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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Da in so hohen nördlichen Breiten schon die Periode der Mitternachtssonne begann, besah er sich den bunten Schiffsverkehr auf der Newa bei Abendrot um Mitternacht und eine Stunde darauf lag das Morgenrot rosig auf dem Wasser. Aber daheim in Deutschland gab es kein Morgenlicht, nur politische Dämmerungszustände. In der unheimlichen Helle dieser nordischen Nächte, wo man ohne Kerze lesen konnte, sah er manchmal auf einer der kleinen Inseln nach dem Meere zu, wo eine besonders erquickende Brise wehte, und trank Tee nach russischer Art, gelben Karawanentee mit Zitronenscheiben, aus langen Gläsern. Die Fürstinnen Obolinski und Gagarin, die er von Frankfurt her kannte, beschäftigten sich mit dem Samowar und rauchten Papyruszigaretten, und er plauderte lässig mit einem neuen klugen Bekannten, dem Grafen Schuwalow.

»Preußen mobilisiert«, begann dieser sorgenvoll. »Wie wird das enden?«

»Mit unnützen Geldkosten. Preußen kann zu guter Letzt nicht so gottverlassen sein, sich Österreichs Übermut gefällig zu zeigen und ein paar Mittelstaaten, die über Nacht an deutschpatriotischen Wallungen leiden, nach dem Mund zu reden.«

»Aber wenn Österreich vernichtet würde –«

»Das würden wir wohl mit Recht nicht zulassen. Doch vorerst ist's weit davon. Stehen die Weißröcke erst in ihrer Festungslinie, können die Franzosen sich die Zähne ausbrechen. Und Preußen kann's nur recht sein, wenn sie gegenseitig mit ihrem Blut den Po und Mincio färben.«

»Rußland dürfte wohl ähnlich denken. Sie behielten bisher recht, wir mobilisieren noch nicht. Aber wenn nun ganz Deutschland in seinem Franzosenhasse sich erhebt –«

»Über Nacht aufsteht wie ein Mann?« Otto schüttelte wehmütig den Kopf. »Sie sind hier daran gewöhnt, daß der Lenz seine Zeit verschläft, sich aber dann plötzlich in einem Tage seine grüne russische Uniform anzieht. Die Deutschen haben ein gemäßigtes Klima, der Frühling kommt langsam, ein zu rasches Aufstehen behagt uns nicht, erst gähnen wir eine Weile.«

»Napoleon zog ja schon in Mailand ein. Dies könnte das Signal sein für –«

»Dies müßte es sein«, unterbrach Otto heftig, »für endlichen Einzug Preußens in seine Rechte. Würde heut der Bund aufgehoben und nichts an seine Stelle gesetzt, so würde diese negative Akquisition schon natürlichere Bedingungen schaffen. Die Mittelstaaten können jetzt ihrer Arroganz nicht frönen, wo es ernst wird und sie wie bange Küchlein zur Henne laufen, um unsern Schirm zu suchen. Das wird ein Heilmittel sein, ihnen für immer eine Dosis Preußenschreck einzuflößen und sie von ihrer Österreicherei zu purgieren. Hilft nicht dies sanfte Rhizinusöl, dann fürchte ich sehr, daß wir uns vom Deutschen Bund gewaltsam losreißen müssen mit Feuer und Schwert.«

»Mit Feuer und Schwert?« Peter Schuwalow sah ihn erstaunt an. »Das sind starke Worte. Ist es denn so schlimm?«

»Ja, und ich hoffe, daß Rußland in wohlverstandenem eigenem Interesse uns dabei helfen wird. Österreich strebte ja die Hegemonie in Europa an, die ihm in keiner Weise zukommt, und Sie erfuhren dies zur Genüge.«

»Der Zeitpunkt scheint freilich günstig. Aber die deutsche Nation will doch Krieg gegen Frankreich, sagt man.«

