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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 32
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
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Am 30. brachte Favre den Polizeipräfekten Cresson mit, der wegen Proviantierung von Paris mit General v. Stosch verhandeln sollte. Dieser lehnte ab, zum Diner zugezogen zu werden, und wartete im angrenzenden Salon, bis sich die Türen des Speisesaals öffneten und die Gäste nach Beendigung des Mahls hinausschritten. Zuerst kam der Kanzler selbst, den armen Favre unterfassend, den er hielt und führte. Sein Mitleid hatte triumphiert, und er behandelte jetzt den zweifelhaften Minister mit achtungsvollem Zartgefühl. Als sich Cresson von seinem Fauteuil erhob, drückte ihn die starke Hand des Gehaßten leicht nieder: »Bitte, Herr Präfekt, sitzen bleiben. Ich wünsche ein Gespräch mit Ihnen.« Damit ließ er sich auf einen einfachen Strohstuhl nieder, wobei er eine Likörflasche neben sich auf das Piano stellte. »Haben Sie sich mit General Stosch geeinigt?«

Cressons Referat schloß damit: »Ich komme morgen mit dem Handelsminister, um auszumachen, was wir für die Zufuhr bezahlen müssen.«

»Das versetzt mich in große Zufriedenheit. Es freut mich unbändig, Provianttransporte nach Paris zu schicken.« Er lachte laut und herzlich. Cresson verstand nicht und schien an eine Anwandlung von Großmut zu glauben. Denn er erwiderte höflich:

»Eure Exzellenz sind ein so furchtbarer Feind, daß Sie sich auch als edelmütiger Widersacher zeigen dürfen.«

Doch Otto goß sich Likör in ein silbernes Schälchen ein und lachte wieder. »Aber nein, durchaus nicht! Aber wenn die Pariser endlich ausreichend zu essen bekommen, wird das ihre Nerven beruhigen und ihrem bedrückten Gemüte wohltun, so daß wir besser miteinander auskommen.«

Cresson suchte den Hieb zu parieren. »Eure Exzellenz kennen die Pariser nicht. Ruhm und Vaterland gehen ihnen über ihr Brot.«

»Möglich, hätte aber ein deutscher General gewagt, eine deutsche Stadt von zwei Millionen Seelen dem Hungertode zu überantworten, so würde ein Kriegsgericht ihn strafen. Die Pariser hielten sich brav, Ihre Regierung aber handelte unmenschlich.«

Er erhob seine Stimme, damit Favre hören sollte, der am Kamin im Gespräch mit einem Offizier lehnte. Der Präfekt erwiderte mit Fassung: »Zweifellos beeinflußten gerade die Gebote der Menschlichkeit unsere Regierung der Landesverteidigung. Deshalb willigte sie in den Waffenstillstand. Doch die Pariser selbst würden noch weiter sich opfern, um den Kampf fortzusetzen. Das ist auch meine eigene Meinung.« Damit stand er auf. Otto aber wandte sich an Favre, ergriff ihn bei der Hand und wies auf Cresson mit dem Ausdruck lebhafter Genugtuung:

»Das ist der ehrlichste Republikaner, den ich je kennen lernte. Ich liebe die Franzosen nicht, doch vor dem französischen Patriotismus ziehe ich den Hut.«

Gleichsam um diese Wallung auszunützen, wies Favre durch das offene Fenster, wo der Rauch der langsam niederbrennenden Ruinen von St. Cloud immer noch den Horizont schwärzte: »Und dann bieten Sie uns ein solches Schauspiel! Verdient unsere Vaterlandsliebe, daß man die Menschlichkeit mit Füßen tritt und den heiligen Boden Frankreichs mit Ruinen seiner historischen Stätten besät?«

Auf der Stelle änderte sich der freundliche Ausdruck des Gewaltigen, seine gewohnheitsmäßig sanfte Stimme klang hart und niederschmetternd: »Uns ist deutscher Boden geradeso heilig. Die Franzosen reisen ja nicht, und so haben Sie wohl nie die Ruinen unserer Schlösser gesehen? Ein besonderer Emissär und Kommissar französischer Kultur namens Mélac hat solche Spuren seiner zivilisatorischen Bestrebungen hinterlassen, daß noch heut Heidelberg und Speier und die ganze Pfalz sich eures Erbarmens erinnern. Die französische Soldateska hat, wo sie je hinkam, am Rhein, in Franken, in Westfalen, wie in Holland und Italien, mongolisch gehaust. Ihr seid die grausamsten, brutalsten und habgierigsten Eroberungssüchtigen, euch ist jeder Krieg gerecht, wenn ihr brandschatzen und plündern, sengen und morden könnt, nur der Krieg ist ungerecht, in dem ihr Prügel bekommt. Ja, der Geist Ludwigs XIV. ist immer mächtig in euch, und mit dem führen wir Krieg bis zum bittern Ende.«

Auf diesen niederschmetternden Hammerstreich des Donar erwiderten die Franzosen nur durch geducktes Schweigen. In lichten Augenblicken ihres Wahnsinns sahen sie immer die Wahrheit, doch gleich darauf rollen die Weihrauchwolken ihrer selbstverliebten Blindheit wieder darüber hin.

Favre nippte zuerst wie ein bleichsüchtiges Schulmädchen, sein langes Gesicht wurde immer länger und blasser, wie es dem Vertreter einer hungernden Stadt geziemt, doch bald sprach er Speis und Trank zu wie einer, der lang gefastet hat. Gleich zuerst jagte ihm Otto heilsamen Schrecken ein, indem er abwinkte, sobald man nach Festsetzung der Demarkationslinie für den Waffenstillstand und Kapitulationsbedingungen auf den Frieden selber kam: »Zu spät! Die Bonapartisten waren vor Ihnen hier!«

Zitternd vor Angst stammelte Favre: »Ist wirklich das Tor für Friedensschluß mit der republikanischen Regierung geschlossen?«

»Nein, nicht eigentlich so, doch wir sind entschlossen, mit jeder meistbietenden Partei abzuschließen. Wenn Sie uns nicht das Nötige zugestehen, so haben wir zweihunderttausend gute kaiserliche Troupiers in deutschen Festungen, die noch ganz und gar zum Kaiser Napoleon halten.«

