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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nach London hinübergesegelt, bezog er eine Wohnung in Grosvenorsquare, Parkstreet, so ziemlich der vornehmsten Straße, und besah sich die Weltstadt vier Tage lang, wobei er den eigentlichen Zweck seiner Reise verwirklichte, mit dem ansehnlichsten britischen Staatsmann etwas Fühlung zu nehmen. Ein Diner beim russischen Gesandten, zu Ehren des Großherzogs von Weimar, bot ihm die erwünschte Gelegenheit, mit Disraeli zusammenzutreffen. Diese Berühmtheit betrachtete er mit besonderer Neugier, weil der getaufte Jude, ganz ähnlich wie Stahl in Berlin, die Säule der Konservativen vorstellte und den stolzesten Adel Europas an den Triumphatwagen seiner wilden Streberei spannte. Völlig gesinnungslos, warf er sich als Jüngling in den Radikalismus, fand aber bei den Liberalen wenig Gegenliebe und vor allem kein Amt, infolgedessen er sich an die Tories heranmachte, die an geistiger Auszehrung litten, hier empfand mau das Bedürfnis, eine Intelligenz zu kapern, und es währte nicht lange, daß ein Jude – unerhört in England – zum leitenden Parlamentarier aufstieg. Er verriet dabei seinen früheren Gönner Peel in zynischer Weise und überhäufte all seine Gegner mit beißenden Witzen. Einen geistreicheren Debattierer gab es nie, die Anschaulichkeit seiner treffenden Gleichnisse bewies, daß er eben eine künstlerische Natur war, nicht ganz unähnlich dem unbekannten Deutschen, der ihm jetzt vorgestellt wurde. Ungesund frühreif spielte er eine politische und literarische Rolle in einem Alter, wo der Deutsche, fern jeder öffentlichen Betätigung, noch in grüner Jugendeselei Lehr- und Wanderjahre durchschwärmte. Frivol bis ins innerste Mark, spielte er auch gern ein erotisches Trente et Quarante, ein Liebling der Frauen im gefährlichen Alter. Der elegante Benjamin mit langen talmudischen Schmachtlocken und bunten, extravaganten Kostümen mißfiel den Männern, die etwas so Unenglisches nicht dulden wollten, gefiel aber den Damen, die sich für alles Auffällige und Ungewöhnliche erwärmen. Die Männer unterwarf er teils durch Schmeichelei, teils durch die gefürchtete Bosheit seiner gewandten Zunge. Sein lebenslanger Kampf galt dem stockenglischen Gladstone (deutscher Abkunft, ursprünglich Freudenstein geheißen, wie die Fama von seinem Großvater behauptete). Letzterer stellte zwar das praktisch solide Altengland dar, ein Urtyp des liberalen Philisters mit allerlei klassischen Bildungsmätzchen, studierte Homer und fällte Bäume zur Erholung von seiner Finanzarbeit, die er sehr sachkundig betrieb. Aber Disraeli, ohne jede Kennerschaft auf praktischen Gebieten, besah eine unendlich reichere Gedankenfülle und eine unnachahmliche parlamentarische Geschicklichkeit. Seine blendende Beredsamkeit verdeckte alle Lücken seiner Sophistik, und die Großzügigkeit seiner Gesichtspunkte hatte einen poetischen Anstrich. In der trockensten, nüchternsten Körperschaft der Welt, dem House of Commons, gab er sich ungestört und siegreich seiner ausschweifenden Einbildungskraft hin. Die Literaten, die seine Romane oft verspotteten und deren Modeerfolg beim Publikum auf unliterarische Sensation zurückführten, erwehrten sich nicht geheimen Stolzes, daß einer von ihnen die Geschicke des britischen Weltreiches leitete. Auch tat man unrecht, wenn man literarische und künstlerische Maßstäbe an die zahlreichen Erzeugnisse seiner allzu fruchtbaren Feder anlegte. Diese Romane, von der Anfängersatire »Vivian