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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 26
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
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Im Mai genoß Otto wieder mal eine Anbohrung durch Benedetti, der letzthin eine unheimliche Geschmeidigkeit entwickelte, was auf lichtscheues unterirdisches Minieren schließen ließ.

»Ich komme soeben von Paris,« begann er mit einer gewissen Feierlichkeit, »da der Kaiser mich einer persönlichen Rücksprache würdigen wollte, um meine Schritte zu lenken in jener schwierigen Angelegenheit, über die ich schon mit Ihnen zu reden die Ehre hatte.«

»Ja, Sie nahmen einen Extrazug hin und zurück,« versetzte der Kanzler trocken. »Darf ich fragen, was es so Eiliges gibt?«

»Bei den Wirren in Spanien scheint Marschall Prim, der Premier und Reichsverweser, dringender als je die Neuwahl eines Königs zu wünschen und klopft bei allen Höfen an.«

»Es hält schwer, der verflossenen Königin Isabella einen würdigen Nachfolger zu finden, einer Besitzerin der goldenen Tugendrose Seiner Heiligkeit,« lächelte der Protestant sarkastisch. Der unglaubliche Pio Nono, der jetzt auf seine Unfehlbarkeitserklärung hinsteuerte, beging früher auch die Unglaublichkeit, der geilen dicken Messaline in Madrid als einer besonders treuen Tochter der Kirche ein Keuschheitspatent zu verabreichen und seinen päpstlichen Segen über ihr gesalbtes Dirnenhaupt zu ergießen. Das bei solcher monarchischen Verrottung sehr begreifliche Republikanertum unter Führung Castelars konnte nur durch Einsetzung eines anständigen ausländischen Prinzen auf den Thron beider Castilien gedämpft werden.

»Mich deucht, der Duc de Montpensier, Sohn Louis Philipps, dürfte dem Kaiser der Franzosen als Nachbarkönig nicht gerade genehm sein. Die Dynastie Orleans könnte sich sonst wieder über die Pyrenäen hinaus bemerkbar machen.«

»Eure Exzellenz wissen, daß man in Spanien auch eine andere Kandidatur ins Auge faßt, die des preußischen Prinzen Leopold Hohenzollern.«

»Pardon, das ist eine Verwechslung, für Ausländer verzeihlich wegen der Namensgleichheit. Prinz Leopold ist kein preußischer Prinz.«

»Wie? Er ist preußischer Oberst, sein Bruder fiel bei Königgrätz, sein anderer Bruder Friedrich dient bei den Gardedragonern als Rittmeister. Auch sein Bruder Karl, preußischer Gardeoffizier –«

»Gut informiert!« unterbrach der Kanzler. »Aber nicht gut genug. Preußische Offiziere, doch nicht Prinzen des regierenden Hauses.«

»Nun ja, eine Seitenlinie, Hohenzollern-Sigmaringen.«

»Auch das nicht mal, wirkliche Verwandtschaft wird von Heraldikern geleugnet. Ebenso gut können Sie den Fürsten Hohenzollern-Hechingen, der als österreichischer Korpschef bei Aspern und Wagram focht, einen preußischen Prinzen nennen. Das königliche Haus Hohenzollern-Brandenburg hat nicht die mindeste Blutsverwandtschaft mit den anderen Trägern des Namens.«

»Das sind Subtilitäten, die man in Frankreich nicht versteht. Der alte Fürst Anton Hohenzollern war ja sogar einer Ihrer Vorgänger als Ministerpräsident.«

»Woraus Sie auf die Richtigkeit meiner Angaben schließen müssen, denn in keinem Staat, besonders keinem Verfassungsstaat, macht man einen Prinzen der Monarchie zum Premierminister. Übrigens sind die Fürsten Sigmaringen fromme Katholiken, also schon hierdurch gänzlich vom preußischen Königshause verschieden.«

»Mein Gott, in Deutschland nimmt man das nicht so genau. Der König von Sachsen ist katholisch, sein Land protestantisch. Wir Franzosen verstehen so etwas nicht, wir kennen das Wort Henri Quatres: ›Paris ist eine Messe wert‹. Und Fürst Anton lebt in Düsseldorf und trat sein Fürstentum an König Wilhelm ab als dem Senior seines Hauses.«

»Sie irren doppelt. Nur die Souveränität seines Privatbesitzes zedierte er an Preußen als dem Schirmherrn deutscher Einheit. Ein leuchtendes Beispiel alldeutscher Vaterlandsliebe, das freilich keine Nachahmung fand. Bei heutiger Ordnung der Dinge fiel Sigmaringen obendrein an Württemberg, an das Sie sich wenden sollten, wenn Sie amtlich mit Fürst Leopold zu tun haben.«

»Nur mit Ihnen«, rief der Franzose ungeduldig mit erregter Stimme. »Glauben Sie, man würde unseren Kammern solche verwickelte Familien- und Rechtsverhältnisse begreiflich machen?«

Otto zuckte die Achseln. »Bin ich berufen, unzureichende historisch-geographische Kenntnis zu belehren, wie sie den Franzosen eigentümlich ist?«

