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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 23
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Im alten Etablissement Kroll, wo man allerlei »Varieté«, wie das Berliner Französisch es so hübsch nennt, und zu christlichen Festtagen Zaubermärchen gab, veranstaltete der Magistrat von Berlin ein Festessen zu Ehren Bismarcks, Roons und Moltkes am 16. August.

Das Komitee marschierte am Eingang im Rittersaale auf, an der Spitze Bismarcks alte Freunde, Graf Eberhard zu Stolberg-Wernigerode, Präsident des Herrenhauses, und General-Landschaftsrat Moritz Blanckenburg. Neben diesen Säulen des frömmsten Kirchenchristentums standen zwei Zierden Israels, Geheimer Kommerzienrat Bleichröder, ein etwas zweifelhafter Herr, und der Großfabrikant Josef Joachim Liebermann, ein sehr anständiger Mann, Chef jener uralten Firma, deren Inhaber einst Friedrich Wilhelm l. sich vorstellte: »Majestät, mer sein die Liebermänner, was haben vertrieben die Engländer von dem Kontinent.« Zu ihnen hielt der alte General v. Brandt, der schon als Leutnant der Weichsellegion unter Napoleon focht und wertvolle Memoiren hinterließ. Der Leumund behauptete, daß auch er jüdischer Abstammung sei, jedenfalls war es seine Gemahlin, geborene Hanoch. Die Behörden waren vertreten durch die Oberbürgermeister Seydel und Beyer, Stadtverordnetenvorsteher Halske, die christliche Finanz durch Kommerzienrat Vollgold und Hotelbesitzer Krüger, die Kunst durch einen gewissen Professor Steffeck, der sich als patriotischer Pferdemaler eines schönen Rufes erfreute und als Hofmaler mit der Kunst entfernte Beziehungen unterhielt.

Der reichdekorierte Saal war bis zum letzten Platz besetzt, die Teilnehmerliste schon nach zwei Tagen überzeichnet. Wie schon die Zusammensetzung des Komitees bewies, huldigten alle Stände ohne Ansehen der politischen Schattierung der aufgehenden Sonne. Um 6 Uhr erscholl der neue Königgrätzer Marsch, die drei Ehrengäste erschienen in Gala, 800 Festtafelteilnehmer jubelten, aus den Logen winkten die wehenden Taschentücher der Damen ein parfümiertes Willkommen. Auf der Galerie thronte ein Orchester, und der kleine dicke Direktor von Kroll, ein stadtkundiger ulkiger Israelit namens Engel, dem es an gesundem Berliner Witz nicht fehlte, leitete dort Kapelle, Opernpersonal und Männerchor, die jede Tafelpause mit Konzert abwechselnd ausfüllten. »Gott grüße dich!« tönte ein Männerquartett, das ein gewisser Mücke verfaßte. Daß ein gewisser Richard Wagner allerlei Märsche verfaßte, die sich wohl etwas kräftiger mit dem musikalischen Moment gerade dieser Feier beschäftigt haben würden, war in deutschen Gauen und weitesten Kreisen unbekannt. Es war eine schöne echtdeutsche Feier.

Graf Eberhard toastete begeistert auf das ganze königliche Haus, sodann erhob sich der erste Oberbürgermeister Seydel, vormals in der Wolle gefärbter Demokrat, heute Geheimrat, und hielt eine wirklich erhebende zündende Ansprache. Er betonte die gewaltige Kraft, die in Preußens Staatsleben ruhe, und den Blick des Genius, der dies erkannte, um es in vollendeten Organisation zusammenzufassen. Was sich auch im Entwicklungsgange des Völkertreibens rege und heimlich wirke, die letzte Entscheidung sei dem hohen Geiste des Mannes übergeben, »der mit kühnem Griff die lange gereifte Frucht bricht, der mit fester, nie zuckender Hand die alte Form zerschlägt und dem neuen höheren Leben Raum schafft«. (Donnernder Beifall.) Noch sei die große weltgeschichtliche Stunde nicht abgelaufen, noch gebe es eine weitere Zukunft, doch man habe jetzt festen Boden unter den Füßen. »So bringen wir den Dank und Verehrung dar zunächst dem Manne festen Herzens, klaren Blickes und erfindungsreichen Geistes, der, an das Steuer gestellt, stets die Zeichen der Zeit wohl beachtet, stets den rechten Moment erkannt, mit Energie erfaßt, mit dauernden Gedanken befruchtet und den höchstmöglichen Erfolg kühn und bewußt ihm abgerungen hat.« Er zeichnete dann gut die Verdienste Roons und Moltkes. Diese drei Männer »sie leben hoch und abermals hoch!« Der General v. Brandt toastete auf die Armee. Dann entstand eine tiefe Stille im ganzen weiten Saale, als Otto sich erhob und in launiger markiger Rede das Gemeinwesen Berlin pries, wo nicht bloß Hand und Mund, sondern auch das Herz auf dem rechten Flecke sei, wo unter Glätte des Witzes ein tiefes edles Leben pulsiert. Aus ganzem Herzen und ganzer Überzeugung trinke er auf das Wohl der Stadt Berlin.

Seiner alten Feindin! Da erhoben sich alle Anwesenden in einem Ausbruch der Begeisterung, die rotesten Demokraten eilten herbei, um mit dem Gehaßten anzustoßen. Als aber der alte Direktor Bonnel herantrat, schüttelte ihm der Minister beide Hände: »Wie danke ich Ihnen für Ihren poetischen Gruß, den Sie meiner Rückkehr widmeten, leider fand ich noch nicht Zeit, ihn gleichfalls in alkäischen Strophen zu beantworten. Meine Herren,« wandte er sich an die Umsitzenden, »ich stelle Ihnen meinen verehrten Lehrer vor.«

»Sind Eurer Exzellenz Söhne auch auf dem Werderschen Gymnasium?« fragte der Oberbürgermeister.

»Das will ich meinen. Und Berliner Jungens sollen sie sein, wie ich's gewesen bin.«

Draußen pufften Raketen durch die Luft, das Feuerwerk mündete in ein Transparent »Viktoria«. Als Otto durch das Brandenburger Tor zurückfuhr, dachte er, wie er einst dort einherschlich als verfemter reaktionärer Unhold und später so manche Nacht hin und her wandelte, um sich von der täglichen Tretmühle der Kammerdebatten auszulüften. Die lange Wanderschaft ist nun beendet, wir nahen dem Gipfel des Berges.

