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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 20
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
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Am 1. Juli in Schloß Sichrow dachte er daran, daß er den Besitzer, Fürst Rohan, jährlich in Gastein sah. Wie doch solch ein Krieg die Beziehungen ändert! Der König war heiter und guten Mutes, da die Fama, wie es zu geschehen pflegt, die Erfolge noch vergrößerte. »Zwei ihrer Korps sind ganz zersprengt, die Österreicher retirieren fortwährend, werden sich wohl erst bei Olmütz wieder setzen«, teilte er mit. »Nur unsere Verwundeten trüben mir die Freude! Die armen unschuldigen Menschen, die für König und Vaterland so treu ihr Blut vergießen! Der Jammer in den Spitälern!« Nach einem Rundgang durch die Lazarette bestellte Otto eiligst viele tausend Stück Zigarren und mehrere Dutzend Kreuzzeitungs-Abonnements. Solche geistige Nahrung schien ihm vorsichtshalber am bekömmlichsten, da man nicht wissen konnte, wie die liberalen Blätter sich verhielten. Rückten doch die Reservisten und Landwehren mißmutig genug in den sogenannten Bruderkrieg. Den verschiedensten Beobachtern fiel die verdrossene Haltung der Truppen beim Einmarsch auf. So schrieb es Blumenthal in sein Tagebuch. So berichtete der Schlachtenmaler Bleibtreu, im Stabe Friedrich Karls anwesend, zu Anfang, als er mit den Truppen sprach. Dagegen versicherte er in Gitschin dem Grafen Eberhard Stolberg, Bismarcks Freund, jetzt Chef des freiwilligen Sanitätswesens, mit dem er im Quartier lag und eine Art patriotischer Verbrüderung von Konservativ und Liberal unter großer gegenseitiger Begeisterung feierte: »Gottlob, der Bann ist gebrochen. Unsere herrlichen Haketauer haben erprobt, was für ›deutsche Brüder‹ das sind, Slowaken, Panduren, Tschechen, Heiducken. Als die Lichtensteinhusaren mit Geheul anritten, schrien unsere: Is nich! Haut ihm! Und wo die endlosen Gefangenenzüge vorübertrotteten und ihr slawisches Kauderwelsch parlieren, lachen unsere Leute geringschätzig und blicken auf sie herab. Schade, daß man hier auch mit Regiment Deutschmeister zusammenstieß und ihm eine Fahne abnahm! Das waren nun wirklich deutsche Brüder, Wiener Jungens, und auch ein Feldjägerbataillon. Doch die zeigten so verbissenen Preußenhaß, wie sie ihn schwerlich gegen Franzosen und Russen hätten, und da verging den Unseren auch die Geduld und die Stammesbrüderschaft endete damit, daß sie die Kaiserlichen windelweich durchkeilten.«

Und wieviel Gezeter über den Bruderkrieg hatte Bismarck noch in Berlin hören müssen! Die Königin zerfloß in Tränen, benahm sich aber nachher höchst würdig und hingebend, scheute nicht die Fahrt nach Schlesien zu ihrem Sohne, um ihn gewissermaßen zu segnen und sein Wohl dem Berater Blumenthal ans Herz zu legen. Sie sprach dabei schön und königlich. Auch die Kronprinzessin bewies eine ernste Fassung und verbat sich wiederholte Rückreise ihres Gemahls nach Berlin, wie dies während des Aufmarsches geschehen war, teils um sich mit dem König zu besprechen, teils um sein sterbendes Kind Prinz Sigismund zu sehen. Ihr Mann gehöre jetzt nur dem Vaterlande und dürfe keinen Augenblick aus dem Feldlager scheiden. Als das Kind starb, zeigte der sonst so weiche Kronprinz auf die Kunde hin eine männliche erhebende Fassung, die ihm Blumenthals Herz gewann. Wie immer entfaltete sich erst in der Not die Stärke der deutschen Seele, aus unergründlichen Tiefen des Unbewußten die altgermanische Heldengesinnung und eine ahnungsvolle Gottesfurcht hervorholend. Tue recht und scheue niemand! Dies deutsche Sprichwort soll heißen: dann wird Gott mit dir sein! Dazu braucht es keiner Kirchengängerei. In den kernigen Bataillonen, die hier mit festem Marschtritt vorüberzogen, hatten wohl wenige ihren Herrgott mit viel Gebeten belästigt, doch sie sangen jetzt mit voller Überzeugung und ihrer gerechten Sache bewußt: Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr und Waffen.

»Unsere Leute sind ja zum Küssen«, rief Otto seinem ihn ins Hauptquartier begleitenden Vetter Karl Bismarck-Bohlen zu. »Dieser Todesmut, diese Ruhe und Folgsamkeit! Endlose Märsche, ewiger Regen und dazwischen sengende Hitze, die Kleider durchnäßt, das Biwak eine Pfütze, der Magen leer, die Stiefelsohlen fallen ab, und dabei immer gutmütig und freundlich gegen die Einwohner, nichts von Plündern und Sengen. Und das nennt man nun Gemeine und den gemeinen Mann! Wahrlich, die könnten unsereins beschämen!«

Natürlich logen die tückischen Tschechen, die ihren feigen kriechenden Deutschenhaß nun endlich mal als »patriotisch« ausspielen konnten, und die Wiener Pressebanditen über preußische Greuel, weil sie diese Erfindungen aus ihrer eigenen schönen Seele sogen: so würden sie es treiben im Feindesland. Gnade Gott deutschen Landen, wenn Franzosen oder Sklaven dort ihre Bestialität gar herrlich offenbaren könnten!

Noch in Sichrow erhielt er eine Depesche: »Ich habe die Ehre meine Ankunft zu melden. Graf Benedetti, Botschafter von Frankreich.« Verdammt! Schon jetzt Intervention? Er teilte die unerfreuliche Kunde dem König und Moltke, die nachmittags einen Kriegsrat hielten, mit. »Unter solchen Umständen darf man nicht nachlassen im Vordringen, um möglichst Zeit zu gewinnen.«

»Die nötigen Befehle sind ergangen«, versetzte Moltke ruhig. »Der Feind steht offenbar hinter der Elbe zwischen den Festungen Josefstadt und Königgrätz. Steinmetz hatte vorgestern telegraphiert: ›Weg zur Elbe frei‹, doch wird sich zeigen, ob die Übergänge nicht verteidigt werden. Es hängt das meiste vom Flügeldruck der II. Armee ab, dort wird aber immer etwas zu langsam marschiert.« Otto dachte sich sein Teil. Er wußte, daß Blumenthal den ganzen Aufmarsch in endlosem Bogen zwischen Halle und Görlitz getadelt und rascheres Vorgehen über die Neiße befürwortet hatte, daß zwischen ihm und Moltke stets eine leichte Spannung bestand. Am 2. in Gitschin hatte man noch keine richtige Übersicht. Die Elbarmee sollte auf Pardubitz an der Elbe, die I. Armee auf Horsitz und Sadowa an der Bistritz vorrücken, die II. Armee am linken Elbufer bleiben ohne Uferwechsel, nur das Korps Bonin hatte seitwärts die linke Flanke Friedrich Karls zu decken, war aber noch so weit entfernt, das letzterer auf dessen Beihilfe am 3. nicht rechnen konnte.

Am 2. Juli abends erschien unerwartet der Stabschef Blumenthal in Gitschin, um abweichende Vorstellungen zu erheben. Sein Vortrag gab einen Überblick der Ereignisse beim Kronprinzen.

»Erst am 6. Juni erfuhr ich durch Major Berdy, daß wir auch noch das Gardekorps bekämen. Wir lagen damals beim Fürsten Pleß auf Schloß Fürstenstein in Quartier. Damals spukte auch noch das Gespenst freiwilliger schlesischer Jägerkorps. Das Gutachten Seiner Königl. Hoheit fiel aber auf mein Anraten dagegen aus, obschon Höchstderselbe anfänglich sich dafür enthusiasmierte. Von dieser Bummelei um das wirkliche Heer herum verspreche ich mir nur Übles.« Der König nickte. »Die schreckliche Hitze und dann Gewitterregen hinderten damals den Vormarsch, ich selbst bin bei Besichtigung der Truppen vor Durchnässung ganz heiser geworden. Die Stimmung war nicht gut. Die feindliche Hauptmacht stand angeblich schon gesammelt bei Olmütz und wir erwarteten Neiße gegenüber den Einmarsch von fünf Korps und viel Kavallerie schon am 10. Wir wollten in die gute Stellung von Neiße vorgehen, der Chef des Großen Generalstabes untersagte aber die Bewegung ohne Genehmigung Seiner Majestät, die Allerhöchstsie dann wirklich erteilten. Viel freie Hand ließ man uns also nicht.« Moltke räusperte sich, schwieg aber. »Wir entfernten uns so noch mehr von der I. Armee, doch ich nahm an, man gebe den Plan auf, mit der Hauptmasse Böhmen anzugreifen.«

»Wie Sie sehen, stehen wir jetzt siegreich in Böhmen,« mahnte Moltke kalt.

»Ja, weil der Feind sich unglaublich benahm. Wir hatten anfangs nur 80 000 Mann gegen 160 000 Österreicher. Daß diese nicht in Fluß kamen, war nicht vorauszusehen. Sie transportierten Massen per Bahn aus Krakau gegen die Grafschaft Glatz und wir waren erst dorthin auf dem Marsche. Gottlob hatten wir am 18. schon 130 000 und trotz Tartarennachrichten und Generalmarsch störte uns der Feind nicht. Am 20. war ich mir klar, daß wir selbst offensiv werden könnten. Im übrigen Deutschland gingen die Dinge ja sehr glatt und der Herr Ministerpräsident fädelt alles so kühn ein, daß ich große Hoffnungen schöpfte.« Er verbeugte sich vor Otto. »Damals kam Oberstleutnant Veith mit einem Schreiben des Generals v. Moltke, daß die I. Armee in Böhmen Schlacht suchen und unser 1. Korps bei Trautenau unterstützen solle. Sehr einverstanden. Hiernach fiel uns die Aufgabe zu, den etwaigen Sieg auszubeuten. Am 22. brachte uns ein Feldjäger ein Schreiben des Grafen Bismarck über die politische Lage, wofür wir sehr verbunden waren. Der Vormarsch begann, und ich kann versichern, daß ich die Karte so lange studierte, bis meine schwachen Augen tränten. Ich litt an nervösem Kopfschmerz, doch ich glaube, der Energie unserer Bewegungen hat man nichts angemerkt.« Moltke verbeugte sich. »Nachher schrieb uns der Große Generalstab alles das vor, was wir längst begonnen. Die Operation übers Gebirge war sehr gefährlich, doch ich verkannte nicht die Notwendigkeit. Am 23. erhielten wir in Kamenz, Schloß Prinz Albrechts, wieder Tartarennachrichten, trotz des abscheulichen Wolkenbruches rücken wir vorwärts, obschon mir das Herz blutete. Kranke und Marode von solchem Gebirgsmarsch!« Der König nickte teilnehmend. »Wir versprachen, am 28. bei Königinhof zu sein, also gab es keinen Ruhetag. Am 24. hatten wir einen schweren Tag für weitere Marschanordnung, in der Nacht tat ich kein Auge zu, weil unser Hauptquartier entblößt blieb für einen Handstreich feindlicher Kavallerie.«

»Wie bei uns in Reichenberg«, lächelte der König.

»Seine Königl. Hoheit blieben dabei stets ruhig und freundlich und wirkte auf die Truppen höchst angenehm. Am 26. bei Nachod, zwölf Stunden zu Pferde, tröstete seine glückliche begeisterte Stimmung die Verwundeten, rastlos sprach er die braven Bataillone an und feuerte alle an, wo er konnte.« Der König lächelte glücklich. »Vom Weiteren sage ich nur, daß die Anstrengung übermäßig war und der Mangel an Kriegserfahrung bei vielen Generalen sich rächte. Bagagen und Munitionstrains waren vielfach im Wege. Am 1. Juli gab uns Major Graf Häseler bekannt, daß die I. Armee schon bei Gitschin sei, und am 2. erhielten wir die Direktive, daß beide Armeen auf beiden Elbufern rekognoszieren sollten.« Der nervöse Mann stand auf und ließ sich zu der Offenheit fortreißen: »Das war mir denn doch zu stark.« Er setzte sich wieder und berichtete trocken: »Ich fuhr mit Major Verdy seit 10 Uhr morgens nach Gitschin und habe jetzt die Ehre, hier meine untertänigste Warnung vor Fortsetzung so konzentrischer Bewegungen vorzubringen. Da müssen wir ja vereinzelt geschlagen werden.« »Was sagen Sie dazu?« wandte sich der König an Moltke.