»Sagt man! Wer sagt? Besoldete Skribenten. Das Volk will niemals Krieg außer für eigene Lebensinteressen. Selbst der verblendeten Kreuzzeitung wird jetzt die Sache zu krumm, daß eine antipreußische Mehrheit am Bundestag uns ins Feuer schicken, ohne weiteres unser Heer zur Disposition für österreichische Hausinteressen verlangen will. Dieselben Kleinstaaten, die unsern Schutz nicht entbehren können und im Notfall so leicht die Farbe wechseln, sich zu Frankreich schlagen und uns mit dem verfahrenen Wagen im Dreck sitzen lassen würden! Diese Kompetenzüberschreitung sollte uns veranlassen, den Handschuh aufzunehmen und Revision der Bundesverfassung zu verlangen. Deutschland, wie die dummfanatische, stets veränderliche Tagesmeinung es versteht, ist nicht Preußen. Wollen wir uns nicht ganz aufgeben, so müssen wir in Rußland den Halt finden, um uns jeder Bevormundung zu entziehen.«

»Sie wollen doch aber nicht ein Eingreifen Preußens für Frankreich?«

»O nein, ebensowenig erwarte ich das von Rußland. Kalte Neutralität. Österreich wagte ein hohes Spiel, aber mit Diplomatie allein hält man den Anschein der Macht nicht aufrecht. Ich setzte es neulich Gortschakow auseinander. Karl Buol, der Fürchterliche, nahm sich kecke Schachzüge vor. Er wollte sich mit Frankreich verbinden, um Italien im Zaun zu halten, mit England, um sich der Türkei gegen Rußland zu versichern, und Preußen so einschüchtern mit Benutzung der deutschen Vasallen, daß Rußland isoliert wurde. Doch dessen Demütigung im Krimkrieg gereichte nur Napoleon zum Nutzen, und England tut nichts für irgendwen, wenn es seinen Zweck erreichte. Unsere Macht unterschätzt aber der brave Buol, Folge seiner ethnographischen Unwissenheit.«

»Ethnographisch? Wie meinen Sie?«

»Daß kein Staatsmann etwas taugt, der nicht an Ort und Stelle fremde Staaten beobachtete. Buol sollte doch wenigstens auf seine Schwester hören, die männlich kluge Frau v. Meyendorff, doch er beharrt in seinem engen Gesichtskreis, der sozusagen mit St. Pölten aufhört. An dieser madjaro-slawischen Großmacht wird man noch Überraschungen erleben.« Otto sprach sich so offen aus, weil er seine Anschauung in der Petersburger Gesellschaft verbreitet wünschte. »Auch von uns in umgekehrtem Sinne, doch wir sind so langsam methodisch.«

»Hm, der Russe spannt auch sehr träge an, aber dann jagt er los, bis die Pferde den Hals brechen.«

»Das werde ich morgen erfahren«, brach Otto ab, indem er sich verabschiedete. »Ich fahre morgen nach Moskau.« –

Das mußte er gesehen haben, um sich ein richtiges Bild dieser pseudoeuropäischen Großmacht zu bilden. Grüne Dächer, rote und hellblaue Türme mit goldenen Zwiebeln an der Zinne, das Ganze in einen grünen Ton getaucht, daß Otto spöttisch fragte, ob auch die Hühner grün seien, die ihm seine Frühstückseier legten. Alles orientalisch, ein fremder Weltteil. Als die Fürstin Jussupow ihn erinnerte, er habe mit ihr als blutjunger Auskultator in Berlin getanzt bei ihrem Vater, dem russischen Gesandten, mußte er sich gleichsam den Schlaf aus den Augen reiben und in die Ferne schauen, daß dort ein Europa liegt.

Nicht europäisch mutete auch eine Szene an, die er beim Gouverneur Fürst Dolgoruki erlebte. Ein greiser Subalternbeamter, früherer Unteroffizier, trug das Eiserne Kreuz. Woher er das habe?

