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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 27
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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... Bei Tische machten die zwei Generale ihm erneut Vorwürfe, daß er aus dem Dienste scheiden wolle. »Wenn Sie quittieren, werden Ihre Feinde es wie Desertion auslegen«, sagte der derbe Roon.

»Vor Schande fliehen, die man nicht abwaschen kann, ist besser als am Pranger stehen. Berufssoldaten sind für politische Ehre nicht verantwortlich.« Es ging schon auf 6 ¼ Uhr – Otto dinierte nach englischer Tageszeit –, als Keudell hastig eintrat. »Ein Chiffretelegramm von 200 Gruppen kam aus Ems, wird soeben übersetzt.« »Nur rasch her damit! – Das bedeutet etwas. Ein so langes Telegramm berichtet wohl Neues. Wie Sie wissen, habe ich Abeken bei Majestät attachiert, um mit mir in Verbindung zu bleiben.«

Die Entzifferung ergab, daß Geheimrat Abeken auf Befehl die Depesche redigierte und unterzeichnete. Unter lautlosem Schweigen las der Minister vor. Es begann vielversprechend:

»Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art zu verlangen,« der König solle ein für allemal ›für alle Zukunft‹ sich verpflichten, nie wieder der Kandidatur beizustimmen. »Ich wies ihn zuletzt etwas ernst zurück,« solche Engagements à tout prix könne man nicht übernehmen, zumal mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei. Er habe Graf Benedetti nicht mehr empfangen, sondern ihm nur durch einen Adjutanten sagen lassen, jetzt sei die Sache ja gütlich erledigt, so daß er ihm nichts weiter zu sagen habe. »Seine Majestät stellt Eurer Exzellenz anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unserem Gesandten als in der Presse mitgeteilt werden sollte

Bei dieser Vorlesung entfärbten sich die Generale, ließen Messer und Gabel sinken und verweigerten gleichsam Speise und Trank, indem sie vom Tische abrückten. Auch Ottos bemächtigte sich tiefe Niedergeschlagenheit: also Nachgeben auf der ganzen Linie!

... Wie? Träumen wir? Die Nachwelt steht vor einem psychologischen Rätsel. Die Legende verunstaltete den welthistorischen Vorgang, doch nicht einseitig, sondern nach jeder Richtung. Das Kutschkelied ertönte: Da sah unser Wilhelm Rexe sich das klägliche Gewächse mit den Königsaugen an. Als in Ems später der Gedenkstein enthüllt wurde, wo König Wilhelm angeblich Benedetti auf öffentlicher Promenade den Rücken kehrte, murrte der königliche Kurgast mit bitterem Ärger: »Ist ja gar nicht wahr!« Naive machen sich eine sonderbare Vorstellung von den Manieren eines Königs und eines Botschafters. Der oberste Flügeladjutant Prinz Radziwill übermittelte aufs höflichste die Versagung der zweimal zudringlich begehrten Schlußaudienz, der greise hohe Herr sei ermüdet und die Sache ja nun endgültig erledigt. Bei der Abreise fand sich Benedetti am Bahnhofe ein und trennte sich vom König mit beiderseitiger gemessener Höflichkeit. Aber daß der große Monarch sich mit hoheitsvoller Würde benahm und sich auch bezüglich der Gebote internationaler guter Sitten nichts vergab, stößt doch gewiß das Telegramm nicht um, nämlich das Schärfste und ernst Drohendste, was je aus seiner Feder floß, Abekens »Redigierung« ausdrücklich gutheißend. Wie irgendein Mensch dies für eine Schamade halten konnte, ist unbegreiflich. Man kann nur annehmen, daß die drei Paladine sich in so pessimistisch hoffnungsloser Verärgerung befanden, bis ihnen das rechte Augenmaß abhanden kam und sie überall Unterwerfung und Demütigung witterten. Andererseits steht freilich fest, daß der König, als er in Köln eine jubelnde Menschenmasse traf, die ihm begeistert huldigte, erstaunte: »Was ist denn los?« Als Graf Lehndorff ihm dann die überall angeschlagene »Emser Depesche« überreichte, wurde er leichenblaß. »Das ist ja der Krieg!« Wie? Darüber wunderte er sich nach seiner eigenen Depesche? Wer sie aufmerksam liest, den belehrte schon die ›Wendung: »ihm nur durch einen Adjutanten sagen lassen« (Flügeladjutant Prinz Radziwill!) und das Anheimstellen am Schlusse, dies aller Welt mitzuteilen, daß dem tapferen Greise völlig die Geduld riß und er das dreiste Anrempeln nicht länger ertragen wollte. Es gibt nur eine Erklärung: er begab sich nämlich zunächst nach Koblenz, wo seine Gemahlin ihm fast das Wort abnahm, den Krieg doch noch zu verhüten. Der König kannte aber seinen Bismarck und verkannte sicher nicht, daß dieser eine entsprechende Form der Zurückweisung finden werde. Er muß also innerlich sehr an Aufrechterhalten des Friedens gezweifelt haben. Daß nachher die Außenwelt die »Emser Depesche« in der welthistorischen Form für ein Werk des Königs selber hielt, ist mindestens eine viel unwichtigere Legendentäuschung, als die lächerliche heutige Annahme, er habe zu Kreuze kriechen wollen und nur der Kanzler habe eine ziemlich harmlose Beendigung eines Konflikts zu einer schallenden Maulschelle an Frankreich umgewandelt. Nein, Wilhelms Majestät hat sich höchst königlich bewährt, er und sein Kanzler waren hier einander würdig ...

Während die Generale düster vor sich hin starrten, blieb Ottos Auge gebannt auf den Schlußzeilen haften. Plötzlich fragte er Roon: »Welches Vertrauen haben Sie zu unseren Rüstungen? Würden sie einer überraschenden Kriegsgefahr entsprechen?«

»Absolut. Unsere Mobilisierung wird immer einen Vorsprung haben.«

Moltke bekräftigte: »Von Aufschub verspreche ich mir nichts. Möglich, daß die Franzosen das linke Rheinufer anfangs überschwemmen, obschon ich daran zweifle. Unsere Bereitschaft würde sie aber bald überflügeln.«

»Das Instrument des Heeres ist so, daß wir den Krieg mit Erfolg wagen können?«

»Wir hatten nie ein besseres.« Moltke nickte ruhig.

»Rüstet also Frankreich jetzt zum Kriege, so dürfen wir ihm keine Zeit lassen.«

»Unser Vorteil würde sich abschwächen, Verschleppung würde schaden.« Kurze Pause. Blitzschnell schoß es durch das geniale Hirn: Jetzt oder nie! Kneifen wir, so verlieren wir Nimbus und Anziehung bei den Süddeutschen unwiderruflich. Nur gemeinsamer Nationalkrieg gegen den Erbfeind kann alle Schranken beseitigen, das als Waffengefährten vergossene Blut wäre ein Kitt für immer. Er erhob sich, ging an einen Nebentisch und faßte in wenigen Minuten die »Anheimstellung« des Königs in einer weit kürzeren Depesche zusammen, die er sofort verlas. Sein Bleistift strich, bis nur Kopf und Schwanz blieben.

Moltke spitzte die Ohren wie ein Streitroß, das die Trompete hört. »Das hat einen ganz anderen Klang, vorher Schamade, jetzt Fanfare.« Otto erläuterte kühl: »Telegraphiere ich diesen Text an unsere Gesandtschaften und an die Zeitungen, so wird heute mitternacht ganz Paris brüllen wie ein gereizter Ochse. Das ist also der Krieg.« Beide Generale gerieten in freudige Bewegung, »herrlich! Das muß wirken!« »Geschlagen muß werden, sonst sind wir ohne Kampf geschlagen. Doch es ist wesentlich, die moralischen Imponderabilien für uns zu haben. Sowohl Deutschland als das Ausland müssen sich überzeugen, daß wir die Herausgeforderten und Angegriffenen sind. Noch sind wir letzteres nicht unbedingt, doch die gallische Überhebung wird keine Grenze scheuen, sich selbst den Ursprung aufzubürden, sobald wir sie öffentlich bloßstellen.«

Roon rief bewegt: »Sie retten das Vaterland. Der alte Gott lebt noch und wird nicht zulassen, daß wir in Schande verkommen.« Moltke aber geriet in solche Heiterkeit, daß er getrost zu essen und zu trinken anfing. Er sah zwar nicht danach aus, als ob er Aufregung und Mühsal eines neuen furchtbaren Feldzuges überdauern könne. Aber er richtete einen freudvollen Blick nach oben, der durch die Zimmerdecke wohl die unerforschlichen unsichtbaren Mächte anreden sollte. Sein gemessener Gleichmut machte einer solchen Begeisterung Platz, daß er sich an die magere Brust schlug: »Führe ich in solchem Krieg unsere Heere, mag gleich nachher der alte Kadaver zum Teufel fahren.«

Otto stand groß und ruhig da, ohne jede großmächtige Geste, in stillem Ernst. Die »Emser Depesche« ging in alle Winde, am folgenden Morgen wußte ganz Deutschland aus der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung«, daß der König »es ablehnte, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und durch den Adjutanten vom Dienst sagen ließ, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.«

*

Die große Explosion war da, das französische Pulver flog mit lautem Prasseln in die Luft. Eine solche Insulte hat die Große Nation noch nie auf der Backe geschmeckt. Obschon man sie in einigen Punkten noch unwahr übertrieb, hatte diesmal Gramont recht, wenn er dem britischen Gesandten Lord Lyons erklärte, dies sei eine wohlberechnete Beleidigung. Nicht um Mitternacht, wohl aber am nächsten Morgen wußte ganz Paris und raste, der schändliche Bismarck berühme sich öffentlich, den Vertreter Frankreichs die Treppe hinuntergeworfen zu haben. Umsonst versuchte Thiers in patriotischer Angst vor einer Kriegsimprovisierung, von der er sich nichts Gutes versprach, die Wogen zu glätten. Man habe ja erreicht, was man wolle, weiteres Ansinnen sei Provokation gewesen, Bismarck habe durch Veröffentlichung der Tatsache nur seine amtliche Pflicht erfüllt. »Das ist die Sprache Preußens, die Sie führen«, brüllte der alberne Klopffechter Granier de Cassagnac (selbstzugelegter Adel). Am folgenden Tage erwarb sich Gramont einstimmigen Beifall, indem er, eine Hand in der Hosentasche und sein schönes dummes Gesicht unbewegt, die Mobilisierung ankündigte. Sein Vorgesetzter Olivier erklärte, man gehe »leichten Herzens« los, Kriegsminister Leboeuf war »erzbereit«.