»Ich halte diese Befürchtung für übertrieben, da unsere qualitative Überlegenheit uns immer aushelfen wird. Immerhin glaube ich, man wird diese Bewegung modifizieren müssen. Ich verkenne nicht die theoretische Triftigkeit der Einwendung. Wir werden aufschließen und uns möglichst vereinen.«

»Und wenn wir die Schlacht gewinnen, gerade auf Wien los, nicht rechts noch links blicken.« Blumenthal rief dem König zu: »Eure Majestät müssen von Gitschin nach Wien ein Lineal auf der Karte anlegen, einen Bleistiftstrich ziehen und längs dem Strich marschieren.« Der König lächelte liebenswürdig, ohne an der brüsken Art Anstoß zu nehmen. Unser guter Blumenthal, ein höchst brauchbarer Mann von großem Werte, liebt die starken Worte und meint es nicht so ernst. Otto sagte kein Wort. Er beachtete Blumenthals Ärger, wenn die Mitglieder vom Hauptquartier ihm herablassend gratulierten, doch einige Rügen durchblicken ließen. Er las auf dem Gesicht des Feldherrn den Unmut über diese wichtigen Gesichter. Ihm waren diese Stabsgelehrten auch schön odiös, er las Blumenthals Urteil ihm ab: »Schwatz über Dinge, von denen sie absolut nichts verstehen.« Letzterer fuhr jetzt eilig ostwärts. –

Gegen abend änderte sich das Bild. Denn drei verschiedene Offiziere meldeten von Auskundungsritten, daß mindestens vier feindliche Korps noch diesseits der Elbe und vorwärts von Königgrätz bei Lipa und Sadowa ständen. »Will der Feind zum Angriff übergehen? Wo stehen die übrigen Korps?« fragte Friedrich Karl leidenschaftlich. »Wir müssen ihm sofort zuvorkommen.«

»Wollen also Königl. Hoheit die Konzentrierung Ihrer Armee für morgen früh bestimmen?« fragte Voigts-Rhetz. »Die Elbarmee würde zur Deckung Ihrer Rechten auf Nechamitz vorgehen. Aber die II. Armee schon zu disponieren, wäre wohl vorschnell, vorerst wird sie gegen Josefstadt sich ausbreiten, wie ich denke.«

»Eine Verbindung mit uns muß über Königinhof hergestellt werden mit der Garde. Ich will sofort in diesem Sinne an den Kronprinzen schreiben. Den General Herwarth wollen Sie beauftragen, um 3 Uhr früh aufzubrechen. Wir gehen bei Tagesanbruch gegen die Bistritz vor, ich will unter allen Umständen angreifen.«

So erfuhr Otto nachts, aus dem Schlafe geweckt. Voigts-Rhetz erschien nämlich persönlich in Gitschin, um die eigenmächtigen Maßregeln seines Chefs darzulegen. Es war schon 11 Uhr, alles schlief, doch der unermüdliche Königsgreis war sogleich bei der Hand. Kaum hatte er den Vortrag angehört, als er auf der Stelle zusagte und persönlich alle Befehle ausfertigte, den Kronprinzen zu sofortiger Ausführung brieflich anwies. Das schlug natürlich anders ein als das Handschreiben Friedrich Karls, das Blumenthal beiseite schob. Der König selber, nicht Moltke, hat die Schlacht geliefert. »Waren Sie schon bei Moltke? Benachrichtigen Sie ihn!« Major Verdy weckte Moltke, dessen feinziselierter Kahlkopf ohne Perücke sich glatt wie eine Billardkugel ausnahm. Sonst sah ihn kein Sterblicher je in perückenloser Nacktheit. Der König, Roon und Bismarck eilten herbei.

»Einen bloßen Halt auf dem Rückzuge bedeutet dies wohl kaum. Es scheint natürlich möglich, daß das übrige k. k. Heer schon den Uferwechsel vollzog und hinter Königgrätz steht. In diesem Falle würde der diesseits befindliche Teil durch umfassenden Angriff von uns über die Elbe geworfen werden, was die spätere Forcierung der eigentlichen Elbstellung zwischen Josefstadt und Königgrätz erheblich erleichtern würde. Wahrscheinlich steht noch das ganze Heer diesseits in vielleicht gut ausgewählter Stellung, sowohl zu Offensive als Defensive bereit. Dann wäre es unverhoffter Glücksfall. Benedek schlüge dann mit der Elbe im Rücken. Auf jeden Fall werden Eure Majestät wohl befehlen müssen, daß wir morgen mit allen Kräften angreifen,« entschied sich Moltke bedächtig.

»Dann werden Sie also Befehl an den Kronprinzen ausfertigen, daß er gegen die rechte Flanke marschiert«, sagte der König ernst.

»Zu Befehl. Es ist jetzt vor Mitternacht. Ein guter Reiter sollte morgen früh über Miletin die ll. Armee erreichen können. Ich werde ihm noch ein Schreiben ans Korps Bonin mitgeben, das er auf seinem Ritt passieren muß, damit es sofort als am nächstenstehend aufbricht.«

Als Flügeladjutant Graf Fink v. Finkenstein abritt, sann Otto schlaflos nach. Rächte sich jetzt nicht das Verbleiben der II. Armee auf dem jenseitigen Elbufer, das Auseinanderspreizen, der Heere auf fünf Meilen, indes österreichische Aufstellung vermutlich nur eine Meile beansprucht? Zur selben Zeit sprach sich Blumenthal äußerst abfällig und scharf über die Moltkesche Direktive aus, eine Strategie auf exzentrischen Linien, die notwendigerweise zu einer Krise führen mußte, wenn plötzlich rascher Zusammenschluß der getrennten Heere durch gegnerische Maßnahmen nötig wurde. Andererseits läßt sich nicht verkennen, daß Benedek seit fünf Tagen seine Masse zu unbehilflich aufeinanderpackte, um nicht wegen Verpflegungsschwierigkeiten und Straßenbeengung in jeder freien Bewegung gehindert zu werden. Sein Abmarsch über Josefstadt auf Wien hätte nicht mehr ohne lebhafte Belästigung durch den nachdrängenden Feind bewerkstelligt werden können, immerhin würde die Festung Königgrätz den Rückzug über die Elbe gedeckt haben, und die II. Armee, ihm auf seinem Abmarsch jenseits begegnend, hätte wohl kaum die nötige Stärke gehabt, ihn völlig aufzuhalten. Unter solchen Umständen wäre die ganze preußische Operation hier ein Schlag ins Wasser gewesen. Trotz seiner eigenen pessimistischen Anschauung der Lage, der er in verzweifeltem Telegramm an den Kaiser »Katastrophe unvermeidlich« Ausdruck gab, ließ sich aber Benedek überzeugen, daß sein angeblich erschüttertes Heer noch völlig schlagfertig und mutig sei, was auch gewissermaßen zutraf. Die preußische Anschauung, daß die geschlagenen Korps »zersprengt« oder demoralisiert seien, ging fehl. Selbst das Korps Ramming, das sich nach Nachod für gefechtsunfähig ausgab, zeigte später noch hervorragenden Schneid. Ferner hatten das II. und III. Korps noch gar nicht, die Sachsen nur wenig gefochten. Die versammelten acht Korps stellten noch eine Stärke von über 200 000 dar und die Bistritzstellung, wo man lagerte, hatte große natürliche Vorteile, die er nacheinander durch zwölf Schanzen oder Batterieeinschnitte verstärkte. Man hatte Chlam-Gallas und Erzherzog Leopold ihrer Posten enthoben, und das alte österreichische Mißtrauen gegen fürstliche oder hochadelige Führer hätte am liebsten auch die Grafen Festetics und Thun von ihrem Korps entfernt. Verdankte doch der Feldzeugmeister selber seine Ernennung zum Oberfeldherrn hauptsächlich seiner niederen Herkunft, was ihn sofort in Österreich, wo Feudalität und Demokratie kraus durcheinander wirtschaften, volkstümlich machte. Als er später in ziemlich roher Art zum Sündenbock gestempelt wurde, als ob irgendwer außer Erzherzog Albrecht die Sache besser gemacht haben würde, fiel ihm daher leicht, mit geheimnisvollen Drohungen die Schuld auf seine hochgeborenen Korpschefs abzuwälzen, die nicht gehorcht hätten. Und niemand antwortete ihm logisch: warum paßten Sie nicht auf, warum überwachten Sie Ihre Korpschefs nicht, immer den Blick nach falscher Richtung gewendet? Die tapferen Grafen Thun und Festetics, beide schwerverwundet, führten ihre Korps nicht schlechter als der bürgerliche General Weber das vormalige Erzherzog Leopolds. Es wiederholte sich die Legende von Aspern, wo der bürgerliche Korpschef Hiller das beste getan haben sollte, gemäß seiner schwülstig byzantinischen Relation, die Fürsten Rosenberg, Hohenzollern, Liechtenstein aber allgemeinem Tadel verfielen, obschon sie durchweg ihre Pflicht taten und ihre Rapporte eine wahrhaft vornehme Gesinnung verraten. So straft sich die reaktionäre Feudalität durch eine ebenso unvernünftige Demokratie zum Schaden des Gemeinwohles, indem die oberen den unteren und die unteren den oberen Ständen mißtrauen und aneinander kein gutes Haar lassen. In Preußen aber, wo es mit Standesvorrechten längst ein Ende nahm und im großen ganzen die Bürgerlichkeit den Ton angab, beherrscht der untere Adel alle Militär- und Beamtenposten, und niemand nahm daran Anstoß. Die vollständige vaterländische Einheitlichkeit machte das Preußenheer von vornherein dem zusammengewürfelten Nationalitätenmischmasch der Kaiserlichen überlegen.

*

Brausendes Hurrarufen begrüßte um 8 Uhr morgens die Ankunft des Königs auf der Höhe von Dub. Auf seinem sanftgehenden Braunen saß er straff im Sattel und betrachtete gespannt das kriegerische Schauspiel. Nebel und Regenschleier verhingen lange die Aussicht über das Bistritzufer. Nur die zahlreichen Blitze und Glühpünktchen auf der Lipaer Hochfläche verrieten den Standort der feindlichen Feuerschlünde. Friedrich Karl erschien in seiner roten Husarenuniform, bleich und finster, in den Augen ein tiefes Glühen. Dies war seine Schlacht, er hatte sie selbständig in die Wege geleitet, wußte aber, daß man nachher alles auf Rechnung des Oberkommandos setzen würde. Obschon persönlich sehr human und eigentlich bescheiden, hatte seine Haltung manchmal etwas Hochmütiges und Barsches, was ihn bei Fernerstehenden unbeliebt machte. Da man das Urteil der Welt fast immer auf den Kopf stellen muß, um die Wahrheit zu erfahren, galt er als brutaler Nur-Soldat, während er vorzugsweise geistreiche Unterhaltung liebte und sich gern auf seinem Landsitz mit Schriftstellern umgab, galt als Säufer, der seine schöne Frau mißhandle, während er nur als Kettenraucher sich neben Bismarck sehen lassen konnte und sehr mäßig trank, leider aber zum Ehezerwürfnis durch eine schlimme verborgene Untugend Anlaß gab, die man bei ihm am wenigsten hätte vermuten sollen. Im geheimen sehr wohltätig, von vornehmer Denkart, zum Studium geneigt, litt er an einem gewissen düsteren Weltschmerz und fühlte sich verkannt. Vor dem Bildnis des gefallenen südstaatlichen Reiterführers Stuart, des Seydlitz von Amerika, flüsterte er ehrerbietig: »Der konnte mehr als ich!« Dabei war er sich wohlbewußt, daß die törichte öffentliche Meinung ihn für einen rohen Draufgänger hielt, indes er im graden Gegenteil als wissenschaftlich gebildeter Theoretiker jede Unüberlegtheit verpönte und vor allem bedacht blieb, unnütze Menschenopfer zu vermeiden und den Krieg nach allen Regeln der Kunst zu führen. Dies trug ihm später im Loirefeldzug sogar den Spitznamen Fabius Kunktator ein, wobei freilich viel Ungerechtigkeit seiner hochgestellten Feinde mitsprach. Daß sich trotzdem die blutigsten Kämpfe der neupreußischen Geschichte an seinen Namen knüpfen, hing mit seinem napoleonischen Aufflammen in entscheidenden Augenblicken zusammen. Nur die gröbste Verkennung und neidische Krittelei kann aber behaupten, daß der Schläger von Königgrätz, Vionville und St. Privat, der Sieger von Orleans und Le Mans nicht zweckmäßig und großzügig gehandelt habe. Er faßte den Kampf ganz von der moralischen und geistigen Seite auf und betätigte einmal in schwerstem Schlachtenabend seine trotzige Maxime: der Wille zum Siegen siegt. Kurz, er war, mochte eine naseweise Kritik nach anfänglicher populärer Überschätzung ihn später fallen lassen und ihn aus der Liste der Bedeutenden löschen, dennoch ein geborener Feldherr und gehörte durchaus mit in die Vorderreihe des gewaltigen Führergeschlechtes, das so plötzlich Preußens geistige Überlegenheit auf allen Gebieten enthüllte.

