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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 22
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Was würden Sie disponieren, wenn Frankreich uns jetzt angreift?«

Moltkes Antwort kam prompt: »Defensive gegen Österreich an der Elblinie, Offensive am Rhein gegen Frankreich.«

»Halten Sie das französische Heer für stark genug zur Offensive?«

»Im Gegenteil, es wird zurzeit höchstens 100 000 Mann, vielleicht sogar nur die Hälfte davon, über den Rhein führen können.«

»Immerhin eine ansehnliche Verstärkung und wohl mit besseren Generalen, die dann das tatlose Kommando der Bundestruppen ablösen würden. Diese sind noch nicht geschlagen genug. Jedenfalls müßten wir uns Österreich gegenüber schwächen, wenn wir in Frankreich einfallen wollten, dessen Stärke mir mehr in der Defensive zu liegen scheint, wo es seine Hilfsquellen und sein Festungssystem ausnützen kann. Mir scheint richtiger, uns nach Westen und Süden möglichst lange defensiv zu verhalten und mit ganzer Kraft den Vorstoß auf Österreich fortzusetzen, wofür wir ja auch behufs schnellerer Niederwerfung die Sonderbestrebung in Ungarn und Böhmen zu Hilfe rufen könnten.« (In Böhmen fand man den Tschechenhaß gegen die Deutsch-Österreicher so ausgebildet, daß Georg Bleibtreu, als er im folgenden Jahr zu Studienzwecken für sein großes Gemälde in der Nationalgalerie nochmals das wohlbekannte Schlachtfeld bereiste, in seiner Gastwirtstube in Lipa die Bilder von Huß, Ziska und – Zar Alexander hängen sah.)

Moltke hörte unmutig zu. Jetzt belehrte ihn dieser Schlachtenbummler auch noch über allgemeine strategische Auffassung. Und das schlimmste war, daß er recht hatte. Otto aber ging mit dem peinigenden Gedanken weg, daß der Frieden um jeden einigermaßen erträglichen Preis sofort geschlossen werden müsse, um der keck zugreifenden Räuberfaust Frankreichs zu entgehen. Und er wußte, daß er hier auf schroffen Widerstand im eigenen Lager stoßen würde. Den Militärs schwoll der Kamm so sehr, ungeahnte Lorbeeren um ihre Fahnen zu flechten, daß sie diese unbedingt nach Wien hineintragen wollten. Moltke hatte dann mehr erreicht als der Alte Fritz.

Unheilvolle Erinnerung! Damals hieß es auch Rache für Sadowa, nur dafür Hohenfriedberg genannt. Die Eroberung Schlesiens mußte mit einem siebenjährigen Krieg verteidigt werden. Wäre damalige Koalition von Frankreich, Österreich, Rußland heut unmöglich? Mitnichten, Gortschakows Scheelsucht über Preußens und speziell meine Erfolge wird immer deutlicher. Wir müssen rasch zu Ende kommen, ohne berechtigte Empfindlichkeiten unheilbar zu verletzen. Die Brücke zur Aussöhnung muß offen gehalten werden. »Unser Vorstoß auf Preßburg ist doch ganz ungefährlich?« hatte er früher Moltke gefragt.

»Im Kriege ist alles gefährlich und ungewiß«, lautete die ausweichende Antwort. Eine Äußerung, die freilich schon Napoleon tat, die man aber nur mit Vorbehalt als richtig erkennen kann. Otto dachte sich, daß ein wahrer Feldherr den Sieg mit Sicherheit vorausberechnen könne, und so war es bei Austerlitz und Jena, um nur zwei Fälle zu nennen, wirklich der Fall. Man kann die ungefähren Chancen berechnen und danach handelt man.

»Ist der Ausgang zweifelhaft, so hat es keinen Zweck, den Frieden noch stärker durch Waffengewalt erzwingen zu wollen.«

Moltke wurde unruhig. »General Fransecky dringt erfolgreich auf Blumenau vor.« Nachher ließ er im Generalstabswerk drucken, daß eine neue Katastrophe für die Österreicher bevorstand, so daß jeder sich fragen muß, warum dann nicht ein neuer Schlag geführt wurde. Ein etwaiger Verlust von 5000 oder mehr schwächte die Preußen nicht so wesentlich, um ihre Stärke gegen Frankreich zu vermindern, falls man Österreich gründlich unschädlich machte. Diese Auffassung wurde eingeschmuggelt, um der Verstimmung aller Armeekreise gegen den Diplomaten Nahrung zu geben, der ihren angeblich sicheren Siegeslauf unterbunden habe.

»Ich bin sehr gegen die gewagte Schwenkung auf Preßburg«, gestand ihm Blumenthal, der mit dem Kronprinzen nach Nikolsburg kam und jetzt bei Nacht wieder abfuhr. Das mittelalterliche Schloß sah im Mondschein feenhaft aus, und Otto bemerkte lachend: »Mein alter Schönhauser Kasten sieht armselig dagegen aus, um so lieber ist mir, daß nicht Mensdorff uns dort den Frieden diktiert, sondern wir ihn hier.«

»Käme er nur bald!« seufzte der Kronprinz. »Die Cholera greift um sich. Und die übermenschlichen Strapazen! So etwas halten nur preußische Truppen aus. Ewige Gewaltmärsche über Berg und Tal in sengender Hitze, Wolkenbruch oder Landregen!«

»Und die vielen Verwundeten!« fiel Blumenthal ein. »Man bekommt es satt, täglich die armen blutenden Menschen zu sehen. Gottlob sollen Podbielski und Verdy zum Rußbach, um Demarkationslinie festzulegen.«

Als die Herren abfuhren, dachte Otto bei sich: Was für ein weiches Herz die meisten Feldherren haben! Moltke freilich ist hart wie Stein, er faßt den Krieg als Schachspiel auf, und so sollte es eigentlich sein. Doch bin ich nicht der wahre Verantwortliche für diesen Krieg? Nun gut, ich will ihn so schnell wie möglich beenden. Des Kronprinzen weiches Herz sehnt sich nach Frieden, ich muß ihn heranziehen.

Otto wußte genug, um dem König sofortige Waffenruhe vom 22. bis 27. anzuraten, was dieser genehmigte und den Kampf bei Blumenau abbrechen ließ. Graf Bismarck-Bohlen vertraute seinem Vetter betrübt an: »Im Generalstabe nennt man dich den Questenberg im Lager. Das soll wohl der Hofkriegsrat in Schillers Wallenstein sein, der dem Feldherrn dreinredet und alles verdirbt?«

»Schmeichelhaft ist es gerade nicht«, erwiderte Otto ruhig. »Ich müßte aber ein Hochverräter sein, wenn Schimpfen mich von meiner Pflicht abbrächte. Daran bin ich jetzt mit Gottes Hilfe 15 Jahre lang gewöhnt. Ich habe mir mein endgültiges Urteil über den Frieden und unsere Zukunft gebildet und werde auch vor der Kabinettsfrage nicht zurückscheuen.«

Am anderen Tage nach der Waffenruhe berief der König einen Kriegsrat. Ottos Befinden hatte sich durch Rückfall in sein altes Leiden so verschlimmert, daß der rücksichtsvolle Monarch verfügte, die Konferenz solle im Zimmer des Ministerpräsidenten stattfinden, das im obersten Stockwerk des Nikolsburger Schlosses lag. Denn es galt festzustellen, ob Österreichs Angebot annehmbar oder der Krieg fortzusetzen sei. Ein lebhafter Zwist brach los. Obwohl von heftigen Schmerzen geplagt, trug Otto seine unerschütterliche Meinung mit Klarheit und Festigkeit vor. »Ich allein bin hier der politisch Verantwortliche und besitze keinerlei Deckung, weder durch Beschlüsse des Gesamtministeriums noch durch höhere Befehle, falls meine Meinung nicht die Sanktion Seiner Majestät erfährt. Doch meine gesetzliche Verpflichtung zwingt mich, mein Veto einzulegen, wenn ich den Staat durch voreiliges Verharren auf einem meiner Ansicht nach falschem Standpunkte beeinträchtigt glaube. Für uns ist nichts von alledem ein Bedürfnis, was die Herren hier empfehlen. Unser Einzug in Wien wird ein wohltuender Genuß der Eitelkeit für uns, ein ewiger Stachel für Österreich sein. Was unsere Behandlung der Süddeutschen betrifft, so bleibt dies eine Frage für später, da uns Österreich hierin freie Hand und seine Bundesgenossen im Stiche laßt, mit Ausnahme von Sachsen. Da es auf dessen Integrität einen Kardinalwert legt, dürfen wir nicht deshalb den Frieden scheitern lassen.«