Grey«, die man fälschlich Bulwer zuschrieb, bis zu seinem greisenhaften Testament »Endymion«, bedeuteten nur politische Pronunziamentos, und da läßt sich nicht leugnen, daß die bekanntesten, »Coningsby«, »Sybil«, »Tancred«, »Lothair«, eine erhebliche Kraft bekundeten, weite Perspektiven zu entrollen und oft sogar Tiefblicke in verhüllte Geheimnisse und Unterströmungen des Staatslebens zu eröffnen. Außer der katholischen Kirche, deren Problem im anglikanischen Britannien ihn schon früh (»der junge Herzog«) zugunsten der Katholikenemanzipation (Reformbill) beschäftigte, legte er es vornehmlich darauf an, das Judentum zu verherrlichen. Der Getaufte blieb Moses und den Propheten innerlich treu und verstand, mit einem aufdringlichen Stolz den Engländern einzureden, daß Israel die vornehmste und sowohl ethisch als intellektuell hochstehende Rasse und zur Weltherrschaft berufen sei. Da aus nicht zu erörternden Gründen eine Neigung am Hofe für alles Jüdische herrschte und die bekannteste Schriftstellerin G. Elliot erst recht populär wurde, als sie einen Juden heiratete und später in »Daniel Deronda« das Judentum in glänzenden Farben malte, so stand Benjamin Disraelis Emporsteigen und Herrschaft nichts im Wege. Er behielt sein orientalisches Gepräge bei und schwelgte politisch in Türkenliebe, weil er zwischen Islam und Hebräismus eine Rassenverwandtschaft fühlte. Für den Haß der Liberalen und Radikalen blieb er ein »damned Jew«, für die Aristokratie aber ein Schoßkind, bis sie ihn als Earl of Beaconsfield in ihre Mitte auch äußerlich aufnahm. Innerlich verachtete er die pompöse Beschränktheit des Tories genau so, wie den windigen Humbug der Phrasenliberalen, konnte naturgemäß auch keinerlei vaterländische Zuneigung zu einem Volk besitzen, dessen antisemitische Vorurteile er mit bitterem Groll in »Contarini Flemming« geißelte. Ihn trieb nichts als Machthunger, seinen unersättlichen Ehrgeiz und seine größenwahnsinnige Eitelkeit zu befriedigen. Damals befand er sich gerade ohne Amt als »Führer der Opposition«, doch das ganze Jungengland, den ganzen Hochadel, mit wenigen whigistischen Ausnahmen, und im geheimen auch den Hof hinter sich. Letzterer sah sich seines Fixsterns beraubt, der Prinzgemahl starb im vorigen Dezember, betrauert von ganz England, so ungezogen die hochmütige Nobility ursprünglich gegen den kleinen deutschen Duodezprinzen sein wollte. Erstens wegen seiner »Tugend«, d. h. der kühlen Korrektheit seines Benehmens, zweitens wegen seines »Patriotismus«, d. h. der nationalen Selbstsucht und Hoffart, womit er Englands Geschäfte besorgte. Hiermit sah sich die untröstliche Witwe ganz und gar dem Einfluß Disraelis überliefert, der ihren Welfenhochmut und ihre Neigung für politische Stickerei, Faden an Faden an kontinentalen Höfen spinnend, durch den von ihm erfundenen Jingo-Imperialismus kitzelte. Otto hatte beim Tod Prinz Alberts aufgeatmet: Ein Feind weniger. Aber Victoria und Disraeli blieben als nicht zu verachtende politische Faktoren. Wer die huldvolle kleine Dame sah und ihre kindlich eitlen Tagebücher las, konnte sich nicht vorstellen, daß sie eine rege Vorliebe für politische Angelegenheiten und einen angeborenen welfischen Dynastenstolz nährte. Das bewies sie, indem sie ihren eigenen Sohn, den begabten Prinzen von Wales, möglichst von den Geschäften fernhielt und ihn so zu Stutzerei und Liederlichkeit nötigte, um sich die Zeit zu vertreiben, während er ein politisches, erstrangiges Talent (nur kein Genie) im Stile Louis Napoleons in sich trug.

