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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 24
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Ich kann Eurer Majestät nur wiederholen, daß Losschlagen uns fünfzig gute Chancen gibt. In einem Jahre, wenn die Franzosen sich besser rüsten, haben wir die Hälfte davon verloren«, äußerte sich Moltke in einem berufenen Kronrate. »Sie vergessen, daß der Stein des Anstoßes für uns weggeräumt ist«, beschwichtigte Otto ruhig. »Das holländische Ministerium wies jetzt jede Ratifikation zurück und weder Lockung noch Zwang französischerseits ändert seinen festen Entschluß. Wo bleibt unser Kriegsgrund?«

»Darauf kommt es ja gar nicht an.« Moltkes Lippe krümmte sich mit der ganzen Verachtung des Kriegskünstlers für äußerliche diplomatische Erwägungen. »Ihr Genie wird einen Kriegsgrund nolens volens schon schaffen.«

Das war ungeschickt. König und Kronprinz runzelten die Stirn und standen sofort innerlich dagegen. Kein Outsider hat einen Begriff von dem unglaublichen, entschieden übertriebenen Verantwortlichkeitsgefühl und Gewissenszwang wirklicher Fürsten. Diese seltenen Menschen glauben für jedes Haar auf dem Kopfe ihrer Untertanen vor Gott haften zu müssen. Nur gekrönte Abenteurer sind über solche Schwächung der politischen Willenskraft erhaben, oft zu ihrem größten eigenen Schaden. Selbst Friedrich der Große, der sich über solche Fürstlichkeit wegsetzen durfte, hat, was wenig bekannt, viel zu lange gezögert, ehe er den unbedingt nötigen Präventivkrieg begann. Der Siebenjährige Krieg hätte eine andere Wendung genommen, wenn er ein Jahr früher losgebrochen wäre.

Doch der »Rücksichtslose« näherte sich fürstlichem Verantwortlichkeitsinstinkt. Nur entsprach es bei ihm einer tieferen Klarheit und Weisheit. »Ich kann die Ansicht des Generals v. Moltke nicht teilen. Ein Militär sieht nur die militärischen Realitäten, die ich wahrlich nicht gering schätze. Allein, wahre Realpolitik sieht auch anderes, die Imponderabilien. Niemand wertet die im deutschen Volke schlummernde Unüberwindlichkeit höher als ich, vielleicht höher als irgendeiner der illustren Anwesenden. Doch ich glaube unsere deutsche Natur genau zu kennen. Diese Riesenkraft, auf die ich baue, wurzelt im Idealismus unserer hohen Rasse, der oft erstickt erscheint, oft zur eigenen Zersetzung dient, aber in großen Augenblicken unwiderstehlich hervorbricht. Napoleon I., den Herr v. Moltke wohl als Militär gelten lassen wird, berechnete im Kriege die moralische Kraft zur physischen wie 3:1. Irre ich nicht, huldigt Seine Königliche Hoheit Prinz Friedrich Karl der gleichen Meinung.« Der Prinz nickte ernst in seiner düsteren Art. »Nun wohl, ich habe nicht den Eindruck, als ob die ganze deutsche Nation sich für Luxemburg aufregte.«

»Es hat jedoch den Anschein,« bemerkte der König, dem nichts entging und der in seiner vornehmen Ruhe unablässig aufpaßte.

»Den Anschein, ja, und niemand freut sich mehr darüber als ich. Wir haben also endlich eine deutsche Nation. Aber es geht nicht tief genug. So patriotisch die Demagogen sich dort gebärden, wird man Bayern und Schwaben nicht beibringen, daß sie für die preußische Besetzung von Luxemburg Haut und Kragen opfern sollen. Selbst unsere Altpreußen werden natürlich wie Helden fechten, wenn ihr König ruft, doch von besonderer Ekstase für Luxemburg wird nichts zu merken sein. Das ist nur so ein theoretisches Strohfeuer der gebildeten Stände, das Volk würde seufzen: schon wieder ein Krieg! und die nämlichen, die heute in die Trompete blasen, würden später rügen, man habe den Krieg vermeiden sollen, wenn es schief geht.«

