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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 29
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
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Die militärischen Operationen machten keine wesentlichen Fortschritte, Podbielskis »Vor Paris nichts Neues« wurde in Berlin ein geflügeltes Wort. Mit Sorge sah Otto zu, wie die Belagerung sich in die Länge zog. Von Moltke und den Halbgöttern erfuhr er nichts, nur die in den Hauptquartieren umherwandernden Erbprinzen verrieten ihm manchmal ahnungslos Dinge, die er nicht wissen sollte. Auf Spazierritt im Parke van Trianon traf er Blumenthal am Kiosk der Kaiserin. Dieser teilte ihm mit: »Der Kronprinz sprach zu Graf Solms sich leidenschaftlich über das Unding aus, den Elsaß zu annektieren. Das berge große Gefahren. Natürlich steckte Herzog Ernst dahinter mit seiner alten Koburger Weisheit.«

Otto brummte etwas zwischen den Zähnen. »Die Franzosen wollen also nicht Vernunft annehmen? Wie ich höre, unterhandeln Sie mit einer Menge Parteien gleichzeitig.«

Der Kanzler nickte mißmutig. »Da ist die Pariser Regierung, da ist Gambetta, da ist die Regentin in London, d. h. die weiland Kaiserin Eugenie, da ist endlich der sonderbare Bazaine, aus dem ich nicht klug werde.«

»Ein Abgesandter von ihm war hier?«

»Ja, General Boyer.« Er brach jedoch ab und wurde sehr einsilbig, denn die Dinge verwickelten sich. –

Ein Geheimagent Gambettas fragte an, ob er die Republik anerkennen wolle. »Mit dem größten Vergnügen, auch eine Dynastie Gambetta, wenn Sie wünschen, nur muß sie uns einen guten Frieden geben. Dann ist mir jede Dynastie recht, meinethalben Rothschild und Bleichröder.« Dem Abgesandten Bazaines hörte er auch mit gespannter Aufmerksamkeit zu und führte ihn in den Garten, damit Hatzfeld und Keudell, die nebenan arbeiteten, kein Wort vernehmen sollten. »Seien Sie sicher, General, Preußen wünscht am wenigsten, die kaiserliche Dynastie zu zerstören, die für uns ein Unterpfand der Ordnung wäre.«

»Dann bitte die Bedingung zu nennen, unter der die Rheinarmee Metz verlassen darf. Sie ist kaisertreu und will nicht mit den Pariser Advokaten paktieren.«

Das war eben wieder die Crux. Der Generalstab schrie Mordio bei dem Gedanken, die große Siegesbeute aus den Zähnen zu lassen. Metz mußte kapitulieren wie Sedan, nicht anders. Der König stimmte jedoch mit gewohnter Klugheit Ottos Vorstellung zu: »Jede Abkürzung des Krieges ist von viel größerer Wichtigkeit als alle Trophäen, aus ernsten politischen Gründen. Wir gewönnen im Gegenteil so einen Zuwachs an Kraft, da die Rheinarmee ihr Schwert gegen Gambetta in die Wagschale würfe und so die Einheit der Nationalverteidigung aufhöbe. Das wäre der allernächste Schritt zu schleunigem Frieden.« Er entließ also Boyer mit der Abmachung, Bazaines Heer solle sich nach einer bestimmten Provinz im Innern zurückziehen, dort die kaiserlichen Adler wieder aufpflanzen und durch die Regentin sowohl mit der Nation als mit den Deutschen verhandeln. Otto seufzte vor seinen Leuten: »Ich brauchte letzthin drei Tage für etwas, was ich in drei Stunden geregelt hätte. Immer muß ich mich mit anderen über Dinge herumschlagen, von denen sie rein gar nichts verstehen. Beanspruche ich denn, ins Aufstellen von Batterien dreinzureden? Moltke z. B. ist ein ausgezeichneter Kopf, und er würde in jedem Berufe etwas Ansehnliches leisten. Doch nun hat er eben nur den einen Beruf, nichts als Spezialist, und interessiert sich nur für eins. Man spricht von deutscher Universalität, und ich hoffe, dies geht nicht verloren. Spezialismus ist zweifellos nötig, doch darf er nicht zur Einseitigkeit führen.«

Weder er noch Bazaine rechneten mit der Regentin, zwischen welcher, Bazaine und Bismarck, auch ein dunkler Ehrenmann Reynier hin und her lief. Eugenie lehnte jeden Frieden ab, der auf Verminderung des Territoriums beruhe. Bald darauf kapitulierte Metz mit drei Marschällen, und doch brachte auch dieser Druck die allgemeine Lage nicht weiter.

»Wir sollten gar nicht an Beschießung, sondern nur an Aushungern denken«, gab Blumenthal dem Kanzler seine Ansicht kund. »Darin stimme ich mit Moltke überein.« Otto schwieg dazu. Der General schien aber so nervös und unruhig, daß man nicht wußte, ob er es nicht satt habe, zu opponieren. Am großen Bassin in Trianon brach er grundlos in langes Weinen aus, als man einen Choral spielte, und bekannte: »Es hängt mir wie Blei in den Gliedern, daß ich jetzt nichts mehr selbständig machen darf, sondern immer erst anfragen muß, ob allerhöchstenorts etwas dagegen zu sagen ist. Die Flügel sind beschnitten und gelähmt.« Seine Brummigkeit ging so weit: »Wenn noch etwas Tüchtiges geleistet wird, haben wir's nur dem lieben Gott und unserem Glücke zu danken.« Dazu brummte der Mont Valérien und der Himmel brannte von blutrotem Nordlicht.

Mit Blumenthal, den er sehr schätzte, nach einem Diner beim Kronprinzen auf einem Sofa sitzend, sprach Otto tiefe und gewaltige Worte über das germanische Prinzip. »Es muß siegen und die anderen beherrschen. Allerdings braucht es manchmal einer fremden Blutmischung, das tat auch den Briten gut. Bei uns in Preußen hat der slawische Einschlag die nötige Staatsunterwürfigkeit und Disziplin gebracht, die sonst dem individualistischen Germanen zuwiderläuft. Gottlob stecken aber darunter noch die deutsche Knorrigkeit und Nachdenklichkeit und Fleiß und Initiative. Die Slawen ohne deutsche Beihilfe sind nichts, nicht unbegabt, aber rein nachahmend ohne jeden eigenen Schaffenstrieb. Angeborene Trägheit und Schwäche haften da wie eine unheilbare Krankheit, und bei jeder besonderen Anstrengung bricht das seelische Knochengerüst zusammen. Die Russen fangen jetzt an, auch in den Ostseeprovinzen zu russifizieren, und prahlen, sie würden alles Deutsche von sich abstoßen. Nichts kann besser für uns sein, denn ohne die Deutschrussen ist Rußland ohnmächtig.« Er wollte dann wegen der Beschießung anklopfen, doch Blumenthal unterbrach unwirsch: »Geht nicht. Von förmlichem Angriff darf keine Rede sein. Die Opfer! Und Paris fällt ja doch spätestens bis Mitte November.«

Ja, Prost Mahlzeit! Otto wurde immer verstimmter und empfing Thiers, der über Waffenstillstand ein Abkommen treffen wollte, zwar mit all seiner gewohnten Höflichkeit eines großen Herrn, aus Herzlichkeit für seinen früheren Bekannten und Verbindlichkeit für die Verdienste des Historikers gemischt, doch kühl und eisig betreffs der politischen Punkte. Denn jetzt irgendwie Entgegenkommen zeigen, hätte Schwäche verraten. Die Sache zerschlug sich. Sonst gab es weiter nichts Neues, als daß Moltke in den Grafenstand erhoben, der Kronprinz zum Feldmarschall ernannt, Steinmetz in Ungnade nach Hause geschickt wurde, keineswegs wegen strategischer Sünden, wie die Legende wähnt, sondern weil er sich persönliche Subordinationswidrigkeit gegen den königlichen Prinzen Friedrich Karl zuschulden kommen ließ. Blumenthal ging leer aus.