»Pardon, für uns«, fiel ihm Friedrich Karl unhöflich in die Rede, »ist das Gegenteil ein Kardinalpunkt. Wir brauchen das sächsische Erzgebirge und das böhmische Vorderland als Grenzfestung. Solche strategische Erwägungen mögen dem Herrn Ministerpräsidenten sehr fern liegen, sie werden aber, so hoffen und bitten wir, für Seine Majestät als Soldaten maßgebend sein.«

»Strategische Gesichtspunkte sind mir nicht so fremd, wie Königl. Hoheit wähnen«, parierte Otto kühl. »Vielmehr würde ich, wenn man mich ausreden ließ, betont haben, daß ich ihnen dadurch Rechnung trage, unbedingt auf Eintritt Sachsens in den Norddeutschen Bund zu bestehen. Ich glaube kaum, daß sich Österreich dem widersetzen wird, weil es die Tragweite solchen militärischen und wirtschaftlichen Anschlusses nicht erkennen wird. Den Kaiser Franz Josef bestimmt wohl zumeist ein Ehrbegriff romantischer Ritterlichkeit, daß er seinen treuen Freund Sachsen nicht opfern will bezüglich territorialer Einbuße oder gar völliger Annexion. Deren bedürfen wir aber gar nicht, sofern uns Sachsen fortan als Klientelstaat unter unserem Protektorat zur Verfügung steht. Je mehr wir es schonen, desto williger wird es sich in die neuen Verhältnisse fügen.«

»Und Beust?« warf Roon unwirsch ein.

»Wäre der Herr Kriegsminister in rein diplomatischen Usancen versiert, würde er als selbstverständlich betrachten, daß Herr v. Beust ein für allemal aus den Geschäften austritt und nach Österreich verschwindet. Was nun Gebietsabtretungen Österreichs selber betrifft, so könnten diese nur nach einer Richtung liegen, die eher politische Schwächung bedeutet. Erzkatholiken und Slawen sind ein wenig erwünschter Zuwachs. Für diesen zweifelhaften Gewinn tauschen wir dauernde Rachsucht des Kaiserstaates ein. Die sogenannten Schwarzgelben sterben dort ohnehin nie aus und betrachten das protestantische Preußen als Erbfeind, eine dauernde Erbschaft des Jesuitismus. Diese Elemente kann man jedoch abhalten, Oberwasser zu gewinnen, da wir das ungarische Gegengewicht besitzen, falls wir nicht der staatlichen Eigenliebe zu blutige Wunden schlagen, die schwer vernarben. Wir sind jetzt auseinander gekommen, nun muß es unser Bestreben sein, auf andere Art wieder zusammenzukommen.«

»Wie? Was bedeutet das?« unterbrach der König. »Sie sind ja plötzlich außerordentlich milde gegen Österreich, dem Sie lebenslangen Haß zuschworen.«

Mehrere Militärs räusperten sich. »Nicht immer«, murmelte Moltke. Das Olmützgespenst tauchte wieder auf. Otto erbleichte vor Zorn und Schmerz. Nächstens wird man noch tuscheln, er sei von Österreich erkauft, seine politische Meinung zu ändern. Der kluge Blumenthal heftete auf ihn einen langen Blick.

»Eure Majestät übertreiben da ein wenig«, versetzte der Staatsmann mit eiserner Selbstbeherrschung. »Mich deucht, wir hätten jetzt eine ausreichende Satisfaktion und Reparation d'honneur. Mit dem Augenblick, wo Österreich aus Deutschland scheidet und wieder wird, was es tatsächlich ist, eine ausländische Macht, erlischt meine Abneigung. Eine solche kenne ich nur im Dienste meines Vaterlandes, der jetzt eine gegenteilige Haltung verlangt. Geographisch, ethnographisch, nach deutscher Abstammung des Herrscherhauses bleibt Österreich trotzdem unser natürlicher Bundesgenosse. Wenn es dies anscheinend verkannte, mußten wir es dazu erziehen.«

»Wann wäre es denn für uns je eingetreten!« rief Friedrich Karl heftig. »Man hat unsere Kaisertreue auch früher nur ausgenutzt, in den Türkenkriegen und gegen Louis Quatorze.«

»Das war Preußens verfluchte Pflicht und Schuldigkeit als Glied des alten Deutschen Reiches. Wir wären ehrlos gewesen, wenn wir uns versagten. Für immer hätten wir einen Schmutzfleck auf der weißen Weste, wenn wir Frankreichs Übergriffe begünstigt hätten. Friedrich der Große sprach von unnatürlichen Allianzen gegen sich. Daß aber seine vorübergehende Allianz mit Frankreich unnatürlich war, schmeckte er ja bald darauf. Man hat immer den historischen Treppenwitz zur Hand, die Pompadour habe uns den Krieg gemacht. Nein, es war das echtfranzösische Interesse.«

»Ich erinnere mich doch der Zeit,« bemerkte der König spitz, »wo Sie selber französische Allianz empfahlen.«

»Die uns Louis Napoleon antrug, vergessen das Eure Majestät nicht. Im Interesse der europäischen Lage dachte ich dabei an eine sozusagen platonische Allianz zur Einschüchterung Österreichs, nichts weiter. Ich brauche Eurer Majestät nicht ins Gedächtnis zurückzurufen, daß ich damals nicht verantwortlicher Staatsmann war und daß ich dabei jede Konzession auf Kosten des übrigen Deutschland ausschloß. Ich darf hier in intimem Kreise bekennen, da die Sache längst verjährte, daß ich in Geheimunterredung mit Napoleon, die ich für mich behielt, jede solche Zumutung a limine ablehnte.« Der König nickte befriedigt, auch der Kronprinz machte ein freundliches Gesicht, Moltke saß gleichgültig und unbewegt da. »Was ich von des großen Königs kurzer Allianz mit den Franzosen sagte, sollte kein Tadel sein, ich nannte sie nur in abstracto unnatürlich, konkret nimmt ein Politiker die Chancen, wo er sie findet. Im übrigen möchte ich erwähnen, daß Preußen 1805 und 1809 Österreich auch in Bedrängnis verließ.«

»Sehr wahr«, fiel der Kronprinz, der bisher schwieg, lebhaft ein. »Unsere patriotische Geschichtschreibung verdammt es mit Recht, und die Österreicher klagten damals über unsere Untreue.«

»Die moralische Verdammung kümmert mich als Politiker weniger«, ergänzte Otto kühl. »Aber hier war Talleyrands Wort am Platze: Schlimmer als ein Verbrechen, ein Fehler. Ich würde als Minister des hochseligen Königs Friedrich Wilhelm ihm sofortige Unterstützung Österreichs angeraten haben, und unser heute regierender allergnädigster Herr hätte schon aus dem ihm innewohnenden nationalen Ehrgefühl sich keinen Augenblick besonnen.« Es wäre eine Entweihung, zu meinen, so etwas habe schmeicheln sollen, denn Schmeichelei verfing bei diesem Mustermonarchen nicht nur nicht, sondern machte ihn sofort mißtrauisch. Aber da es die volle Wahrheit war, so machte es Eindruck. »Kurz und gut, gesündigt wird intra et extra Ilium. Die wahre Realpolitik braucht sich keineswegs hoher idealer Leitmotive zu entäußern, beides stimmt oft wunderbar zusammen. Unsere deutschen Stammesgenossen in Österreich, die natürlich das Recht haben, gute k. k. Staatsbürger zu bleiben trotz allen Deutschgefühls, dürfen wir nicht dauernd verbittern. Das wäre eine undeutsche Roheit. Ich glaube, sie werden dafür sorgen, daß Österreich später nicht ein unnatürliches Bündnis mit Frankreich gegen uns eingeht, heute freilich wäre das tiefgekränkte Staatsgefühl sofort dafür zu haben. Das würde den Riß zwischen uns tiefer graben. Diese Konstellation legt uns obendrein neue schwere Opfer auf. Selbst wenn wir mit Mühe Sieger bleiben, werden dadurch unsere Gewinnchancen sicher nicht erhöht, eher erschwert für das, was wir schon jetzt erlangen können. Daher bin ich dafür, unverzüglich mit Österreich Frieden zu machen und das Gebotene anzunehmen.«

Jetzt erhob sich ein wahrer Lärm der Militärs. Friedrich Karl, dessen napoleonische Art kein Erbarmen mit dem Besiegten kannte und immer aufs Ganze ging, redete von faulem Frieden. Roon tobte auch, man müsse Österreich niederwerfen und der Armee nicht den Siegespreis verkürzen, Einzug in Wien, was bisher nur Napoleon dem Großen glückte, werde das Prestige großartig heben. Der ehrgeizige Friedrich Karl unterstrich dies. Moltke versicherte bedächtig, Erwerb der böhmischen Grenze sei notwendig und er verpflichte sich, auch mit Frankreich fertig zu werden. Blumenthal, ein überzeugter Franzosenfeind, stimmte eifrig zu.

