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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 30
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
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Schon sehr frühe rauschte und raunte es durch den papiernen Blätterwald, noch mehr aber durch alle Wipfel deutscher Lande, daß jetzo die Stunde gekommen sei, wo der Kyffhäuser seinen schlafenden Kaiser wieder ans Licht schleudere. Mit stillem Lächeln hörte Otto auf Millionen Stimmen, denn so laut sie lärmten, eine lautere gewaltigere Stimme hatte ja er seit zwanzig Jahren im Ohre. Wenn es mit Schreien getan wäre! Die Ideologie, dies falsche Gegengift der Wirklichkeit, wirkt auf das Genie, den verkörperten Idealismus und gerade deshalb zu schöpferischem Realismus allein befähigt, als der infamste Feind. Wie Schöngeisterei noch nie einen Dichter hervorbrachte und auch nur begriff, so wird politische Schwärmerei nie den Schöpfer erfassen, bis er mit eiserner Faust seine Schöpfung auf die Beine brachte. Die Ideologie, diese Blutvergiftung des wahren Idealismus, schwafelt ohnmächtig ohne jedes Augenmaß für Realitäten und hat einen wunderbaren Instinkt für Kitsch, d. h. den Vollender an der falschen Stelle zu suchen. Die Schreihälse in Berlin ahnten nicht, wo der Haken lag. Allerdings wallte bei allen norddeutschen Fürsten und bei Baden das Herz ehrlich auf für die große deutsche Sache. Aber trotz der rühmlichen Gesinnung des Erbprinzen Ludwig, dessen englische Gemahlin Alice sich dem Georg Bleibtreu gegenüber bei dessen kurzer Rückkehr nach Deutschland als Großdeutsche aussprach, konnte man von Hessen-Darmstadt keinen bedingungslosen Anschluß erwarten. Es genügte, daß der ominöse Dalwigk als Unterhändler in Versailles erschien. Otto empfing seinen alten Frankfurter Bekannten mit sardonischem Lächeln. »Ach, die alten Zeiten, die gute alte Zeit! Das hätten wir zwei wohl auch nicht erwartet, an dieser Stelle uns gegenüberzustehen.« Der alte Rheinbündler mochte wohl auch daran denken, wie er in der Versailler Spiegelgalerie untertänigst vor dem Cäsar knickstiefelte und die verhaßte Germanengestalt neben sich mit argwöhnischen Blicken maß. Bei den Württembergern, die sich über jedes Lob erhaben bei Champigny schlugen, herrschte freilich eine deutsche Begeisterung, wie sie dem Stamme Schillers entsprach. Des Reiches Sturmfahne zu tragen, wie in alter Stauferherrlichkeit, schien dort der innigste Herzenswunsch. Außer dem Bevollmächtigten v. Faber, einem durchaus vornehmen Mann voll grenzenloser Bismarckverehrung, hatten die Schwaben zwei würdige fürstliche Vertreter im Felde: den Kronprinzen Wilhelm, der voll edelster deutscher Gesinnung mit allen Großdeutschen fraternisierte, einem gemütvollen, vorurteilslosen, schlichtbürgerlichen Vorbild volkstümlicher Fürstlichkeit, und den unvergeßlichen Herzog Eugen, Sohn des gleichnamigen unsterblichen Helden der Befreiungskriege, dessen Andenken leider dem deutschen Volk verloren ging, weil an Rußland gekettet. Auch sein Sohn stand als Gatte der Großfürstin Wera, einer hochgebildeten Dame, russischen Kreisen nicht fern, war aber deutsch bis ins innerste Herz. Im ganzen Bereich des Kronprinzenheeres gab es keine beliebtere Figur als ihn mit seiner ewig vollen Zigarrentasche und Tokaierpulle, mit denen er die Vorposten beritt, um Offiziere und Mannschaften zu erfrischen. Als der edle Fürst diese berühmte Zigarrentasche testamentarisch »Freund Bleibtreu« vermachte, sprach diesem der Kronprinz des Deutschen Reiches scherzhaft-wehmütig seine Eifersucht aus, da er selbst auf die Tasche gewartet habe. All diese wundervollen Fürsten und Herren eines großen Geschlechts erfüllte eine so treue Menschenbrüderlichkeit alldeutscher Hingebung, wie keinen der Militärs, denen fast immer die Scheuklappen ihrer Standeserziehung den weiten Ausblick verhängen. Doch brachten hier vielfach die bayrischen einen volkstümlichen Zug in das Ganze. Jedenfalls trugen die Süddeutschen mächtig dazu bei, ein alldeutsches Fühlen und eine allgemeine Verbrüderung zu verbreiten. Die beiden bayrischen Korpschefs galten als besondere Vertreter großdeutscher Bestrebungen, wobei aber bezeichnenderweise der Reichsfreiherr v. d. Tann-Rathsamhausen entschieden freiere Volksfreundlichkeit als Chef der Holsteiner Freischaren ausprägte, als der aus niederen Kreisen hervorgegangene Hartmann. Dieser Sohn eines Schmieds verheiratete seine Tochter an einen verschuldeten Grafen Bothmer, sein stattlicher Sohn stolzierte auf Maskenbällen am Hofe in Tracht eines spanischen Granden, er selbst legte auf Ansehen bei Hofe Gewicht und konnte nie genug Orden haben. Doch mit besonderem Stolz trug er das Kreuz der Ehrenlegion, das ihm Napoleon I. selber verliehen habe, denn seine liebenswürdige Eitelkeit blickte auf eine erstaunliche Kriegerlaufbahn zurück. Als Pfälzer zum Empire gehörig, diente er als Unterleutnant in französischen Reihen und focht noch bei Waterloo hervorragend, indem er den Adler seines Regiments rettete. Obschon so mit der französischen Armee durch Erinnerungen verknüpft und dem großen Kaiser zeitlebens zugetan, bekehrte er sich schon früh zu wahrer Vaterlandsliebe. Daß er in der Jugend dem Bajuvarentum entrückt blieb, machte ihn eben bei dieser Bekehrung nicht zu einem Bayern, sondern einem Deutschen, was ihm hohe Ehre macht. Sein fränkisch-schwäbisches Korps, in dessen Lager vor Paris der Berliner Meister Bleibtreu eine besondere Heimstätte fand, wurde schon bald ein Zentrum der Kaiseridee im Heere. Fast alle Offiziere machten kein Hehl daraus, daß sie im Kronprinzen von Preußen, den überhaupt alle Bayern in ihr Herz geschlossen, den künftigen Deutschen Kaiser sahen. Bis in die Umgebung des Roi-Soleil von Hohenschwangau hinein blühte diese großdeutsche Begeisterung. So bei den Freiherrn v. Stauffenberg, von denen der eine später im Reichstag hervortrat, während sein ganz freisinniger und unabhängiger Bruder als Generaladjutant des Königs das allerhöchste Mißfallen erwarb, weil er, den hohen Herrn auf der Jagd wähnend, seinem Freunde Bleibtreu die feenhaften Privatgemächer in Schloß Berg aufschloß. Alsbald erhob sich in rosafarbener Beleuchtung ein Ritter Lohengrin, als wolle er eine Bravourarie herausschmettern, mäßigte jedoch seinen niederschmetternden Zornesblick zu huldvoller Handbewegung stummer Majestät: Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären, ich räume das Feld. Übrigens trug er es Stauffenberg nicht nach, und es wäre überhaupt verfehlt, ihm eine fürstliche Haltung abzusprechen, über alles Kleinliche erhaben. Sein künstlerischer Enthusiasmus, für das Große und Schöne aus königlichem Herzen erglühend, hatte etwas Ehrfurchtgebietendes und Anfeuerndes, er hat sich um Deutschland das unsterbliche Verdienst erworben, Richard Wagner den Verfemten neben sich auf den Thron einsamer Größe zu setzen. In den Tiefen dieses krankhaft abnormen Organismus lagen gewissermaßen Märchenschätze aus dem Nibelungenhort altdeutscher Romantik, und doch irrt die Legende völlig, wenn sie ihn für einen bloßen Phantasten hält. Sein Minister erzählte mal in München in engerem Kreise, er sei gestern zum Vortrag draußen in Hohenschwangau gewesen, da der König im ganzen nicht mit langweiligen Geschäften belästigt sein wollte und angeblich sein Ministerium regieren ließ. Er habe ruhig zugehört, am Schluß aber, indem er das Gewünschte unterzeichnete, kaltfreundlich gesagt: »Schon recht, lieber Lutz, aber vor einundeinhalb Jahren sagten sie im November genau das Gegenteil.« In diesem Sinne als einen »geschäftlich klaren« Herrn hat ihn auch Bismarck kennen gelernt und geschildert. Nur sein grenzenloser Cäsarenwahn, verbunden mit Menschenverachtung der Vielzuvielen, hat ihn gehindert, seine Begabung nutzbringend zu verwerten. Als Herrscher ging sein Sinnen einzig und allein in der Vorstellung auf, wie unsagbar vornehm Er und das Haus Wittelsbach seien und wie um Gottes willen die heiligen Reservatrechte des Bajuvarenreiches und das Föderativprinzip gewahrt bleiben müßten.