Herr Unterstaatssekretär Odo Russel setzte eine feierliche Miene auf, daß Preußen die plötzliche russische Kündigung des Schwarzen Meer-Traktates begünstige. Der in Versailles erschienene Lord Loftus berichtete an Earl Granville ins Foreign Office über sehr scharfe Vorhaltungen des Kanzlers wegen britischer Kriegskonterbande. »Das wird ein gekränktes wundes Gefühl in Deutschland zurücklassen, zumal wir ja auch für Englands Interesse fochten. Denn wären wir unterlegen, so hätte Napoleon Belgien annektiert und Sie würden für Ihren Schützling nichts haben tun können.«

»Nicht können? England?« schnaufte der edle Lord.

»Gewiß, weil Ihr kleines Heer gar nichts bedeutet und Ihre große Flotte (sehr viel alte Schiffe darunter) Frankreich nicht viel schaden könnte. Um so mehr sind wir befremdet über Ihren Vermittlungsversuch, der in Deutschland sehr mißverstanden wird.«

»Inwiefern wird unsere gute Absicht verkannt?«

Otto zuckte die Achseln. »Mein Gott, die Menschen sind schlecht und denken immer Schlechtes von ihren Nebenmenschen. Die Deutschen argwöhnen, Neid und Eifersucht, möchten uns der Früchte unserer Siege berauben und unseren Siegeslauf aufhalten.«

»Das ist ein unbegründetes Mißtrauen«, machte Loftus sittlich gekränkt.

»Und ein unnötiges. Denn da wir Ihre Vermittelung leider ablehnen und uns von niemand dreinreden lassen, haben die Deutschen keinen Grund, sich zu ärgern.«

Loftus hatte die Pille zu schlucken. »Und unsere Anfrage, ob wir ein Kanonenboot die Seine hinaufschicken dürfen, um die in Paris wohnhaften Engländer in Sicherheit zu bringen?«

»Dies unerhörte Verlangen untersage ich formal, ohne natürlich die Bosheit unserer Offiziere zu teilen, die dahinter eine Spionage vermuten, ob wir Torpedos legten. Nichts für ungut! Doch ich schneide ein für allemal jede Intervention, welcher Art sie sei, rundweg ab. Wir werden jeden solchen Versuch als unfreundlichen Akt betrachten.« –

»Können Sie sich wenigstens zur Neutralität verpflichten, wenn es gegen Rußlands Vorgehen zu ernstem Konflikt kommen sollte?« forschte Herr Odo.

»Wir können nichts derart. Ich bin kein Freund von Konjekturalpolitik. Die Frage hat für uns kein Interesse, und zurzeit beschäftigen wir uns nicht damit. Das muß für Sie genug sein.«

»Für England hat sie Interesse.«

»Auch das hat für uns kein Interesse«, bemerkte Otto kaltblütig. »Übrigens schließe ich Dankbarkeit in der Politik nicht aus. Rußland war uns stets gutgesinnt, und wir fürchten keine Kollision. Was wir England zu danken haben, wie viel oder wie wenig, weiß ich sehr genau.« Vor diesem wetterleuchtenden Blick schlug Odo unwillkürlich die Augen nieder. »Beust bot übrigens schon vor Jahren die Auflösung der Traktatklausel an, um den Zaren für sich zu gewinnen. Der wünscht aber nichts aus Österreichs Händen. Der Zwischenfall ist geschlossen, nicht wahr? Wir haben nicht den Beruf, irgend jemand eine Gunst zu erweisen, der uns keinen Gegendienst leisten kann oder will.« Eine solche Sprache hatte noch nie ein englischer Diplomat gehört. Erst seit dieser gräßliche Jönker – das Wort Junker lernte man in England schon auswendig, sprach es nur falsch aus – auf dem Kontinent rumorte, schwand jede Ehrfurcht vor der strengen Gouvernante Britannia. Doch getrost, noch gibt es Hintertreppenwege, um diesem steinernen Roland beizukommen. Die fürstlichen Damen sind alle begeistert für britischen Edelmut, der Kronprinz wird uns schon englisch kommen. Das kleine schäbige Preußen stieg zu hoch in der Welt, und wir sahen es doch stets nur als dafür geschaffen an, zu unserer Bequemlichkeit Krieg zu führen. Und da soll man nicht die gute Laune verlieren!

Die Pathetik »Künftige Komplikationen werden aus Rußlands diabolischer Politik entstehen«, trumpfte Otto verächtlich ab: »Ich finde sie bescheiden, naiv, treuherzig, man konnte viel mehr verlangen. Komplikationen? Sie meinen wohl Parlamentsreden. Von künftig redet, wer nichts tun will.« Noch verächtlicher lachte er vor seinen Vertrauten: »Wir haben diese Leute heut ebensowenig zu fürchten, wie wir vor dem Krieg etwas von ihnen zu hoffen hatten.«

*

Mittlerweile ging der Zank im Lager fort: Beschießen oder nicht? Roon, den Blumenthal besuchte, meinte triumphierend: »Bald werden wir den ersten Schuß unserer Belagerungsgeschütze hören.«

»Sie sind noch ebenso blutdürstig wie 1864, wo Sie aus Berlin fortwährend Bombardements forderten«, lachte Blumenthal. Um abzulenken, warf Otto hin: »Ich werde den Reichstag nach Versailles berufen.«

»Und die französische Kammer nach Wilhelmshöhe vice versa« spöttelte der kratzbürstige General. Als er nach Hause fuhr, dachte er: Der spricht mir zu viel, er gefällt sich darin. In Wahrheit ärgerte er sich, daß der Zivilist auf Beschießung drang. Daß er selbst doch sicher noch weniger von den großen Ideen des Staatsmanns begriff, kam ihm nicht zu Sinn. Er schimpfte übrigens mit Recht über die militärischen Faulenzer, die zu Dutzenden als unfruchtbare Kritiker herumliefen, und über Moltkes Zögerungen, sofort eine erhebliche Heerabteilung über die Loire vorzusenden und die feindliche Loirearmee zu zersprengen, ehe sie sich ausbilde. »Der König scheint auch recht angegriffen, es wird zu viel für den alten Herrn, Unbefugte blasen auch Trübsal und ängstigen ihn«, klagte er vor vertrauten Adjutanten wie Viebahn und Lenke. »Gestern war ja hier eine lächerliche Panik, alles packte. Diese unmännliche Heulmeierei bringt mich in wahre Wut. Wenn nur das Hauptquartier mit sämtlichen hohen Herrschaften sich entfernte, würden wir den Frieden schon beschleunigen.«

Er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen Beschießung, ehe nicht wenigstens alles parat sei. »Überhaupt ... so einen Knalleffekt wollen die Pariser ja, als Märtyrer sich der Gewalt widersetzen paßt ihnen besser, als wie Ratten im Loch und wie tolle Hunde Hungers zu sterben.« So antwortete er Bismarck nach Tische auf einem Diner beim König, wo dieser schnelle Beschießung empfahl, aus politischen Gründen. »Ich halte es für einen militärischen Fehler, wobei unsere Ehre engagiert ist. Eher trete ich vom Kommando ab, ehe ich eine fähnrichmäßige Knallerei gestatte, da wir noch lange nicht Munition genug haben. Wir würden uns blamieren.« Otto sah ihn mißtrauisch an, er witterte etwas anderes dahinter, daß Moltke und Blumenthal hier wieder mal einig waren. Irrigerweise vermutete er den Kronprinzen als Hintertreiber, im Gegenteil wünschte dieser die Beschießung. Auch der König bekam es mit der Ungeduld und ging auf Ottos Begründungen ein. Ein ungnädiges Schreiben an Moltke drückte aus, er sei ungehalten, wie lange es mit Heranschaffung des Belagerungsparks dauere. Gleich darauf sandte er dem Kronprinzen ein Schreiben des Kanzlers, das dieser Blumenthal mitteilte: Das baldige Bombardement sei absolut nötig, die Neutralen verständen unsere Taktik nicht und hielten sie für ein Zeichen von Schwäche, deshalb würden sie sich erschwerend einmischen. »Jaja, Bismarcksche Energie! Er bohrt und bohrt auf sein Ziel los, doch seine Gründe halten nicht Stich. Das ist eine künstliche Politik, die das Wesen des Krieges verkennt.« Der Kronprinz klagte:

»Es wäre schrecklich, wenn unnötigerweise noch mehr Menschen geopfert würden. Doch unser Gewissen ist rein.« Die unendliche Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit des Kronprinzen schonte stets Blumenthals reizbare Empfindlichkeit, der ihm unverhohlen zu verstehen gab, daß ihm sein Standpunkt als Kommandeur noch nicht klar sei, d. h. nur als Staffageornament zu dienen und zu jeder Anordnung des wirklichen Leiters Ja und Amen zu sagen.

