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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 6
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
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Endlich traf Johanna mit den Kindern ein, und er führte sie im gemieteten Palais herum. »Du weißt, vom Grafen Stenbock. Das hier ist der englische Kai. Na, Jungens, was sagt ihr zur Newabrücke? Fein, was? Der Stadtteil hier heißt Wassili Ostrow. Russisch müßt ihr auch ein bißchen lernen. Ich kann's schon, halte mir einen eigenen Lehrer. Der Kaiser hat sich nicht schlecht gefreut, als ich ihn zum erstenmal Russisch anredete. Man muß mit den Wölfen heulen und mit den Russen russisch reden. Nun, Nanne, was macht Mutsch, und hat Väterchen die Ernte eingebracht? Ach, ich sehe ihn, wie er sein Samtkäppchen lüftet und anstimmt: Nun danket alle Gott? Ich danke ihm so sehr, daß er meine Liebe für Waldbäume verwöhnt und neue Schonungen anleget. Mir duftet das Nadelholz bis hierher. Gott grüß dich deutscher Wald! Hier sind alle Uniformen grün, doch die Bäume in Reih' und Glied, die ihre grünen Fahnen präsentieren, sind mir immer das liebste Regiment.«

Johanna machte hier die gleiche Erfahrung wie in Frankfurt, nur in sehr verstärktem Maße, daß Otto sich in kurzer Zeit eine dominierende Stellung in der Gesellschaft eroberte. Als Russenfreund und Österreichhasser von vornherein mit jener überströmenden, feminin zärtlichen Herzlichkeit bewillkommnet, die beim Russen mit Ausbrüchen tierischer Wildheit und grausamer Härte wechselt, gewann er sich durch seine Persönlichkeit alle Herzen. Seine Beliebtheit kannte keine Grenzen.

»Das ist ein wahrer homme du monde«, schwärmte die Fürstin Orlow. »Man denke an seine Vorgänger und was man sonst von Deutschen kennt, diese steifen, zugeknöpften, anspruchsvollen, falsch-wohlerzogenen Leute! Diese frische, offene und doch selbstbewußte Art harmoniert so gut mit dem Ton unserer besten Gesellschaft.«

»Und dies exzellente Französisch!« hauchte der greise Reichskanzler a. D. Nesselrode. »Hier ist einmal ein Deutscher, mit dem man so leicht und sicher verkehren kann wie mit anderen gebildeten Leuten.«

»Er ist ganz einfach einer von uns«, dekretierte der alte Fürst Sjuworow, was allgemein Anklang fand. Einer von uns! Ein Angehöriger der höchsten uralten Kulturnation, gnädigst zugelassen in den erlauchten Kreis einer Barbarenaristokratie, deren Urgroßväter sich noch von Peter dem Koloß-Barbaren die Bojarenbärte stutzen ließen! Diese zum Teil sehr gebildete, zum Teil ganz seichte und jedenfalls rein in der Luft hängende hohe Gesellschaft, unter der sich hundert Millionen Analphabeten in ihrem asiatischen Schmutz winden, bildete sich ein, den Gipfel der Vornehmheit zu bedeuten, und schaute alles Deutsche hochmütig über die Achsel an. Solch frech unziemliche Anmaßung auch der neuformierten »Intelligenz« belustigte um so mehr, als der russische Tolpatsch nur vom Deutschen gekämmt und gestriegelt wurde und die eigenen baltischen Deutschrussen lange allein die obersten Stellen im Staats- und Heeresdienst belegten. Diese Zeiten schwanden schon damals, die jüngere Aristokratie trieft von verstecktem oder offenem Deutschenhaß, weil ihr oberflächlicher Mutterwitz sich vom Pariser Kulturfirnis naturgemäß mehr angezogen fühlte als von germanischer Gründlichkeit. Die angeborene Faulheit und Liederlichkeit des Russen fühlt eine Wahlverwandtschaft mit der scheinbaren Leichtlebigkeit des Galliers, der aber daneben ein sehr fleißiger, berechnender und sparsamer Mensch ist, und im Grunde dem Slawen noch ferner steht als der Deutsche, dem doch die immerhin gemeinsame Gemütlichkeit nicht abgeht. Eine gewisse barbarisch-orientalische Gemütstiefe, die auch in religiösem Überschwang eine fremdartige Mystik ausströmt und mit Knute und Sibirien eine wollüstige Märtyrerinbrunst großzieht, verschmilzt mit einer eiskalten Beobachtungsgabe und erzeugt dann jene seltsame Pracht einer besonderen Literatur, die auf entnervte Dekadenten europäischer Blasiertheit als Offenbarung wirkt. Daß aber diese Spezialität, denn weiter ist es nichts, von den deutschen Micheln angebetet werden würde wie der Kot des Dalai-Lama, diesen Triumph russischen Barbarendünkels erlebte Otto v. Bismarck nicht mehr. Das hätte ihn wohl nicht wenig angewidert. Es machte im Gegenteil einen vorzüglichen Eindruck, daß dieser Weltmann, der wie ein Pariser die Diplomatensprache beherrschte, sich gänzlich von jener Nachäffung französischen Wesens freihielt, mit der sich Deutsche und Russen so lächerlich machen. Zum förmlichen Hausfreund der kaiserlichen Familie geworden, blieb er doch immer mit Bewußtsein deutsch in seinem ganzen Gehaben und galt so als der wahre Typus eines richtigen Deutschen.