Das deutsche Volk hat endlich das Recht, über alle Personen und Dinge jener großen Zeit die volle Wahrheit zu hören, und viele erwähnte Einzelheiten, den Outsidern natürlich unbekannt, geben erst das wahre Bild der geschichtlichen Tage. Später kamen eine Menge vordringlicher Streber, die nie eine kleinste Rolle gespielt hatten, und erfüllten die Bühne mit ihrem Gewimmel. Hofschranzen, Gründer, Fraktionsstreber, Journalisten, alles Leute, die den Ereignissen gänzlich fernstanden, spreizten sich in Berlin als Erben der Kämpfer und Sieger, die Krieger und ihre Vertrauten traten in den Hintergrund und dankten geschichtlich ab. Jetzt fabriziert man eine byzantinische Geschichte für den großen Haufen, worin der Bajuvarenkönig als Ludwig der Deutsche in die Walhalla einging.

Diesem Deutschen schien ein Vorrang der Hohenzollern vor dem ältern Dynastenhaus Wittelsbach so unerträglich, daß er ein Alternieren beider Familien in der Kaiserwürde allen Ernstes aufs Tapet brachte. Während außer oberbayrischen Hetzkaplanen und dem famosen Sigl, den man persönlich gekannt haben muß, um seine Geschäftstüchtigkeit im Haß wider die »Saupreißen« zu würdigen, die ganze Bevölkerung in Einheitstaumel schwelgte, kostete der bayrische Hof dem Kanzler schlaflose Nächte. Immer wieder mußte er den Sisyphusstein rollen. Die bayrische Regierung betrachtete die Vereinung als eine frostige Konvenienzehe mit Gütertrennung, wo Otto eine Liebesehe zu schließen trachtete. Der nordische Bräutigam mußte in den notariellen Ehekontrakt allerlei Klauseln aufnehmen, die als Reservatrechte der eifersüchtigen Braut die Entrüstung der nationalliberalen Einheitsmajorität im norddeutschen Reichstag erregten. Nur Ottos Drohung, er werde sein Amt niederlegen, zwang das Mißvergnügen zum Schweigen, zur gleichen Ergebung in das Unabänderliche und das positiv Erreichbare, die ihn selber zu widerwilligem Verzicht zwang. Es gehörte Selbstbeherrschung und Selbstbezwingung dazu, sich über die Achselklappen der Uniformen zu streiten, das Kurze und Lange von der Sache blieb, daß das bayrische Heer selbständig im Bundesheer auftritt und seine Regimentsziffern außerhalb des sonstigen Rahmens läßt.

Auch nach dieser Einigung, deren partikularistische Schranken den lebhaften Unwillen des Kronprinzen erregten, wäre es nicht zu weiterer abschließender Folge gekommen, wenn nicht Otto sich plötzlich an den Oberstallmeister Graf Holnstein gewendet hätte, der sich im bayrischen Lager einfand und wohl seinem Monarchen über die Stimmung seiner Truppen berichten sollte. Diese war selbst bei den Altbayern entschieden »kaiserlich«, der unerschrockene Reichsfreiherr v. d. Tann verehrte offenkundig in Preußen das Einheitsvorbild, wie er denn seine Tochter an einen einfachen märkischen Adeligen des Offiziersstandes verheiratete. Beim Korps Hartmann erhob schon in der eroberten Schanze von Clamart auf der Höhenterrasse, von wo man zuerst das Häusermeer von Paris überblickte, ein bürgerlicher Offizier sein Glas: »Auf den künftigen deutschen Kaiser« unter begeistertem Zuruf seiner Kameraden, ein gräflicher Offizier riß aber den Degen aus der Scheide und sprach von Hochverrat gegen den allergnädigsten König von Bayern. Doch entzog sich der kunstsinnige und seinem Herrn nahestehende Holnstein nicht der großdeutschen Ansteckung und ging gern auf des Kanzlers dringliche Darstellung ein.