»Sie schweifen ab, kommen wir zur Sache! Der Kaiser sagte mir wörtlich: ›Die Kandidatur Montpensier ist antidynastisch, sie verletzt nur mich, ich mag sie dulden. Die Kandidatur Hohenzollern ist hingegen antinational, Frankreich wird sie nicht dulden, man muß dem vorbeugen.‹ Ich darf wohl annehmen, daß Sie mit dem König und Fürst Anton, der hier war, den Fall diskutierten.«

»Das verhehle ich nicht. Und zwar ging ich davon aus, diese Kandidatur sei schwerlich im deutschen, wohl aber im französischen Interesse. Denn gerade die Familienverwandtschaft liegt einzig nach der Seite des Hauses Napoleon. Seine Großmutter väterlicherseits war Antoinette Murat, seine Mutter war eine Tochter der Großherzogin Stephanie Beauharnais von Baden, meiner alten Gönnerin. Sie werden in der Genealogie der kaiserlichen Familie wohl so bewandert sein, Herr Botschafter, um zu wissen, daß Prinzeß Stephanie Napoleon die rechte Kusine der Mutter Ihres Kaisers war. Die Gemahlin Prinz Leopolds ist die Schwester der Königin von Portugal. Er ist also durchaus blutsverwandt mit nichtdeutschen Häusern.«

»Ach, das sind Nebendinge. Für uns bleibt er ein preußischer Prinz und Oberst, der jedenfalls ganz unter Ihrem Einfluß steht.«

»Ich kenne ihn nicht einmal und wüßte wirklich nicht, was für uns dabei herausschauen sollte. Sie haben ohnehin keinen Grund zur Beunruhigung. Diese Kombination wird sich nie realisieren. Ich wünsche dem Duc de Montpensier alles Glück.«

»Würden Sie uns die formale Versicherung geben, daß der König in keinem Falle dem Prinzen Annahme der Kandidatur erlauben wird?«

»Seine Majestät hat nichts zu verbieten und zu erlauben, da dieser mediatisierte Prinz sein eigener Herr ist und in seinem Privatbesitz nicht mal der Jurisdiktion Preußens untersteht. Preußen hat an der ganzen Frage kein Interesse.«

»Erlauben Sie,« brauste Benedetti ein wenig auf, »das sind ausweichende Phrasen, die nicht befriedigen. Wir –«

» Wir – erlauben Sie, Herr Botschafter – machen keine Phrasen«, unterbrach ihn scharf der Recke, den man schon jetzt den Eisernen Kanzler nannte. »Sehe ich danach aus, als ob ich gern auswiche? Aber wozu über ungelegte Eier ein Kikeriki erheben? Der gallische Hahn hat gewiß eine sehr durchdringende Stimme und ist als Kampfhahn gefürchtet. Aber Hahnenkämpfe für nichts und wieder nichts sind nur in England gestattet. Der Prinz würde schwerlich annehmen, selbst wenn das Angebot dringend wäre, was bisher fehlt, wie Ihnen nicht unbekannt.«

»Erlauben Sie! Ein Spanier hat eine Broschüre veröffentlicht, worin er diese Kandidatur vor allen anderen empfiehlt und nur bedauert, der Name werde für spanische Zungen schwer auszusprechen sein.«

Otto lachte gemütlich. »Franzosen und Italienern geht's nicht besser, sie machen sich deutsche Land- und Städtenamen lateinisierend mundgerecht. Wer soll im italienischen Monaco erkennen, ob dies Spielhöllenparadies oder die Hauptstadt Bayerns gemeint? Wie würden die Franzosen lachen, wenn die Deutschen Bordeaux aussprächen, wie es geschrieben wird, etwa Bordeochs nach französischer Schreibweise! Oder wenn wir für Paris beliebig Parizel sagen würden? Sie aber nennen Köln ruhig Cologne, Regensburg Ratisbonne und sprechen Berlin mit Nasalton aus. Und die Engländer? Sie sprechen Calais wie Caläs, Paris wie Pärris, Berlin wie Börlin, alles mit Akzent auf der ersten Silbe, München wie Mjuhnik. Nur der Deutsche hat Bildung genug, der ausländischen Sprache ihr Recht zu lassen. Bloß im Italienischen nimmt er sich Freiheiten, nennt Milano Mailand, Venezia Venedig, Firenze Florenz, Napoli Neapel, letztere zwei Namen mit Anklang an frühere lateinische Bezeichnungen Florentia, Neapolis, ersteres wegen der alten Herrschaft des deutschen Reiches in Oberitalien. Bei den Engländern gebe ich ja zu, daß sie selber kaum wissen, wie sie aussprechen sollen. In unseren Schulen lehrt man Londen für London, und so sollte es heißen – Londres im Französischen ist ganz verfehlt –, aber jeder Engländer spricht Land'n, ja nicht mal das, sondern verschwommen Lan'n, im Dialekt Lun'n.« Solche etymologische Ergießung trug der Kanzler mit geläufiger Zunge vor, zur höchsten Erbosung Benedettis.