Am gleichen Tage fuhren die drei Paladine und der Kronprinz nach Brandenburg, den König zu treffen, dem in Köln und, was wichtiger, in Hannover die wahre Stimmung des norddeutschen Volkes sich offenbarte. So stählendem Einfluß entzog der mannhafte Greis sich nicht. Er empfing seinen furchtbaren Minister mit mildem Ernst.

»War es nötig, den Bruch in solcher Form zu vollziehen?«

»Ich begreife Eure Majestät nicht. Ich erfüllte nur den allerhöchsten Befehl in ziemlich höflichen und gelassenen Ausdrücken. Wenn Frankreich eine unsühnbare Beleidigung herausliest, so ist dies seine Sache. Wer sich beleidigt nennen will, findet immer Gründe. Wir brauchen uns den Übermut nicht gefallen zu lassen, daß die sogenannte Sensitivität unserer Nachbarn sich alles herausnimmt, aber jede ruhige ernste Zurückweisung von Insulten als Majestätsbeleidigung der Großen Nation auffaßt.«

»Ja, ja. Doch ich wünschte nicht, daß Sie meine Abwehr so aggressiv gestalten sollten.«

»Wieso? Ich reduzierte das Telegramm durch Streichungen, ohne ein Wort hinzuzusetzen und zu ändern. Meine Form ist eigentlich milder als die scharfen Ausdrücke Eurer Majestät.«

»Das war privat an Sie und das Übrige hypothetisch, es ließ den Weg zur fortgesetzten Verhandlung offen. Ich sage nicht, daß Sie mir dem Wortlaute nach vorgriffen, doch dem Sinne nach besteht immerhin ein Unterschied. Ihre amtliche Kundgebung klingt wie definitive Abschließung, etwa so, als ob man einem Gesandten seine Pässe zustellt, eher noch schlimmer.«

»Wenn der Feind es so darstellt, so wird ihm Europa nicht recht geben, Deutschland erst recht nicht. Kaum wurde nach 9 Uhr abends mein Communiqué bekannt, als sich der Lustgarten mit einer riesigen Menschenmenge bedeckte, die außer sich vor Begeisterung für Eurer Majestät vornehme Haltung jubelte: Zum Rhein, zum Rhein!«

Der König lächelte etwas bitter. So ist das Volk, immer maßlos, auch wo es seine eigenen Knochen zu Markte trägt. Daß der Gott Verantwortliche über diese Knochen mit peinlicher Sorgfalt wacht und jedes Blutopfer wie einen eigenen Schmerz und eine Anklage fühlt, macht man den Leuten nie begreiflich. Nur im äußersten Notfalle greift ein wahrer Herrscher zum Schwerte. Der Kronprinz seufzte aus tiefster Seele:

»Soll das brave Volk wieder bluten? Wir hatten an einem gräßlichen Kriege genug, jetzt noch ein schwererer mit ungewissem Ausgange?«

»Königl. Hoheit vergessen, daß unsere Ehre auf dem Spiele steht.«

»Nun ja, auch mich empört der meinem Vater zugefügte Affront. Aber wenn wir unterliegen? Bei uns mag ja alle Welt kriegslustig sein, doch die Süddeutschen werden sich schwerlich für die Ehre des Königs von Preußen schlagen.«

»Für die nationale Ehre«, berichtigte Otto ernst. »Soweit sich's bis heute überblicken läßt, werden wir eine angenehme Überraschung erfahren. Ich sehe Eure Königl. Hoheit schon als Führer der Bayern und Schwaben.«

»Wie glücklich wäre ich dann!« rief der Kronprinz leuchtenden Auges. »Sei's wie's sei, unsere Zukunft geht nur über Frankreichs Leiche, wenigstens seiner übermütigen Suprematie. Ich kann nur wiederholen, ich habe den Krieg nicht gewollt.«

Der König drohte leicht mit dem Finger, wandte sich aber dann ernst an Moltke und Roon. Die sofortige Mobilisierung wurde beschlossen. Moltkes Kampflust und Siegesfreudigkeit steckten sogar den Kronprinzen an. Die Begeisterung in Berlin spottete jeder Beschreibung. Ungeheure Massen jubelten den König immer wieder ans Fenster, bis er sich endlich durch den Adjutanten entschuldigen ließ, er müsse noch viel die Nacht durch arbeiten.

Am folgenden Tage wußte man mehr: ganz Süddeutschland erhob sich wie ein Mann, alle Fürsten stellten sich unter Preußens Kommando. Selbst das Organ des Darmstädter Hofes, der noch kurz zuvor den General Ducrot bei sich fetierte, mußte schreiben, die Hessen seien nicht »geborene Idioten«, um auf welsche Sirenenlieder zu horchen. Der Kronprinz sollte nach München und Speier abgehen, um die zwei bayrischen Korps, die Württemberger und die badische Felddivision um sich zu sammeln. Jetzt, wo Pomp und Majestät des Krieges ihn berauschten, schüttelte er Bedenken ab und verfiel selber der allgemeinen hochgespannten Erregung. Am meisten Freude machte Otto der alte Moltke, der elastischen Schrittes sich um zehn Jahre verjüngte, während er vorher in sich zusammenzuknicken schien, ein verbrauchter alter Herr. Jetzt riß er harmlose Witze und strahlte wie ein Jüngling, wenn preußische Schlachthaufen mit Gesang der »Wacht am Rhein« an ihm vorüberzogen. Es war halt sein Geschäft, strategische Kunst zu üben. Ottos politische Strategie hatte aber noch einen vergifteten Pfeil im Köcher, den er unbarmherzig abschoß. Der vier Jahre verschwundene Geheimvertrag von Benedettis Hand, den er dem Schlauen so harmlos abgelockt, machte plötzlich seine Aufwartung in der Londoner »Times« und erregte einen Sturm der Entrüstung. Was half das Dementieren? Um seine Unvorsichtigkeit voll zu machen, schrieb Benedetti damals auf dem besonderen Papiere der französischen Gesandtschaft. Perfide? Gegen Treu und Glauben? Warum nicht? Dem Verräter Treue halten? –

Zur Taufe bei Kronprinzens im Potsdamer Neuen Palais fuhr er im gleichen Kupee hin und zurück mit Blumenthal. »Wie gefallen Sie sich in Ihrer erneuten Stellung als Stabschef?«

»Viel zu tun. Mein Generalquartiermeister Gottberg ist aber ausgezeichnet. Ihre Majestät die Königin ließen mich zur Audienz befehlen, um mir die Wohlfahrt und Sicherheit ihres Sohnes aufs Herz zu binden. Sie nahm mir ein schriftliches Wort ab, daß ich mit meinem ganzen Stabe über ihm wachen würde. Dann schrieb sie noch einen ähnlichen Brief wegen des Erbprinzen von Weimar. Die hohe Frau sprach sehr schön ... und ganz zur Sache.« Beide Männer lächelten sich an.

»Bei den Frauen überwiegt eben das Gemüt, wir alle möchten es ja auch nicht anders haben. Ich erfreue mich nicht der Gunst Ihrer Majestät, in deren Hofhalt ja auch immer noch der selige Schleinitz fungiert. Doch sie wird, nachdem sie mit allen Mitteln dem nötigen Kriege sich widersetzte, gerade wie vor vier Jahren auch heute mit gleicher tapferer Würde sich ins Unabänderliche fügen und als Patronin der Verwundetenpflege sicher das höchste Pflichtgefühl entfalten und die edelste Wohltätigkeit im Geheimen wie immer. Merkwürdig, daß bei den hochpolitischen Damen nachher immer wieder das Ewigweibliche allein triumphiert und daß gerade sie dann das Höchste sind, was man sein kann: eine echte Frau. Ich hoffe aber dringend, daß der weibliche Einfluß nicht irgendwie Gelegenheit findet, im Verlaufe des Krieges in politicis zu machen.«

»Männer lassen sich doch nicht von Frauenzimmern leiten«, lächelte Blumenthal überlegen. Auch Otto lächelte, denn er wußte, daß Frau v. Blumenthal, eine gescheite gebildete Engländerin, im Privatleben ihren Gatten gründlich beherrschte. Da fiel ihm ein, daß auch Frau v. Gottberg und die verstorbene Frau v. Moltke Engländerinnen waren. Dazu die Kronprinzessin ... hoffentlich kommt nichts vor, wo englische Einflüsterung uns ins Handwerk pfuscht.

»Der Kronprinz muß sofort nach München und Stuttgart reisen. Seine so liebenswürdige Persönlichkeit, so fern preußischer Steifheit, wird die Süddeutschen bezaubern.« Er verbreitete sich darüber, wie man die Bayern behandeln müsse. Blumenthal nahm diese Fingerzeige gern entgegen und war offenbar stolz darauf, mit Bismarck so gut zu stehen.

*

Am 28. Juli versammelten Bismarcks noch eine gemütliche Abendgesellschaft. Er nahm die Gelegenheit wahr, Lord Augustus Loftus zu unterrichten. »Ein Geheimagent stellte mir ein Angebot, daß Preußen alle Süddeutschen annektieren dürfe, wenn es Frankreich den Besitz von Belgien garantiere. Durch dies Arrangement würde der Krieg vermieden werden.«

Lord Augustus verlor beinahe sein britisches Phlegma. »Das ist unerhört. England würde niemals dulden, daß Belgiens Neutralität brutal verletzt wird.« Zu deutsch: daß eine kontinentale Großmacht Antwerpen und Ostende bekommt. Denn Belgiens Schicksal bleibt sonst den Briten so gleichgültig wie das jedes anderen Staates. »Was haben Sie geantwortet?«

»Daß wir auf solchen Ausgleich verzichten. Wir tragen gar kein Verlangen danach, unsere süddeutschen Brüder uns zu amalgamieren, und Belgiens Neutralität ist uns heilig.« Loftus nickte befriedigt und depeschierte in solchem Sinne an das Londoner Kabinett, das geradeso wie er durchaus nicht freundlich auf diese Erhebung eines neuen Deutschland schaute. Ein Sieg Napoleons über Deutschland wäre den Insulanern eher erwünscht gewesen, trotz der heftigen deutschen Sympathien gebildeter Kreise unter Vorantritt Carlyles. Aber daß Napoleon noch mehr nach Belgien als nach dem Rheinufer begehrte, empörte den edlen Britenstolz, soll heißen die ausschließliche insulare Selbstsucht, die jedes Erstarken einer anderen Seemacht verhindern will. Antwerpen war in Napoleons I. Hand eine stete Drohung gewesen, wäre es jetzt erst recht in Napoleons III. Besitze. Dies schlug ein und die englische Presse lieh ihren wertvollen Beistand durch Schimpfen auf den gekrönten Dieb. Otto täuschte sich aber keinen Augenblick darüber, daß die Stimmung rasch umschlagen werde, sobald die deutschen Heere zu siegreich wären. Ob die von Preußen bewiesene Freundlichkeit beim Sezessionskriege die Yankees dankbar genug erhalten werde, um sich an Frankreichs Niederlage zu freuen, schien ihm auch zweifelhaft. Der bekannte Unionsgeneral Philipp Sheridan meldete sich soeben telegraphisch an, ob er im Hauptquartier den Krieg mitmachen dürfe, was gern bewilligt wurde. Aber da Paris als Absteigequartier aller reichen Amerikaner ihnen ans Herz gewachsen, so würde wohl auch transatlantisch ein Unglück Frankreichs sentimentales Mitleid auslösen. Deutschlands Unglück würde dagegen alle angelsächsischen Vettern kalt lassen. Die alle menschlichen Dinge regierende Lüge arbeitet auch hier in dem unbegreiflichen Nimbus, der bei allen Outsidern das selbstsüchtigste, brutalste, eitelste Volk Europas umstrahlt, auf welchen Schwindel ja auch der am meisten betroffene deutsche Michel immerdar hereinfiel. Selbst nach den schlimmsten Erfahrungen wird er seinen Haß auf andere abladen, den Hauptschuldigen Frankreich aber als ein liebenswürdiges ritterliches Fabelwesen anschmachten. Michel bleibt unkurierbar, wenn nicht ein Otto Bismarck, frei von allen Täuschungen, ihm seine Wahnvorstellungen austreibt.