»Geschäftlich und legal hat Bayern alle Präsidialrechte des Königs von Preußen anerkannt, doch Bayerns Selbstbewußtsein muß sich dadurch verstimmt fühlen, solange der Bundespräsident nichts als der im Rang gleichstehende Nachbar bleibt. Die Stammesverschiedenheit ruft dann um so eher abfällige Kritik Ihrer Altbayern wach, daß man so viel Konzessionen mache. Dadurch wird die alte Rivalität nicht unempfindlicher werden.«

»Unzweifelhaft wahr«, bestätigte Holnstein. »Dies entging meinem allergnädigsten Herrn nicht. Preußische Autorität im Bayerlande wird eine Quelle des Verdrusses werden.«

»Nun wohl, ein Deutscher Kaiser wäre dagegen nur im allgemeinen ein deutscher Landsmann. Meinem Empfinden nach kann der König von Bayern nur seinem Deutschen Kaiser, nicht dem König von Preußen eine überragende Autorität einräumen. Sonst wäre es unschicklich für seine eigene Souveränität. Mir scheint diese Unterscheidung sowohl politisch als dynastisch von höchster Bedeutung für die monarchische Auffassung des Königs Ludwigs. Möchten Sie, Herr Graf, dies nicht Ihrem erhabenen Gebieter vorstellen und von mir aus daran erinnern, daß meine Vorfahren in der Mark die besondere Gnade seiner erlauchten Vorfahren genossen, während Kaiser Ludwig der Bayer in Brandenburg regierte! Ich fühle mich daher in einem ererbten Lehensverhältnis zum Hause Wittelsbach und werde alles aufbieten, um diesem hohen Fürstengeschlecht alles Peinliche einer Unterordnung zu ersparen.«

Holnstein lächelte verständnisvoll. »Dies Argument ad hominem wird Seiner Majestät sehr willkommen sein und auf dessen Denkweise besonderen Eindruck machen. Wollen Eure Exzellenz mir ein solches Handschreiben an Seine Majestät übergeben und vielleicht ein Konzept desjenigen Schreibens beilegen, das Allerhöchstderselbe an den König von Preußen zu richten hätte. Sodann werde ich keine Mühe scheuen, mich sofort nach Hohenschwangau aufzumachen und bei persönlicher Überreichung Vortrag zu halten.«

»Wollen Sie das wirklich? Noch heute?«

»Ich wäre in zwei Stunden reisefertig.« Unverzüglich brachte Otto die gewünschten Dinge zu Papier, die Tinte widerstrebte, das Papier war löcherig, doch die Sache duldete keinen Verzug. Holnstein lächelte. »Dies Autogram von Ihrer Hand wird dem König ein wertvoller Besitz sein, denn ich möchte Ihnen verraten – eigentlich sollte ich's nicht –, daß er ein sehr warmer Bewunderer Eurer Exzellenz ist. Vernimmt Seine Majestät, daß ich in Ihrem Auftrag und mit einem Brief von Ihnen komme, so wird er mich in gleicher Minute empfangen, selbst auf dem Sterbebette.«

So geschah es. Der König, an Zahngeschwür leidend, ließ auf die Zauberformel des Namens Bismarck den Grafen sofort an sein Bett kommen und schrieb im Bett an König Wilhelm, er könne nur dem deutschen Kaiser sich unterordnen. Als Holnstein mit großer Anstrengung beschleunigt nach Versailles zurückkehrte, dankte ihm der Kanzler herzlich: »Sie haben sich um das deutsche Vaterland ein unvergeßliches Verdienst erworben.« Die Überreichung erfolgte durch Prinz Luitpold, einen kunstsinnigen leutseligen Herrn und schneidigen General, der im Kampf wider Preußen zusammen mit seinem Sohn und Adjutanten Ludwig tapfer blutete, längst aber jede Feindseligkeit abschwor und in deutsche Treue verwandelte. Den in der Kaiserfrage widerstrebenden und schwankenden König Wilhelm erschütterte dieser unvorhergesehene Schritt des Bajuvarenkönigs. Otto schmiedete das Eisen, solange es warm, und zwei Tage später verkündete Minister Delbrück im Reichstag den Brief König Ludwigs und die Vereinigung ganz Deutschlands. Unverzüglich erschien eine Abordnung des nunmehr deutschen Reichstags in Versailles, Präsident Simson berief sich auf den Wunsch der ganzen Nation, und König Wilhelm, dem vor Bewegung mehrmals die Stimme stockte, nahm im Grundsatz an.

Doch während ungeheurer Jubel von Memel bis Konstanz aufbrauste, hatte wie gewöhnlich der treue Ekhart der Deutschen die bittersten Prüfungen zu überwinden, um Deutschland Steine des Anstoßes wegzuräumen, von denen blinde Ideologen nichts ahnten und einfach darüber gestolpert wären.

»Groß, unsterblich ist das, was Sie für die deutsche Nation getan haben, und ohne zu schmeicheln darf ich sagen, daß Sie in der Reihe der großen Männer unseres Jahrhunderts den hervorragendsten Platz einnehmen. Ihr aufrichtiger Freund Ludwig«, schrieb der Einsiedler von Hohenschwangau, und dies ehrt ihn gewiß. Aber es legt den wahren psychologischen Grund bloß, weshalb der ausschließlich seiner eigenen Souveränität frohe Bajuvarenfürst sich zu deutscher Haltung entschloß: Persönliche Bewunderung für den gewaltigen Germanenrecken, den gleichsam eine Musik von Richard Wagner umfloß und zu dem sich die allerdings auch typisch-germanische Idealität des Feudalromantikers landsmannschaftlich hingezogen fühlte. Daher verdankt Deutschland die Initiative des Königs, die zugleich seinem Dynastenstolz schmeichelte und ihm eine Erhabenheitspose gestattete, einzig Otto dem Großen, dessen geschickte Hervorhebung des Föderativprinzips in der Bundesverfassung auch den selbstsüchtigsten Interessen Rechnung trug. Für solche Selbstbespiegelung wesentlich unfreiwilliger historischer Akte und für die gotische Verschnörkelung des Reichsgedankens dem Schwanenritter von Hohenschwangau den Titel »Ludwig der Deutsche« aufzukleben, muß aber die unerbittliche geschichtliche Wahrheit entschieden ablehnen.

