiert ja doch nichts und darüber hinaus auch nicht. Viermonatlicher Minister werden ist eine Prüfung, und muß ich nicht den König heraushauen als treuer Vasall, so bedank' ich mich.«

»Sie sehen famos aus, ganz sonnverbrannt.«

»Ja, ich bin plötzlich wieder kerngesund, weiß nicht woher. Es überkommt mich manchmal eine Rauflust wie von Kraftbewußtsein. Aber Raufen liebt nur die Jugend, ich gehe auf die Fünfzig und will kein bellum Gallicum in solchem Alter durchmachen wie Cäsar, der ja auch nur Parteimann und kleiner Gesandter war, bis er auf einmal an erster Stelle loslegte. Das war doch auch ganz merkwürdig. Man gab ihm die schlechteste, aufrührerische Provinz: friß, Vogel, oder stirb! und kein Mensch in Rom dachte daran, er könne etwas leisten. Und da wurde er, was er hieß, Cäsar. Solche komischen Sachen kommen vor. Da wirft man einen in die verfahrenste Situation, und niemand denkt sich was dabei, auf einmal ist er Hahn im Korbe. Mit Bonaparte stand es nicht anders bei seinem ersten Feldzug, das schien eine im Voraus verlorene Partie. Doch wie gesagt, ich ziehe nicht in den Siebenjährigen Krieg und den Gallischen auch nicht, habe nichts mit Cäsar zu schaffen, sondern mit meinem Gutsinspektor in Schönhausen, unter dessen Obhut ich doch wohl meine künftige Greisenhaftigkeit beschließen werde.«

In Biarritz gefiel es ihm besonders. Das geliebte Salzwasser, voll Erinnerungen an nordische Salzflut in Norderney, nur wärmer und schwerer, verjüngte ihn. Hatte er gebadet, streckte er sich auf eine Klippe und sah dem Spiel der Wogen zu, deren tosende Brandung den blütenweißen Schlamm zu ihm emporquirlte. So hatte der junge Byron nach dem Schwimmen sich auf Klippen gebettet, um Childe-Harald-Verse zu schreiben. Das fiel ihm ein, weil Disraeli damals an der Tafel auf Louis Napoleon zu sprechen kam, den er als politischen Abenteurer in London gekannt habe. Natürlich bei den berühmten Abendunterhaltungen, welche Lady Blessington und ihr Liebhaber, Comte d'Orsay, veranstalteten, bekannt durch ihre Bekanntschaft mit Byron in Genua, von dem Orsay eine bekannte Zeichnung, ganze Figur, entwarf, von schreiender Unähnlichkeit. Disraeli selbst hatte sein Leben lang den Dichterlord nachzuäffen gesucht, in der Jugend als Dandy sogar dessen äußere Erscheinung, was ihm glänzend mißlang. Otto fand hier im Kasino einen von Engländern liegen gelassenen zerlesenen Roman Disraelis, »Venetia«, worin Byrons und Shelleys Leben unter Anlehnung an Byrons wunderbare Elegie »Der Traum« kreuz und quer verwirrt und unter Umdrehung aller Verhältnisse zu einem sensationellen Familienromänchen zusammengepantscht war. Wie drollig, die Wirklichkeit romantischer färben zu wollen! Byrons wirkliches Leben hatte ja zehnmal mehr Anziehungskraft als jede fälschende Ausschmückung wie hier, wo Dichtung und Wahrheit zu unkenntlichem Knäuel verschlungen.