Der russisch« Militärbevollmächtigte Graf Kutusow sprach dem Minister Mut zu. »Ganz Rußland steht auf Ihrer Seite und wünscht, daß Sie die Herausforderer abtun. Ein schwer Stück Arbeit wird's ja sein. Die Mitrailleusen sind mörderisch. Die Franzosen haben auch große Generale, den berühmten Mac Mahon und den tiefen Strategen Bazaine. Doch ich vertraue auf Ihre gerechte Sache und Ihr famoses Zündnadelgewehr.«

Daß das Chassepot eine unendlich bessere Waffe sei, glaubte und ahnte niemand, ebenso wenig umgekehrt, daß die deutsche Artillerie viel gediegener sei als die französische. Otto entnahm allen Äußerungen von englischer und russischer Seite, daß man mit stiller Schadenfreude dem Kampfe entgegensah als gegenseitiger Schwächung der zwei großen Militärmächte, wahrscheinlich mit einigem Übergewicht Frankreichs, was dann eine biedere Intervention Europas nachträglich so ausgleichen werde, daß keine Partei einen wirklichen Vorteil hatte. Otto gab sich nicht der Täuschung hin, daß Rußland, vielleicht mit Ausnahme des Zaren selber, einen wirklichen Sieg Deutschlands mit Wohlwollen hinnehmen werde. Jeder mißgönnt dem anderen jeden Erfolg, niemand will dem anderen wohl, das ist die wahre Oesinnung der Völker und der Menschen.

Doch gleichviel, man schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Mit grimmigem Lächeln erinnerte er sich, wie Benedetti mal seinen im Vorzimmer stehenden Helm ergriff und ihn neckisch aufzusetzen suchte, aber eiligst von dem Beginnen abstand: »Sein Kopf ist entschieden stärker als der meine.« Infelix puer, impar congressus Achilli.

Das Hauptquartier rollte nun nach Mainz ab, und Otto hatte dabei das Vergnügen, unterwegs im Kupee ein unangenehmes Gespräch mit anzuhören. Durch eine breite, unbemerkt gebliebene Öffnung hörte er die Stimme des Generalquartiermeisters Podbielski im Gespräch mit Roon: »Diesmal ist dafür gesorgt, daß uns so was nicht wieder passiert.« Was der unfreiwillige Ohrenzeuge aus dem Nebenkupee sonst noch hörte, ehe das Rasseln des Schnellzuges die Worte übertönte, genügte zum Verständnis. Er sollte nie mehr zu Militärberatungen zugezogen werden, der Generalstab hatte genug davon, daß der Staatsmann damals den Einzug in Wien vereitelte. Bald genug nahm diese Verfemung fast ungezogene Formen an. Natürlich ließ sich Moltke selber nichts zu schulden kommen, der als Welt- und Hofmann sowie als alter Bekannter und Mitarbeiter seine Eifersucht unter verbindlicher Höflichkeit verhüllte. Doch seine vollziehenden Organe trugen ihren Widerwillen gegen das ambulante Feldbureau des Auswärtigen Amtes, das Otto mit sich führte, einen Stab von Untergebenen, wie Keudell, Abeken, Bismarck-Bohlen und den kleinen Dr. Busch als Vorsteher des Pressebureaus, nur zu deutlich zur Schau. Der strengen Geheimhaltung jeder militärischen Maßregel paarte sich eine Hintansetzung der Diplomaten bei Verpflegung und Quartierung. Der Große Generalstab, d. h. Moltke und seine Leute, schöpfte aus dem böhmischen Feldzuge ein maßloses und nur teilweise gerechtfertigtes Selbstgefühl, das keine anderen Götter neben sich dulden wollte.

»Die Halbgötter sind wieder am Werk«, lachte der joviale Bismarck-Bohlen, als man beim Einmarsch in Frankreich spottschlechte Behausung und nichts zu essen bekam. »Hoffentlich notiert unser Büschchen in sein Tagebuch, daß um 3 Uhr 13 Minuten Oberst Verdy folgendes sagte ...« Der kleine Busch, ein sächsischer Journalist, errötete unter dem ruhigen Blicke des Chefs. »Ein Tagebuch? Nur zu! Das kann mal historischen Wert haben.« Die übermenschliche Arbeitskraft seines Chefs hat in Busch einen treuen Chronisten gefunden.

Trotz des verhängten Boykotts ließ sich der selber genugsam militärisch gebildete Staatsmann nicht den Mund verbinden. Er teilte die Freude im Hauptquartier, daß der Kronprinz (lies: Blumenthal) bei Weißenburg und Wörth den gefürchteten Mac Mahon zu Brei zermalmte. Doch über Steinmetz' Spichernsieg äußerte er sich abfällig. »Das ist ein Blutverschwender. Er machte einen unanständigen Gebrauch von der wunderbaren Bravour unserer braven Truppen. Der überhaupt! Halsstarrig und maßlos eitel. Man hat ihn in den Norddeutschen Reichstag gewählt. Da hielt er sich stets in Nähe des Präsidentensitzes und stellte sich aufrecht so, daß alle Welt ihn sah. Er kokettierte und machte sich Notizen, um seinen Eifer zu zeigen. Er spekulierte auf die Zeitungen, und sein Kalkül war richtig. Man hat ihm eine Gloriole mit Druckerschwärze gemacht, die ihm nicht zukommt.« Dies Urteil wurde nachher geschichtlich und angeblich von Moltke geteilt, der jedoch in seinem Leitfaden über den Feldzug (Gesammelte Werke) Steinmetz keineswegs anschwärzte, sondern ihn deckte, ganz besonders für Spichern. Tatsächlich war Steinmetz an diesem Treffen unschuldig, das von seinem Divisionär Kameke angezettelt wurde, einem prächtigen gemütvollen Typ des echten preußischen Generals, nicht umsonst später zum Kriegsminister erhoben und von laienhaften Militärschriftstellern ganz irrig wegen seines Angriffes getadelt, der subjektiv zureichende Gründe hatte. Als Steinmetz eintraf und sehr richtig Fortsetzung des blutigen Treffens billigte, wäre Abbrechen ein grober Fehler gewesen. Wie schon damals die Goeben-Legende arbeitete, zeigt die überall verbreitete Angabe, Goeben habe bei Spichern gesiegt, der nur mit einem Regiment eingriff. Der taktische Sieger des Treffens blieb im Hintergrunde, der famose Alvensleben, und Otto hätte sich nicht wenig gefreut, wenn er diese Wahrheit gekannt hätte. Als später Steinmetz in Ungnade fiel – aus ganz anderen Ursachen als man glaubt –, sammelte man ein Sündenregister seiner angeblichen Fehler. Und es war ein trauriger Zufall, daß alle Kämpfe seiner Armee unverhältnismäßig blutig waren. Daran trug er persönlich keine Schuld, angebliche rohe Draufgängerei lag dem energischen Greise nicht näher als irgendeinem anderen General. Wenn er einen über Verluste klagenden Offizier barsch ermunterte: »Wo Holz gehackt wird, fliegen Späne«, so folgert man daraus irrig eine besondere Schlächtermäßigkeit. Gewiß war er kein Feldherr, wollte und sollte es auch nicht sein, hielt sich aber peinlich an Moltkes Direktiven. Gewiß war er eitel, und wenn ein alter Mann eine schöne junge Frau heiratet, stellt er sein Licht nicht unter den Scheffel. Doch im tiefsten Schatten der Ungnade trank er begeistert auf seinen geliebten verehrten König, und seinen Haß gegen Friedrich Karl, der ihm das Genick brach, kann man nicht als krankhafte Empfindlichkeit betrachten, vielmehr als Rückgrat eines ehrenhaften preußischen Militärs, der sich auch von Prinzen nichts gefallen läßt. Der strategisch hochgebildete Prinz gab den Sieger von Nachod für einen wüsten Haudegen aus. In Wahrheit erwarb sich dieser als Taktiker und Korpsgefechtsleiter die größten Verdienste, entbehrte übrigens nicht völlig gelehrten Studiums. Die fast durchweg ungebildeten Knoten der französischen Generalität fanden nirgendwo ein Gegenstück unter preußischen höheren Führern, fast alle gingen sie durch Kriegsakademie und Generalstabsschule. Steinmetz' Unterführer, der gelehrte Zastrow, dem es bei Königgrätz wahrlich nicht an Schneid fehlte, der begabte Goeben, der vielgewandte Manteuffel mögen ihm geistig überlegen gewesen sein, sie handelten daher mehrfach über seinen Kopf weg. Daß dies in einem bärbeißigen Disziplinvertreter keine zufriedene Stimmung auslöste, begreift sich. Seine angeblichen Fehler waren aber auch die ihren und reichten in einem Falle noch viel höher hinauf.