»Von Kulm.« »Gratuliere, ein noch so kerniger Veteran von 1813!« Stramm, mit lauter Stimme, wie für Untergebene im Dienst dies in Rußland üblich, antwortete der Mann: »Auch heut noch zöge ich in den Krieg.« »Gegen wen denn?« »Immer gegen Österreich natürlich.« »Doch das war ja unser Verbündeter bei Kulm, und die Franzosen waren unsere Feinde.« »Lieber ein ehrlicher Feind als ein falscher Freund.« Flugs lagen sich Gouverneur und Muschik in den Armen, küßten sich innig auf beide Wangen und weinten vor Schmerz und vor Freude! Das ist Rußland. Orientalische Sultans- und Paschawirtschaft und orientalische menschliche Natürlichkeit, wüste Tyrannei und wüste Demokratie. Der Padischah kann ja einen Kameltreiber zum Vesir machen, vor ihm sind wir alle Hunde und ... rechtgläubige Brüder. Der orthodoxe Islam. La illa il Allah. Das Leben für Väterchen Zar, und wenn er den Rücken wendet (Zar Nikolaus sagte es offen), ein Dolchstoß! –

In Peterhof und Oranienbaum, wohin ihn die Großfürstin Helene einlud, eine Gönnerin von Frankfurt her, sah es nun freilich sehr zivilisiert aus. Doch er wurde ein Gefühl völliger Fremdheit nicht los und es zog so eisig vom Meere her, daß es seine ganze Seele durchfröstelte, als zerreiße eine täppische Bärenklaue die Klaviatur seines Innern. Hexenschuß und Rheumatismus fielen ihn an, und er starrte, dick eingewickelt, auf die Wand nach den Photographien Johannas und der Kinder. Das deutsche Heimweh sehnte sich nach einem stillen, bedächtigen Sonntag, weg aus diesem Fieberleben der großen Welt. Falschheit und selber törichte Leidenschaften unterwerfen sich mit rastlosem Hämmern die allgemeine Unvernunft. Und wenn man selber mitklopft, verrenkt man sich den Arm, daß einem der Atem ausgeht. Mit Gottes Hilfe verfertigten sich aber die meisten Herren Staatsmänner ein Hämmerchen von Papier, das keinem wehtut, und ihr Herzchen, wenn sie überhaupt eins besitzen, ist von Juchtenleder. Du aber, mein fernes Preußen, mußt wirklich Hammer oder Amboß sein, beides von richtigem Eisen.

Die gastrisch-nervösen Schmerzen nahmen so zu, daß er wie erschlagen auf dem Rücken lag. Er schob es darauf, daß er aus überheizter Rennbahn ohne Pelz nach Hause ging, doch machten sich plötzlich die Folgen seiner Beinverletzung in Schweden fühlbar. Man bekämpfte das Übel auf echt russische Weise mit unzähligen Schröpfköpfen und Spanischen Fliegen, wobei sich auch eine Roheit der Behandlung bemerkbar machte, an die er aus politischer Sympathie und ausschließlichem Verkehr in den polierten hohen Kreisen nicht hatte glauben wollen.

Schon dämmerte ihm ein besseres Jenseits, als er den sogenannten Ärzten begreiflich machte, ein weiteres Blutabzapfen könnten seine Nerven nicht aushalten, die durch achtjährigen politischen Ärger erschüttert seien. Da ließen sie von ihren Umtrieben ab und ließen die gute Natur walten, die sich denn auch mit Hilfe von Sekt erholte. Nur das damals geschundene linke Bein schmerzte noch. Seine erste Ausfahrt galt der Zarin-Witwe, die ihn als Landsmännin mit mütterlicher Güte überhäufte. Er nannte sie zärtlich in seinen Briefen »Kaiserin Mutsch«, wie er seine eigene Schwiegermutter betitelte.

Diesmal traf er die hohe Frau auf einem Balkon, an einem schwarzroten Wollschal strickend. Schwarz angezogen, lag ihre imposante Gestalt auf einer Chaiselongue, und ihre tiefe, starke Stimme bewillkommnete ihn landsmannschaftlich auf Deutsch.