»Ich habe viel von Ihnen gehört, Herr Baron«, nahm Benjamin der Große huldvoll von Ottos Dasein Kenntnis. Sein scharfgeschnittenes Gesicht trug den Stempel einer gewissen Verwüstung, die ein so langes Leben voll Salonabenteuern, Ausschweifungen eines Stutzers und Modegecken, rastlosen Intrigen und ebenso rastloser aufreibender Arbeit hinterlassen mußte. Sein Tonfall hatte etwas Geziertes, Blasiertes, Herablassendes, was nicht nach Ottos Geschmack war. »Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich in Ihnen den künftigen Premier Ihres interessanten Staates begrüße.«

»Das ist möglich. Ministerien wechseln oft bei uns.« »Auch bei uns.« Ein müdes, vielsagendes Lächeln. »Ja, es ist eine unsichere Sache. Wenn ich indiskret sein darf, besuchen Sie uns mit einer bestimmten Mission?«

»Nicht im geringsten. Mich zog die Weltausstellung her.« Das gleiche diente ja als Vorwand bei seinem ersten Besuch in Paris. »Freilich, wenn ich längeren Urlaub hätte, möchte ich wohl eine Frage hier studieren, die für die allgemeine Zukunft wichtig sein kann.«

»Und das wäre?« Disraeli, eine seltsame Mischung von Phantast und kaltem Rechner, die an Genialität gestreift haben würde, wenn sie nicht so viel von der ererbten Neigung zu Wechselreiterei und kleinen Wucherpapierche gehabt hätte, blinzelte mißtrauisch.

»Die Lage der Arbeiter und die Bedeutung der neuen Produktiv-Assoziationen, der Trade-Unions.«

Disraeli verlor seine Blasiertheit. Dieser dumme Deutsche schien doch von besserem Stil, als er dachte. »Daran tun Sie sehr wohl. Ich empfehle Ihnen, ohne unbescheiden zu sein, die Lektüre meines Romans ›Sybil oder die zwei Nationen‹. Da finden Sie manche Antwort.«

Otto verbeugte sich. »Die persönliche Anwesenheit des distinguierten Autors verbietet mir, die Bewunderung zu äußern, die ich für manche Kapitel dieses Werkes empfinde.«

»Ah, Sie lesen es.« Disraelis' Eitelkeit empfand einen wohltätigen Kitzel. Diese Sauerkrautfresser sind also doch nicht so bildungsbar, sie lesen englische Bücher, womit bekanntlich allein die Bildung anfängt. »Überhaupt, welch wunderbares Englisch Sie sprechen! Dies zu äußern verbietet mir Ihre Anwesenheit wohl nicht. Ja, die Arbeiterfrage! Wir hatten hier die Chartistenbewegung, wir hatten den Aufruhr wegen der Kornzölle. Kennen Sie Ebenezer Eliots »Kornzollreime«? Wohl nicht, sehr gute Verse. Ich bin der Meinung, daß das arbeitende Volk nur von uns Konservativen etwas zu erwarten hat. Das liberale Manchestertum der Bourgeoisie wird nichts dazu tun.«

»Sie nehmen mir das Wort aus dem Wunde«, rief Otto lebhaft. »Was ich hier sah, hat mich angeregt. Bei uns haben wir einen sehr begabten Gründer eines deutschen Sozialismus, Ferdinand Lassalle, dessen Broschüren und Reden ich mit Aufmerksamkeit verfolge.«

Disraeli strahlte. »Lassalle ist eine Französierung von Lazarus. Dieser junge Mann ist ein Breslauer Jude. Auch der hiesige unheimliche Herr Karl Marx, der eine sozialistische Internationale stiftet, ist Jude. Laut ihm ist das Kapital, d. h. der organisierte Kapitalismus, die Wurzel alles Übels.«

»Das alles ist mir wohlbekannt«, sagte Otto ungeduldig. »Für mich ist von Belang, wie man diese teils richtigen, teils falschen Ideen für den Staat verwerten kann.«

»Ah, sehr richtig. Vielleicht durch Erweiterung des allgemeinen Stimmrechts.«

Otto warf ihm einen scharfen Blick zu. »Würden Sie eine solche Bill einbringen?«

»Mit tausend Freuden. Es gäbe kein besseres Mittel, die Massen an die Tories zu fesseln und dem liberalen Geschwätz ein Paroli zu bieten.«

»Das läßt sich hören. Nach meiner Erfahrung als Grundbesitzer hat nur der Adel – was Sie die Squires nennen – ein Herz für das Volk. Man muß auch den Industriearbeitern die Überzeugung beibringen, daß nur der Staat, niemals die Bourgeoisie, ihnen Erweiterung ihrer Rechte und Erleichterung ihres Loses bringen kann. Lassalle, der ein politischer Kopf zu sein scheint, neigt zwischen den Zeilen dieser Ansicht zu.«