Freilich machte sich Otto auch nach dieser Richtung Gedanken. Die Halbgötter, die nachher allen Ruhm allein für sich pachteten, würden im täglichen Tagebuch Blumenthals peinliche Rügen gefunden haben. Es sickerte durch, daß er dem Oberst Verdy du Bernois, einem Manne von tiefer allgemeiner Bildung, von Moltke nach Speier geschickt, nicht verhehlte, daß »ich die höchste Leitung der Operationen für sehr mangelhaft halte«. Der III. Armee werde nichts über ihre Aufgabe gesagt, ihr fehle die Kenntnis der Politik wie der Situation überhaupt. Major v. Holleben berichtete nach dem Wörther Entscheidungssiege sarkastische Äußerungen Blumenthals, der sich über die Halbgötter lustig machte. »Wieder die alte Geschichte. Mit allem einverstanden, aber gute Ratschläge, die längst ausgeführt, dabei eine gewisse Ungeduld, als ob es doch schneller gehen könnte.« Später hieß es: Moltke manövriere zwar schön in der Idee, daß alles zusammenbleibt, »doch macht sich falsche Vorstellungen von dem, was die Truppen leisten können«. Daß sich der linke Flügel Friedrich Karls vor den Kronprinzen schob, ergab eine enge Pfropfung, die ja sonst gar nicht Moltkes System entsprach.

Otto schrieb an den Diplomaten Graf Solms, der sich im kronprinzlichen Hauptquartier befand, um dieses zu unterrichten. Die politische Situation sei vortrefflich, Österreichs und Italiens Neutralität gesichert, da Rußland sehr freundlich. Ohne die raschen Schläge von Wörth und Spichern hätte es vielleicht etwas anders kommen können, obschon die Deutschösterreicher und besonders Wien den deutschfeindlichen Bestrebungen des deutschen Beust einen Damm entgegensetzten. Obschon die Verabredungen des Erzherzogs Albrecht und des Generals Lebrun ihm noch unbekannt blieben, ahnte Otto instinktiv die Wahrheit und erwog bei sich mit beschämender Demut, wie doch im Grunde nur die höheren unerforschlichen Mächte die kühlste menschliche Weisheit billigen oder zuschanden machen. Denn daß er den Annexionsgelüsten des Königs widerstrebte und ein künftiges Bündnis mit Österreich offenließ, mochten nachher seine Lobredner und die geschichtliche Forschung selber als Genie bezeichnen; doch diese wohlberechnete Mäßigung hätte sich als Rechenfehler erwiesen, wenn Österreich sich davon nicht bekehren ließ, sondern für Frankreich zum Schwerte griff. Nun, das wollte es ja, die Schonung fruchtete gar nichts, und im Falle der Ausführung wäre natürlich weit besser gewesen, wenn man die vom König gewünschten Grenzregulierungen vollzogen hätte. Daß die Mäßigung an und für sich gründliches Fiasko machte, zeigte doch schon Berufung Beusts zum Reichsleiter, was ganz deutlich hieß: Rache! Die Anschauung, daß man einen Böswilligen ein für allemal unschädlich machen müsse, traf zwar hier aus besonderen Gründen nicht zu, weil natürliche Bedingungen ein Wiederzusammenkommen mit Österreich möglich und sogar sehr wahrscheinlich machten. Aber ohne Rußlands Rückendeckung, deren er in Nikolsburg noch keineswegs gewiß war, hätte Österreich jetzt die Zähne gewetzt und machte sich fernerhin noch unbequem. Wo blieb dann die Weisheit von Nikolsburg? Selbst der größte Staatsmann bleibt also abhängig von dem Walten des Schicksals, dem er nicht in die Karten gucken kann. Allerdings warnt dies auch von jedem Präventivkriege ab, da niemand weiß, was für weitere Komplikationen entstehen. –

Am 12. August lag das Hauptquartier in Faulquemont, Otto selbst in einer schäbigen Bauernhütte. Er lud dorthin zum »Souper«, wie der Deutsche so schön sagt, außer seinem Faktotum Bismarck-Bohlen den langen Lehndorff und den Grafen Redern, Adjutant Friedrich Karls, sowie den Direktor der Feldpolizei, Geheimrat Stieber. Ja wirklich, der verhaßte Polizeirat Stieber der Reaktionszeit, lange eine gefallene Größe, war wieder zu Gnaden angenommen. Otto kochte eigenhändig Kaffee nach dem Essen. »Meine Herren, es geht alles gut. Bazaine ist von der Nied zurückgewichen über die Mosel, und wir werden ihn auch dort aufstören. Metz soll schlecht armiert sein, der Feind wird auf Verdun zurückfallen.«

»Mein hoher Herr ist jetzt sehr guter Dinge«, teilte Graf Redern mit. »Es ist wohl erlaubt zu sagen, daß er heute in ausführlichem Briefe dem General Moltke vorschlug, mit der II. Armee unaufhaltsam über Pont-à-Mousson vorzurücken und dem Feinde die Straße nach Verdun abzugewinnen. Es schwebt vor, ihn von Metz abzudrängen und ihm auch den Übergang über die Maas zu verlegen, damit er nur den Rückzug nach Norden behält, was ihn wiederum von Paris entfernt.«

»Das ist sicher eine geniale Idee des Prinzen«, meinte Otto bedächtig. »Nur fraglich, ob der Feind es dazu kommen läßt und nicht offensiv auf die II. Armee ausfällt bei deren Marsch zur Maas.«

»Die I. Armee soll ihn eben frontal festhalten.«

»Das wird schwer sein. Über Bazaine wissen wir nichts, ob er ein Feldherr ist oder nicht. Natürlich haben seine steten Rückzüge unser Prestige gehoben und das seinige herabgedrückt. Aber vielleicht folgt er einem tiefen Kalkül. Man weiß nicht, was er, gestützt auf Metz, beginnen wird.«

»Er soll sich aber, geht das Gerücht, am 6. August schlecht benommen und Frossard in der Patsche gelassen haben«, bemerkte Graf Lehndorff, Flügeladjutant des Königs. »Da hatten wir anscheinend Glück. Leider so schwere Verluste!«

»Prinz Friedrich Karl soll sich doch sehr tadelnd über Steinmetz geäußert haben, daß er vorzeitig losgebrochen sei, ehe die II. Armee den Feind bei Kaltenborn umgehen konnte«, fragte Bismarck-Bohlen.

»Pst, Lieber, solche Interna äußert man nicht«, winkte Otto ab. Übrigens hat Moltke, nachdem er gerüffelt, Steinmetz gedeckt: ein taktischer Erfolg sei immer willkommen. »Jetzt scheint überhaupt nur die Frage vorwaltend, ob Bazaine sich mit Mac Mahon vereinen wird.«

»Der soll doch bei Wörth völlig zersprengt sein. Der Kronprinz geht schon auf Nancy vor.« »Aber ohne Fühlung mit dem Feinde. Der ist längst über alle Berge und jenseits der Maas, wie es scheint.«

»Wer nur den lieben Gott läßt walten ... in zehn Tagen werden wir klüger sein.«

Als die anderen aufbrachen, hielt Otto den Stieber eine kurze Weile zurück, empfahl ihm genaues Aufpassen auf die feindselige Bevölkerung und würdigte ihn einer Aussprache: » Tempora mutantur et nos mutamur in illis. Sie ließen sich's auch nicht träumen, daß wir je in solcher Weise zusammenkommen würden hier im Feindeslande.«

»Durch Euer Exzellenz großartige Laufbahn.«

»Ja, ja, was aus einem pommerschen Landjunker, angefeindet von aller Welt, nicht alles werden kann.«

*

Am 15. früh berichtete Moltke, daß »Steinmetz« einen neuen Sieg bei Colombey gestern davontrug und den Feind bis unter die Festungswerke von Metz warf. Leider erfuhr Otto gleichzeitig, während Moltke im amtlichen Bulletin den »Sieg« herausstrich, daß es mit dem Siege taktisch nicht weit her war und die ostpreußischen und westfälisch-hannoverschen Truppen wieder allzu große Opfer brachten. Ferner, daß Friedrich Karl in heller Wut ein Kriegsgericht gegen Edwin Manteuffel und den Brigadegeneral v. d. Goltz beantragte, weil sie durch unzeitiges Losschlagen den Flankenmarsch seiner eigenen Armee verzögert und auch gegen ausdrückliche Direktive Moltkes gehandelt hätten, wobei er natürlich auch gegen Steinmetz zielte. Dieser hatte im Gegenteil das tollkühne Verhalten seiner Unterführer aufs schärfste gemißbilligt und traf erst abends auf dem Schlachtfelde ein. Der gelehrte Zastrow gab hingegen der Improvisierung seines Vorhutgenerals nach, und man hat hinterher daraus eine förmliche Schule der Selbsttätigkeit von Unterführern gegründet. Nichts kann verfehlter und irriger sein, als dem persönlichen Ehrgeize solche Bahn eröffnen. Die deutsche Auslegung, der fruchtlose Angriff (man hat hierbei verschiedene Fälschungen nicht gescheut, Bois de Colombey mit Bois de Borny »verwechselt« und ein Vordringen von Ostpreußen bis zum Fort St. Julien vorgezaubert, das niemals stattfand) habe Bazaine am Abmarsch gehindert, irrt sehr. Bazaine wollte noch gar nicht abziehen, konnte es auch nicht, weil das Defilee von Metz verstopft war, ist vielmehr erst durch diesen Angriff, der auch schädlich das neunte Korps Friedrich Karls aus seiner vorgeschriebenen Bahn ablenkte und das dritte Korps im Vormarsch unterbrach, zum Abmarsch angetrieben worden. Das Ganze ein arger strategischer Fehler, an dem freilich Moltke und auch Steinmetz, der pünktlich gehorchen wollte, ganz unschuldig waren.