»Und mit welchen Opfern!« murmelte der Kronprinz halblaut.

»Die Armee wird einen Frieden nicht begreifen, der uns im vollsten Siegeslaufe anhält«, versicherte Moltke. »Man muß im Interesse der Armee die Prestigen wahren und sie den Dingen appretieren. Es ist unpatriotisch, durch Kritik und kalten Kalkül die Begeisterung und das Stärkegefühl zu dämpfen.« Das wandte er nachher unverhohlen gegen jede Kritik seiner Strategie an und ließ auch zu, daß im Generalstabswerke und allen nachfolgenden Historien zu lesen stand, nach der ersten Einnahme von Chlum habe kein österreichischer Fuß wieder das Dorf betreten, eine schreiende Unwahrheit. Eine gewisse Berechtigung liegt in solcher »Appretierung«, die sich später für einen noch größeren Feldzug bei vielen Gelegenheiten fortsetzte, so daß die wahre kritische Forschung schwer den Schutt forträumen konnte und natürlich nach Möglichkeit unterdrückt und totgeschwiegen wurde. Moltke konnte sich auf den großen Napoleon berufen, dessen Bulletins auch nicht immer die Wahrheit sagten, obschon es geradezu grotesk wirkt, daß man preußischerseits diese Tatsache maßlos ausbeutete. (Napoleons Bulletins entsprachen im großen ganzen entschieden mehr der Wahrheit als die prahlerisch verlogenen Berichte seiner Gegner.) Doch hat die Berechnung, man müsse die eigene Gloire möglichst erhöhen, um das Selbstgefühl zu stärken, eine tödliche Gefahr. Sie lockt stets zur Unterschätzung des Gegners, was Frankreich am eigenen Leib erleben mußte. Dies alles kann zu unberechenbar schädlichen politischen Folgen führen. Mit dem Instinkt des Genies ahnte und wußte Otto Bismarck dies alles. Er sah bildlich vor sich, wie der militärische Größenwahn ihn um alle Früchte seiner Staatskunst prellen würde. Seine physischen Nervenschmerzen übermannten ihn dabei so, daß er plötzlich aufstand, sich stumm verbeugte und in sein anstoßendes Schlafzimmer ging. Dort brach jener Weinkrampf los, von dem sein Nervensystem im Augenblick höchster Erregung und Erschütterung erzitterte. Man konnte dies unheimliche Schluchzen des Titanen deutlich im Salon hören. Die Militärs sahen sich an, zum Teil mit unangenehm verächtlichem Lächeln, zum Teil mit geringschätzigem Mitleid, und baten um ihre Entlassung, nachdem festgestellt, daß der König sich der Majorität anschloß. Der Kronprinz verhielt sich völlig leidend und sehr ernst. Seine Züge nahmen einen merkwürdigen Ausdruck von innerer Ergriffenheit an.

*

Trotz seiner Ermattung brachte Otto die Erwägungen zu Papier, die seinen Entschluß begründeten, und begab sich zum König. Vorher hatte er dem bayrischen Minister v. d. Pforten, der eintraf, um Separatfrieden zu schließen, kurz und bündig offenbart: »Wie die Dinge liegen, rate ich Ihnen, sofort wieder abzureisen, um Mißhelligkeiten zu vermeiden.«

»Sie wissen, ich bin ein nationalgesinnter Mann und wünsche Eintracht auf der neuen Grundlage. Doch Bitterkeit darf uns nicht ins Blut gesetzt werden. Man hat mir zugeflüstert, daß auch Abtretung der Pfalz an Preußen uns angesonnen werden soll oder Abrundung durch Franken mit der Hauptstadt Nürnberg geplant werde. Das würde die bayrische Nation nie verwinden.« »Die bayrische ›Nation‹ ist eine Fiktion«, erwiderte Otto ruhig, obschon ihm bei seinen Nervenschmerzen schwer fiel, seine Entrüstung zu bemeistern. »Bezeichnend, daß der so echtdeutsch gesinnte Ludwig I., den man trotz Lola Montez verehren muß, die gräuliche Verleumdung aufbrachte, die Bajuvaren seien keltischen Geblüts. Diese braven deutschen Jungen! So geht der Partikularismus bis zum moralischen Landesverrat, verleugnet sogar den Stolz germanischer Abstammung. Wir Deutschen sind die seltsamste unergründlichste Rasse der Welt. Statt Patriotismus haben wir wahnwitzig verdrehtes Stammesgefühl, unsere Selbstsucht ist ebenso phänomenal wie unsere Idealität. Erst wenn man den Deutschen eine große Idee veranschaulicht, werden sie wörtlich Idealisten wie keine auf Erden und setzen die Welt in Erstaunen durch ihre inkommensurable Kraft nicht nur, sondern ihren opferwilligen Idealismus. O wolle Gott,« sein Auge fing wieder zu tränen an und sein Gesicht zuckte, »daß ich das noch mal erlebe! Dann will ich gern zur Grube fahren.«

Pforten war sehr ergriffen. »Sie wissen, daß ich Sie jetzt ganz erkenne. Geben Sie mir keine Hoffnung auf Ausgleich?«

»Wenig. Kommen Sie wieder, wenn besser Wetter ist. Ob ich Minister bleibe, ist fraglich. Ist dem so, betrachten Sie dies als Wahrzeichen, daß einstmals die Bayern sich nur als Deutsche fühlen werden.« –

Als er zum König ging, traf er im Vorzimmer zwei Regimentskommandeure, die über böses Überhandnehmen der Cholera berichteten. Aber 6000 Preußen verfielen damals dem Tod durch die scheußliche Seuche. Das wird enden wie einst der Feldzug in der Champagne, wo die Franzosen noch heute von ›Valmy‹ fabeln, während nur die Ruhr die Preußen zum Abzug zwang. Er stand vor dem König und legte ihm seine schriftliche Eingabe vor, die er mündlich erläuterte. »Die Schwarzgelben würden sich dem Teufel verschreiben aus Rachsucht, selbst sich Rußland, dem Todfeinde, in die Arme werfen, von Frankreich ganz zu schweigen, wenn man von ihnen Abtreten alter Kronlande verlangt. Wenn nicht heute, dann später. Österreich muß uns vielmehr ein Stein im Schachbrett bleiben, dessen Benutzung zu Schachzügen wir in der Hand behalten. Und was gewönnen wir bei Zerstörung dieser Monarchie durch ungarische und tschechische Selbständigkeitsgelüste, die wir uns freilich jetzt dienstbar machen könnten?«

»Einen Feind weniger!« Der König sagte es frei heraus.

»Was träte an seine Stelle? Zerklüftete Staatsgebilde von revolutionärem Anstrich, die uns nicht helfen könnten und wollten, dagegen Rußland zur Beute fielen. Die deutschen Provinzen können wir uns nicht angliedern, selbst wenn sie es wünschten, dazu ist das altdeutsche Gefühl noch zu wenig dort ausgereift und durch den Katholizismus erst recht beschränkt. Militärisch schaut für uns nichts Gutes heraus, wenn die Österreicher ins Innere Ungarns ausweichen und uns in die Pußta nachlocken. Sie gewinnen nur Zeit für die französische Intervention. Noch sind sie dieser nicht sicher, da der unehrliche Makler in Paris sich nicht die Hände binden will, weil er von uns einen Profit als Spesengebühr hofft. Da die Wiener Diplomatie von sich aus auf uns schließt, wird sie argwöhnen, wir würden zur Not selbst das Rheinufer opfern, um den Erpresser zufriedenzustellen, wenn wir nur Österreich ganz zerschmettern könnten. Mein Renommee als blinder Österreichhasser kommt mir dabei zu statten. Warten wir länger und Napoleon schöpft Verdacht, wir würden nicht gefügig sein, so steift er dem Erzherzog Albrecht den Nacken, der ohnehin weiterfechten möchte. Der Kaiser ist aus mannigfachen Gründen anderer Ansicht und wird gern Frieden schließen, sobald wir nichts für ihn Unmögliches fordern.«

Der König ging unruhig auf und ab. »Ich verschließe mich Ihren Gründen nicht, doch diese Bedingungen sind unbrauchbar. Soll denn der Hauptschuldige unbestraft bleiben? Bei den verführten Süddeutschen könnten wir dann eher Gnade für Recht ergehen lassen.«