Der Wink genügte. Nur darin blieb Favre fest. »Bestehen Sie auf Besetzung von Paris, ist die Verhandlung abgebrochen.« Er wußte, daß der Pöbel ihn dann zerreißen würde. Auf Vermittelung des Kanzlers, dessen Sanftheit in Sprache und Haltung der arme Jules nicht genug rühmen konnte, trotz der »grausamen Härte« der Forderungen, mußte die militärische Strenge sich hier mäßigen. Nur die Hauptforts sollten übergeben und die Armee von Paris kriegsgefangen werden. »Was die Kontribution betrifft, so hieße es eine so reiche Stadt beleidigen, wenn ich weniger als eine Milliarde forderte.« Favre machte ein Gesicht, als habe er schweres Zahnweh, und verabschiedete sich wortlos, wobei ihn der höfliche Kanzler die Treppe hinabbegleitete. Auf der untersten Stufe einigten sie sich auf nur 200 Millionen, wie er von Anfang an erwartete. Unterzeichnung sollte auf einen Freitag fallen, er verschob es auf den nächsten Tag. »Ich habe nun mal den Aberglauben ... woher, weiß ich nicht, doch das klebt wie Pech. Für andere mag das komisch sein, für mich trifft das ernsthaft zu, Freitag ist mein Unglückstag, an dem ich nichts unternehme.« Er teilte den Aberglauben mit Byron, der erst ganz zuletzt von Genua nach Griechenland segelte: heut sei Freitag, doch da er ohnehin nicht lebend zurückkehre, sei es gleichgültig. Richtig war es seine letzte Reise.

Als der Sieger von Favre Abschied nahm, ihn zu seiner Kutsche begleitend, die den Unglücklichen wieder nach Paris entführte, meinte er: »Nun sind wir so weit, daß ein Bruch nicht mehr möglich, also wollen wir heut nacht das Feuer einstellen.«

»Ich wollte schon darum bitten«, versetzte Favre mit wehmütigem Pathos. »Doch da ich das besiegte Frankreich vertrete, wollte ich um keine Gunst betteln. Ich nehme Ihr Anerbieten an, den ersten Trost in unserem Elend. Wollen Sie mich aber besonders verpflichten, dann lassen Sie uns den letzten Schuß abfeuern.«

»Um das letzte Wort zu behalten?« lachte Otto gutmütig. »Einverstanden.« Mitternacht schlug. Noch ein einzelner Kanonenschuß dröhnte über die eisig glitzernde schneegeschwollene Seine. Das Echo erstarb, tiefe Stille, die erste seit langen Wochen. Der Krieg war aus.

*

Und der Krieg um den Frieden begann mit einem stärkeren Gegner als Favre. Frankreich hatte den greisen Thiers als Haupt der Republik gewählt, er erschien mit Favre vor dem Furchtbaren, den er einst als liebenswürdigen Charmeur gekannt. »Ich fühle für ihn,« murmelte Otto, »doch das kann ihm nichts helfen.« »Elsaß-Lothringen, Belfort, sechs Milliarden! Exorbitant!« Der kleine Monsieur Thiers konnte an solche Unmenschlichkeit nicht glauben.

»Sie würden das Doppelte an Land und Geld fordern, wenn Sie uns so zermalmt hätten wie wir Sie. Landgewinn ist das Recht jedes Siegers, in diesem Fall um so mehr, als es sich um unsern alten und rechtswidrig unterbrochenen Besitz handelt.«

Thiers machte eine Bewegung. »Sie als Historiker wissen das am besten und dürfen nicht Unwissenheit vorschützen wie Ihre Landsleute.«

»Aber sechs Milliarden!« seufzte Favre. »Nie kann Frankreich so viel bezahlen.«

»Im Gegenteil, viele unserer besten Sachverständigen berechnen unseren Kriegsschaden auf zwölf bis fünfzehn Milliarden. Das müßten wir als Ersatz fordern.«

»Aber wenn wir nicht können!«

»Dazu werde ich Sie mit zwei Autoritäten bekannt machen, Kommerzienrat Bleichröder und Graf Henckel-Donnersmarck, beides bedeutende Finanziers. Diese werden Ihnen vorrechnen, daß Frankreich gut bezahlen kann. Bah, es ist ja nur ein Drittel der englischen Nationalschuld seit den napoleonischen Kriegen, wie sie heute steht.«

Er sah prachtvoll aus in seiner weißen Uniform, die seine gewölbte Brust und breiten Schultern zu sprengen schienen, ein sinnbildlicher Vertreter der blonden erobernden Rasse. Der lange hagere Favre schlotterte in seinem Überzieher, sein langes weißes Haar hing ihm wirr über die Backen. Er glich einer Trauerweide über dem Grabe einer greisenhaft verfallenden Rasse. Doch der kleine Thiers verkörperte Mut und Klugheit des französischen Nationalgeistes und nahm den Handschuh auf, rang wie ein Mann für sein Vaterland. Er drohte mit Europa.

»Europa, was ist das? Doch da wir einmal davon sprechen, so will ich von einem Kaiser in Kassel reden, auf den zweihunderttausend französische Bajonette warten, um ihn wieder auf den Thron immer zu setzen, wenn es uns beliebt.« Diese Drohung ging dem kleinen Thiers durch Mark und Bein. Und wenn er wieder mal Lust bekam, von Europa zu reden, unterbrach er sich rasch: »Ich bitte um Verzeihung.« Berufung auf Rotschild fruchtete hingegen, der Kanzler ließ eine Milliarde ab. Als aber Thiers, frech geworden wie ein echter Franzmann, jetzt auf einmal nur zwei Milliarden zahlen wollte, verlor Otto die Geduld.

»Ich sehe wohl, daß Sie den Krieg wieder beginnen wollen. Und Ihre guten Freunde, die Engländer, werden Sie dabei mit Rat, obschon nicht mit Tat, unterstützen.« Er schritt zornig auf und nieder. »Ich habe genug von solchen Winkelzügen. Auf längst erledigte Fragen zurückkommen heißt mir meine Zeit rauben. Und ein für allemal: meine Bedingungen sind ein Ultimatum.«

Wütend sprang Thiers auf, erhob sich in seiner ganzen Liliputgröße und sprudelte hervor: »Das ist eine Ausraubung, eine Unwürdigkeit!«

Mit eiserner Selbstbeherrschung gab Otto darauf keine andere Antwort, als daß er plötzlich deutsch zu reden anfing. Die Eulenaugen des kleinen Männchens öffneten sich weit, als wisse er nicht, was er daraus machen solle. Er hörte eine Weile zu und maulte dann in quängeligem Tone: »Sie wissen, Herr Graf, daß ich nicht Deutsch verstehe.« Kaltblütig erteilte ihm sein schrecklicher Gegner die Bastonade: »Als Sie von Unwürdigkeit sprachen, fand ich, daß ich nicht genügend Französisch verstehe, um in gleichem Tone zu antworten. Ich ziehe vor, Deutsch zu reden. Da weiß ich, was ich höre und was ich sage.«

Thiers verstand, und als einzige Antwort ging er an den Tisch, wo das betreffende Dokument lag, und unterschrieb die Geldforderung.