»Vortrefflich! Wir müssen uns weiter unterhalten, Herr Baron.« Disraeli zog ihn in ein leeres Nebenkabinett. »Wenn man uns zwei allein sieht, wird man uns hier nicht stören. Wie ich vernehme, verkehrt dieser junge Herr Lassale – Lazarus wollte ich sagen – mit sehr vornehmen Kreisen. Kennen Sie Boekh, den Rektor der Berliner Universität, der so gelehrt das Wirtschaftsleben Athens beschrieb?«

»Nur per Renommee. Sein Werk habe ich nicht gelesen.« Disraeli natürlich auch nicht. »Ist das ein Gönner des Dr. Lassale? Dieser soll ein Buch über Heraklitos den Dunkeln vorbereiten oder publiziert haben. Das interessiert mich, weil ich in meiner Jugend mich auch mit Heraklit beschäftigte.«

Disraeli starrte ihn verwundert an. Ein preußischer Junker, der Heraklit den Dunkeln kennt! Seine eigenen Beziehungen zu diesem griechischen Weisen waren etwas dunkler und beschränkten sich auf die Phrase: Alles flieht. Doch er sagte sich als Weltkenner, daß dieser Deutsche ihm nur etwas vorschwindle, und fuhr zu inquirieren fort:

»Kennen Sie Fürst Pückler?« Der war in England sehr bekannt, sogar mal im Parlament wegen seiner Skizzen der Londoner Gesellschaft zitiert worden.

»Pückler-Muskau, den Reisenden Semilasso, den Gartenkünstler? O ja, den kenne ich. Ein geistvoller Grandseigneur der alten Schule.«

»Nun, mit dem verkehrt Lassalle auch. Er wohnt in der Bellevuestraße zwölf, ein kleines Haus, und gibt dort attische Symposien unter Vorsitz seiner Aspasia, der Fürstin Hatzfeld.«

Otto zuckte. Diesen Skandal kannte er auch. Er begriff hier, wie das Judentum über alle seine Angehörigen international Buch führt. »Ich hörte davon. Lassalle ist ein reicher Mann.«

»Schwer. Sagen Sie, lieber Baron, ist Fürst Pückler auch jüdischer Abkunft wie die Hälfte des preußischen Adels?«

»Das muß ich mir verbitten«, brauste Otto auf. Die Wahnsinnige Übertreibung konnte er sich nicht gefallen lassen.

»Sich verbitten, dem ältesten Adel der Welt anzugehören? Ich habe das in einem meiner Romane offen verkündigt.« Nur merkwürdig, daß Disraeli trotzdem stets Abneigung gegen Preußen fühlte und bekundete. Da er doch selten als Engländer, immer als Jude die Dinge betrachtete, so liegt schon hierin die Widerlegung.

Otto verbeugte sich kalt und ruhig. »Ich kann nur sagen, daß ich dieser Auszeichnung nicht teilhaftig bin. Ich stamme von simplen Germanen ab seit fünf Jahrhunderten.«

»Seit fünf? So bescheiden? Von Adam stammen wir doch alle ab.« Diese »teuflisch« sein sollende Ironie setzte der große Engländer fort, indem er überleitete: »Als ein so alter Deutscher haben Herr Baron zweifellos Aspirationen für das deutsche Vaterland? Wir John Bulls verstehen so wenig davon. Möchten Sie mich unterrichten?«

Otto besann sich einen Augenblick. Was kann's schaden! Der Mensch ist bedeutend, bedeutenden Menschen sagt man am sichersten die Wahrheit. »Mit Vergnügen. Schade, daß die Engländer vergessen haben, daß sie ganz einfach unseres Blutes sind, nicht bloß Vettern, sondern ausgewanderte Stiefbrüder. Die Angelsachsen waren einfach Deutsche. Doch da Sie mich offen fragen, antworte ich offen. Wahrscheinlich nötigt man mich, bald die Leitung der Regierung anzutreten. Ich werde zuerst die Heeresreform durchführen. Sodann werde ich jeden beliebigen Vorwand ergreifen, den Deutschen Bund zu sprengen und Österreich hinauszuwerfen.«