Wie er vorhergesagt, zeigte die Kammer volles Verständnis für das Indemnitätsersuchen und bewilligte jede neue Forderung mit wärmstem Vertrauensvotum. Man begriff die Mischung vornehmer Ironie und bitterer Wehmut in Bismarcks Rede: jetzt sehe man wohl, die Regierung sei nicht so gleichgültig gegen nationale Fragen, als man geglaubt habe, sie habe nur Schweigen bewahren müssen. Mit Ernst mahnte er: «Unsere Aufgabe ist noch nicht vollendet, sie verlangt die Einigkeit der ganzen Nation.« Man habe mal geklagt, die Diplomatenfeder verderbe, was das Schwert tat. Doch was jetzt Schwert und Feder gemeinsam erwarben, das werde fortan nicht mehr durch das Wort auf der Tribüne zerstört werden, darauf baue er. Allgemeiner Beifall, nur die Unentwegten um Virchow hüllten sich in eisiges Schweigen. Die sonstigen Liberalen aber rieben sich gleichsam die Augen, als sei ein Schleier gefallen, und sie betrachteten den Mann da oben mit ganz anderen, oft geradezu verliebten Blicken. War man denn blind gewesen? Wie er so stattlich dastand in seiner neuen Uniform als Generalmajor, wozu ihn der König ernannte, um gleichsam seine kriegerische Bedeutung hervorzuheben, militärisch straff und doch voll einer gewissen jugendlichen Elastizität, vornehm und doch mit leichter eleganter Ungezwungenheit, richteten sich alle Augen auf diese gewaltige gewölbte Stirn, die ein sonst nicht scharfgezeichnetes Antlitz vollkommen beherrschte. Dies war das Antlitz eines reinen Gedankenmenschen, bei welchem Verfolgen einer Idee jede andere Regung zurückdrängt. Die matte bleiche Gesichtsfarbe, die sonst nicht zu dem reckenhaften Leib zu stimmen schien, paßte zu dieser Stirn und diesem vorgebauten Forscherauge von unbestimmter Färbung, das mal wasser-, mal dunkelblau schien, weil oft von einer eigentümlichen Helle durchzuckt, als führe ein Blitz hindurch. Die Blässe sprach von schlaflosen Arbeitsnächten, von unaufhörlicher Anspannung, von körperlichen und vor allem seelischen Leiden, die Goethes Harfnerlied erprobten. Wer nie die kummervollen Nächte ... und ein tieferer Beobachter hätte dazu genickt: Der kennt sie, die himmlischen Mächte. Das spärliche dunkelblonde Haar war nicht umsonst ergraut. Die schmalen, fest zusammengepreßten Lippen zuckten mal in vernichtendem Spott, mal umspielte sie liebenswürdig harmlose Heiterkeit. Die untere Partie des Gesichtes, die Gestalt und manchmal ein düsteres Aufblitzen des Auges verrieten den Tatmenschen, doch Stirn und Auge sonst den reinen Ideenspinner, den metaphysisch-abstrakten deutschen Genius, und der Ausdruck in unbewachten Augenblicken strahlte von tiefstem deutschem Gemüt und verborgener sittlicher Größe. Einen solchen verkörperten Genius deutscher Rasse hat man noch nie gesehen.

Und doch, o Trauer, o Schande, haben viele edle gute Deutsche ihn nie oder zu spät erkannt. Und es gibt solche, die ihr Leben lang giftigen Schwatz gegen den Heros häuften und erst im reifen Alter den Weg nach Damaskus fanden. So umgibt uns alle ein Schleier der Maja, der äußeren Täuschung, der Phrasenberauschung. Aber war Otto ganz schuldlos an solcher Verkennung? Legte seine souveräne Verachtung der Schwätzer und Ästheten es nicht förmlich darauf an, daß man sein wahres tiefstes Wesen verkannte und an den lächerlichen Popanz brutaler Realpolitik und byzantinischer Streberei glaubte, den jetzt sehr bald, als der Erfolg ihn krönte, alle einfältigen ungebildeten Machtanbeter in ihm verehrten?

*

Am 20. September schritten ausgewählte Abteilungen der siegreichen Truppen durch eine Allee von 200 eroberten österreichischen Geschützen. Man streute Blumen, man schüttelte Lorbeerkränze aus, man läutete alle Glocken, man schoß den Viktoriasalut am Lustgarten, viele hunderttausend Kehlen sandten ein rasendes Hurra in die Luft. Des Königs Gesicht blieb ernst, fast finster. Er dachte an die langen Tage, wo kein Hut sich vor ihm lüftete, an die schrecklichen Seelenqualen, die er durchlitt, und das Kolossale napoleonischer Menschenbewertung ging ihm auf: Voilà les hommes! Der Erfolg ist ihr Gott.

Hinter ihm auf der Rechten, neben sich Moltke und Roon, saß der Schöpfer all dieser großen Dinge sehr still und reglos im Sattel, geduldig und teilnahmlos wartend, bis die Ansprache des Magistrates vorüber. Seine Augen stierten matt und blutlos, die Pergamentfarbe der Wangen, die dicken schweren Wülste unter den Augen erschreckten die Zuschauer. Der schwere Helm preßte auf die gerunzelte Stirn mit geschwollenen Adern, als könne das gewaltige Denkerhaupt die Last nicht tragen. Der Mann sah aus, als habe er sich soeben erst von einem Sterbelager erhoben, das er nie hätte verlassen sollen. Fest und ruhig machte er die Zeremonien mit, sein siecher Leib dem dämonischen Willen Untertan. Noch gestern durchflogen böse Gerüchte die Stadt, er liege im Sterben. Ein neuer akuter Anfall des alten Vergiftungsleidens hatte ihn überkommen, und die Ärzte erklärten völlige Ruhe als einziges Mittel der Genesung.

»Es ist nicht nötig, daß ich lebe, doch daß ich meine Pflicht tue. Meine Abwesenheit im königlichen Gefolge brächte der nationalen Sache schweren Schaden. Die Feier würde gedämpft, das Ausland würde jubilieren. Das darf nicht sein.« Otto sprang aus dem Bett und kleidete sich sorgfältig an mit übermenschlicher Anstrengung.