»Ich muß Sie schelten, Sie haben sich nicht in acht genommen. So sind die Männer, und nachher müssen die Frauen sie pflegen. Nun, das ist unser Beruf. Ich muß Sie auch schelten, weil Sie so furchtbar offenherzig sind. Gortschakow erzählt dem Zaren davon Wunderdinge.«

»Sicher nichts, was Seine Majestät verletzen und die Kreise seiner Politik stören könnte.«

»Gott, nein! Mein Sohn ist ganz entzückt von Ihnen und zeigt es ja. So oft wie Sie wird kein Diplomat zu intimem Cercle eingeladen, neulich nahm Sie der Zar ganz allein in seinen Salonwagen, was nicht wenig Aufsehen machte, weil Sie in Zivil und ohne Orden waren.«

»Es ist hier beim diplomatischen Korps nicht Brauch, Staatsuniform oder Ordenszeichen anders als bei offiziellen Anlässen anzulegen. Das hat natürlich Unzuträglichkeiten. Die junge Generation der Offiziere wird leicht unhöflich gegen Zivilisten.«

Die Kaiserin lächelte. »Wir sind in einem sehr monarchischen Staat.«

»Ach, in Paris ist es nicht anders. Ein ›dekorierter Herr‹ wird dort von der Polizei unglaublich estimiert, die sonst sacksiedegrob gegen das Publikum ist. Ich erlebte dort drollige Geschichten. Jeder Franzose, der die Ehrenlegion hat, trägt sie womöglich auf dem Schlafrock und geht damit zu Bett.«

Das ehrliche, schöne Lachen der Kaiserin antwortete. »Das sind nun die Demokraten und die höflichen Franzosen!«

»Reine Mythe. Die Franzosen sind innerlich weder Demokraten noch höflich. Niemand wird früher brutal, wenn er nur im geringsten gereizt wird. Sie schimpfen wie Rohrspatzen und sinken in der Wut auf ein Niveau der Unfläterei wie kein Barbar. Die Beamten sind abscheulich grob und dann wieder kriechend.«

Sie seufzte. »Die traurige Menschennatur! Die Russen sind von Natur sehr gutmütig, glauben Sie mir, sie stehen den Deutschen am nächsten – wenigstens in der Gemütlichkeit,« verbesserte sie sich rasch – »und hatten auch immer Vorliebe für die Preußen.«

»Nicht die junge Generation, wie ich mir untertänigst einzuwenden erlaubt. Die legt auch nicht viel Wert auf Höflichkeit der Formen.«

»Ja, mir fiel dies auch auf. Was Sie von den Franzosen sagen, erklärt vieles, denn die jüngere Herrenwelt bezieht ihre Manieren fix und fertig aus Paris. Dort wird man jetzt sehr übermütig werden. Erst Magenta und jetzt vor vier Tagen Solferino. Sie hatten die Kunde wohl bald?«

»Der Telegraph reist rasch. Die armen österreichischen Soldaten! Wie elend müssen sie geführt werden! Ein Clam-Gallas ist dabei, bei denen ist der Titel ›Heerestrommel‹ erblich, weil man von ihnen immer nur hört, wenn sie geklopft werden.«

Die hohe Frau lachte herzlich. »Mich freut's, daß diese österreichischen Großtuer solche Trommeln haben. Doch in ihrer sündhaften Verstocktheit werden sie sich die Lehre nicht zu Herzen nehmen. Wollen Sie schon gehen?« Otto hatte sich erhoben. »Ich habe noch keine Lust, von Ihnen Abschied zu nehmen, doch Sie haben wohl schrecklich viel zu tun.«

»Nicht das mindeste, Majestät«, beeilte er sich zu erwidern.

»Dann bleiben Sie doch, bis ich morgen abfahre.« Sie machte eine Seereise.

»Ich folge dem Befehl Euer Majestät mit Begeisterung.

Sie lachte wieder. »Gefällt's Ihnen so gut bei mir? Nun ja, Peterhof ist sehr hübsch. Nachher kommen der Zar und Gortschakow, dann wird es ganz idyllisch.« Sie lächelte mit gutherzigem Spott, als sie sein langes Gesicht bemerkte. Geschäfte hier!

Er schlenderte durch die Terrassen, wo Rosen bis ins Wasser hingen und das blaue Meer über die Wipfelpracht hereinlugte, auf dem Segel und Möven wie weiße Schmetterlinge flatterten. Als der Himmel und die Schäferwölkchen darauf sich goldig färbten, kamen der Zar und der Kanzler durch einen schattigen Gang herangewandelt.