»Majestät, wir sind von Gott nicht als Richter bestellt. Im Grunde genommen gibt es bei Interessenkämpfen kein Recht oder Unrecht. Alle sind gleich schuldig und nichtschuldig. Ich spreche hier von Österreich, unserem Rivalen, der als nichtdeutscher Staat keine Verpflichtung hat, deutschnationale Politik zu treiben. Wir haben sie, uns liegt ob, die deutsche Einheit zu gründen, nachdem wir Österreich an die Luft gesetzt.«

»Wenn wir Österreich unangetastet lassen, müssen wir uns an den anderen schadlos halten. Mir wird verschiedenes nahegelegt, z. B. Vergrößerung Badens. Mein Schwiegersohn mußte schweren Herzens gegen uns Partei ergreifen wegen der geographischen Lage, wird aber von jetzt ab absolut Treue halten, als wäre er ein Fürst meines Hauses. Wir müßten die untere Mainlinie erwerben, wobei Hessen-Darmstadt um Oberhessen geschmälert würde. Dafür kann man es mit dem Kreis Aschaffenburg entschädigen, den Bayern abtreten müßte, ebenso das Würzburger Gebiet, das an Sachsen fallen könnte als Ersatz für seine Westhälfte, die uns zukommt.«

Otto faßte sich unwillkürlich an den Kopf, ihm schwindelte vor diesen verrückten Projekten unbefugter sehr hochgestellter Dilettanten, die dem sonst so verständigen König im Ohr lagen. »Ew. Majestät haben sonst so viel Verständnis für ererbte angestammte Gefühle. Glauben Sie, daß die hin und her verhandelten Lande jede Anhänglichkeit an ihre lange Zusammengehörigkeit verloren, daß die Bayern ohne weiteres Sachsen, Hessen, Badenser werden wollen? Das Schönste dabei ist, daß wir gerade Bayern, das die Kosten tragen soll, am wenigsten niederwarfen. Es wird sich wehren, das kann eine lange Geschichte werden. Auch die Pfälzer haben nicht den geringsten Wunsch, Preußen oder Badenser zu werben. Mich erinnert dies an den Frieden von Luneville und spätere Rheinbundscherze, wobei deutsche Lande hierhin und dorthin verschachert wurden. Nun, das war französische Politik, doch daß wir als Deutsche diesen Unsinn erneuern sollen, scheint mir ausgeschlossen. Die verstümmelten Bundesstaaten würden nur darauf sinnen, sich wieder in Besitz ihrer alten Gebiete zu bringen mit beliebiger fremder Hilfe, als Bundesgenossen wären sie so unzuverlässig wie möglich.«

»Und wie machen Sie sie zuverlässig?«

»Ew. Majestät können versichert sein, daß ich die Bundesreform in Formen durchdrücke, die uns de facto die Oberherrschaft in Deutschland sichern. Doch nur in rücksichtsvoller Weise kann dies ermöglicht werden.«

»Und was bekommt dann Preußen selber außer Schleswig-Holstein?«

»Hannover, Hessen, Nassau und Frankfurt, ganz, nicht mit Abzwackung von Teilen. Eine Annexion kann nur vollständig sein, wenn sie glücken soll. Nehme ich etwas mit Haut und Haar, ist die Gefahr viel kleiner, als wenn ich jemand die Hälfte raube und ihn so zum unversöhnlichen Feinde mache. Napoleon pflegte zu donnern: »Das Haus Soundso hat aufgehört zu regieren«, er hatte dies auch schon für Preußen anwenden wollen und machte sich später bittere Vorwürfe, daß er ein verkrüppeltes todfeindliches Preußen bestehen ließ.

»Sie wollen also alte deutsche Dynastien depossedieren!«

»Auf Befehl Ew. Majestät habe ich dem gefangenen Kurfürsten von Hessen aus Pardubitz anheimgestellt, ob er auch jetzt noch sich zur Vernunft entschließen und seine Truppen vom Bundesheer abberufen wolle. Ich tat es mit Widerstreben, doch ich wußte vorher, daß der Verblendete unsern Antrag nur als Schwächezeichen auffassen werde. Er hat uns keiner Antwort gewürdigt, und wie der blinde König Georg, dem wir freistellten, sich nach Österreich zu begeben, sich aufführt, wissen wir. Der wird ›bis ans Ende aller Tage‹, wie er gotteslästerlich für das Welfentum vorausnimmt, unser Todfeind bleiben mit seiner ganzen Familie.«

»Nun also, mögen sie geopfert werden! Diese Entschädigung würde einigermaßen ausreichen. Jedoch –« Der König kämpfte mit sich, dann aber rief er: »Nein und abernein! Ich bin Soldat und will meiner herrlichen Armee nicht den Siegeskranz schmälern. Hätte Österreich in Gebietsabtretungen gewilligt, würde sich der Unmut beschwichtigen lassen. So aber werden alle Militärs den Preis für so viel Taten und Opfer von mir fordern. Ich bin mit Stolz ein Soldatenkönig, wie es dem König von Preußen geziemt, und beachte vor allen Dingen die Wünsche der Armee. Der Krieg wird also fortgesetzt bis zur völligen Unterwerfung der Feinde.« Otto richtete sich straff auf. »In diesem Falle bitte ich, mir allergnädigst meine Entlassung zu gewähren und mich als Major zu meinen Kürassieren abgehen zu lassen.«

»Niemals! Das heißt – Sie werden sich besinnen.«

»Meine Absicht ist unerschütterlich. Ich werde den Frieden nur unterzeichnen, wenn er meiner pflichtgemäßen Überzeugung entspricht.«

»Unerhört! Verlassen Sie mich!«

Als Otto, ächzend vor Schmerzen, in sein Zimmer hinaufstieg, lehnte er sich durchs Fenster im Bedürfnis, frische Luft zu schöpfen. Unten eine gähnende Tiefe. Wenn ich dort hinabfalle, hätte alles Elend ein Ende. Wieder Scheitern, fast schon im Hafen. Besteht der König auf seinem Willen, so werden alle Errungenschaften zunichte. Auch Blut und Eisen helfen nichts. Adieu, deutsche Einheit! 33 Jahre hab' ich von dir geträumt, wie von einem Dämon besessen, jetzt kann ich Coffin im Sarg seine Wette bezahlen ... mit einem eigenen Sarg, darin mein Ideal eingesargt für immer. Dieser Schlag trifft am härtesten. Es ist vollbracht, unbegrenzte Möglichkeit dicht vor der Hand, da reißt mir die Kurzsichtigkeit menschlicher Bedürftigkeit die Hesperidenfrucht aus den Fingern. Mir? Bah, was mir daran läge! Aber Deutschland, Deutschland!

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür seines Zimmers, jemand trat leisen Schrittes ein. Er wandte sich nicht um, in seinen Schmerz verbissen. Wer ist das? Vielleicht der Kronprinz, dessen Zimmer auf dem gleichen Korridor lag und an dessen Tür er soeben vorüberschritt? Da fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und hörte eine weiche Stimme: »Hören Sie, Bismarck! Sie wissen, ich war gegen diesen Krieg. Sie hielten ihn für nötig und sind verantwortlich dafür. Wenn Sie also Ihren Zweck für erreicht halten – ich hörte Ihre Gründe mit Verständnis –, so will ich Ihnen jetzt zur Seite stehen und Ihre Ansicht bei meinem Vater unterstützen.« Schlicht und still, wie er kam, ging er.

Otto wäre in seiner Nervenüberspannung fähig gewesen, vor dem jüngeren Manne niederzuknien und seine Hand zu küssen. Fast eine halbe Stunde banger Erwartung, dann schollen wieder die festen Tritte des blonden Siegfried draußen auf dem Gang, und er trat ein, Ottos Schriftstück in der Hand, das er ihm in die Hand drückte. »Es fiel sehr schwer, doch mein Vater hat zugestimmt.« Die beiden germanischen Recken sahen sich an, ein warmer Händedruck, dann ging der Kronprinz ruhig und freundlich von dannen. In diesem weltgeschichtlichen Augenblick, von dem die Welt nie erfuhr, solange er lebte und wo er sich um Deutschlands Geschicke unsterbliches Verdienst erwarb, war dieser Hohenzoller nicht nur ein edler und tapferer, sondern fast ein großer Mann und seines Vaters würdig. Denn aus Erkenntnis der Wahrheit und aus Gerechtigkeitsgefühl einem sonstigen Gegner die höchste Treue der Sachfreundschaft erweisen, dazu gehört nicht nur ein überaus vornehmer, sondern auch ein erleuchteter Sinn.