»Aber Metz, Metz! Eine altfranzösische Stadt! Und Belfort, noch französischer!«

»Der Generalstab ist unerbittlich in bezug auf Metz. Wie Sie wissen, hatte ich da selber Zweifel, ich möchte nicht viel Franzosen in unserem Hause. Doch die militärische Notwendigkeit entscheidet. Auch würde man uns in Deutschland hübsch anschauen, wenn wir diese alte deutsche Reichsstadt nicht reintegrierten. Seien Sie froh, daß wir Ihnen Toul und Verdun lassen, die durch Verrat an Frankreich fielen, und das alte deutschlothringer Nanzig. Das haben Sie mir abgehandelt, doch keinen Fußbreit mehr.«

»Aber Belfort gehörte nie zum Deutschen Reich.«

»Dann wird es jetzt dazu gehören.«

»Diese heldenmütige Festung, die sich gegen alle Angriffe hielt –«

»Drum eben! Sie ist sehr stark. Man muß dem Feinde alle Beißzähne ausbrechen.«

»Sehr wohl.« Thiers erhob sich, ruhig, mit dem Mut der Verzweiflung. »Wie Sie wünschen. Unsere Verhandlung ist ein Vorwand. Ihre wahre Absicht ist, uns unter Ihr Joch zu zwingen, uns in den Staub zu treten. Sie möchten uns ausrotten, vertilgen. Sei es so. Rauben Sie unsere Provinzen, hängen Sie unsere friedliche Bevölkerung auf, vollenden Sie Ihr Werk. Wir aber werden fechten bis zum letzten Odem. Wir werden sterben, doch nicht entehrt sein.«

Ach, es stirbt sich nicht so leicht! Ein Brite würde kalthöhnisch, ein Franzose mit liebenswürdigem Achselzucken zur Tagesordnung übergegangen sein. Frankreich war nicht in der Lage, irgendwelchen Widerstand entgegenzusetzen, es konnte nur die Verwüstung auch des Südens auf sich nehmen, sich auf fünfzig Jahre ausstreichen. Hätte man das Doppelte gefordert, so mußte es auch dies geben. Doch im eisernen Kanzler blieb immer noch der Sauerteig des Michel zurück, die unergründliche Gutmütigkeit und die Fähigkeit, sich an des andern Stelle zu versetzen und mit ihm zu fühlen. Vielleicht war es in Moltke die halbdänische Abkunft, was ihn von diesem deutschen Gebrechen befreite, das doch zugleich die schönste Blüte der Menschlichkeit bedeutet und in keiner andern Rasse als der deutschen wurzeln kann. Sehr bewegt tröstete Otto den zitternden Greis: »Lieber Herr Thiers, mir geht Ihr Kummer zu Herzen, und ich wäre nur zu glücklich, wenn ich Ihnen Zugeständnisse machen könnte. Doch ich habe den Befehlen meines Kaisers zu willfahren. Immerhin will ich versuchen, ihn umzustimmen. Warten Sie auf mich, ich werde mit Seiner Majestät und General Moltke nochmals die Belfortfrage besprechen.« –

Selbst der energische Blumenthal wußte nichts von Belfort, sondern nur von Metz. »Könnten wir Metz wohl aufgeben?« frug ihn der Kronprinz.

»Auf Land kommt es nicht an, sondern aufs militärische Prinzip der Sicherung gegen französische Frechheit, deshalb müssen wir Metz haben. Das politische Prinzip sagt freilich nur: alles was deutsch ist, muß unser werden. Ist Metz durch und durch französiert, müßten wir es allerdings wohl fallen lassen, aber es darf nicht Festung bleiben. Schlimm genug, daß eine so große Stadt an unserer Moselgrenze liegt. Oder am Ende brauchten wir die Forts nicht zu rasieren, sondern behalten sie besetzt, die Stadt bleibt unter unseren Kanonen.«

»Thiers versichert auch, sie könnten nicht zwei Milliarden Taler zahlen, sie hätten sie nicht.«

»Bah, sie werden sie schon finden. Das arme Preußen mußte 1807 bis 11 noch ganz anders bluten und das halbe Königreich hergeben. Waren Wesel, Erfurt, Magdeburg etwa nicht kerndeutsch, und haben die Schufte nicht auch Stettin, Küstrin, Wittenberg, Glogau, Danzig mit französischen Garnisonen garniert? Und da sollen wir noch um Metz und Thionville markten! Wir könnten geradesogut nach Langres und Besançon Besatzungen legen und Verdun behalten.«

»Thiers bietet Luxemburg für Metz.«

»Fremdes Gut, so echtfranzösisch. Um dort die geschleifte Festung wieder aufzubauen, brauchen wir viel Geld. Wozu denn das!«

»Er weigert auch, daß wir nach Paris einrücken.«

»Das geht nimmer an, es dreht einem das Herz im Leibe um. Dies größenwahnsinnige Pack muß man demütigen bis aufs Blut. Metz mit seinen Gräben aufgeben und von Paris mit langer Nase abziehen! Wir dürfen uns nichts vorschreiben lassen.«

»Wenn sie aber nicht wollen! Damit wäre der Friede in weite Ferne gerückt«, klagte der Kronprinz schwermütig. Er sehnte sich nach einem Ende des grausamen Spiels, und das gleiche fürchtete Blumenthal vom König, was aber keineswegs zutraf.