Disraeli fiel aus den Wolken. Solche Offenherzigkeit kann doch nur Unfähigkeit sein? »Und die Kleinstaaten?«

»Die werden wir unterwerfen und Deutschland die nationale Einheit geben. Ich kam, um den Ministern der Königin dies zu eröffnen, finde aber keinen Anlaß dazu, meine Zeit ist beschränkt. Ich sage es Ihnen, dem kommenden Mann.«

Disraeli entzog sich noch immer nicht seiner Bestürzung. Da ein Diplomat nach altem Herkommen immer das Gegenteil von dem sagt, was er will, so konnte man diese Phantasie nicht ernst nehmen. Was meinte er eigentlich? Er räusperte sich und brachte die neue Wendung aufs Tapet: »Sie werden aber Unruhen mit Ihren Radikalen bekommen.«

»Auch Sie, doch das wird vorübergehen. Sie werden mehlige Kartoffeln behalten« (o Otto! In England, wo man ein Stück Seife bekommt, eingewickelt in flatterige, wässerige Spreu!) »und genügende Banknoten, doch wir werden nicht so billig davonkommen. Auf dem Kontinent ist alles faul. Dies Jahr ist Ruhe, verglichen mit dem kommenden. Kein Thron auf dem Kontinent ist ein Jahreseinkommen wert. Mein Herr wünscht von mir eine neue Verfassung, doch ich möchte mit Verfassungen nichts zu tun haben, ihre Erfinder sterben daran. Statt einer Verfassung sollte man ein Vaterland machen und die zerstreuten Besitztümer in ein einziges patriotisches Besitztum sammeln.«

»Und wie könnte das geschehen?«

»Nur mit einem Mittel: Blut und Eisen!«

»Mein lieber Baron, Sie entsetzen mich!«

»Ich werde Sie noch mehr entsetzen, bis das Unvermeidliche geschah.« Die blauen Augen traten förmlich aus ihren Höhlen hervor, und Benjamin erkannte, daß dies ein gefährlicher Mensch sei. Doch er betrachtete solche unbesonnenen Verzückungen eines Verrückten mit dem gleichen Mitleid, das man dem zionistischen Autor von »Alroy« zubilligte, als er die Neugründung eines jüdischen Reiches in Palästina verkündete. Er brach ab und äußerte nachher zu Lord Ampthill: »Nehmen Sie sich vor diesem Menschen in acht! Er meint, was er spricht! Unglaublich, aber wahr! Im übrigen ist's alles der Mondschein eines deutschen Barons.«

*

Nachdem er doch in der Eile die englischen Minister sprach und furchtlos jede Nacht von Regentstreet nach Parkstreet eine einsame » lane« entlangschritt, wo laut Londoner Zeitungen jede Nacht die gröbsten Raubmorde vorkommen, kehrte er schon nach fünf Tagen nach Paris zurück. »Was sagen Sie zu den englischen Staatsmännern?« fragte Harry Arnim.

»Daß sie so dumm sind wie unsere und von uns so viel wissen wie von Japan und der Mongolei. Das ist erfreulich oder nicht, je nachdem. Spielen Sie mir lieber auf dem gesandtschaftlichen Erhardt vor!« Das war schon in Paris. Harry spielte Chopins Trauermarsch! Bravo! Beerdigen wir alle Frühgeburten! –

Paris leerte sich. Noch eine Korsofahrt in lauer Mondnacht im Boulogner Holz, und dann war es mit der Saison vorbei, alles flüchtete nach Trouville, wohin Otto auf ein paar Tage nachzukommen versprach, um später nach den Pyrenäen abzudampfen. Von allen Bekannten blieb nur einer zurück, den Otto schon als Jüngling bei seinem ersten Bummel durch Paris flüchtig gesehen hatte. Ein sehr kleiner, dicker Herr mit einem schlauen, bebrillten Eulengesicht, der weltberühmte Napoleonhistoriker Thiers. Nachdem sie sich auf einer Gesellschaft getroffen, fanden beide Herren Gefallen aneinander und verkehrten häufiger.