Ach Gott, wie lange lag die Zeit jugendlichen Weltschmerzes hinter ihm, wo er sich an Byron berauschte! Er selbst hatte ja auch sein vollgerüttelt Maß tragischer Privaterlebnisse hinter sich, aber er durfte sich ehrlich sagen, daß er nun zwölf Jahre lang sich nur einer Sache und öffentlichem Dienst gewidmet und sein Privatleben daneben als untergeordnet betrachtet habe. Hier aber schien er sich wieder ein junger Romantiker geworden. Er übte sich wieder recht byronisch im Pistolenschießen und dachte an die Heimat nur, wenn er sich Johanna und die Kinder im lieben Reinfeld vorstellte. Briefe liefen ihm auf verschiedenen Postämtern nach, Zeitungen verbat er sich, die ganze verdammte Politik zu vergessen. Und das gelang ihm wirklich. War es nicht eine Romantik der Schicksalsfügung, daß er hier unter Aloe und Tamarinde, frische Feigen und Mandeln schmausend, lustwandelte, indes fern im grauen trüben Norden vielleicht um ein Los von vaterländischen Geschicken gewürfelt wurde? Ach, wenn es nur immer so bliebe! Vielleicht ein Abschied für immer von allem künstlerischen Schönheits- und Naturgenuß. Warum konnte er nicht malen, um diese reizende Landschaft im Bilde abzufangen? Dann blieb ihm doch ein Andenken an diese Romantik des Zufalls.

Er entging nicht dem unvermeidlichen Wiedersehen mit Russen. Wozu ihn an diese mehrjährige Episode erinnern, die nun auch wohl für immer hinter ihm lag! Fürst Orlow und seine heitere Gemahlin. »Werden Sie nicht nach Paris zurück müssen, mein Freund? Am 15. August ist Napoleonstag, wo man den Kaiser beglückwünscht und sein Diner zu sich nimmt.«

»Er ist zu vernünftig, mich zu vermissen. Unter den Heiligen im Kalender würde ich mir auch nicht diesen aussuchen, um vor seiner Reliquie zu beten.«

»Die Reliquie ist aber heut recht ansehnlich«, lachte Frau v. Orlow. »Das ganze zweite Empire.«

»Reliquien sind zerbrechlich. Und wenn man sie unsanft behandelt, zerspringt das Glasgehäuse. Der erste Napoleon war gewiß ein sehr großer Mann für seine Zeit, meinethalben für alle Zeiten. Aber auf den balsamiertesten Leichnam einen Thron aufbauen, verträgt selbst nicht der Porphyrsarg im Dom der Invaliden. Die Mumien der Pharaonen werden nicht mehr lebendig.«

»Ach, lassen wir den langweiligen alten Napoleon!« Die lustige Orlow klatschte in die Hände. »Das Meer ist grün und weiß, der Wind warm und weich, wir selbst sind ganz Sonne, Luft und Seewasser. Was kann man vom Leben mehr erwarten!«

»C'est vrai, m'amie!« Fürst Orlow schenkte Sekt ein. »Napoleon I. wird wohl auch hier spaziert haben, in Bayonne war er oft, doch er sah vermutlich weder Meer noch Land, sondern nur die Trugbilder seiner Ländergier. Hier hat er den Überfall auf Spanien geplant.«

»Das würde ich ihm nicht übelnehmen,« sagte Otto nachdrücklich, »wenn es nur zu einem richtigen vaterländischen Zweck geschehen wäre. Doch was hatte Frankreich davon!«

»Hm, Durchführung der Kontinentalsperre? Und Ludwigs XIV. Wort: ›Es gibt keine Pyrenäen mehr‹?«

»Da haben Sie recht.« Ottos Stirn furchte sich. »Im Grunde hat Napoleon nur ausgeführt, was Frankreich von jeher wollte. War es nicht schon Rheinbund, als Bayern für Ludwig XIV. stritt? Und wollte nicht selbst der elende Louis Quinze das linke Rheinufer? So haben sie an uns herumgebissen seit Jahrhunderten, und ein Stück der Pastete, Elsaß und Lothringen, haben sie noch heut zwischen den Zähnen.«

»Viel mehr, sie haben es mit Appetit verdaut. Eher fällt der Himmel ein, als daß Frankreich je wieder das linke Rheinufer verliert.«