»Ungemein interessant, jedoch sind wir nicht hier für Sprachstudien. Prinz Leopold –«

»Ist zurzeit in seiner Garnison, wenn Sie sich nach seiner Adresse erkundigen wollen.« Otto stand bolzengerade auf und sah auf die Uhr. »Himmel! Die Reize Ihrer Unterhaltung lassen mich ganz vergessen – eine dringende Konferenz erwartet mich.«

Benedetti zog wie ein begossener Pudel ab, bitterböse. Er schrieb nach Paris, Bismarck sei nicht offen gewesen, habe etwas Schlimmes in petto, habe sich sorgsam vor bindender Erklärung gehütet, führe allerlei im Schilde, schaue nach Vorteilen für seine deutsche Politik wegen Vakanz des spanischen Thrones aus. Da es aber von der Kandidatur still wurde und andere Kombinationen auftauchten – italienische Prinzen, Herzog von Aosta, Graf von Turin –, so ließ Napoleon die Sache ruhen, da ihn nähere Sorgen beschäftigten. Im wunderschönen Monat Mai sprangen ihm neue Hoffnungsknospen, es war in seinem Herzen die Liebe zu Rom aufgegangen, wie immer eine Liebe zum Fressen.

*

Während der Landtag mit den Ministern Eulenburg und Mühler in Fehde lag, erwarb sich der von Bismarck als neuer Finanzminister eingesetzte Präsident der Seehandlung, der altliberale Camphausen, das Wohlwollen des Hauses, indem er ein angebliches Defizit in Überschüsse verwandelte. Auf der Stelle hörte Virchow das Gras auf seiner Wiese wachsen und beantragte Einschränkung der Militärausgaben sowie allgemeine Abrüstung! In Bayern hatte Hohenlohe es schwer, sich gegen den klerikalen Ansturm zu halten. In Württemberg gelangte erst nach langen Kämpfen, wobei ein Abgeordneter Mayer die Monarchien »wie andere Feudallasten« abschaffen wollte, ein preußischgesinntes Ministerium ans Ruder. Gegen den Antrag Bamberger auf Münzeinheit polterte gerade ein Württemberger Zolldeputierter Becher, der unverfroren als Aufgabe der süddeutschen Fraktion bezeichnete, die Verpreußerung, d. h. das Einigungswerk, zu verpfuschen. Daß der Staatsleiter seine auswärtige Politik mit größter Heimlichkeit betrieb und Blaubücher im englischen Stil als eine Quelle des Unfriedens bezeichnete, lag den Unentwegten schwer im Magen. Und daß Moltke öffentlich die Bildung einer so starken Großmacht, daß sie in Europa Frieden gebiete, durch ein geeintes Deutschland in Aussicht stellte, befriedigte viele nicht. Für Preußens jetziges Ansehen zeugte die auf Bismarcks Anregung berufene Konferenz in der wieder mal brennenden Kreta-Frage. In Paris hatte man zurzeit andere Sorgen, die Radikalen rüttelten heftig an den freiheitsmörderischen Grundlagen des Empire, bis der schlaue Louis ein sogenanntes Volksplebiszit für sich zusammentrommelte und das Vermittelungsministerium Olivier zu einem Hofsatellitentum umschweißte. »Gramont Minister des Auswärtigen?« Otto zog die Stirn in Falten. »Das endet nicht gut. Und Thiers für gesteigerte Rekrutenaushebung? Sturmzeichen.« Die römische Frage erregte schon lange die Gemüter, seit die französische Besetzung des Kirchenstaates »die Wunder von Mentana« des Chassepot an Garibaldis Rothemden probierte. Die Italiener tobten heftig gegen den »Befreier« Napoleon, der doch in Rom ihnen den Daumen ins Auge drückte. Zu geheimer Freude Ottos, der Viktor Emanuels französische Neigungen kannte und außerdem wußte, wie wenig dieser bigotte Katholik die antipäpstliche Gesinnung seines Volkes teilte, entfremdete sich das Kabinett von Florenz von Frankreich. Die Gefahr, es als Bundesgenossen eines französischen Angriffes fürchten zu müssen schwand also sichtlich.

»Der Kaiser wünscht eine Sanktion seiner römischen Stellung durch Europa«, begann Benedetti zu sondieren. »Sie hörten ja früher schon den Minister Rouher in der Kammer: ›Niemals!‹ Niemals werden wir den Schutz Seiner Heiligkeit aufgeben.«

»In solchem Falle finde ich keinen Nutzen in einer Konferenz, die dauernd Italien von Rom ausschließt, der natürlichen Hauptstadt, wohin es nie zu streben aufhören wird. Solche Nationalfragen werden gemeinhin nicht auf dem Papiere gelöst, sondern auf dem Schlachtfelde.«

»Die deutschen Katholiken würden Ihnen grollen, wenn Sie Kirchenschändung befürworten würden.«

»Ganz Ihrer Meinung. Ich habe daher Emissäre Garibaldis und Bevollmächtigte des Königs von Italien abschlägig beschieden.«

»Ah!« Benedetti staunte über diese Indiskretion, die natürlich einem bestimmten Vorsatze folgte. »Dies ist offiziell? Darf ich davon Gebrauch machen?«

»Das würden Sie, verehrter Kollege, auch ohne meine Erlaubnis. Ich sympathisiere mit jeder Einheitsidee, noch mehr aber mit Klarheit auf dem politischen Schachbrett. Ich wasche meine Hände in Unschuld, weit weg von Rom. Das war immer für Deutschland ein ungesundes Klima.«