»Aber es ginge nicht schief«, fiel Moltke ein. »Imponderabilien, ein Lieblingswort des Herrn Ministerpräsidenten, sind zweifellos nicht zu unter-, doch auch nicht zu überschätzen. Sie dürfen strategische Berechnungen nicht beeinflussen, denn der materielle Erfolg entscheidet alles. Laut Clausewitz ist der Krieg nur Fortsetzung der Politik. Graf Bismarck leugnet wohl nicht, daß Krieg gegen Frankreich im Rahmen seiner Politik liegt. Nun, Napoleon I. hat sich nie viel um Kriegsgründe und moralische Rechtfertigung gekümmert, wenn er große militärische Kombinationen verfolgte.«

»Sehr wahr, nämlich in Spanien und bei seinem letzten Krieg, wo er kaput ging. Sein Zug nach Rußland wie nach Spanien war politisch begründet, militärisch scheinbar aussichtsreich, doch es war Kabinettspolitik, die gegen ihn überall den Nationalinstinkt entfesselte. Sonst aber blieb er ängstlich darauf bedacht, die öffentliche Meinung für sich einzunehmen. Die Geschichte wird schlecht gelesen, weil von den Historikern ›appretiert‹, um auch einen Lieblingsausdruck des Herrn Chef des Großen Generalstabes anzuwenden. Richtig gelesen wußte der große Eroberer es so einzurichten, daß er stets der Angegriffene und Überfallene schien. Dies gilt selbst für 1806, wo Preußen, nicht er, ein Ultimatum stellte. 1800, 1805, 1809 ist er von Österreich oder sogar einer Koalition tatsächlich mitten im Frieden attackiert worden. Von Moral wollen wir dabei nicht reden, wohl aber von der staatsmännischen Kunst, die immer den Gegner zwang, den Krieg zu erklären. Seine Kunst gibt noch heute der französischen Geschichtschreibung, meinen Bekannten Thiers an der Spitze, die Handhabe, seine Friedensliebe zu betonen.«

Moltke schwieg. Seine hohe Bildung und sein hoher Verstand gaben Bismarck recht. Der König hörte aufmerksam zu. »Das ist mir neu, doch Sie werden das besser wissen. Wenn ich Sie richtig verstehe, wäre also die Luxemburger Frage kein Grund, um einen mörderischen Krieg heraufzubeschwören? Und teilen Sie Moltkes Ansicht, der Krieg mit Frankreich sei unvermeidlich?«

»Keineswegs«, beeilte sich Otto biderb zu versichern, kleine Notlügen erhalten die Freundschaft. »Ehrlich gestanden haben wir formal kein Recht, auf der preußischen Besatzung zu bestehen. Es sei denn, daß Holland in unseren Bund eintritt, was es verweigert und wozu wir es nicht zwingen können, es sei denn wiederum durch Krieg. Ich möchte aber dem General v. Moltke, dessen superiorer Kenntnis der sonstigen Militärverhältnisse ich mich gern beuge, die Frage stellen, ob wir nicht später, selbst wenn Frankreich sich stärkt, gleichfalls stärker wären. Er sagt ›in einem Jahre‹, aber was sagt er von drei Jahren, wo das preußische Militärsystem in allen deutschen Staaten durchgeführt sein wird?«

»Das gebe ich zu. Doch wer sagt, daß Frankreich nicht früher den Krieg erklärt?«

»Dazu wird es keinen passenden Anlaß finden. Leben wir etwa allein in Europa? Das scheint mir stets der Rechenfehler der Militärpolitik. Greift man uns ungerecht an, bricht einen Krieg vom Zaune, muß Europa wenigstens anfangs den Mund halten. Schlagen wir uns jetzt für Luxemburg, einen formal fragwürdigen Streitpunkt, liegt der Fall anders. Und für die deutsche Nation selber brauchen wir etwas anderes, irgendeine flagrante Verletzung der deutschen Ehre. Dann, erst dann wird die Nation aufbrennen von den Alpen bis zum Belt, dann wird der Furor teutonicus die Welt in Staunen setzen. Schlägt sich der Deutsche begeistert, so erliegt der tapferste Feind. Frankreich ist weit stärker als das heutige Österreich. Ich fürchte, daß Herr v. Moltke auch hier die Imponderabilien unterschätzt. Die Franzosen haben auch die Furia Francese, gegen die wir besondere Kraftmittel brauchen.«