Auf Ottos Schriftstück aber stand als Marginalnotiz die handschriftliche Urkunde: »Nachdem mein Ministerpräsident mich vor dem Feinde im Stich läßt und ich hier außerstande bin, ihn zu ersetzen, habe ich die Angelegenheit mit meinem Sohne besprochen, der sich dem Ministerpräsidenten anschließt. Daher bin ich zu meinem Schmerz genötigt, nach so glänzenden Siegen in den sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen Frieden anzunehmen.«

Ein stilles Jauchzen unsäglicher Erleichterung hob Ottos Brust. Mag mein tapferer, geliebter alter Herr mir zürnen, es tut mir weh, ihm solche Aufregung zu bereiten, aber auch er wird ja die Ernte dieser Saat in seine Scheuer einheimsen und dann werden wir alle drei das Werk ansehen, Deutschland, der König und ich, und siehe da, es war sehr gut.

*

»Sie haben mich zu sich beschieden, Herr Minister?« Benedetti zappelte innerlich vor Neugier, verdeckte es aber mit wohlwollend gleichgültigem Lächeln. Karolyi hatte sein Ausfragen ausweichend beantwortet, auch an Brenner legte er umsonst die diplomatische Pumpe an. »Wie weit gediehen die Präliminarien?«

»Der Frieden ist soeben geschlossen worden, mit beiderseitiger Signatur«, feuerte Otto kaltblütig den Schuß ab.

»Wie? Ich höre wohl nicht recht?« Benedetti sah einen Augenblick wie ein böser, alter Geizhals aus, dem man mit einer Kassette durchging oder dem ein Wuchergeschäft mißlang, dann strahlte er wieder jugendlich. »Aber das kann ja nicht sein. Frankreich mußte doch zugezogen werden als Vermittler.«

»Dies gütige Anerbieten wäre gewiß mit Dank akzeptiert worden, sofern wir davon Gebrauch machen konnten. Es war jedoch nichts zu vermitteln, da die hohen Kontrahenten sich beiderseits mühelos verständigt haben.«

Der Franzose verbiß seine Wut. Draußen vor der kalten Tür gelassen! »Der Friede selbst kann wohl noch nicht unterzeichnet sein, nur die Präliminarien.«

»Nein, nur die letzten Formalitäten fehlen.«

»Es wäre wohl indiskret, mich schon jetzt nach den Einzelheiten zu erkundigen? Die Kriegsentschädigung dürfte wohl hoch bemessen sein?«

»Nein, sehr gering, etwa 150 Millionen Francs.«

»Ah, ah! Und was wird Bayern zahlen?«

»Das ist noch nicht abgemacht, wahrscheinlich 75 Millionen Francs.« »Welch milder Sieger! Und Sachsen geht frei aus?«

»Das heißt, es tritt integer in unsern Norddeutschen Bund ein. Doch das alles werden wir wie zwei gute Freunde später besprechen, sobald erst die Sachen perfekt.« –

Der Unwille des Königs hielt nicht lange an, bei gewissenhafter Prüfung würdigte er die Beweggründe seines Beraters und schmunzelte mit der ihm eigenen wohlwollenden Ironie: Es ist nicht leicht, unter einem solchen Minister König zu sein! Der setzt seinen Willen durch, aber zuguterletzt wird er wohl recht haben. Da wir beide nur eins im Auge haben, das Staatswohl, so gibt der Klügere nach und obendrein ist er selbst der Klügere. – Der große Herrscher wußte freilich, daß sein Manne ihn innig liebte und verehrte, und von einem so Gewaltigen geliebt zu werden, ist keine Kleinigkeit. Solche Ehrung, schmeichelhafter als jede andere, erhebt zugleich das Gemüt. So betrachteten die Burgundenkönige den grimmigen Hagen, auf dessen unbedingte Treue sie sich verlassen konnten, obschon er sie um Haupteslänge überragte. Hier freilich waltete ein wesentlich anderes Verhältnis, denn hier amtete Hagen nicht bei einem schwachen König Gunther, sondern bei einem weisen, milden und doch heldenhaften Dietrich von Bern.

Als die Friedensurkunde unterzeichnet, sprang der König auf und umarmte Bismarck tiefgerührt tränenden Auges, dann Moltke und Roon. Wie seinem Ahnherrn, dem großen König, kam ihm das Weinen immer nahe, wenn er Schönes sah oder hörte. Rüdiger und Dietrichs Recken weinten ja auch bitterlich, und dann fochten sie wie Riesen auf Leben und Tod. »Da Sie den Schwarzen Adler schon haben, verleihe ich Ihnen das Großkreuz meines Hohenzollernhausordens.« Die beiden andern empfingen den Schwarzen Adler. Es kennzeichnet den Geist jener großen Tage, daß der bärbeißige Roon sich nachher über den Ordensfirlefanz mokierte, der leider eine traurige Notwendigkeit sei.

Die garbenbindende fleißige Ruth des Hochsommers band jetzt vergiftete Zuchtruten. Der finstere Gast im Feldlager, die Cholera, schreckte den König nicht ab, nach dem verseuchten Prag zu fahren, wo schon Generalleutnant Clausewitz an dem Bazillus starb. Doch der alte Unheilbazillus deutscher Zwietracht schien schon so im Absterben, daß der wackere Fred Frankenberg öffentlich im Offizierkreis aussprach: »Das ist nur der Anfang. Jetzt muß das Deutsche Reich deutscher Nation gegründet werden. Die Ausländer und sogar die russischen Barbaren spotteten über uns, doch sie sollen noch inne werden, daß wir allein an der Spitze der Zivilisation marschieren.«

In Prag, wo er mit dem König den Hradschin besuchte und eine lange Ausfahrt machte, kam wieder etwas Leidiges zur Sprache, ob nämlich in der Thronrede zur Eröffnung der Kammern »Indemnität« für die selbstherrliche Budgetverwendung ohne Landtagsgenehmigung verlangt werden solle. Der König stieß sich an dem Ausdruck Indemnität, als habe er etwas Strafbares begangen, sein Minister suchte ihm das auszureden, da staatsrechtlich dieser Begriff etwas viel Milderes bedeute.

»Das Ministerium ist auch dagegen. Lippe zeigt sich sehr aufgeregt als Konservativer.«

»Die Thronrede mit Eurer Majestät zu beraten liegt nur mir ob, Graf Lippe hat nicht das große Wort zu führen. Diese Leutchen mit Scheuklappen sehen nie über ihre Nase hinaus und glauben schwimmen zu können, wenn sie sich in das lauwarme Bassin der Phrase werfen. Stürmisch mit Armen und Beinen fuchteln ist keine Schwimmkunst.«

»Nun, ich bin ja auch für Frieden und Versöhnung. Aber nach solchem Triumph der Regierung wie ein Bittender und Bettelnder vor das Haus zu treten widerstrebt mir.«

»So wird es keiner auffassen. Eure Majestät werden beim Einzug der Truppen in Berlin erkennen, wie gänzlich die öffentliche Meinung sich änderte. Die Kammer wird die staatsrechtliche Korrektheit nachträglicher Decharge als großmütige Herablassung des Monarchen und huldvolle Anerkennung des Verfassungslebens anerkennen und wie ein Mann für alle neuen Kredite stimmen.«

Der fürchterliche Kleist-Retzow verbrach einen salbungsvollen Brief, worin er Otto ins Gewissen redete, nicht in liberale Versuchung zu fallen. Gott behüte uns vor unseren Freunden! Das hält sich für Edelste der Nation und ist doch nur ein Rind, das von der Welt nichts kennt als den einen Fleck, wo es wiederkäut.

Durch die Kriegssiege des Königtums schnellten die Konservativen bei den Neuwahlen von 11 auf 100 Mitglieder empor. Sie sandten eine Deputation nach Prag, um Verfassungsbruch zu erbitten. Das lehnte der König ab, doch hatte sein Berater stundenlange Kämpfe im Bahnkupee, als man nach Berlin fuhr, weil sein Herr sich an Kleinigkeiten stieß. Roon, der nicht dabei war, stellte nachher die Dinge auf den Kopf, indem er nachgiebige Versöhnlichkeit des Monarchen in den Vordergrund stellte. Der anwesende Kronprinz aber enthielt sich jeder anderen Beistimmung zu Ottos dringlicher Beschwörung als durch Kopfnicken und sonstiges Mienenspiel.