Benedetti zerbrach sich nicht lange den Kopf. Aha, er will uns unterrichten, daß alle Parteien jenseits der Alpen ihn umwerben und er dort leicht Allianz gegen uns fände. »Irre ich nicht, ist auch Seine Majestät König Wilhelm für Unabhängigkeit des Papstes eingenommen.«

»Ihre Majestät die Königin sicher«, bestätigte Otto trocken. »Auch ich verehre Seine Heiligkeit als einen großen politischen Faktor. Leider gibt es für das vorwiegend protestantische Norddeutschland hier kein Pro und Kontra. Ich fürchte, England und Rußland denken ebenso.«

»Ich aber fürchte,« bemerkte der Franzose spitz, »daß der Kaiser hierin nur Ihren Willen sehen wird, uns nirgendwo entgegenzukommen und uns jede Kompensation zu verweigern.«

»Kommen Sie schon wieder mit diesem Kapitel, lieber Graf? Ich dachte, das wäre geschlossen, nachdem wir uns über Luxemburg so schön geeinigt.«

»In Ihrem Sinne. Sie nennen das schön? Ah, schade! Unsere Einigung in der römischen Frage würde entschieden eine Entspannung unserer etwas lockeren Beziehungen herbeiführen.«

»Ei, besteht denn eine Spannung? Davon weiß ich nichts.« Benedetti biß sich auf die Lippe. »In jedem anderen Falle würde ich lebhaft begrüßen, daß wir uns in alter Freundschaft die Hände reichen. Doch wie sagt man in Rom? Non possumus

»Wirklich schade! Beiläufig, darf ich Sie daran erinnern, Herr Minister, daß ich schon zweimal die Ehre hatte, Sie um Rückgabe jenes Geheimvertrages zu ersuchen, den Sie mir suggerierten und dessen Niederschrift in Ihren Händen blieb?«

Otto gähnte leicht. »Bester Graf, ich vergesse so leicht solche unbedeutende Nebensachen im Drange meiner Geschäfte. Ich werde Legationsrat Tiedemann beauftragen, danach zu suchen. Die Schrift wanderte wohl irgendwohin unter einen Wust anderer Papiere, jedenfalls ist sie verlegt und nicht zur Hand. Vielleicht verbrannte ich sie auch, ich erinnere mich nicht mehr.«

Ein leichtes Erblassen flog über das glatte Gesicht des fremden Diplomaten. »Allerdings wäre dies wohl das Richtigste und ... Ehrenhafteste. Die Sache war rein vertraulich zwischen uns, und da sie längst illusorisch und ohne Unterschrift, hat sie ja auch gar keinen amtlichen Wert.«

»Sie sagen es. Übrigens ›ehrenhaft‹ das ist doch eigentlich kein diplomatischer Begriff. In der Politik ist ehrenhaft, was zur Ehre des eigenen Staates gereicht. A la guerre comme à la guerre, all is fair in love and war. Haben Sie denn gar keine Kopie behalten? Solche Schrift hat doch wenigstens archivalischen Wert.«

»Eine Kopie anzufertigen hielt ich für unnütz, da es sich ja nur um eine Vorlage, eine Kladde handelte.«

»Da bin ich vorsichtiger, teurer Kollege. Ich nehme von allen Korrespondenzen Abschriften. Da muß man nicht so nachlässig sein. Nun auf Wiedersehen! Wir bleiben wie immer im besten persönlichen Einvernehmen.«

Er wird doch nie die Sache benutzen wollen? dachte Benedetti. Unsinn, ich würde formell dementieren, wenn er je so was in einer Note andeutet. Zornig schrieb er nach Paris: »Sein einziges Verlangen ist, uns in Rom festzuhalten, um unsere freie Hand am Rheine zu lähmen.« Vernünftig depeschierte er ein andermal: wenn Bismarck diese goldene Gelegenheit zur Aussöhnung verschmähe, so sei damit durchaus nicht gesagt, daß er wie die ganze übrige Welt diesseits und jenseits des Rheines den Krieg für unvermeidlich halte. »Im Gegenteil möchte er, irre ich nicht, dem Konflikt ausweichen. Doch er beachtet die Möglichkeit eines solchen infolge seiner deutschen Politik, und all seine Berechnungen ordnet er dem unter.« Er tue alles, um sich bei Rußland einzuschmeicheln, und nicht umsonst habe er, der als Eremit in seinem Arbeitskabinett sich abschließe, das Bankett bei Bancroft mit seiner Gegenwart beehrt und General Grant verherrlicht, um sich Zuneigung jenseits des Weltmeeres zu sichern.