*

Ein harter Strauß entspann sich um Preisgabe Belforts. »Sie sind immer dafür, dem Feinde goldene Brücken zu bauen«, murrte der König. »Man sieht es Ihnen nicht an, doch Sie sind zu weich. Wenn ich noch an Niklosburg denke!«

»Hätte ich damals nachgegeben, so würden Eure Kaiserliche Majestät heut nicht diesen Titel führen, und Österreich hätte nicht an sich gehalten, um jeden Preis Revanche zu holen.«

»Das ist richtig«, gab der König zu. »Indessen handelt es sich diesmal doch nicht um jemand, den wir später zum Freund gewinnen könnten.«

»Nein, aber den wir auch nicht übermäßig reizen möchten. Der Besitz von Belfort scheint mir nicht absolut notwendig, und für Frankreich ist's eine Ehrenfrage, weil nur diese Festung sich hielt. Sie jetzt auszuliefern wäre keiner Regierung möglich, die sich auf dem Posten halten will gegen den Unwillen der ganzen Nation.«

»Was geht das uns an!« Moltke zuckte gleichgültig die Schultern. »Belforts Felsbastionen könnten sich zu einer riesigen Lagerfestung auswachsen, von wo man das Elsaß in der Flanke bedroht. Die Trouée de Belfort ist eine strategische Ausfallpforte.«

»Dagegen könnten wir selbst Verschanzungen anlegen.«

»Mit Geld und Mühe! Wozu in die Ferne schweifen, wenn wir billiger haben können, was wir brauchen! Wir müssen einfach den Frieden diktieren, und wollen die Kerle nicht, so muß der Kampf noch gründlicher ausgefochten werden. Gewinnt man eine Schlacht und verfolgt nicht unmittelbar, so nützt es in der Regel nichts, ein Erfolg muß ausgebeutet werden sofort und rücksichtslos.«

Otto murmelte ironisch »Königgrätz«, bemerkte aber ruhig: »Das weiß ich sehr wohl, und Sie werden ein Wehegeschrei in Europa hören, daß wir eher zu stark vom Siegerrecht Gebrauch machten. Angesichts der ohnehin großen Mißgunst des Auslandes verschlägt es uns nichts, in Kleinigkeiten nicht den Bogen zu überspannen, wenn wir nur durch raschen Frieden jedes fremde Interventionsgelüst ersticken. Kann ich dafür stehen, ob nicht Fürst Gortschakow, der vor Neid platzt, plötzlich die Belfortfrage zur seinen macht und erklärt, wir gingen zu weit und mißhandelten das arme Frankreich über Gebühr?«

»Ach, Rußland braucht drei Monate zum Mobilisieren!« brummte Moltke.

»Sie fassen eben alles rein militärisch auf. Eure Majestät aber haben als Herrscher politische Gesichtspunkte den militärischen voranzustellen, sobald dies nötig ist.«

»Nun ja, gewiß.« Diese Auffassung war dem König, den man fälschlich für nursoldatisch hielt, niemals fremd. »Doch hier ist das Militärische zugleich politisch. Moltke hält Belfort für die nötige Flankenbastion.«

»Da wir die Vogesenpässe haben, würde uns ein bißchen Einbruch nach Mühlhausen nie besonders schaden. Aber glaubt denn Graf Moltke, ich würde nicht auch so viel nehmen als ich kriegen kann? Doch ich lese in Thiers' Seele. Redet ein kluger Franzose von Ehrenpunkt, so hat er Hintergedanken, die Leute sind nur leidenschaftlich mit dem Maul, innerlich viel kälter als wir, nur kommt es ihnen nicht logisch zum Bewußtsein, gerade wie bei Frauen, die nach A gleich F sagen, weil sie mit rascherer Intuition die Mittelglieder überspringen. Thiers kann Belfort nicht geben, sonst ist seine Regierung futsch, nur deshalb will er nicht um keinen Preis. Graf Moltke irrt aber kolossal, daß uns das nichts angehe. Endlich, endlich haben wir eine stabile Regierung, mit der man abschließen kann. Thiers' Sturz wäre eine Schraube ohne Ende für fortdauernden Krieg.«

»Mag er kommen!« fiel Moltke freudig ein. »Die Armee ist nicht kriegsmüde, sie brennt darauf, wieder loszugehen. Glaubt Graf Bismarck das nicht, so begebe er sich zu den Truppen.«

Otto lächelte mit schwermütiger Überlegenheit. »Ein siegreiches Heer und gar nach solchen Triumphen hat den Krieg niemals satt, sondern fürchtet sich vor dem Frieden, wo man in langweilige bürgerliche Arbeit und geregelte Verhältnisse sich wieder einleben muß. Das ist menschlich begreiflich, und ich bin Soldat genug, um mich in diesem Gefühlsgang zurechtzufinden. Allein, der Staatsmann denkt anders und erst recht der Herrscher wie Eure Majestät. Der Krieg ist ein Ausnahmezustand, der nicht lange währen darf, ohne den ganzen Organismus zu gefährden. Er ist ein Rausch hochgesteigerter Kraft, doch darauf folgt immer eine Reaktion, wenn nicht eine Erschlaffung. Der Bürger und vor allem der Bauer, der doch am meisten unsere Schlachten schlägt, hat seine Geschäfte und seinen edeln Friedensberuf nicht vergessen. Dauert der Scherz zu lange, bekommt er Katzenjammer. Noch wünscht auch der gemeine Mann im Heer, im schönen Frankreich weiter den Herrn zu spielen, doch fragen Sie ihn einmal in einem Vierteljahr, da wird er schon anders denken.«

»Ich glaube, da hat Bismarck recht.« Dem König lagen solche landesväterlichen Erwägungen am nächsten, sein erstaunlich klarer gesunder Verstand siegte leicht über die Dünste militärischer Suggestion. »Und was er über Thiers' Stellung zur Belfortfrage sagt, leuchtet mir ein.«

»Das wird einen großen Sturm daheim hervorrufen, wenn wir nicht Belfort bekommen.« Moltke verschmähte nicht dies demokratische Argument.

»Unsinn! Pardon, aber daheim weiß man gar nichts von Belfort, man schreit nur nach Metz, das wir ja bekommen werden. Nun, ich schlage etwas vor, was vielleicht Graf Moltkes Bedenken beruhigt. Thiers verweigert ja auch Einmarsch in Paris. Gut, wir wollen ihm den Tausch bieten: Einmarsch oder Belfort.«

»Etwas Praktisches ist mir lieber als bloße Befriedigung des Prestige«, lehnte Moltke unwillig ab.