»Ich melde Eurer Majestät den Aufmarsch der I. Armee,« rapportierte er kurz und bestimmt. »Seit 6 Uhr früh mattes Gefecht in der Bistritzniederung. Wir wollen jetzt den Bach überschreiten, und ich bitte um Erlaubnis, den Angriff auf die Höhen beginnen zu dürfen.«

Einen Blick mit Moltke wechselnd, erwiderte der König: »Ich erteile Eurer Hoheit den Befehl dazu.« Moltke rührte sich nicht und sagte kein Wort. Er konnte den Prinzen nicht leiden und rieb sich später kritisch an ihm. Mit Blumenthal, seinem früheren Stabschef, hatte der Prinz sich auch überworfen, und Bismarck bezeichnete ihn als unausstehlich, wobei er noch spöttische Bemerkungen über seine »Favoriten« einflocht. Als der seltsame halbgeniale Mann davonsprengte, dachte er bitter: Geht's schlecht, wird man über mich herfallen, geht's gut, wird mein lieber Vetter alle Lorbeeren ernten. Zwischen ihm und dem Kronprinzen bestand eine schlecht verhüllte Abneigung, gemischt mit Eifersucht. Nun, die eingebrockte Suppe mußte jetzt ausgelöffelt werden, und der Prinz ahnte sehr wohl, daß ihm die längsten bangsten Stunden seines Lebens bevorständen.

Schon schlugen Granaten zu beiden Seiten der Höhe ein, da das zahlreiche glänzende Gefolge des Königs eine feindliche Batterie anlockte. Der riesige Kürassier mit weißem Waffenrock, einen grauen Überrock lose darübergeworfen, und breitem Helm zog manche Blicke auf sich. Verschuldete doch vorzugsweise, daß hier die zahlenmäßig größte Schlacht nächst der von Leipzig ausgefochten wurde.

Gegen 215 100 Österreicher 221 000 Preußen, doch wie viele von letzteren fochten nicht! Selbst die 124 000 Streiter Friedrich Karls und Herwarths (ersterer durch Marschabgänge, Etappenposten, Abkommandierte, Gefangenentransport auf 85 000 gesunken) kamen durchaus nicht alle ins Feuer, von den 97 000 des Kronprinzen noch nicht die Hälfte. Eine starke, teilweise verschanzte, mit sehr zahlreicher und vortrefflicher Artillerie bespickte Hochfläche zu erstürmen, schien also ein gewagtes Beginnen.

»Die Lage hat große Ähnlichkeit mit der Schlacht von Torgau«, äußerte Roon.

»Und die Höhen da drüben bei Chlum, wie das Nest nach der Karte heißt, gleichen den Suptitzer Höhen, über die Zieten einbrach. Hoffen wir heute ähnliches vom Kronprinzen!«

Die Stärkeverhältnisse waren übrigens auch insofern ungleichmäßig, als Benedek über 60 000 Mann weit rückwärts in Reserve hielt, seine Linke mit 37 500 Mann ausstattete, wo die Elbarmee sicher keine überlegenen Kräfte heranführte, dagegen im Zentrum Lipa-Sadowa-Kistowes, wo ihn fast die ganze Macht Friedrich Karls bedrohte, nur 50 500 versammelte. Am rechten Flügel, der sich seitwärts herumbog, standen von Maslowed bis zur Elbe 67 000 Mann der Korps Festetics und Thun. Diese sollten nach Benedeks Disposition eine viel engere rückwärtige Linie von Chlum beziehen, und aus Nichtbefolgung dieser Anordnung leitete der unglückliche Nichtfeldherr nachher den Verlust der Schlacht her. Viele leierten ihm diese Ausrede nach, ein Blick auf die Karte und die Topographie des Schlachtfeldes lehrt das Hinfällige einer dem nachträglichen Mißerfolg angepaßten Auslegung. Die von Benedek gewählte engere Linie war defensiv viel schlechter, offensiv für Gegenschläge unbrauchbar, die Schanzen ungeschickt in der Tiefe angelegt. Nicht mal die Begründung hält Stich, daß die ursprüngliche schlechte Aufstellung weniger einer Umgehung durch den Kronprinzen ausgesetzt gewesen sei, den übrigens Benedek selber noch am anderen Ufer vor Josefstadt vermutete. Das Vorgehen der beiden Korps in die Höhenlinie Maslowed-Horenowes bildete einen weit besseren Flankenschutz und einen stärkeren Verteidigungsabschnitt. Daß aber F. M. L. Molinary, der schon bald nach schwerer Verwundung des Grafen Festetics das vierte Korps leitete, und Graf Thun sich verleiten ließen, zur Offensive überzugehen und so den Raum Horenowes-Trotina zu entblößen, belastet sie keineswegs. Denn es war Benedeks Aufgabe, dem diese Tatsachen doch bald genug zur Kenntnis kamen, seine nutzlos aufgestapelten Reserven sofort in die Lücke über Chlum vorzuführen, so daß die preußische Garde dort eine lange unübersteigbare Schranke gefunden hätte. Allerdings beschied er zweimalige Vorstellungen Molinarys abschlägig und beharrte dabei, beide Korps sollten in die schlechte Schanzlinie von Chlum zurückgehen, ohne daß er sich herabließ, sich persönlich vom Stande der Dinge bei Maslowed zu überzeugen. Wenn Molinary und Thun nur zögernd und unwillig gehorchten – nicht im geringsten aus Nichtachtung des Feldherrn, wie man ihnen nachher zuschob, sondern aus sehr natürlichen taktischen Gründen –, so wird fälschlich ein unwiederbringlicher Zeitverlust daraus gefolgert. Erstens lag in den wirklichen Umständen, daß man, selbst wenn man die so aussichtsreich scheinende Offensive abbrach, doch wenigstens Fransecky möglichst weit abschütteln mußte, der sonst sofort auf dem Fuße gefolgt und gleichzeitig mit der Garde in Chlum (von Kistowes her) eingebrochen wäre. Zweitens gebot sich jetzt erst recht, Korps Thun bei Horenowes-Racic festzuhalten, um den Abzug Molinarys zu decken, in so fester Vorderstellung. Das hätte den Stoß auf Chlum sehr verlangsamt und ausreichende Besetzung des Chlumplateaus gestattet. Sofortiges Zurückgehen in die schwache Schanzlinie und eiliges Räumen der Linie Horenowes-Maslowed hätte den Angriff der Garde nur erleichtert, deren Artillerie von diesen Höhen die Gegend beherrschen konnte, wie das bloße Auge auch ohne Karte sah. Drittens schien ja nun, wo Benedek jedes Bataillon des Kronprinzen im Anmarsch übersehen konnte, erst recht geboten, die Reserve nach Chlum zur Aufnahme Molinarys heranzuziehen. Statt dessen blieb er vom Zentrumkampf hypnotisiert, wo ihm weder Gefahr drohte noch umgekehrt ein Erfolg winkte wie bei Maslowed, aber auch hier setzte er keine Reserven ein, um die Preußen vom Höhenrand in die Bistritz hinabzuwerfen. Die Schuld einer solchen Niederlage bleibt also, mag er reden was er will, an ihm allein hängen. Übrigens verkennt man auch die Schwierigkeit, aufs äußerste verbissene Truppen und obendrein in ausgedehntem Waldgefecht rasch aus der Front zu ziehen. Der Abmarsch erfolgte trotzdem noch ziemlich rechtzeitig, und auch hier hat nur übermenschliche Leistung der Garden den schnellen Einbruch in Chlum ermöglicht, was selbst aber so ohne Benedeks verkehrte Anordnungen schwerlich gelungen wäre. Molinary hatte doch wenigstens für die Waffenehre den einzigen Lichtpunkt des Tages, daß bei ihm lange ein Erfolg zu blühen schien, und wenn seine Korps schon durchaus erschüttert in die Chlumlinie abströmten, hatte er wenigstens dem Feinde den größten Verlust des Tages zugefügt. Die Befehlshaber der Rechten handelten nur folgerichtig, indem sie ihre ganze Übermacht einsetzten, um die viel zu schwache Linke Friedrich Karls zu überwältigen. Denn nur 13 000 Magdeburger der Division Fransecky hatten dort eine vierfache Überzahl und niederschmetternde Geschützmassen gegen sich. Hier tut die preußische Tapferkeit das Unmögliche, aber kein vernünftiger General wird das Unmögliche voraussetzen.

Otto suchte sich möglichst über den Gang der Schlacht auf dem laufenden zu erhalten, ein besonders gutes Fernglas am Auge, und tauschte mit Roon Bemerkungen aus, der ihn über einzelne Truppenverteilungen belehrte. Bei der Elbarmee gegenüber Prim und Problus merkte man sehr lange, bis 11 Uhr, nur geringes Fortschreiten. Überlaut dröhnte aber seit Stunden der Schlachtlärm vom Swiepwald vor Maslowed herüber, hier führten zunächst die Magdeburger Siebenundzwanziger einen wahren Heldenkampf gegen die Brigaden Brandenstein und Fleischhacker, erstürmten den Wald und das Dorf Kistowes und behaupteten die Waldbastion, die Eichenschonungen, die Schlucht nach Kistowes trotz großer Einbuße an Offizieren und wiederholten Vorstößen des Feindes, dessen Jägerbataillone sich auszeichneten. Fast hundert Feuerschlünde spieen Tod und Verderben in den Wald, nur 24 preußische konnten natürlich ihr Fußvolk nicht genügend entlasten. Um 10 Uhr schien dem Schalle nach das Gefecht noch immer vorwärts zu gehen. Doch machte Roon ein bedenkliches Gesicht nach einlaufenden Rapporten, die er mit anhörte.

»Der kleine Fransecky tut mehr als seine Pflicht, doch hat ihm Division Horn schon zwei Bataillone auf seine rechte Flanke senden müssen, er selbst hat alle zwölf Bataillone verausgabt. Man faßt ihn auch schon in der linken Flanke.«

»Dort steht mein Vetter Bismarck-Bohlen mit seiner Reiterbrigade. Horch, der Schlachtlärm verdoppelt sich.«

Die magdeburgisch-hallenser Regimenter, wobei die seit Auerstädt und Ligny wohlbekannten Sechsundzwanziger im Hochwald und am Waldessaume gegen Dorf Maslowed von den frischen Brigaden Württemberg und Saffran des zweiten Korps Thun in das Innere des Waldstückes zurückgedrängt wurden und reihenweise unter Granathagel zusammenbrachen, fochten über alles Lob erhaben. Die frische Brigade Poeckh des vierten Korps und Teile der Brigade Appiano des dritten Korps an der Pflaumenallee nördlich von Kistowes drangen in die Südostspitze des dreieckigen Waldes ein. Um 11 Uhr standen 40 kaiserliche Bataillone im Kampfe, darunter die berühmten Steiermärker der Brigade Herzog von Württemberg und das 4., 27., 2., 11., 20., 30. Jägerbataillon, lauter Kerntruppen, fast 130 Geschütze spielten. Doch immer noch hielten sich die Braven Franseckys im Nordteile der Waldung, wo Äste und sonstige Baumstücke mit Granatsplittern um die Wette flogen.

Unmittelbar vor dem Standorte des Königs wogte lange ein bedeutungsloses Gefecht. »Das da ist Sadowa! Da setzt Horn an!

– Drüben die Zuckerfabrik von Dohalitz! Da gehen die Pommern vor.« Mit Vergnügen hörte Otto seine lieben Pommern, als deren Reserven rechts von Dub vorüberrückten, fromme Choräle sangen. »Da dringt Horn durch den Holawald von Sadowa vor! – die Pommern sind über die Bistritz! Das ist Dohalika.« Es wurde jedoch bald klar, daß die drei Divisionen nicht vorwärts kamen, weil überwältigendes Geschützfeuer vom Höhenkamm Lipa-Stresetitz sie zurückschmetterte. Die Artillerie der Korps Gablenz und Erzherzog Ernst bestrich den Rand des Holawaldes und die Allee von Mokrovus nach Langenhof. Obschon es eigentlich nicht in der Absicht lag, hier Gelände zu gewinnen, machte das äußere Ansehen des Gefechtes auf ein Laienauge einen üblen Eindruck.