Hessen-Darmstadt flog ein Donnerwetter an den Kopf, weil es untertänigst Napoleons Konferenzvorschlag annahm, wozu es kein Recht habe, weil ein Teil des Ländchens zum Norddeutschen Bund gehörte. Tatsächlich hintertrieb er den neuen Streich seines lauernden Rivalen an der Seine. Aus der Konferenz wurde nichts, Rom blieb besetzt und Italien verärgert. Die Erbitterung der bösen Nachbarn wuchs. Baden befahl sofortige Arretierung eines jeden Fremden, den man zeichnend treffe, denn französische Offiziere in Zivil durchstreiften die Rheinlande. Ducrot, Gouverneur von Straßburg, inspizierte das badische Rheinufer. Die französische Spionage arbeitete so gut, daß im April vorigen Jahres ein Hauptmann Samuel einem Inkognitoreisenden auf Schritt und Tritt folgte, der eine strategische Spritztour längs der Lothringer Grenze machte, Saarbrücken, Saarlouis, das Moseltal besichtigend. Sein Name war Moltke. Und zu Anfang des neuen Jahres las der Premierminister eine Winterarbeit des Großen Generalstabes über Invasion Frankreichs. Einer Deputation Kieler Professoren antwortete der König schon früher, seine Armee werde den Fehdehandschuh aufnehmen, wenn man sie zwinge. Aber Otto sann darüber, ob der unselige Unheilstifter nicht selbst ein Gezwungener sei in Banden seiner wetterwendischen Nation, die ihm ihre Gunst entzog und die er nur noch mit Gewaltmitteln an sich fesseln konnte, mit einer blendenden Gloire. Eigentlich lag ihm ein so frohes Säbelrasseln nicht. Ein geborener Verschwörer, konspirierte er sein Leben lang, mit dem einen Minister gegen den anderen, mit Deputierten gegen die Minister, mit dem einen Staate gegen den anderen. Es gehörte zu seiner sanften katzenpfotigen Hartnäckigkeit, daß er jeden reden ließ, jedem guten Willen versprach. Daß er auch jetzt konspiriere, ahnte der Preuße. Wohl kannte er nicht die Reise des Generals Lebrun nach Wien, nicht den gemeinsamen Kriegsplan des Erzherzogs Albrecht. Doch daß Napoleon sich mit Beust verschwöre, setzte er als sicher voraus. Dagegen gab es nur eins: Rückendeckung durch Rußland, das schon langsam seine Fühler ausstreckte, um den Schwarze Meer-Vertrag zu zerreißen.

Als die Neujahrsglocken das Jahr 1870 einläuteten, wetterleuchtete es überall, und doch mag ein Gewitter sich ja verziehen. Ein großes Friedenswerk ward vollzogen, Vertrag mit Italien über die Gotthardbahn, die beide Länder unmittelbar verbinden sollte. Dies Maigeschenk an ganz Europa fachte das Mißfallen der Großen Nation erst recht an wie ein Eingriff in die moralische Weltordnung, da nur sie, die besagte vorzugsweise große Nation, der Zivilisation voranmarschiert und Kulturwerke von armseligen Deutschen als unerlaubten Wettbewerb eines barbarischen Hunnenvolkes verpönt. Doch die Sauerkrautfresser reagierten nicht auf die pöbelhaften Schimpfworte der so fein zivilisierten Pariser Presse, deren Huronengeheul den Kriegsruf von Wilden beschämt, damals und immerdar die gleichen unanständigen, ungebildeten und einfältigen Narren, deren »klare« Seichtigkeit und »elegante« Schweinerei der deutsche Michel auch immer wieder als dernier cri verehren wird.

»Noch nie war der Frieden so gesichert wie heute,« las Otto im Moniteur, so sprach Olivier am 30. Juni. Mir soll's recht sein! Der König bleibt in Ems, Moltke pflegt Rosen auf seinem Gute, und ich will mich ausschlafen unter den Eichen von Varzin.

Er verdiente sich's redlich, denn noch im Juni hatte er ausnahmsweise den König zu seiner jährlichen Badekur begleitet, nicht um Emser Sprudel zu trinken, sondern selber einen kräftigen Heiltrunk zu brauen. Denn siehe da, wer erschien dort plötzlich? Der Zar und der russische Gesandte Oubril. Die alte Freundschaft der zwei so nahe verwandten Herrscher gab dem Wiedersehen einen sehr herzlichen Anstrich. Natürlich wollten sie nur Erinnerungen austauschen, nicht etwa eine politische Kur gebrauchen. Diese schlug aber Otto gut an, wie es schien. Auf Schritt und Tritt rannte ihm das internationale Publikum nach.

»Es ist respektwidrig, wie die Leute sich herandrängen.« Der Zar machte eine hochmütig verächtliche Handbewegung, als er mit dem König auf einer Bank in den Anlagen saß.

»Erlösung durch Ablösung!« lachte der prächtige alte Herr. »Da kommt Bismarck, der ist berühmter als wir!«

Das Ende der kurzen Kur bestand in kräftigem Händedruck des Zaren zum Abschied vom Kanzler. »Mein kaiserliches Wort darauf, der Krieg bleibt isoliert, wir werden Österreich verwarnen, wenn Frankreich Sie angreift. Und gewinnt es die Oberhand, so interveniere ich.«

Er glaubt, daß wir zum Nutzen Rußlands uns gegenseitig schwächen oder wir unterliegen werden. Glaubte er auch vor Königgrätz. Ein gutes Omen. Aufgeschoben ist manchmal aufgehoben, und für dies Jahr bleiben wir wohl verschont. Aber die Truppen in Chalons riefen ja schon: »Zum Rhein«, »Zum Krieg«, »Nach Berlin«, Adler und Trikoloren sind nicht lange mehr aufzuhalten. Das Pulverfaß ist übervoll, es bedarf nur eines Funkens. Freilich gehen wir einen schweren Gang. Doch ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.

