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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 17
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Die Konferenz in London möchte wohl unsere Erfolge beschneiden«, sprach sich der König unmutig aus, so sehr ihm seine Familie mit englischen Warnungen in den Ohren lag.

»Mit den beliebten diplomatischen Scheren, die so gern Scheren der Parzen sein möchten am Webstuhl der Geschichte. Doch wir werden den teuren Scherenschleifern selber den Boden unter den Füßen wegschneiden.« Am 15. Mai erklärte eine Note Ottos, der weilend Londoner Vertrag sei schon längst ungültig geworden durch das Vorgehen der Dänen, und wenn er bisher davon schwieg, geschah es, um die Empfindlichkeit anderer Signaturmächte zu schonen. Im übrigen bestehe er auf vollständiger Unabhängigkeit der Herzogtümer. Da die Dänen sich stocktaub stellten, von den zu andächtig ins Ohr gesogenen Ermunterungen Englands betäubt, verlangte er sofort unerbittlich vollständige Trennung. Die Ereignisse rollten weiter.

»Prinz Friedrich Karl hält Wegnahme von Alsen für möglich, Goeben, auf den ich große Stücke halte, ist auch dafür. General Moltke hat sogar Pläne ausgearbeitet für Eroberung von Kopenhagen. Wir werden bald fertig werden, die Armee bricht Eisen, so hoch wuchs ihr stolzer Mut.« Der König ging elastischen Schrittes in seinem Salon in Babelsberg auf und ab.

»Um so besser!« Auch Otto strahlte von Freude und Zuversicht. »Bedingungslose Abtretung von Schleswig, Holstein und Lauenburg wird diesem übermütigen Kleinstaat bald abgezwungen werden.«

»Aber an wen?«

»Natürlich an die Verbündeten gemeinsam. Das Weitere wird sich finden, haben Eure Majestät den General v. Blumenthal, Stabschef Seiner Hoheit, über die allgemeinen theoretischen Ergebnisse des Feldzugs Vortrag halten lassen? Ich nenne diesen Herrn, weil er der Hauptvertreter des Generalstabs im Felde ist, länger dabei als General Moltke.«

»Was interessiert Sie denn so dabei?«

»Daß unsere Leute besser marschieren und modernere Taktik der Schützenschwärme pflegen, weiß ich, doch ich staune, daß kein Bericht besonderes Gewicht auf unsere neue Waffe des Hinterladers legt.«

»Sie hat sich bei Gefechten in Jütland furchtbar bewährt, beim Sturm auf die Düppeler Schanzen war wohl nicht recht Raum dafür. Die Österreicher haben wohl nichts davon gesehen, ihre Berichte schweigen fast ganz darüber.«

»Das ist es eben, was ich begrüße,« fiel Otto lebhaft ein. »Mir scheint sehr unnötig, daß sie sich unterrichten. Man sollte unserer Presse verbieten, von besonderer Wirkung des Zündnadelgewehres etwas drucken zu lassen.«

»Aber das bleibt doch nicht verborgen. Seit Roon die Neubewaffnung durchsetzte, seit der Erfinder Dreyse sein erstes Modell sandte, wußten doch Fachkreise davon, und nun erst –!«

»Solange nicht großer Tamtam geschlagen wird, glaubt doch niemand daran. Wenn nicht die Wiener Presse Wind davon bekommt und Lärm schlägt, werden die k. k. Militärkommissionen ihren Vorderlader behalten bis zum Jüngsten Gericht.«

Der König lächelte. »Ich glaube sogar, ich las in einem österreichischen Rapport, das neue preußische Gewehr sei ein Fiasko, man habe überflüssigerweise so viel Geld dafür ausgegeben.«

»Das hört der Wiener Hofkriegsrat gern, der kein überflüssiges Geld hat.« Otto freute sich herzlich. »Ja, man wird wohl gar ein Interesse daran haben, über den Hinterlader zur Tagesordnung überzugehen. Und in Bataillonskolonnen fechten sie immer noch wie bei Solferino. Famos!«

»Aber was erfreut Sie denn so an den Defekten unserer Waffenbrüder?« frug der König arglos.

»O, 's ist nur so ein akademisches Interesse.« Otto nahm sich zusammen und lenkte rasch ein: »Wenn Alsen fiele, wäre der Krieg erledigt.«

Es fiel in einer Sommernacht, voller konnte der altpreußische Waffenruhm nicht erneuert werden. Zwei Mitspieler erkannten sogleich die hohe Bedeutung dieses kleinen Krieges, den man sonst vielleicht bald vergessen und übersehen möchte, der aber als Probe für die Leistungsfähigkeit das Preußenheer mit einer Zuversicht erfüllte, die es für größere Kämpfe vielleicht bald brauchte. So dachten Otto und Friedrich Karl. Als später die siegreichen Truppen in Berlin einzogen, schien selbst der Oberbürgermeister Seidel so weit bekehrt, daß er in seiner Ansprache auf Annexion hindeutete, was früher in Fortschrittskreisen ein verpöntes Wort war. Doch bis zu diesem Einzug und bis zum Frieden war es noch weit. Mit dem Sonderfürstentum des Augustenburgers und dessen geheimen Hintergedanken war Otto fertig. Unbestimmter Hinweis auf Pflege guter Beziehungen »zu derjenigen Macht, welche auch in Zukunft die nächste und wirksamste Stütze gegen Dänemark sein wird«, täuschte nicht darüber, daß der Erbprinz die preußischen Forderungen möglichst zu umgehen trachten werde. Selbst der Kronprinz mußte dies erkennen und ihn teilweise fallen lassen.