Sein großartiger Appetit sorgte für so guten Stoffwechsel, daß das schlechte vergiftete Blut sich auszuscheiden schien. Doch mußte er sich noch sehr schonen.

»Gottlob, nun sind Sie wieder da!« Der Zar umarmte ihn mit ungeheuchelter Freude, und die graziöse Vornehmheit der verwitweten Zarewna strahlte von Huld. Der Kanzler Gortschakow tat auch sehr zärtlich: »Mir hat immer was gefehlt, ich wußte nicht was, bis ich merkte, Bismarck fehlt mir. Ich betrachte Sie, wenn ich mich so ausdrücken darf, als meinen Lieblingsjünger in der großen Politik.«

»Unter solchem Meister ist man leicht gelehriger Schüler.«

Gortschakows maßlose Eitelkeit wurde fast zu Tränen gerührt, der Russe ist viel sentimentaler als der Deutsche, der diese zweifelhafte Tugend für sich pachtet. »Alle Welt hat Sie vermißt. Schonen Sie sich nur, mein Hochverehrter, Vortrefflicher!«

»Dazu bin ich sehr aufgelegt. Solch ein Hangen zwischen Leben und Tod besänftigt. So muß einem pensionierten Haudegen zumute sein, der alle Händel abschwört.«

»Sagen Sie lieber wie einem strebsamen Militär, der eine gute, behagliche Kommandantur zum Ausruhen bekam. Jetzt herrscht ja allgemeine Windstille. Ruhen Sie, liebster Freund, ich werde wachen.«

Das alte humoristische Lächeln kräuselte Ottos Mundwinkel, die schon so lange keinen Vollbart mehr trugen. Das Haar fiel ihm immer mehr aus, so daß die gewaltige Stirn klarer hervortrat. Der gute Gortschakow täuscht sich ein wenig, man kann auch die Ruhe eines Physikers haben, der allerlei spaßige Experimente mit kritischem Auge verfolgt. Dieser kalte graue Nordlandhimmel blickt nicht griesgrämiger und verdrossener auf die Isaakskirche als das Auge eines Enttäuschten, der keine Illusionen mehr hat, auf all dies nichtige Treiben. Der Ahorn färbt sich rot, und vielleicht fällt in meinem Lebensherbst noch ein blutiges Abendrot. Aber zehn gegen eins ist zu wetten, daß ich als Gesandter a. D. in Schönhausen meinen eigenen Sarg zimmern werde. In Gottes gewaltiger Hand sind wir wie ein verschüchtertes Vögelchen, dessen Herz in Todesängsten zuckt und das sich in seinem Nestchen nur heimisch macht, um später wieder von dannen zu fliegen. Wir sind nur Wandervögel, und reisen gar bald nach jenem fernen, unbekannten Land. Und wäre der Tod kein Übergang zu einer anderen Sphäre, dann wäre dies Leben nicht das An- und Ausziehen wert.

Da eine liberalere Strömung als je seit Alexanders I. erster Zeit am Hofe wehte, rechnete man es ihm auch hoch an, daß er die neue liberale Richtung in Presse und Literatur freundlich beachtete. In Rußland galt er als der einzige wirklich liberale und gebildete fremde Diplomat. »Er ist nur etwas exzentrisch«, meinte Graf Adlerberg, ein Germanophile. »Seine grenzenlose Offenheit ist fast kindlich, nimmt aber so sehr für ihn ein. Wer hat je einen Gesandten gekannt, der unverzagt seine eigene Politik verfolgt und das eigene Gouvernement kritisiert! Er predigt überall die Notwendigkeit einer Befreiung Italiens und unterhält freundliche Beziehung zur französischen Botschaft, trotz der gespannten Lage.«