*

Am 4. Juli platzte die Bombe. Vom Auswärtigen Amt kam Depesche nach Varzin: der französische Geschäftsträger (Botschafter Benedetti befand sich in Wildbad) spreche Erstaunen aus, daß Prinz Leopold die spanische Krone annahm. Antwort aus Varzin: »Die preußische Regierung weiß schlechterdings nichts von der Angelegenheit, sie existiert nicht für uns.« Abends chiffrierte Depesche von Baron Werther, Gesandter in Paris: Im Begriffe nach Ems zu reisen, sei er vom Herzog Gramont koramiert worden, er möge den schlimmen Eindruck mitteilen und den König um Zurücktreten des Prinzen ersuchen, sonst gebe es eine Katastrophe. Ob er darunter Kriegsdrohung verstände? Ja.

Otto überlegte mit üblicher Schnelligkeit. Selbstverständlich kannte er die Sachlage. Marschall Prim hatte ihn keineswegs direkt in Kenntnis gesetzt, sondern diskret und korrekt mit dem Prinzen allein verhandelt, doch es blieb dem Kanzler nichts verborgen. Wirtschaftliche Vorteile könnte man wohl erlangen, auch erhöht es unser Prestige, wenn ein deutscher Prinz das Zepter Karls V. führt, wie die Pariser Presse sich pathetisch ausdrückt. Doch sonstiger Vorteil Null. Der katholische Prinz wird eben Spanier mit spanischen Interessen. Der alte Spruch von Louis Quatorze: »Es gibt keine Pyrenäen mehr!« gilt nicht für uns. Uns dafür mit Frankreich schlagen? Das wäre ein Kabinettskrieg. Deutsche sind keine Franzosen, gebläht von Dünkel und Eifersucht. Das Odium fiele auf mich zurück, als ob mein Ehrgeiz die Welt in Brand stecken wolle. Dafür sind die Süddeutschen nicht zu haben und unsere eigenen Leute würden beklagen, daß man für den innerlich gewünschten Kampf keine richtige nationale Parole finde. Ich werde nachgeben. Aber die andere Klippe der Demütigung muß umschifft werden. Auch das ist unmöglich, daß wir vor Frankreichs Drohung das Knie beugen und feig die Segel streichen. Dieser moralische Prestigeschaden wäre unersetzlich und würde uns geradeso die Süddeutschen kosten. Ich bin gottlob eins mit dem Nationalcharakter: friedliebend, langmütig, aber gefährlich tapfer, wenn man ihm in die Suppe spuckt. Laß sehen, was die Pariser machen! Einen Kriegsgrund, nach dem sie suchen, hätten sie nun.

Nach Möglichkeit mußten sie den Anschein vermeiden, daß sie die deutsche Einheit stören wollen. Jetzt haben sie etwas Besseres. Was sie verlangen, ist weder neu noch unbillig, es würde auf uns sitzen bleiben, daß wir indirekt provozierten. Die Ausrede, uns gehe eine Privatentschließung des Prinzen nichts an, verfängt nicht. Ist er kein Preuße, so ist er Deutscher. Ich kann mir keine Rechenschaft geben, warum ich die Dinge gehen ließ und passiv begünstigte. Denn daß Frankreich Lärm schlagen würde, war doch nach Benedettis Erpressungsvisite vor einem Jahre klar wie Kloßbrühe. Natürlich wird man nachher behaupten, ich hätte absichtlich den Zwist gesucht. Das stimmt nicht. Wollte ich von vornherein nachgeben, um meine Friedensliebe zu offenbaren? Zweifelhaft, ich weiß es selber nicht. Ich wollte vor allem eine Chance nicht unbenutzt lassen. Fallen lassen kann man sie immer. Kann man? Das werden die Pariser zeigen. Prüfe ich mich ernstlich, so wollte ich zwar wegen dieser fremden Kabinettsfrage gewiß nicht einen Nationalkrieg, aber eine dunkle Ahnung sagte mir, daß daraus gewisse Möglichkeiten keimen könnten. Solcher Instinkt täuschte mich nie im Leben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wir stehen in Gottes Hand, er wird schon wissen, was er will. Also stillhalten, warten, meinethalben nachgeben, aber toujours en vendette! –

Neue Depeschen. Gramont am 6. Juli im gesetzgebenden Körper: mit aller Achtung vor Spanien wird Frankreich nicht zuschauen, wenn Preußen das Gleichgewicht Europas umstürzen will. Frenetischer Beifall. Otto roch förmlich die Depesche, die der alberne Gramont am 7. an Benedetti richtete: Die Hohenzollernregierung in Spanien würde nicht einen Monat dauern, doch wie lange dauert der Krieg, den diese Intrige des Herrn v. Bismarck verursacht? Am 9. lief eine Zirkulardepesche ein, voll von historischen Beispielen, daß die Großmächte stets verzichteten, einen ihrer Prinzen auf einen fremden Thron zu setzen. Ei, Bourbons und Habsburger in Italien! Und wer kennt nicht den Spanischen Erbfolgekrieg!