»Dem Küchlein, das wir ausgebrütet, können wir auch den Hals umdrehen,« äußerte Otto unverfroren und berief sich auf Kronjuristen, die ein Besitzrecht des Königs Christian auf einmal anerkannten, sobald dieser es nämlich an Preußen und Österreich abtrat. Auch die frühere Verzichtleistung seines Vaters auf die Erbansprüche, möge sie auch durch finanzielle Aushungerung von ihm erpreßt sein, binde formal den Erbprinzen. König Wilhelms rechtlicher Sinn widerstand jedoch dieser Auslegung noch immer. Er reiste im Juni mit seinem Minister nach Karlsbad zur Begegnung mit Kaiser Franz Josef. In Zwickau auf dem Perron stand schon erwartend der alte Katzbalger Rechberg und machte Ottos Coupé bis Karlsbad schwül mit politischer Stickluft. »Wie ich höre, hat der Empereur telegraphisch zu Düppel beim König gratuliert. Sie sind wohl mit ihm ein Herz und eine Seele?«

»Mit Rußland auch und hoffentlich erst recht mit Österreich. Apropos von Paris, das gepriesene Deutschgefühl von Durchlaucht Augustenburg sitzt so tief, daß er dort flehte, man möge sich für ihn verwenden, er lege sein Schicksal in Frankreichs Hände.«

»Hm! Sehr ... unvorsichtig«, brummte Rechberg. Er hätte natürlich lieber gesehen, wenn der neuzugründende Mittelstaat ganz von Österreich abhinge. Recht hart stießen die Geister aufeinander, als Otto vorschlug, jetzt unverzüglich die Bundestruppen der sogenannten Exekution aus Rendsburg und Kiel zu entfernen, da nur die zwei Großmächte dort Rechte haben würden. »Sie verlangen da von uns, daß wir uns mit alten Freunden überwerfen sollen.«

»Ich denke, wir sind jetzt die nächsten Freunde. Jene Entzweiung wird sich schon reparieren, die Hannoveraner gehen übrigens ganz gern.«

»Aber nicht die Sachsen. Ich weiß, daß Beust –«

»Mit Napoleon unter einer Decke steckt. Sollte er Schwierigkeiten machen, so werde ich ihm damit heimleuchten. Das kann er kaum riskieren, da er doch um Popularität als deutscher Patriot buhlt.«

Abeken und Keudell bekamen viel zu tun, auch Roon und Eulenburg trafen in Karlsbad ein, das Kolloquium mit dem Kaiser fiel nicht zu aller Zufriedenheit aus. Einen Botschaftsrat schickte Otto nach Berlin an Nanne: »Einen Gruß und einen Reuß, ich glaube den neunten.« Prinz Reuß IX. sollte als Gesandter nach Brüssel gehen, sein alter Bekannter Röder nach Kassel, dessen Tochter Jenny im Gasthaus »Drei Lerchen«, wo er wohnte, als vierte so viel trillerte, daß er zu langen Spaziergängen im regennassen Walde ausriß. Alsen! Hurra! Dieser Schluck aus dem Siegesbecher verjüngte den König zusehends, keine Heilquelle und kein Sprudel können damit wetteifern. Die Österreicher und der »zufällig« zur Kur anlangende Gortschakow schleichen darob so verdrießlich umher wie die vier Tage kalt Regenwetter, die an Otto einen schweren Katarrh bescherten. Der König reiste jetzt nach Gastein voraus, wobei viel riesige Buketts aus schönen Händen seinen Waggon schmückten, denn der galante alte Herr war ein Günstling der Damenwelt. Das konnte man just von Otto nicht sagen. Seine alte Frankfurter Freundin Stolypin beklagte sich, er sei ein rechter Bär geworden, der auf die zartesten Fragen brummig antworte. Sie hatte ihn meuchlings mit Politik überfallen, nachdem er in seinem jugendlichen Leichtsinn ihrer heimtückischen Einladung zu einer Bergpromenade folgte. Seither war sein Glaube an die Menschheit so geknickt, daß er niemand mehr traute und ins unwegsame Egertal sich flüchtete. Auf geheimem Waldespfade schleich ich gern im Abendschein ... o Lenau, wie lang sind wir getrennt, und doch kann ich's noch auswendig. Zum Lesen kommt man überhaupt nicht mehr. O Tod, ich kenn's, das ist mein Abeken ... er säuselt sanft an der Tür mit seiner Aktenmappe, und wenn er meint, ich höre ihn nicht, poltert er rauh und laut auf der Treppe. So wird's ja wohl meist im Leben sein. Nur gut, daß ich mir aus Säuseln und Poltern Abekens aussuchen kann, was mir beliebt.