»Aber er hält sich stets in den Grenzen, die einem Gesandten auferlegt sind. In allem perfekt sind diese Manieren, immer einfach und immer distinguiert«, urteilte die geistreiche Großfürstin Helene, eine württembergische Prinzessin. »Er macht Propaganda für seine Ansichten, ohne sich aufzudrängen.«

»Ich war immer für Deutschland«, bekräftigte der alte Fürst Sjuworow. »Aber jetzt macht er uns alle in Deutsches verliebt. Eine edle Nation, der natürliche Verbündete Rußlands! Gortschakow meint, Bismarck werde bald an die Spitze der Geschäfte berufen, und dann wird er allezeit unsere Unterstützung haben.«

Genau das nämliche dachte der Pläneschmieder in Paris, dem das Herz aufging, als er den Reaktionsminister Borries in Hannover, einen Renegaten des Liberalismus, öffentlich erklären hörte: »Der gerechte Widerstand gegen die törichten Einheitsbestrebungen wird zu Separatbündnissen deutscher Fürsten und sogar zu Abkommen mit nichtdeutschen Mächten führen, die nur zu froh wären, sich einzumischen.« Doch der Sturm von Entrüstung und Hohn in Deutschland über diese landesverräterische Drohung verknüpfte allen Ernstes die Namen Bismarck und Borries. Otto sprach sich vor seinem Legationsrat v. Schloezer, einem angehenden Historiker, über diese Dinge aus.

»Ich sage Ihnen ganz offen, ich bin hier nur auf amtliche Nachrichten, ohne Kommentar, angewiesen. Man schaltet mich ganz aus.« Mit tiefer Bitterkeit fügte er hinzu: »Das dumme Federvieh gackert wieder mal über meine Verruchtheit, es liegt System darin, und das Pack merkt nicht mal, daß es sich selber schlägt, wenn es auf mich loshaut. Denn seine nationalen Aspirationen teile auch ich. Der Koburger Herzog soll auch dahinterstecken, nebst fauler Literatenranküne. Die Magdeburger und Ostpreußische Zeitung begeifern mich mal als Bonapartisten, mal als Russen. Ich hätte den Rhein abtreten wollen für Arrondierung preußischen Gebietes im Norden. So was findet natürlich in Hannover gläubige Ohren, wo die Hannoversche Zeitung ja von jeher antipreußisch inspiriert wurde, und einst sogar gegen die Ratifikation des Zollvertrag Einspruch erhob. Alte Feinde und neue Neider im Bunde!«

»Es ist natürlich nicht das geringste daran?« fragte Schloezer vorsichtig.

»Das fragen Sie noch! Ich zahle jedem jede beliebige Summe, der mir je solche französisch-russischen Zumutungen an mich nachweist. Ich trat stets dafür ein, sich auf die eigene preußische Kraft zu verlassen, soweit als irgend möglich. Die Nationalkraft des übrigen Deutschlands für eine nationale Sache aufzubieten, wäre immer noch Zeit.«

»Kennen Ihre politischen Freunde denn nicht den Ungrund der Verleumdung?«

»Ganz genau. Aber was wollen Sie! Bin ich ein Österreicher oder ein österreichisch angehauchter Reaktionär wie der Herzog von Meiningen, den die Kreuzzeitung neulich lebhaft verteidigte? Nein, ich bin nur ein preußischer verdächtiger Parteigenosse, der strafbarerweise seine eigene Meinung hat und sich nicht von Fraktionsignoranten gängeln läßt. Da muß ich mich mit der offiziösen laumatten Dementierung solcher Gerüchte durch die Elberfelder Zeitung begnügen. Es geht doch nichts über gute Freunde! Wer auf Menschen baut, der ist gar bald betrogen, und ich danke Gott für jede solche Erkenntnis, die meine Gedanken vom Tagesqualm nach innen zieht.«

»Die von der äußersten Rechten waren immer Ketzerrichter, und Eure Exzellenz haben vielleicht zu lange mit ihnen im eigenen Lager gehaust.«

»Sagen wir: aus einem Topf gegessen. Die Sünden meiner Jugend!« –

Nach Zusammenkunft des Regenten mit Franz Josef in Teplitz spöttelte Gortschakow: »Die Wiener Gemütlichkeit hat wieder mal Furore gemacht, nicht mal ein Linsengericht bekommt Preußen, es verkauft sich gratis.«