»Heimlichkeit ist gut,« brummte der Mann von Varzin, »wo doch Benedetti mir vor fast 13 Monaten die Pistole auf die Brust setzte. Die Kerls werden sich in eine Rage hineinreden, ich schweige. Der Prinz ist nicht bloß ein Prinz, sondern ein Soldat. Er wird seinem obersten Kriegsherrn gehorsamst melden, daß er die Krone annehme. Der König wird den Rapport entgegennehmen und betonen, daß er selbst in dieser Privatsache seinen Obersten nicht ermutige. Ist Prim ein Soldat, so wird er die zweifellose Insinuierung des französischen Gesandten in Madrid, ich hätte mich in spanische Dinge gemischt, aufs schärfste dementieren und seinen eigenen Gesandten in Paris damit betrauen, daß das Angebot lediglich auf spanischer Seite lag und Prim nie mit mir in Verbindung stand.« So tat logischerweise der spanische Regent. Doch erzählte Argumente einem Stier, der ein rotes Tuch sieht. Es brüllt der See und will sein Opfer haben. »Eine neue Insulte des Herrn v. Bismarck!« brüllte die Kammer in Paris. Otto verfolgte kaltblütig das Weitere. Jetzt kommt Benedetti nach Ems, der übrigens in Wildbad allerlei faule Sachen treibt, um den Süden abspenstig zu machen. Soll ich nach Ems fahren? Nein. Denn da ich Krieg nicht will (noch nicht will), sind mir die friedlichen Absichten des Königs ganz gelegen. Man wird von ihm Versicherung verlangen, daß er der Sache fernstehe. Meinethalben.

In seines Geistes Augen sah er mancherlei, die Bäume von Varzin flüsterten es ihm zu. Benedetti würde freundlichst empfangen werden. Darüber werden wir nicht zanken, was mein guter Franzose heimlich bezweifeln wird. Zuguterletzt wird Benedetti verlangen, daß der König, den als Patriarchen der Familie zu betrachten er ablehnt, nicht nur rät und einladet, sondern befiehlt, die Kandidatur aufzugeben. Befehlen wird der gewissenhafte König ablehnen, doch er würde den Rücktritt des Prinzen billigen. Doch solches Abraten erfordert Zeit. Gramont ist Narr genug – oder Schuft genug –, darin einen Versuch zu Zeitgewinn zu sehen. Er wird entschiedene Antwort fordern und meinen armen lieben Leisetreter Benedetti zu Unverschämtheiten reizen.

Am 11. Juli weigerte sich der König in Ems, einen Druck auf Prinz Leopold zu üben. Am 12. wurde der Verzicht des Prinzen bekannt, aber durch den spanischen Gesandten in Paris. O nein, das sah ja aus, als ob der König selbst nicht vor Frankreichs Drohung gewichen sei, also depeschierte Gramont an Benedetti, er müsse vom König ein Versprechen erzwingen, daß er nie mehr solche Kandidatur gestatten werde. An diesem Tage verließ Otto sein Landgut und fuhr nach Berlin, wohin ihn ein Telegramm des Königs berief, desgleichen Roon und Moltke. Kein Vernünftiger kann also behaupten, daß König Wilhelm die wahre Absicht Frankreichs nicht begriff. Im Laufe dieses Tages geschahen merkwürdige Dinge in Ems, von wo der König am folgenden Tage abreiste. Als Otto zur Bahn fuhr, stand der Prediger von Varzin, dem er zugetan war, auf seiner Türschwelle, eine friedliche Pfeife rauchend. Beim Gruße zog der alte Göttinger Student eine Terz und Quart durch die Luft, das bedeutete Krieg. Er war nunmehr fest entschlossen, nicht zurückzuweichen. Hier lagen unbegrenzte Möglichkeiten, allen Deutschen die Drohungen und Erpressungen Frankreichs nahezulegen. Er hatte die Absicht, sogleich nach Ems aufzubrechen. Bitter war seine Enttäuschung, als man ihm Telegramme bei seiner Einfahrt in das Ministerium der Wilhelmstraße überreichte; der König fuhr also fort mit Benedetti zu verhandeln, obschon Presse und Parlament in Paris sich in Beleidigungen überboten und die Losung ausgaben: Preußen kneift.

»Die Neigung Seiner Majestät, persönlich internationale Geschäfte zu behandeln,« äußerte er zu Roon und Moltke, die bei ihm zu Tisch waren, »wird uns ins Verderben stürzen. Ich weiß nicht, was heute abend oder morgen geschieht, doch Frankreich wird auf seinem Wege der Bedrohung und Provozierung nicht einhalten. Durch den Verzicht sind wir die Blamierten. Man tat also alles, um den Krieg zu verhindern, als ob wir ihn fürchteten.«

»Diese Demütigung frißt mir am Herzen«, seufzte Roon. »Ist das nicht schlimmer als die Schmach von Olmütz?«

Moltke sagte nichts, doch schien sehr niedergeschlagen. »Das ist also der Frieden um jeden Preis?« verlautbarte er sich endlich fast schüchtern.