»Ich will Ew. Kgl. Hoheit gern die Ehre von allen lassen und alle Arbeit allein tun, aber ich lasse mich nicht zum Adjutanten herunterdrücken.«

»Aber wer denkt denn daran, bester Blumenthal. Sie können alles machen, was Sie wollen, ich mache Ihnen keinerlei Schwierigkeiten, nur muß ich doch alles wissen, was vorgeht.« Schon hierdurch erweist sich die Auffassung Bismarcks und der öffentlichen Meinung als grundfalsch, der Kronprinz habe auf Wunsch seiner Gemahlin die Beschießung hintertrieben. Er tat militärisch stets nur, was sein Vertrauensmann riet. »Bismarck hat nun Roon völlig mobil gemacht, beide bestürmen täglich Menschen und Götter, das Bombardement zu beginnen. Wissen Sie, daß Bismarck mir ein Telegramm diplomatischer Herkunft vorlegt, die Pariser Machthaber wünschten selbst Beschießung, damit sie mit Ehren kapitulieren könnten?«

»Woher stammt denn die Depesche?«

»Auf dem Weg über Berlin.«

»Bah, woher diese Verbindung mit Pariser Regierungskniffen, bis man ihre geheimsten Wünsche liest? Das ist eine Intrige, auf den König zu wirken.«

»Sie halten also die regelmäßige Belagerung für Torheit?«

»Weil wir nicht genügend Material haben. Wir geben uns der Lächerlichkeit preis.«

Der Kanzler ließ nicht locker, schickte ein Telegramm des Ministers Delbrück: im Reichstag werde es einen großen Sturm geben, weil das Bombardement ausbleibe. Er wurde vor Aufregung krank, sein vergiftetes Bein meldete sich, da schickte er Abeken zum König. »Die Stimmung in Berlin ist so erregt, daß man Unruhen befürchtet, weil immer noch nicht geschossen wird.« Der Monarch geriet in heftigen Unwillen. »Ich werde sofort an den Gouverneur telegraphieren, daß er jede Emeute erstickt. Diese undankbaren Berliner! Das Publikum hat sich zu bescheiden, was ich im Felde beschließe.« Natürlich schickte Otto eiligst wieder hin, es sei Mißverständnis, so arg stände es nicht, nur wachse die Ungeduld über solche Verzögerung. »Moltke ist furchtbar aufgebracht über so viel Eigenwillen«, teilte der Kronprinz Blumenthal mit. »Er läßt keinen Stein ungedreht, um seinen Zweck zu erreichen. Er meint's ja gut, aber –« »Ich habe nicht den Eindruck,« erwiderte der General in sichtlicher Aufregung, »als ob Moltke mich stützen würde. Er mag dem Kanzler zürnen, aber dessen Eisenkopf durchrennt jede Wand. Hahnke berichtet mir soeben, das Hauptquartier sei plötzlich gegen mich. Wissen Sie, was verbreitet wird? Die Frau Kronprinzeß und Ihre Majestät die Königin hätten mich bearbeitet, aus sentimentaler Menschlichkeit vom Bombardement abzustehen.«

»Das ist schändlich«, brauste der Kronprinz auf. »Und ich will wohl meiner Frau den Willen tun? Die Leute kennen uns wenig, wenn sie meinen, unsere Damen könnten so leicht unsere Handlungen leiten, hält Ihre Sachkenntnis die Beschießung für zwecklos, so wird unsere Vernunft sich nicht durch kindische Anwürfe beirren lassen.« So sind tatsächlich alle Legenden, wie sie noch heut als Historie bestehen, hinfällig gewesen. Von Moltke behauptete man auch, er habe als Höfling, da der König zur Zeit recht leidend war, sich dem künftigen Herrn anschmiegen wollen und deshalb dessen Verschleppung der Beschießung befürwortet. Wahr ist freilich, daß der König sich Ottos Ansicht schon früher anschloß und persönlich ein Memoire aufsetzte, das im Archiv des Generalstabs bewahrt wird; nur seine übergroße Bescheidenheit hielt ihn ab, seine eigene Meinung als maßgebend gegenüber Moltke zu betrachten. Otto aber grollte bis zum Tode: die Generale hätten nur aus Rancune gegen ihn die handgreifliche Wahrheit nicht sehen wollen. »Man könnte glauben, sie möchten den Krieg recht lange fortspinnen, damit sie so lange das Heft in Händen haben.« Damit tat er ihnen Unrecht, doch schienen sie wirklich unbelehrbar. Zu Blumenthal kam ein ihm von früher bekannter Herr v. Bouffé mit einem Anliegen und äußerte: »Sie müssen ja doch bald Frieden schließen, Sie können es nicht aushalten. Bei Ihnen grassiert so fürchterlich der Typhus und unser glorreicher Ducrot brach ja durch, und Gambetta vereint sich mit ihm.« Der General sagte hart:

»Die erste Loirearmee ist vernichtet, die zweite geschlagen, Ducrots Ausfall völlig gescheitert, Typhus gibt's überhaupt nicht. Doch ihr Franzosen schwört auf die sinnlosesten Lügen, wenn es eurem kindischen Übermut in den Kram paßt. Ein Volk von Lügnern kann nur Obergenerale brauchen, die fortwährend fälschen und lügen und damit recht haben, weil sie ihr leichtsinniges unwissendes Volk kennen. Ihr werdet euch bis zum letzten Todesstoß in Illusionen wiegen, und während euch ununterbrochen das Messer an der Kehle sitzt, schreien: wir siegen!«

»Mein Herr, die Beleidigung der Großen Nation –«

»Die sich selbst so nennt, die Kleine. Gehen Sie!« Doch die natürliche Logik zog er nicht, daß nur die grobe Stimme der Belagerungsgeschütze den Franzosen und dem Ausland die wahre Lage ausdrücken konnte. –

Ottos alter Freund Eberhard Stolberg, als Vorsteher des Roten Kreuzes im Hauptquartier anwesend, unternahm es als unerschrockener warmherziger Vaterlandsfreund, dem König über den militärischen Boykott die Augen zu öffnen, welchen die Halbgötter über den Staatsmann verhängten. »Solche Ausschließung muß sehr unzuträglich werden, gerade jetzt wo der Frieden näher rückt.«

Der König nickte und meinte halb humoristisch: »Ja, sehen Sie, lieber Graf, die Sache ist so. Im böhmischen Feldzug traf er im Kriegsrat oft den Nagel auf den Kopf, was die Majorität sehr verschnupfte. Da kann man sich nicht wundern, daß die Herren ihr Ressort allein beraten wollen. Für Vermengung der Ressorts bin ich auch nicht.«

»Der Kanzler erklärt jedoch, daß Zuziehung des leitenden Staatsmanns von höchster Wichtigkeit in entscheidenden militärischen Fragen sei, besonders wo alles zum Schlusse drängt.«