»Ich mag's nicht glauben. Doch bin ich sicher, daß die Reizbarkeit und Unruhe der Wiener uns so oder so in Gefahr stürzt. Amtlich weiß ich nur, daß in Teplitz nichts Definitives beschlossen und unser Wohlwollen diesmal endlich von praktischen Konzessionen abhängig gemacht wurde. So ist's recht. Do ut des. Manus manam lavat.«

»Ach, die Wiener haben eine besondere Seife, die nur zu eigenem Schaumschlagen dient, und keinem anderen die Hände wäscht. Man hat ohne jede schriftliche Garantie mündlich versprochen, Österreich beizustehen, wenn Frankreich in Italien es auch noch wegen Venetien angreife. Für Offensive sei man freilich nur bei eigener Einwilligung verpflichtet. Doch klingt dies nicht verfänglich? Kann man nicht ohnehin den Krieg provozieren durch dreiste Herausforderung, etwa wegen der Garibaldischen Abenteurer? Früher rechnete man auf Napoleons eigene Angst vor der republikanischen Revolution in Italien, heut kam man davon ab und will erneut die Dinge gegen Napoleon auf des Messers Schneide stellen. Das wird Rußland nicht dulden.«

Rußland duldet dies nicht und das nicht. Nicht angenehm, daß wir von seiner Gnade abhängen. Aber es muß sein, auf lange hinaus. Ich tue hier ein sehr gutes Werk, uns das Wohlwollen zu sichern, das man in Berlin verscherzen wollte, und das nur durch mich erhalten und neu belebt wird. Vielleicht diene ich dem Vaterlande hier so gut wie in Frankfurt. Erst die nötigen Unterlagen schaffen, sonst bauen wir auf Sand. Ein Glück, daß die humanistisch gebildeten Grandseigneurs der älteren Generation noch am Ruder sind. Bei der nikolaitischen zweiten Altersklasse haben wir ja auch manche gute Freunde. Fürst Orlow ist zuverlässig, Sjuworow hat sich einst auf deutschen Universitäten herumgetrieben und bewahrt von daher Anhänglichkeit. Doch die Jüngeren, die sich später breitmachen werden, diese unfeinen Rüpel, die über jedes deutsche Wort die Nase rümpfen und jeden Zivilisten anrempeln, werden uns zu schaffen machen. Auf Gortschakow ist wohl auch nur Verlaß, solange er glaubt, mich zu belehren und am Gängelbande zu führen. Wir werden ja sehen, viel liegt verhüllet in der Zukunft Schoß.

Meyendorff, der frühere Gesandte in Berlin, der einst die Kriege gegen Napoleon mitmachte und somit die feine Höflichkeit des alexandrinischen Zeitalters und die damals unerläßliche hohe Bildungsstufe in die nikolaitische rauhe Epoche hinüberrettete, und seine hervorragende Gattin, die Österreicherin, blieben Otto nahe befreundet. »Im Oktober großes Versöhnungstheater in Warschau, wo die beiden Kaiser und Ihr Regent sich umarmen werden? Billigen Sie das?«

»Zurzeit ja. Der Zar wird gewissen Gelüsten einen Dämpfer aufsetzen. Ich begleite ihn auf allerhöchsten Befehl. Doch an der Wiener Politik wird sich nichts bessern, solange Ihr Herr Bruder seine eigenen Wege geht.«

»Ich wollte nur, Sie wären ein Jahr lang dort Gesandter, um dem Karl ein Gallenfieber anzuärgern, diesem unvernünftigen Narren.«

»In Ihrer Familie, gnädigste Frau, ist der Verstand ein Kunkellehen weiblicher Linie«, verbeugte er sich. Die Schmeichelei fiel auf fruchtbaren Boden, denn eine gerechte Schmeichelei wirkt doppelt. Es ist bezeichnend, daß die vielen nach Rußland verheirateten deutschen Damen, darunter die jetzige Zarin, die Zarin-Witwe, die Großfürstin Helene, vollständig Russinnen wurden. Bei andern Nationen pflegt das nie einzutreten, besonders nicht bei den Engländerinnen. Otto dachte ironisch an die preußische Kronprinzessin und die schreckliche Usedom.