*

Kaum war das bayrische Leiden beseitigt, fing das preußische an, man rang um den Begriff des Kaisertitels. König Wilhelm schien wenig geneigt, sein praktisches Einheitsrecht durch einen Titel verbrämen zu lassen, zu dem er keine innerliche Beziehung hatte. »Was soll mir der Charaktermajor?« frug er mit origineller Anschaulichkeit. »Diesen mir beigelegten ›Charakter‹ würde der Große König verschmäht haben, er leugnete und bekämpfte ihn. Auch dem Großen Kurfürsten war das Kaisertum feindlich. Die Könige von Preußen sind große Herren aus ihrem eigenen Recht und bedürfen nicht eines Ehrenamtes, das ihnen übertragen wird.«

»Es ist auch weniger eine Ehre als eine Pflicht gegen die deutsche Nation.«

»Pflicht, Pflicht! Die angestammte preußische Krone legt die Pflicht auf, ihr Ansehen als das oberste und großmächtliche unter den deutschen Fürsten zur Geltung zu bringen. Da will ich also lieber Präsident heißen.«

»Pardon, Majestät, es heißt verfassungsmäßig hier nur ›das Präsidium‹, ein Neutrum, ein Abstraktum. Als solch ein Schemen wollen doch Eure Majestät nicht Ihre Würde verflüchtigen lassen. ›Kaiser‹ klingt hingegen schwungvoll und höchst persönlich. Und würde Eure Majestät etwa ›König der Deutschen‹ besser gefallen, wie Seine Kgl. Hoheit der Kronprinz vorschlägt?«

»Mein Sohn hat immer seine eigenen Wünsche.« Der alte Herr runzelte verdrießlich die Stirn. »Das ist erst recht nichts. Damit würde ein König von Preußen sich nur degradieren, und wo bleiben dann die andern drei Könige, die auch Könige von Deutschen sind? Dann noch lieber Kaiser.« Dies war in den Anfängen. Damals hielt der gelehrte Freytag dem Kronerben tiefsinnige Vorträge darüber, der Kaisertitel sei eine Art Erbsünde der Deutschen, ihr stetes Unglück gewesen.

»Schon ein älterer Dichter singt: das Glück war niemals bei den Hohenstaufen. Dies ›römische‹ Kaisertum hat der Franke Karl der Große den Germanen aufgepfropft ohne jeden Gehalt und uns ausländischem Wesen dienstbar gemacht. Dazu gehört aber die Krönung in Rom. Sollen wir die etwa wieder aufnehmen? Der richtige heimische Titel hieß urgesund ›König der Deutschen‹, und so möchte ich es haben«, rief der Kronprinz.

Otto verbiß sein Lachen über solche ideologische Wortklauberei gelehrter Phantasten. »Nur kennt niemand im Volk diesen Titel, dagegen lebt in jedem der Kaisergedanke. Ein Sturm der Entrüstung würde in Deutschland losbrechen, wenn man sein Sehnen so unvollkommen befriedigte.«

»Aber es ist doch unhistorisch.«

»Was geht das uns an, die wir selber Geschichte machen? Da Österreich den Kaisertitel behielt und Frankreich ihn sich anmaßte, so gebietet die Würde der geeinten Deutschen, einen Kaiser an der Spitze zu haben. Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich, im unterirdschen Schlosse hält er verzaubert sich. Will's Gott, werden wir bald auch einen Kaiser Friedrich haben.«

Da man wußte, Kronprinz Friedrich Wilhelm wolle bei seiner Thronbesteigung nicht an die zweifelhaften Friedrich Wilhelm, sondern an den großen Friedrich im Königsnamen anknüpfen, verfing diese Anspielung sehr. Besänftigt schmollte der Kronprinz nur zögernd: »Barbarossa hat trotz alles Glanzes deutsche Kraft in die Fremde verpufft.«

»Aber wir werden doch heut nicht bis Sizilien einem Weltreich nachrennen! Solche transalpinen Wünsche liegen uns doch weltenfern. Die Herren Historiker täten wirklich gut, nicht immer ihre Vergangenheitsstudien auf die Gegenwart anzupassen, das ist unfruchtbare Prokrustesarbeit mit Drehen und Zerren. Auf allen Gebieten treffe ich diese Politiker der Kollegienhefte.« »Sie sprechen zu geringschätzig von so bedeutenden Männern. Mein verehrter Lehrer, Professor Curtius, hat mir besondere Achtung vor dieser hohen Wissenschaft eingeflößt. Und ich dächte, ein Gustav Freytag sollte uns doch ein gewichtiger Lehrer bleiben durch seine Bilder aus deutscher Vergangenheit.«

»Da mag er bleiben, Bilder deutscher Gegenwart zu bauen ist er nicht berufen. Herr Professor Curtius hat sich in die alten Griechen vertieft, daher stammen dann die halbrepublikanischen Liberalismen. Aber Professor Mommsen, mein alter Feind, hat es mit den Römern, und was folgert er jetzt daraus? Ich höre aus Berlin, der feurige Fortschrittsmann predigt in allen Salons, Deutschland müsse prussifiziert und Stück für Stück in preußische Provinzen aufgesogen werden, wie weiland Italien in Kolonien der Urbs Roma. Heiliger Himmel! Er möchte also Deutschland einfach unserem Schwerte unterwerfen. Traurig, daß ich nie den Beifall so gelehrter Herren gewinne. Herr Mommsen zetert über meine Schwäche, früher war ich ihm zu grimmig und heut zu zahm. Ich sehe schon, ich werde zur Grube fahren, ohne die historische Billigung des großen Historikers erworben zu haben.«

»Sie spotten.« Der Kronprinz schritt unmutig in seinen Reiterstiefeln hin und her und schmauchte heftig seine kurze Tonpfeife. »Doch gestehe ich, daß mir Mommsens Anschauung nicht unsympathisch ist. Ihr Föderativprinzip a outrance macht die wahre Einheit zunichte. Ein solches Bündel von Fürstentümern macht Ihr deutsches Kaiserreich illusorisch.«

»Im Gegenteil, diese scheinbare Schwächung ist eine Stärkung, eine äußere Stärkung des Preußentums auf Kosten jeder andern Selbständigkeit wäre die Schwächung der deutschen Zukunft. Übrigens würde König Ludwig von Bayern, unser mächtigster Bundesfürst nie eingewilligt haben ohne Schonung seiner Sonderstellung.«