»Das verstehe ich recht gut und billige es auch. Aber zurzeit ist nichts zu ändern. Das Prestige des Generalstabs darf nicht geschmälert werden, die Autorität der obersten Heeresleitung würde darunter leiden. Übrigens hat Bismarck ja an Roon einen treuen Vertreter und die Beschießung ist beschlossen, so sehr Moltke abgeneigt war. Der wollte Ende Oktober in Creisau Hasen schießen! Ach, er wird sein Landgut erst nächstes Frühjahr wiedersehen, fürcht' ich. Bismarck hat wie gewöhnlich recht behalten. Ich auch. Ich sagte ja beim Vormarsch auf Paris voraus, daß man die störrige Hartnäckigkeit der Franzosen unterschätzt. Bei uns wäre nicht möglich, daß die Nation ohne ordentliche Regierung und nach Auflösung der Armee so lange Widerstand leistet. Von Jena will ich gar nicht reden, aber überhaupt –! Gottlob haben wir eben deshalb die bessere Vorbereitung. Daran muß immer festgehalten werden. Sagen Sie Ihrem Freund, ich sei ganz für Bombardement, er überzeugte mich schon lange. Ihre Majestät die Königin hält dies für inhumaner als Aushungerung. Das sehe ich wirklich nicht ein. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.« –

Auch so eine Hofschranze! dachte Otto mürrisch, im Versailler Park lustwandelnd, als General v. Boyen verbindlich grüßend vorüberritt. Seit seiner Anhänglichkeit im Revolutionsjahr, wo er Prinz Wilhelm nach England begleitete, saß Boyen für immer fest in der besonderen Gunst des Königs, der nie einen geleisteten Dienst vergaß, dankbar für jede Treue, weil er selbst die verkörperte Treue war. Otto dachte bitter an den Vertrauten des unglücklichen Friedrich Wilhelm, seinen alten Polte Gerlach, von dem er in ziemlichem Unfrieden schied. Den deckte nun auch schon lange der kühle Rasen. Der alte Mann wandelte in Wind und Wetter trotz eigener Unpäßlichkeit hinter dem Sarge des Herrn mit bloßem Kopfe, den Helm in der Hand, und zog sich so den Tod durch Gesichtsrose zu. Ein würdiges Ende altdeutscher Mannentreue. Dem Grollenden schien jetzt ein neues Strebergeschlecht heraufgekommen, das nach den großen Erfolgen sich immer mehr ausbreiten und den sonst im feudalen Preußen fremden Begriff des Byzantinismus einschmuggeln werde. Diese Ahnung täuschte ihn nicht, und es gab auch Personen in des Königs Umgebung, wie den Grafen Pückler, die nicht gerade als Mustermenschen erfreuten. Doch auf Boyen paßte kein Kennzeichen des Höflings. Liebenswürdig, ehrenhaft, bescheiden, freilich unbedeutend, ungleich seinem berühmten Vater, nach dem dafür seine drei klugen Töchter schlugen, zu Bismarcks Zeit eine erhebliche gesellschaftliche Rolle hinter den Kulissen spielend. Sie starben als alte Jungfern, die behäbige, stattliche Hermine und die vornehme Amalie, einstige Hofschönheiten, die bucklige Johanna mit ihrem Pudel etwas spitz und kritisch. Mit ihnen verkehrte besonders die Gattin des Theaterintendanten v. Hülsen, eine geborene Gräfin Häseler, die unter dem Decknamen »Helene« Salonromane schrieb ohne literarischen, doch voll dokumentärem Wert. General Boyen heiratete eine Prinzeß Biron von Kurland, doch auch solche Prinzlichkeit verminderte nicht die vornehme Schlichtheit und wohlwollende Herzensgüte dieses Kreises, hier vertrat man noch das alte Berlin, wie auch im ästhetischen Teezirkel der Frau v. Hohenhausen, wo Prinz Georg seine gutgemeinten poetischen Übungen vorlas. Und aus diesem Milieu Alt-Preußens stammten doch alle die Tatmänner, deren wahres Wesen das nachfolgende kleine Geschlecht so wenig begriff, daß man sie als derbe Realpolitiker anschwärmte und ihnen einen Weihrauch wegen besagter Rauheit streute, der ihnen übelduftig in die Nüstern stieg. Otto empörte sich immer über die Phrase vom Eisernen Kanzler und Mann von Blut und Eisen, er, der zarthäutigste, sensitivste Mensch. Denn wie der alte Kant schon erkannte, »es geschah noch nie etwas Großes ohne Enthusiasmus«, ohne den kategorischen Imperativ eines schwungvollen Idealismus. Selbst der trockene Moltke glich keinem öden Stubengelehrten, seine kühle Schreibweise nahm Wärme an, wenn er den Geist seiner jung abgeschiedenen Gattin beschwor, der ihm tapfer und heiter über die Schultern blicke und lächele: »Ich hab's überstanden und ihr werdet's auch überstehen.« Wohl stand er an literarischer Bildung tief unter Bismarck, doch ein Hauch echtdeutscher humanitärer Geisteshaltung umschwebte auch ihn. – Die unbefangene Nachwelt muß urteilen, daß Bismarck in allem recht hatte. Janus hat ein doppeltes Gesicht, und der Janustempel hat zwei Türen. Der Krieg als Fortsetzung der Politik kann nicht der dauernden Mitwirkung des Staatsmanns entraten. Schon machte ihm Beust zu schaffen. Die von Thiers nicht gefundene Provinz Europa wollte der sächsische Intrigant durchaus entdecken. Schon Mitte Oktober verlas sein Botschafter Wimpfen in Berlin einen Erguß, die Enthaltung des unbeteiligten Europa müsse ein Ende finden, da Paris von einer Katastrophe bedroht werde, die jede Menschlichkeit verletze. Mit solcher Heuchelei wurde dann weiter operiert, auch die amerikanische Union, statt sich an Frankreichs Gehässigkeit und Preußens Freundschaft zu erinnern, strotzte plötzlich von republikanischen Sympathien, England flötete von europäischem Gleichgewicht und edler Menschlichkeit, zuletzt suchte Beust auch Gortschakow aufzuwiegeln: »Der Moment zur Intervention scheint gekommen.« In Berlin erzählte man wütend, Loftus habe gesagt: »Paris wird nicht beschossen, England will es nicht.« Ein Sturm patriotischer Entrüstung erhob sich, man deutete mit Fingern auf hohe Damen, die ihre Händchen in das Gewebe des Krieges zu stecken wagten. Die rührende Menschenliebe der Neutralen bezweckte natürlich, die Macht des Siegers lahmzulegen. Dieser Heuchelei, vornämlich englischen Gepräges, kam übrigens zustatten, daß die deutschen Regierungen nie rechtzeitig Wert auf die Bearbeitung der internationalen Presse legen und das wichtige Ressort des amtlichen »Pressebureaus« mit Nullen besetzen. Im Frieden ist dies Institut dazu da, um seinem Vorsteher allerlei Einflüsse zu sichern und sich in Einklang mit Pressekliquen zu setzen, die für Reklame sorgen. Statt an die Spitze des Bureaus einen anerkannten bedeutenden Schriftsteller zu stellen, amtet irgendein entgleister Journalist dort als Geheimrat und vereint die von Bismarck so gehaßten Mängel des Bureaukraten mit denen des Journalisten. Sobald es zu großen politischen Krisen kommt, enthüllt sich dann die volle Inkompetenz, die entweder ungeschickt schwülstigen oder farblosen Waschzettel beeinflussen das Ausland eher nach falscher Richtung. Bei der sonst vollkommensten Organisation zeigt sich immer wieder die Desorganisierung des Pressedienstes, weil amtliche deutsche Kreise keinerlei Fühlung mit den berufenen geistigen Kreisen haben, höchstens halten sie bestallte Kathedergelehrte dafür, die stets durch ihre akademischen salzlosen Feierlichkeiten, meist ohne jeden soliden Gedankenkern, doch mit dozierender Anmaßlichkeit vorgetragen, das Ausland abstoßen.