Johanna fand es behaglicher, als sie geahnt hatte. Die vornehmen Damen brauchten ihre Reize nicht zu beneiden, ihre ruhige Schlichtheit galt aber als très comme il faut. Die in dieser Hinsicht wirklich vornehm denkende russische Gesellschaft fand es entzückend vornehm, daß sie von vornherein kein Hehl daraus machte, Bismarcks seien arme Leute, die mit ihren lumpigen 20 000 Talern Gehalt nicht Staat machen könnten, wie der englische und französische Botschafter. Statt rauschender Feste gab es in der preußischen Gesandtschaft nur ein offenes Haus für gemütliche, bescheidene Gastlichkeit, bei der die geistige Unterhaltung sehr stark die leiblichen Genüsse überwog. Man fand dies très rechercheé, und eine Einladung bei Bismarcks wurde hochgeschätzt, die Mode nannte es den feinsten Ton. Daneben genoß der Preuße hohes Ansehen als oberster Zigarren- und Weinkenner. Da seine Gönnerin, die Zarin-Witwe, beide Kenntnisse nicht liebte, mußte er sich oft die Kleider mit Eau de Cologne besprengen, wofür eine vierjährige kaiserliche Enkelin, sonst enfant terrible, ihm die Liebeserklärung macht: »Du riechst gut, du bist überhaupt lieb.« Die reizende Herzogin von Leuchtenberg, nicht umsonst vom Vizekönig Eugen Beauharnais abstammend, lachte dazu mit französischer Grazie: »Kinder und Tiere kennen ihre Freunde, und das ist ein Adelsdiplom.« Alle Frauen, alt und jung, hatten ihn gern, ein schönes Zeugnis für einen Mann, hinter dem in wesenlosem Scheine jede Erotik lag. Nur die beiden fürstlichen Damen daheim blieben ihm geschworene Feindinnen, und man klaschte ihm die Äußerung der Prinzeß Royal (denn als solche fühlte sie auch als deutsche Kronprinzessin): »Ich traue ihm nicht.« – –

Bei der Monarchenzusammenkunft in Warschau kam nichts weiter heraus, als daß Otto sich mit Karl Anton von Hohenzollern beredete. Der Fürst bekannte: »Ich ziehe mich mehr und mehr zurück, gegen die Prinzessin komme ich nicht auf. Sie erhebt Einspruch gegen jede Wendung, die uns Österreich entfremden könnte. Sonst ist ja einiges besser geworden. Der König von Hannover mußte den Borries entlassen.«

»Darum wird der arme Herr nicht aufhören, die Souveränität der Welfen ›bis ans Ende aller Dinge‹ zu proklamieren. Es muß ihm ein besonderer Ärger sein, daß der hannoversche Abgeordnete Bennigsen den großen ›Nationalverein‹ gründete. Dalwigk machte sich wie gewöhnlich unnütz, höre ich?«

»Er beantragte Auflösung des Vereins vom Bundestag. Der Koburger widersetzte sich aber erfolgreich und läßt die Gothaer nach wie vor tagen, der Wille der Nation läßt sich nicht länger ungestraft verletzen.«

»Wäre es nur ein richtiger Wille! Schreitet die Heeresreform denn vorwärts? Vorerst ist noch alles in der Schwebe.«

»Doch die Stimmung im Volke ist günstig. Man macht jetzt dem Polizeidirektor Stieber den Prozeß, und das Justizministerium wird von Simons gesäubert werden, der Regent gab seine Einwilligung. Die Liberalen sind ganz für die Krone gewonnen.«

»Und bekommen dafür allzuviele Macht. Sie werden sehen, die Parlamentsmaschine wird arbeiten, um von dem neuen Armeebudget allzuviele Abstriche zu machen.« Bis tief in die Nacht besprachen beide Herren die deutsche Frage. »Offen und keck heraus mit unsern Forderungen! Sie sind zu berechtigt, als daß sie nicht wenigstens zögernde Zustimmung finden müßten. Ich selbst verspreche mir alles vom allgemeinen Erwachen des Nationalgeistes, das ist unser einziger, wahrer Bundesgenosse.«

»Das deutsche Volk? Darauf waren Sie früher nicht gut zu sprechen.«

»Zeiten des Übergangs und der Unreife auf beiden Seiten. Heut hat man die Kinderkrankheiten hinter sich. Nein, diese Kleinstaaten von Rheinbunds Gnaden können ihren Partikularismus nicht länger halten. Die gute Sache mag Rückfälle haben wie meine Krankheit, doch im ganzen gesundet sie von Jahr zu Jahr, sobald wir nur ernstlich wollen und uns nicht länger schämen, von der Leber weg zu reden, in der Presse und im Landtag, nämlich, was wir in Deutschland vollbringen wollen und was der Bund für uns ist: ein Strick um den Hals in Feindeshand, die ihn am liebsten zuziehen möchte. Diese Schlinge auf einen Ruck zu zerschneiden, muß unser einziges Bestreben sein.«