»Ich nehme euch den Sekt fort, wenn ihr noch länger Fach simpelt!« rief die Fürstin. »Hier sind Pfirsiche und Muskattrauben, die werden euch wohl auf andere Gedanken bringen.«

»Gleich, ma chère gleich! Nur noch eine Frage: wie denken Sie über Mexiko?«

»Ebensogut können Sie fragen, wie ich über den amerikanischen Bürgerkrieg denke. Beides hängt zusammen.«

»Sie meinen, daß Napoleon dies Abenteuer nicht wagen würde, wenn nicht die Union durch innere Wirren gefesselt wäre?«

»Da kann er sich aber eklig verrechnen. Das kleine stehende Heer der Union hätte ihm nie dreinreden können. Aber jetzt rüsten die Amerikaner im großen, und wenn da die Union siegt, wird sie im Besitz großer kriegserfahrener Heere sein. Napoleon soll sich in acht nehmen.«

»Bah, die Südstaatler siegen ja überall. Sie stehen doch nicht auf seiten der Yankees?«

»Das weiß ich nicht. Ich würde es wissen, wenn der geringste Vor- oder Nachteil für Preußen dabei herausschaute. Aber so! Was gehen uns diese Exotica an! Der deutsche Michel wird natürlich wieder seine Nase in Braten stecken, von denen er kein Schnittchen bekommt. Lincoln wird bald ein deutscher Nationalheld werden wie Garibaldi. Die Unverbesserlichen!«

»Nun, für Leute von unserer Klasse und politischen Farbe gibt's doch nur Sympathie für die schneidigen Kavaliere gegen das demokratische Krämergesindel.«

Otto lachte. »Da auch bei Ihnen, liebster Orlow, die Leibeigenschaft abgeschafft wird, sind die Sklavenbarone kaum mehr von unserer Klasse. Nun, ich weiß wohl, daß es den Yankees nicht um die Neger, sondern um die Baumwolle geht. Industrie kontra Agrarier! Die alte Geschichte! Wenn unsere Demokraten für die Negeremanzipation erglühen –«

»Aber ›Onkel Toms Hütte‹ ist doch ein rührendes Buch!« rief die Orlow dazwischen.

»Rührend, meine Gnädigste, ist das Vertrauen, das man solchen zusammengestoppelten Scherzen schenkt. Wahrscheinlich Einzelfälle maßlos übertrieben. Natürlich eine Riesendummheit, den Negern gleiche Rechte zu geben, die Rassen sind so wenig gleich wie die Menschen. Aber uns täuscht der Schein wie immer. Die Südstaatler sind offenbar die wahren zentrifugalen Republikaner, die Yankees imperialistisch-zentralistische Staatsbeflissene, d. h. die wahren Konservativen. Fast alle Offiziere und alle Beamte stehen auf ihrer Seite.«

»Wie Sie immer alles originell ansehen! Aber England begünstigt die Südstaaten.«

»Das sollte gerade stutzig machen. Was England begünstigt, muß immer von Nachteil für das betreffende Land sein. Die Inkonsequenz ist ja köstlich, daß England zur See den Sklavenhandel unterdrückte und jetzt die Sklaverei auf einmal für eine von der Bibel genehmigte Institution erklärt. Aber damals wollte man hauptsächlich Amerika wirtschaftlich schädigen und berief sich, wie üblich, auf ideale Motive. Diesmal macht England ein gutes Geschäft – bei ihm ist alles Geschäft im wörtlichen Sinne – durch Schmuggel mit den Südstaaten und fühlt seine Baumwollenindustrie durch die Blockade gekränkt. Hinc illae irae. Und es wittert Erstarken der Union politisch und militärisch durch etwaigen Sieg des Nordens, also ist seine Haltung geboten. Ach, hätten unsere politischen Dilettanten nur ein Quentchen von Englands unerbittlicher Selbstsucht!«