»Der Spaß mit Blumenthals Epistel war doch auch sehr komisch«, lachte der König gutgelaunt auf der Rückreise. Ein Brief des Stabschefs an seine Gattin, eine Britin, daher englisch geschrieben, fiel in Feindeshand, und die Österreicher hatten die Unanständigkeit, ihn in stark verdrehender Übersetzung öffentlich abzudrucken. Darin hatte er den Kronprinzen als Menschen gepriesen, ihm auch militärische Anlagen zuerkannt, nur eine gewisse Trägheit getadelt. Der vornehme Fürst nahm dies nicht im geringsten übel. Hatte er doch auf dem Schlachtfelde geäußert: »Ich weiß, wem ich die Leitung verdanke.« Der König unterstrich dies so, daß dem sonst für Ehren ziemlich kalten Pflichtmenschen das Herz voll wurde. Aber seiner Abneigung gegen Moltkes Strategie (äußere Linien) ließ er in dem Briefe die Zügel schießen, gewürzt mit etwas persönlicher Gereiztheit, hier aber benahm sich der große Schweiger wie ein wahrer Gentleman und weigerte sich, den Brief zu lesen, der ja nicht für ihn, sondern für Frau v. Blumenthal bestimmt gewesen sei, und zeigte sich erhaben über jeden kleinlichen Ärger. War es auch nicht ganz wahrhaftig, wenn Blumenthal in sein Tagebuch schrieb, daß er den hochverehrten Moltke am wenigsten habe kränken wollen, so schöpfte er doch aus dem Vorgange eine erhöhte Achtung. Für später wichtig! Der König selber amüsierte sich nur über den Zwischenfall.

»Wer hätte gedacht, daß Blumenthalchen eine solche Kratzbürste wäre!«

»Du lieber Gott, Majestät«, entschuldigte Otto. »Er schrieb an seine Frau. Da sind wir allzumal Menschen. Jeder will sich seiner Eheliebsten in besten Farben malen und streicht sich heraus, selbst wenn er sonst kein eitler Narr ist. Der arme Blumenthal wird sich gehörig fuchsen, denn gerade ein Mann von reizbarer Eitelkeit empfindet es bitter, wenn er anderen als eitel erscheint.«

»General v. Blumenthal ist ein so ausgezeichneter Mann,« entschied Moltke ruhig und würdig, »daß man es wohl hingehen lassen kann, wenn er sein hohes Verdienst vielleicht etwas schroff betont. Selbstgefällig sind wir Menschen wohl alle, wir lassen es nur nicht herauskommen. Wohl ihm, daß er eine Frau hat, der er sich ganz offenbaren kann!« Es zuckte leicht in dem marmorkalten Gesicht. Man schwieg, da man wußte, wie schwer er an der unvernarbten Wunde litt, sein junges Weib früh verloren zu haben, das einzige Wesen, das er je geliebt und noch liebte.

Nicht ohne Ergriffenheit sann Otto darüber nach, wie Weltereignisse und Privatleben sich kreuzen. Er selbst – wenn Nanne stürbe, wäre es ihm nicht schmerzhafter als eine verlorene Schlacht von Königgrätz? Schwer zu beantwortende Frage! –

Bei Empfang des Königs illuminierte Berlin, und als Otto aus dem königlichen Wagen stieg, verkündete ihm ein gewaltiges Hurra, daß die Zeit seiner Unpopularität vorüber sei. Als er Frau und Kinder in seine Arme schloß, hätte er am liebsten, fern den adulierenden Blicken, das Auge gen Himmel gerichtet: Endlich der Lohn so langer Mühen!

*

Der Friedensvertrag sollte im August zu Prag definitiv in Kraft treten. Als er in seinem Arbeitskabinett zwei Tage nach der Ankunft die Sonderverträge mit den Süddeutschen erwog, wobei er jedes persönliche Verhandeln mit dem Württemberger Varnbüler wegen dreister Preußenfresserei abgelehnt hatte, meldete sich plötzlich der Genius der Kompensation oder Revanche in Gestalt eines freundlich-ernsten Monsieurs.

»Mein teurer Graf Benedetti, was verschafft mir das Vergnügen Ihres angenehmen Besuches?«

Der Franzmann zeigte ein offenes Kuvert. »Ich bitte, diesen Brief an Eure Exzellenz entgegenzunehmen, wobei als Anlage ein Geheimvertrag in drei Artikeln. Mein Gebieter sendet ihn aus Vichy, wo er sich zur Kur aufhält. Ich bin nur der demütige Träger und Überbringer seines Willens.«

»Darf ich fragen, ehe ich lese, womit ich Ihnen dienen soll?«

»Mit den Rheingrenzen von 1814. Außer den entsprechenden preußischen sind die bayrischen und hessischen am Rhein darin einbegriffen, wofür Preußen letztere Staaten nach Gutdünken innerhalb Deutschland kompensieren mag.« Diese ungeheure Unverschämtheit ließ Benedetti so liebenswürdig vom Stapel, als habe er ein Gespräch über Salondinge. Otto warf das Kuvert in eine Ecke.

»Ich glaube zu träumen. Ihr Appetit scheint sich gesteigert zu haben.«

»Durch Ihr Essen! Um ernst zu sein, die Dynastie wäre bei uns in Gefahr, wenn die öffentliche Meinung nicht durch Zugeständnisse Ihrerseits versöhnt wird.«

»Soll ich Ihrer öffentlichen Meinung Hüter sein? Das wäre ein Krieg mit Revolution im Hintergrunde, und bei solchen Gefahren und Mitteln würde unsere Dynastie besser fahren als die Ihres kaiserlichen Herrn.«

»Wir schweifen ab. Eure Exzellenz begreifen noch nicht den Charakter meiner Sendung. Dies ist ein Ultimatum. Sofortige Übergabe von Mainz oder unmittelbare Kriegserklärung.«

Ohne eine Sekunde Zögern kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: »Sehr wohl, dann also Krieg!« Unter Diplomaten pflegt man sich nicht die Tür hinauszuwerfen, doch der Ton hatte die gleiche Bedeutung. Benedetti nahm seinen Hut und verschwand.

Napoleon hat wohl Wind von der Klausel »internationale und unabhängige Existenz«, die wir den Süddeutschen bewilligen wollen, wobei wir ihm noch Komplimente machen können, es geschehe aus Complaisance für seine Verwendung. Das hält er für das Nadelöhr, in das er einfädeln kann. Er wird sich höllisch täuschen. Gerade durch Preußens Siege wuchs in Süddeutschland das Nationalgefühl, die Rheinbundschwangerschaft ist vorüber, guter Hoffnung ist nur er selber, aber sie wird nur von Illusionen entbunden werden. Heute geht Benedetti mit Extrazug nach Paris, morgen ist Ministerrat und Marschall Niel wird schwerlich Kriegsbereitschaft melden. Ihr Chassepot haben sie noch lange nicht in Ordnung, die Franzosen werden hübsch still bleiben. Moltke möchte schon jetzt den Krieg, doch das ist ganz verfrüht, noch haben wir die Separatabkommen mit den Süddeutschen nicht in der Tasche. Wir müssen uns in die Veränderung der deutschen Verhältnisse erst einleben, auch brauchen wir einen Nationalkrieg mit Nationalzorn, und dazu liegt heute noch keine Veranlassung vor. – Am 7. August befand sich wieder der Journalist Vilbort zur Teestunde spät bei Bismarck und wollte sich um 10 Uhr verabschieden, als Keudell eintrat: »Graf Benedetti wünscht Eure Exzellenz dringend zu sprechen. Er reist morgen früh nach Paris.« Er war also einen Tag länger geblieben, auf neue Instruktion wartend.

»Sehr gut, ich komme sogleich, d. h. ich lasse bitten in mein Arbeitskabinett. Herr Vilbort, nehmen Sie doch eine Tasse Tee im Salon, ich werde bald zu Diensten stehen.«

Vilbort und Keudell unterhielten sich zwei Stunden, der Minister kam nicht. Es schlug Mitternacht. Beide sahen sich an. Es wurde 1 Uhr morgens, ehe Otto in den Salon zurückkehrte. Er lächelte freundlich, man sah seiner heiteren Stirne an, daß die Verhandlung mit Benedetti zu voller Zufriedenheit verlief. »Nun wollen wir uns aber etwas stärken mit Münchner Hofbräu. Herr Vilbort, ich empfehle Ihnen dies Kraut. Bei mir raucht man gute Zigarren.« Er plauderte leicht und fröhlich über allerlei Gesellschaftliches, die verschiedenen Sitten in Deutschland, Frankreich, Italien. Und doch wußte Vilbort, daß Gerüchte in Berlin umliefen, es könne zum Kriege mit Frankreich kommen. Als er aufbrach, erlaubte er sich die Frage: »Wollen Exzellenz eine sehr indiskrete Frage gestatten?«

»Ich gestatte alles, mein lieber Herr Vilbort. Nur zu!« Jovialer und sorgloser konnte man sich nicht geben und Vilbort schöpfte die Hoffnung, es sei jede Mißhelligkeit ausgeglichen.