»Mir auch. Wenn ich aber das Praktische, den Spatzen, nicht in die Hand bekomme, so finde ich die Taube auf dem Dach verlockend. Prestige ist nicht zu verachten. Es wird unser Ansehen in Europa heben, wenn wir in Paris einrücken. Es braucht ja nur der Eingang zu sein, etwa am Arc de Triomphe. Das genügt uns. Eure Majestät werden sich dem bedeutenden Eindruck auf Europa nicht verschließen.«

»Sehr richtig.« Der König faßte seinen Entschluß. »Da wir beides nicht bekommen können, so bestimme ich, daß dieser Vorschlag zur Güte durchgeht. Natürlich nur, wenn Thiers hier Farbe bekennt und nachgibt.«

»Ich mache noch darauf aufmerksam, daß die Pariser Blätter mit Orsinibomben drohen und andern Nichtsnutzigkeiten ihrer Phantasie weit vom Schuß. Gerade deshalb dürfen wir nicht aufkommen lassen, daß wir uns fürchten, es ist unglaublich, wie das dumme Ausland auf jede Pariser Blague hereinfällt.«

»Fürchten?! Was?!« Der königliche Greis reckte sich auf. »Ich werde in Paris einreiten und wenn es Kröten hagelte!« Und wenn ein Teufel auf jedem Dache säße! sagte Luther in Worms. O Deutschland! Und wenn die Welt voll Teufel wär' und wollt' uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.

*

Thiers und Favre warteten wie Angeklagte, die auf den Urteilsspruch warten. Sie schauten auf die Uhr und folgten seufzend dem Zeiger mit teils sehnsüchtigen, teils bangenden Blicken. Ottos hohe Gestalt füllte plötzlich die Tür. Auf der Schwelle blieb er stehen und sagte halb boshaft, halb bedächtig: »Wir schenken Ihnen den Einmarsch in Paris, vorausgesetzt daß Sie Belfort geben.«

Das war genau das Entgegengesetzte, was vorhin vereinbart, doch der große Diplomat wußte was er tat. Die Bevollmächtigten tauschten einen Blick aus, sie verstanden sich. Thiers sprach:

»Nichts wird dem Gram der ewigen Stadt, Paris, gleichkommen, wenn sie ihre unbezwungenen Tore (!) dem Feinde öffnen muß, der sie nicht erbrechen konnte(!). Deshalb beschworen wir Sie, uns diese unverdiente unaussprechliche Qual zu ersparen. Doch wir werden den Kelch der Bitternis bis zur Hefe leeren, wenn wir der Nation einen Flecken vom heiligen Boden des Vaterlandes und eine Heldenstadt retten. Wir danken Ihnen, Herr Graf, für diese Gelegenheit, unsere Opfer noch mehr zu veredeln (!). Der Kummer von Paris wird die Lösesumme für Belfort sein, das wir nun hartnäckiger als je für uns fordern.« Bravo, Franzosen! Immer große Phrasen und immer praktisch!

Otto lächelte wohlwollend. »Bedenken Sie es wohl, vielleicht werden Sie die Ablehnung unseres Angebots bereuen.«

»Wir würden unserer Patriotenpflicht ermangeln, wenn wir es täten.«

»Dann muß ich General Moltke nochmals sprechen und dann den König.«

Er ließ Thiers bis acht Uhr abends zappeln, nachdem er gemütlich sein Diner einnahm. »Sie haben den Lohn Ihrer heroischen Anstrengungen, Sie haben Belfort gerettet«, schluchzte Favre in Anbetung vor Thiers. Der künftige Präsident der Republik stand in edler Pose da. Er hatte viel Wichtigeres gerettet: seine Präsidentschaft. »Mein blutendes Herz ist gebrochen«, bekannte er dem jammervollen Julius, als er drei Stunden auf die Unterzeichnung der Präliminarien warten mußte. Als Bismarck nach Verlesung und Vergleichung der Dokumente sagte:

»Ich werde nun meine Kollegen von Bayern, Württemberg, Baden hereinrufen, um mit zu unterzeichnen«, lächelte Thiers mit himmlischer Ergebung in ein unerbittliches Schicksal und raunte Favre zu: »Die Statisten! Nicht freier als wir!« Allerdings sollte der absichtlich hochmütige Ton, mit dem Otto die drei Süddeutschen aufforderte, den Vertrag zu hören und zu unterzeichnen, den Franzosen begreiflich machen, daß jetzt ein Deutscher Kaiser regierte. Die Süddeutschen machten keine einzige Bemerkung und unterzeichneten. Und doch gab es früher einen Augenblick in den Kaiserverhandlungen, über den Bleibtreu, das geniale Bild Lenbachs in der Berliner Nationalgallerie betrachtend, aus der Fülle seiner Erinnerungen äußerte: »So sah er zwar gewöhnlich nie aus, doch Lenbach malt eben das Innerste. Denn geradeso sah er aus, als er sich mal in der Tür umdrehte und den bayrischen Ministerpräsidenten Graf Bray gleichsam mit einem Blick umfaßte, von Kopf bis zu den Füßen ansah. Das Auge wurde ganz weiß unter den furchtbaren Brauen, es war ein Anblick zum Erschrecken. Graf Bray knickte förmlich zusammen.«

Diesmal strahlte er vor Freude und rief Hatzfeld zu: »Jetzt die goldene Feder!« Die badische Stadt Pforzheim, immer voll braver Deutschheit, stiftete ihm diese Ehrengabe, und er hatte gedankt: In seinen Händen, so helfe ihm Gott, werde sie nichts schreiben, was dem deutschen Schwert zum Nachteil gereiche – in Erinnerung an das herrliche Wort Blüchers. Echtfranzösisch flüsterte Favre seinem Gebieter Thiers ins Ohr: »Theatralischer Pomp!«