»Du stirbst daran«, schluchzte Johanna.

»Dann sei tapfer! Ich stehe in Gottes Hand. Dann wird er einen anderen erwecken, das Werk zu vollenden, denn die Hauptsache ist getan. Aber das Werk schwächen und schädigen – eher sterben! Ich muß dabei sein, vielleicht kräftigt diese Stunde der Erhebung, wo ich das Werk sichtbar im Volke schaue, mein armes elendes Blut. Platz da! Ich reite mit.«

Doch so dumm ist die Menge, so abhängig vom Geklatsch ihrer Presse und ihrer Wortführer oder so betört von äußerem Glanze von Titel, Rang, militärischem Gloirepomp, daß nicht nur der König – was am Ende begreiflich und in diesem Falle auch wohlverdient war –, sondern auch die Generale, die im Grunde nur ihre herrlichen »Gemeinen« repräsentierten, sehr viel reicheren Applaus ernteten, als der stille leidende Genius. In die neue »Königgrätzer« Straße, wo seine Frau und sein Söhnchen den Einzug bei einem befreundeten Schweden ansahen, kam später der Bildgestalter von Alsen und Königgrätz, mit zornigem Unwillen und warf seinen Hut auf den Tisch: »Den großen Bismarck haben sie fast ignoriert.« Es ist ein Jammer, zu sagen, daß ein Engländer Dicey schriftlich den gleichen Ausweis hinterließ und feststellte: jeder Vernünftige, der über den äußeren Schein hinaussah, habe wie er nur auf den blassen sterbenskranken Riesen geschaut, der trotz nagender Schmerzen sich seinem Werke opferte und neben dem aller militärische Tand ins Wesenlose verblaßte.

Gott war gnädig, er konnte diesen Otto den Großen nicht missen. Er überstand's und floh zuerst nach Karlsburg zu Vetter Bismarck-Bohlen und dann nach Rügen, wo ihn sein alter Bekannter Fürst Putbus aus unbehaglichem Gasthofe in einen freundlichen Gartenpavillon als Gast einlud. Dort fand er seine alte Geliebte, die See, deren Hauch ihn belebend küßte, dort wanderte er im Urwalde der Insel Vilm, wenn er vom terrassengeschmückten Gartenhaus dorthin sich hinüberrudern ließ. Seine Jungens Herbert und Bill und seine Tochter Maria waren neben der treuen Lebensgefährtin fast sein einziger Verkehr. Der Patient verbat sich die eigennützigen Besucher jeder Art, auch Korporationen und Deputationen. Fürst und Fürstin Putbus im nahen Jagdschloß stellten sich selten ein, um nicht zu stören. Aus ihren Bogenfenstern schaute man auf grüne Einsamkeit und flimmerndes Meer und das rote Licht des Leuchtturmes Oie. Doch zauberte die wunderbare Mondlandschaft dem dichterischen Fühlen des Staatsdenkers alte Zeiten vor.

Einmal ließ er sich herbei, zu Gaste zu sein, doch Frackanziehen gab es nicht. Dunkler Buckskinrock, graue Beinkleider, ein wahrhaft großer Herr darf immer der alte Burschikosus bleiben, alle anderen sehen doch neben ihm wie gebildete Schuster aus. Man muß nur die richtigen Augen haben. Sein fröhliches Lachen klang so wohlklingend, als sei er noch der Göttinger Student. Seine immer gleiche vornehme Höflichkeit, die mit jovialer Derbheit abwechselte, gewann ihm schon manches ursprünglich abgewendete Herz. Als ihm ein damals weitbekannter, heute völlig vergessener Gartenlaube-Autor Wellner, der bis zu ihm durchdrang und am Diner beim Fürsten teilnahm, von einem originellen Briefträger für Liebende erzählte, lachte der Minister: »Briefsteller für Liebende sollen ein nützliches Möbel sein, ich hab's nie probiert, postillons d'amour gibt's ja überall, mit oder ohne Uniform, aber Liebende sind so unpraktisch, nüchterne Leute rekommandieren Briefe. Ihrem Briefträger wird Kollege Itzenplitz noch aufs Dach steigen.« Bei den Austern sah man, daß dieser schlichte Herr im Buckskin an kaiserlichen Tafeln saß. Johanna aber mahnte später: »Otto, dies Gericht darfst du deinem kranken Magen nicht antun!«

»Nun frage ich Sie, meine Damen,« er ließ die Schüssel vorübergehen, »kam Ihnen je solch ein Prachtexemplar von gehorsamem Pantoffelhelden vor?« Die reizende kluge Fürstin brachte die hübsche Bemerkung an: »Sie also, liebe Gräfin, sind die einzige Glückliche, der unser eiserner Graf sich beugt.«

Johanna, die Schmucklose, in einfachem grauen Seidenkleid, erfüllte die anwesenden Offiziere mit einer merkwürdigen bezwingenden Hochachtung. Ihr reiches schwarzes, in der Mitte schlicht und sauber gescheiteltes Haar trug keinen Kopfputz. Das dunkle tiefe Auge, das auch ihre Tochter erbte, hatte eine ruhige Klarheit, einen heiteren Lebensernst, der die Urweisheit des weiblichen Geschlechtes widerstrahlte. Sie schien die Verkörperung hausmütterlichen Wohlwollens und Wohltuns und doch eines starken Charakters, mit einem Worte: eine echte Frau. Die bescheidene Anspruchslosigkeit dieses ausgezeichneten weiblichen Menschen wirkte geradeso unheimlich ehrfurchtgebietend wie die problematische Genialität des Gemahls. Auf die freundliche Bemerkung der Fürstin erzählte sie mit bestem Humor, wie Ottochen sich außerdem noch dem Koch beuge, der als Premier der Küche sich nicht gefallen lasse, wie der Ministerpremier über seinen Arbeiten das Diner versäume.