»Heißt das so viel, daß Sie als Leiter Preußens mit den Yankees sich freundlich stellen würden?«

»Unbedingt, sobald sie siegen, natürlich nur dann, doch unsere Neutralität muß in jedem Fall ihnen wohlwollen. Es wäre schön, wenn da eine Macht erwüchse, die England in den Rücken fallen könnte.«

»Ich dachte, Ihr Hof stünde so freundschaftlich mit England?«

»Was am Hof geschieht, ist für mich nicht maßgebend.«

»Nun, wir Russen hassen England, das wissen Sie, und so –«

»Ich hasse es durchaus nicht, aber versehe mich keiner Liebe von England, und für unglückliche Liebe bin ich nicht zu haben. Und was die mexikanische Aventure betrifft, so hatt' ich schon genug Scherereien damit. Zwei preußische Offiziere, Stein und Burg, dürfen mitgehen, es sind die einzigen, ein eklatanter Freundschaftsbeweis Napoleons für Preußen, einen dritten, Loe, konnte ich nicht durchbringen. Na, ob sie viel Schönes drüben erleben?«

»Die Marquise de Gallifet ist sicher begeistert, daß ihr Mann in den Krieg zieht«, bemerkte die Orlow boshaft. »Sie kennen diese arme Löwin doch? Die mit dem brandroten Haar?«

»Wer weiß, wie viele zurückkehren! Europa muß sich ja freuen, daß Napoleon Lorbeeren so ferne sucht, doch die Suche hat ihre ernste Seite. Man sieht also, daß er nicht stillsitzen darf, sondern sein neugierig neuerungssüchtiges Völkchen durchaus mit Haupt- und Staatsaktionen füttern muß. Schlägt es diesmal fehl, so wird er wo anders sein Glück versuchen.«

Die Orlow lachte. »Ich denke, ›das Kaiserreich ist der Frieden‹? Lasen Sie in Bordeaux die Inschrift auf der Marmortafel vor dem Börsengebäude?«

»Ich las sie mit sehr gemischten Gefühlen.«

»Und diese Annäherung von Frankreich und Österreich! Zu guter Letzt soll als Kaiser Maximilian von Mexiko ein Erzherzog eingesetzt werden. Es wird wohl noch lange dauern, doch geheime Verhandlungen schweben.«

»Da seien Sie nur ganz ruhig. Daß Napoleon das Schwert zückt, um als Verfechter des Monarchischen die mexikanischen Demokraten zu züchtigen, ist die übliche Verbrämung, worin Franzosen und Briten Meister sind. Natürlich werden die Dummen ihm glauben. Aber daß er für Maximilian nicht den kleinen Finger rührt, dessen seien Sie sicher. Der wird gerade Geld und Soldaten ausgeben, um einem anderen als sich selbst zu nutzen!« –

Er konnte sich nicht genug tun im täglichen Aufzeichnen der Landschaftsbilder für Nanne, in seinen Briefen schwang er den Stift als Wortmaler. Dazwischen neckte er sie mit seiner Passion für die liebenswürdige Kathy Orlow, die ihm alle Tage Mendelssohn vorspielte, bis seine Gedanken »auf Flügeln des Gesanges« über die Sturzwellen in die blaue Unendlichkeit fortschwebten. Die blaßbläuliche Wand der zackigen Pyrenäen, Reihen von Gipfeln übereinander, stand abends in rötlichem Feuer, bis sie in schwarzer Einsamkeit in Nacht erstarben. Felsinselchen, von donnernder, sonnenblitzender Flut übergossen, verschwammen mit dem Weltmeer wie die ferne spanische Küste. Er fühlte sich wie auf umspülter, menschenentrückter Insel eines Robinson Crusoe. Wie nichtig versinkt der Trubel der Städte und des Staatsgetriebes, wenn der Mensch allein der Schöpfung gegenübersteht!