Denn boshafte witzige Medisance paart sich beim Franzosen mit bombastischer Theatralik, und wenn er beim Gegner nur das Geringste bemerkt, was seine »feine« Ironie herausfordern könnte, schwupp sticht er zu. Bei diesem unbegreiflichen Volke konnte ein Phrasenkolossus wie Victor Hugo als erhabener Seher angestaunt, im gleichen Atem aber vom Esprit Gaulios beißend bewitzelt werden. Wahrscheinlich hängt das Problematische im französischen Nationalcharakter, wie er scheinbar einheitlich auftritt, mit Rassenmischung zusammen. Tartarin von Tarascon schwelgt in Tartarennachrichten, der Pariser Gamin verkündet feierlich: »Großer Sieg der Franzosen, gewonnen von den Deutschen.« An einem Tag reißt der Franzose schnöde Witze über V. Hugo und seine Burggrafen – nie waren Sterbliche greiser und weiser –, am nächsten leckt er ehrfürchtig die Stiefel des Phrasenmeisters. Nicht allein wegen der Phrase, da tun die Deutschen ihm unrecht, sondern weil er » finement parler« über alles schätzt, die glänzende Form der Phrase. Ungerecht und daher undeutsch wäre es zu leugnen, wie sehr die französische Artistik für sich einnimmt, zum unendlichen politischen Nutzen der Gallier und durch den traurigen Gegensatz zum unendlichen Schaden der Deutschen im Urteil des Auslands. Nur ein Deutscher hält einen Kathederprofessor, der dummes Zeug über Ästhetik schwatzt, für bedeutender als einen Dichter, nur ein Deutscher hält einen öden Bureaukraterich mit zwanzig Orden für ein großes Tier und einen großen Künstler für einen Mann »der freien Berufe«, die nicht durch staatliche Abstempelung gesellschaftsfähig. Wenn einem Provinzialfranzosen ein Herr gezeigt wird: »Ein Autor!«, so zieht er den Hut, in Paris bildet sich ein Auflauf. In ähnlichem Falle sagt ein Provinzialdeutscher: »Auch so einer, der keinen soliden Beruf hat« und ein Berliner: »Ich glaube, der verdient nicht viel.« Denn nur die Theatertantiémen des goldenen Handwerks, das in Deutschland Literatur bedeutet, imponieren ihm. Als Georg Bleibtreu auf einem seiner einsamen Auskundungsgänge vor Paris von einem großen Leiterwagen überholt wurde, befahlen ihm dessen Insassen barsch einzusteigen. Was er hier triebe? Spion? Er zeigte sein Skizzenbuch. » Ah, peintre artiste! C'est joli, trez joli! Mais, vraiment, c'est merveilleux!« Er hörte die Chassepots unter dem Stroh rascheln, er sah die weißen Hände der Führer, er glaubte sein letztes Stündlein gekommen. Die Franktireurs tuschelten, der Führer sprach: »Monsieur, Sie haben sich verirrt, Sie sind in den französischen Linien. Doch Frankreich ehrt die Künstler. Wir werden Sie in den deutschen Linien in Sicherheit absetzen.« Die Leute gingen aus ihrem Wege, sie setzten sich möglichenfalls in Gefahr, doch sie taten es. »Adieu, Monsieur! Gott geleite Sie! Erfreut, die Bekanntschaft eines großen Künstlers zu machen!«

Das kulturell reifste Land der Erde muß sich so vor Frankreich blamieren, wenn es sich um Würdigung künstlerischen Schaffens handelt! Daran soll der Militarismus schuld sein? Lüge! Auch nicht die Bureaukratie. Beide legen den größten Wert darauf, gebildet zu scheinen, und wenn mal ein Offizier sich überhebend und unpassend aufführt, dann ist's sicher ein geadelter Bürgerlicher, niemals ein Junker. Die Prinzen und Grafen der Garde du Corps sind die feinsten Gentlemen. Nein, dieser banausische böotische Mangel an geziemender Ehrfurcht vor geistigen Werten steckt in der Masse dieser deutschen Nation, die sich mit vollem Recht als die gebildetste des Weltalls fühlt. Wenn die deutschen Juden nicht wären, würde in Deutschland jede Schätzung der höheren Kultur unmöglich werden, nicht umsonst hatte der Antisemit Richard Wagner seine glühendsten Bewunderer unter den Juden, obschon ursprünglich alle jüdischen Journalisten mit Rasseninstinkt gegen ihn Front machten. Aber leider oder selbstverständlicherweise folgen die Juden dem Erfolginstinkt, einer durchaus undeutschen Artung, und wittern genau: wo der endliche materielle Erfolg blüht. Das Schauspielerische und Effekthaschende im Wagner zog sie an. Doch sei dem wie ihm wolle, die Deutschen werden allzeit Kleist die Pistole in die Hand drücken und dann sentimental zu seinem Grabe pilgern. Und war Otto der Große ganz frei vom ekelhaften Nationallaster? Der allgemeinen Wurschtigkeit entsprach freilich Haß gegen ödes entnervtes Ästhetentum, man kann begreifen, daß er sich um Wagner nicht kümmerte. »Er wollte immer bewundert sein, dazu hatte ich keine Zeit.« Er fand später viel mehr Zeit dazu, als ihm lieb war. Er las Stindes Buchholzen und Gaboriaus Detektivromane, weil er nur noch amüsiert sein wollte. Daß er auf der höchsten Zinne universaler Bildung und Literaturkenntnis thronte, wie nie ein anderer Tatenmensch, brauchten die Ästheten nicht zu wissen. Aber das hat sich furchtbar und lächerlich gerächt. Seinen Feinden gab er die Handhabe, er sei ein roher Realpolitiker, und das Beifallsgeheul aller byzantinischen Machtanbeter und Staatsstreber, die in ihm ein Idol ihres unfruchtbaren Banausentums verehrten, klang ihm mißtönig im Ohre. Und seins ist Deutschlands Los. Der vorgeahnte Faust – denn Goethe hat nicht den Menschen, sondern den deutschen Menschen verewigt – trieb sich mit der schönen Helena herum, ließ sich mystisch von Gretchen erlösen und baute den deutschen Deichdamm, endlich die lang vergebens gesuchte Selbstbefriedigung findend. Doch die Welt, besonders das Ausland, sah in ihm nur einen der rohen Kraftgesellen, die Faust und Mephisto dem Kaiser zu Hilfe führen. Und Deutschland, das Land hoher, doch wesentlich wissenschaftlicher nicht künstlerischer Kultur, wird von Völkern, deren geistige Durchbildung, nach dem Grade der Durchschnittsmasse bemessen, unermeßlich tiefer steht, mit den niedrigsten Schimpfereien und Verleumdungen überhäuft, als sei es nichts als eine öde Kaserne voll Soldaten, Beamten und Schulprofessoren. Das neue Deutschland der Techniker und Geschäftsleute glich weniger als irgendein anderes einem Land der Dichter und Denker, und es mußte eine Prüfung kommen der ungeheuersten Art, um aufs neue darzutun, daß die Stärke und Tiefe des deutschen Gemüts auch durch den ödesten Mammondienst nicht verschüttet werden kann.