Am Abend des 16. August trafen der Kronprinz und Blumenthal in Pont-à-Mousson beim König ein, um die Lage zu besprechen. Ihr eigenes Hauptquartier kam nach Nancy. In der Ferne hörte man Kanonendonner. »Er muß sehr schwer sein,« bemerkte Otto, »daß man ihn bis hierher hört. Nach der Karte die Gegend Gorze-Tronville.«

Blumenthal sprach sich ihm gegenüber derb und offen aus. »Straßburg müssen wir nehmen. Hier muß alles deutsch werden, ich habe keinen einzigen französischen Laut gehört, selbst nicht in Lothringen.« Otto schmunzelte. Diese Ansicht war wichtig, da sie auch den Kronprinzen bestimmte, dem er schon in gleichem Sinne vorsichtige Andeutungen gab. »Die Franzosen sind so demoralisiert, daß sie erst unter den Mauern von Paris sich schlagen werden. Nach meiner Meinung gibt es in zwei Wochen keine Armee und keinen Kaiser mehr. Der Kronprinz möchte sich konzentrieren und dazu einen Marsch rückwärts machen, doch ich will vorwärts, sonst leidet das moralische Element, wir müssen sofort die Maas überschreiten.«

»Wie verhält sich Seine Königl. Hoheit?«

»Immer gleich heiter und freundlich, eine wahre Lust, mit ihm zu leben. Von Podbielski ist kein Befehl zu erhalten, nur allgemeine Redensarten: vorerst stehenbleiben. Fällt mir nicht ein.«

Nachdem die hohen Gäste sich verabschiedet, kam die Kunde der Mordschlacht Vionville-Mars la Tour. Man wußte schon, daß Friedrich Karl von Pont-à-Mousson einen Gewaltritt unternahm und um 4 Uhr aufs Schlachtfeld gelangte. Seine persönliche Haltung in Festhaltung der Stellung bis zur Nacht war über jedes Lob erhaben. Die Schlacht selber aber hatte wieder ein Unterführer angebandelt, der unternehmende Alvensleben, Ottos alter Freund. Seine taktische Leitung mustergültig für alle Zeiten, richtig in jedem Zuge, doch nur gegen eine so elende Führung und so zweifelhafte Truppen, selber die besten Truppen Deutschlands ins Feuer führend, mit Erfolg gekrönt. Die unvergleichliche Tapferkeit und Gewandtheit der Brandenburger schlugen sogleich zwei französische Korps aus dem Felde, die schmachvolle Flucht des Korps Frossard wäre aber bei deutschen Truppen unmöglich gewesen, ebenso das ungleichmäßige Benehmen der französischen Artillerie, da ihre große numerische Überlegenheit nirgends gegen die überlegene Beschaffenheit der Brandenburger Artillerie aufkommen konnte, deren wundervolle Kraft und Hingebung nie übertroffen werden wird. Nach dem Feldzuge sprach man von »superiorer« Leitung Bazaines, der sich mit unauslöschlicher Schande bedeckte, indem er zwei weitere Korps, das stärkste Leboeuf und die Gardeelite, teils verzettelte, teils zu spät ins Feuer brachte. Dagegen hat auch die französische Geschichtschreibung (Lehautcourt und Generalstabswerk) mit abscheulicher Ungerechtigkeit die glänzende Führung des Korps Ladmirault unterschlagen, das Bazaines Führung entwischte und auf eigene Faust die deutsche Linke zertrümmerte. Hier aber geschahen solche unglaubliche Taten deutscher Todesverachtung und den Franzosen weit überlegener Taktik durch die westfälische Brigade Wedel und sechs Batterien Oldenburger und Hannoveraner, daß der Erfolg unfruchtbar blieb. Die deutsche amtliche Darstellung unterschlug hier alle richtigen Zeitdaten, datierte absichtlich die Katastrophe zwei Stunden nach vorwärts auf den Spätabend, belastete aber gleichzeitig fälschlich die Führung von Voigts-Rhetz (jetzt Korps-, früher Stabschef des Prinzen) und Divisionsgeneral Schwartzkoppen und ließ Verunglimpfung lange bestehen, bis sie, durch Aufhellung eines Zivilstrategen ermutigt, endlich 28 Jahre später ein wenig die Wahrheit klärte, auch hier aber weit hinter der Wirklichkeit zurückblieb. Die unvergleichliche Tat des Soester Regiments Nr. 16 blieb ebenso verdunkelt wie die angebliche Wirkung der Reiterschlacht im Osten (um 1 ½ Stunden zu spät datiert und mit preußischem Rückzuge endend) lächerlich übertrieben, die wahren Gründe Ladmirauts, den Erfolg nicht auszunutzen, deutscher- und französischerseits verkannt. Die ganze Darstellung ist von A bis Z eine Mythe, wobei man ganz fälschlich die preußische Führung belastete, falsch auch die angebliche Wirkung der Gardedragonerattacke, die trotz allem Schneid das erst später stockende Vorrücken der Division Cissey nicht im geringsten aufhielt.

Sobald der Kanzler von dieser Attacke hörte, geriet er in lebhafte väterliche Unruhe, da seine beiden Söhne bei der »Couleur« dienten, und zwar als simple Einjährige. Am folgenden Tage gelang es ihm endlich, seinen verwundeten Sohn Herbert aufzufinden, wobei er seinen Rang als »General« herausbeißen mußte, um bei den Stabsärzten Gehör zu finden. Sein Sohn, Bill (Patenkind des Königs) hatte einen verwundeten Kameraden mit Selbstverleugnung gerettet, ihn traf kein Geschoß, nur sein Pferd. Erst im Laufe des Feldzuges beförderte man seine Söhne zu Offizieren, so völlig verpönte man jedes Protektionswesen. Das Übelwollen gegen den Diplomaten zeigte sich aber auch darin, daß man sich allgemein über die Besorgnis und die Klage des Vaters, sein wunder Sohn sei ohne Wasser und Nahrung gelassen, lustig machte.

Der König sah düster und unmutig drein. »Ließ sich das nicht mit geringeren Opfern erreichen? War ein solches Blutvergießen nötig?« Diese Rüge fuhr allen in die Glieder, denn dieser vornehme Gentleman sprach sich nie unhöflicher aus. »Bitte, lieber Rauch, künftig etwas früher!« mahnte er einmal milde den Oberstallmeister, alles zitterte über so furchtbaren Zornausbruch. »Mir schien, diese Frage wäre besser nicht auf dem Theater zu behandeln, doch Sie werden dies ja besser verstehen als ich,« lächelte er freundlich den braven Literaten Paul Lindau an, worauf Intendant Hülsen: »Wir werden also das Stück absetzen müssen.« »Aber Majestät war doch so gnädig!« »Ja, glauben Sie denn, Majestät wird je grob?«

Moltke schob alle Schuld auf Friedrich Karl, an dem er sich später noch schriftlich rieb, er habe den überlegenen Feind nicht noch reizen sollen. In Wahrheit verstand dieser geborene Schlachtenfeldherr die Psychologie des Krieges besser und schützte gerade durch sein trotziges Auftreten unsere Waffen vor schwerem Rückschlag. Im Hauptquartiere hörte der Kanzler geteilte Meinungen. Denn erst am anderen Mittag zog Bazaines Nachhut ab. Natürlich würde er jetzt, statt die beinahe geöffnete Straße über Mars-la-Tour zu benutzen, nordwestlich über Etain abziehen. Das tat er nicht, sondern setzte sich in eine uneinnehmbare Stellung, an Metz gelehnt. Obschon Moltke und Steinmetz abends die feindliche Stellung an der Manceschlucht und Major Graf Häseler bei Vernaville ein Lager feststellten, faßte Moltke seine Disposition so ab, als sei Bazaine zur Orne abgezogen. Auch Friedrich Karl nahm an, daß »die Divisionen« (?), die bei Metz standen, jetzt auch schon abmarschierten. Infolge solcher Irrung ungenügender Aufklärung stieß der Vormarsch überraschend auf den unmittelbar vor ihm stehenden Feind. Eine Komödie der Irrungen entspann sich, da die feindliche Rechte sich viel weiter ausdehnte, was man nach richtigem Lesen der Karte sich selber sagen konnte. Friedrich Karl und Kronprinz Albert mußten daher selbständig, da mit Moltkes Direktive nichts anzufangen war, eine weite Umgehung ausführen, die erst abends ausreifte. Bis dahin scheiterten alle Angriffe längs der ganzen Front trotz unübertrefflichen Opfermutes der Truppen. Dieser rohe ungelenke Frontalkampf leuchtete dem kriegerisch geschulten Staatsmanne um so weniger ein, als gerade am rechten Flügel bei Gravelotte, wo sich das Hauptquartier befand, so unliebsame Bilder sich entrollten, daß das Hinausbröckeln aus dem Sadwoholze, damals dem König so leidvoll, weit überboten wurde. »Das ist ja eine Schande!«

Der König hielt auf der Chaussee Gravelotte-Rezonville wiederholt fliehende Haufen an und bezeugte dem vor Aufregung zitternden Steinmetz seine Ungnade. Aber was sollte der denn tun? Moltke gab ihm auf, den gegenüberstehenden Feind festzuhalten, und da die feindliche Kanonade schwieg, glaubte er einfach, bis aufs Metzer Glacis nachstürmen zu können. Indem er vier Batterien und noch Kavallerie über die Schlucht warf, vermehrte er die Unordnung, diese wurde aber bald gestoppt und das Auffahren von zwei Feldbatterien, die richtig hinüberkamen, ermöglichte das Festhalten des Vorwerkes St. Hubert am jenseitigen Rand. Alles was man zur Beschönung des Mißerfolges dem armen Steinmetz aufbürdete, war nichts als schriftliche Manöverübung der Halbgötter. Weiter auf Moscou vorzudringen, erwies sich im überwältigenden Kreuzfeuer als unmöglich, und Goebens »klare Ruhe«, der sein Korps nicht ganz verbrauchen wollte, war bloße Selbstverständlichkeit. Daß aber Zastrow rechts von ihm nicht auch noch nutzlos Truppen opferte, war ganz richtig. Daß Steinmetz, das gebräunte derbe Gesicht von weißem Haar umrahmt und zorngerötet, die ihm erteilte Aufgabe für närrisch hielt, kann man ihm nicht verdenken. Er soll nicht vom Bois de Vaux her angegriffen haben, d. h. aus der Flanke? Kein Wort davon steht deutlich in Moltkes Direktive, denn Vauxwald hieß die ganze Mancewaldung auf der Karte und ein Flankenstoß, der notwendig ins Feuer des Forts geraten wäre, hätte auch bei Rozerieulles nichts genutzt. Daß eine versprengte Abteilung den dortigen Steinbruch besetzte, war reiner Zufall durch Unaufmerksamkeit des Feindes und hätte nie die Folgen gehabt, die man dieser Episode zuschreibt. Übrigens fand ja ein Angriff von zwei Brigaden auf der Flanke aus dem Vauxwalde statt, zeigte sich aber noch minder aussichtsreich als Vorbrechen durch das Mancethal. Als die Sonne sank, feuerte Moltke, der manches Zeichen von Aufregung verriet, persönlich die ankommenden Pommern an, über die Schlucht zu gehen, eine unsinnige Truppenanhäufung, die er später tadelte und sich selbst, daß er sie »zuließ«, womit er dem König die Verantwortung für seine eigenen Sünden zuschob. Die Pommern erzählten später, sie hätten die Schlacht entschieden, hatten aber tatsächlich gar keinen Erfolg als nutzlose Verlustvermehrung. Wie völlig konfus und nervös die Mithandelnden das gespenstige Treiben in der dunkelnden Schlucht unterm allverdeckenden Dampfbaldachin auffaßten, lehrt zur Genüge die breite Ausmalung von drei französischen Vorstößen, die mit Kraft und Nachdruck bis in die preußischen Reserven hineinstießen. Aus den französischen Rapporten geht mit Bestimmtheit hervor, daß nie so etwas geschah, außer mal von ein paar Kompagnien, und die Verteidiger sich darauf beschränkten, ihre Munition massenhaft zu verknallen.