»Guten Abend, Bismarck! Preußen mobilisiert also wirklich? Haben Ihre Herren auf der Gesandtschaft schon Order?«

»Zu Befehl, Sire. Leutnant v. Klüber und der Sohn meines alten Legationsrats Kelchner wurden zum Regiment eingezogen. Sie lassen sich einen vier Zoll langen Schnurrbart wachsen. Es sieht aber schon bedeutend friedlicher aus.«

»Finden Sie? Preußen wird keine Dummheiten machen?«

»Das wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls schwindet meine Angst vor übereilten Entschließungen, denn der Krieg dürfte wohl fürs erste beendet sein. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn von Österreich fürchtete ich Schlimmeres als von Frankreich, nämlich den gröbsten Verrat. Es würde sich mit Napoleon verständigt haben, und wir müßten den für fremde Interessen auf uns genommenen Krieg allein führen.«

Der Zar lachte bitter. »Hören Sie, Gortschakow? Der kennt unsere gemeinsamen Freunde, die Wiener. Und diese miserable Armee!«

»Das möchte ich nicht sagen, Majestät. Die k. k. Truppen schlugen sich allzeit gut, nur die veraltete Taktik erweckt die schlimmsten Befürchtungen. Ein gelehrter Militär, Oberst v. Roon, setzte mir das auseinander. Ich glaube auch nicht, daß alle österreichischen Führer nichts taugen. Raming soll verständig sein, auch Stadion, Benedek sogar sehr gut. Nur die Armeechefs wie Giulay und Wimpfen verschulden alles, obschon die Generalstabschefs Kuhn und Heß im Berliner Generalstab einen guten Ruf genießen. Ich glaube, bei den Franzosen steht es damit auch nur soso. Außer dem General Niel hat kein Führer dort Bedeutung.«

»Aber Mac Mahon, den wir ja von Sebastopol kennen, soll doch bei Magenta Großes geleistet haben.«

»Wohl mehr Zufall, soweit man sich aus den Berichten ein Bild machen kann. Der Marschall Canrobert ist ganz schneidig, aber nicht mehr. Und die Italiener kämpfen zwar wacker, erlagen aber vollständig vor Benedek.«

»Nun, dann war es also die bessere Truppenqualität der Franzosen«, mischte sich Gortschakow ein.

»Das sind bekanntlich sehr gewandte, tapfere Soldaten. Aber leicht wurde ihnen das Siegen nicht. Ich erhielt österreichische Zeitungen, auch französische, über Magenta, und man klaubt sich da schon zwischen den Zeilen die Wahrheit heraus. Im Zentrum bei Solferino müssen die Österreicher wie die Löwen gefochten haben, um den Zypressenhügel floß viel französisches Blut.«

»Und die gezogenen Geschütze?« forschte der Zar eifrig.

»Die mögen ein Fortschritt sein, obwohl man in Berlin keinen Wert darauf legt. Von ihrem Übergewicht war aber nichts Entscheidendes zu merken, die glatten österreichischen Geschütze deckten den Rückzug vollkommen. Der Artillerieinspekteur, Erzherzog Wilhelm, soll auch ein vortrefflicher Fachmann sein.«

»Und die famose französische Kavallerie?«

»Versteht zu sterben. Die Preußenhusaren, lauter Madjaren, warfen aber die Chasseurs d'Afrique über den Haufen. Andererseits hat das bessere österreichische Gewehr auch nichts gewirkt, weil die Österreicher fortwährend ihre Bajonettattacken in Bataillonskolonnen ausführten, statt ihr Gewehrfeuer auszunutzen. Eigentlich sind sie bei Solferino gar nicht geschlagen worden, sie traten verfrüht den Rückzug an.«

»Ich danke Ihnen für diesen lehrreichen Vortrag.« Der Zar betrachtete nachdenklich einen Rosenstrauch. »Nach Ihrer Meinung wäre also das militärische Übergewicht der Franzosen nicht erdrückend?«

»Nein, auch marschierten sie im allgemeinen ebenso schwach wie die Österreicher. Man muß sich das nur auf der Karte ansehen. Die Verpflegung war ebenso schlecht, nur befanden sich die Österreicher dabei in Feindesland, was viel ausmacht, und hatten unsinnig schweres Tornistergepäck bei ungewöhnlicher Hitze.«