*

Frankfurt! Als unter brausendem Jubel der große Einsame lauthallenden Trittes durch die wohlbekannten Straßen schritt, stürmten unbeschreibliche Gefühle auf ihn ein, wie nie auf einen Sterblichen, hier durchlebte er Deutschlands tiefste Erniedrigung, viel länger und unerträglicher als einst das korsische reinigende Gewitter, dumpfer und stickiger, als selbst die Lugdreifaltigkeit der heiligen Allianz die vormärzliche Zeit verseuchte. Hier hatte er gerungen wie der Patriarch der Bibel mit dem Unbekannten: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und der Genius deutscher Geschichte hatte ihm nur die Hüfte verrenkt. Aber wer immer strebend sich bemüht, den wird das Schicksal endlich erlösen, und der oft auf den Tod Ermattete stand immer noch fest und aufrecht da, endlich als Sieger, der auf den Kopf der Schlange trat. Es war vollbracht.

»Ja, das sind wohl sonderbare Erinnerungen«, gab er seinem alten Bekannten Becker zu verstehen. »Die Schmach der Fremdherrschaft, die der Korse uns aufzwang, brachte auch segensreichen Regen mancher Befruchtung, dies Gewitter zerstörte nicht nur und ohne jenen wären wir nicht nach Sedan gekommen. Doch die acht Jahre, die ich hier in der alten Kaiserstadt durchlitt, zehrten an Deutschlands Mark nicht als gewaltsamer Ausnahmezustand, sondern als chronische Krankheit gesetzlich verbrieften deutschen Elends.« Just diese Stätte, wo der selige Bundestag als Sinnbild von Zerfahrenheit und Zwietracht sein trauriges Dasein fristete, wählte der Einiger und Erbauer für endgültigen Abschluß des glorreichsten Friedens.

»Und Sie allein haben alle unsere Träume erfüllt!« rief Becker tiefbewegt. »Wenn wir Fernstehenden, die wir aber hier mit Ihnen darbten und schmachteten im Wirrsal ohne Ende, schon so bis ins Innerste erschüttert sind von solcher Wandlung der Dinge, was müssen Sie selber empfinden! Was wir wenigen, die gläubig zu Ihnen aufschauten, leise ahnten, das ging über alle Begriffe in Erfüllung. Sie sind heute der größte Mann auf Erden, der Ruhm deutscher Nation. Welcher Stolz und welche Befriedigung muß Ihr Herz erfüllen!«

Otto hatte ein geheimnisvolles Lächeln. Der Ruhm scheint süß, nur nicht für solche, die ihn verdienen. Ruhmsucht und Ehrgeiz gehören zum Allzumenschlichen, dem sich keiner entziehen kann, doch im letzten Grunde treiben sie nur den Charlatan. Den Schöpfer befriedigt nichts als sein Werk, nie der Beifall einer wertlosen Außenwelt. Doch jedes Menschenwerk bleibt unvollkommen, und das bleibt niemandem minder verborgen als dem Schöpfer selber. Was vorlaute und superkluge Krittler tadeln, wußte er längst zuvor, sofern die Kritik überhaupt Berechtigung hat. Doch es ließ sich eben nicht ändern aus inneren Ursachen, die nur er selber kennt. Und da noch nie ein Großer etwas Großes tat für die süßen Stimmen des Pöbels und irgendwelchen weltlichen Lohn, sondern weil er mußte, weil sein Dämon ihn unerbittlich beherrschte, wie kann ihn je äußerer Erfolg belohnen für die unsägliche Mühsal, das unaufhörliche Leiden, das mit jedem Ringen nach Großem untrennbar verbunden! Das Große ist um seiner selbst willen da, immer mit Schmerzen geboren, und den Großen entschädigt nichts für seine Herkulesarbeit als die Erfüllung seines Schaffenstriebs. Darin aber hat das Tatgenie es viel schlechter, als der reine Geistesarbeiter, der still für sich schafft, auch den zahllosen Störungen und Reibungen der Materie entrückt, welche täglich und stündlich die Tatarbeit in Frage stellen. Der Dichter, Denker, Künstler, Forscher bedarf an und für sich nicht der Außenwelt und ihrer Erfolge für sein Werk, nur menschliche Bedürftigkeit und Eitelkeit verlocken ihn, für seine Person danach zu verlangen, was übrigens bei den wahrhaft Genialen auch nicht mal zutrifft. Die verlangen höchstens den Erfolg ihres Werkes, nicht des eigenen Ich. Der Tatmensch aber genießt nie solche Unabhängigkeit von der Außenwelt, an die er untrennbar gekettet bleibt, die ja gleichsam sein Stoff bleibt, in dem er knetet. Bleibt nun hier der äußere Erfolg aus, so können das stärkste Genie und die hingebendste Arbeit kein Werk vollenden, der Liebe Müh umsonst, unfruchtbare Vergeudung der Kräfte. Von solchen Gescheiterten wimmelt die Geschichte seit den Gracchen, Catilina, Julian Apostata, und da der siegende Feind nachher die Geschichte schreibt, so wissen wir nichts Genaueres von ihrem wahren Wesen, und was sie wollten und hätten erreichen können. Wahrscheinlich stand Cesare Borgia an Genialität hoch über Mazzini, Garibaldi, Cavour, doch weil sein Traum einer Italia Unita in Scherben ging, kennen wir ihn nur als Ungeheuer. Ein Tatmensch ohne Erfolg ist nichts, ein Schemen, und sei er noch so groß.