»Jawohl. Ich werde an die Meinigen telegraphieren, daß sie nicht einpacken, da ich morgen nach Varzin zurückkehre. Angenehme Ferien! Zugleich telegraphiere ich an den König und ersuche um meine Entlassung.«

»Was?!« Beide Generale erstarrten gleichsam vor Schrecken.

»Können Sie mir das verdenken? Wir haben die Ohrfeige weg und können den Flecken nicht abwaschen.«

»Wir können nicht?«

»Nein, wenn wir nicht als nachträgliche Händelsucher erscheinen wollen. Das paßt mir durchaus nicht. Unser ganzes seit Königgrätz erworbenes Prestige geht zum Teufel, und ein Nationalkrieg, wie er allein für uns taugt, wird heute weniger denn je aus dieser faulen Sache. Wir erkaufen, daß man uns vorerst in Ruhe läßt, mit einem erpreßten, uns aufgezwungenen Rückzuge des nationalen Ehrgefühls, das schon jetzt gekränkt ist, und ich werde eine solche Haltung nicht mit meinem Namen decken.«

»Sie haben gut reden«, brummte Roon unwirsch. »Sie dürfen das. Sie haben's gut, bauen in Varzin Ihren Kohl. Uns verbietet die Disziplin, solche Folgerungen zu ziehen.«

Moltke ergänzte ruhig: »Doch dürfte meine Stellung dann ebenso unhaltbar sein. Ist nach Ihrer Information die Lage unheilbar?«

»Zweifellos. Der König läßt seine monarchische Person durch unverschämte Zudringlichkeit bearbeiten und außerdem vermutlich durch andere Einflüsse aus Koblenz.«

»Sie meinen weibliche Tränen Ihrer Majestät?« Roon stampfte mit dem Säbel auf.

»Tränen? Bah! Aber große Tiraden von Jena und Tilsit. Nun, Frankreich wird sich zufrieden geben, so voreiliges sofortiges Zurückzucken macht ja wirklich den Eindruck der Kneiferei. Der Frieden ist gesichert, und Sie können auf Ihren Landgütern den Urlaub fortsetzen, meine Herren.«

»Der Fall ist doch noch nicht ganz erledigt«, bemerkte Moltke ruhig. »Es könnten Komplikationen kommen.«

Otto sah ihn starr an. »Das ist meine letzte Hoffnung. Die Impertinenz ritterlicher Franzosen, wenn sie mal im Zuge sind und einen vermeintlich Schwächeren treten und mißhandeln, ist unbegrenzt. Treffen Sie sich morgen wieder bei mir zu Tische, meine Herren!« –

Schlaflos sann er nach und vergegenwärtigte sich den Skandal in Paris. Gramont war zu jeder Maßlosigkeit fähig. Er wird Benedetti jede Stunde mit Depeschen überhäufen, er solle etwas Kompromittierendes vom König erzwingen. Sein Rat soll wie ein Befehl klingen. Wird er nicht am Ende etwas Unerhörtes verlangen, z. B. persönlichen Abbittebrief an Napoleon?

Am anderen Morgen beschied er Eulenburg zu sich. »Haben Sie die Güte, wieder nach Ems zu reisen« (von wo der Minister soeben zurückkehrte) »und Seiner Majestät vorzutragen, daß ich von meinem Posten zurücktrete, weil ich die letzten, ohne mich vollzogenen Schritte nie billigen werde.«

»Um Gottes willen! Ihre Abdankung wäre der Ruin des Staates.«

»Ich kann's nicht ändern. Bleibe ich, so wird Deutschland mich für unsere Demütigung verantwortlich glauben, und damit wäre alles verdorben.«

Nachher besuchte ihn Lord Loftus, dem er offen heraus sagte: »Ich teile die Unzufriedenheit des ganzen Landes mit der zu versöhnlichen Haltung Seiner Majestät einem fremden Agenten gegenüber.«

»In der Tat, die Presse führt ja eine heftige Sprache, und die Bevölkerung murrt, wie ich höre. Aber sind denn Sie selber gar nicht von der französischen Regierung angegangen worden?«

»Mit keiner Silbe. Graf Benedetti besaß die ungewöhnliche Taktlosigkeit, den Monarchen selber ohne Beihilfe und Beisein seiner verantwortlichen Minister zu bombardieren. Sein Verhalten ist das eines Agent provocateur

»Merkwürdig! Er ist doch sonst so korrekt.«

»Gerade deshalb haben wir darin den Beweis, daß er nur bestimmten zwingenden Befehlen aus Paris folgte. Haben Mylord die Berichte aus Paris gelesen? Die Kammern sind aus Rand und Band, Presse und Publikum schäumen von renommistischen Drohungen über.«

»Nun, jetzt wird man ja befriedigt sein. Wäre denn Ihre Intention gewesen, nicht nachzugeben und es wegen dieser Kandidatur auf den Krieg ankommen zu lassen?« Loftus sah ihn mißtrauisch an.

»Nein, auf Ehre, nein. Aber ich hätte es anders eingerichtet, wie mit unserer Würde verträglicher. Daß ich den Fall nicht für akut hielt, dafür bürgt doch wohl meine Abreise in die Ferien, was übrigens bei den Generalen Moltke und Roon gleichfalls zutrifft.«

Loftus nickte. »Das ist klar. Nun, es wird sich wohl alles zum Guten wenden.«

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