Die Orlow als große Dame machte gar keine Toilette, während die Französinnen und Spanierinnen im Kasino für nichts als Putz, Fächerschlagen, Kokettieren, Medisieren Sinn hatten und ihre Herren dem Naturgenuß nicht eine Minute schenkten, für all die Schönheit keinen Blick hatten. Wie tief steht doch der gepriesene Romane unter den Germanen und an Gemüt auch unter den Slawen! Bei diesen Lateinern, wie sie sich nennen, obschon sie alle keinen Tropfen römischen oder hellenischen Blutes im Leibe haben, ist alles öde Konventionalität, Äußerlichkeit, Gesellschaftsschwatz.

Das Idyll ging nun zu Ende, er brach mit Orlows nach den Pyrenäen auf, wo sie den Pic du Midi bestiegen. Wenn er auf solchen Höhen stand, dachte Otto an die Parabel der Schrift: Und Satan führte Jesus auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt, »das alles ist dein, wenn du niederfällst und mich anbetest«. Wahrlich, ich würde auch meine innere Gesundheit, mein Seelenheil, nicht darangeben für alle Reiche der Welt. Aber wenn es nun meine Bestimmung wäre, ein Reich zu gründen, das sehr von dieser Welt?

Oben in der Alphütte lasen sie zusammen Byron, »das einzige Buch, was mit ist«, damals hatten die Menschen noch solche Bedürfnisse. Wenn man Otto und diesem vornehmen Russen prophezeit hätte, es würde eine Zeit kommen, wo man einen der Größten aller Zeiten, den Goethe neben sich und fast neben Shakespeare stellte, zum alten Eisen werfen, als Rhetoriker abtun und ihn mit Heine in die literarhistorische Rumpelkammer sperren würde, dann hätte er verächtlich die Achseln gezuckt. Sie sind wohl vollständig verrückt! Und wenn man ihm prophezeit hätte, er selbst werde eine solche Ära unwissentlich heraufführen, wo nur Ziffern und Säbel regieren und artistischer Modetand, und er selbst werde gar nichts mehr lesen als die faulste Erholungsliteratur und deshalb allen Banausen als wahrer Gottseibeiuns nüchterner Prosa gelten, dann hätte er gelacht über solche Unmöglichkeiten. O Mensch, du Spielball der Umstände, du lebst im Schein und wirst so selber Schein, bis niemand mehr dein wahres Sein erkennt!...

Frau v. Orlow las den Aufschrei Kains vor, im Flug durch den unermeßlichen Raum:

O unbegreiflich hehrer Äther du!
Ihr Massen, ihr vervielfachten, der Lichter,
Sich immer neu entzündend und entzündet!
Wer seid ihr? Was ist diese blaue Wildnis
Des grenzenlosen Abgrunds, wo ihr hinrollt
Wie Blätter auf den klaren Wassern Edens?
Ist eure Bahn euch zugemessen? schweift ihr
Dahin in fesselloser Trunkenheit,
Berauscht von Ewigkeit? Hier laßt mich sterben
Oder erfassen eure Macht und Fülle.
Denn mein Gedanke ist zu dieser Stunde
Eurer nicht unwert, bin ich auch nur Staub!