Adjutanten kamen und gingen, die Nachrichten vom Swiepwald lauteten immer schlimmer. Der Generalstab wurde unruhig, man tuschelte. Nur Moltke blieb völlig unbewegt, keine Muskel zuckte in seinem kalten, wie versteinerten Gesicht. Der kleine schneidige Fransecky (sprich Franski), dem das Pferd unterm Leibe erschossen wie fast allen höheren Offizieren, leitete zu Fuß das unübersichtliche Gefecht mit unbeugsamer Entschlossenheit. »Hier sterben wir!« rief er seinen Magdeburgern zu, deren größter Kriegsehrentag sie düster durch umwölkte Lüfte mit dem grellen Schein furchtbarer Schlachtenglorie beleuchtete. Ihre Mitte sah sich zurückgetrieben, die Linke flutete auf Benateck zurück. Bleibtreu, der Maler, zeichnete dort unbekümmert in sein Skizzenbuch, obwohl das Granatfeuer immer näher kam, doch er flüsterte jetzt, wie sein in der Presse abgedruckter Brief meldet: »Die Schlacht darf doch nicht verloren gehen?« Hätte man im königlichen Stabe die Schrecknisse des Swiepwaldes vor Augen gehabt, neben denen die Vorgänge bei Sadowa nur ein Kinderspiel waren, hätte die Unruhe sich noch mehr gesteigert. Freilich fielen die Österreicher in ganzen Massen unter dem Hinterladerfeuer, auch sah der vom Kronprinzen hergesendete Stäbler Major Burg lange Gefangenenzüge, ebenso aber ganze Bataillone von Verwundeten oder führerlosen Versprengten. Die Kunde »der Kronprinz kommt« flog um, Fransecky ersuchte den Stäbler, sofort heimzukehren und die Spitzen der Garde auf Maslowed zu lenken. Pfeilschnell die feindlichen Schützen südöstlich vom Walde durchreitend, kam der Major glücklich durch. Auf die schon ins Freie auf Benateck vordringenden Österreicher hieben jetzt die braunen Magdeburger Husaren ein und zwangen ein ganzes Bataillon zur Waffenstreckung. Mit unübertrefflicher Hingebung hielten die Mannschaften aus, belebt durch das Beispiel ihrer Offiziere, von denen viele verwundet, auf Hornisten gestützt, den Kampf weiterleiteten bis zum letzten Atemzug. Fünfzig slawo-madjarische, auch einzelne steiermärker und kärntner Schlachthaufen vermochten, wo sie mit rauschender Feldmusik und oft glänzender Bravour, vier gegen einen, sich heranwälzten und wo fast sechsfache Geschützüberzahl ihnen mit ununterbrochenem Granathagel den Weg bahnte, die eiserne Kraft der Norddeutschen nicht zu brechen. So focht man nicht mehr seit der Mordschlacht von Waterloo.

An diese dachte aber auch Otto im stillen, das Wort Wellingtons umsetzend: Ich wollte, die Nacht wäre da oder der Kronprinz. Das unmittelbar vor ihm wogende Gefecht bei Sadowa schien sich immer unvorteilhafter zu gestalten. Kavallerie und ein großer Teil der Artillerie fanden keinen Raum, die Bistritz zu überschreiten, die feindliche Kanonade wuchs fortwährend. Von Lipa brüllte ununterbrochener Donner, jetzt von nahezu zweihundert dort angehäuften Geschützen.

»Der Feind hat wohl noch seine Geschützreserve vorgezogen«, meinte Roon. So war es, wenigstens die Hälfte, während die andere endlich nach Chlum abging. Die preußische Artillerie arbeitete mit verzweifelter Anstrengung aus der Tiefe gegen die Höhe, natürlich mit geringem Erfolg. »Hilf Himmel, da gehen Batterien zurück«, rief Roon. An der mit Munitions- und Ambulanzwagen verstopften Sadowabrücke herrschte Wirrwarr, wie man deutlich beobachten konnte. Weiter rechts wichen fünf Batterien, die sich verschossen hatten, aus der Front. »Schon wanken die Pommern bei Dohalitz!« Am Mittag sah man Vorwärtsbewegung bei den Brandenburgern, die bisher im Rückhalt blieben. »Das ist kein gutes Zeichen. Prinz Friedrich Karl hält für nötig, die Vorderlinie zu stützen.« Um 1 Uhr strömten Massen von Versprengten aus dem Holawalde heraus, den Division Horn und Teile der Pommern überfüllten. Jedes Vorbrechen auf Lipa wurde alsbald durch schrecklichen Granat- und Schrapnellhagel vereitelt, der bis in die Reserven an der Bistritz einschlug.

»Das ist eine Schmach und Schande!« Der auflösenden Wirkung des modernen Feuergefechts ungewohnt, in Anschauungen der alten Schule erzogen, die noch drüben bei den Kaiserlichen ein festes Zusammenschließen geordneter Abteilungen gebot, betrachtete der königliche Greis die eingerissene Unordnung in viel zu bösem Lichte. Er setzte plötzlich seinem Braunen die Sporen ein und ritt in die Niederung zu den versprengten Haufen, die er mit zornbebender Stimme anherrschte: »Schämt ihr euch nicht? Bedenkt, daß ihr Preußen seid! Wo sind eure Offiziere?« »Alle gefallen, Majestät. Wir brauchen Kommando.« »Da werde ich euch selber ordnen.« Er stellte die Leute in Reih und Glied, die selber stürmisch nach neuem Vorgehen begehrten. Allmählich stellten sich einige leichtverwundete Offiziere ein, und die Scharen kehrten sogleich in den Wald zurück. Natürlich schlugen wieder Granaten in der Nähe des Königs ein. Otto hatte sich an Roon und Moltke gewendet, sie möchten Majestät aus dem Feuer bringen. Diese lehnten jedoch ab, das käme ihnen als Militärs ihrem obersten Kriegsherrn gegenüber nicht zu. »Es ist nur an Ihnen, sich zu äußern.« »Ich bin auch Soldat, wenngleich nur Major.« »Sie sind Ministerpräsident.« Gereizt durch diesen militärischen Aberglauben, aber selber zaghaft, den heldenmütigen Greis zu erzürnen, nahm sich Otto ein Herz. »Majestät wollen mir huldvollst gestatten, daß ich als Ihr Ministerpräsident für Ihr kostbares Leben verantwortlich bin. Ich flehe Sie an, auf Ihre hohe Person etwas Rücksicht zu nehmen.« Der König erwiderte nichts. Die üblichen Phrasen verschmähte er. Gleichgültig wandte er sein Roß und ritt im Schritt langsam zur Höhe zurück. Er hatte kein Mitleid mit seinem Ministerpräsidenten, als er die gefährliche Stelle verließ, sondern äußerte endlich unwillig: »Der oberste Kriegsherr steht da, wo er hingehört!« Der später Sadowa getaufte, mit Gnadenbrot belohnte Braune wieherte beistimmend, und Ottos Dunkelfuchs scharrte trotzig mit den Füßen. Was war da zu machen, da sogar die klugen Hanse einer Meinung waren! Inzwischen sandte Moltke einen Adjutanten an den General v. Manstein mit dem Verbot, die Brandenburger auch noch zum Vorstoß über den Holawald einzusetzen. Dieser derbe barsche Kriegsmann hatte gegenteiligen Befehl des Prinzen in Händen und zögerte unwirsch. »Order von General Moltke! Aber wer ist General Moltke!« So unklar lagen damals noch die Befehlsverhältnisse im preußischen Heere.

»Da werden sie endlich offensiv!« rief Roon nach 1 Uhr. Doch der Stand des Pulverdampfes lehrte bald, daß der österreichische Gegenstoß sich brach. Brigade Kirchsberg des Erzherzogs Ernst zerschellte am Schnellfeuer vermischter thüringer und pommerscher Abteilungen am Waldrande. Sonstige Unternehmungen unterblieben völlig, das Korps Gablenz betrug sich schlaff. Allerdings mußten auch pommersche vorbrechende Reserven sich hinter das Regiment Kolberg zurückziehen. Aus Nechanitz, Problus, Prim schlugen auch schon Rauch- und Flammensäulen gen Himmel, wie aus anderen Ortschaften. Die Elbarmee war dort am Werke.

»Da scheint die Schlacht anscheinend auch sehr in der Schwebe. Die Sachsen, nicht wahr?« fragte Otto den großen Schweiger.

»Ja«, erwiderte Moltke kurz und führte das Fernglas zum Auge. Der Kronprinz von Sachsen bewies schon an diesem Unglückstage, wo er gegen deutsche Stammesgenossen seine tapferen Scharen ins Feld führte, daß der Prozentsatz von Talenten im Fürstenstande ein unverhältnismäßig hoher ist. (Friedrich Karl, Erzherzog Albrecht, Kronprinz Albert, lauter erstrangige Armeeleiter, würden prozentual mindestens hundert ähnlichen Talenten nichtfürstlicher Herkunft entsprechen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß höchstens ebenso viele von gleicher Bedeutung unter nichtfürstlichen Militärs auftraten.) Die sächsische Leibbrigade warf anfangs im richtigen Augenblick die rheinische Vorhut zurück. Bald darauf zerschlugen die forschen Rheinländer aber die österreichische Brigade Schulz im Walde von Prim, und bis zum Ufer konnte man am Aufblitzen der Schüsse und dem Wogen des Pulverdampfes erkennen, daß auch die westfälische Division glücklich eingriff. Doch bis nach 1 Uhr schienen auch dort die Preußen im Nachteil.

Als die Krise ihren Höhepunkt erreichte, beobachtete Otto verstohlen Moltkes Haltung. Er konnte nichts daraus entnehmen als vollkommene Gleichgültigkeit. Um dies auf die Probe zu stellen, öffnete er seine weite Zigarrentasche und bot sie dem Schweiger an. Dieser dankte höflich warf einen prüfenden Blick auf die verschiedenen Sorten und wählte sich richtig die beste aus. Der Minister atmete auf. Dann konnte es wohl nicht verzweifelt stehen.

»Wie der Kronprinz sich verspätet! Von Bonin nichts zu sehen!« kreuzten sich ängstliche unterdrückte Ausrufe, und ein Murren lief um. In der Richtung, von woher Korps Bonin kommen sollte, gähnte unverkennbare Leere. Plötzlich starrte Otto, das Fernrohr entsprechend verschiebend, auf einen viel entfernteren Raum am Horizont. »Was sind das für Linien?« Alle Gläser richteten sich dorthin. »Bah, das sind Ackerfurchen.« Der Minister beobachtete nochmals, als Landmann mit derlei vertraut, und sagte ruhig: »Es sind keine Furchen, die Zwischenräume sind nicht gleich, es sind avancierende Linien.«

Ein Seufzer aus erlöstem Gemüte, ein Austausch freudiger Zurufe: der Kronprinz ist da! Otto vergaß, nach der Uhr genau festzustellen, wann dies geschehen sei.

Man hat es offiziell später so dargestellt, als sei die II. Armee schon um 11 Uhr auf dem Kampfplatze sichtbar geworden und mittags in den Kampf getreten, wodurch verwischt werden soll, wie überaus gewagt und unsicher die ganze Anlage der Schlacht. Kaum entledigte sich Graf Finkenstein um 4 Uhr morgens seines Auftrages – er hätte auch ebenso gut sich bei dem Nachtritt den Hals brechen oder sonstwie verspätet eintreffen können –, als Blumenthal die verschiedenen Korps in Marsch setzte, wo sie gerade standen. Er kam erst 2 Uhr nachts nach Königinhof zurück, weckte den Prinzen und setzte ihn in Kenntnis über das in Gitschin Verabredete. Bald darauf weckte ihn ein Bote Friedrich Karls: er sei bei seiner »Rekognoszierung« bedroht und wünsche Hilfe, was Blumenthal abschlug, als plötzlich Finkenstein mit Moltkes Order hereinplatzte, unbedingt mit der ganzen Armee die Elbe zu überschreiten. Um ½ 8 Uhr ritten der Kronprinz und sein Stab durch den kalten, regnerischen Morgen den Truppen nach. Der sonst kränkliche Blumenthal fühlte keine Ermüdung, obschon er nur ein kleines Stündchen schlief. So erregend wirkt die Schlacht. Nach 9 Uhr strebte alles über den schlüpfrigen Boden auf Horenowes zu, von wo der Pulverdampf bis Sadowa wogte, erst um 11 Uhr sah man von der Choteborekhöhe weit genug. Tausend Schritte südöstlich Horenowes bildete eine Baumgruppe eine deutliche Landmarke. Doch auch die Kavalleriedivision der II. Armee erschien erst um 4 Uhr! Erst ganz zuletzt waren 50 Schwadronen beisammen, aber ohne – Seydlitz. Das Korps Bonin, obschon am nächsten zur Division Fransecky, zauderte am längsten und brach erst um ½ 10 Uhr auf, erreichte daher erst spät nachmittags die Kampfzone. Doch auch die anderen Abteilungen konnten schlechterdings nicht vor 1 Uhr eintreffen, trotz hitzigen Gewaltmarsches, was unnütz Kräfte verzehrt und vor einer Hauptschlacht nie stattfinden dürfte. Moltke diktierte einem Adjutanten eine Order an Herwarth: »Kronprinz bei Cistelowes«, als Datum gab er an »1 ¼ Uhr«. Ungefähr um diese Zeit erfuhr auch Fransecky erst das Heranrücken der Garde. Wäre man irgendwie früher darüber unterrichtet gewesen, würde nicht nachweislich bis ½ 2 Uhr eine gedrückte Stimmung im Hauptquartier gewaltet haben.

Otto blieb im Gedächtnis, daß nach Mittag eine bange windstille Pause herrschte und jedermann sehnsüchtig nach dem Kronprinzen ausschaute, der sich noch keineswegs blicken ließ. Der König machte, wie das Kampfgewühl, auch die sonstigen Entbehrungen mit durch. Das wußte der Soldat, und so ertrug er gehobenen Mutes alle Strapazen. Der tapfere Greis seufzte leicht: »Mich hungert, hat niemand was zu essen?«

»Wenn Majestät damit vorlieb nehmen wollen –« Ein Offizier produzierte verschämt ein winziges Würstchen, ein Reitknecht etwas Wein. Die Sache sprach sich herum, und ein Märker Haketauer trat plötzlich freudegrinsend heran, ein Stück Kommißbrot in der Faust.