»Kurz, Sie halten Österreich trotzdem für eine starke Militärmacht, die es mit den Franzosen aufnehmen könnte, wäre nur die höhere Führung besser?«

»So denke ich, Sire. Der Blutverlust scheint sich übrigens auf beiden Seiten auszugleichen, und bei den vielen Gefangenen waren eben viel Italiener, die nur gezwungen der Fahne folgten.«

»Sehr interessant! Adieu, mein Lieber, für heut. Ich werde mit meiner Frau Mutter en famille speisen.« Kaisers wollten also unter sich sein. Gortschakow suchte aber später Otto auf und meinte vertraulich: »Ihr Herrscher hat ja früher Erzherzog Albrecht abfallen lassen, der Schutz- und Trutzbündnis verlangte. Aber die Stimmung der deutschen Fürsten und Völker drängt nach Krieg.«

»Mit ihren erbärmlichen Truppen! Wir sollen Österreich die Last von den Schultern nehmen, und wenn unsere Gewehre am Rhein losgehen, dann wird der Krieg in Italien aufhören, und wir selber werden genau so viel Hilfe bekommen, als es den Österreichern paßt. Sie werden schon dafür sorgen, daß wir nicht gut abschneiden. Und dann fallen die nämlichen deutschen Brüder von uns ab, die unser deutsches Gefühl in Anspruch nahmen. Wir zwei Auguren machen uns doch nichts darüber vor, daß die Menschen nur selten Treu und Glauben halten.«

»Es scheint mir auch eine katholische Frage.« Gortschakow schob seine Brille zurecht. »Das ist Rußland nicht gleichgültig wegen der Polen. Ihr Premier, der Fürst Hohenzollern, ist Katholik.«

»Ja, wie damals Radowitz. Immer, wenn das protestantische Preußen sich opfern soll, schiebt man uns einen Katholiken an die oberste Stelle. Und der Hof der Prinzeß Augusta mit katholischer Mystik! Ja, es steht schlimm. Da schreibt mir Prinz Friedrich Karl, eine unserer jungen Hoffnungen, ich soll ihm vier Kosakenpferde für die Kampagne kaufen. Ich wollte lieber, 100 000 Kosakenpferde bedrohten die österreichische Grenze, um diesen Leuten Vernunft einzujagen. Ich beschwöre Sie, üben Sie den stärksten Druck, daß Preußens Blamage verhindert wird.«

Der Russe drückte ihm die Hand. »Verlassen Sie sich auf mich! Der Zar ist ganz eines Sinnes mit uns. Sein Einfluß auf seinen Oheim wird in die Wagschale fallen.« – –

Wie die Räder der Dampfer, aus deren roten Schloten ein wolkiger Rauch senkrecht aufsteigt, über die Wasserfläche rauschen! Wie schweift die Erinnerung rückwärts an den Rhein! So gemütlich es hier, so leicht man sich in Frankfurt die Gelbsucht anärgern konnte, man ist doch in der Heimat. Wie fremd glotzt uns hier ein steinernes Geheimnis an!

Gleich darauf hatte er eine Zirkularnote von Schleinitz vorzulegen, die er zur Kenntnis des russischen Kabinetts bringen mußte, wie Graf Bernstorff in London das Kabinett von St. James in gleicher Weise einlud. Gortschakow lächelte mephistophelisch. »Also wir sollen die Souveränitätsrechte Österreichs mit den gerechten Wünschen der italienischen Untertanen aus-

Zeile fehlt im Buch. Re.

gehen dahin, daß alle Österreicher sich zum Teufel scheren. Cette sentence est vraie et belle, mais dons l'enfer de quoi sert – elle? sang der alte Scarron. Wir natürlich würden jede Basis einer Vermittelung annehmen, aber ob England –«

»Nicht daran zu denken! Nach guter alter Geschäftssitte freut es sich, wenn die Kontinentalen sich schwächen, und sieht auch Napoleons Prestige mit scheelen Augen an. Aber es muß die Palmerstonsche Finte aufrechterhalten, England stehe überall als Schirmherr für Recht und Freiheit da, und es ging schon geheime Verpflichtungen ein, hat Abmachungen sowohl mit Cavour als mit Mazzini.«