Droben schien der Mond hörbar zu rollen in dieser Einsamkeit granitener Wüste. Und die Sterne gleißten wie eine Diamantenkette. Otto saß starr und still und dachte an Napoleons Stern, hatte auch er einen solchen? Dort den fernen großen, den Jupiter? Und sein kahles Haupt nickte über dem Herdfeuer ein... Die Menschen sterben, nicht die ewigen Sterne. Herunter ins Tal aus der verräucherten Hütte, wo Rauchqualm und Zigarrendampf die Wärme ersetzten und die Glühpünktchen seiner Zigarre einen Bergadler anzogen als das einzige Licht in dieser nächtigen Bergwüste. Komm du nur herab, Bote des Jupiter! Ich bin kein Ganymed, den man wegschleppt, ich möchte selber mit Blitz und Donner spielen. Er fühlte sich riesenstark, wie kaum in der Jugend. Neulich hatte er es auf eine volle Stunde Schwimmen gebracht, wie Byron, aber ohne Fieberschauer, wie dieser Nervöse mit dem lahmen Bein. Ihm war, als könnte er Eichen ausreißen, wie Hebbels Dietrich von Bern, und sie den prahlenden Schwächlingen auf den Rücken legen. Brausende Wasserfälle mit Iriskronen, die an Byrons Alpenfee gemahnten, und Felsen, bis oben hin mit Efeu überzogen, ein See im Bergkessel, und das Dreiblatt sang im Nachen alte französische Chansons.

O Himmel, schon Toulouse, eine große Stadt! Schon grinst uns die kahle menschliche Gesellschaft an. Kein Brief von Roon! Wollte Gott, daß ich in Paris bleiben darf. Doch die Sache will's, mein Herz, ich bin auf alles gefaßt.

Avignon, die alte Höhle der Päpste. Hier ließ die Provence, ein Nest von Nachtigallen, Gitarren ihrer Troubadoure ertönen. Doch der Albigenser flammendes Verderben begrub in Toulouse die schöne fröhliche Zeit. Als er in den Speisesaal des Hotels Beausejours trat, erregte seine Riesengestalt viel Aufsehen bei den kleinen Südfranzosen. Und als sie die furchtlosen Augen unter buschigen Brauen so scharf hervortreten und die hohe gebietende Stirn sahen, überlief sie förmlich ein Schauer, als ob ein alter Seekönig der Normanen, von dem so viele französische Sagen melden, sie heimsuchen wolle, um sich ein Reich zu suchen. Ein Normane war's freilich nicht, sondern einer von den Deutschen, die als Franken das Land zwischen Mosel und Rhone eroberten und ihm den Namen gaben. Doch welcher Franzose verstände das in historischem Sinne!

Daß er ein Deutscher, erfuhr sogleich ein Pärchen im Honigmond, das an der Tafel saß und deutsch über ein Altarbild der »Barmherzigkeitskapelle« schimpfte. Der Fremde trat näher und nahm gegenüber Platz. »Gesegnete Mahlzeit! Ich bin freudig erstaunt, Landsleuten unter Provençalen zu begegnen.«

Nach deutscher Unsitte folgte sofort die Vorstellung. »Lüning, Kaufmann aus Frankfurt.« »Bismarck-Schönhausen.«

»O Exzellenz, jetzt erkenne ich Sie!« Der junge Mann gehörte einem Frankfurter Patriziergeschlecht an. »Ich sah Sie zwar nur einmal, doch ich vergesse nie, wie unsere guten Bürger sich dabei aufregten. Sie promenierten auf der Zeil Arm in Arm mit dem italienischen Gesandten am Vorabend des österreichisch-italienischen Krieges. Graf Rechberg soll sich grün und gelb geärgert haben.«

»Ja, aber er war fixer als ich. Am nächsten Morgen hatte ich schon die Abberufungsorder und mußte nach Petersburg.« Das war zwar chronologisch übertrieben, doch er liebte solche feuilletonistische Wendungen. Verbindlich wandte er sich an die junge Honigmondliche: »Pardon, gnädige Frau, so sind wir Deutschen, gleich bei den ersten Worten die garstige Politik statt provençalischem Ritterdienst hier im Lande der Galanterie.« Er plauderte darauf los wie ein jugendlicher Kavalier und schloß sich einem kleinen Ausflug an. Von einem Ölbaum brach die junge Frau einen Zweig und reichte ihn ihm.

»Sie werden gewiß Frieden brauchen, hier haben Sie sein Sinnbild.«

»Der Ölzweig mit der Taube!« küßte er ihr die Hand.