»Mein Sohn, hast du denn selber schon zu Mittag gegessen?« war die erste, für ihn so bezeichnende Frage des Musterkönigs. –

»Ne, Majestät.« –

»Dann wollen wir ehrlich teilen.« Er brach das Brot durch und gab die Hälfte zurück. »Da nimm dein Teil, dein König dankt dir.«

Wenn die Großen der Erde wüßten, welch unerschütterliche Anhänglichkeit des braven Volkes solcher ungeschminkte Ausdruck hoher Menschlichkeit gebiert! Doch nur ein wahrer König findet solche Worte.

»Prinz zur rechten Tiet!« riefen die Pommern sich zu, als der Kronprinz endlich heranrückte und das Hauptquartier aufatmete. Selbst dies Ergebnis ermöglichten nur übermenschliche Anstrengungen und Feuereifer der braven Truppen. Als die Marschkolonnen der Garde am Kronprinzen vorbeidefilierten, fragte dieser den englischen Militärbevollmächtigten Beauchamp-Walker, einen Veteranen des Krim- und indischen Meutereikrieges: »Sahen Sie je Truppen so freudig und heiter in die Schlacht ziehen?«

»Rekruten vielleicht, doch Kriegserfahrene, die schon im Feuer waren wie diese, noch nie.« Je näher der Kanonendonner herüberschallte, desto gewaltiger schritten die langen Beine der Garden aus. Obschon das nasse Getreide der zertretenen Kornfelder die Räder und Speichen umwickelte, rollten die Geschütze bergauf, bergab vorwärts.

Wie auf der äußersten linken Flanke das schlesische Korps sich dem Trotinaflüßchen näherte und es bis an die Brust im Wasser durchwatet, konnte man von den Sadowahöhen her nicht überblicken. Man bemerkte nur den langen Höhenzug von Horenowes, auf dessen höchster Kuppe zwei hohe Linden den heraneilenden Garden als Richtmal dienten. Tatsächlich begann erst nach 1 Uhr das Eingreifen schwacher Vorhuten, während die Korps Thun und Molinary allmählich abzogen. Den Geschützdonner der Garde müßte man freilich schon vor 1 Uhr gehört haben, doch die düstere trübe Luftfärbung und die dicke Atmosphäre verwischten alle Umrisse und dämpften den Schall. Es war General v. Alvensleben, der zuerst den Höhenrücken überschritt. Graf Bismarck-Bohlen ritt erfolglos mit seinen Schwadronen an, erst um 2 Uhr entwickelte sich die Garde mit ihrem Vordertreffen zwischen Horenowes und Maslowed, während die Schlesier über Trotinamühle und Sandrasitz die Brigade Henriquez von der Elbbrücke bei Lochenitz abzudrängen suchten. Schon konnte Benedek nicht dorthin seinen Rückzug nehmen, von Josefstadt abgeschnitten. Eine ärgere Kopflosigkeit als die Nichtbewahrung dieser wichtigsten Flanke kann man sich nicht denken, die gewaltigen Reserven blieben eine halbe Meile davon entfernt und rührten sich nicht vom Platze. Der Kronprinz kam aber nicht mal rechtzeitig, um den Abmarsch der Brigaden Thom und Saffran von Horenowes, der fast aufgeriebenen Brigaden Poeck und Brandenstein aus dem Swiepwalde zu sprengen. Eine mächtige Geschützfront stellte sich bei Chlum entgegen wo die noch frischen Brigaden Erzherzog Josef und Appiano die Schanzen besetzten. Diese ungarisch-slowakischen Truppen hatten kein Herz zu der Sache und ergriffen teils das Hasenpanier, teils gaben sie sich massenweise gefangen, als die Garden in unwiderstehlichem Sturme die Schanzen und Chlum eroberten. Nur der deutsche Batteriechef v. d. Gröben, der mit seiner ganzen Mannschaft fiel, wahrte hier die österreichische Waffenehre. Otto konnte jetzt durchs Fernglas feststellen, welcher Wirrwarr auf der Chlumer Hochfläche, deren höchster Punkt die Kirche bildete, sich verknäuelte. Die Kürassierdivision Holstein brach neben dem Dorfe Rosberitz hervor, ihre Brigade Schindlöcker zerstob aber vor Schnellfeuer, man sah die Weißmäntel der Reisigen im Pulverrauch rückwärts entschwinden. Aus dem Lipaer Holze stürzte ein ruthenisches Regiment im Rücken des ersten Garderegiments nach Chlum hinein und stieß die Eroberer teilweise hinaus, deren Hauptzahl sich schon auf Rosberitz hinabwälzte und auch hier den Feind vertrieb. Nach wütender Gegenwehr erlagen auch die Ruthenen und 4., 8., 27., 30. Jäger wurden auf Langenhof versprengt. Schon früher fielen 28 Geschütze in die Hände der Sieger, jetzt erneut 19, während Alvensleben die von Kistowes abziehende Brigade Fleischhacker zersprengte und ihr 8 Stücke abnahm. Ein schlesisches Bataillon erbeutete gleichfalls in der Elbniederung 13 Geschütze, doch blieb das berühmte deutsche Regiment König der Belgier im Besitze des Brückendorfes Lochenitz.

3 Uhr vorüber! Otto atmet hoch auf. Als die Garden den Kirchhügel von Chlum krönten, war da nicht ein Klirren in der Luft, als berste Kyffhäusers eiserne Pforte? Doch wenn der Wind den Dunstschleier hob, konnte er deutlich wahrnehmen, wie schwache preußische Häuflein sich als Keil in das Herz der feindlichen Stellung bohrten. Die ganze Hauptmasse des Kronprinzen, auch ein gut Teil der Garde, befand sich noch weit zurück im Anmarsch. Auch hier wie bei Fransecky glich nur eine abnorme Truppenleistung die Mängel der Schlachtanlage aus. Otto machte sich seine Gedanken über eine Strategie, die mit lauter Glückszufälligkeiten rechnen muß, um sich durchzusetzen. Bei ebenbürtiger Truppenbeschaffenheit und einigermaßen vernünftiger Führung der Österreicher hätten sie auf ihrer Rechten und im Zentrum den überkühnen Angreifern eine Niederlage bereitet. Auch sprach natürlich die Ungleichwertigkeit des Gewehres bedeutend mit. Diese ermöglichte auch die Durchbrechung der Linie Prim – Problus. Das achte k. k. Korps räumte unter starkem Verluste Prim vor der rheinischen Division. Die grauröckigen 24. österreichischen Jäger mit dem Federhut und die grünröckigen sächsischen mit dem Tschako irrten an mehreren Stellen durch Sträucher und Felder, umsonst ihre Schießkunst erprobend. In Brauerei und Schloßhof von Ober-Prim rauften die Sachsen noch wacker, wichen dann alle auf Problus, auf dessen Höhe Kronprinz Albert vor 3 Uhr die Schlacht verloren gab. Er zog langsam schachbrettförmig ab, General Carlowitz verteidigte mit 5 Bataillonen noch Dorf und Höhe von Problus aufs bravste und fand dabei den Heldentod. Die norddeutschen Stammesbrüder erwiesen sich zur geheimen Genugtuung der Preußen als der beste Bestandteil des kaiserlichen Heeres. Auch hier kam aber die ganze Division Etzel nebst fünf Reservebatterien zu spät, um am Kampfe teilzunehmen, das konzentrische Verfahren Moltkes bot also für jeden vorurteilslosen Beobachter hier keineswegs ein nachahmungswertes Beispiel. Da infolge der hastigen Improvisierung der Schlacht und der sich daraus ergebenden Unmöglichkeit für Friedrich Karl, sich gegen die feindliche Übermacht rechtzeitig Aufmarschraum zur Entwicklung der Reserven zu verschaffen, seine Kavallerie noch rückwärts der Bistritz stand, ließ sich voraussehen, daß man dem abziehenden Feinde, wenigstens im Zentrum, wenig Abbruch tun konnte.

Das Fußvolk der Korps Gablenz und Erzherzog Ernst blieb dort dauernd hinter Geländewellen verborgen, entzog sich daher jetzt durch raschen Abzug der Umklammerung der feindlichen Flügel. Überhaupt merkte man erst aus einer Abnahme des Frontalfeuers, daß ein Teil der furchtbaren feindlichen Artillerielinie bei Lipa nach der rechten Flanke zu abschwenkte. Sie überschüttete jetzt die Dörfer Chlum und Rosberitz mit einem Höllenfeuer, wo immer nur noch die vorderen sieben Gardebataillone das Gefecht nährten. Um ½ 4 Uhr wechselte Moltke einige Worte mit dem König, Adjutanten sprengten davon, auch die Brandenburger kamen in Fluß, mit entfalteten Fahnen schickte sich die ganze Macht Friedrich Karls an, die Hochfläche von Lipa zu ersteigen.

Mittlerweile brachen Gardefüsiliere, Gardejäger, Gardeschützen und zwei Bataillone zweites Garderegiment unter General Alvensleben in die Stellung des Korps Ernst ein, dessen Brigade Benedek im Lipawalde sich wütend wehrte, jedoch halbvernichtet auf Langenhof wich, während Reste der Brigaden Appiano und Fleischhacker auf Kistowes flohen. Die brave Artillerie behauptete zwar immer noch opfermutig ihren Posten, auch verteidigte das 3. Feldjägerbataillon das Dorf Lipa, von wo auch Teile des Korps Molinary und andere Versprengte heftig gegen die Westseite von Chlum feuerten, wo gegen die dortige Höhe eine Brigade des Reservekorps Gondrecourt kraftvoll vordrang. Doch ungefähr vier vermischte Kompagnien jagten durch Schnellfeuer auf 100 Schritt die feindliche Masse unter auflösenden Verlusten über die Chaussee Lipa-Rosberitz zurück. Bald darauf fiel Lipa, wo jetzt endlich auch sechs Kompagnien der Franz- und Alexander-Grenadiere mitwirkten. Noch auf 50 Schritt feuerten zehn Achtpfünder Kartätschlagen ab, bis sie ruhmvoll verloren gingen, die braunröckigen Kanoniere fast alle tot und verwundet.

Inzwischen brannte Rosberitz lichterloh, in das Brandraketen hineinzischten und ununterbrochen Granaten platzten. Das Füsilierbataillon des zweiten Garderegiments und vier Kompagnien vom ersten und dritten hielten das Dorf gegen vier Angriffe der verschiedensten Abteilungen, wobei Tschakos mit dem Doppeladler und Federhüte oft bunt durcheinander aus Ackerfurchen und Chausseegräben auftauchten. Das seitwärts im Freien stehende Bataillon Waldersee der Gardefüsiliere mußte sich freilich im Hohlweg nach Chlum vor dem schrecklichen Kreuzfeuer von kaiserlichen Batterien bergen. Gegen diese pflanzte sich erst jetzt die Gardeartillerie des Prinzen Hohenlohe auf, die bisher dem Fußvolke nicht folgen konnte, und nahm von Chlumer Höhen die in der Tiefe stehenden Reservekorps unter vernichtende Beschießung, litt aber sehr erheblich. Bisher nur mit einzelnen Bataillonen und Regimentern Rosberitz berennend, ermannte sich das bei Nachod schwergelichtete Korps Remming jetzt zu einem Gewaltstoß. Die Brigaden Jonak und Rosenzweig drangen mit drei Sturmsäulen ein, sechs Bataillone in den Westteil, die übrigen auf der Süd- und Ostseite. Trotz riesiger Verluste setzten sie ihren Willen durch. Nach fast einstündigem Ringen, bei welchem auch der Leutnant Prinz Anton Hohenzollern eine gräßlich schmerzhafte Todeswunde empfing und die Gardehünen mit Kolben und Bajonett sich ins Freie würgten, hatten die Kaiserlichen das Dorf. Am Hohlweg pflanzte jedoch Graf Waldersee die Fahne seines Bataillons auf und brachte im Verein mit Hohenlohes Batterien den auf Chlum fortgesetzten Angriff zum Stehen. Als die Musikkapellen der Regimenter den Sturmmarsch spielten und die Jägerhörner das Avanciersignal in die Lüfte schmetterten, liefen die Kaiserlichen mit anerkennenswertem Mute erneut an. Die Gardeartillerie, die sich verschoß und viel Bespannung verlor, mußte die Höhe räumen, doch behauptete die Gardedivision Hiller den Ort mit Salven und Schnellfeuer. Ein Feldjägerbataillon beendete seinen stürmischen Laufschritt mit ewiger schauriger Ruhe, fast gänzlich hingemäht. Es ging auf 5 Uhr, und jetzt erst langten die Vorhut des Korps Bonin und die Gardereiterei an. General Hiller blieb in drei schwersten Kampfstunden also sich selbst überlassen wie vordem Franzecky, und kein Vernünftiger wird behaupten wollen, daß eine Strategie, die solche Opfer und Abnormitäten verlangt, mustergültig sei.