Den Wahn von Fachleuten wie Colonel de Stoffel und dem preußischen Militärattaché in Paris, das Zündnadelgewehr sei dem Chassepot mindestens ebenbürtig, gab man schon lange auf. Er stand auf gleicher Höhe wie das Urteil preußischer Drilloffiziere, die Zuaven und Turkos taugten nichts. Darüber lachte am Abend von Wörth nicht wenig der Schlachtenmaler Bleibtreu, der mitten im Feuer das Eindringen der Zuaven bis zum ersten Briefkasten des Städtchens beobachtete, was nachher geradeso geleugnet wurde wie die Wiedereinnahme von Chlum bei Königgrätz. Alle Zuaven und Turkos schlugen sich großartig, zwei ihrer Regimenter bis zum letzten Mann, die Franzosen überhaupt dort erstrangig, nur die alten Steinmetzschen Nachod-Regimenter ihnen ebenbürtig. Doch so fälscht die Legende, daß man Bazaines Rheinarmee nachher für fester gefügt und besser erklärte als die mit Rekruten und Reservisten ausgefüllte Armee von Chalons, während letztere bei Beaumont und Sedan sich unvergleichlich besser schlug als irgendwo die Rheinarmee. Am 16. haben nur Division Cissey, Gardedivision Picard, 75., 93. Ligne Canroberts, Division Montaudon Leboeufs den Trikoloren Ehre gemacht, am 18. verfiel das schon vorgestern auskneifende Korps Frossard wiederholt in Panik, Korps Leboeuf benahm sich äußerst schwach, auch bei Canrobert hatte nur die letzte Verteidigung von St. Privat schöne Momente, auch dort gab eine ganze Brigade Fersengeld, die Artillerie leistete nirgends etwas. Nur das Korps Ladmirault, germanisch gemischte Nordfranzosen, bedeckte sich auf der Hochfläche von Amanvillars mit wahrer Ehre und behauptete sich im wesentlichen trotz einer wahren Granatüberschwemmung. Deshalb wird auch stets vom »braven Canrobert« gefabelt und der bescheidene reklamelose Ladmirault übersehen, der einzige gute Unterführer. Wenn das Chassepot also trotzdem ein so entsetzliches Blutbad unter den Deutschen anrichtete, so ergibt sich deutlich, daß Frontalangriff gegen so furchtbare Stellung von vornherein sich verdammt, besonders gegen die Höhen Moscou-Rozerieulles, die man bloß hätte beobachten und nicht im Osten, wo die Nähe der Festung jede Ausnutzung verbot, sondern im Westen mit vereinter Masse umgeben sollen. Doch nützte Steinmetz' Angriff insofern, als der unglaubliche Bazaine dorthin seine Reserven aufstapelte und seinen anderen Flügel bei St. Privat ununterstützt ließ. Er spielte hinter der Front Billard und tröstete zynisch: man wäre morgen nach Metz gewandert, nun gehe man schon heute abend. Gegen einen Feldherrn, der aus politischen Gründen ehrgeizigen Hochverrates dem Feinde in die Hände arbeitete, ließ sich freilich endlich die strategische Flanke St. Privat zertrümmern und so die Schlacht gewinnen. Doch erst mitternachts riß Friedrich Karls Meldung den großen Schweiger aus peinlicher Verlegenheit. Erhitzt rief er dem König zu, der auf einem toten, am Boden liegenden Schimmel saß »Majestät, wir haben gesiegt!« Alsbald ertönte ein Chor der Halbgötter: der Feind nach Metz geworfen, von allen Verbindungen abgeschnitten, nämlich nach weise vorbestimmten Plane! Dem Kanzler ging das bekannte Mühlrad im Kopfe herum. Man dachte doch nur an Verfolgung nach der Orne und nie im Traume an Zernierung von Metz!

Als dann die gräßliche Einbuße der Garde, Mansteins Übereilung und andere taktische Schnitzer ruchbar wurden, machte er seinem Unmut in vertrautem Kreise Luft: »Eifersucht und Ehrgeiz der Generale mißbrauchen die Hingebung unserer edlen Truppen, damit sie Pyrrhussiege gewinnen. Die hartherzigen Streber im Generalstabe sagen ganz offen, wir könnten all unsere halbe Million erster Linie opfern, wenn wir nur zuletzt gewinnen. Aber den Stier bei den Hörnern packen ist armselige Strategie. Statt auf die Sachsen und Artillerievorbereitung zu warten, hat man die Garden zur Schlachtbank geführt. Der neuliche Todesritt meiner Halberstädter Kürassiere erfüllt mich mit Stolz, weil er richtig eingesetzt, doch das andere Vorkommnis solcher Art mit Scham und Zorn. Solche Verschwendung von Menschenleben ist ein Skandal und ein Verbrechen vor Gott.«

Seine Erlebnisse am Schlachttage waren nicht dazu angetan, ihn vertrauensvoll zu stimmen. Der König und sein Gefolge gerieten mehrfach in heftiges Feuer. (Beiläufig verkehrte der Jubel, die gefürchteten Mitrailleusen seien harmlose Spielzeuge, auch wieder die Wirklichkeit, auch schoß die französische Artillerie nicht so schlecht wie man behauptete, nur ihre Bravour und Leitung ließen alles zu wünschen übrig, einige rühmliche Ausnahmen bestätigten die Regel.) Roon brachte zuletzt den greisen Monarchen rückwärts, Otto blieb jedoch bei einer vorn feuernden Batterie in der Dunkelheit und brachte einigen Verwundeten Wasser. Sein Roß hatte er zum Tränken laufen lassen. In der Dämmerung ging ein Höllenspektakel los, die Franzosen feuerten heftig, so daß er dachte: »Beim Rückzuge setze ich mich auf die nächste Protze.« Als sein Gaul zurückkam, ritt er zum König, dessen rückwärtigen Standort jedoch die Geschosse jetzt auch erreichten, so daß die Offiziere dem Kanzler Vorstellungen machten, der dann den König zu weiterem Ausweichen bewog. Die Nacht brach ein und Otto dachte: das ist viel schlimmer als die Krise bei Königgrätz. Der König klagte, ihn hungere. Man sah sich nach Eßbarem vergeblich um, bis man endlich zwei Koteletten ausfindig machte. Der Kanzler und Sheridan fanden mit Mühe ein Unterkommen, ihren gemeinsamen Reisewagen bewachte ein junger Offizier, der sich dazu erbot, der Erbprinz von Mecklenburg.

Der Jammer des Schlachtfeldes schnitt ihm ins Herz. 20 000 deutsche Tote und Verwundete lagen umher. Von 211 000 Streitbaren, den zwecklos am anderen Moselufer vor Metz demonstrierenden Manteuffel inbegriffen, kamen nur 130 000 zum Kampfe (auch dies spricht Bände), der Verlust betrug also über 15 Prozent. Die Franzosen brachten nur über 100 000 ins wirkliche Feuer, die spätere erfinderische Angabe Moltkes, sie hätten 170 000 gehabt, verwechselte wie gewöhnlich Gefechts- und Verpflegungsstärke (Artillerie, Offiziere, Train, sonstige Nichtstreitbare) und rechnete nachher bei der Kapitulation die Metzer Nationalgarden und neue, dort erst im September einrückende Reservisten mit. Möglichenfalls fälschten die Franzosen ihre Verlustliste ein wenig, sie behaupteten, 3000 Mann weniger am 16. verloren zu haben als man ursprünglich angab, vielleicht sind diese am 18. beizurechnen. Es mag sein, daß sie 15 000 einbüßten, davon weitaus am meisten das Korps Ladmirault, inklusive 2000 Gefangene Canroberts. Jedenfalls hat nur der preußische Soldat die Schlacht gewonnen, außer Kronprinz Albert blamierte sich jeder Korpsgeneral mehr oder minder, von wirklicher Oberleitung spürte man nichts.

Sein knurrender Magen verbesserte auch nicht gerade seine Verdüsterung.

Das Hauptquartier ritt um ½ 3 Uhr nachts von Rezonville ab. An Frühstück war nicht zu denken, und auch später hatte man nur Kommißbrot und Speck. Gegen Abend machte der Hunger sich geltend, bisher durch Aufregung gedämpft. Endlich trieb Otto bei einem Marketender fünf Eier auf, die er mit – sage und schreibe – 20 Franken bezahlen mußte. Da er sie gern roh aß, klopfte er zwei davon an seinem Degenkauf auf und verschlang sie. Mit den anderen drei ritt er zu General Sheridan und Graf Lehndorf: »Brüderlich teilen, jedem ein Ei, dem braven Schweppermann nicht zwei.« Daß er die zwei anderen schon intus hatte, verschwieg er diplomatisch, was man ihm nicht verübeln darf, sintemal er doch das Stück mit vier Franken bezahlte und ein übriges tat, den anderen Hungernden etwas davon abzugeben. Erst spät am anderen Tage bekam er etwas Warmes in den Magen, er begegnete Goeben, der ihm eine Erbssuppe verabreichte. Unterwegs stieß ihm ein Soldat auf, der ein Huhn trug. Er kaufte es ab und traf dann wieder einen Marketender, der ein gebratenes Huhn anbot. Das kaufte er und überließ ihm das andere Huhn. »Geben Sie mir's gebraten wieder, wenn wir uns wiederschauen. Wenn nicht, so hoff' ich, Sie werden es mir in Berlin zurückerstatten.« Ach, Roß und Reiter sah man niemals wieder und der gebratene Franzosenhahn trotzte den kühnsten Anstrengungen der Zähne, seine Zähigkeit übertraf weit die der französischen Infanterie, ein gallischer Hahn hat auch seinen Patriotismus, gebraten oder nicht!

*

Das Unglaubliche wurde wirklich wahr, Bazaine ging nach Metz hinein, obschon er immer noch drei Tage nach der Schlacht über Diedenhofen entweichen konnte. Am 20. morgen trafen der Kronprinz und Blumenthal ein, die durch Major v. Hahnke und Hauptmann Lenke, beide ins Hauptquartier entsendet, den Ausgang der Schlacht erfuhren. Der Kronprinz wünschte vor allem den Kanzler zu sprechen, ob der sonstige politische Horizont klar sei, was dieser bejahte. Der König dankte Blumenthal herzlich: »Ich freue mich unendlich über die Siege des Kronprinzen, das ist von unendlicher Bedeutung für seine Zukunft.« Er sah nervös und angegriffen aus und klagte: »Wir haben 900 Offiziere verloren, darunter so viele von der Garde, es fielen manche, die mir die liebsten waren.« Mit einem Anfluge von Gereiztheit, bei ihm ganz ungewöhnlich, fuhr er los: »Meine Generale scheinen alles vergessen zu haben, was sie im Manöver lernten. Wie toll drauflos gegangen! Solches Schlachten können wir nicht aushalten.« Otto fühlte damit sein eigenes Urteil bestätigt. »Wir zernieren also jetzt Bazaine, aber Mac Mahons Entsatzarmee macht mich besorgt.« Moltke, sehr ruhig, versicherte mit Bestimmtheit, daß er ohne Besorgnis sei, Blumenthal pflichtete bei. Nebenbei beschwerte er sich zu Otto über die vielen Prinzen und Johanniter im Lager. –

Am Abend soupierte er mit Sheridan und dessen amerikanischen Begleitern, sprach flüssig Englisch, trank Champagner und holte den Nordstaatlergeneral aus, welchen Eindruck ihm die preußische Kriegführung mache. Tatsächlich kannte Sheridan nur das wilde Morden in den Tennessee-Schluchten und spätere heftige Treffen bei Lees Untergang. Die großen Schlachten bei Frederiksburg, Chanzelorsville, Gettysburg, Spotsylvania und in der Wildnis hatte er nicht mitgemacht, nichtsdestoweniger tat er sich sehr wichtig.