»Mein lieber Becker,« erwiderte der Kanzler des Deutschen Reiches mit kühler Ruhe, »Sie überschätzen das. Ich las irgendwo, Napoleon habe die Frage, ob er nicht bei seinen großen Triumphen eine hohe Befriedigung empfand, rundweg abgelehnt: Gar keine! Denn das alles sei zwischen Abgründen geschehen, die nur er selber sah. Und so wird es wohl immer sein. Im magischen Widerschein des sauer erworbenen Erfolges sieht die Welt alles äußerlich und verkehrt, auch hier regiert wie immer der Schein. Was mir Deutschlands endlicher Sieg gekostet hat, wird Deutschland nie erfahren. Der ganze innere Mensch geht drauf, man wird hart wie der hörnene Siegfried im Bad von Drachenblut, aber man weiß sehr wohl, daß ein Lindenblatt auf die Achsel fiel und daß man verwundbar blieb an todesgefährlicher Stelle. Und Sie glauben wohl, nun sei die Arbeit getan, nun kann ich ausruhen? Bilden Sie sich nur keine Schwachheiten ein! Nun geht die schwerste Mühe an, die trockene prosaische Geschäftigkeit und Geschäftlichkeit, das Erworbene zu wahren. Unser Heroenzeitalter ist nun geschlossen, der poetische Schwung, die Begeisterung für nationales Ideal. Jetzt werde ich das Vergnügen haben, mich zehnmal mehr als früher mit höfischen und parlamentarischen Strebern zu balgen. Solange mein alter Herr lebt, werd' ich's aushalten. Denn auf dessen Weisheit und Treue kann ich mich verlassen, auf ihn allein. Doch was später kommt, wissen die Götter. Jedenfalls muß ich mich plagen und leiden bis ans Ende. Überschaut man sein Leben, hat man keine vier Wochen, vielleicht keine vier Tage wirkliches Behagen gehabt. Ich bin viel jünger als der König und Moltke, jünger als die meisten, die mittaten am großen Werk, doch ich fühle mich uralt und abgestumpft für alles, was einst reine Freude war.«

Der Ästhetiker starb völlig in ihm ab. Diese ursprünglich auf ästhetischen Genuß und einen gewissen genialen Müßiggang gestellte Natur, ähnlich wie bei Friedrich dem Großen, wandelte sich von Grund aus in einen eisernen Pflichtmenschen. Für das Gedeihen der Deutschen sich aufzureiben in rauher praktischer Tagesarbeit, nur so hatte das Leben für ihn Sinn. Ob Faustens unsterblicher Teil dabei nicht zu kurz kam? Ob die endliche und unumschränkte Autorität, die er gegen tausend kleine Nadelstiche wahren mußte, nicht auch das Allzumenschliche förderte, was früher hinter ihm lag im wesenlosen Scheine? Der große Dramatiker, sein eigener Regisseur, dem man freie Hand ließ, wurde selber zum Drama. Die lange Tragödie seines leidensvollen Daseins mußte noch schärfer sich zuspitzen, bis er in die Heide floh wie Lear vor den Undankbaren, deren Ich sich doch nur logisch seiner eigenen Ichgewalt entgegenstemmte. Der große Idealist und Materieverächter schuf ein Geschlecht von rohen Erfolganbetern und Mammonisten. Schon lag die Gründerzeit in der Luft. Und er selber tat nichts dagegen, konnte nichts dawider tun, auf seiner Warte europäischer Politik immer nur den Blick auf Reinpolitisches gerichtet. Immer wieder flammte der alte Idealismus in ihm empor, im verfehlten Kulturkampf, in der Sozialreform. Doch die Reibung mit dem Ewiggemeinen, mit der partikularistischen Gehässigkeit und dem hämischen Neid der Vielzuvielen gegen alles Geniale, die sich hinter allerlei Schlagworten versteckten, zog den Vertreter Deutschlands, den Nationaltyp, selber mit sich herab. Wenn Goethe vom Nibelungenlied sagt, jeder Deutsche müsse je nach seinem Geistesgrad daraus Erbauung schöpfen, so hat der kleinste Deutsche irgendeinen dem Großen ähnlichen Zug. Ihm lauter Schönpflästerchen aufkleben heißt die Vollmenschlichkeit entstellen. Die Deutschen aber sollen sich wie den jüngeren Goethe den jüngeren Bismarck vor Augen halten, dies untadelige Vorbild edelster Männlichkeit ...

Otto, das alte Kneipgenie, das wahrlich Tors unerschöpfliches Methorn auf einen Zug geleert hätte, mied in Frankfurt Geselligkeit und ritt einsam ins Freie hinaus, dem Angaffen zu entrinnen. Die Vergangenheit zog düster an ihm vorüber. Verirrte er sich nicht zu weit in junkerliches Milieu? Nun, der alte Demokratenfresser galt ja längst in seinen Kreisen als abtrünniger Revolutionär. Das Genie ist der Umsturz. Hänschen Kleist-Retzow und Konsorten würden ihm noch ab- und Fehde ansagen, selbst der brave Roon sich seelisch von ihm abwenden, das sah er voraus. Denn daß sich Deutschland fortan nur »nationalliberal« regieren lasse, ging ihm lange auf. O die verfluchten Ideologen, seien sie konservativ oder liberal! Goethes Einsicht, Napoleon, der ganz in der Idee lebte, habe sie in der Wirklichkeit verpönt, gräbt eben nicht tief genug. Der Indische Mahatma ignoriert nicht die Materie, sondern überwältigt sie, damit die Bahn frei werde für die Herrschaft des Geistes. Jeder Geniale ist äußerlich Realist, weil er dem Ideal zur Herrschaft verhelfen will mit allgemeiner Wurschtigkeit. Ophelia, geh ins Kloster! Gerade solches aber nennen wir Genie, wohl zu unterscheiden vom Talent, dem nachahmenden anempfindenden ohne Leidenschaft. »Poesie, die nur Leidenschaft ist«, singt Byron. Diese tiefe verhaltene Leidenschaft erfüllte das ganze Wesen des Großen, bei dem idealste Gefühle und realste Berechnungen Hand in Hand gingen. Ein Shakespeare der Tat. Dramatiker und Drama, das weltgeschichtliche Schauspiel, das er schuf, und das Trauerspiel seines eigenen Innern, alles hat mal ein Ende. Und der Rest ist Schweigen. Doch donnernd durch alle deutsche Zeiten fährt er dahin, Wotan mit dem Schlapphut, dem furchtbaren Blauauge und dem grimmen Ernst der Stirn, ob der Mund noch so gütig lächelt. Einst wird kommen der Tag, wo seine große Nation, seiner würdig, sich in ihm spiegelt.

»Soll mich doch wundern,« lachte er leise vor sich hin, »was der selige Coffin im Jenseits denkt. Die Wette hab' ich gewonnen.«

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