Otto erzählte wehmütig von einer anderen Küchenherrschaft in seiner Jugend, der guten alten Trine Neumann, die als Mädchen für alles die Brüder Bismarck auf dem Berliner Gymnasium überwachte und ihnen jeden Abend wunderbare Eierkuchen buk. Wenn der kleine Otto zu lange ausblieb und die Kuchen anbrannten, schimpfte sie: »Ut dich wat ins Leben nix Vernünftiges.« Der Minister warf kleine Eisstückchen in den Champagnerkelch und hob ihn hoch. »Deinem Andenken, gute alte Seele! Wenn du das erlebt hättest, daß dein toller Otto doch noch vernünftig wurde!« Und wer weiß, dachte er heimlich, ob unsere lieben Abgeschiedenen es nicht doch miterleben und immer in unserer Nähe sind! Mein guter alter Vater hätte sich auch gefreut – vielleicht freut er sich gerade jetzt und sitzt unsichtbar mit am Tische. Er stand auf und blickte zum Fenster hinaus auf das mondhelle Mönchgut. »Ach, meine Herrschaften, selig sind die Einfältigen. Vielleicht sind die braven Insulaner hier, abgeschlossen von der sündigen großen Welt, viel glücklicher als wir. Unseren Tand entbehren sie nicht. Wenn sie Brot und Hütte, Weib und Kind haben, wozu brauchen sie schlaflose Nächte des Ehrgeizes? Sie kennen nur Sturm und Kampf des allgewaltigen Meeres, das wie das Schicksal den Menschen erhebt, selbst wenn es ihn zermalmt. Wir Kinder der Welt bersten untereinander vor Neid, doch dies garstige Gefühl sollten wir nur gegen solche Naturkinder spüren, die nichts von unseren Plagen kennen.«

Es wurde von patriarchalischen Ursitten der Insel erzählt, plattdütsche Verse zitiert. Johanna klatschte Beifall. »Otto und ich kultivieren Plattdeutsch und lesen Reuter. ›Ut mine Stromtid‹ ist so lieb.« »Meine Frau liest es prächtig vor. Am Ende ist's ja unsere wahre deutsche Muttersprache, Luthers herrliches Bibel-Hochdeutsch legte Platt zugrunde, nicht das Mittelhochdeutsch der Stauferzeit.« Mit stolzem Behagen ging ihm durch den Sinn: wir Niedersachsen sind zuletzt doch die Überlebenden im Kampfe ums Dasein. Die Süddeutschen haben die ältere Kultur, die leichtere Geistesfrische, die künstlerische Begabung, doch wir Schwerblütigen und Ernsten haben das letzte Wort. Was die Engländer mit hochmütiger Absonderung Angelsachsen nennen, das sind ja wir. Wir haben England, Nordamerika und Preußen gemacht. Der »Saupreuß«, wie infame Hetzkaplane noch heute vor bayrischen Bauern schimpfen, ist der Atlas, der Deutschland trägt.

Er hörte Johanna einen Offizier freundlich abwinken: »Nicht immer Exzellenz sagen! Der Titel paßt nicht für mich, er ist mir so verleidet, weil viele Leute ihn mir wohl zehnmal in einem Atemzug ins Gesicht schmeißen.«

»Nun denn, gnädige Gräfin –«

»Am hübschesten finde ich Frau v. Bismarck. Dann denk' ich an stille frohe Zeiten, wo wir schlichte Landleute in Schönhausen füreinander lebten und für unsere Dörfler. Jetzt«, sie tat einen Seufzer, »gehört mein Mann jedermann, der ganzen weiten Welt.«

»Ach, liebes Kind,« trat er näher mit herzlichem Blick und Lächeln, »die Zeit kommt wieder. Bald sind wir alt und die Welt kann uns nicht mehr brauchen.«

»Ach, rede nicht! Bei der Aussicht sind Herr und Frau v. Bismarck auf Schönhausen für immer abgetan. Du wirst nie alt und noch deine letzte Faser wird die Welt brauchen.«

O je, lange nach Mitternacht, wenn ganz Rügen schlief, wachte noch ein Licht im Gartenhause, ein großes Licht, das von Arcona bis zum Bodensee die deutschen Gaue beschien. Gedankenschwer beugte sich eine gefurchte Stirn über viele Papiere, ein finsterer Ernst lag über den Zügen, die hohe Gestalt straffte sich und die Rechte stützte sich auf den Tisch mit geballter Faust. Die deutschen Dinge gingen nicht so rasch und flott wie er hoffte.

*

Eine starke persönliche Freude ward ihm freilich zuteil, was auch günstig auf sein Befinden einwirkte. Die Regierung hatte den Kammern eine Dotationsvorlage eingereicht, wonach Roon und Moltke berechtigter-, Herwarth und Falckenstein ganz unberechtigterweise eine Geldbelohnung erhalten sollten. Doch das Kammerkomitee, fast lauter Liberale, beschloß ohne weiteres, an die Spitze der Liste den Staatsmann zu setzen, dem man am meisten dankbar sei. Die Nation votierte für ihn 400 000 Taler, damals eine sehr bedeutende Summe, während Roon 300 000, Moltke, Herwarth, Falckenstein und Steinmetz 200 000 erhielten. Es wäre natürlich gerechter gewesen, Moltke so viel wie Roon und ferner auch Blumenthal eine Dotation zu geben, Steinmetz eine geringere, Herwarth und Falckenstein ganz zu streichen. Doch so peinlich der Kenner diese Unstimmigkeiten empfand, so herzerhebend mußte ihm die Anerkennung sein, die diesmal nicht der König, sondern die Nation ihm spendete. Johanna schwamm in Wonne und auch er schmunzelte: »400 000 Taler sind nicht zu verachten. Wir wollen sie in Grund und Boden stecken als einen Rückhalt für die alten Tage. Ich tat mich schon um und denke Varzin zu kaufen. Das liegt in der Nähe von Rheinfeld, und so haben wir doch wieder einen Herrensitz in Pommern.«

Roon tat das gleiche und verwirtschaftete bald das ganze Kapital im Gute Gütergoß. Moltke folgte später der gleichen Bahn. Der Begriff des Grundbesitzes ist eben eng mit dem Begriff des Adels verbunden.