»Hoffentlich erproben wir das nie,« begütigte der König hastig. »Aber wie denken Sie sich denn den Ausgang der Luxemburger Frage, daß weder unsere noch Frankreichs Ehre unheilbar verwundet wird?«

»Das lassen Majestät meine Sorge sein. Ich werde Mittel finden, die Ihre allerhöchste Billigung gewinnen werden.«

»Und doch wäre der Krieg uns jetzt erwünscht«, beharrte Moltke. »Mexiko hat das Mark des französischen Heeres verzehrt. Wie will der Empereur die Spitze des Schwertes anrufen? Sein Säbel rostet in der Scheide, und er kann ihn nicht ziehen, und könnte er, die Scheide würde rosten.«

»Deshalb wird er seinen Willen nicht durchsetzen, doch wir werden ihm goldene Brücken bauen. Jetzt könnten wir Einspruch Europas erwarten, aber verhängnisvoll treibt ihn sein Dämon zu Fallen, die wir ihm stellen könnten, um sich ins flagrante Unrecht zu setzen. Hoffen wir immerhin, daß es nicht dazu kommt. Wir brauchen Frieden, nicht Krieg, um uns innerlich zu konsolidieren. Luxemburg ist das Blut von 100 000 deutschen Kriegern nicht wert.«

»Die Briefe von Goltz, die ich Ihnen zeigte, vertreten den gleichen Standpunkt. Mich freut Ihre Auffassung.« Der König nickte beifällig. Damit war's entschieden.

*

Aber nach außen hin schien der schreckliche preußische Staatsmann keineswegs gewillt, eine wankende Front zu zeigen. Am 15. April diktierte er eine Depesche an Lord Stanley, daß die Bemühung des französischen Gesandten in London fruchtlos sei. Die Auflösung des alten Bundes beseitige Preußens Besatzungsrecht in der Festung Luxemburg, die ihm strategische Vorteile über Frankreich gebe? Napoleon wich nämlich schon einen weiteren Schritt zurück, verzichtete auf Abtretung und wollte nur die Preußen entfernt wissen. Und wer besetzt dann Luxemburg? »Wie die Dinge liegen, kann Preußen in keine Trennung Luxemburgs von Deutschland willigen, unter welcher Form auch immer.« Das hieß deutsch reden. Aber gut französisch reden läßt immer Hintertüren offen. Hat nicht Europa 1839 den Status von Luxemburg eingesetzt? Es muß also jetzt befragt werden. Frankreich und Louis Napoleon, immer erhaben, großherzig und gerecht bescheiden, unterstellten die Frage dem europäischen Areopag. Glückliche Eingebung, daß in London darüber eine Konferenz stattfindet! Londoner Konferenzen haben's in sich, immer zu Deutschlands Nachteil auszufallen.

Zu Ottos geheimen Genuß machte sich sein Neider Goltz wieder bemerkbar. Der König zeigte zwar all dessen Briefe loyal seinem Premier, doch sie machten Eindruck. An ein und demselben Tage bekräftigte der Monarch am Hofe: »Ich baue fest darauf, daß der Frieden erhalten bleibt«, und der Kronprinz: »Ich fürchte, der Krieg ist unvermeidlich.« Die Pariser und Berliner Presse beschimpften sich gegenseitig wie homerische Helden vor dem Zweikampfe und mancher Thersites schonte nicht seine Zunge. Die beständige Kriegsgefahr erhöhte leider die deutsche Auswanderungsziffer.

Otto rieb sich die Hände. »General Ducrot ließ die Tore von Straßburg schließen, um sich vor Überrumpelung zu sichern. Goltz schreit jeden Tag. Wenn die Sache friedlich ausläuft, wird er sich in die Brust werfen. Denn wenn ich etwas Schlaues tat, hätte er's natürlich noch viel besser gemacht.«

»Wie können Sie einen solchen Intriganten dulden!« rief sein Vertrauter Keudell entrüstet. »Ist er denn wirklich so begabt, wie man sagt?«