»Als wir vor fünf Tagen Berlin verließen –«

»Wie? Das erfahre ich erst jetzt. Was gibt's da Neues?«

»Ich kaufte mir auf dem Anhalter Bahnhof die ›Berliner Allgemeine‹. Vielleicht interessiert Sie das.«

»Das Organ der Altliberalen? Ich bitte darum.« Er las gespannt: »Im Vordergrunde der Ministerkombination spielt sich wieder die Figur des Herrn v. Bismarck aus. Wer ist dieser Bismarck? Als er seine Laufbahn begann, ein Landmann von mäßiger politischer Bildung, dem mit der bureaukratischen Pedanterie auch die bureaukratische Routine fehlte, dessen Kenntnisse sich nicht über das erhoben, was Gemeingut aller Gebildeten ist. Den Höhepunkt seines parlamentarischen Ruhmes erreichte er im Unionsparlament von 1850. Doch welche seiner Reden hätte einen Hauch aufzuweisen von der didaktischen Schärfe eines Stahl, vom Feuereifer Kleist-Retzows, vom Reichtum an geistreichen Einfallen eines Gerlach, von der doktrinären Gründlichkeit Wageners! Er trat schroff und rücksichtslos auf, nonchalant bis zur Frivolität, mitunter witzig bis zur Derbheit; doch wann hätte er je einen politischen Gedanken geäußert! Er hat sich in Frankfurt Kenntnis in den diplomatischen Zeremonien erworben und in Petersburg und Paris intrigierenden Prinzessinnen ihre Geheimnisse abgelauscht. Aber die saure Arbeit der täglichen Verwaltungsgeschäfte ist ihm fremd, den klaren Einblick in das Getriebe des Staates in allen seinen Einzelheiten hat er sich nirgendwo erwerben können. Ihm gegenüber wird sich das Wort des Herrn v. Schleinitz bewähren, daß ›die Politik eine sehr positive Kunst ist‹.«

Otto biß sich zornig auf den Schnurrbart. Die Schmierfinken! Nun, mögen sie ihren Willen haben. Ich aber will jetzt Gewißheit oder nehme Knall und Fall meinen Abschied.

Von Orlows trennte er sich schon vor Avignon, jetzt löste er sofort ein Billett nach Paris und dampfte ab. Als er in der Gesandtschaft abstieg, trat der Concierge heran, lüftete die Mütze und überreichte ein Telegramm: »Soeben für Exzellenz angekommen.«

Es war in französischer Sprache: »Periculum in mora, Depéchêz-vous! L'oncle de Maurice Hennig« Es war so mit Roon verabredet. Ging die Depesche nun von ihm selber aus oder geschah es unter Mitwissen des Königs? Gleichviel. »Meine Koffer wieder zur Bahn bringen, Schnellzug nach Berlin!«

Der Zug ratterte unerträglich und stieß ihn hin und her. Die Waggonzwischenketten rasselten unaufhörlich. Die Nacht war schwül. Fern grollte ein leiser Donner, ein fahler Blitz beleuchtete die Stirn des einsamen Reisenden, auf der es blitzte und wetterte. Schweigend steckte er eine Zigarre nach der anderen an, schlaflos durchwachte er die Schicksalsnacht. Ging nicht ein Ruck durch die deutsche Erde, als er bei Köln über den Rhein rollte? Ahnte sie nicht ein Erdbeben? Der Fürst de Ligne schrieb einst: »Ich glaube nicht an Erdbeben bei Christi und Cäsars Tode, denn beim Tode des größten Menschen, Friedrichs des Großen, hat sie nicht gebebt.« Hier starb auch einer, der Lernende, der Unbehauste, dem die Fülle der Gesichte noch keine Tat gegönnt, und ein anderer sprang ins Leben mit Siebenmeilenstiefeln. Die Erde vernahm nicht den Tritt, den ersten Schritt eines Erderschütterers. Doch das Schicksal Europas war entschieden.

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