»Und wenn man dazu ein Schwert gebraucht?«

»Um so besser. Für Bleichsucht verordnet man Eisen.«

»Ei, ei, Herr Doktor, Sie sind enragiert für rabiate Pferdekuren.«

»Ich würde das Rezept gleich verschreiben, ich kenne die Ingredienzien.«

Der kluge und edelgesinnte Fürst schrak fast zurück vor dem titanischen Wesen des Mannes, den er bis dahin nur oberflächlich kannte. Doch bewunderte er die Meisterschaft, mit der dieser Gesandte jedes Dilemma objektiv behandelte und mit schneidender Logik dann zum Schlusse kam, der immer eine haarscharfe Entscheidung enthielt. Der soll und muß mein Nachfolger werden, ich werde darauf hinarbeiten! dachte er beim Abschied.

*

Das alte Jahr ging ohne Sang und Klang zu Ende, doch das neue leitete sich mit einer Trauerbotschaft glücklich ein. Der umnachtete König starb. Nicht ohne Bewegung äußerte Otto sich im Familienkreis: »Mit allen Launen war er mir doch ein gütiger Herr, ihm verdanke ich meine Laufbahn, wenn ich sie so nennen darf. Gewiß schadete er unsäglich. Er war eben kein Geschäftsmann.« So sagte er ständig für Staatsmann. Das verriet, da er auch für die größten Angelegenheiten immer »die Geschäfte« sagte (mit Anklang an les affaires), wie kühl realistisch dieser Ideenmensch sein Handwerkszeug auffaßte. »Doch hat die Vorsehung es vielleicht wohlgemacht, daß seine Regierung uns zwanzig nutzlose Jahre kostete. Die Dinge waren nicht reif, und unter ihm wäre die Einheit ein totgeborenes Kind der Schwäche geworden. Jetzt – abwarten!«

Im Mai hatte man einen Gast von Ruf, den Professor Brugsch-Pascha, den bekannten Orientreisenden. »Und Sie weilten so lange in Persien? In so weite Fremde sind Sie gewandert?« Die Frau Gesandtin begriff nicht, wie man Weib und Kind so lange verlassen könne, die gute Seele. »Wir Frauen können es nicht fassen, daß man soviel für die Wissenschaft opfern kann. Gott sei bedankt und gepriesen, daß Sie nun in den Schoß Ihrer Familie zurückkehren, Herr Professor.« Dem gelehrten Reisenden wurde es warm ums Herz in dieser Familie, die er schlicht, einfach und herzlich fand ohne jede Hochnäsigkeit und Vornehmtuerei, weil ihm natürlich die Sitten eines wahrhaft großen Herrn, dieses vrai homme du monde wie seine russischen Freundinnen ihn nannten, nicht geläufig waren. Es herrschte freilich eine Sparsamkeit, wie sie die übermäßige Teuernis Petersburgs bei unzureichendem Einkommen gebot. Am andern Morgen früh auf, traf Brugsch die Exzellenz unterwegs mit einem Burschen, der einen Korb mit Holz trug. »Ah, guten Morgen, lieber Professor! Gut geschlafen? Ich gehe oft morgens aus, um für die Ofenspeise zu sorgen, denn sonst wird man beim Holzkaufen immer betrogen, wenn man nicht selber zum Rechten sieht. Ich höre, Holstein hat Sie zu einem Abschiedsdiner heut abend eingeladen. Ich fürchte, meine Frau läßt mich nicht fort, russische Herrendiners hat sie auf dem Strich. Na, ich will sehen, was sich diesmal machen läßt. Auf Wiedersehen!«

Der Legationssekretär v. Holstein unterhielt Brugsch mit Lobeserhebungen auf seinen Chef. »Alle Kreise der Petersburger Gesellschaft sind ihm gewogen, allerhöchstenorts steht er in besonderer Gunst. An diesem außerordentlichen Manne ist alles groß, und so imponiert den Russen am meisten seine Körperkraft. Sie sollten ihn auf der Bärenhatz sehen! Furcht kennt er nicht und stellt sich dem zottigen Unhold selbst mit dem Hirschfänger.«

»Da gibt's ein feines Jägerlatein,« lachte der Militärbevollmächtigte Freiherr v. Loen, der mit von der Partie war, »wie Bismarck mit den sieben Suppenschwaben auf die Bären losfuhr. Bei der Rückkehr ward einer gefragt: ›Wie ging's?‹ Da sprach der Brave: ›Schlecht ging's, Väterchen. Kaum trabt der erste Petz heran, da schießt der Preuße ihn schon tot, da kommt der zweite, wieder ein Kapitalschuß, der dritte, und wir fehlen alle, nur der verdammte Preuße erlegt ihn. Weiter ist uns kein Bär mehr zugelaufen, Väterchen!‹ Ja, ja, so scharf schießen die Preußen.«