Die ostpreußischen Jäger, Regiment Kronprinz, vier Batterien verstärkten die Feuerlinie. Der Abhang nach Rosberitz bedeckte sich mit Leichenbergen, umsonst suchten drei Bataillone den Berg im Westen hinaufzustürmen, umsonst erreichten zwei Bataillone die Chaussee nach Langenhof, alles mußte kehrtmachen und nach Rosberitz hineinweichen. Ein Granatsplitter warf jedoch den tapferen Hiller selber aus dem Sattel, der lautlos verschied. Inzwischen schlugen sich die Schlesier bei Lochenitz herum, ihre Kavallerie geriet in Gräben, Haller- und Palffihusaren deckten den Abzug des Korps Thun über die Elbbrücken, das also das Schlachtfeld verließ, Division Zastrow schlug den Weg auf Rosberitz und Sweti ein, von mörderischer Kanonade und einhauenden Reiterschwärmen empfangen. Die wieder gesammelte Brigade Erzherzog Josef wurde aus Sweti hinausgeworfen und der Flankenstoß auf Rosberitz begonnen. Das Korps Steinmetz überschritt erst jetzt die Höhe von Horenowes. Das achte k. k. Korps zog schon über Bor zur Elbe ab, die Sachsen folgten auf Pardubitz, nachdem die Westfalen den Wald von Problus eroberten. Die von Benedek geschickte Brigade Piret des Korps Gondrecourt und vier sächsische Bataillone führten entschlossenen Gegenstoß aus, um die Brigade Schwartzkoppen in das zerschossene und in Flammen stehende Problus hinein- und hinauszudrängen, mußten aber mit vieler Einbuße davon abstehen. Die ausdauernde Artillerie deckte auch hier den Abzug über die Elbe, der sich die Kavalleriedivision Edelsheim anschloß. Die Reiterei der Elbarmee war nicht zur Hand, weil das enge Defilee sie aufhielt, wandte sich später gegen Stresetitz, statt den Kronprinzen Albert zu verfolgen. Das Korps Gablenz verlieh nicht minder den Schauplatz seiner Taten und überschritt die Elbe. Friedrich Karl hatte also im Grunde nichts mehr gegen sich stehen, sein Vordringen auf die Hochfläche wurde ein bloßer Vormarsch. Jetzt setzte sich auch auf einen Wink des Königs seine ganze glänzende Kavalkade in Bewegung. Er schloß sich seinem Bruder Prinz Albrecht und dem Herzog Wilhelm von Mecklenburg an, deren Geschwader soeben die Bistritzbrücke passierten. Das Fußvolk schwärmte weit bis Langenhof, am weitesten voraus die Kolberger und die Brandenburger Füsiliere, vom kommandierenden General Manstein persönlich geführt. Schon nach 4 Uhr hieb General v. d. Groeben mit den hellblauen Merseburger Husaren in Abziehende bei Rosberitz ein und erwischte vier Geschütze. Bald entspann sich bei Stresetitz ein großartiger Reiterkampf, den Otto, seine Fuchsstute dicht neben den König drängend, sehr nahe beobachtete.

Kürassierdivision Holstein und die Nikolaushusaren des Korps Gondrecourt ritten mit Wut an, die Merseburger vor sich hertreibend, wo Graf Groeben schwerverwundet vom Rosse sank. Die Neumärker Dragoner warfen sich grimmig in die Stadionkürassiere hinein, wurden von Kaiserkürassieren umwickelt, schlugen sich aber so schneidig wie einst in der Muratschen Reiterschlacht bei Liebertwolkwitz durch. Aus einem Gehöft westlich von Rosberitz erhielten die Verfolger Schnellfeuer von Ostpreußen, der Adjutant Pelet-Narbonne holte die pommerschen Ulanen herbei, deren Lanzen seitwärts in die eiserne Mauer der Kürassiere hineinstießen. Der verschlungene Knäuel wälzte sich nach Langenhof, soeben von drei Gardekompagnien erstürmt. An der dortigen Schäferei brachen sich die geschlossen anstürmenden Ferdinandkürassiere. Der König hatte die Freude, hier eine altberühmte Lieblingstruppe unter seinen Augen sich auszeichnen zu sehen. »Herrlich, die Roten!« Die Zietenhusaren, Herzog Wilhelm an der Spitze, drückten die Kürassiere nach Bor rückwärts und wandten sich dann gegen Hessen-Kürassiere, die nach Rosberitz auswichen. Der ellenlange Prinz Albrecht, an Wuchs noch den König überragend, ein gutmütiger und braver Herr von geringen Geistesgaben, focht wacker mit. »Das war die Brigade Solms«, teilte er dem König mit. Otto lächelte grimmig. Graf Solms hatte ja eine hochpolitische Rolle gespielt, indem er den Welfenkönig zur Torheit ermutigte, man war ihm wahrlich zu Dank verpflichtet. Die Neumärker bekamen aber gleichzeitig noch mit der Kürassierdivision Coudenhove zu tun, die auf Stresetitz antrabte. Sie geriet bei Langenhof in verheerendes Schnellfeuer des Brandenburger Füsilierregiments, und die Brandenburger Ulanen der Brigade Mecklenburg warfen sich im Galopp auf die Flanke der Preußenkürassiere. Ihr Chef Prinz Karl konnte sich nicht enthalten zu bedauern: »Mein armes Regiment!« Er befand sich bei der vordersten Batterie, durch die ein abgesprengter Trupp hindurchbrauste. Der alte Wrangel war nicht hier, um gleichfalls mit anzusehen, wie die Wrangelkürassiere mißhandelt wurden. Hierhin und dorthin getrieben, im Schnellfeuer Spießruten laufend, zerstob die Brigade Fürst Windischgrätz, deren Chef schwerverwundet in Gefangenschaft fiel. »So sieht man sich wieder!« murmelte Otto. »Mein alter Bekannter von Wien!«

Die Brigade Mengen stieß hingegen viel weiter links mit der Kavallerie der Elbarmee bei Problus zusammen. »Marsch, marsch, Fanfaro!« Die 1. Gardedragoner durchbrachen die galizischen Alexanderhusaren, deren grüne Kollets sich bald blutig färbten, von Batterie Caspari mit Kartätschen bearbeitet. Gleichzeitig galoppierten die Blücherhusaren des pommerschen Korps auf die Bayernkürassiere los. »Hoch der König!« General Rheinbaben brachte zwischen Problus und Stresetitz die 1. Gardeulanen vor. Auch diese Kürassiere wurden zersprengt, ihr Schwesterregiment Neipperg-Kürassiere wagte sich nicht mehr vor. Dagegen jagte ein Schwarm von 100 Galiziern mit eingelegter kurzer Lanze auf das königliche Gefolge nordwestlich von Stresetitz heran.

»Rettet den König!« Flügeladjutant Graf Finkenstein führte die aus verschiedensten Abteilungen gemischte Stabswache vor, während der fürstliche Greis völlig furchtlos blieb. Die Kugeln der Brandenburger Füsiliere machten jedoch der Gefahr ein jähes Ende, nachdem Otto in heller Angst um den Monarchen ihm schon in die Zügel fallen und sein Roß rückwärts wenden wollte. Die Aufmerksamkeit des Königs richtete sich so ausschließlich auf die Entwicklung der kriegerischen Vorgänge, daß er den umherstiebenden Geschossen nicht die geringste Beachtung schenkte. »Eure Majestät dürfen sich nicht so sorglos dem mörderischen Feuer aussetzen«, drängte Otto, der sehr nervös zu werden begann. Doch der kriegerische Monarch fertigte ihn ab: »Der Höchstkommandierende muß da sein, wo er sein soll.« Otto ermannte sich zu launiger Einsprache: »Wenn Eure Majestät nicht um sich selber sorgen, erbarmen Sie sich Ihres armen Ministers, von dem das treue preußische Volk verlangt, daß er über seinen König wache. Dies Volk bittet sie, den gefährlichen Posten zu räumen.« Der tapfere Greis schmunzelte vergnügt: »Na, dann reiten wir ein bißchen beiseite.« Und er wendete seinen Braunen zu einem so gelassenen Trab, als ginge es die Linden zum Tiergarten hinunter. Da dies Otto nicht schnell genug ging, gab er dem Roß von hinten heimlich einen Klaps mit der Stiefelspitze, so daß es einen Satz nach vorwärts machte. Der König sah sich erstaunt um und merkte wohl das sündige Beginnen, sagte aber nichts dazu, daß sein Getreuer ihm den Genuß verkümmern wollte, auf dem Felde der Ehre zu bleiben. Er meint es ja gut, der alte heißblütige Schönhauser, es zuckt ihm in Händen und Füßen, seinen König herauszuhauen, doch manchmal weiß er nicht, wie einem wahren König von Preußen zumute ist! –

Die von Gewehrsalven und Geschossen der Gardeartillerie erreichten Divisionen Holstein und Coudenhove ritten mehrfach ihr Fußvolk hinter Rosberitz um und verbreiteten Wirrwarr unter der Artillerie, opferten sich aber nicht umsonst und verschafften dem Rückzüge Benedeks bedeutenden Zeitgewinn. Sie hatten die Attacke selbständig übernommen, denn von Benedek erhielt man kaum Befehle mehr, der sich, seit er bei der ersten Einnahme von Chlum und Rosberitz ahnungslos mit der Stabswache heraneilte und durch Flintenschüsse seinen Adjutanten Grünne getötet und den vorzüglichen Artillerie-Oberchef Erzherzog Wilhelm neben sich verwundet sah, ganz verstört herumtrieb und sich vom Flüchtlingsstrome nach Königgrätz tragen ließ. Vierzig Schwadronen (5700), die tatsächlich fochten und mit 34 preußischen (4500) ihre Klingen kreuzten, wobei sie mehrfach im Handgemenge die Oberhand behielten, verloren fast 1200 Mann, darunter 70 Offiziere, und fast 1700 Pferde, die Preußen nur über 300 Pferde und 440 Reiter.

Während 16 Garde-, 11 ostpreußische Kompagnien Rosberitz erneut nahmen, 6 Garde-, 7 ostpreußische und vorerst nur fünf Batterien Friedrichs Karls den Abzug der Reservekorps mit Granathagel begleiteten, erstürmten die Schlesier mit klingendem Spiel das Dorf Wsester und erbeuteten 12 Geschütze, dann nochmals 14 und trieben den Feind auf Briza, neun ihrer Batterien aufpflanzend. Obschon aber beide preußischen Flügel schon auf eine Viertelmeile voneinander vorrückten, erreichten die drei Ulanenregimenter der Division Alvensleben den Feind nicht mehr und die Elbarmee blieb im allgemeinen stehen. Eine neue feindliche Geschützaufstellung bei Rosnitz wurde zwar niedergekämpft, indem Friedrich Karl neun neue Batterien vorbrachte. Zastrows Schlesier warfen das Korps Gondrecourt aus Rosnitz und Briza, erbeuteten 18 Geschütze, und nachdem sie die Ziegelei auf der Königgrätzer Chaussee überschritten, schien mindestens das ganze Korps Gondrecourt abgeschnitten. Es hatte bei Chlum und Rosberitz schon 4000 Tote und Verwundete eingebüßt (Korps Molinary sogar 5000), Regimenter Deutschmeister und Ehrbach (Böhmen), die altbekanntesten der k. k. Armee, litten besonders, und es ließ bis zur Nacht auch wirklich 6000 Unverwundete in Händen der Sieger.

Aber die angelangte Division Etzel der Elbarmee tat nichts als Batterien vorzuziehen, die wegen Flankenfeuer aus Bor auf Prim retirierten. Bis ½ 8 Uhr tobte noch ein heftiger Geschützkampf, an dem zuletzt 17 Batterien Friedrich Karls, acht des Kronprinzen, vier der Elbarmee teilnahmen. Wesentliche Wirkung blieb aus. Die Sachsen und Kavallerie Edelsheim deckten in fester Haltung das Abfließen des Rückzuges über Pardubitz, da nur die Korps Thun und Molinary den Übergang bei Lochenitz noch benutzen konnten, nur teilweise über Königgrätz, da diese Festung lange ihre Tore schloß, um nicht von den Flüchtlingsmassen überschwemmt zu werden. Es entstand zuletzt die wildeste Flucht, was die preußische Oberleitung aus den Umständen hätte folgern müssen. Trotz der wider alles Erwarten geglückten konzentrischen Umfassung hatte man kein Korps abschneiden können, aber ein Blick auf die topographische Karte mußte lehren, daß unermüdliches Nachdrängen noch schönste Früchte tragen und die Auflösung des Kaiserheeres vollenden mußte. Selbst neue Opfer brauchte man nicht zu scheuen, wenn man nur rechtzeitig österreichische Artillerielinie niederriß und in den Fluchtgreuel an den Elbübergängen hineinstieß.