»Ach der!« Zwischen dem kriegerischen Kronprinzen und dem königlichen Schwanenritter bestand eine latente Feindschaft. Ludwig grollte, weil die herzliche Leutseligkeit des Hohenzollern die Münchner Bürgerschaft im Sturm eroberte. Der Soldat ehrt stets nur einen kriegerischen Fürsten. Des Kronprinzen ritterliche Erscheinung hat unendlich viel für die deutsche Einheit getan, indem er das süddeutsche Vorurteil gegen preußische Steifheit beseitigte. Das wußte auch der Kanzler sehr wohl, der mit darauf drang, daß ihm und dem jovialen Blumenthal die süddeutschen Streitkräfte anvertraut wurden. Andererseits betrachtete der Kronprinz, so widerwärtig ihm Ludwigs Art, dessen romantisches Künstlertum und romantische Schönheit, die sich der Volksphantasie einschmeichelten, mit einer gewissen geheimen Eifersucht. Denn er selber träumte ja davon, Protektor aller Künste und freigeistigen Bestrebungen in deutschen Landen zu werden, wobei man ungern Rivalen hat. Übrigens muß doch zugestanden werden, daß Ludwig, so wenig er seine hohen Geistesgaben dem Staate nutzbar machte, insofern die Einheit begünstigte und Deutschland nützte, als er den nationalgestimmten Hohenlohe gewähren ließ und nach Möglichkeit den Klerikalismus niederhielt, wahrscheinlich auch aus hochgesteigertem Dynastengefühl, das die jesuitische Bevormundung seiner fürstlichen Allgewalt in der Richard-Wagner-Hetze aufs tiefste verwundet hatte. Unter ihm durfte sich Döllingers Altkatholikentum gegen das Unfehlbarkeitsdogma, mit dem damals Pio Nono der Neuzeit ins Gesicht schlug, ungestraft entwickeln. So hat damals jeder bedeutende Deutsche, welchen Standes auch immer, einen Baustein deutscher Größe herbeigetragen. Und mit gerechtem Stolz darf die Nation sich sagen, daß dies große Geschlecht, so überreich an Talent und Charakter, auch unter den Fürstlichkeiten so ungewöhnliche Erscheinungen wie König Wilhelm, den Kronprinzen, König Ludwig und den sächsischen Feldherrnfürsten hervorbrachte. Welche andere Nation könnte sich nur im Entferntesten einer solchen Fülle rühmen!

»Mögen Eure Kgl. Hoheit darüber denken wie Sie wollen, wir haben mit gegebenen Größen zu rechnen. Ein ›König der Deutschen‹ würde überhaupt ohne den Kaisertitel eine seltsame Rolle spielen, wenn er drei andere Könige neben sich hätte.«

»Wer sagt denn, daß es so gemeint ist!« fiel der Kronprinz lebhaft ein. »Dem läßt sich leicht abhelfen. Diese Herrschaften haben einfach wie im alten Reich den Herzogstitel anzunehmen.«

Otto stand erstarrt vor solcher Chimäre, deren geschäftliche Ausführung man ihm allen Ernstes ansann. Aha, Geffken und Konsorten! Verkappte Welfen, die sich an das arglos offene Gemüt des edlen Hohenzollern heranschleichen und ihm Gift ins Ohr träufeln, um durch scheinbare Liebedienerei Preußen zu schaden. »Das würde wohl nicht angehen, aus freien Stücken und gutwillig würden sie den Titel nicht ablegen, selbst ihre Untertanen würden schwerlich dafür zu haben sein.«

»O wir kennen unsere volle Stärke nicht. Der bayrischen Armee bin ich sicher.«

»Jede Anwendung von Gewalt, ob noch so siegreich, würde unabwendlich dauernden Haß und unausrottbares Mißtrauen vielleicht für Jahrhunderte säen. Übrigens zweifle ich, ob ein königlich bayrischer General sich gern bloß fortan einen herzoglichen nennen würde. Da empföhle es sich noch eher, sämtliche Fürsten einfach zu depossedieren, was bei der Sinnesart Ihres Herrn Vaters sich von selber ausschließt. Dagegen werden alle bundesstaatlichen Heere begeistert dem deutschen Kaiser Treue schwören. Mich däucht, Eure Kgl. Hoheit würden statt dem altmodischen fremdartigen ›König der Deutschen‹ auch lieber den begeisternden schwungvollen Zuruf hören: ›Es lebe der Deutsche Kaiser!‹«

Das schlug durch, der Kronprinz ließ die Chimäre fallen, unterlag einer stärkeren Suggestion und überlegte schon, wie der Krönungsornat eines Kaisers ihm stehen würde. Man muß darüber nicht bürgerlich lächeln, denn Repräsentation gehört unbedingt zum fürstlichen Handwerk. Doch jetzt stieß Otto auf empfindlicheren Widerstand beim König selber.

»Ich habe mir die Sache überlegt. Nach dem Briefe König Ludwigs und dem einstimmigen Ersuchen der verbündeten Fürsten und des Reichstags mußte ich wohl oder übel einwilligen. Aber ich höre da immer ›deutscher Kaiser‹. Was ist denn das? So etwas gibt es nicht. Ich kenne einen Kaiser von Österreich, nicht einen österreichischen Kaiser. Geradeso will ich Kaiser von Deutschland heißen, wenn ich denn schon nicht mehr König von Preußen sein soll.«

»Das zu sein und auch im Titel werden Eure Majestät nie aufhören. Ihre Erlasse werden beginnen: Wir Wilhelm Deutscher Kaiser, König von Preußen.«

»Jawohl, der Charaktermajor geht voraus, ein mir beigelegtes Schattenamt. Schon in dem leeren unklaren Worte ›Deutscher Kaiser‹ liegt die Inkonsequenz. Ich will nicht.«

»Majestät verzeihen, man sagte einst römischer Kaiser, nicht Kaiser von Rom, auch der Zar nennt sich nicht Kaiser von Rußland, sondern russischer.«

»Das ist nicht wahr, Sie wollen mir was vorreden«, unterbrach ihn der hohe Herr mit ungewohnter Schärfe. »Mein Regiment Kaluga würde dann wohl nicht an mich ›pruskomu‹ adressieren, wenn es Rapporte schickt, das heißt ›von Preußen‹, geradeso wie ruskomu ›von Rußland‹. Mein Hofrat Louis Schneider wird Ihnen das bestätigen.«

»Das muß ich bestreiten. Dieser gute Kenner des Russischen dürfte das Gegenteil bezeugen.«

»Ich werde fragen, vorerst schenke ich Ihnen keinen Glauben. Übrigens nannten sich die Napoleons auch nicht ›französischer Kaiser‹, das klingt sogar sprachwidrig, sondern ›Kaiser der Franzosen‹, sowie man auch ›König der Belgier‹ sagt.«

»O ja, auch ›nach dem Willen der Nation‹. Wünschen Eure Majestät das auch in den Titel eingeführt? In Frankreich, einem ungeteilten Nationalstaat ohne andere Fürstlichkeiten, mag das angehen. Doch ›Kaiser der Deutschen‹ hat für mein Gehör einen demokratischen und einen hohlen Klang, teils riecht es nach Plebiszit, teils nach bloßer Höflichkeits- und Zeremonienfloskel. Wie viel wuchtiger klingt ›Deutscher Kaiser‹! Darin liegt Macht und Schwung.«

Der König dachte nach. »Darin haben Sie recht. Aber es bleibt doch unklar und schattenhaft. Ich habe mich nach dem Usus bei Rußland und Österreich zu richten, es könnte sonst zwischen uns Rangstreitigkeiten geben. Kurz, ich bestehe darauf. Für heute genug.« –

Bei einer nächsten Erörterung war der Kronprinz zugezogen. Dieser konnte aber keine andere Unterstützung gewähren, als passive Billigung durch Kopfnicken und eingestreute »Sehr wahr!« »Richtig!« Denn der König, immer peinlich gewissenhaft, nahm den Verfassungseid buchstäblich, wonach er seinem verantwortlichen Minister, aber nicht dem Thronfolger Rücksichten schuldete. Letzteren behandelte er altrömisch als pater familias, seit der Danziger Episode betrachtete er jedes Betonen einer Meinungsverschiedenheit als subordinationswidrige Rebellion.