Zu seinen Räten, die ihn in Putbus aufsuchten, vornehmlich zu Keudell, äußerte sich der Minister ruhig und ernst: »Wir leben in einem Provisorium. Vor Napoleon müssen wir uns gründlich in acht nehmen. Er dachte sich offenbar, unsere Annexionen seien das beste Mittel, die Einheit zu hindern, d. h. die Süddeutschen kopfscheu zu machen und in seine Arme zu treiben. Das wäre auch so gekommen, wenn wir nicht territoriale Schonung geübt hätten. Aber wir schlugen die Brücke zu geheimen Bündnisverträgen militärischer Einigkeit, und der Mann in Paris hat keine Ahnung von der wahren Nationalstimmung der Gesamtbevölkerung vom Main bis zum Bodensee, zum Rhein und den Tiroler Alpen mit wenigen Ausnahmen, die nicht ins Gewicht fallen. Er verläßt sich auf Berichte des schnöden Rheinbündlers Dalwigk, den wir absichtlich nicht ins Geheimnis zogen. Darum wird er nicht ruhen, bis er die Errichtung Ganz-Deutschlands kriegerisch in Frage stellt.«

»Mag er!« rief Keudell. »Das antworteten Sie doch Benedetti schon im vorigen Herbst.« Bei Königgrätz ritt er in der gleichen Tracht schwerer Landwehrreiter hinter seinem Chef und vergaß nie, daß er ihm in den schweren Stunden vor Kriegsausbruch die Eroica Beethovens vorspielen mußte.

»Damals konnte ich es, damals war er schlecht gerüstet. Seither arbeitet die französische Armee. Auch ›die Wunder des Chassepots‹ und der geplanten Mitrailleusen mögen nicht Illusion sein.«

»Ich hörte von Exzellenz Roon, daß der Militärattaché de Stoffel selber unser Zündnadelgewehr für ebenso gut erklärte.«

»Das mag sein oder nicht sein. Ich bin nachgerade alt genug, um nie an Unfehlbarkeit von Fachmännern zu glauben. Im Krimkriege und in Italien hat die französische Armee sich furchtbar genug gezeigt, hat sie jetzt noch eine überlegene Bewaffnung, so ist Kampf mit ihr eine furchtbar ernste Sache. Ich habe sie in Frankreich wiederholt beobachtet und glaube an die Tapferkeit des Troupiers, überhaupt der ganzen gallischen Rasse. Deutsche Invasion wird immer so Bemerkenswertes zeitigen, wie von jeher jede Verletzung der unermeßlichen nationalen Eitelkeit, teilweise des berechtigten Nationalstolzes.«

»Aber jede Organisation fehlt im Verhältnis zu der unseren.«

»Stimmt auffallend. Nur müssen wir dann erst auf alle annektierten Länder und auch auf die Süddeutschen die allgemeine Wehrpflicht übertragen haben. Jedes Jahr stärkt uns um 100 000 gediente Soldaten. Wie sich die Truppenziffer Frankreichs im Ernstfalle stellt, weiß man nicht. Vielleicht überschätze ich vieles. Jedenfalls kann man für solchen Krieg nie stark genug sein. Wir müssen ihn also hinausschieben solange wir können.«

»Auch auf Kosten der nationalen Ehre bei Herausforderung?«

»Gewiß nicht. Das eben muß die Kunst sein, beides zu vermeiden, sowohl den Krieg als Verminderung des Ansehens.«

»Die Wogen nationaler Gesinnung gehen heute hoch in Deutschland und besonders in Norddeutschland.«

»Wie nach jedem großen Erfolge. Die Leute glauben, weil wir Österreich in sieben Tagen zerschmetterten, es werde mit Frankreich ebenso gehen. Da rechne ich eher auf sieben Monate. Auch ist Rußlands Haltung zweifelhaft, noch unsicherer die Italiens. Abgesehen von Viktor Emanuels persönlicher Freundschaft für Napoleon, beherrscht die öffentliche Meinung die fixe Idee von Schwesterschaft der sogenannten lateinischen Rasse, als ob die Gallier irgendwie der deutsch durchsetzten und ohnehin fremden italienischen Mischrasse verwandt wären. In Österreich werden die Schwarzgelben in das Pariser Geschrei einstimmen: Vergeltung für Sadowa! Die Wunde muß dort erst verharschen. Das braucht Zeit.«

»Würde Rußland nicht Österreich in Schach halten?«

»Unter Gortschakow zweifelhaft. Erst wenn wir sehr bedrängt würden, d. h. unser Wein wesentlich verdünnt wäre, könnte man dort ein Einschreiten aus sonstigen politischen Gründen erwarten.«

»England zeigt sich jetzt sehr wohlwollend.«

»Sie meinen die englische Presse. Man braucht eine kontinentale Kriegsmacht gegen Frankreich und da kommt's aufs gleiche heraus, ob es Preußen oder, wie früher, Österreich ist. Man kann aber auch für Entente cordiale mit Frankreich optieren. Jedenfalls würde platonische Liebe uns nicht um einen Strohhalm verstärken. Dagegen erstarken wir durch innere Einigkeit so, daß das Ausland sich länger besinnen wird, seine Finger in unsere Pastete zu stecken. Wenn eine Omelette gebacken wird, muß man Eier zerbrechen. Ich werde daher dem kleinstädtischen Liberalismus, für den alle großen nationalen Erwägungen in den Wind geredet sind, so weit wie möglich entgegenkommen.«

»Auch im allgemeinen geheimen Wahlrecht, einem so revolutionären Prinzip?«

»Selbst hier. Ich wünsche das allgemeine öffentliche Wahlrecht als das gesundeste Prinzip. Doch wenn die Kerle obstinat bleiben, beuge ich mich der Force Majeure, nur daß um Gottes willen kein neuer Zwiespalt entsteht, der das Ausland ermutigen könnte. Das allein ist Realpolitik, auch jede persönliche Überzeugung, nicht nur Liebhaberei, dem wahren Gemeinwohl zu opfern. Die deutsche Einheit geht mir weit über jede andere persönliche Neigung. Ich allein fühle mich verantwortlich für Größe und Glück dieser großen Nation, und ich will ihr alles opfern.«

Es lag so viel Erhabenheit in den schlichten Worten, daß Keudell sich versucht fühlte, dem Großen die Hand zu küssen.