Solches erwartete Bismarck, der mit gewohntem Hellgesicht in die Ferne später. Es gab auch sonst manches noch zu sehen auf diesem grausigen Schlachtfelde. Als er später beiseite ritt zu einsamer Betrachtung, machte ihm das Leichenfeld das Blut in den Adern erstarren, ein lähmendes Entsetzen befiel ihn. Jämmerlich schrie ein armer schöner Gaul, dem eine Granate beide Hinterfüße wegriß und der sich mit den Vorderfüßen zitternd aufstemmte. Seine großen Augen, naß und hilfeflehend, gingen dem gutherzigen Deutschen durch Mark und Bein. Die arme Kreatur weiß nicht, wofür sie leidet, und was geht sie die deutsche Einheit an! O schreckliches Dasein, wir leiden und machen leiden, selbst wenn wir unsere Pflicht tun. Nicht weit davon graste der berühmte riesige Ziegenbock der Gardeartillerie, der neben dem Stabstrompeter possierlich bockend auf den Feind losstürzte, als wolle er alles auf sein Horn spießen. Die Slawen erkannten in ihm den alten Heidengott Zornebog, den Satanas, mit dem der Unterteufel Bismarck einen Privatpakt schloß. Doch dicht daneben lehnte ein junger bildschöner Offizier an einem Gartenzaun, ein winziges rundes Loch auf der Brust, hinter ihm blühten Rosen. Von denen brach ein Märker eine Handvoll und streute sie auf die Todeswunde.

»Kennen Sie den Toten?« fragte Otto bewegt.

»Ne, Herr Major. Doch jefochten hat er wien'n Löwe und jefallen is er wie'n Lämmchen, da wollt' ik ihn man vor die Pferdehufen schützen und hab' ihm ufrecht anjelehnt. Mein' Mutting jäbe mir ooch woll Rosen ins Jrab. Na adjes, Herr Major!« Damit stürmte er weiter. –

Der König war bis an die Ostspitze des Charbusitzer Waldes in den Gefechtskreis der Elbarmee vorangesprengt, zahlreiche Granaten platzten um ihn. Schon um ½ 7 Uhr legte ihm Moltke einen Armeebefehl vor, wonach »morgen« ein Ruhetag eintreten und nur die Elbarmee auf Pardubitz verfolgen sollte. »Alle drei Armeen sind förmlich ineinander geraten, es braucht Märsche, sie wieder auseinander zu lösen. Die Truppen sind überanstrengt, 19 Stunden in Bewegung, zehn im Kampfe ohne Abkochen und Pferdefutter.« Das schlug natürlich beim König ein.

»Die braven, braven Leute!« rief der König gerührt. »Es wäre unmenschlich, mehr zu verlangen. Natürlich müssen sie sich erholen.«

Otto schüttelte den Kopf dazu, sagte aber füglich nichts. In Wahrheit waren das Brandenburger Korps und Division Etzel völlig frisch, die zahlreiche Reiterei hätte nach genügender Vorbereitung alles in Grund und Boden reiten können, das Korps Steinmetz und fast das ganze Korps Bonin trafen erst jetzt ein – ein niederschlagender Beweis für die theoretische Minderwertigkeit konzentrischer Angriffe –, hätten aber unter sofortiger Einsetzung der letzten Kräfte das gänzlich zerschlagene Kaiserheer an die Elbe drücken und den Rückzugsübergang in eine Beresinakatastrophe verwandeln können. Moltke redete sich später damit heraus, nur ein mitleidslos harter Wille könne den Truppen so etwas zumuten, wobei er obendrein unterschlug, daß große preußische Teile noch völlig frisch waren. Doch selbst wenn sie so erschöpft gewesen wären, so waren dies die Franzosen bei Jena und Austerlitz auch, und wie erst die Preußen Blüchers bei Belle-Alliance, die viel ärgere Strapazen, verhältnismäßig blutigere Kämpfe hinter sich und seit vorgestern eine furchtbare Niederlage in den Knochen hatten und dennoch rücksichtslose Verfolgung durchsetzten. Und hier winkte ein viel größerer Siegespreis, da Benedek die Elbe im Rücken hatte, also ein großer Teil seines Heeres nicht mehr hinübergekommen wäre. Am folgenden Tage aber – was wäre denn aus Blüchers Katzbachverfolgung geworden, wenn er ähnlich gedacht hätte, der noch obendrein einen hochgeschwollenen Fluß überschreiten mußte, aber nur so den Erfolg wirklich ausnutzte? In Wahrheit ließ sich Moltke vor der über alles erhabenen Aufopferung der österreichischen Artillerie imponieren, war auch persönlich angegriffen und müde, während den greisen König seine jugendliche Begeisterung wach und frisch erhielt. Seine Lobredner um jeden Preis haben dies alles vertuscht, auch jede gesunde kritische Folgerung erstickt. Wenn er in einem Memorandum an Treitschke sich höchst unglücklich auf Napoleons Schlacht bei Bautzen berief, wo der Großmeister von seinem Grundsatze abwich und deshalb einen halben Mißerfolg erntete, und das Zusammentreffen getrennter Heere auf dem Schlachtfelde für den Gipfel der Strategie erklärte, dabei jede Gefahr bei Königgrätz leugnete, so verschwieg er wohlweislich, daß nur das Zündnadelgewehr und die übermenschliche Leistung der Divisionen Fransecky und Hiller-Gärtringen ihn herausrissen. Wenn von 221 000 Preußen tatsächlich nur 150 000 wirklich zum Schlagen kamen, von 780 Geschützen 200 nicht feuerten, so verurteilt solche Schlachtanlage sich selbst. Allerdings muß man Friedrich Karls Initiative loben, die ja nachher Moltke nur aufnahm, doch der Grund des Übels lag in der fortdauernden Trennung der II. Armee durch die Elbe, wogegen Blumenthal umsonst remonstrierte. Nur wegen diesem Auf-die-Spitze-treiben des Systems der äußeren Linien traten alle diese unliebsamen Folgen ein.

*

Otto behielt diesen Eindruck stets und gab ihn auch später schriftlich wieder. Durch diese Schlaffheit verlängert sich der Krieg und die französische Einmischung droht näher, dachte er. Doch übersah man im Hauptquartier überhaupt noch nicht den Umfang des Sieges. Bei dem Ritt übers Schlachtfeld sah man anfangs nur Tote und Verwundete, haufenweise niedergestreckt auf zerstampften Feldern, zerschossene und stehengebliebene Geschütze. Denn im Zentrum war das feindliche Fußvolk wie vom Erdboden verschwunden, als die Verfolgung begann. Erst jenseits Stresetitz und bei Rosberitz bezeugte das Blachfeld, wie fliehende Massen Tornister, Tschakos und Gewehre wegwarfen, wie der Wagentrain in die Chausseegräben umstürzte und reiterlose Pferde umherirrten. Der König begab sich von der Waldspitze östlich von Bor nach der Wiese vor Problus, wo ihm ein anderer Reitertrupp entgegenkam, der Stab des Kronprinzen, der ihn suchte. Vater und Sohn fielen sich gerührt in die Arme. Der Jubel seiner Truppen war unbeschreiblich, überall umdrängten sie den Kriegsherrn, der sich in Lobsprüchen nicht genug tun konnte.

»Lassen Sie mich in Ruhe! Ich bin ganz enthusiasmiert!« lehnte er Ottos ernste Vorstellungen ab, da die Generale sich nicht getrauten, als Soldaten einem solchen königlichen Soldaten das Wort Gefahr ins Ohr zu raunen. Die Granaten sausten, schwirrten und schlugen ein, doch in seiner geradezu exaltierten Stimmung schien der prächtige alte Herr nichts zu sehen und zu hören. »Er macht sich's im Sattel bequem wie bei einer Revue am Kreuzberg«, murrte Roon, halb ärgerlich, halb freudig belustigt.

»Möchten Sie, daß er vorsichtiger wäre?« rief Otto mit strahlendem Auge, und Roon strich sich wohlgefällig den Schnurrbart. Der edle Greis suchte sich immer neue Schlachthaufen, denen er Guten Abend sagen wollte. Und wo er freundlich grüßte: »Guten Abend, Grenadiere! Ich danke euch, Kinder!« küßten ihm die Krieger Stiefel und Steigbügel in ihrer stolzen Hingebung, ein so würdiges Sinnbild des Vaterlandes vor Augen zu haben. »Na, da tändeln wir ja wieder recht lieblich ins schönste Feuerchen hinein«, warnte Roon besorgt. »Pladderadeutz!« Eine Granate riß unmittelbar neben dem König zehn schlesische Kürassiere und 15 Pferde in einen blutenden Knäuel nieder. Gleich darauf schlug eine andere dicht vor dem König ein, so daß sich ein Angstschrei erhob, explodierte aber nicht.

»Das ist zu viel, Majestät«, zürnte Otto mit erhobener Stimme. »Im Namen des Vaterlandes beschwöre ich Sie, diesen Leichtsinn aufzugeben. Der Staat hat Anspruch, daß Sie sich ihm erhalten.«

»Sie wollen mir durchaus mein Vergnügen nicht lassen«, versetzte der König ärgerlich. »Ich gehorche und reite weg auf allerhöchsten Befehl.« Der ernste Ton half also und Otto ritt durch die Dunkelheit als Wegweiser vor der verwegenen Majestät her, nach Horsitz zurück. Als sie am Rokosberg vorüberritten, bemerkte der König spitz und gereizt, indem er auf seinen treuen Minister wies: »Hier ist die Stelle, wo der Herr da mich zum erstenmal wegjagte«, aber es war nicht bös gemeint, und er beruhigte sich. »Sie meinen es ja gut und schließlich mögen Sie recht haben. Ich werde mich bessern.«

Ottos Fuchs, der auf der Walstatt nie scheute und gemütlich Ähren abfraß oder Pflaumenblätter kaute, trug ihn in flotter Gangart. Sein Herr mußte sich in Horsitz aufs Straßenpflaster legen, Stroh gab es nicht, dies und alle Gebäude brauchte man für Verwundete.

Er schob ein Wagenkissen unter, befahl sich Gott unter rieselndem Regen und schlief schon wie ein Murmeltier, als ein Vorübergehender ihn entdeckte. »Mein Gott, Exzellenz, Sie hier? Das geht nun und nimmer. Ich habe ein Zimmer und Sie müssen es mit mir teilen.« Es war der Großherzog von Mecklenburg, der ihn so unter seine Obhut nahm.

Übrigens gab es auch selten reinliche Streu als Kopfkissen, denn die Pferde gingen vor, die allen Häcksel fraßen. Die böhmischen Matratzen, oben und unten zu kurz, in der Mitte hoch, machten ihm Kreuzschmerzen, und einmal hatte er sich wie ein Taschenmesser in einer Kinderbettstelle zusammenklappen müssen, o Grausen und Hüftweh! Für den König hatte er vorhin ein hartes Sofa aufgetrieben, er selbst fiel anfangs sanft auf einen Düngerhaufen, dessen Odeurs ihn wieder aufscheuchten. Auf dem Marktplatze fand er eine Säulenhalle, ob jonische oder dorische Säulen, das zu unterscheiden erlaubte nicht die Dunkelheit, jedenfalls waren's böhmische Säulen. Ein Dach über bloßen Steinen, doch der Regen drang durch, und Rindvieh hinterließ hier übelriechende Spuren. Doch er konnte sich nicht mehr aufrappeln.

Erst am anderen Morgen begann man zu zählen, daß man 160 Geschütze, 20 000 Gefangene als Trophäen in Händen hatte, überhaupt verlor Benedek fast 45 000 Mann, die Preußen nur über 9000, davon die Elbarmee nur 1600, Friedrich Karl fast 5300, wovon fast 2300 auf die bei Maslowed-Kistowes Fechtenden allein entfielen. Die Gardedivision Hiller verlor nur 1060, außerordentlich wenig im Vergleich zur Einbuße der ihr gegenüberstehenden zwölf Brigaden, noch ungerechnet 7000 Gefangene. Auch Fransecky fügte einer riesigen Übermacht einen dreifach größeren Verlust zu und trieb 2000 Gefangene weg, wie die Elbarmee 3000 (keine Sachsen darunter) und Division Zastrow gar 5000. Diese Tatsachen lehrten zur Genüge, daß die entnervende Wirkung des Hinterladers und die gewandtere Fechtweise gegen unbehilfliche Kolonnen die Partie von vornherein ungleich machten. An Tapferkeit hatte es den Österreichern im allgemeinen wahrlich nicht gefehlt, auch nicht den Süddeutschen, die im Laufe des Monats in ihren eigenen Landen bei Kissingen, Aschaffenburg, Tauberbischofsheim usw. durch Goeben und Manteuffel (Falckenstein in Ungnade abberufen) fortwährend Niederlagen erlitten. Doch mit Unwillen bemerkte der Minister-Major, daß sich alsbald bei den höheren Militärs ein Selbstgefühl entwickelte, als sei die österreichische Armee ein Pappenstiel und jeder von ihnen ein weiser Heros. Die meinen schon, die ganze Welt erobert zu haben! dachte er bitter. Leicht verzagt und leicht berauscht, und ich muß Wasser in den Schaumwein gießen, ein undankbares Geschäft. Daß wir nicht allein in Europa etwas zu sagen haben und drei andere Großmächte uns den Erfolg mißgönnen werden, wird schwer sein, den Herren begreiflich zu machen. Auch der König träumt nur vom Einzug in Wien. Monsieur Lefebvre wird mir bald ein Wort ins Ohr sagen, der außerordentliche Botschafter Benedetti wird es an zarten Winken nicht fehlen lassen. Nun, die Menschen haben es übel mit uns gemeint, und Gott hat alles wohlgemacht. Heute erst erkenne ich seine Gnade, daß er mein Werk gekrönt hat. Doch mein Feldzug beginnt erst jetzt.