»Des Kaisers Monumentalwerk über Cäsar schreitet seiner Vollendung entgegen, wenigstens schreitet es vor«, plauderte Thiers auf einem Ausflug nach St.-Germain. »Ihr ausgezeichneter Romkenner in Berlin, mein Kollege, Professor Mommsen, arbeitet daran mit und wird sicher einen hohen Grad der Ehrenlegion erhalten. Der Kaiser will damit den Urgedanken des demokratischen Cäsarismus klarlegen, daß eben eine wirkliche Demokratie einer cäsarischen Spitze bedarf, und umgekehrt ein Cäsar ohne demokratische Grundlage nicht bestehen kann.«

»In solchem Sinne sind Rußland und die Türkei die demokratischsten Staaten«, bestätigte Otto mit leiser Ironie.

Thiers lachte. »So ist es nun freilich nicht gemeint. In Deutschland steht man solchen Begriffen noch sehr fern, besonders in Preußen.«

»Das kommt auf den Sehwinkel an. Vom Cäsarismus sind wir gottlob ganz frei. Cäsarenwahnsinn würde in Deutschland nur Gelächter erregen.«

»Das bezweifle ich. Wenn ein legitimer Monarch an solchen Anfällen von Größenwahn litte, würde man es byzantinisch hinnehmen, trotz aller offenen oder geheimen Kritik. Dazu fürchten die guten Deutschen zu sehr die Obrigkeit.«

»Die Franzosen etwa nicht?« fragte Otto pikiert. »Ich finde Polizei und Beamte viel gröber in Frankreich als bei uns. Von Demokratie vermag ich überhaupt hier nichts zu entdecken, trotzdem ja der Cäsar nicht fehlt. Ihre Doktrin läßt also die Probe vermissen.«

Thiers rückte unruhig an seiner Brille. »Pardon, dazu kennen Sie als Ausländer zu wenig unser Naturell. Der Kaiser ist populär, weil er Gloire gibt und Glanz und für gute Geschäfte der Industrie sorgt. Doch unter der Oberfläche wühlen immer noch republikanisch-revolutionäre Elemente.«

»Dann schon eher sozialistische. Der Franzose will die Egalité, jeder beneidet jeden, der einen besseren Rock trägt. Wie sagte doch der große Napoleon? ›Freiheit, bah, sie wissen nicht mal, was das ist.‹ Deshalb braucht der Kaiser sich vor nichts zu fürchten, solange er Orden, Ehrenstellen, Ämter zu verleihen hat und die Nationaleitelkeit füttert. Dazu bedarf er allerdings einiger aggressiven Händel in Europa, denn von Solferino wird man nicht sehr lange zehren.«

»Hm, Sie behandeln das Volk der Großen Revolution sehr kavaliermäßig«, schmollte Thiers beleidigt. »So oberflächlich darf man die vulkanische Kraft unserer großen Nation nicht abschätzen. Unsere Demokratie hat idealen Schwung, man muß ihn nur nutzbar machen. Paris, die Lichtstadt, wie Herr Viktor Hugo so schön sagt, dessen Verbannung und fortwährenden Feldzug gegen das Empire ich tief beklage, war allzeit das Heim aller Menschheitsideen, aller Märtyrer für die Sache der Freiheit. Wie großherzig nahm sich Frankreich Italiens an!« Für das Trinkgeld Nizza, dabei frondierten alle Marschälle gegen den Kaiser, weil er französisches Blut für das verachtete Makkaronivolk vergießen lasse, ohne daß man selber etwas Ansehnliches annektiere. Nach echtfranzösischer Auffassung hätte man lieber Piemont und Lombardei selber besetzen und zu einem französischen Vasallenstaat machen sollen. »Und wieviel Sympathien genießt hier noch das arme Polen! Wer weiß, ob Frankreichs Großherzigkeit nicht eines Tages dafür zu den Waffen greift! Die Unterdrückung dieser ritterlichen Sarmaten in Warschau, Krakau und ... Posen schreit ja auch gen Himmel.«