»Nun denn, bringe ich Krieg oder Frieden nach Paris?«

»Den Frieden, die Freundschaft!« beteuerte Otto mit lebhaftem Nachdruck. »Dauernde Freundschaft! Ich baue fest darauf, daß Frankreich und Preußen fortan Hand in Hand an der Spitze der Zivilisation marschieren, ein herrlicher Dualismus der Intelligenz und des Fortschrittes.«

Nachdem Vilbort ging, veränderte sich Bismarcks Ausdruck und er instruierte Keudell trocken: »Es wird gut sein, wenn Sie morgen früh Vilbort vor seiner Abreise aufsuchen und ihn aufklären. Der Mann hat Einfluß und es ist zweckmäßig, daß man die Wahrheit in Paris erfährt. Nur darf sie nicht aus meinem Munde kommen, Sie müssen so tun, als sprächen Sie privat aus persönlicher Gewogenheit und nicht offiziell.«

»Werden Sie mich später desavouieren?« erkundigte sich Keudell im voraus.

»Dazu wird kein Anlaß sein. Sagen Sie also folgendes: ehe zwei Wochen um sind, wird der Krieg am Rhein losgehen, wenn Frankreich darauf besteht, deutsches Gebiet von uns zu fordern, was wir ihm weder geben können noch wollen. Nicht einen Zoll breit deutschen Bodens treten wir ab. Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht, denn ganz Deutschland würde gegen uns aufstehen. Da ziehen wir vor, daß es lieber gegen Frankreich aufsteht.«

»Was sagte denn Benedetti?«

»Die alte Leier. Drouyn de l'Huys habe ihm verschärfte Instruktion gegeben: entweder Mainz oder der Krieg. Ich habe ihn gebührend abgefertigt.« –

Es kam, wie er vorhersah. Der gallische Hahn krähte plötzlich nicht mehr überlaut, sondern kleinlaut. Es war ein indiskretes Mißverständnis von l'Huys, nicht vom edlen Louis, dessen Krankheit und Vichy-Kur man benutzt hatte, gegen seinen Willen zu handeln. Majestätisch krähte Chanteclair in einem offenen Briefe des Kaisers an Herrn Lavalette vom 12. August. Das große Frankreich bedarf nicht unbedeutender Zusätze und Zutaten von Grenzerweiterung, über solche Begierden kleiner Seelen ist der Genius der Großen Nation erhaben. Was will sie denn? Freiheit, Fortschritt, Frieden, aller guten Dinge sind drei. Wir müssen Deutschland brüderlich helfen, sich in solcher Form zu gründen, wie es am besten den Interessen Europas entspricht.

Otto hatte selten so gelacht wie über diese Rückzugskanonade. Ach, die Franzosen sind doch unser aller Meister im Schwindeln. Wie, sie steckten ihre Hand in unsere Hosentasche? Ja, weil sie darin ein Loch flicken wollten, keineswegs unsere Börse stehlen. Der mitternächtige Einbrecher schleicht ums Haus und brüllt: La bourse ou la vie, da zieht der Überfallene statt der Börse einen sechsläufigen Revolver und der arme Teufel von Räuber hat bloß eine alte Reiterpistole. Was kann er machen als Fersengeld geben und in sich hineinfluchen: Warte nur, ich komme wieder. Ich fürchte und hoffe, er wird halten, was er gelobt, den Schwur der Vergeltung, aber wenn er mit einem funkelnagelneuen Revolver wiederkommt, dann haben wir ein noch längeres Schießgewehr. –

Als ein Adjutant des blinden Welfenkönigs in Nikolsburg ein persönliches Handschreiben an König Wilhelm überreichen wollte, bewog ihn Otto, den Empfang zu verweigern. »Gemütspolitik ist stets vom Übel, hier aber ein Verbrechen an der deutschen Nation, die von uns Frieden und Einheit erwartet. Privatrecht ist nicht Völkerrecht. Wir tragen die Verantwortung für das Recht des deutschen Volkes, ungeteilt zu leben unter überwiegender Hausmacht ihres Oberhauptes. Preußen muß so stark wie irgendmöglich sein.«

»Nun gut! Nassau weine ich auch keine Träne nach. Mein hochseliger Vater haßte diesen Rheinbundstaat besonders. Übrigens war ja schon eine Nassauer Deputation bei mir, die um Annexion flehte, weil die Jagdpassion des Herzogs das Land verderbe.«

So flog denn wirklich die altnapoleonische Zauberformel umher: die Häuser Hannover, Kurhessen, Nassau haben aufgehört zu regieren und die reiche Reichsstadt Frankfurt bildete in der Kraftsuppe noch einen Markknochen als Zugabe. Dagegen behielt Württemberg das kleine Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen und sein Minister Varnbüler suchte als lebhafter Schwabe seine früheren Sünden gegen Preußen dadurch gutzumachen, daß er, zu Gnaden angenommen, zu jedem Bündnis zu haben war und mit beiden Händen zugriff. Sobald dies am 13. August geschah, folgte Bayern bald nach, nachdem der siegreiche Staatsmann der Versuchung widerstand, Einflüsterungen des badischen Ministers Roggenbach zur Vergrößerung Badens durch die Pfalz und hohenzollerschen Traditionswünschen nach Wiedererwerb von Anspach-Bayreuth Gehör zu schenken. Nur Hessen-Darmstadt ließ man vorerst im Konzern aus, weil der gänzlich rheinbundsüchtige Dalwigk und der Großherzogliche Hof es sofort an Frankreich ausgeplaudert hätten. Den Ausbau des Militärvertrages mit Sachsen übertrug Otto seinem Jugendfreund, dem Wirklichen Geheimrat Savigny, der als letzter Gesandter am seligen Bundestag naturgemäß das Dezernat für innerdeutsche Angelegenheiten erhielt. General v. Stosch, der sich für jede Diplomatie eignete, führte die Dinge später zum Abschluß in einer für Sachsen anscheinend zu günstigen Form. Es entging jedoch Otto nicht, daß der neue König Albert, ein hervorragender Kriegsmann, gewissermaßen aus fachmännischen, soldatischen Gründen jetzt ehrlich zu Preußen hinneigte. Der entlassene Minister Beust fand zwar bald sein Wiener Asyl durch Erhebung zum Reichslenker versüßt, und von seiner Ranküne konnte man sich nichts Gutes versehen, wenn er Österreich jetzt in gleichem Sinne leitete wie vordem Sachsen. Doch Otto vertraute mit Recht auf den heilenden Einfluß der Zeit und Gewohnheit, um jeden vererbten Zwiespalt mit Sachsen als Glied des Norddeutschen Bundes zu überbrücken.

*

Kaum eine Woche verging, als erneut das glatte Gesicht des großen französischen Diplomaten zu unerbetenem Besuch auftauchte. Diesmal tat er sehr geheimnisvoll. »Mein erhabener Souverän, immer bereit zu Mäßigung und Verständigung, versetzt sich in die Seele Eurer Exzellenz als des berufenen Gründers der deutschen Einheit und begreift die Unmöglichkeit für Sie, eigentliches deutsches Gebiet abzutreten.«

»Diese Einsicht macht sowohl dem Geiste als dem Charakter des erhabenen Herrschers Ehre.« Otto schlug ein Bein übers andere und schickte sich zu gemütlichem Plauderstündchen an. Er sah, daß der naive Halbitaliener ein kleines Machiavelli-Kapitel aufschlagen und kommentieren wollte, irgendeine hervorragende Spitzbüberei. Vermutlich Anwerbung Preußens als Spießgesellen zu gemeinsamer Beraubung eines Dritten.

»Sehen Sie, mein teurer Minister, wir verstehen uns so gut, daß wir ohne jede Affektion schlicht mit einander reden können. Ein Mann von Ihrer Stärke versteht ja auch bloße Winke.«

»Bitte winken Siel« Der preußische Recke schien in bestem Humor, das Ideal eines Faux Bonhomme. Um so besser! Zu Hallunkenstreichen sieht man sich doch nicht nach Ideologen als Kompagnons um.