»Hofrat Schneider,« begann er etwas verlegen, da seine unbedingte Wahrheitsliebe ihn zum Geständnis nötigte, »ist allerdings Ihrer Ansicht. Ich beuge mich dieser Sprachautorität. Nun, jedenfalls ist bei uns Sprachgebrauch, daß auf den Münzen steht Borussiae rex, und das ist maßgebend.«

»Pardon, Majestät. Unter dem großen König und dessen Nachfolgern stand auf den Talern › Borussorum rex‹. Im Ausdruck ›von Deutschland‹ liegt unstreitig ein Anspruch auf alle anderen landesherrlichen Gebiete, und das würden die Fürsten wohl merken. Deshalb spricht König Ludwig ausdrücklich davon, daß das Präsidialrecht mit dem Titel Deutscher Kaiser verbunden sei. Deshalb hat man auf Vorschlag des Bundesrats die neue Fassung von Artikel 11 der Verfassung mit diesem Titel geschmückt. Es besteht also schon verfassungsmäßiges Recht.«

»Ohne meine besondere Genehmigung!« rief der König aufgebracht.

»Doch wohl, Eure Majestät haben bei Empfang der Deputation am 18. Dezember im Prinzip den Titel so angenommen.«

»Ich hatte dies überhört und die Tragweite nicht erwogen.« Es machte ihn sehr betroffen, da er die praktische Gefahr nicht verkannte, verfassungswidrig genannt und der Zurücknahme eines Fürstenwortes geziehen zu werden. Doch noch in der Schlußsitzung vom 17. Januar, an welcher sein badischer Schwiegersohn teilnahm, beharrte er auf seiner Weigerung zwar nicht unbedingt bis zuletzt, doch blieb es im Unklaren, und nur eins wurde bestimmt, daß morgen die Kaiserproklamation im Spiegelsaale von Versailles stattfinden solle. Zuletzt gab es noch eine Rangstreitigkeit, die für jeden, der verstehen wollte, die innerste Meinung des Königs bloßlegte, obschon er sie nur indirekt aussprach.

»Eure Majestät mögen in Gnaden die Feststellung erlauben, daß heraldisch zwischen Kaisern und Königen kein Unterschied im Vorrang obwaltet, der König von England z. B. steht im Range doch sicher dem Zaren gleich.«

»Das sind besondere Verhältnisse, er könnte sich ebensogut Kaiser nennen, z. B. Kaiser von Indien. Doch immer ging der Kaiser von Österreich dem König von Preußen vor, wenigstens solange das alte Reich bis 1806 dauerte.«

»Auch das muß ich untertänigst widerlegen. Als Friedrich Wilhelm I. und Karl VI. sich trafen, traten beide Herren von beiden Seiten gleichzeitig in den Pavillon der Entrevue ein und begegneten sich in der Mitte, um die Gleichheit des Ranges zu betonen. Deshalb stehen preußische Prinzen durchaus auf gleicher Stufe mit Erzherzögen und Großfürsten, und wird die Etikette anders gehandhabt, so ist es Willkür.«

Die historische Belehrung und die eifrige, obschon ziemlich lautlose Zustimmung des Kronprinzen verschärften die offenkundige Reizbarkeit des alten Herrn derart, daß er zornig mit der Faust auf den Tisch schlug: »Und wenn es so war, so befehle ich jetzt, wie es sein soll. Erzherzöge und Großfürsten hatten stets den Vorrang vor preußischen Prinzen, und so soll es ferner sein.« Er stand auf und drehte, ans Fenster tretend, den Sitzenden den Rücken zu. Die Entlassenen sahen sich betreten an und wußten nicht, was sie zu dieser Äußerung sagen sollten. Wollte er, so sehr von Preußens Größe erfüllt und durch den Kriegstriumph darin sehr sichtbar bestärkt, eine Unterordnung Preußens unter Rußland und Österreich markieren? Gewiß nicht. Auch Otto begriff nicht, wo der kluge Greis hinauswollte. Richtig übersetzt, bedeutete sein Wort klar genug: Kaiserliche Prinzen gehen vor königlichen Prinzen. Fortan aber sollte es nach seiner Meinung nur kaiserlich deutsche Prinzen, nicht königlich preußische im Hohenzollernhause geben, die dann natürlich den unbedingten Vorrang vor allen andern deutschen Fürstlichkeiten hatten. Das war die Meinung, Oberst Buttler.

*

Am folgenden Morgen eilte Otto schwerbesorgt zum Großherzog von Baden, der das Kaiserhoch ausbringen sollte. »Wie werden Eure Kgl. Hoheit den Kaiser bezeichnen?« »Natürlich als Kaiser von Deutschland, nach Befehl Seiner Majestät.« »Aber das ist unmöglich. Den Text der Reichsverfassung hat Reichstagsbeschluß schon präjudiziert. Ein konstitutionell gesinnter Fürst kann doch solches nicht umstoßen.« »Da haben Sie recht. Ich werde Majestät nochmals aufsuchen.«

Doch wie jetzt Schwiegervater und Schwiegersohn sich aussprachen, blieb Otto allzeit verborgen. Mit fieberhafter Spannung erwartete er, als die Spiegelgallerie sich mit unzähligen Würdenträgern und hoher Generalität nebst Fürsten und Fürstenvertretern füllte, den feierlichen Augenblick. Er stand zur Linken des Königs, sehr bleich und sehr ruhig unter den Blicken aller Augen, die sich fast immer zuerst auf diese aufrechte Gestalt richteten, die wie von innerem Hebel unbeugsamen Willens gelenkt schien. Er trat vor und verlas die Urkunde, daß der König die Kaiserwürde annehme und fortan alle Nachfolger zur preußischen Krone den Kaisertitel führen und er und alle seine Nachfolger zur kaiserlichen Krone allzeit Mehrer des Reichs zu werden hoffen. Genaue Angabe des Titels war nicht nur vermieden, sondern der Ton dieser Urkunde just ein solcher, als ob ein »Kaiser von Deutschland« rede. Sofort trat der Großherzog aus der Vorderreihe und brachte ein Hoch aus auf – Kaiser Wilhelm schlechtweg ohne Angabe des Titels. Als aber der König von seiner Estrade herabstieg, nach Verklingen des brausenden Jubels, schritt er finster an Bismarck vorbei und reichte den hinter diesem stehenden Generalen die Hand.