*

Wie! Wieder mal Wien! Otto marschiert auf, sieben Mann hoch, wovon zwei Schreiber, was er in seiner malerisch ironischen Art umschrieb: »Die mich mit ihren kalligraphischen Diensten unterstützen« (22. Juli an Johanna). Er fand einen Brief vor, der ihn noch mehr als Wien an alte Tage erinnerte: vom amerikanischen Gesandten Motley! Wie sich alles so sonderbar im Leben fügt! In Erinnerung an seine Hochzeitsreise wanderte er in den Prater, den Volksgarten, wurde aber sofort erkannt. Dies Beäugeln en masse hat etwas Beklemmendes, als ob man ein Rhinozeros im zoologischen Garten wäre. Nun, man tröstet sich von dieses Lebens Unverstand beim guten Pilsener und Dreher Bier. Die Kapelle von Strauß spielte auf der Orchester-Rotunde Straußsche Walzer, doch niemand hörte zu, alle Augen gingen nach einer Richtung. »Das ihscht der Böse!« »Aber a fescher Kerl ihscht's!« »Er sieht halt abbgeahrbeitet aus, Backen und Aug'n sein eingesunken.« »Noa, aber er staht fest in seine Schuhe, der macht ka Knix und Bückling. Schauens, do steht's auf, ein Riesenkerl und's Rückgrat unverbogen.« »Und lachen kann er! Man hört's übers Orchester weg!« »Jo, der macht sich nix aus Staatsdiffikultäten, der prosperiert, das sieht man.«

Die Wiener Presse vermerkte sehr übel den neuen Übergriff des bösen Preußen, die Bundesstaatstruppen aus Holstein hinauszuwerfen und Österreich dazu Ja und Amen sagen zu lassen. Doch gerade seine Unpopularität machte den norddeutschen Hünen »aus'm Reich« bei den Wienern populär. Das erlebte Otto bei späterem Besuch im Volksgarten. Der Kapellmeister sprang plötzlich ans Podium vor, es war eine Militärbande mit engen ungarischen Hosen und Schnurrbärten und hielt eine öffentliche Ansprache: »Exzellenzherr sein erkahnnt. Ich bin Ungar, nit Schwob, alle Madjar sein begeihstehrt für den feschen Herrn v. Bihsmahrck. Zu Feier von Exzellenzherr Gegenwart werd'n mer spül'n ›Heul dirr imm Siggerkrahnz‹!«

Das war a Hetz. Alle Gutgesinnten standen auf, und als Otto freundlich grüßend ging, nochmals vom Siegeskranz umheult, sprach ein bedeutender Weaner Greisler das große Wort: »Serr a bedaitender Mann!« Und da soll man in Ruhe ein Bier trinken! Dies Dasein auf der Schaubühne kann niemandem behagen, der keine Hervorrufe wünscht.

Rechberg war leider der gleichen Meinung. Er gab zwar immer nach, aber setzte der seelischen Überwältigung einen nicht unverborgenen Trotz entgegen. »König Friedrich Wilhelm hat einst unzweideutig, als Prokesch Gesandter in Berlin war, die deutsche Kaiserkrone nur dem Hause Habsburg zugesprochen. Wissen's? Der Bericht von Prokesch an Felix Schwarzenberg liegt vor, Sie können ihn einsehen.«

»Ich fühle kein Bedürfnis dazu«, lehnte Otto verstimmt ab. »Der hochselige König hatte romantische Schrullen und drückte sich leider am bestimmtesten und klarsten aus, wenn seine Ideen am unklarsten waren, wenigstens für andere, wenn auch nicht für ihn. Ich erinnere mich, Prokesch erzählte mal davon und wußte nicht mehr, ob der König von einer Schein- oder Schweinkrone sprach. Feine Unterscheidung!«

»I denk', Schweinkrone wär' wohl die rechte Version«, lächelte Rechberg. »Der hohe Herr soll halt ahn kräftigen Mund g'habt hab'n, serr a feuriger Geist. Also diese Kron' wollt' er nicht annehm', denn es gäbe nur einen Kaiser, den Römischen, das natürli Haupt der Christenheit. Dem unterwührfen sich alle Fürsten, err zuerst, Österreich solle dies nur auf sich nehm'n und die römische Kron' aufsetzen. Alsdahnn hätt'n wir a Reich, das in Europa ein Wohrt mitsprechehn könneh.«

Wenn Rechberg sprachlich österreicherte, war es ein böses Anzeichen wie bei Thun und Prokesch, doch hatte sein diplomatischer Dialekt eine sozusagen ehrlichere Aussprache.

»Waren Sie mal in Aachen? Wohl nicht, dorthin geht man nur, wenn man was – im Halse hat, und Sie erfreuten sich ja stets einer kräftigen Stimme. Dort war ich nämlich mal in meiner Jugend und dort liegt Karl der Große beerdigt, der erste römische Kaiser, und vor dessen Grab phantasierte unser Kaiser Otto III. Ich sage ›unser‹, weil er ein Norddeutscher war, ein Niedersachse, wie wir alle. Der war noch zehnmal geistreicher und gelehrter als mein hochseliger König, und fast geradeso sehr Romantiker, nur daß er selbst ein römischer Kaiser und sehr mächtiger Herr war. Nun, der ging zugrunde, weil er die Fiktion des römischen Kaisertums festhielt, für Deutschland freilich, nicht für Österreich. Ja, sehen Sie, Österreich! Das wissen Sie wohl kaum, daß der Markgraf von Brandenburg schon früher ein großer Herr war als der Herzog von Österreich. Zur Zeit Barbarossas ist der Babenberger Jasomirgott nur groß geworden aus der Beute Heinrichs des Löwen, des Welfen, der ein großer Mann war und ganz Norddeutschland den Slawen entriß und sehr recht hatte, die Staufer zu hassen, die einem römischen Kaisertum nachliefen. Das alles ist romantischer Kohl, und Ihr Franz II. hat ja auch den Titel abgelegt. Wozu also solche Allotria aufwärmen!«

Rechberg schwieg verlegen. Das waren ihm böhmische Dörfer. Denn welcher k. k. Staatsmann kennt deutsche Geschichte! –

»Ach, der alte Motley!« Der lud seinen alten Jugendfreund ein, und nur der preußische Gesandte Baron Werther war anwesend.