»Ich hatte schon die Ehre zu beteuern, daß das Prestige des Kaisers gewisse Kompensationen heischt. Ihr interessanter Staat vergrößert sich so ungewöhnlich, daß ein gewisses Gleichgewicht hergestellt werden muß, wie recht und billig.«

»Das sehe ich freilich nicht ein. Wenn zwei sich boxen und einer unterliegt, so wäre doch wohl ungebräuchlich, daß ein Dritter, der zusah, einen Preis dafür beansprucht. Indessen, wir Diplomaten unter uns sind über solche Schwachheiten erhaben wie Begriffe von Recht und Unrecht. Billig ist, was mir gefällt. Ich verstehe den Wunsch nach Kompensationen, falls der Begehrende auch etwas bietet. Do ut des ist mein Wahlspruch.«

»Ich denke, Sie nahmen sich schon Ihr Teil,« lächelte Benedetti, »und wir geben genug, wenn wir zu allem ein Auge zudrücken. Pardon für meine Offenheit!«

»Die ich an Ihnen so liebe. Doch lassen Sie sich gesagt sein, daß der Friedensschluß nur die Kriegführenden angeht und daß wir für das bereits Stipulierte, was ja dem Pariser Kabinett wohlbekannt, keinerlei weitere Diskussionen führen. Hier gibt es kein do ut des. Im privaten Geschäftsleben gibt es Erpressung und Schweigegelder auch nur dann, wenn es etwas zu verstecken gilt. Wir haben aber nichts zu verbergen. In der hohen Politik verschmäht man natürlich solche vulgären Methoden, und wenn man Kompensationen sucht – ein schönes Wort, das ich liebe –, so tritt in Kraft das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Ich warte, worin Ihr Angebot besteht und was Sie als Preis verlangen.«

»Sie gehen mit tödlicher Sicherheit auf den Kern der Sache los.« Der Welsche rückte etwas verlegen auf dem Stuhle. »Sie lieben keine langen Vorreden, das ist Zeitersparnis. Nun wohl, Ihr Werk ist noch nicht gekrönt, die Rücksicht auf Frankreich hält Sie ab, Ihre so interessanten Annexionen auch jenseits des Mains zu erweitern. Österreich ließ Ihnen ja dieserhalb freie Hand.«

Blitzschnell verstand Otto die ganze Aktion. Napoleon ahnte nichts von geheimen Verhandlungen mit den Südstaaten und wähnte immer noch, dort eine Ablagerungsstätte des seligen Rheinbundes zu besitzen. Nachdem er die Unabhängigkeit der Südstaaten »vermittelt« zu haben glaubte, will er sie jetzt verraten und dafür ein anderes Geschäft machen. Wozu der Lärm, was steht dem Herrn zu Diensten? »Allerdings wäre eine breitere Basis der preußischen Hegemonie in Deutschland wünschenswert.«

»Sehen Sie wohl! Die Weisheit des Kaisers würde nun vielleicht nicht opponieren, wenn Sie Süddeutschland ohne weiteres in den Norddeutschen Bund einbeziehen würden, begleitet von territorialen Beschneidungen jener Staaten, welche Preußen die absolute Oberherrschaft vom Baltischen Meere bis zu den Alpen sichern.« Benedetti lehnte sich im Sessel zurück mit der Gebärde eines Mannes, der eine gute Tat vollbrachte und die Fülle seiner Freigebigkeit ausschüttete.

»Ah!« Otto stieß einen langen Seufzer der Befriedigung aus. »Das ist allerdings eine Größe des Angebotes, auf die ich nicht gefaßt war. Um solchen Preis wäre ich natürlich erbötig, Ihrem erlauchten Gebieter in allem zu Willen zu sein, sofern es nicht deutschen Boden betrifft.« Er sah es kommen.

»In diesem Falle bitte ich, Eurer Exzellenz bewährte Klarheit Ihre Blicke schweifen zu lassen, wohin wohl Frankreichs Interessen tendieren würden.«

»Für eine so erstrangige Großmacht öffnet sich ein weites Feld. Irre ich nicht, deutete ich schon früher einmal an, daß weniger nach der Ost- als nach der Nordgrenze eine breite Abrundung für Sie von Wert wäre.«

»Prachtvoll! Sie berühren sofort den Punkt. Wie denken Sie über Luxemburg? Ein gar kleines Gebiet.«

»Doch der Weg nach Brüssel«, fiel Otto eifrig ein. »Belgien als natürliche Anschwemmung der Maas, dieses altfranzösischen Stromes, gehörte zum ersten Empire und ist durch Sprache und Rasse, wenigstens der Wallonen, der französischen Sphäre untertan. Nun, gegen solche Kompensierung hätte ich nichts einzuwenden, ich sähe sie sogar mit günstigem Auge, weil der schrankenlose Klerikalismus in Belgien eine Verführung für unsere rheinische Klerisei bildet. In Frankreich weht der freiere Odem eines modernen aufgeklärten Staatswesens.«

»Der Kaiser wird entzückt sein, diese originelle und tiefsinnige Interpretation seiner wohlmeinenden Politik zu erfahren.«

»Freilich wird England Einspruch erheben – auch könnte Rußland behaupten, es habe Belgiens Neutralität mit garantiert –«

»Aber ich bitte Sie! Neutralität ist nur ein Fetzen Papier. Die Segnungen französischer Kultur auf Belgien zu übertragen scheint mir die höhere Moral. Was aber die genannten Mächte betrifft (Österreich kann sich auf Jahre nicht rühren), so wünscht mein Gebieter ein Schutz- und Trutzbündnis mit Preußen, um jeder Einmischung mit Waffengewalt entgegenzutreten.«

»Gewiß, Einmischung und Vermittelung bei intimer Abmachung zwischen zwei Großmächten ist mir in der Seele zuwider«, biederte Otto mit ernster Ironie. »Wir würden uns also gegenseitig alle Annexionen garantieren, die wir für gut finden?«

»Selbstverständlich!« Otto hoffte, auch noch von Holland zu hören und würde großartig auch diese Kleinigkeit beiseite schieben: Weg mit Schaden! »Darf ich in Paris sagen: Abgemacht? Dann wäre uns beiden ein großes Werk gelungen.« Das Großkreuz der Ehrenlegion schwebte vor seinen lüsternen Augen.

»Was mich selbst betrifft – basta, einverstanden! Allein ich bin nicht der König. Und Luxemburg ist eine etwas kitzliche Geschichte, es gehört doch eigentlich zu Deutschland, wenigstens im früheren Bundesstaat. Da bekomme ich Schwierigkeiten mit Sr. Majestät. Doch ich hoffe, ihrer Herr zu werden. Nur eins ist unbedingt nötig: daß Sie mir ein Memoire über das Bündnis schreiben, etwa eine Vorlage des Kontrakts, wie Sie ihn sich denken. Nur mit solcher Unterlage darf ich dem König die geplante so hochwichtige Abmachung näherbringen.«

»Nichts leichter als das. Ich schmeichle mir, einige Erfahrung im Aufsetzen solcher Schriftstücke zu besitzen. Ich werde die Ehre haben, schon morgen das Gewünschte zu überreichen.«

Otto starrte auf die Tür, die sich hinter Benedetti schloß, als stehe der Erbfeind selber dahinter. Dem Verräter Treue halten, unlauterem Wettbewerb mit Ehrlichkeit begegnen? Nein, Monseigneur le Diable, ich werde deinem Hinkefuß ein solches Bein stellen, daß du stolpern und purzeln sollst.

Aha! haha! Fünf Artikel! Eine Räuberei in fünf Akten! Vielversprechender Anfang: Seine Majestät, der König von Preußen, und Seine Majestät, der Kaiser der Franzosen, die es für nützlich erachten, die Bande der Freundschaft enger zu knüpfen und die gute Nachbarschaft zu fördern, sowie den allgemeinen Weltfrieden zu sichern, einigen sich, verschiedenen Schwächeren das Fell über die Ohren zu ziehen. Ein edler, schöner Plan!

Otto schüttelte Benedetti die Hand. »Sie werden bald von mir hören. Das heißt, nicht allzu bald. Gut Ding will Weile haben. Sie reisen nach Karlsbad, nicht? Gott befohlen! Nach Ihrer Rückkehr besprechen wir alle Einzelheiten.«

»Sie sind der wahre Autor, ich nur der Schreiber«, lächelte Benedetti etwas verlegen, doch nicht argwöhnisch. Er reiste ab und das wunderbare Schriftstück wanderte hinter Schloß und Riegel ins Geheimarchiv. Legt's zum übrigen! Bleibe du verschollen, schönes Traktat, bis dich die Stunde aus der Versenkung heraufholt, die fern am Horizont dämmert, denn es wird wohl eine Morgenstunde sein ... wenigstens nach deutscher Uhrzeit.

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