Otto zeigte sich auch hier über das deutsche Bureaukratentum erhaben, er bog sich jetzt einen früheren roten Revolutionär und besonderen Vertrauten Lassalles, den kleinen verwachsenen Lothar Bucher, als diplomatische Stütze bei, und sein etwas geschwätziges Büschchen bewies doch eine gewisse Rührigkeit. Fehlerhaft blieb aber auch die Wortkargheit der amtlichen Generalstabsberichte, während die Franzosen mit lächerlichen Communiqués über ihre glorreiche und herrliche Armee die fremden Höfe überschwemmten und mit farbenreichen ausführlichen Phantasiebildern dort Eindruck machten. Otto dachte: hätte ich einen wirklichen Autor hier oder in Berlin, der die Pressemache besorgt und das Ausland genügend kennt, dann würde viel Übel vermieden werden. Doch der Teufel bekehre unsere Herren am grünen Tisch! In Italien z. B. bestanden damals starke Sympathien für Deutschland, Unzufriedenheit mit der französischen Hegemonie, besonders die Republikaner befürchteten das von Viktor Emanuels Französelei. Ohne weiteres versprach Otto im August italienischen Parteisendlingen Unterstützung mit Geld und Waffen für eine Revolution gegen das Haus Savoyen, falls dieses unfreundlich werde. Unbedenklich ergriff er überall jedes Mittel, das sich im deutschen Interesse bot. Doch selbst Rußlands war man nicht sicher, solange Gortschakows Französelei dort schwarmgeisterte und sich in seinem Tintenfaß spiegelte, vor dem er sich mit der Pose eines Napoleon aufpflanzte: Schreiben Sie! und vom Sekretär bewundernden Augenaufschlag für seine Floskeln erwartete. »Neid und Eifersucht gegen mich bestimmen sein ganzes Wesen, er hat kein vaterländisches Pflichtgefühl, nur unwürdige persönliche Eitelkeit. Er will nicht verlöschen wie eine Lampe, schwadroniert er, sondern schwinden wie ein Planet. Ohne irgendwo präsidiert zu haben, mag er sich Petrus am Himmelstor nicht präsentieren. Die russischen Familienverwandtschaften mit Hannover und Oldenburg waren auch kitzlich. Wir könnten selbst jetzt von Rußland Unliebsames erleben, stände nicht mein ehrlicher Kutusow in direkter Beziehung zum Zaren in uns günstiger Weise.« Auch bei so unbedingtem Vertrauen ging Otto zu weit, denn dieser Militärbevollmächtigte, ungemein beliebt bei der »ersten Staffel« des kronprinzlichen Hauptquartiers, ließ sich bei einem Besuch in Bleibtreus provisorischem Atelier (Versailler Museum) unmutig entschlüpfen: »Jaja, sehr schön, aber was wäre, wenn Rußland es nicht zuließe!« Eine Freude an Deutschlands Erstarken hatte niemand.

Der aus Paris entlassene englische General Clermont bestätigte später, man habe Paris am neunzehnten September (und wohl noch am folgenden Tage) mit Sturm nehmen können. Doch auch Blumenthal, scheinbar so quecksilbern lebhaft, litt an Übervorsicht, wo es Opfer galt, eine militärische Pflichtlosigkeit aus moralischem Pflichtgefühl, das ein Feldherr nicht kennen darf. Dieser Mangel an schneller Auffassung und Initiative kränkelte die deutsche Kriegführung mit des Gedankens Blässe an, selbst Friedlich Karl erwarb sich bei Moltke und Blumenthal im Loirefeldzug den Beinamen Fabius Cunctator, doch sie selber trieben vor Paris dasselbe. Auf rasche Aushungerung zu hoffen, lag gar kein Grund vor, man war sogar ganz genügend über den Starrsinn der Pariser unterrichtet. Die strategische Lage war beklemmend, erst der Fall von Metz und vor allem die Dezembersiege an der Loire machten Luft. Kalt und bitter urteilte der Kanzler: »Diese Siege sind der Unüberwindlichkeit unserer Truppen und nicht der Führung zuzuschreiben.« Die spätere Behauptung, Paris sei erst durch die Beschießung wieder aus lethargischer Erschlaffung zu Tatenmut erwacht, hat gar keinen Sinn. Im Gegenteil nahm von da ab der Widerstand von Woche zu Woche ab, während vorher die Ausfälle sich drängten. Daß der Belagerungspark von vornherein zu spät herangeschafft wurde, steht fest, weil eben Moltke und Blumenthal in ihre Aushungerungsmarotte verliebt blieben. Außerdem hatte man unzählige Waggons mit Speck für die armen Pariser beladen, um sie zu füttern, wenn sie kapitulierten, eine echtdeutsche unmenschliche Menschlichkeitspedanterie. Begreiflich aus allem, daß Otto immerdar dabeiblieb, die englischen oder englisch bearbeiteten Damen hätten durch den Kronprinzen die Beschießung aus Humanitätsdusel hintertrieben, das Mekka der Zivilisation müsse ehrfürchtig geschont werden. Dies Mekka gebar den Propheten Victor Hugo, den Jesaias des gallischen Phrasenblödsinns, das sonst talentlose stärkste Talent formaler Sprachberauschung, den Meister der Deklamationsverpackung winziger Geisteskörner, einen echten Genius der »lateinischen« Rasse, lauter Sauce und kein Braten. »Jedes Haus speie seine Möbel!« Auch ich, der unsterbliche Druide, habe einen Säugling an der Mutterbrust, ergreife er das Chassepot. Pfui über dich, Deutschland, das wir als ehrwürdige Großmutter schätzten, jetzt möchtest du eine gewappnete Walküre sein? Für solchen Umsturz der moralischen Weltordnung mußt du gespießt und in siedendem Öl gesotten werden. –

»Ich verhehle Eurer Majestät nicht die allgemeine Verstimmung in Berlin. Man schreibt Ihrer Majestät der Königin einen Einfluß auf die zahme Kriegführung zu.«

Der alte Herr geriet in heftigen Zorn. »Das ist eine Majestätsbeleidigung, und ich bedrohe jeden, der so etwas äußert, mit schwerer Strafe. Lassen Sie sich das gesagt sein!« Und er hatte ganz recht, denn weder er noch der Kronprinz haben sich je zu einem Einspruch gegen die Beschießung bestimmen lassen, waren vielmehr stets dafür, Moltke und Blumenthal tragen allein die Verantwortung. Da ersterer sah, daß der höchste Herr die Beschießung wünsche, machte er eine Schwenkung dorthin. Roon sah alle Widerstrebenden bitterböse an, der stete Zank rieb ihn fast auf, mit Blumenthal, neben den er sich zufällig bei einem Diner setzen mußte, vermied er jede Aussprache.