»In gewissem Sinne. Ein schneller Arbeiter, gut unterrichtet, doch eine Wetterfahne. Jeden Tag ändert er sein Urteil über Menschen und Dinge. Außerdem ist der arme häßliche Teufel immer verliebt in die Königin, bei der er weilt. Früher war's die mannhafte Amalie von Griechenland, heute ist's die allzu weibliche Eugenie. Hinc illae lacrimae. Darin wird er sich nie ändern, unermüdlich Briefe gegen mich an den König zu richten, das ist seine beherrschende Leidenschaft. Im übrigen kein guter Kerl. Seine Untergebenen hassen ihn, ein Unding bei einem Gesandten, der so viele Mittel hat, sich liebenswürdig zu zeigen. Ich spreche als sachkundiger ehemaliger Gesandter. Als Ministerpräsident hat man dafür keine Zeit.« Er lächelte Keudell wohlwollend an. »Der brave Goltz spielt diesmal nur mein Spiel, indem er dem König Bedenken gegen militärische Treibereien einflößt. Wir werden zuletzt gute Miene zum nicht mal bösen Spiele machen, Napoleon dito, obschon wirklich böse.«

Schleifung der Festung, Neutralisierung Luxemburgs, so daß weder Frankreich noch Preußen ihren Willen haben. Ja, das läßt sich hören. Am 10. April brauchte der Minister vor dem Reichstage das anschauliche bedeutungsvolle Gleichnis: Nord- und Süddeutschland könnten nicht länger getrennt auseinandergehalten werden als die Wasser des Roten Meeres nach dem Durchzug der Israeliten.« Schon im März hatte der Abgeordnete Miquel die Mainlinie als eine bloße Haltestelle bezeichnet, wo wir Wasser und Kohlen einnehmen, um nächstens weiterzugehen.« Ein Antrag Miquel-Lasker hielt den Eintritt der süddeutschen Staaten in den Norddeutschen Bund ausdrücklich offen.

Otto hatte übrigens nichts unversucht gelassen, seine Stellung zu stärken. Sein Emissär Graf Taufkirchen, ein Bayer, kam wenig erbaut aus Wien zurück. »Der Wind weht scharf. Im Januar brachte Graf Beust seine Tripelallianz Österreich-Frankreich-Italien zwar nicht zusammen, aber jedes Bündnis mit dem Norddeutschen Bund lehnt er jetzt ab. So werde man nicht die Dienste Napoleons vergelten, der die Preußen an den Toren Wiens aufgehalten habe.«

»So werden Legenden geschmiedet. Wer den Einzug in Wien nicht wollte, weiß ich am besten, doch ist dies Staatsgeheimnis. Napoleon aber am allerwenigsten hat uns gehindert. Scheint Ihnen richtig, daß Beust abriet, wegen Luxemburg mit uns Krieg zu beginnen?«

»Ich hörte es bestimmt. Er warnte Napoleon, daß er Sie instand setze, an alle politischen Leidenschaften seiner Landsleute zu appellieren und selbst sonst Abtrünnige unter Ihre Fahne zu sammeln. Im übrigen zeigte er sich sehr erbittert, nannte unsere Militärkonvention einen Bruch des Prager Friedens und fragte spöttisch, was Österreich wohl für seine Hilfe bekommen werde außer einem reichgebundenen Exemplar der Prager Verträge.«

»Stimmt, er bekäme nischt,« lachte Otto gemütlich, »wir können ihm doch nicht etwa Venetien zurückerobern. Das geht um wie das Hundebeißen. Kaum war Italien unser Bundesgenosse, als es auch schon gegen uns mit dem beiderseitigen Todfeinde Österreich intrigieren möchte. Stil Lamarmora. Der Re Galantuomo hat freilich zu viel Ehre im Leibe, um so unanständige Hast im Gesinnungswechsel zu bevorzugen. Doch Neutralität wäre das äußerste, was er leisten würde. Es ist doch merkwürdig, daß man uns schon die Ehre antut, Koalitionen gegen uns zu planen, als ob Frankreich nicht allein uns die Spitze bieten könnte.«