»Weißt du, Motley, wir wollen von alten Zeiten reden«, begann Otto das Tischgespräch beim Diner. »Können wir nicht jung miteinander sein? All heil für Göttingen! Ach Gott, du trinkst immer noch Sodawasser. Na, ich komme dir die Blume.«

»Von ganzem Herzen. Ich bedaure sehr, daß meine Frau fern ist. Lily verfolgt deine Laufbahn mit Sorgfalt.«

»Wohl auch mit Sorge? Ich bedauere unendlich, deine Gemahlin nicht zu treffen, da Werther so viel Schönes von ihr erzählt. Sie ist eine leidenschaftliche Republikanerin wie du. Na, da werden wir uns nie auf diesem Punkte verstehen: ich bleibe Monarchist und in gewissem Sinne Absolutist.«

»Da gibt's viel Für und Wider.«

»Unstreitig ... wie über Optimismus und Pessimismus. Weil ich bezüglich der Menschennatur überzeugter Pessimist bin... ich weiß warum..., sind mir alle Republiken lächerlich. Aber ich taste niemandes Überzeugung an, und du wirst bemerkt haben, daß ich der Union sehr gewogen bin. Prost!«

Als Frau Motley heimkehrte, ließ sich der Jugendfreund nicht nehmen, den »wackeren Bismarck« en famille zu bewirten. Dies war Mitte August, während das frühere Diner Ende Juli stattfand. Drei Flaschen Claret standen auf dem Tisch, sie leerten sich alle, obschon Motley nur eben nippte. Er war grau geworden und schnitt sich die Haare kurz. »Aus Kummer über den Krieg«, erläuterte er. »Ich bin – mit Respekt zu melden – Pazifist. Man sollte eine Friedensliga und ein Schiedsgericht gründen, etwa in einem neutralen Lande wie Holland... der Haag wäre ein passender Ort –, dann würde diese scheußliche Barbarei der Kriege ein Ende nehmen.«

Da Otto schwieg, drang die einst schöne Frau Motley, eine höchst angenehme, echte Amerikanerin, in ihn: »Warum denken Sie nicht auch so? John sagt, Sie wären solch ein guter Mensch.«

Aus Ottos Augen schoß ein unheimlicher Blitz. »Vor allem bin ich ein guter Deutscher. Was Sie da in guten Treuen sich vorleiern lassen, das kenn' ich. Diese Friedens- und Schiedsgerichte hätten nur einen Zweck: jede Niedertracht und Unterdrückung zu sanktionieren. Predigen Sie doch den Franzosen, daß sie uns Elsaß-Lothringen stahlen, den Russen, daß die Ostseeprovinzen deutsch sind, den Dänen, daß deutscheres als Schleswig-Holstein nicht existiert. Da werden Sie Wunder erleben! Diese geborenen Lügner und Fälscher werden Ihnen feierlich erklären, daß diese Lande ihnen gehören kraft der Gewalt des Schwertes, und daß sie jeden pazifistischen Antrag ablehnen. Im Gegenteil, sie fordern naiv den Rhein und Konstantinopel als ihr Eigentum. Na, vielleicht fordern wir auch einmal... kraft der Gewalt des Schwertes.« – –

*

»Schauens, in Wien darf ich Sie nicht obenan setzen an der Tafel, die akkreditierten Botschafter haben nun mal ihren Rang. Doch in Kettenhof, meinem Gute, eine Stunde von der Stadt, hat halt die Etikette keine Macht, und wir dürfen Sie so feiern, wie sich's gebührt.«

Das Diner mit sämtlichen Gesandten verlief dort glatt und förmlich, niemand nahm Anstoß daran, daß der nun schon leidlich berühmte preußische Ministerpräsident den ersten Platz hatte. Nach Tisch zog er sich in eine Fensternische zurück; um den behaglich Rauchenden bildete sich eine Gruppe, die sich über die Kriegsbeendigung aussprach. Lauter ausländische Diplomaten.

»Ihre Armee hat viel Lorbeeren gepflückt«, bemerkte der Franzose.

»Doch in so guter und zahlreicher Gesellschaft von anderen Waffenbrüdern, daß wir diesen auch viel Lorbeer ablassen müssen.«

»War das Fechten unbedingt nötig?« fragte der englische Gesandte.

»Ich glaube doch. Freilich bedauere ich das Blutvergießen, immerhin war es doch ein erfreuliches Schauspiel, die beiden deutschen Großmächte Arm in Arm zu sehen. Die peinliche Schleswig-Holstein-Frage fand so eine befriedigende Lösung.«

»Ob sie die Dänen befriedigte, ist wohl eine andere Frage.«

»Sie werden kaum leugnen, daß sie im Unrecht waren,« es klang wie entschuldigend, »gleichwohl hätte man die Dinge friedlich regeln können, wenn Europa unparteiisch interveniert hätte, statt den dänischen Trotz zu stärken.«

»Auf wen zielt dieser Vorwurf?«

»Wozu einen einzelnen Staat nennen! Hätten wir Staat zu Staat mit Dänemark verhandeln können, so wäre der Krieg vermieden worden. Die Elbherzogtümer gehörten aber zum Deutschen Bund, wo jeder lauter schreien will als sein Nachbar und doch kein einzelner Staat die Verantwortung trägt. Sie wollten Krieg, um den Ruhm davon zu teilen und sich ihre nationale Begeisterung bescheinigen zu lassen, die wahre Kriegslast hätten sie aber Preußen und Österreich allein aufgehalst. Dies konnten wir von Klein-Deutschland nicht dulden, daher unsere Allianz, um nun wenigstens auch allein den Gewinn nach der Arbeit zu behalten. Ehe aber dieser Zwang der Umstände uns zur Tat trieb, hätte Europa intervenieren können, aber mit unparteilicher Abwägung von Für und Wider.«