Die Kronprinzeß klagte brieflich, es herrsche gegen sie die aufgeregteste Unzufriedenheit, weil sie angeblich im Bunde mit Königin Viktoria franzosenfreundlich wühle. »Ha, das ist eine tiefangelegte Intrige«, tobte Blumenthal. »Das sind diese Zeitungsschreiber. Unsereins kennt ja solch Pack nicht, doch ich habe mir sagen lassen, unsere sind geradeso verworfen wie die französischen. Sie werden entweder aus dem Reptilienfonds gespeist, wie die Demokraten es nennen, und preisen alles, was ein Minister tut, oder sie möchten gespeist werden und schimpfen auf alles. Bücher besprechen sie je nach dem Namen des Autors lobend oder tadelnd, ohne sie gelesen zu haben. Wer ihnen nicht paßt in ihren Kliquen, den erklären sie von Blatt zu Blatt in die heilige Feme, ob konservativ oder liberal, gilt gleich, denn ›unterm Strich‹ sind alle Katzen grau, sagt Gustav Freytag, von dem ich diese Aufklärungen habe. Bloß die politischen oder literarischen Mitbürger mosaischer Konfession müssen immer gelobt sogenannten Deutschen sind kein Jota besser, je alldeutscher sie werden, selbst wenn man sie nicht ausstehen kann, denn in der Presse herrschen mehr oder minder überall die Juden, und die sich gebärden.«

»Ach, Freytag übertrieb!« meinte der Kronprinz zögernd, »Die öffentliche Meinung ist stark. Graf Frankenberg, der Johanniter, erzählte mir vorhin, in Berlin nehme der Zorn wegen unserer Untätigkeit überhand. Das Publikum soll rein toll sein.«

»Dann soll es uns vors Kriegsgericht stellen und Schwätzer an unsere Stelle setzen, dann bekommt es seinen Willen. So treiben wir in revolutionäre Zustände, es ist aus mit der Feldherrnkunst, heut erhielt ich aus Berlin einen anonymen Drohbrief, wo man mit Aufstand droht, wenn wir nicht losschießen. Nur zu! Wir schießen uns ja selber tot mit dem blamabeln Bombardement.«

Mit solchen törichten Übertreibungen begegnete er auch dem Kanzler, der ihn nach einem Diner neben sich aufs Sofa zog und seine Einwände bekämpfte. »Es fällt mir doch nicht ein, die Stadt zu bombardieren, die unsere Geschütze nicht erreichen können. Doch die politischen Umstände fordern, daß Ernst gezeigt wird. Schießen müssen wir, und seien es nur 50 Schuß gegen die Forts, sonst glaubt das Ausland, wir seien zu Ende mit unserer Kraft. Der Laie erwartet von jeder Belagerung, daß Schüsse gelöst werden, und schweigt hier alles, so schließt er, unsere Maschine sei in Unordnung.«

»Das kann doch den Fachmann nicht verlocken, gegen seine bessere Einsicht zu sündigen.«

»Am Krieg hat die Politik ihren Teil.«

»Sie können gut sagen, sie verlangt's, doch an Beweisen hapert's. Übrigens werde ich ja Beschießen der Forts nicht hindern, sobald erst die Munition ausreicht.«

»Auf Ihre Meinung lege ich besonderen Wert, Sie sind mir mindestens so maßgebend wie Moltke. Auch habe ich zu Ihnen großes persönliches Vertrauen.« Aha, geschickt sich einschmeicheln! Dagegen bin ich bombenfest. Blumenthal hielt mit Mühe an sich, nicht laut aufzulachen. Und doch war es Ottos ehrlichste Meinung, der verbittert fortfuhr: »Der König und Moltke lassen mich im Ungewissen über jede Maßnahme, sie behandeln mich jetzt geradezu unhöflich. Ich bleibe nicht eine Stunde länger Minister, sobald der Krieg vorbei. Diese nichtachtende grobe Behandlung ertrage ich nicht, ich bin bloß dadurch bettlägerig und hinfällig und muß ein Ende machen, wenn ich noch länger leben will.« Daß viel wichtigere Dinge als die militärischen ihn in solchen Seelenzerfall brachten, verschwieg er füglich, fühlte aber das Bedürfnis, seinen Arger auszutoben. »Ja wahrlich, als Royalist zog ich in den Krieg, aber als etwas anderes komm' ich heraus. Nein, ich bleibe nicht Minister, um mir von einem Podbielski in jeder Kleinigkeit Sottisen sagen zu lassen, rücksichtslos, als wäre ich der erste beste Beamte. Gute Nacht, Exzellenz, ich empfehle mich Ihnen.«

Er scheint ja ganz außer sich! dachte Blumenthal. Nun ja, er will nie eine zweite Rolle spielen, nachdem das Glück ihn so hoch schob. Andere leisten auch etwas in ihrer Sphäre, es gibt manches, was ein anderer besser versteht als er, und das hält er schon für anmaßend. Das Mittelchen mit dem Abtretenwollen zieht wohl auch nicht mehr. Aber es wäre doch schlimm für uns, wenn er's wahr machte. – In solcher kleinlichen Mißgunst urteilte selbst ein so tüchtiger, ehrenwerter und geistig reger Mann über den Kolossus. Und da sollen Kleinere sich beschweren, weil sie verkannt und verleumdet werden? Otto der Große hat den nämlichen Kelch, der allen Genialen ihr Leben lang kredenzt wird, bis zur Neige getrunken. Wer je über sein Schicksal klagt, der denke daran, daß der größte Mann und größte Wohltäter deutscher Nation gerade in den Tagen, wo ihn die Geschichte im Zenith seiner Glorie strahlen sieht, sich krank, verärgert, gebeugt, von ekelm Qualm und dumpfem Gewölk umlagert fühlte. Und der so unendlich kleinere Blumenthal sah auch nur seinen eigenen kleinen Ärger, weil auf Vortrag Roons die Beschießung seinem Ingenieurgeneral Schulz abgenommen und dem Gardeartilleriechef Kraft v. Hohenlohe, einem ausgezeichneten Fachmann, übertragen wurde. »Nächstens werden sie mich auch noch auf den Sand setzen. So viel Widerwärtigkeiten und Verdächtigungen erntet man, wenn man seine Pflicht tut«, grollte er mit dem Bewußtsein eines Märtyrers.

»Alles nur Kinderei, solange ich treu an Ihnen festhalte«, tröstete ihn der Kronprinz liebenswürdig. »Übrigens bin ich gespannt, wer jetzt noch alles mitreden wird. Heute ersuchte mich Bismarck um irgendeinen Armeebefehl, der die Bayern herausstreicht, weil übermorgen die bayrische Kammer zusammentritt und dies für dortige Abstimmung günstig wäre. Ich schlug es ab, solche Mittel verschmähen wir.« Und warum denn? Wenn Klappern zum Handwerk gehört und alle fremden Politiker außer den deutschen stets einen Korybantenlärm zu machen pflegen, warum müssen wir immer die tugendhaften Stoiker bleiben?

»Meine Frau schreibt mir, nach Wörth habe man ihr einen Fackelzug gebracht, jetzt fürchte sie eine Katzenmusik, Eure Kgl. Hoheit und ich seien ganz unpopulär geworden. Na, ich weiß nicht, was mir gleichgültiger ist, ob das Volk mich liebt oder ob es mich haßt.«

Der Kronprinz antwortete nicht, runzelte die Stirn und blickte trübe in die Ferne. Seinem liebevollen Gemüt schien Unbeliebtheit beim Volke das traurigste Übel. Und dieser militärische Größenwahn ging ihm doch wider den Strich. Das war Blumenthal, der als liberal und hochgeistig galt. Um solche Coriolanverachtung zu hegen, muß man doch wenigstens Coriolan sein. Und über den Riesen, der fast zwanzig Jahre zehnmal Schwereres hinunterschluckte, als er mal zufällig in kurzer Zeitspanne, und der selbst in den folgenden Jahren seines Triumphes sich noch täglich mit wetterwendischer Volksmeinung, Hofgeschmeiß und Militarismus herumzuschlagen hatte, brach dieser verständige Kriegsmann mit Übelwollen und Schadenfreude heimlich den Stab! So sind die Menschen. Kein Held ist einer für seinen Kammerdiener, denn wie sollen Lakaien den Helden ehren, wenn sie ihn in Filzpantoffeln sahen? Aber er ist es auch nicht für seine Umgebung, sondern nur da draußen für die breite Masse, die ihn aus der Ferne auf seinem Postament sieht und natürlich nur einen auf den Sockel Erhobenen erkennt. Wieviel Helden mögen unerkannt im Schatten stehen! Deshalb hat auch Carlyles »Helden-Anbetung« ihre Schattenseite, nicht nur, daß ihr eigener Apostel sich oft genug in den Helden irrte, die er zur Anbetung empfahl. Alles ist eitel, spricht der Prediger, Eitelkeit der Eitelkeiten.