»Na, jetzt stehen Sie groß da«, unterbrach der barsche General Manstein seine Träumerei. »Aber wenn es schief ging, hätten die alten Weiber in Berlin Sie mit Besenstielen totgeschlagen.« In der kordial klingenden doch von geheimer Mißgunst durchtönten Äußerung lag die Anmaßung: wir, wir allein, die Armee macht den Erfolg. »Was hätten Sie denn getan, wenn die Schlacht verloren ging?«

Otto sah ihn groß an und nahm einen Revolver aus dem Sattelhalfter: »Mir eine Kugel vor den Kopf geschossen.«

Die Waffe funktionierte zwar schlecht, wie er im Briefe an Nanne klagte, doch daß er überhaupt keinen Revolver bei sich trug, ist spätere Verdrehung. Die Eifersucht der Militärs auf den Zivilisten gewann übrigens auch eine Prägung in Roons launigem Ausruf: »Na, diesmal hat uns der brave Musketier rausgerissen!«

Während eine matte Verfolgung anhob und die Preußen auf Olmütz vorgingen, erhielt der König in der Nacht zum 5. ein Telegramm Napoleons. »Da haben wir's! Eine unangenehme Geschichte!« reichte er es dem Minister hin. »Der Kaiser hat Venetien an Napoleon abgetreten und wünsche dessen Vermittelung. Welche Entwürdigung!«

»Ganz wie in Villafranca. Da sehen Eure Majestät die deutsche Gesinnung Österreichs. Den wahren Landesfeind, das Ausland, zum Schiedsrichter der deutschen Frage machen!«

»Ja, jetzt sehe ich, wie richtig Sie immer urteilten. Nun, Österreich wird dafür büßen. Napoleon motiviert seine Einmischung mit unserem glänzenden Erfolge, der ihn aus seiner Zurückhaltung heraustreten lasse. Was meint er eigentlich?«

»Was er zu höflich und zu schlau ist zu bekennen. Er hielt uns für hilfsbedürftig und merkt zu seinem lebhaften Ärger das Gegenteil. Übrigens treiben ihn seine Franzosen dazu, die boshaften Affen. Die halten jeden Sieg anderer für eine Majestätsbeleidigung gegen ihr ausschließliches Gloiremonopel und würden ihm nie verzeihen, wenn er nicht irgendeine Erpressung auf uns ausübt.«

»Er soll nur kommen! Frankreich ist nicht gerüstet.«

»Aber Österreich nicht so völlig niedergeworfen, auch Süddeutschland nicht, als daß wir einen Machtzuwachs durch ein französisches Heer, und sei es noch so klein, gelassen ansehen könnten. Hätte man sofort mit aller Kraft verfolgt, so würden wir schon jetzt Friedensangebote in Händen haben. Wir müssen uns beeilen.«

»Wie sollen wir also nach Paris antworten?«

»Dilatorisch, verschleppen und hinziehen. Nur kein Waffenstillstand ohne Bürgschaft eines sofortigen Friedens auf günstiger Basis! Das Intermezzo Gablenz war im Grunde eine gute Vorbedeutung, doch wir dürfen uns auf nichts einlassen ohne offizielle Beglaubigung.«

Im Hauptquartier erschien nämlich auffälligerweise als eine Art Parlamentär der F. M. L. Gablenz, der vom dänischen Feldzug her viele Sympathien genoß, und wollte einen Waffenstillstand abschwindeln, was natürlich dem zerschlagenen Heer gut paßte. Moltke frug ihn trocken nach seiner Ermächtigung, für die er nichts Schriftliches vorzeigen konnte, und schickte ihn unverrichteter Sache heim. Doch in Pardubitz erschien er plötzlich wieder mit unbestimmten Anträgen. Otto hatte gerade einen wertvollen Besuch, den Grafen Seherr-Toß, mit dem er sich voriges Jahr in Paris beredete.

»Ich komme direkt von Paris, nahm den nächsten Zug hierher auf das, was der Moniteur erst ein ›wichtiges Ereignis‹ nannte und nachher ›ein unwahrscheinliches unerwartetes‹, das Frankreich mit ›patriotischer Besorgnis‹ erfüllt, das heißt mit Enttäuschung, Eifersucht und Revanchewut. Wissen Sie, daß schon das Wort umläuft: ›Rache für Sadowa‹, als ob dort Frankreichs Ehre beleidigt sei?«

»Das wundert Sie? Jeder, der Ehre im Leib hat, beleidigt diese zartfühlende Nation schon durch seine Existenz.«

»Augenblicklich schwelgt Paris in einem Freudentaumel, es flaggt und illuminiert wegen Annexion Venetiens. Die Pariser können nie genug Länder schlucken, selbst Güter im Mond würden sie annektieren.«

»Und erst recht spanische Luftschlösser. Sie kommen gewiß auf Ihren damaligen Antrag zurück?«

»Jawohl, die Insurgierung Ungarns. Jetzt ist es Zeit.« Er verbreitete sich über Gründung einer ungarischen Legion. Dem für äußerliche Eindrücke empfänglichen Madjaren imponierte Otto jetzt viel mehr in Uniform und Helm, als einfacher Major von allen Generalen respektvoll begrüßt und mit der Haltung eines Gott Jupiter. Jemand brachte eine Meldung.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick«, unterbrach der Minister die Darlegung. »Ich muß zum König, der verdammte Gablenz ist wieder da und verlangt Audienz, was ich unter allen Umständen hintertreiben will.« Er fand beim König williges Gehör, der heiter ausrief: »Waffenstillstand is nich. Wir werden den Frieden auf den Wällen Wiens diktieren.«

Zurückgekehrt, bot er dem Ungarn eine Havanna an und lächelte: »Um auf einiges zu kommen, was Sie vorhin berührten, Sie hielten mich also auch für einen Junker und Reaktionär und staunen über meine Vorurteilslosigkeit? Der Anschein täuscht oft. Ich mußte diese Rolle spielen, um mein Ziel zu erreichen. Von allen Seiten suchte man den König gegen mich einzunehmen, indem man mich als verkappten Demokraten malte. Ich gewann sein volles Vertrauen, indem ich nicht vor Widerstand gegen die Kammer zurückschreckte, wenn es sich um die Heeresreform handelte, ohne welche der Staat in Gefahr schwebte. Doch, lieber Graf, meine Nerven gingen in diesem Kampf zum Teufel, meine Lebenskraft ist erschöpft, ich bin ein halbtoter Mann.« Toß sah ihn zweifelnd an. Leider sprach Otto die Wahrheit, sein altes Leiden meldete sich wieder. Heftig mit der Faust auf den Tisch schlagend, donnerte er mit prachtvollem Ingrimm: »Besiegt habe ich sie alle, die meinem Ziel im Wege standen.« In den nächsten zehn Minuten kamen Depeschen herein, die ihn mit Genugtuung erfüllten. »Sieg über Sieg! Die Süddeutschen können gegen uns nicht das Feld halten. Übrigens sind viele nicht mit dem Herzen dabei. Zum Beispiel der Stabschef des Bundesheeres, Freiherr v. d. Tann-Ratsamhausen, ein echter deutscher Edelmann von uraltem Reichsadel, also ein volksfreundlicher liberaler Herr von vornehmer Gesinnung. Der hat weiland die Holsteiner Freischaren geführt, weil er als deutscher Patriot nicht auf seiner bayerischen Scholle sitzen bleiben wollte, wenn der gemeinsamen Mutter Deutschland Unrecht geschah. Überhaupt die Bayern! Ein ganz famoser Menschenschlag, den ich liebe, man muß nur ihre berechtigte Sonderempfindlichkeit schonen.«

»Und was wird Süddeutschlands Schicksal sein? Werden Sie es dem preußischen Adler unterwerfen?«

»Beileibe nicht! Was sollten wir mit all den Ultramontanen anfangen? Wir brauchen sie nicht und dürfen nicht mehr verschlucken, als wir verdauen können. Schon Piemont hat sich durch Annexion von Neapel eher geschwächt. Ja, und was Ungarn betrifft, ich bin immer für Freiheit und Unabhängigkeit, und wir wollen gern Ihre nationalen Aspirationen zu den Waffen rufen.«

Seine furchtbare Waffe der Offenheit tat ihm auch hier die besten Dienste. Graf Toß war Feuer und Flamme für den »großen deutschen Staatsmann«. In Ungarn regte es sich bald. Obschon die traurige militärische Schwäche Italiens dem Erzherzog Albrecht erlaubte, viele Truppen von Süden wegzuziehen und selbst an Stelle des gefallenen Benedek den Oberbefehl zu übernehmen, mußte er sich immer weiter auf Wien zurückziehen. Die Zahl der erbeuteten Geschütze und Gefangenen vermehrte sich zusehends, je weiter die Preußen gegen die Floridsdorfer Linien vordrangen. Aus Hohenmauth schrieb Otto an Nanne: »Weißt Du noch, mein Herz, daß wir hier vor fast zwanzig Jahren durchfuhren?« »Kein Spiegel zeigte die Zukunft ... wie wunderbar romantisch sind Gottes Wege!«

Das fand auch der König, der einen so tiefen Zug aus dem Ruhmesbecher tat, daß er die Schmach von Olmütz nun durch volle Demütigung des hochmütigen Gegners heimzahlen wollte. »Wir müssen Österreichisch-Schlesien und den Grenzteil von Böhmen haben, in Norddeutschland Ostfriesland. Für Hannover, Hessen, Nassau, Meiningen genügt es, wenn wir die antipreußischen Souveräne durch ihre Thronfolger ersetzen, die sich durch Bundesreform an Preußen anschließen.« Otto, peinlich berührt, stieß erneut auf die dynastische Neigung, alte Dynastien zu schonen und hingegen das eigentliche Staatsinteresse hintanzustellen. Statt dessen wollte der König lieber, wie er später sagte, Teile dieser deutschen Kleinstaaten Preußen einverleiben. »Besonders liegt mir am Herzen, unsere alten Stammlande Ansbach und Bayreuth, die uns der Korse entriß, zurückzugewinnen. Natürlich müssen wir dann zur Verbindung mit Franken uns Westsachsens bemächtigen mit Leipzig, Chemnitz und Zwickau.«

»Ob Österreich das zuläßt, scheint mir fraglich.«

»Es hat nichts zuzulassen«, brauste der König auf, »sonst werden wir unsere gerechten Ansprüche steigern. Friedrich Karl hielt mir wiederholt Vortrag über die strategische Wichtigkeit von Eger, Reichenberg, Karlsbad, welche Berge und Täler sich als Glacis dem Erzgebirge vorlagern.«

»Dort und in Österreichisch-Schlesien überwiegt doch wohl slawische Bevölkerung.«

»Das ist gleichgültig. Den Kreis Braunau empfehlen einige Autoritäten auch als Eisenbahnknotenpunkt an uns zu bringen.«

Warum nicht ganz Böhmen und Mähren! belächelte Otto solch ausschweifende Hoffnungen. Die echte Militärpolitik, wie Moltke und Friedrich Karl sie allein verstehen. Nach bloßen strategischen Rücksichten einen politischen Frieden schließen ist Stümperarbeit. Der ganze Horizont ist solchen Leuten von wehenden Fahnen verdunkelt. Daß es gar nicht auf Landerwerb für Preußen, sondern auf die deutsche Einheit ankommt, deren endliche Möglichkeit wir durch keinerlei Maßlosigkeit gefährden dürfen, wird den naiven Kriegsleuten und den Stockpreußen wohl ein – böhmisches Dorf bleiben. Und dabei hatten der Kronprinz und Blumenthal am vierten und neunten Juli einzugreifen, um Gablenz abzuwehren, da Moltke den Erfolg noch immer unterschätzte und wegen mangelhafter Verpflegung am liebsten noch am sechsten die Truppen hätte rasten lassen, wenn nicht Blumenthal vorwärtsdrängte. Mitte des Monats gab es neuen Zwist, weil Moltke wiederum auf Trennung der Heere beharrte. Statt Blumenthals strategisch sehr richtige Auffassung zu widerlegen, machte er Vorwürfe über zu langsamen Marsch, nahm aber später einfach den Plan seines Rivalen an, der sich heftig über Moltkes System aufregte. Gleich darauf schickte er eine unverständliche Disposition durch Hauptmann Mischke, einen Jugendfreund des Kronprinzen, der daher nicht damit zurückhielt, Moltke schimpfe vor dem König, weil der Kronprinz auf durchnäßten Straßen, weich wie Buttermilch, nicht schnell genug marschiere!

Jetzt marschiert Preußen wirklich zu schnell! dachte der Staatsmann. Ich muß bremsen.

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