Gortschakow las die Zirkularnote nochmals durch. »Also Preußen will, gestützt auf starke Entfaltung seiner Wehrmacht, die Friedensfrage vor Europa bringen, ›im geeigneten Augenblick‹. Wann ist der geeignete? Es will seine Vermittelung durchführen nach dem Prinzip, ›die Territorialintegrität Österreichs in Italien zu wahren‹. Das ist unmöglich, der Doppeladler muß Federn lassen. Sie sehen, Ihr schwimmt wieder ganz im Kielwasser Eures natürlichen Gegners.«

»Bisher war die Berliner Politik nicht so ungeschickt, doch wir rüsteten zu bald und zu vollständig. Dies Gewicht einer übermäßigen Bürde zieht uns zu Boden. Nachdem man die Landwehr einberief, muß man ihr doch etwas zu tun geben, es würde böses Blut machen, wenn man sie unnütz bemühte und wieder heimschickte. An solchen psychologischen Imponderabilien hängen oft die Geschicke. Wir werden aber dann nicht mehr Österreichs Reserve sein, wie wir es auffassen, sondern der deutsche Krieg wird dann die Hauptsache. Napoleon muß zur Deckung von Paris seine Truppen größtenteils zurückführen, Österreich wird aufatmen und ein bißchen Radetzki gegen Italien spielen. Den Mann hat es dafür, Benedek. Uns wird diese Befreiung Österreichs nicht zugute kommen, es wird unsern etwaigen Erfolg so beschneiden, wie es seinen Interessen konveniert. Unterliegen wir aber, so wird der Deutsche Bund vom Baume fallen wie angefaulte Pflaumen beim ersten Windstoß. Jeder edle deutsche Fürst, in dessen Residenz die französische Invasion ihr Quartier aufschlägt, wird sich als echter Vater des Vaterlandes auf die Planke eines Rheinbunds retten, um von unserem Wrack fortzuschwimmen.«

»Bauen Sie fest auf unsern Einspruch!« versprach Gortschakow pomphaft. »Das wird und kann Rußland nicht dulden.«

»Darauf können wir nicht warten. Rußland und England können sich geduldig Zeit lassen, den Verlauf der Ereignisse zu beobachten, wir aber rüsteten zu kostspielig, um nicht bald losschlagen zu müssen. Unsere Vermittlung kann so wenig den Frieden finden wie die Quadratur des Zirkels.«

»Aber die öffentliche Kriegsstimmung ist schon abgeflaut. Unsere Agenten berichten, daß man in Wien die Nationalhymne auspfeift, Solferino hat jedem Schreier das Maul verbunden. In Berlin ist die Kriegsbegeisterung auch nur mäßig.«

»Jawohl, man wird dem Landwehrmann kaum begreiflich machen, daß dieser Krieg unvermeidlich ist. Die subtile Notwendigkeit, uns für Österreich zu opfern, wird man dem Bauernschädel nicht einbläuen. Ich sähe mit Grauen in die Zukunft, wenn es nicht noch einen Lichtpunkt gäbe.«

»Und der wäre?«

»Zu meiner größten Freude hat der Regent, daran erkenne ich ihn, jede Verbindlichkeit abgelehnt, die Armee nach Österreichs besonderem Bedürfnis marschieren zu lassen, im Gegenteil den Oberbefehl über das ganze deutsche Bundesheer verlangt. Und ehe Österreich dies zuläßt, unterwirft es sich am Ende den Forderungen Napoleons.«

Gortschakow lachte. »Ich bin ein Pessimist und liebenswürdiger Misanthrop, aber vor Ihnen streich' ich die Flagge. Sie trauen den Wienern doch etwas Unmögliches zu, die Verleugnung jeden Ehrgefühls.«

»Ich gebe zu, die Hoffnung ist schwach. Doch wenn Sie diese Leute kennten wie ich, so schiene Ihnen nichts unmöglich. Ich bin resigniert. Wie Gott will, ich halte still.«

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