So stand der Schöpfer des Reiches ganz allein unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches und dem fernen Echo der Feuerschlünde, die einen Kaisersalut zum Invalidendom hinüberbrüllten, wo der letzte Römer in seinem Sarkophag erbebte. Wo der Sonnenkönig sich selbstverliebt im eigenen Strahl seines vergoldeten Rokokoolymp begaffte, spiegelten ›alle Glorien Frankreichs‹ die deutsche eiserne Herrlichkeit wider. Und der niedersächsische Donnergott, dessen Hammer diesen neuen Dom zurechtgehauen, dachte noch einmal an vergangene Niedrigkeit, wo er hier auf den fränkischen Cäsar wartete. Dann schritt er langsam hinaus zum Festbankett. Mit grämlich grauer Gesichtsfarbe lächelte er matt und gleichgültig, Fragen einsilbig beantwortend mit auffallend schwacher Stimme. »Er muß ganz erschöpft sein«, flüsterte man an der Tafel. »Dies ist doch der stolzeste Tag seines Lebens, und er allein scheint kalt und unbefriedigt. So sind die großen Männer.«

Ja, so ist ihr Erdenwalten. Die Götter sind neidisch, sagten die Hellenen. Und so träuft in den Kelch ihrer Triumphe immer Gift hinein von irgendwoher, wenn die Großen sich des vollendeten Werkes freuen wollen. Das ist ihr unabänderliches Schicksal, um sie an ihre Sterblichkeit zu erinnern, daß sie auch nur gebrechlicher menschlicher Bedürftigkeit untertan. Das Werk selber ist ihr einziger wirklicher Lohn für die sieben Arbeiten des Herkules, und sie schlafen erst aus vom Erdenleid, wenn sie in Walhalla eingehen, zu den Sternen erhoben. Grausame Ironie des Schicksals, daß der einzige, dem dieser gewaltigste Freudentag des gewaltigsten Volkes, wo alle Glocken läuteten und alle Deutschen sich umarmten und den düstern grimmigen Schmied der deutschen Esse mit Segenswünschen begabten, geheime Bitternis bescherte, er selber war, der vielkluge göttliche Dulder Odysseus, der nach endloser Irrfahrt Deutschlands Schiff in den heimischen Hafen lenkte. Sein Herr, den er liebte und ehrte, dankte ihm nicht, daß er ihn als Herzog aller Deutschen auf den Schild erhob, und Tage vergingen, bis der Kaiser Weißbart seinem treuen grimmen Hagen wieder ein freundliches Antlitz zukehrte, sich stillschweigend mit ihm vertrug, von da an bis ans Ende ...

Aber kam ihm denn nie ein Erkennen, warum der so dankbare und gerechte Herrscher der einzige Undankbare schien und sich erst allmählich mit dem Los versöhnte, »Deutscher Kaiser« zu sein? Nein, wo offene Aussprache gefährlich scheint, schweigen die Fürsten, schweigen die Kanzler ...