»Ich bin ganz wiederhergestellt«, versicherte er der sorgenvollen Gattin. »Und wär' ichs nicht, was hilft's! Hoffart muß Pein leiden, man ist nicht umsonst Ministerpräsident, und Deutschland fragt nicht danach, ob ich leide oder nicht, es verlangt von mir meinen Dienst. Und wenn ich mich aufriebe in Deutschlands Dienst, so wär' das auch ein schlichter Heldentod, obschon ohne Bumbum und Trara. Doch keine Bange, ich bin wieder ganz auf dem Posten, und die Jagden vollenden meine Kur.«

Politische Mißstimmung trug er in die Wälder hinaus und oft genug jubelten die Jagdgäste von Putbus: »Ein Kapitalschuß.« Im Jagdschloße hingen nachher genug Trophäen von Hirschgeweihen: »Erlegt vom Ministerpräsidenten Graf Bismarck.« Doch sein Ruhm drang noch nicht weit in die Lande, denn ein Kutscher, als er wegen Regenwolken einzusteigen zögerte, tröstete ihn: »Stieg'n Sei man in, ick ham all ganz anner Lüd führt als Sei sünd, Uhlensberg und Mandüweln.« Ja freilich, Eulenburg und Manteuffel lebten als große Namen im preußischen Volke.

Am 1. Dezember reiste ein kerngesunder Recke nach Berlin zurück.

*

Außer einer verschwindenden Gruppe von Unentwegten, unter denen sich der alte jüdische Revolutionär Jacoby unnütz machte, gingen die Fortschrittlichen meist unter Präsidentschaft des Westfalen Max v. Forckenbeck, eines klugen, bedächtigen, blonden Urdeutschen, in eine nationalliberale Partei über, deren Führer, der Hannoveraner v. Bennigsen, und ein jüdischer vormaliger Radikaler, Lasker, zur Regierung hielten.

Jetzt ging es schneidig vorwärts. Am 1. Februar versammelten sich die Bevollmächtigten der Norddeutschen Bundeskonferenz zu einem Abschiedsdiner. Die Ministerialdirektoren Delbrück und v. Philippsborn, die Geheimen Legationsräte Koenig und v. Keudell, Oberpostdirektor Stephan und der sächsische Kriegsminister v. Fabrice waren auch geladen. Gegen Ende des Diners erschien Otto. »Im Auftrage Seiner Majestät des Königs begrüße ich diese hohe Versammlung. Sie hat ihre Aufgabe so rühmlich erfüllt, daß sie auf ein besonderes Hoch verzichten darf. Ich erhebe mein Glas zum Wohle auf die deutschen Fürsten und freien Städte und vor allem auf das deutsche Volk.« Als Ende Februar der Reichstag des Norddeutschen Bundes eröffnet wurde, folgten in rascher Folge die gesetzgeberischen Taten. Schon aber hatte der künftige Kanzler des Bundes sein Auge fest auf den unberufenen Vermittler zu richten, den ein deutscher Professor mit Gustav Adolf als Beschützer deutscher Libertät verglich! So tief sanken die ehrlichen und unehrlichen Querköpfe der Fortschrittlerei in ihrer wahnwitzigen Mißgunst gegen den Mann, der doch sicher einen Teil ihrer angeblichen Ideale erfüllte und seine Mittel fast revolutionärer wählte als sie je geträumt. Auch Preußens kleinere Nachbarn fingen an, grundlos vor angeblicher Eroberungssucht zu zittern. Früher in Frankfurt hatte die Königin von Holland, württembergische Prinzessin, geflissentlich Preußenfreundschaft zur Schau getragen und den Gesandten Bismarck begönnert, wenn sie bei ihrem Vertreter Scherff »für Luxemburg« abstieg. Jetzt schwenkte sie völlig herum und sandte schon während der Nikolsburger Tage einen Warn- und Hetzruf an Napoleon, er dürfe ein mächtiges Deutschland nicht dulden. Plötzlich entnahm die staunende Welt einer Rede Rouhers gegen Thiers Mitte März, Preußen hege böse Absichten gegen Holland und wolle sich an der Zuydersee festsetzen. Otto lachte. »Zuydersee und dabei noch orthographisch richtig geschrieben in der Presse! Solche geographische Entdeckung ist bei Franzosen unmöglich. Beihilfe der Königin!« Und jetzt kam auf einmal die Luxemburger Frage herangeschritten.

Seiner Bevölkerung nach urdeutsch – gab es doch einst Kaiser vom Hause Luxemburg! – und unter Hollands Obhut dem deutschen Bunde angehörig, schien das Grenzländchen zwar jetzt mit Holland vom neuen Deutschland ausgeschlossen, hatte aber noch immer preußische Festungsbesatzung. Auf einmal entdeckte Frankreich, daß dies eine Bedrohung sei und wollte dem König von Holland, der jeden Beitritt zum Norddeutschen Bund ablehnte, das Herzogtum abkaufen. Der war dazu bereit. Im gesetzgebenden Körper kreischte seit dem 14. März Herr Thiers seinen patriotischen Ärger über die deutsche Einheit aus, wobei er freilich absichtlich Otto ein großes Kompliment zollte.

»Er zitiert Bossuet über Cromwell, daß endlich ein wahrer Mann ans Licht getreten sei.« Keudell verwies auf einen Bericht im Moniteur. »Da hätte er ebenso gut Napoleon über Goethe zitieren können: Voilà un homme!«

»Vergleich mit Goethe liegt wohl fern,« lächelte Otto, »doch ich vernehme, der interessante schrullenhafte Carlyle vergleicht mich mit seinem Cromwell, soweit unser armseliges Zeitalter dies gestatte. Wenn doch solche Historiker unterlassen wollten, den Geist der Zeiten zu interpretieren, der doch nur der Herren eigener Geist! Doch was mich weit mehr interessiert als dies Lob meines alten Bekannten Thiers, das natürlich nur warnen und aufhetzen soll, das ist die Heimlichkeit der Affäre. Bemerken Sie aus dem Berichte der Sitzung, daß der politische Direktor des Auswärtigen Amtes, Herr Desprez, erst durch Interpellation selber davon erfuhr? Mein alter Bekannter de Moustier, jetzt Minister des Auswärtigen, soll persönlich Briefe und Depeschen nach dem Haag chiffriert und dechiffriert haben, sein Gesandter Baudin im Haag war der einzige Mitwisser.«