Die ihn umstanden, hörten mit gemischten Gefühlen zu. Diese scheinbare Offenheit war keine Bloßstellung, denn man wußte dies alles selber und noch mehr: daß die Intervention nichts gefruchtet hätte und dieser scheinbar so ungezwungen Plaudernde nach wie vor auf sein Ziel losgegangen wäre. Der schwedische Gesandte äußerte sich dahin: »Vielleicht hatte Rußland am meisten Aussicht zur Intervention, weil es die nächsten Beziehungen sowohl mit Preußen als mit Dänemark pflegte.«

»Ganz richtig,« bemerkte der englische Gesandte, »doch man konnte diesen heilsamen Einfluß nicht ausüben, weil ja nicht nur Preußen, sondern alle deutschen Staaten beteiligt. Man weiß ja aber, daß Fürst Gortschakow einen Horror vor allen deutschen Angelegenheiten hat.«

»Man weiß warum«, fiel der spanische Gesandte lächelnd ein. »In seiner Jugend war er hier Geschäftsträger in Wien, und da hat man den kleinen Herrn nicht so respektvoll aufgenommen, wie seine hohe Würde verlangt. Er ist so empfindlich, der gute Fürst. Seither mag er alles Deutsche nicht leiden.«

Alle lächelten, nur Otto nicht, der in unruhige Bewegung kam. »Aber, meine Herren, ich sehe nicht die Pointe. Wenn ein Russe sich von Wien nicht befriedigt fühlt, wie kann er das auf Deutschland übertragen? Für uns Deutsche ist Wien eine nichtdeutsche Stadt, und was hier geschieht, betrachten wir als im Auslande geschehen.«

»Wie, wie? Wien liegt doch auf deutschem Bundesgebiete?«

»Ja, aber als Hauptstadt eines slawo-madjarischen Reiches. Ich protestiere gegen jede deutsche Verantwortung für österreichische Dinge.« Er wandte sich leicht ab und maß die Umstehenden mit einem Lächeln seiner Ironie. »Ich weiß wohl, daß dies ein schlecht gewählter Ort ist für ein solches Bekenntnis. Doch die Vogelstraußpolitik ist immer unfruchtbar, man darf den Blick nicht vor Realitäten verschließen. Die Donau-Monarchie hat nur wenige reindeutsche Provinzen, alles übrige ist mit Slawen durchsetzt oder überwiegend slawisch und sonst madjarisch, auch rumänisch. Österreich sollte sich also auf seine Völkermajorität stützen und dort seine Kraft suchen, nach Osten zu, nicht aber von einer Obmacht im Westen träumen und deutscher Hegemonie nachjagen. Darauf hat es keinerlei Anrecht, und wir machen es ihm streitig. Was deutsch ist, wird sich früher oder später an Deutschland angliedern, das ist eine Rückkehr zum Natürlichen und daher unvermeidlich.«

»Verstehe ich Sie recht?« fragte der Engländer nach einer betretenen Pause. »Reden Sie von den Deutschösterreichern?«

Kalt und ruhig erwiderte Otto: »Glauben Sie, es sei schwerer, Wien von Berlin aus zu regieren, als Pest von Wien aus? Mich dünkt, es sollte sogar leichter sein.«

Sensation und Schweigen. Er verließ das Fenster, man sah ihn gleich darauf unter anderen Gesprächsgruppen im Salon und hörte ihn von Rechberg sich verabschieden, fröhlich und aufgeräumt.

»Heute ist der 25. August«, raunte der Franzose dem Spanier zu, als sie auf der staubigen Landstraße nach Wien zurückfuhren. »Das Datum merk' ich mir. Wer weiß, ob übers Jahr die jetzt vereinten Stiefbrüder sich an der Kehle haben!«

»Wenn ich nur begriffe,« sann der Spanier nach, »was der Bismarck mit solchen Offenherzigkeiten bezweckt. Er ist doch so klug, und trotzdem verplappert er sich. Man sagt doch nicht voraus, daß man eines Tages seinen Wirt und guten Freund aus seinem eigenen Hause hinauswerfen wird.«

»Er ist eben ein Sonderling.« Der Franzose zuckte die Achseln. »Unser Kaiser meint das auch. Zum Teil ist's wirkliche Geschwätzigkeit, er kann nichts bei sich behalten, sagt, was er denkt. Aber vielleicht ist System darin, er schüchtert durch seine redselige Offenheit ein, denn darin liegt doch ein Gefühl von Stärke, verkennen wir das nicht!« –

Gastein, Ausee, Hallstädter See, Mondscheinfahrt, Traunsee, stete Naturkneiperei, endlich per Dampf nach Wien, Schönbrunn. Kaiserin Elisabeth, eine romantisch schöne Frau, kühl, unnahbar. Am 22. August großer Staatsrat, beide Monarchen, beide Minister. Langer, zäher Ringkampf.

»Wir stehen auf dem Boden der Verträge, die staatsrechtliche Unabhängigkeit der Herzogtümer ist uns Richtschnur«, versicherte Otto biderb.