Der Hauptmann v. Eckert meinte: »In hohen Stiefeln und Jagdrock sieht unsere Exzellenz aus wie ein alter Recke aus der Urzeit. Er hat Jagdglück in allen Dingen. Weidmanns Heil! Haben Herr Professor schon die zwei kleinen Petzchen gesehen, die er aufzieht? Die werden manchmal als Hofnärrchen bei Tafel serviert, klettern auf dem Tisch herum und kneifen die Diener in die Wade. Haben Sie nicht in der Ecke die kleine Rutschbahn bemerkt? Für die Kinder und die Petzchen. Exzellenz liebt alle Tiere und die Tiere ihn, die stumme Kreatur hat oft mehr Menschenkenntnis als Menschen.«

Es ging auf zehn Uhr, das vornehme Restaurant geriet in Bewegung, als die hohe Gestalt des Herrn Gesandten grüßend an den Tischen vorbeischritt. Es kannte ihn jeder. »Na, Kinder, da bin ich. Heut wollen wir guter Dinge sein, denn die letzten Depeschen aus Berlin sind nicht schlecht. Einen braven Schluck werde ich mir endlich auch mal erlauben, obschon meine Gebieterin mir die erbetene Erlaubnis abschlug. Einmal muß auch der Pantoffelheld echappieren und über die Klinge schlagen. Ein deutsches Prost!« Das Pokulieren, da Brugsch ein sehr taktfester Pichler war, dauerte bis zwei Uhr, und Bacchus regierte die späte Stunde so unumschränkt, daß die anderen Herren mit einiger Mühe in ihre Droschken gelangten. Die Exzellenz bot aber den schlauesten Umgarnungen des Weingottes so gelassen die Stirn, daß er zu Hause noch den Prinzen Croy aus dem Bette klopfte: »Holstein ist heut ... auf Urlaub. Ich muß notwendig noch zwei Depeschen diktieren.«

Doch umsonst hatte er Immediatberichte oder eigenhändige Briefe Monat für Monat nach Berlin regnen lassen, die dortige Dürre zu befruchten. Der einzige Erfolg, der nicht ausblieb, bestand in Rückfällen seiner Krankheitszustände durch Überarbeitung. Er hätte sich selber sagen können, daß Schleinitz solche ihm unangenehmen Darlegungen gar nicht zum Herrscher durchließ. Dagegen erschien plötzlich der frühere Militärbevollmächtigte Graf Münster in Petersburg als eine Art Inspizient und Kontrolleur, ob nicht der Gesandte Unrichtiges über die Mißstimmungen des Zaren, weil Preußen hartnäckig an Österreich festhielt, berichtet habe. Otto kochte vor Zorn über diesen Unglimpf, stellte aber trocken fest: »Ich habe die eigenen Marginalnoten Seiner Majestät am Rande diplomatischer Aktenstücke gesehen und fuße auch auf mündlichen Informationen meiner Freunde am Hofe.«

»Wer kann denn kaiserliche Marginalien gezeigt haben!«

»Fürst Gortschakow. Vielleicht war die Indiskretion berechnet. Was die mündlichen Vertraulichkeiten betrifft, so weiß ich hierdurch auch, daß man verschiedene unserer Chiffren hat. Ebenso wollen Sie gefälligst verbreiten und die Warnung bei deutschen Höfen zirkulieren lassen, daß das Schimpfen auf die russische Politik in Privatbriefen an hiesige fürstliche oder hochgestellte Personen regelmäßig zur Kenntnis des Zaren gelangt. Seine Majestät hat mir dies selber gesteckt mit dem Bemerken, das sei absichtliche Beleidigung, weil man doch wisse, daß er nach monarchischem Recht die Briefe aus Deutschland lese.«