Am 21. August befand sich an der Hoftafel in Pont-à-Mousson auch Sheridan, den der König über Grants Operationen bei Viksburg befragen wollte, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der jetzigen Lage zu haben schienen. Sheridan als verwöhnter Angelsachse staunte über die Einfachheit des Mahles, das nur aus Suppe, Braten und zwei Gemüsen bestand nebst gewöhnlichem Tischwein. Da niemand sonst Englisch sprach zum Staunen des Yankee, der, wie viele naive Engländer an die allgemeine Sprachkunde der Deutschen glaubte, so machte Bismarck den Dolmetscher. Daß ein Yankee kein Wort Deutsch versteht in einem Lande, wo unberechenbar vielen Einwohnern deutsches Blut in den Adern rollte, – das – nun, das versteht sich von selbst!

»Wahrscheinlich wird die Armee von Chalons als Entsatzheer für Metz gedacht sein«, begann der König. »Ihr General Grant kam bei Belagerung von Viksburg in Verhältnisse, die unserem Uferwechsel an der Mosel gleichen. Dort war es der viel größere Mississippi. Es gelang ihm, alle Entsatzversuche zu vereiteln. Wie kam das?«

Sheridan antwortete ausführlich und übertrieb natürlich nach Yankeesitte die Erfolge, deren Wurzel allein in der Unfähigkeit der gegnerischen Führung stak.

»Die Verteidigung scheint mir nicht sehr tätig geführt zu sein. Ob wir von Bazaine, einem erfahrenen Berufsmilitär, ähnliches hoffen können? Die Grundsätze der Kriegswissenschaft sind natürlich immer die nämlichen, doch ihre Anwendung –! Erstaunlich, daß Ihre Milizen so Großes vermochten!«

Sheridan verbeugte sich und machte ein Kompliment. Natürlich schrieb er in sein Tagebuch, daß man hier nichts Neues lernen könne. Im Gegenteil sei die taktische Fechtweise veraltet. Die Marschleistungen seien hervorragend, doch auf gebahnten Wegen, während seine Milizen ihre Gewaltmärsche sogar durch Urwälder und über reißende große Ströme vollbrachten.

Jetzt begann der Vormarsch der Maasarmee des sächsischen Kronprinzen, das Hauptquartier folgte über Bar-le-Duc und Clermont. Am 26. August kam Blumenthal nach Bar und murrte ungehalten über die steten Marschänderungen Moltkes, die eine nervöse Unsicherheit verbreiteten. Der Kanzler sorgte dafür, daß der König gegen Franktireurs eine starke Bedeckung erhielt, er selbst ging jedoch allein durch die engen dunklen Gassen von Grandpré, um seine Furchtlosigkeit darzutun. In Bar hatte ein Lebensmüder ihm aufgelauert. Sein Quartier war immer das schlechteste, während müßige Höflinge des königlichen Gefolges in Himmelbetten schliefen. Manchmal sah man den Kanzler mit Moltke auf der Landstraße wandeln, die beide aus dem Wagen stiegen, um ihre Glieder zu recken.

»Die riesigen Kanonenstiefeln des Chefs erinnern an den Dreißigjährigen Krieg«, bemerkte Busch. Bohlen lachte: »Man sagt, es werde ein dreißigtägiger.« Otto sprach viel mit den Franzosen, und ein alter Herr erzählte später: »Er sprach wie ein Franzose, niemand hätte ihn für so einen schrecklichen Preußen gehalten. Solch einen Mann braucht Frankreich.« Die Jagd auf Mac Mahon erschien ihm zweifelhaft. »Ich war mal hier in den Ardennen auf einer Wolfsjagd. Der graue Kerl verschwand aber vor uns, so wird's hier auch gehen.« Der immer zuversichtliche Blumenthal setzte schon früh auseinander, die Karte in der Hand – der Timeskorrespondent Russel und Georg Bleibtreu konnten es bezeugen –, wann und wie der Feind gestellt werde.

»Wir umzingeln ihn oder drängen ihn nach Belgien.« Am letzten Augusttage rieb sich auch Moltke die Hände. »Nun haben wir sie doch in der Mausefalle.« Wie aber, wenn der Feind mit Hinterlassung starker Nachhut in der Nacht abmarschierte, noch in den Morgenstunden des 1. September wäre es möglich gewesen, obschon Blumenthal, über Moltkes Einladung hinausgehend, zwei ganze Korps über die Maasschleife nach Norden in den Rücken schickte, um die Klappe zuzumachen. Sie hätten sich nicht rechtzeitig entwickeln können, wenn die Franzosen in Masse auf Mezières abmarschierten. Doch schon mittags erkannte man von der Frénoishöhe, wo der König stehend und Otto im Grase sitzend die Schlacht beobachteten, daß jetzt ein Entkommen nicht mehr möglich sei. In die malerische Gegend zeichnete sich das Schlachtbild wunderbar schön ein. Die Franzosen schlugen sich diesmal meist brav, die Marinedivision in Bazailles und Division Liébert bei Floing überraschend brav, ebenso fest die gesamte Artillerie, die hier mit allen Ehren unterging, und die Reiterei, die sich opferte. Der Kronprinz und seine Umgebung waren des Erfolges nicht sicher, Blumenthal sagte aber kurz und bündig: »Der Feind wird vernichtet oder gefangen.« Ebenso kühl äußerte sich Moltke, während der russische und englische Militärattaché nicht ohne Neid dem Triumph der deutschen Waffen zuschauten.

Der König verhielt sich kalt und ruhig mit freundlichem Gesicht, die Augen auf die schon mehrfach brennende Festungsstadt gerichtet. Am Ende der Schlacht ließ er selbst frische Batterien auf Sedan richten, um sodann die Übergabe zu fordern.« 600 Feuerschlünde schlossen immer enger einen blitzenden donnernden Kreis, so daß es dem Beschauer schien, als könne nichts Lebendes in dieser Hölle ausdauern. Man hat aber die materielle Wirkung ungeheuer überschätzt, wozu grundfalsche Ziffern im Generalstabswerke beitrugen. Danach bestand das französische Heer aus 124 000 Mann, während es überhaupt nur mit 110 000 von Chalons abrückte, wie auch Blumenthal in sein Tagebuch notierte. Nicht 17 000, sondern nur 9800 lagen tot und verwundet, nicht 21 000, sondern 9000 wurden während der Schlacht gefangen, nicht 83 000, sondern 65 000 kapitulierten. Hessen und Thüringer vollbrachten diesmal die wichtigste Arbeit. Otto hörte es mit ebenso viel Vergnügen wie die Taten der hannoverschen Regimenter und Batterien und der ruhmvollen Holsteiner Artillerie in den Metzer Schlachten. Die Neupreußen fochten also ebenbürtig Schulter an Schulter mit den Altpreußen, und die Bayern, bei Wörth noch nicht hervorragend, trugen diesmal fast die Hälfte des Verlustes in heißem Raufen, wobei ihre Artillerie sich auszeichnete. Wie die tapferen Sachsen fochten, erfuhr man bei St. Privat und nicht minder hier. Das kittet für immer aneinander, dachte Otto mit stiller Ergriffenheit und Dank gegen die Vorsehung. Es ging auf 3 ½; Uhr, die Schlacht schlief ein, die Entscheidung fiel längst. In dieser eingelegten Pause, während die Kanonade sich beruhigte, sammelte sich eine Anzahl hoher Personen um den König: Prinz Karl, die Großherzoge von Mecklenburg und Weimar, Herzog Ernst von Koburg und Sheridan nebst dessen Adjutanten Forsyth, natürlich auch »General«, weil in Amerika Generals- und Oberstentitel seit dem Bürgerkriege unendlich wohlfeil waren. Die drei Paladine Bismarck, Moltke, Roon nahmen an dem Gabelfrühstück teil, das aus Koteletten, Erbsen, viel Rotwein und Sherry bestand. Der König hatte einen Feldtisch, die meisten tafelten auf der nackten Erde. Die gehobene Stimmung machte sich in Ausrufen Luft, die sich kreuzten.

»Die Kapitulation ist sicher!« »Damit ist Frankreich fertig!« »Der Krieg wird in nächster Zukunft beendigt sein!« »Was denken Exzellenz über die Friedensbedingungen?« Otto erwiderte ausweichend, sehr einsilbig, eine peinliche Ahnung bedrückte ihn. Der König wandte sich an ihn und teilte mit: »Das ist eine sonderbare Tartarennachricht. Fürst Putbus will erfahren haben, daß der Kaiser Napoleon sich bei der Armee befindet. Er erfuhr es von französischen Gefangenen. Ich muß gestehen, ich bin etwas ärgerlich, daß er sich solchen Bären aufbinden ließ, und habe ihn herbefohlen.«

»Warum zweifeln Eure Majestät so sehr?« Ottos Stimme klang gedrückt. »Der Kaiser befand sich tatsächlich bei der Armee in Chalons. Warum sollte er nicht noch jetzt als Höchstkommandierender dort weilen?«

Fürst Putbus erschien. Der liebenswürdige wohlwollende Mann diente im kronprinzlichen Hauptquartier als Militärinspektor der freiwilligen Krankenpflege. »Majestät, General v. Blumenthal schickte mich zu einer Batterie mit Befehl der Feuereinstellung, weil die Bayern so weit in der Vorstadt andringen, daß unsere Granaten sie treffen könnten. Auf dem Rückwege traf ich gefangene Franzosen und die sagten uns, sie hätten den Kaiser noch am Morgen und später im Feuer gesehen.« Allgemeiner Jubel.