»Doch hat hier überhaupt das übrige Deutschland und seine Nationalstimmung mitzureden«, parierte Rechberg.

»Das können wir nicht so ohne weiteres zugeben. Unsere eigenen inneren Verhältnisse erlauben uns nicht, das Nationalitätenprinzip als allein gültig in den Vordergrund zu stellen.« »Das darf nicht entscheiden«, betonte der Kaiser hastig. »Wir nahmen Dänemark nach Kriegsrecht diese Provinzen ab, doch behalten uns freie Verfügung, was damit geschehen soll.«

»Allerdings besteht keine bestimmte Verabredung zwischen uns darüber«, gestand Otto seelenruhig. Eine solche hatte er natürlich absichtlich hintertrieben.

»Die Dinge entwickelten sich eben rascher als ich für mein Teil wünschte«, gestand Rechberg mißmutig. »Jedenfalls wirken wir nach der einzig zulässigen Richtung, daß Schleswig an Preußen, Holstein an Österreich abgetreten wird.«

»Eine ungleiche Verteilung!« warf König Wilhelm ein. »Kiel z. B. ist für uns wichtiger als Schleswig.«

»Nun, es braucht ja auch nicht dabei zu bleiben«, lenkte Rechberg ein. »Ich glaube, hier ist jene Offenheit am Platze, die Herr v. Bismarck so meisterlich handhabt. Bei einer großen europäischen Verwicklung würden wir vereint Napoleon gegenüberstehen, und dann ergeben sich Gelegenheiten, um einen Austausch zu bewerkstelligen. Ich denke, Sie könnten uns dafür Venetien garantieren.«

»Das täten wir dann ohnehin,« versicherte Otto, »nur gehört als Grundlage dazu, daß Sie jetzt Preußen dankbar verpflichten.« Er wandte sich eindringlich an den Kaiser: »Geschichtlich sind wir zu Gemeinsamkeit unserer Politik berufen, halten beide Dynastien fest zueinander, so kann uns Verfügung über Deutschland nicht entgehen. Einigkeit ist für uns das beste Geschäft mit Gewinnaussicht.«

»Das leugne ich nicht,« unterbrach ihn der Kaiser, »dann müssen wir aber gegenseitig uns fördern, nicht nur in deutschen Fragen.«

»Ganz gewiß, Majestät, es muß europäische Bedeutung haben. Nehmen wir z. B. den Fall, daß wir eine gemeinsame Erwerbung in Italien gemacht hätten, z. B. die Lombardei zurückerobert, dann würden wir sicher nicht die Wünsche unseres Verbündeten beeinträchtigen und auch kein Äquivalent heischen, wenn keins zurzeit verfügbar wäre.«

»Die Anwendung auf den vorliegenden Fall,« fiel Rechberg ein, »ist ja leicht erkennbar. Aber ich sehe nicht ein, wieso ein Äquivalent nicht zu Gebote stände. Wie wir schon zu erörtern die Ehre hatten, wäre ein solche z. B. die Grafschaft Glatz.«

»Niemals!« rief der König mit schlecht verhehlter Entrüstung. »Altpreußisches Gebiet werden wir niemals opfern. Übrigens protestieren selbst die in Glatz angesessenen Österreicher gegen solche Abtretung, da leider dies Angebot in der Presse ruchbar wurde.«

»Kurzum,« nahm Otto den Faden wieder auf, »sollte sich nicht Wohlwollen für Preußen empfehlen, das so durch Bande der Dankbarkeit an Österreich gekettet wurde? Was ist Ihnen denn wichtiger, das Los dieser fernliegenden Lande an Elbe und Eider oder Ihre europäischen Beziehungen zu Preußen? Ich denke, die letzteren. Gibt das nicht den Maßstab der Zweckmäßigkeit? Mich däucht, die enge Freundschaft der zwei deutschen Großstaaten könnte uns noch andere gegenseitige Vorteile verschaffen. Dies ist noch kein Abschluß der gedeihlichen Entwicklung und die Akten sind noch nicht geschlossen, wer dabei am besten fahren wird. Diesmal liegt das Objekt in der alleräußersten Entfernung von Österreichs Sphäre, doch das nächste Mal könnte es recht sehr nahe liegen. Freigebige Gefälligkeit gegen Preußen könnte für Sie die reichsten Zinsen tragen.«

Der Kaiser Franz Josef hörte gespannt zu, ersichtlich ging die klare Beweisführung nicht spurlos an ihm vorüber. »Sehen Sie, mein lieber Minister, Schleswig-Holstein zusammen ist doch ein großer Gewinn. Unsere guten Wiener werden ungehalten sein, wenn wir von unseren eigenen Opfern gar nichts heimbringen. Man kennt ja das Sprichwort: Travailler pour le roi de Prusse, Pardon, daß ich es andeute!« Er verbeugte sich leicht vor dem König, »Jedoch, was Herr v. Bismarck sagt, stellt ein festes, stetes Bündnis in Aussicht, und da könnte man ja wohl etwas zedieren, wenn wir unsererseits auf Erfüllung ähnlicher Wünsche bauen können.« Rechberg räusperte sich ungeduldig, als wolle er andeuten: Zu früh! Der Kaiser fuhr jedoch fort: »Ich möchte also zunächst Diskussion darüber eröffnen, ob Preußen diese Provinzen sich einverleiben will. Oder sind Sie zufrieden mit gewissen Rechten, wir wollen mal sagen: Vormundschaftsrechten?«