»Preußens Prestige stieg eben ungeheuer durch den blitzschnellen Sieg.«

»Das ist es nicht allein. Denn warum sahen lange vorher alle Großmächte scheel auf jede Einheitsbestrebung? Im Grunde könnte es doch keinen tangieren, wenn eine Großmacht aus der fünften in die vierte oder dritte Reihe aufrückt, d. h. Preußen einfach in den früheren Rang Österreichs eintritt. Das sogenannte Gleichgewicht bleibt doch dann das gleiche.« Der Bayer nahm dies treuherzig ernst und fand keine Antwort darauf, bis der Riese aufstand und ihm die Hand auf die Schulter legte. »Verraten Sie das Geheimnis nicht! Das Ausland kennt uns besser als wir uns selbst. Es weiß mit untrüglichem Instinkt, daß ein vereintes Deutschland teufelmäßig stark ist, viel stärker als Österreich je war.«

Die Deutschen schienen freilich über Nacht klug geworden, Michel warf die Zipfelmütze so weit weg, daß alle Welt sah, wie sehr ihm der Kamm schwoll. Am 11. Mai hatte die Londoner Konferenz sich dafür entschieden, daß beide Rivalen leer ausgehen sollten. Nachdem er noch Bleiben Luxemburgs im Zollverein, also fortdauernden wirtschaftlichen Verband durchgesetzt, fügte sich Bismarck knurrend und murrend, während ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er gab also in keiner Weise Napoleon nach, vereitelte dessen Gelüste, beugte sich aber anscheinend vor Europa, nachdem die Aufrollung der Frage den gewünschten Erfolg hatte, ganz Deutschland mit Mißtrauen gegen das Ausland und kriegslustigem Stolz zu durchsättigen. Die Deutschen wunderten sich zornig, daß der »Eiserne«, wie man ihn schon nannte, es nicht auf Biegen oder Brechen ankommen ließ und wären bereit gewesen, über den Rhein zu marschieren. So predigten alle Führer der öffentlichen Meinung, doch Otto wußte sehr gut, daß die breiten Volksmassen wohl ein bißchen mitschrien, doch sich wenig um Luxemburg kümmerten. Als noch im September der Sozialdemokrat Bebel in der preußischen Kammer wehklagte, daß Luxemburg für Deutschland verloren sei, sprach der Minister dem Volke aus der Seele, man müsse dem König danken, daß er das äußerste vermied. Für ein Besatzungsrecht sollten nicht viele brave Deutsche ihr Leben lassen. Das wesentlichste sei ja erreicht, Frankreichs Heißhunger nicht befriedigt. So stachelte er mit der einen Hand die Erbitterung gegen den Einmischer, schwang mit der anderen die Friedenspalme und wedelte der französischen Rachsucht ins Gesicht.

*

Am 5. Juni langte er mit dem König und Moltke in Paris an, einige Tage später als der Zar und Gortschakow. »Louis will Rußland den Vortritt geben und es ohne unser Beisein für sich einnehmen«, legte er es aus. »Bei Gortschakow wird's ihm gelingen.« Aber nicht beim Zaren. Denn nach der großen Revue im Boulogner Holz zu Ehren der Souveräne, die selber eine Anziehungskraft der Weltausstellung sein sollten, fielen mehrere Schüsse auf den Selbstherrscher aller Reußen. Sie trafen ihn nicht, wohl aber seinen Herrscherstolz. Tapfer wie er war – er bewies es später in gräßlicher Todesstunde –, verkürzte er nicht mal sehr seinen Aufenthalt, doch Otto las auf dem Gesicht seines alten Gönners alle Zeichen unauslöschlicher Abneigung gegen diese Nation, die allen Polen eine Freistatt gewährte und sie als Märtyrer feierte.

»Die Polizei scheint hier sehr schlecht organisiert«, redete er Otto vertraulich an. »Überhaupt spüre ich überall revolutionären Schwefel in der Pariser Luft. Natürlich kann die Regierung nichts dafür, doch sie dehnt eben das Asylrecht zu freigebig aus. Da fühlt man sich wahrlich wohler in Berlin.«

»Sie geben, allergnädigster Herr, nur den Eindruck wieder, den ich immer hier gewann: sanktionierte Pöbelwirtschaft, schlechte Erziehung. Wenn ich neben Gortschakow reite, ruft ein gutgekleideter Plebs überall meinen Namen, nicht etwa als Begrüßung, nicht mal um mich auszupfeifen, sondern aus bloßer Neugier, als wäre ich ein am Zaume vorbeigeführtes Wundertier, das dressierte Kunststücke auf der Weltkirmes vollbringen soll. Der Fürst wird's Ihnen bestätigen.« Gortschakow nickte sauersüß. Ärgerte er sich doch genug, daß die angebeteten Pariser ihn nicht kannten und seine fast komische Erscheinung ins Nichts sank neben dem behelmten Kolossus!