Graf Münster sah ein, daß man einem Manne, mit dem der Zar so intim stand, wohl schwerlich ungenaue Berichterstattung nachweisen könne. Außerdem verblich Schleinitz' Herrlichkeit schon sehr. In Berlin zankte die Kammer mit der Regierung wegen der sogenannten Erbhuldigung, die mit der Verfassung nicht vereinbar wäre. Roon drohte, als Kriegsminister sofort zu gehen, wenn der König nachgebe und forderte seinen Freund in Petersburg auf, persönlich zu Hilfe zu kommen. Schleinitz sei so gut wie gestürzt, der König wolle jedoch Otto nicht dies, sondern Schwerins Portefeuille übertragen. Der Geplagte an der Newa hatte sich auf Reinfeld und Ferienfrieden gefreut, und Schwerins Erbschaft anzutreten, lockte ihn nicht. Alle diese Lappalien! Die ganze Schwäche im Innern, das erneute Überwuchern des Parlamentarismus, stammte aus der einen Quelle: der Schwäche nach außen. Werden wir dort geachtet und haben Erfolge, läßt sich selbst die neue Fortschrittspartei viel gefallen. Sonst werden wir alle über Formalitäten den Hals brechen.

Seufzend reiste er sofort ab, fand aber, als er am 9. Juli deutschen Boden betrat, die Krise schon erledigt. Roon, der im Kanton Schwyz seine Ferien verlebte, blieb im Dienst, weil er der Armee nützen wolle, Graf Bernstorff figurierte an Stelle von Schleinitz. Roon schrieb jedoch ganz verzweifelt, daß der König matt und hinfällig, die Parlamentsregierung sicher und keine Rettung möglich sei. Die Kreuzzeitung habe es für immer mit dem König verdorben, weil sie seinen Verzicht auf die sonstige Huldigung und dafür Einsetzen einer Krönungszeremonie in Königsberg schonungslos kritisierte.

In Berlin fand Otto nichts als Schwätzerei über Nichtigkeiten: Ob der Obertribunalrat Waldeck seine neue Partei zusammenbringen und ob Edwin Manteuffel die verhängte Festungshaft wegen Duell mit dem Abgeordneten Twesten wirklich absitzen werde. Letzterer hatte eine superkluge Broschüre verfertigt: »Was uns noch retten kann.« Otto lachte bitter: Das weiß solch ein Stubenhocker genau! Was uns retten kann, wüßte ich schon, aber auch jetzt ist's noch nicht Zeit. In Baden stieß er beim König auf eine unfreundliche Stimmung, wie er ihr noch nie begegnete. Unangenehme Überraschung sprach aus der Frage: »Sie wieder hier? Sie kommen wohl wegen dem Ministerwechsel?«

»Nur wegen Bitte um Urlaubsverlängerung, um der Krönung Euer Majestät beiwohnen zu dürfen.«

Die Miene des Königs klärte sich auf. »Gern gewährt. Bleiben Sie zur Tafel!« Er vermied jedoch jedes politische Gespräch, sah gedrückt und körperlich abgespannt aus. Der Ärger nagte an ihm, daß all sein Entgegenkommen die Liberalen nur dreister mache, und die Erkenntnis, daß mit solcher Parlamentsmajorität nicht zu regieren sei. Die ganze Lage eine Mißgeburt, erzeugt von Kammer und Ministerium mit der weiblichen Nebenregierung! Seine strenge Rechtlichkeit lag mit dem Zorn im Streit, daß seine Verfassungstreue ihm von rechts und links gleich übel gelohnt werde. »Ihre Kreuzzeitung«, brach er zuletzt los, »werde ich nie mehr lesen. Das nennt sich königstreu! Überhaupt die Reaktionäre sind so schlimm wie die Revolutionäre.«

»Ich mißbillige schon lange die Haltung dieses Parteiorgans und stehe ihm viel ferner als z. B. mein Freund Roon.«

»Freut mich sehr. Ich habe verboten, das saubere Blatt in irgendeinem königlichen Schlosse zu halten.«

»Die auswärtige Politik darin ist mir besonders zuwider. Daraus entstehen solche Albernheiten wie die Sammlung im Herrenhaus zu einem silbernen Ehrenschild für den König beider Sizilien.«

»Den dieser Garibaldi vertrieben hat. Sie werden nicht leugnen, daß dies jedes konservative Gefühl empört.«

»Mich ficht das nicht an. In keinem Blutstropfen fühle ich Verpflichtung, einem fremden Monarchen zu dienen. Meinen eigenen bis in die Vendée. Es war vielleicht taktlos, daß Vincke einen Zusatz zur Kammeradresse an Euer Majestät durchsetzte, worin Sympathie mit Italiens Einheitsbestrebungen ausgedrückt wurde. Aber die Liberalen priesen es als staatsmännisch nicht ohne Grund, weil die Analogie mit Deutschland auf der Hand liegt.«

Der König seufzte. »Schleinitz nennt Sie einen Idealisten. Indessen – Adieu, auf Wiedersehen am Pregel!»

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