Er sah den König an, doch dieser schwieg. Otto stellte sogleich die Frage: »Euer Kaiserl. Majestät gewähren mir die gewünschte Gelegenheit, nach dem Willen meines allergnädigsten Herrn zu forschen, der mir bisher unbekannt blieb.«

Der König vermied bisher jede schriftliche oder mündliche Definition seiner Absicht. Sich so die Pistole auf die Brust gesetzt zu sehen, setzte ihn in Verlegenheit. Nach einigem Zögern äußerte er: »Genau genommen habe ich kein Recht auf die Herzogtümer und kann keinen Erbanspruch darauf erheben.«

Aha, die königlichen Damen und der Kronprinz und der Hofliberalismus und die deutsche Popularität und die moralischen Eroberungen! Wieder die alte Geschichte? Otto biß die Zähne zusammen und verneigte sich stumm: »In diesem Falle bleibt mir nichts übrig, als erneut Einmütigkeit zu empfehlen und den Grafen Rechberg zu bitten, mit mir eine kurze Stipulierung zu redigieren, wobei natürlich die Zukunft Schleswig-Holsteins nach wie vor in der Schwebe bleibt.« Die hohen Herren waren damit einverstanden.

*

Als man vier Tage später von Wien abreiste, bat Rechberg dringlich: »Lieber Bismarck, ich meine es wirklich ehrlich und gut. Doch Schmerling hat des Kaisers Ohr, der sich besonders für die Zollunion interessiert, und man macht mir Vorwürfe über meine Politik, die nichts eintrage. Man wird mich über Bord werfen, wenn Sie nicht wenigstens zusichern, daß wir zu bestimmtem Termin über den Zollanschluß verhandeln.«

»Das tue ich gern aus Gefälligkeit für Sie. Eine Liebe ist der anderen wert.« Obwohl er die wirtschaftliche Einigung nicht wünschte, weil sie ihm mit den Grundbedingungen beider Staaten unverträglich schien, war doch Entgegenkommen in gewissen Grenzen das mindere Übel, als Rechbergs Ausscheiden vom Amte. Er bewog also den König zur Einwilligung, Rechbergs Stellung blieb daher vorerst unerschüttert.

Wenn er aus dem Schönbrunner Fenster über die rechte Schulter blickte, blickte er durch eine Glastür den dunklen Heckengang entlang, in dem er einst mit Nanne bis zu diesem Glasfenster wanderte, damals dem Schlafzimmer der schönsten Kaiserin. Heute durfte er, ohne der Adam-Eva-Lust zum Verbotenen zu frönen, behäbig und bequem im Mondschein durch dies Paradies wandern. Im Wildpark begünstigte ihn der Gott Hubertus, er schoß 50 Wildhühner und 1 Karnickel nebst 15 Hasen, und jener Gott, wahrscheinlich Merkur, der über hohen Orden leuchtet, spendete ihm den Sankt Stephansorden des Globus von Ungarn aus der Hand Seiner apostolischen Majestät.

Vorerst nichts weiter zu machen. Also nach Baden-Baden zum König und – zur Königin. Diese über Erwarten äußerst gnädig. »Ihre umsichtige, lichtvolle Politik hat meinen vollen Beifall. Sehr hübsch, wie Sie für Preußen die Wege ebnen. Indessen, Seine Hoheit der Fürst von Augustenburg darf nicht ganz umgangen werden.«

»Seine Durchlaucht der Erbprinz hat sich leider sowohl Seiner Majestät als Seiner Königl. Hoheit gegenüber als wenig handlich erwiesen.« Daraus kam ein langes Palaver. Doch die hohe Frau ging echt weiblich im Erfolge ihres Gemahles auf und ließ daher Gnadensonne über dem räudigen Schaf leuchten. Für diesen schien die Sonne etwas früher, weil er hoch hinauf auf den Hügel über der Lichtenthaler Allee zog und von dort durch Regenschleier verächtlich auf die geschäftige Vergnügungssaison herabblickte. Über ihm zog der preußische Gesandte Graf Flemming ein, den man nur der Violoncell nannte, die Gräfin sang dazu und der göttliche Keudell begleitete auf einem zweifelhaften Piano. Herrlich, wenn nur nicht Abeken wäre! Der schüttet einen Danaidenregen befruchtender Konzepte über den armen Chef aus, der nie ein Ende nimmt. Tintenfaß, Feldjäger, Audienzen, Besucher, kein Mensch läßt diesen Geplagten in Ruhe, der sich auf Promenaden verleugnet und ins tiefste Dickicht flüchtet, um irgendwo im Walde zu dämmern. Unterwegs hatte er noch ein gutes Geschäft gemacht, mit dem alten Bundesbekannten Schrenk in München ausgemacht, daß dieser nur wegen Beust so abgemagert sei und Preußens nahrhafte Arsenikpillen dafür suchen müsse. Und bei alledem ist Nanne krank! Sicher Doktormedikamente. Der König fährt nach Ingenheim zum Zaren, nach Schwalbach zur Imperatrice Eugenie, Gott befohlen! Kathy Orlow plötzlich hereingeschneit, Freudensschrei, Begleitung bis Heidelberg, dann rasch nach Berlin. Doch dort steht der Blaue Salon leer, Nanne kränkelt noch in Pommern, der er besonders Trauben von Borchardt verschrieb. Zurück nach Baden, nachdem er in Berlin bei Frau Adelheid v. Mühler gegessen. Diese regierende Dame, Busenfreundin der Königin, klagte über Kopfkrämpfe. Ihr gehorsamer Gatte, Dichter des herrlichen Kommersliedes »Grad' aus dem Wirtshaus komm' ich heraus,« hatte wegen solch feuchtfroher Dichterei Ottos Wohlwollen. Er klagte über die Verderbnis der heutigen Jugend, und Frau Adelheid schloß die Männerwelt in dies vernichtende Urteil ein. Wir leben eben in einer großen Zeit.