Otto sah von oben auf den listigen Zwerg herab, der ihn aus seiner Reserve herauslocken wollte. Thiers als Nationalhistoriker trieb natürlich echte Nationalpolitik, da gehörte es zum Geschäft, immer wieder die verlogene Legende von Frankreichs aufopfernder Ritterlichkeit für fremde Völker wiederzukäuen. Als ob der aufgepflanzte sogenannte Freiheitsbaum nicht überall ein Galgen für völkische Selbständigkeit der »Befreiten« geworden wäre! Napoleons Verschlingung der Niederlande, Italiens, Deutschlands nahm nur auf, was die große Revolution längst anbahnte und mit der Tat, wenn nicht dem Namen nach, durchführte. Sich für Polen schlagen! Ja, wenn es dabei was zu rabuschern gibt! Der Franzose ist immer Geschäftsmann, wenn er nicht in seinen plötzlichen Delirien ein Sansculotte oder Eroberer wird, und selbst hierbei betreibt er das Rauben und Plündern planmäßig kühl, unter den heißesten Phrasen.

»Die Polen«, berichtigte er ruhig, »befinden sich in Österreich sehr wohl, in Preußen bringen sie es sogar bis zur Unverschämtheit. Ich zweifle, daß ihnen mit Befreiung in Frankreichs Sinne gedient wäre. Übrigens, so geläufig sie Französisch plappern, ist ihre Art so wenig der französischen verwandt wie der deutschen. Die Verbrüderungssprüche, die ihre Emigranten hier mit den Parisern austauschen, tun es doch nicht.«

Ein Geheimspitzel, der schon lange Zeit unauffällig um das Paar herumstrich, hörte das Wort Emigranten und wollte schon diktatorisch die Personalien feststellen. Glücklicherweise erkannte er in Thiers, der wie jeder wahre französische Demokrat sein Kommandeurkreuz der Ehrenlegion auf der Straße trug, un monsieur très décorè, und dazu noch daneben den in Paris wohlbekannten langen Preußen. Aus so exterritorialen Gewässern ruderte er eiligst fort. Jeden Bürger des Empire und somit Inhaber der Volkssouveränität hätte er ohne weiteres vor den Polizeipräfekten zitiert, um sich wegen verdächtiger Gespräche zu verantworten, die jeder Mouchard auf seinen Amtsmeineid zu nehmen die staatstreue Pflicht hatte. Dann verschwand ein solcher Verdächtiger nach Sibirien – pardon, Cayenne – und seine Familie hörte nichts mehr von ihm. Dies war der demokratische Cäsarismus im Lande der sogenannten Großen Revolution.

»Kennen Sie unser Temperament so genau?« fragte Thiers spitz. »Nun, was fällt Ihnen am meisten am Franzosen auf?«

»Seine Ungeselligkeit. Es herrscht ein Kastenwesen, ein konventioneller Formalismus, von dem man sich in Deutschland nichts träumen läßt. Jeder hat ein Grauen davor, irgendwo anzustoßen oder seiner Würde etwas zu vergeben, alle Welt schwatzt daher nur über Nichtigkeiten und bleibt einander fremd. Schlägt jemand einen vertrauten Ton an, so glaubt der Franzose, man wolle ihn anpumpen, bei ihm hineinheiraten oder seine Frau verführen. Von Natur hat er ja eine ungebundene, lose Zunge, aber an der Table d'hôte sitzt er wie ein Trappist. Denn er könnte ja für weniger angesehen werden, als er gern sein möchte.«

»Die Deutschen sind aber laut und lärmend«, rief Thiers ärgerlich.

»Deutsche von guter Erziehung kaum. Jedenfalls ist diese Lautheit ein Zeichen von unbekümmertem, gutem Gewissen und Gleichgültigkeit gegen konventionelle Fesseln.« Unhöflicher zu werden wäre taktlos gewesen, er brach also ab. Da er den Franzosenfreund politisch herauskehren mußte, durfte er nicht so unklug sein, sein schlechtes Herz zu verraten, daß er die Franzosen nicht ausstehen konnte. Er ging in seiner Abneigung sogar zu weit und übertrieb noch die Leere und eitle Gimpelhaftigkeit der französischen Seele. Grattez le Russe et vous trouverez le Tartare! läßt sich hier umsetzen: Grattez le Francais et vous trouverez le Gaulois! Otto aber meinte, daß man, wenn man das bißchen Kulturschminke abkratze, beim Franzosen rein gar nichts mehr finde. –