Dessen Stimmung verbesserte sich nicht wenig durch das Polenattentat. Er kannte den menschenfreundlichen, aber hochmütigen Alexander genug, um zu wissen, daß er nie verzeihen und vergessen werde, so höflich er den überströmenden Entschuldigungen des Empereurs begegnete. Anfangs ging der Behelmte mit ernstem grimmigem Gesicht unnahbar umher und verkehrte sehr zurückhaltend mit den zahlreichen Pariser Bekannten, die auf den heute Weltberühmten einstürmten. Dann aber ertrug er den Vertrieb großartig unähnlicher Bismarckbilder, einen Sou das Stück, das viele Anstarren und Ausfragen mit gutem Humor. Der Duc de Grammont erinnerte ihn an Karlsbad und belehrte ihn mit gewohnter Taktlosigkeit, daß man in Paris nicht mehr sage: Travailler pour le roi de Prusse, sondern travailler pour le maître de Monsieur de Bismarck

»Wie witzig! Ich habe selten so gelacht«, versicherte Otto mit unerschütterlichem Ernst. »Da könnte ich Ihnen noch eine Reihe von Bonmots zum besten geben, die auf meine Kosten umlaufen. Sie werden in der Übersetzung leiden, doch will ich versuchen, den Sinn mundgerecht zu machen. Bei Beginn unserer inneren Wirren z. B. sagte man, die Rheinlande würden abfallen. ›Wo sollen sie denn hinfallen?‹ sagte ich.« Ein scharfer Blick unter den buschigen Brauen streifte die feinen welschen Gesichter des umstehenden Kreises. »Sie begreifen: in den Rhein würden sie sich doch nicht stürzen, das ist eine natürliche Schranke, also fielen sie sicher nie ab, sondern in unsere Arme zurück.« Die Franzosen verstanden sehr gut und verzogen die Miene. »Ein anderer Scherz. Eine Deputation von Hessen beschwerte sich neulich über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. ›Ja so, die Herrschaften meinten, umsonst preußisch zu werden?!‹ war meine Antwort. Preußisch werden ist nämlich solche Wohltat nach der früheren Misere, daß man etwas dafür zahlen muß«, erläuterte er wohlwollend. Die Franzosen lächelten. »Da fällt mir noch was ein. Bei einem Tafelgespräch sprach einer unserer großen Gelehrten,« er verbeugte sich verbindlich vor Thiers, der soeben herantrat und mit dem er schon mehrfach die alte Bekanntschaft erneuerte, »seine unfehlbare politische Doktrin aus. Jemand wollte widerlegen, doch ich mahnte ab: ›Nur noch zwei Minuten! Dann wird Herr Professor sich selbst glänzend widerlegen.‹ Weil nämlich allzu gelehrte Politiker manchmal den Boden unter den Füßen verlieren.«

Der Stich galt Thiers, der jetzt so kräftig gegen Preußen donnerte, das er früher mit Lobsprüchen überhäufte. Der parierte als echter Franzose mit einer Malice: »Als Historiker bin ich begeistert, solche authentische Witze aus berufenstem Munde zu hören. Vielleicht klären Herr Minister mich auf, ob ein Geschichtchen wahr ist, das unser früherer Gesandter in Frankfurt erzählt. Ich habe es von Rothan, der diplomatischen Skandalchronik. Als ein schmelzendes Lied des großen Goethe am Klavier gesungen wurde, sollen Eure Exzellenz sich geschüttelt haben: ›Welche Schneiderseele, dieser Goethe!‹ Das ist wohl apokryph? Ich fände es wunderbar bezeichnend für einen harten Realisten.«