*

Das Bombardement nahm einen befriedigenden Verlauf, obschon Blumenthal zähe dabei blieb, die Schießerei sei eine Blamage, die Bombardierer würden immer stiller und kleinlauter. Admiral Prinz Adalbert sagte ihm taktlos auf den Kopf zu, es heiße allgemein, er wolle nicht schießen wegen Beschwörung durch die Kronprinzeß. »Wer das gesagt hat, ist ein Lügner, und Sie können es ihm wieder sagen«, rief der General in heller Wut. »Was nur die Menschen dabei haben, so infame Lügen zu erfinden! Das ist wohl Ausfluß der Bosheit und Schadenfreude, die jedem Menschen innewohnt, wenn auch nicht immer bewußt.« Sehr wahr, das sollte sich aber jeder hinter die Ohren schreiben. Dagegen bemühte er sich mannhaft, die Schwarzseherei zu bekämpfen, die plötzlich den bisher stets frischen und heitern Kronprinzen befiel.

»Die Lage ist so drückend, Paris fällt nicht, überall stampft Gambetta Armeen aus dem Boden, die Volkserhebung wird uns einzäunen, und die Neutralen sind auf dem Sprunge, bissig zu werden. Frieden a tout prix scheint mir das Vernünftigste.«

»Aber wieso denn? Jetzt wird der Krieg ja endlich wieder flott und lebendig, und da sollten wir die Flügel hängen lassen? Ich verkenne nicht die Großartigkeit der Gambettaschen Leistung. Dieser Zivilist ist mindestens ein genialer Organisator und versteht aus dem Grunde den französischen Charakter. Noch vor ein paar Wochen allgemeine Niedergeschlagenheit und jetzt wieder tolle Begeisterung mit unsinniger Siegeszuversicht. Dies aufgeblasene Volk wird noch mit letztem Atem, wenn wir ihm die Kehle zudrücken, fauchen und keuchen: Ihr seid alle verloren!«

»Aber wenn Paris sich bis zum Äußersten hält!«

»Na ja, bei unserm Geschieße vergessen sie den Hunger. Glaubten unsere Herren etwa, das werde ihren Hunger vergrößern, wenn man ihnen Eisenklöße über den Zaun wirft? Das ist was für den kranken Magen ihres Größenwahnsinns.«

»Das Kriegsglück kann sich gegen uns wenden, Paris entsetzt werden.«

»Und wär' es so, dann wird sich zeigen, wer ein wirklicher Mann ist. Der letzte Landwehrmann muß aufgeboten werden, um die Revolution zu bekämpfen. Denn schlechter Friede und Revolution in Deutschland sind eins. Nur unser gründlicher Sieg ist Konsolidierung eines mächtigen deutschen Reichs.«

»Wir haben uns schon fast mit England verfeindet«, seufzte der Prinz mit dumpfer Stimme. »Bismarck wird nicht eher ruhen, als bis er uns mit halb Europa überwirft.« Nun wußte ja der General, woran er war. Diesmal lag wirklich wohl weibliche Beeinflussung aus der Heimat vor. »Das Vorbild dieser Republik, die so viel Sympathie in Europa genießt, scheint mir auch bedrohlich.«

»Deshalb wollte Bismarck früher mit dem gefangenen Kaiser verhandeln, doch der König wollte nicht.« Damals hatte er aus bloßer Verneinungssucht gegen den allzu berühmten Staatsmann den König dafür gepriesen. Jetzt auf einmal war er anderer Meinung. »Das wäre für uns das Beste, aber nun will wieder Bismarck nicht. Er ist voller Widersprüche.« Nur frisch kritisieren! Er hatte natürlich nicht die geringste Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse, daß jede Aussicht verloren ging, das Kaisertum den Franzosen wieder aufzuhalsen, und daß Otto klugerweise die Republik als Macht für minder gefährlich hielt als eine Revanchemonarchie. »Mich freut's aber, daß wir unseren Demokraten zeigen, wie solche Volksmilizen vor unsern geschulten Berufsheeren zerschellen. Die Deutschen haben leider eine ultrademokratische Denkweise, und der republikanische Schwindelgeist mit französischer Ansteckung würde uns ganz vergiften und auflösen.« Ganz richtig, doch niemand hätte vermutet, daß dieser so liberal sich gebende Herr auch ungeniert dem schönen alten Königtum eine Träne nachweinte, als dessen Tod er die große Veränderung auffaßte, über die jetzt auch der soeben eingetroffene Schleinitz, längst als Hausminister der Königin zur Ruhe gesetzt, tiefsinnig orakelte.

»Eine bittere Notwendigkeit. Majestät kann sich noch immer nicht darein finden.«

»Das Scheiden vom liebgewordenen Königtum seiner Väter fällt ihm so schwer«, nickte Blumenthal. »Ich fühle es ihm von Herzen nach. Se. Kgl. Hoheit find natürlich sehr erhoben und stolz, doch er gewinnt vielleicht nur eine Dornenkrone.« In solcher stockpreußischer Befangenheit urteilte also der angeblich freisinnigste unter den Generalen. Was konnte man da vom dürren Holz der eigentlichen Stockpreußen erwarten!

Blumenthal schimpfte ununterbrochen weiter über die »Mordbrenner«, das Bombardement koste täglich vielmal mehr Leute als jeder frühere Zernierungstag, er stehe glänzend gerechtfertigt da. Dabei beschlich ihn aber ein Anfall von Verfolgungswahn, alles sei gegen ihn ungerecht, er tue doch niemand was, allerdings sei er intolerant und absprechend. Daß alle Welt in ihm einen Vorwurf sehe und sich über sein Lächeln ärgere, hätte ihn belehren sollen, daß im Gegenteil jetzt jeder die Wirkung der Beschießung mit Händen greifen konnte. Was vier Hungermonate nicht vermochten, geschah jetzt: Paris parlamentierte um Kapitulation. Da die vernichtenden Niederlagen von Chonzy, Faidherbe, Bourbaki den Parisern so gut wie unbekannt blieben, kann nur die Beschießung sie bezwungen haben. Wäre sie schon vor Monaten erfolgt, so wären sie schon damals kleinmütig geworden, während die Aushungerung sie nur wütend machte und ihnen als Armutszeugnis des Gegners galt. Die Neutralen gaben plötzlich ihr Drängeln auf, das Geheul über Entweihung der heiligen Stadt durch Hunnen und Barbaren verhallte in leere Luft. Faust und Zähne zeigen besänftigt platonische Menschenfreunde, deren verkniffener Neid zuletzt praktisch dem Sieger huldigt. Mit solchen Bösewichtern mag man sich nicht entzweien, dem endgültig am Boden liegenden Frankreich zeigte Europa die kalte Schulter. Das hätte man längst vor Weihnachten haben können. Die Verblendung einer Rasse, die aus bloßer Eitelkeit jede Vernunft abschwört, versteht weder eine loyale Großmut, die sie für Schwäche hält, noch abwartende Ruhe, sondern nur das gröbste Kaliber. Man muß die Demütigung ganz handgreiflich machen, sonst leugnen sie die Franzosen. Deshalb ärgerte sich Blumenthal diesmal nicht mit Unrecht, daß Otto im kleinen zu sehr entgegenkomme. »Dies Volk ist mir zu unangenehm, ich möchte es bis ins kleinste und bis aufs Blut gekränkt sehen.« Außer durch höfliche Redensarten einem Besiegten sein Los zu mildern scheint jedem Romanen unfaßlich, von Natur hart und grausam aus kalter, gemütloser Selbstsucht, die auch seinen Geiz verursacht, geradezu krankhaft am Besitz hangend. Die Nationalverteidigung erlebte nach dieser Richtung Trauriges bei den französischen Bauern. Freigebig, unter Umständen verschwenderisch, geht der Franzos nur mit einer Sache um, seinem Blute. Nur jene befangene Ungerechtigkeit, die leider vom Militärspezialismus aus guten Gründen unzertrennlich, bestreitet bis heute, daß die völlig grünen unausgebildeten Mobilgarden, einigemal sogar die Nationalgarden (Landsturm), ältere Männer, die noch nie eine Waffe in Händen trugen und obendrein oft alte Vorderlader erhielten, sich durchschnittlich besser schlugen als die weiland Troupiers. Die neugeschaffene Milizartillerie schoß viel sicherer als die kaiserliche und übertraf selbst die ausnahmsweise hingebende von Sedan an Opfermut, an den Kalköfen von Champigny häufte sie eine Hekatombe der Todesverachtung. Die Niederlage der besten kaiserlichen Elitetruppen bei Wörth fiel zehnmal ärger aus als die der Loirearmee bei Loigny, heldenmütiger stritten Franzosen nie als bei den Sturmläufen der Milizen auf Beaune la Rolande, selbst Bourbakis verhungerte, verfrorene Jüngelchen fochten manchmal mit edelm Elan, die Pariser Nationalgarden gaben noch beim letzten Ausfall ein schönes Beispiel. Es ist auch unwahr, daß Faidherbes Nordarmee ein festeres Gefüge zeigte, weil mit einigen »alten« Offizieren und Truppen gemischt, die aus Metz entwischten. Gerade das erste dortige Volksaufgebot bei Amiens schlug sich am zähesten und Chanzys Volksheere viel schwungvoller. In deutscher Militärhistorie hat man die Dinge stets danach zugestutzt, die Überlegenheit des Drillsoldaten über Volksaufgebote übermäßig aufzublasen. Aber damals an Ort und Stelle unter unmittelbarem Eindruck sah man die Lage wesentlich anders und empfand auch die historische Aufgabe des Zivildiktators Gambetta und seines Adjunkten Ingenieur Freycinet, Frankreichs Ehre hochzuhalten. Auch der bitterste Widersacher der Gallier, der über die Fabeln von ihrer Ritterlichkeit Lachkrämpfe bekommt und ihre verlogene Prahlsucht verachtet, muß ihre hohen kriegerischen Eigenschaften anerkennen. Das Empire Napoleons des Kleinen ging mit Unehre, Frankreich aber mit Ehren unter.