»Aber das wäre ja famos! Dann wird er mitgefangen! Ein solcher Triumph! Dann ist der Friedensschluß vor der Tür!« Auch Moltke belebte sich, ein Freudenschein glitt über seine kalten Züge. Nur Otto sagte kein Wort. Dann nahm er Putbus beiseite, fragte ihn aus und äußerte ruhig: »Schade! Dann, ist der Friedensschluß in weite Ferne gerückt!« Putbus starrte ihn an, als scherze der Staatsmann. Blitzschnell erwog der geniale Verstand, daß ein gefangener Kaiser nicht Frieden schließen könne, daß sicher Umwälzung in Paris erfolge und nachher niemand da sein werde, mit dem man ordentlich verhandeln könne.

Vor 5 Uhr erschien der als Unterhändler abgesandte Oberst v. Bronsart und bestätigte die Nachricht. »Dies ist ein großer Erfolg,« wandte sich der König an seine Umgebung, dann an den Kronprinzen: »Ich danke dir, daß du dazu halfest.« Dieser küßte ihm die Hand, ebenso Moltke. Dann winkte er Bismarck zu und sprach mit ihm einige Minuten allein. »Meinen Sie, das ist der Frieden?«

»Ich zweifle fast. Jetzt wird in Paris das Kaiserreich fallen. Ich fürchte Ausrufung der Republik.«

»Wird sie sich nicht sofort unterwerfen?«

»Auch das bezweifle ich. Wir werden noch Überraschungen, erleben. Da kommt übrigens General Reille vom kaiserlichen Hofstaate. Ich kenne ihn von Paris her.« Reille stieg ab, zog sein goldbordiertes Käppi, machte eine zeremoniöse Reverenz und überreichte ein versiegeltes Schreiben, der vornehmste Briefträger in der Weltgeschichte. Der König las: »Mein Herr Bruder, da ich an der Spitze meiner Armee nicht sterben konnte...«, worüber man irrig gespottet hat. Er suchte wirklich den Tod, der ihn mied, zwei hohe Generale wurden an seiner Seite niedergestreckt. Otto entwarf sofort eine Antwort, die der König dann eigenhändig niederschrieb. Ein von Major Alten ihm vorgehaltener Stuhl diente als Schreibtisch. Währenddessen begrüßte er sich mit Reille, der hastig betonte: »Man wird doch einer Armee, die sich so brav schlug, keine harten Bedingungen auferlegen?«

Otto erwiderte achselzuckend: »Unbedingte Waffenstreckung!«

»Ehe wir das annehmen, werden wir uns mit der Festung in die Luft sprengen.«

»Tun Sie das!« Diesem Kenner etwas vormachen! Er kannte doch die französischen Redensarten. »Ist der Kaiser übrigens noch Herr über sein Heer? Wird man z. B. in Metz seiner Order gehorchen?«

»Sicherlich.« Die Schatten senkten sich tiefer, als Reille abritt, doch den ganzen Himmelsbogen röteten die Brände der Dörfer. Überall wehte die weiße Fahne, die Kanonade schwieg. Die Sonne tauchte unter in schwarzem Gewölk, mit furchtbarer Pracht loderte eine Flammensäule aus Sedan, eine Rauchsäule aus Bazailles empor.

»Ich bitte Eure Majestät, sich nach Vendresse zurückzubegeben, Ihre hohe Person muß jedem Kontakt mit der Verhandlung fernbleiben, bis sie beendet.«

»Sie haben recht, Bismarck. Sie, Moltke und Blumenthal werden also die Kapitulation abschließen.«

Als der König abfuhr, huldigte ihm überall begeistertes Hurra der Truppen, die sangen »Heil dir im Siegerkranz«. Nie hatte dies Lied eine so wörtliche und volle Bedeutung. Längs der langen Linie der deutschen Heere verbreitete sich blitzschnell die Kunde, zu den am Sonnenäther hervorblinzelnden Sternen stieg der Choral aus hunderttausend rauhen Kriegerkehlen: »Nun danket alle Gott!«

Endlich, endlich! Otto warf einen Blick zum unheimlich brandigen Himmel und betete lautlos. Mit Blut und Eisen!

Einen schauerlichen Gegensatz zur feierlichen Größe des deutschen Triumphes bildete die verworrene Demoralisierung in Sedan. Der einzige Deutsche, der noch an diesem Abend waghalsig durch ein Palisadentor die Festung betrat, war der Maler Bleibtreu, den die Franzosen höflich passieren ließen, sei es, weil sie ihn nach seinem Knebelbarte für einen ihrer Intendanturbeamten hielten, sei es, weil sie ihn nach der Genfer Binde als einen deutschen Sanitätsbeamten respektierten. Als er aber am folgenden Tage mit dem befreundeten Ingenieurgeneral Schulz, einem biederen behäbigen Westfalen, von Blumenthal mit Entgegennahme der »Festung« (nicht der Armee) betraut, bis zum Präfekturplatze kam, wollte eine Rotte betrunkener Turkos sie massakrieren. Schon griff der lange Mutius zur Plempe, als Schulz abwinkte: »Steckenlassen!« und ruhig durch den Soldatenpöpel hindurchschritt, der heulend und knurrend auswich. Ducrot, auf der Freitreppe der Präfektur stehend, zog tief sein Käppi. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, mein General.« Der allgemeine Eindruck hatte etwas Anwiderndes. Außer Gruppen von Offizieren, die düster mit verschränkten Armen in einigen Höfen an der Mauer lehnten und denen man den bitteren Schmerz ansah, lachten und plauderten die Soldaten, seelensfroh, dem Granatenorkan entronnen zu sein. Draußen in Donchery arrangierten Gefangene in der Kirche eine Theaterposse, »Badinguet« (Spitzname des Kaisers), worin sie sein Unglück verhöhnten.

Als Bleibtreu mit dem befreundeten württembergischen Militärbevollmächtigten General Faber du Faur am Schlachtabend in Donchery vor einem feisten Hammelbraten saß, stürzte der joviale Bismarck-Bohlen herein, klopfte dem Künstler auf die Schulter und lachte: »Herr Professor, Sie müssen raus, hier wird's einen Stoff für ein großes Bild von Meisterhand geben.«

»Was ist denn los, Herr Graf?«

»Hier, gerade hier, wo Sie sitzen, findet die Kapitulationsverhandlung statt. Nun, es ist noch Zeit bis dahin, mein Vetter kommt gleich, lassen Sie ihm was vom Hammel übrig!« Gleich darauf erschien die ehrfurchtgebietende Reckengestalt in der Tür, grüßte mit gewohnter Höflichkeit und setzte sich. Sein ehernes Gesicht trug einen Ausdruck, wie der Künstler, der ihn so oft gemalt, es noch nie gesehen. Er strahlte wie in Verklärung. Seine Stimme hatte ein leichtes Zittern als er erzählte: »Meine Herren, ich kam vorhin durch die Bayern vorbei. Das war der schönste Augenblick meines Lebens.« Der wahnsinnige Jubel, mit dem die Bayern ihn überschütteten, schrie die alte plattdütsche Losung in bajuvarischer Mundart gen Himmel: Für immer ungedeelt! Er hatte es ja vorher gewußt, der Nationalkrieg gegen den alten Erbfeind vereinte auf einen Schlag und einen Tag die jahrhundertelang Getrennten.

Er war sehr gesprächig, und vom Hammelbraten blieb nicht viel übrig ...

Bleibtreu traf, als er ein anderes Quartier fand, den befreundeten englischen Militärattaché Walker, einen eleganten Krieger von athletischem Wuchse, der sich als Deutschenfreund aufspielte, doch wahrlich nur innerhalb des Bannkreises britischer Einbildung. Denn er mußte in späterer Zeit von Berlin entfernt werden, weil er sich arrogante Äußerungen entschlüpfen ließ, die er übrigens später als Direktor der Militärerziehung in St. James' Palace dem Sohne Bleibtreus wiederholte. Das Geschwätz von preußischem Militarismus konnte auch dieser Stockengländer sich nicht verkneifen. Seine Memoiren mußten später aus dem Buchhandel zurückgezogen werden, weil sie von maßloser Eitelkeit strotzten. Diesmal braute er dem durchnäßten Künstler einen steifen Grog und versicherte später der Gattin des Malers: »Ich hab' ihm das Leben gerettet, hätte er mich gehabt, als er beim Sturm auf Wörth durch die Sauer watete, hätte er keinen chronischen Katarrh.« Solche germanische Herzlichkeit, Gemütlichkeit und Liebenswürdigkeit besaß übrigens auch sein späterer Nachfolger Lord Methuen (der verunglückte Burenschreck), und doch strotzte auch er von maßloser insularer Überhebung, sobald man tiefer in sein Inneres drang. Die Briten bleiben sich immer gleich auf diesem Punkte. Zum Ärger Blumenthals und des Stabes fanden sich immer mehr britische Schlachtenbummler beim Kronprinzen ein, den Sport mitzumachen. Vom Prinzgemahl ihrer Prinzeß Royal erwarteten sie, daß er solche Ehre zu schätzen wisse. So näherte sich ein baumlanger Herr am zweiten Tage seiner Ankunft Bleibtreu, den der Kronprinz zusammen mit seinem literarischen Ideal Gustav Freytag als Gäste zur »ersten Staffel« einlud und geradeso wie der sonst recht zugeknöpfte Blumenthal mit hoher Auszeichnung behandelte. »Ick aben gehört, daß Sie sein mit vorn gewesen in die Bataille von Wörth. Ik uerde mir Ihnen bei die nächste Bataille anschließen.« Dem bei aller Bescheidenheit seiner Würde bewußten berühmten Künstler lief die Galle über, und er rief mit lauter Stimme: »Herr, ich kenne Sie ja gar nicht und fühle gar keinen Wunsch, Sie mitzunehmen.« Unendliche Freude des Generalstabes. Der Brite stand ganz verdutzt da und murmelte: »Ik bin der Duke of Sutherland.« Er war ein kreuzbraver menschenfreundlicher Herr, doch der Gedanke, daß ein englischer Herzog sich einem niederen Sterblichen vorstellen müsse, nun gar bloß einem Deutschen, konnte ihm wirklich nicht kommen. Der Maler beging eine Dummheit, den edlen Lord vor den Kopf zu stoßen, der wäre ihm zeitlebens ein treuer Gönner geblieben, denn der Engländer ist von Natur treu und Gentleman ... als Privatmann. Doch der irrsinnige nationale Dünkel, verbunden mit krasser Unwissenheit, verdirbt zuletzt auch den anständigsten Charakter. Was er sonst als schlechten Ton verabscheut, Prahlsucht und Selbstgefälligkeit, regieren den Briten, sobald er Ausland und Ausländer von oben herab betrachtet. Und der Franzose, der manchmal mit überströmender Freundlichkeit einen Deutschen begönnert, wenn er ihn gern hat? Diese Rasse lernte zu dieser Stunde in Donchery eine furchtbare Erkenntnis aus dem Munde dessen, der nie ein Welschgänger und Michel war ...

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