Er schrieb an den Partikularisten von Hohenschwangau, der so billig zum Ruf eines opferwilligen Patrioten kam und noch viele Jahre fortfuhr, dem Kanzler brieflich das Schreckgespenst »verderblicher Zentralisierung« heraufzubeschwören: der Bundesstaat (von vier Königen, fünf Großherzögen, fünf Herzogen, sechs Fürsten, drei Hansestädten) erweise seinen konservativ-monarchischen Charakter schon dadurch, daß er den Abscheu aller Republikaner errege, worunter er natürlich auch alle Linksliberalen verstand. Das war gewißlich wahr. Alle Freisinnigen in weitesten Kreisen sahen in dieser Form nicht ihr Ideal eines Einheitsstaates erfüllt, sondern statt eines verfassungsmäßigen Volkskaisers ein gotisch mittelalterliches Gebilde wiederaufleben, das den alten Jammer deutscher Zerrissenheit nur mit militaristischer Rüstung überdeckte. Aber wäre ihnen ihr Herzenswunsch gestattet worden, der im Grunde auf die alte Konstitution von Wendelin Hippler im Bauernkrieg hinauslief, ›keine Fürsten mehr, überall nur Schutz und Schirm des einen Kaisers‹, so wären sie wohl bald auf Heines spöttische Unterredung mit Barbarossa verfallen: Wir brauchen gar keinen Kaiser! Da alles, was an Republik erinnert, ohnehin überall ein sehr fragwürdiges Gut, für deutsches Wesen wie die Faust aufs Auge paßt und die Sicherheit Deutschlands gegen das neidische Ausland gefährden würde, so hat die Verstärkung des Monarchischen durch den Föderativstaat – denn so stellte es sich tatsächlich heraus – für die Nation nur heilsam gewirkt. Daß sich damit Begleiterscheinungen paaren würden, wie Wiedererwachen des Feudalismus auf dem Wege des Militarismus und Umsichgreifen eines Byzantinismus, wie man ihn in Deutschland noch nie zu keiner Zeit geschmeckt hatte, daß dies an der sittlichen Gesundheit der Nation zehren und gerade in ihr, der geistig hochstehendsten und idealsten, eine brutale Entwertung geistiger Güter zeitigen würde, das ließ sich nicht voraussehen. Doch der greise König war genau wie sein Sohn so wenig »konservativ« im gewöhnlichen Sinne, daß er, durch eine so harte Schule gegangen, ein Vorgefühl davon hatte, ein solcher Bundesstaat berge innere Gefahren, die er am meisten zu vermeiden wünschte. Ihm am wenigsten behagte es, die äußere Einheit lediglich in das Armeesystem zu verlegen und sonst jede Separatsouveränität wirtschaften zu lassen. Daraus mußten Unzuträglichkeiten entstehen, die dem Ausland den Anschein erwecken konnten, es bestehe immer noch der alte Partikularismus. Der Logik hält die Legende nicht Stich, daß ein eigensinniger Greis und verstockter Borusse die Kaiserwürde nur widerwillig auf sich nahm. Er nahm sie schon vier Wochen vor der Proklamation nicht nur an, sondern zeigte dabei durch tiefe Ergriffenheit volles Verständnis. Das Zerwürfnis mit seinem politischen Berater kann sich also keinesfalls auf den springenden Punkt selber beziehen. Wie will man aber begreifen, daß er über Aufgeben des guten alten preußischen Königtums klagte? Die Proklamation hob an: »Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen«, es konnte ihm also auch nach dieser Richtung der Staatsakt nicht mißfallen, von Aufgehen der preußischen in die deutsche Kaiserkrone war ja gar keine Rede. Ja, das ist es eben. Offenbar meinte er ursprünglich, er werde fortan nur als Kaiser des wirklich vereinten Deutschland fortbestehen, sonst hätte seine Klage ja nicht den geringsten Sinn gehabt. Und nun vernahm er, es solle sich bloß um einen Föderativstaat handeln, in welchem alle Partikularisten wieder Sitz und Stimme hatten wie im alten Deutschen Bund, nur daß die Süddeutschen in den Bund mit übertraten, jedoch mit großem Unterschied. Der Norddeutsche Bund hieß im Grunde Preußen, die kleinen Fürstentümer und selbst Sachsen waren darin nur Enklaven, Vasallen. Die Art aber, wie Bayern sich als gleichsam gleichwertiger Koeffizient auch in militärischer Hinsicht einfügte, empörte den berechtigten Preußenstolz. Man hatte vor vier Jahren das von Österreich preisgegebene Bayern gegen Wilhelms Willen gänzlich geschont, und jetzt erhob es wieder Ansprüche, als wäre es ein selbständiger Rheinbundstaat. Entsprach etwa dies der einstigen Reichsverfassung? Gewiß nicht, da war der Herzog von Bayern ein Vasall des Kaisers wie jeder andere, selbst wenn dieser Wahlkaiser ursprünglich nur ein Herzog von Franken oder Schwaben war, während diesmal das übermächtige Preußen als Stammland des Kaisers drei Viertel des aktiven Bundesheeres umfaßte. Mit anderen Worten: der neue Kaiser hatte die Macht, die Süddeutschen als Vasallen zu betrachten und bei allen anderen hatte dies keine Schwierigkeit, doch durch Bayerns Sonderstellung erweckte man den Eindruck, als ob die Kaisermacht nur ein Titel sei, ein »Charaktermajor«. Deshalb das scheinbare Streiten um des Kaisers Bart: »Deutscher Kaiser«, »Kaiser von Deutschland«, das einen sehr tiefen Sinn hatte. Und hierbei handelte es sich nicht um Stolz oder gar Hochmut, sondern der gesunde praktische Verstand König Wilhelms sah darin die Wurzel vieler Übel, während sein Idealismus ihm zuflüsterte: das ist ja gar nicht die volle und wahre Einheit, wie die Nation sie will. Daß man im Reichstag scharfe Bedenken erhob, entging ihm sicher nicht. Wenn nun aber einmal die wenig einheitlichen Bedingungen getroffen waren, die den ihm sehr zuwidern Roi-Soleil von Hohenschwangau jederzeit verlocken konnten, als »selbständiger Souverän« eine antideutsche Politik zu führen, so hielt der Name »Kaiser von Deutschland« eine Hintertür offen, durch die ein volles Einheitskaisertum einmarschieren konnte. In »Deutscher Kaiser« lag ein für allemal jenes Wahlkönigtum, unter dem das alte Deutschland so viel zu leiden hatte. Was war denn eigentlich los mit diesem Bismarck, den alle Welt einen Realpolitiker nannte und der doch offenbar hier in Phantasien sich erging? Aus solch einem Föderativstaat konnte doch am Ende nicht viel Besseres werden als aus dem alten Bundestag. Ob sich durch Einflüsterung von Höflingen nicht sogar der Verdacht einmischte, der preußische Kanzler schmeichle sich aus Privatgründen an König Ludwig an? Wer kann das wissen! Dem gerechten Vaterlandsfreund und Geschichtschreiber aber steht es an, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Das deutsche Volk hat sich das Recht durch ungeheure Opfer erkauft, die volle Wahrheit zu hören. Und diese Wahrheit hat den erhebenden letzten Schluß, daß auch hier König Wilhelm ein völlig anderer erscheint, als ihn die Legende von fast allen Parteien gerne haben möchte. Nicht als der blindlings von seinem grimmen Hagen Geleitete und Geführte, sondern als eine durchaus selbständige Persönlichkeit, die ihr eigenes Nachdenken festhielt. Dieser geheime Zwist zwischen König und Kanzler, weit entfernt von der läppischen, jeder gesunden Logik spottenden Auslegung, die man unterschob, hatte ein äußerst ernstes Gepräge der Uneinigkeit über eine entscheidende Frage, bei welcher der König und nicht der Kanzler anscheinend das historische Recht und die Wünsche der Nation vertrat. So weit ging aber die theoretisch und prinzipiell richtige Erkenntnis des Königs und vieler Geistesspitzen nicht, um die praktische Unrichtigkeit zu durchschauen. Das konnte nur das politische Genie, das schon so oft den zentrifugalen Individualismus der Deutschen betont hatte. Gewiß, die vom Kronprinzen (und heimlich vom König) gewünschte Aufhebung der verschiedenen Königswürden und Separatrechte hätte sich durchführen lassen, denn die Militärkreise aller deutschen Stämme standen überwiegend auf preußischnationaler Seite im Sinne eines allmächtigen Kaisertums. Doch dem Volk, vornehmlich in Oberbayern, wo noch klerikale Verhetzung mitsprach, hätte man dies niemals mundgerecht gemacht. Daß keine Schonung und Freundlichkeit fruchtete, bewies nachher das oberbayrische Geheul, die Saupreißen hätten den heißgeliebten edeln Menschenfreund Ludwig, diesen Vater der Bajuvaren, meuchlings umgebracht, welches infame Geschwätz sogar vor der ehrwürdigen Gestalt des ausgezeichneten Regenten Luitpold nicht haltmachte. Man könnte nun folgern: da also Bismarcks Föderativstaat in Bayern ein moralisches Fiasko erlitt, so hätte man lieber gleich gewaltsam Bayern zum Vasallen herabdrücken sollen. Doch da kennt man die Zähigkeit des deutschen Stammeshaders nicht, gegen den weder Gewalt noch Güte, sondern nur Zeit und Gewohnheit etwas ausrichten können. Selbst nach viereinhalb Dezennien gab es noch vereinzelte Lumpenhunde, meist klerikal verseuchte Bauern, die zum seligen Sigl vom »Vaterland« (schöner Name!) beteten und nicht für Saupreußen fechten möchten. Tausendmal mehr Schandbuben solchen Kalibers hätte es gegeben, wenn man die wahre Einheitsmonarchie des »Kaisers von Deutschland« errichtet hätte. Und es wäre auch kein Glück gewesen. Der Bundesstaat entspricht dem innersten Wesen der deutschen Stämme, und sie offenbarten in schwerster nationaler Not, daß sie unter ihren verschiedenen Fahnen doch alle wie ein Mann für Kaiser und Reich marschierten. Die Verschiedenheit der Sitten wie der Mundart belebt den Reichtum deutschen Wesens, der Preuße freut sich, wenn er in ein sonderstämmiges Bayern kommt. Ehre König Wilhelm, daß er die eine Hälfte der Wahrheit erkannte, Ehre dem Genius, daß er die andere wichtigere Hälfte festhielt, allen Nörglern zum Trotz!

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