Solche Erwägungen entgingen dem Kanzler nicht, der mit klar umfassendem Blick des Genies alle Ereignisse beobachtete. Seine tiefe Geringschätzung der Franzosen und seine begeisterte Hochstellung deutschen Wesens hielten ihn nicht ab, ihn allein, ein gewisses geheimes Mitgefühl bei dieser Tragödie zu empfinden, wo die Weltgeschichte als Weltgericht über ein nicht sittlich entnervtes, wie deutscherseits es ausgelegt wurde, wohl aber von Selbstsucht und Eitelkeit verzehrtes Volk hereinbrach. Seltsamerweise begriffen die schlauen Welschen dies bald, obwohl in Versailles sich auch manche Gelegenheit bot, das Überwiegen des Privategoismus zu studieren. Der Vater des begabten Malers Regnault kroch als Direktor der berühmten Porzellanfabrik von Sèvres vor den deutschen Behörden und erwiderte auf eine Vorstellung Bleibtreus, er solle eine Notabelnliste zu einer Petition für einen anscheinend grundlos arretierten Bürger unterzeichnen: »Nein, das könnte mir schaden.« Sein Sohn fiel nachher als Held an der Parkmauer von Buzenval, obwohl sonst ein wenig tadelfreier Herr. Da hat man den Franzosen, als Privatmann kalter Selbstling, als Patriot sehr brav. Fern sei es der deutschen Gerechtigkeit, die nach dem Kriege leider mehrfach in chauvinistische Überhebung umschlug und dabei doch wiederum die verruchte alte Welschgängerei in albernem Massenimport französischer Theatermache betätigte, einzelne Lichtblicke im gallischen Charakter übersehen zu wollen. Denn manches, was die Franzosenhasser als französisch verfemen, ist leider allgemein menschlich und im eigenen Busen wiederzufinden. Dem höheren Kulturfranzosen fehlt keineswegs eine gewisse korrekte Anständigkeit der Gesinnung, er vergißt selten einen geleisteten Dienst und zeigt die hohe Tugend der Dankbarkeit. Der Arzt Sadoul von Wörth, ein geborener Pariser, sandte jahraus jahrein einen Neujahrsbrief an Bleibtreu, weil dieser ihn vor Ungebühr durch einen hochgeborenen Johanniter rettete. Der Direktor des Versailler Museums, Schwiegervater von Sardou, setzte einen schriftlichen Dank im Namen Frankreichs auf, weil der Künstler auf Anregung des Kronprinzen das französische Nationaleigentum schirmte, obwohl hochgestellte Personen unter Vorwand eines Atelierbesuches recht gerne »Andenken« mitgenommen hätten. Auch dieser brave Franzose verlor seinen Sohn als Offizier, doch auf Bleibtreus Trostworte ging sein Schluchzen » O mon fils!« sofort in dramatisches Stöhnen: » Ce n'est rien, mais la France, la France!« über, und man weiß beim Franzosen nie, wo das Gefühl aufhört und die Pose anfängt. Und wie dankten die Eigentümer der besetzten Landesteile mehrfach für so rücksichtsvolle Behandlung? Indem sie die Welt mit Mythen überschwemmten, jeder deutsche Offizier habe eine »Pendule« gestohlen. Ein General Eyre schrieb an Blumenthal aus England, das ganze Land unter Vorantritt aller Radikalen entrüste sich über die deutschen Plünderungen. In englischer Vorstellung nahm der Krieg schon die Form einer feudalen Raubritterfehde gegen friedliche republikanische Bürger an. Oliphant verzeichnete unverschämt: »Die Preußen plündern schrecklich.« Aber solche britische Pharisäerheuchelei von seiten der Aussauger Indiens konnte man sich trösten, doch warf man sich andererseits selber zu salbungsvoll in die Brust, als bestehe das deutsche Heer aus lauter makellosen Engeln. Es ist unwahr, daß überhaupt keine Pendulen nach Deutschland auswanderten und manche andern Kunstgegenstände als »Andenken«. Die Gattin eines hohen Generals zeigte der Gattin Bleibtreus naiv einen prachtvollen Gobelin aus der Kathedrale von Orleans, den ihr Bruder dort aufgabelte. So etwas kommt aber in jedem Kriege vor, oft entschuldigen besondere Umstände die Verfehlung, man nimmt mal herrenloses Gut, um es vor Zerstörung zu retten. Jedenfalls hat noch nie ein Siegerheer so verhältnismäßig schonend gehaust angesichts eines Volkskriegs, der immer zu Repressalien reizt. Die Franzosen aber wurden nicht müde, die gutmütigen Deutschen als eine Hunnenbande zu verunglimpfen.

Die widerspruchsvollen Eindrücke des französischen Wesens bei dessen brennendster Feuerprobe vor deutschen Beobachtern kamen beim wahren Vertreter deutscher Nation auch widerspruchsvoll zur Erscheinung. Schon Capitaine d'Orcet fühlte bei der Sedankapitulation die Mischung von unerbittlicher Logik und menschlichem Mitgefühl. Moltke sei eiskalt gewesen ohne jede sentimentale Regung, der fürchterliche eiserne Kanzler aber ein humaner Mensch. Genau das gleiche verewigte ein anderer Capitaine Hérisson, als Paris und Frankreich endlich vor dem Gewaltigen um Frieden bettelten. Doch ehe dies geschah, ging ein Ereignis vorher, das den ganzen Himmel über Deutschland mit einem Jubelruf aller Deutschen auf Erden erschütterte.

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