In Trouville langweilte er sich derart über die internationale Klatschgesellschaft, daß er nach Blois abdampfte, um die altfranzösischen Schlösser, wie Chambord und Chenonceaux, zu besuchen. Von Loches, dem Schloß Ludwigs XI. mit den Oubliettes und Gefangenenkäfigen, und anderen Kleinodien der Touraine hatte er wohl nicht gehört. Immerhin kennzeichnete es, daß sein künstlerischer Sinn ihn trieb, diese weit von der gewöhnlichen Heerstraße abgelegenen Architekturschätze aufzusuchen. In der Provinz fiel ihm noch mehr die bäuerische Ungeschliffenheit auf, und er fand den guten Ton der Ackerbürger von Rummelsdorf und Schlave dagegen hervorragend. Die Offiziere im Café rasselten mit den Säbeln und gafften jedes Frauenzimmer so frech mit unanständigen Zoten an, daß er dachte: dies Heer von Troupiers ist an sich sehr gut, der Franzose hat eben angeborene kriegerische Eigenschaften, die ihn immer zu einem gefährlichen Gegner machen, aber wie soll man da moralische Kraft erwarten! Physische Bravour wohl glänzend, Routine und Geschicklichkeit gut, aber geistige Regsamkeit Null, Charakter liederlich. Ohne Napoleons Genie hätten die Französchen doch nur ein Roßbach von uns erlebt. Und Napoleon war ein Italiener. Marschall Niel und General Trochu sollen ja in Broschüren das preußische Volksheer als Muster empfohlen haben, doch damit werden sie bei dieser nur dem Wohlleben ergebenen Bevölkerung nicht durchdringen. Den preußischen Leutnant können sie uns am wenigsten nachmachen. O verlogene Welt! Unsere höflichen, ruhigen, wissenschaftlich gebildeten und in gewissem Sinne auch bescheidenen, nirgendwo überheblich auftretenden Offiziere werden überall als Bramarbasse verschrien. Und nicht mal die Junker von 1806 sind so arg gewesen, wie man sie malt. In Rußland, Österreich, bei den englischen Soldknechten wird der Gemeine viel menschenunwürdiger behandelt, und dies fränkische Prätorianerheer läßt es in Friedenszeiten an Brutalität nicht fehlen. Und doch heult man nirgends über Soldateska und Militarismus wie gerade bei uns. Diese aller guten Manieren baren, sträflich unwissenden, tatsächlich nur halbzivilisierten Franzosen gelten als Spiegel feiner Sitte und chevaleresker Ehre und würden uns sicher als Barbaren und Hunnen anpöbeln, wenn sie mit uns in Kampf gerieten. Daß sie das tun, ist bei einem so ungebildeten Pöbelvolk von Analphabeten unten und geistigen Analphabeten oben, die innerhalb ihrer chinesischen Mauer noch nicht das Abc humaner Weltbildung lernten, gewiß nicht verwunderlich. Aber daß die übrige Welt ihnen ihr kindisches Geschwätz und ihre aus angeborener Lügenhaftigkeit stammenden Schauermärchen noch obendrein glauben würde, das läßt auf einen Tiefstand der Bildung schließen, den ein simpler Deutscher sich nicht zurechtlegen kann. Stehen wir denn wirklich so hoch über allen anderen, haben wir allein Kultur von oben bis unten, an Haupt und Gliedern? O du armes, demütiges deutsches Aschenbrödel, wann wirst du als verwunschene Prinzessin erlöst werden und dastehen in deiner Macht und Herrlichkeit?

Gedanken an Dornröschen mochten ihm wohl kommen in der unendlichen Verlassenheit des Königsschlosses Chambord, wo er sich mit den Schwalben als den einzigen lebenden Wesen unterhielt. »Für Spatzen ist es zu einsam«, schrieb er mit prachtvoller Anschaulichkeit an Nanne und legte ein violett-purpurnes Heidekraut bei, das er pflückte. Er liebte diese Pflanze, wie alles, was einsam in freier Natur. Über den Türmen und hohen spitzen Schieferdächern der Schlösser, an denen er mit der Bahn südwärts nach Bordeaux rollte, flammte plötzlich ein breites Wetterleuchten. War es unheimlich gleißende Antwort des Himmels auf seine Frag«: Wann, o wann?

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