»Holland willigt also ein. Was wird unser Gegenzug sein?«

»Sofortige Veröffentlichung der Geheimverträge mit den Süddeutschen. Das heißt dem Einbrecher schweigend eine geladene Pistole präsentieren. Noch ist der Vertrag mit Holland nicht ratifiziert, es wird zurückschrecken und sich an uns wenden. Den Deutschen brachten wir mit Gottes Hilfe jetzt so viel Nationalstolz bei, daß die Luxemburger Drohung und unsere prompte Gegendrohung das Einheitsgefühl stärken wird.«

Und so geschah es. Ein Aufschrei der Wut in Paris, daß die Floskel des Prager Friedens, den Süddeutschen sei »internationale Unabhängigkeit« verbürgt, so perfide hinterrücks umgangen sei. Aber ein Aufschrei dankbarer Bewunderung in allen deutschen Gauen. Holland zuckte zurück und brach sein Schweigegelöbnis, offenbarte den Stand der Dinge nach Berlin. Antwort: wie es euch gefällt, jeder trägt Verantwortung für sich selbst. Gleichwohl versicherte am 30. März der Prinz von Oranien dem Empereur die Abtretung, wenn dieser für seinen Vater Frieden mit Preußen mache. Doch am 1. April fand die allgemeine Gärung, von Otto durch allerlei Pressekanäle befruchtet, ihre Entladung im Reichstage. Bennigsen donnerte in nicht mißzuverstehender Weise, Graf Bismarck solle die Nation zu den Waffen rufen. Nicht ein einziges Dorf solle von Deutschland getrennt werden, habe der König versprochen, und Luxemburg sei altes deutsches Eigentum. Ungeheurer Beifall.

Selbst Benedettis Gleichmutsmaske rutschte herunter. In lautem Ärger rief er diesem schrecklichen deutschen Machiavelli zu: »Aber Sie haben uns ja selbst encouragiert, nach Luxemburg zu gehen, es sind keine acht Tage her. Damals waren Sie so wenig schwerhörig, daß Sie Aussöhnung unserer Interessen mit diesem Preise erkaufen wollten. Leugnen Sie es nicht ab, denn unser Botschafter in London, Prinz Latour d'Auvergne, depeschiert uns die gleiche Meinung der Königin Viktoria, die es doch wohl von ihren Berliner Familienmitgliedern genau weiß.«

Immer wieder die englisch« Verwandtschaft als halben Feind im Lager! »Sie ereifern sich unnötig, Herr Botschafter. Ich leugne nichts, räume aber auch nichts ein. Sagte ich Ihnen nicht deutlich, daß der König, die Militärpartei am Hofe, die Volksstimmung gegen meine guten Absichten seien?«

»Letztere haben Sie selbst in Ihrer offiziellen Antwort verleugnet: keine auswärtige Macht werde hoffentlich unbestreitbare Rechte deutscher Staaten und deutscher Stämme schädigen.« »Das mußte ich sagen, da man sich auf des Königs Versprechen berief.«

»Ist dem so, so kannte niemand besser als Sie die Stimmung in Hof und Volk. Durch Ihre anscheinende Gutwilligkeit brachten Sie uns in eine kompromittierte Lage. Wir können nicht mehr zurück.«

»Man kann immer, wenn man muß«, versetzte der Riese kühl. »Ich fühle die Verbitterung des Kaisers Napoleon nach und bedauere sie. Doch augenblicklich ist mein guter Wille lahmgelegt durch das non possumus des Reichstages. Sie kennen meine Offenheit, und ich verhehle nicht, daß unser Gesandter im Haag notifizieren wird, Abtretung Luxemburgs sei casus belli

Benedetti bäumte und krümmte sich förmlich auf seinem Sitze. »So weit treiben Sie es? Ich – werde nähere Instruktionen einholen.«

»Tun Sie das! Und beachten Sie wohl, daß ich des Kaisers persönliches Wohlwollen für mich dankbar anerkenne und keiner Kombination abgeneigt bin, die uns wieder in die alte freundliche Beziehung versetzt.« Der Franzose horchte hoch auf und sah dem treuen Deutschen tief in die Augen. Der zuckte mit keiner Wimper.

Im Inneren erstrebte Otto nichts als Versöhnung, einiges Zusammenraffen aller Kräfte, um sich auf etwaige gewaltsame Störung von außen vorzubereiten. Am 11. März fielen von seinen Lippen die gewaltigen Worte:

»Wir haben Deutschland in den Sattel gesetzt, reiten wird es wohl selber können.« Den Landtag überrieselte ein Schauer, er begriff, daß ein Unsterblicher etwas Unsterbliches sage für alle Folgezeit. Donnernder Beifall erhob sich von allen Seiten.

Nichtsdestoweniger machten die Doktrinäre ihm das Leben recht sauer. In zwei Punkten bleib er fest gegen alle angeblich verfassungsmäßigen Ansprüche: er verweigerte Diäten für die Abgeordneten, da sonst das Volksvertreten ein Geschäftsberuf werde, und Budgetrechte des Parlaments bezüglich der Armee, da sonst die Sicherheit des Staates den Majoritätslaunen ausgeliefert werde. Die hartnäckige Haarspalterei und Staubaufwirbelei um bedeutungslose Einzelfragen ermüdete ihn so, daß er sich in einer Rede Ende März mit Percy Heißsporn verglich, teils englisch, teils deutsch seinen Shakespeare zitierend: wie er atemlos und erschöpft nach der gewonnenen Schlacht belästigt werde »with a popinjay«. Doch im ganzen bestallte ihn der Landtag immerhin vertrauensvoll als Reitlehrer für das in den Sattel gesetzte Deutschland. Groß war das Staunen der Kritteler, als am 18. März plötzlich die Geheimverträge mit den Südstaaten veröffentlicht wurden, Antwort auf erneutes Herumschleichen des welschen Einbrechers, der seine Strickleiter unversehens an Luxemburg ansetzte.