Kaltblütig erwiderte Otto: »Sie scheinen mißzuverstehen. Ich zitierte obige Proben nicht als authentisch, sondern um darzutun, was für sonderbare Bemerkungen mir der Leumund in den Mund legt, so sonderbar wie das von Herrn Herzog von Gramont so geschmackvoll mir vorgetragene schmeichelhafte Bonmot. Was hingegen den von unserem großen historischen Forscher seiner Aktenmappe einverleibten Ausspruch betrifft, so erinnere ich mich zwar dessen nicht, doch er sieht mir so ähnlich. Vermutlich wurde etwas Weichlich-Sentimentales vorgetragen, Goethe war eben ein Kind seiner Zeit, wo die Deutschen ihre Herzensaffären für das einzig Wichtige hielten. Ich, meine Herren, bin ein Mensch ohne Herz oder, wie man im Französischen sagt, ein Mann von Eisen. Das Gemüt kam bei mir zu kurz.« Diesen Bluff glaubten ihm alle Hörer gern. Daß er zum Frühstück gebratene Säuglinge verzehrte, war freilich nur ein unverbürgtes Gerücht, doch daß er seine achte Frau jeden Tag ohrfeigte und als Ritter Blaubart eine Schreckenskammer beherbergte, so viel wußte man in Paris denn doch, wo man alles weiß. Daher der Name Lichtstadt (Fabrikmarke V. Hugo). »Leider muß ich betonen, daß auch meine Landsleute sich sehr gewandelt haben. Sie sind böse herzlose Menschen geworden, die nicht mehr seufzen und musizieren, sondern besonders Trommel- und Janitscharenmusik lieben. Und wenn Goethe heute Mignonlieder schmachten oder sich liebevoll mit dem Monde unterhalten wollte, so würden die Neudeutschen, die in Reih und Glied marschieren, ihn wohl auch für einen schwindsüchtigen Schneider halten.« (Ob die Anekdote wahr oder nicht, jedenfalls ließ sie sich nur so erklären, daß Otto das ästhetische Gesäusel und Geklimper zu viel wurde, indem er an die Donner kommender Gewitter dachte und an einen kosmopolitischen Herrn Geheimrat, der auf dem Schlachtfelde von Jena Knochenpräparate suchte. Wer noch als Greis verliebte Lieder spann und keinen Gedanken an sein zerrissenes erdrücktes Vaterland verschwendete, der mochte wohl dem burschikosen wildverbitterten Einheitsträumer in Frankfurt in einem Augenblick inneren Grimmes und Grames den Ausruf entpressen, dessen Mißdeutung durch poetische Gänseriche und Gänse ihn wohl obendrein noch unbändig freute.)

Die scheinbar achtlos hingeschleuderten Worte – es war auf dem Bankett der Pariser Munizipalität, vertreten durch den Stadtpräfekten Baron Haußmann im Hotel de Ville – gaben den Hörern zu denken wie verhaltene Drohungen. Als die Souveräne nachher ihren Umzug in den festlich erleuchteten Sälen hielten, fielen die Strahlen zumeist auf den weißröckigen Isegrimm, in dessen Helm die Kerzen der Kronleuchter sich spiegelten.

Der Abschied des Königs vom Kaiserpaar fiel rührend aus. Der ritterliche liebenswürdige Greis hatte sich das Herz der Pariser erobert, denen es ja nicht an einer kindlichen Gutmütigkeit fehlt, solange die Eitelkeit nicht verletzt wird. Eugenie war eitel Holdseligkeit, Louis ein bezaubernder Wirt. Der König war ganz gewonnen, seine Stimme bebte beim letzten Wort: »Adieu, treurer Bruder und Freund,« worauf der Empereur herzlich: »Adieu, doch auf Wiedersehen!« Ach, ein Kobold historischen Treppenwitzes lispelte ein boshaftes Echo: Auf Wiedersehen!

Otto warf bei der Abfahrt einen seltsamen Blick auf das Seinebabel, wo die vergoldete Kuppel des Invalidendomes herüberschimmerte. Moltke saß stumm und gleichgültig da. »Sie haben sich ja sehr dünn gemacht«, meinte der König, »man sah Sie ja nirgends. Zuletzt bei der Revue in Longchamps, 55 000 Mann glänzender Truppen. Wo steckten Sie denn?«

»Ich machte einige strategische Spaziergänge in der Umgegend«, versetzte Moltke ruhig.

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