Der Eindruck war auch in Rußland nachhaltig, aber nicht günstig. »Ce diable de Bismarck!« murmelte Gortschakow ergrimmt, neidisch und in persönlicher Eitelkeit verletzt, weil sein angeblicher Schüler so ganz den Meister zeigte. »Ich erinnere Eure Majestät daran,« so ungefähr hielt er dem Zaren Vortrag, »daß Preußen vor vier Jahren unseren Antrag, Österreich mit Krieg zu überziehen und Frankreich entgegenzutreten, rund ablehnte. Im Bunde mit uns hätte der König seine Revolutionspartei abschütteln können, doch es scheint, daß dynastische Motive dort nicht mehr verfangen. Die ganze Politik Herrn v. Bismarcks – sonst ein Trefflicher, von Eurer Majestät Gnade mit Recht geschätzt und mein persönlicher lieber Freund – ist einfach revolutionär. Er gibt den Radikalen nach, wo er kann, und entzündet eine allgemeine Revolutionsstimmung in Deutschland, die er unter der Flagge ›deutsche Einheit‹ noch mit dem Blasebalg bearbeitet. Das allgemeine geheime Wahlrecht! Es ist schrecklich! Wie kann das Zartum Rußland je mit einem solchen Staate Hand in Hand gehen!«

»Hm! Da er doch Österreich überwältigen wollte, warum lehnte er damals unsere Hilfe ab?«

»Das denke ich mir sehr einfach. Italia fara da se, Deutschland darf nur durch sich selbst geeinigt werden. Wir sind anrüchig bei seinen neuen Intimen, den Liberalen. Außerdem glaubte er, wir würden bei Niederwerfung Österreichs nicht gnädig sein, wie er selbst gewesen ist. Wie ich aus guter Quelle weiß, gegen den Willen des Königs. Das sind seltsame Absichten. Übrigens wird er vorgestellt haben, Preußen werde die Hauptlast des Kampfes gegen Frankreich zu tragen und die Süddeutschen gegen sich haben. Daß der nie für andere die Kastanien aus dem Feuer holt, ist leider sicher.«

»Mein Oheim hat auch seinen Willen«, meinte der Zar nachdenklich.

»Offenbar siegte bei ihm das nationale Ehrgefühl über jede dynastische Empfindlichkeit.«

Sehr richtig! Aber zu Ottos Leidwesen begann preußischer Partikularismus, früher dem großdeutschen Gefühl untergeordnet, im König die Oberhand zu gewinnen. Seine ideale und poetische Ader reagierte auf die ruhmvolle Geistes- und Charaktergröße des Volkes, seine Bewunderung für sein Preußen verminderte sein früher überwiegendes Deutschgefühl, er betrachtete fortan die Dinge weit mehr als früher unter reinpreußischem Sehwinkel.

Am 27. März mußte der Kanzler einen Ball geben, zu welchem der König erschien. Auch der Kronprinz in hellblauer Dragoneruniform mit gelbem Kragen trat sehr gesellig und vergnügt auf, Friedrich Karl im roten Attila etwas pompös und wichtig. Die Luxemburger Frage! Doch die beiden, die es am meisten anging, schienen wenig davon berührt. Der König zeichnete Benedetti durch längere Unterhaltung aus, bei der Luxemburg überhaupt nicht vorkam. »Ich bin sehr erfreut, bald nach Paris zu reisen, und bin entzückt von der Liebenswürdigkeit Ihres Souveräns, Seiner Majestät des Kaisers Napoleon. Seiner Einladung, in den Tuilerien selber abzusteigen, folge ich mit Dank und Vergnügen.« Der Ministerpräsident schien besonders gut aufgelegt, seinen Wirtspflichten lag er eifrig ob, als sei er ein jugendlicher Staatsstreber, der sich beliebt machen will. Doch der unermüdliche Benedetti lauerte ihm meuchlings auf und ergriff ihn plötzlich sozusagen beim Knopfloch, um eine politische Unterredung zu erpressen.

»Seine Majestät waren so überaus huldvoll und gnädig, daß ich daraus wohl günstige Auspizien erwarten darf.«

»Für die Weltausstellung in Paris? Alle Welt ist entzückt, es wird ein Sammeln aller hohen Souveräne um die erhabene Person des Kaisers der Franzosen sein.« Dies Ausweichen klang wie höflicher Hohn, doch Benedetti ließ nicht locker.

»Auch das. Doch mißverstehen Sie, Herr Ministerpräsident, meine Anspielung. Ich deute natürlich auf jene peinliche Differenz hin, die unser so fruchtbares und schönes Einvernehmen ein wenig verdunkelt. Der König von Holland teilt uns die Antwort des Berliner Kabinetts auf seine freimütige Darlegung mit, und diese ist – Exzellenz verzeihen ein offenes Wort, da Sie selbst so sehr die Offenheit lieben – sie ist dunkel und zweideutig.«

»Das finde ich nicht«, versetzte der Deutsche ruhig. »Von Freimut dürfte übrigens wohl kaum die Rede sein, nachdem uns bisher die ganze Transaktion verschwiegen wurde. Nur die Indiskretion im gesetzgebenden Körper setzte uns auf den Quivive.«

Benedetti empfand den Rückstoß und lächelte um so liebenswürdiger, als er vor Wut kochte. »Mein Gott, am Ende sind Frankreich und Holland unabhängige Mächte, die miteinander verhandeln, ohne der Erlaubnis eines Dritten zu bedürfen.«

»Aber ja! Wenn z. B. zwei sich darüber bereden, wie sie das Eigentum eines Dritten sich aneignen wollen, so nehmen sie sich zu dieser Tat keine Zaungäste, die zuschauen. Fragt sich nur, was der Dritte dazu sagt.« Otto strahlte von spaßiger Freundlichkeit.

»Herr Minister! Doch ich vergesse nicht, daß ich Ihr Gast bin.«

»Und ich nicht, daß ich Ihr Wirt bin. Glauben Sie, ich würde so derb reden, wenn ich nicht sehr bona fide wäre? Mir geht im Grunde Freundschaft mit Frankreich über alles. Würde der König Sie so herzlich anreden, wenn wir nicht wüßten, daß alles sich prächtig regeln wird? A bon entendu! Doch verzeihen Sie, lieber Herr Botschafter, meine Pflicht als Wirt – Sieht der Kronprinz nicht herrlich aus. Auf Wiedersehen nachher!« –

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