»Also nach Paris möchten Sie Urlaub?« fragte der König mit humoristischem Augenzwinkern.

»Nach Biaritz, wie ich Eurer Majestät zu melden mir erlaubte.«

»Nu ja, Biaritz! Dorthin fährt man über Paris, und da werden Sie wohl Ihre alte Flamme Eugenie wiedersehen und deren Gemahl, Ihren Gönner. Wohin das Herz uns treibt –«

Otto lächelte. »Oder der Verstand. Einige offene Worte mit dem Kaiser der Franzosen auszutauschen, scheint mir freilich angemessen. Sonst aber zieht es mich einzig ans Meer, wo mein Legationsrat Keudell in Mondscheinsonaten arbeiten kann und ich die Gnade Gottes gegen die Südländer bewundere, die bei solcher Sonne so wenig sonnig im Innern sind. Unsereins plagt sich in Wind und Nebel und heizt ein und friert, und das Herz bleibt doch gesund, und lachen können wir auch.«

»Ja, wir können wohl lachen, daß alles so gut ablief. Wann meinen Sie, daß der Frieden in Wien geschlossen wird?«

»Ende des Monats. Es ist ja alles abgemacht und in Ordnung. Ich wäre ganz sorgenlos, wenn nicht meine arme Frau wieder krank wäre. Früher als ich wünsche kehre ich deshalb von Biaritz zurück.«

»Treffen Sie dort wichtige Bekannte?« forschte der König.

»Keine außer meinen Freunden Orlows und unseren Madrider Gesandten, Baron Werthern, dem ich früher in Wien und Petersburg in die Quere kam. Diesmal werden wir uns gut vertragen, in Biaritz liebt man sogar seinen Nebenmenschen, was sonst nicht häufig sein soll.«

Der König entließ ihn gnädig und dachte: wirklich kein Geschäft in Biaritz? Man kann sich diesen unermüdlichen Arbeiter gar nicht vorstellen, wie er bummelt. –

In Paris trat ihm Goltz so dick und behäbig entgegen, wie man ihn nie gesehen. Die gedeihliche Zunahme und plötzliche Gesundheit des preußischen Staates schien entsprechende Fernwirkung zu üben. »Der Kaiser hat sich zum Frühstück angesagt, er will Sie wiedersehen.«

»Heute ist der 5. Oktober, spätestens am 6. abends will ich in Bordeaux sein, wo unsere neuen Kriegsschiffe gebaut werden. Aber diese Zwiesprache werde ich wohl auch noch überstehen.« –

Das Dejeuner verlief sehr diplomatisch-politisch. »Die Wirren in den Donaufürstentümern Moldau-Walachei erregen mein lebhaftes Interesse«, begann der Kaiser. »Noch lebhafter interessiere ich mich dafür, wie Preußen sich dazu stellt.«

»Sire, wir haben gar kein besonderes Interesse daran, höchstens wirtschaftlich, daß wir unseren Handelsverkehr – ich meine den gesamten der deutschen Zollunion – dorthin überwachen.«

»Natürlich, ja, darauf ziele ich nicht. Doch Wohl und Wehe Ihres Verbündeten Österreich«, er lächelte leicht, »kann Ihnen nicht gleichgültig sein. Das Wiener Kabinett hat ja wohl die Aussicht, sich einst diese schönen Landschaften einzuverleiben... wenn Europa dies gestattet. Frankreich wäre nicht abgeneigt, falls man es als Entschädigung auffassen würde... für eine notwendige andere Gebietsabtretung.«

»Venetien«, murmelte Otto, »Ihr Geschäftsträger in Berlin, der neuernannte, machte solche Andeutungen, Sire.«

»Gewiß nur Andeutungen«, schnitt Napoleon rasch die zu große Deutlichkeit ab. »Es schlummern eben noch einige ungelöste Fragen im Hintergrunde, doch eilt es ja wahrlich nicht damit.« Oho! dachte Otto, mir eilt es sehr, aber bei Fragen, die du nicht ahnst. »Nichtsdestoweniger wäre erwünscht, zu wissen, ob Preußen solchen Machtzuwachs Österreichs protegieren würde.«

»Sonst warum nicht! Aber Preußen darf nie wegen einer ihm selber gleichgültigen Sache Rußland erzürnen. Jede Neugestaltung der rumänischen Verhältnisse, die dem Zaren mißfiele, hat nie unseren Beifall. Wir stehen in freundnachbarlichen Beziehungen von solcher Zuverlässigkeit, daß wir sie nicht mutwillig stören werden. Das ist für uns bedeutsam.«

»Ah, ich begreife das.« Louis leerte sein Glas und strahlte von Bonhomie. »Wer würde auch daran denken, solche Freundschaft zu untergraben! Da fällt mir ein, viel wichtiger als unsere kleinen politischen Mißhelligkeiten sind die hehren Zwecke der Humanität und Zivilisation, so zur Stunde die Abwehr der Cholera, die wieder über Rußland und Türkei eingeschleppt wird. Das kommt von den Wallfahrten nach Mekka, die schmutzigen Pilger verbreiten diese grausame Plage. Dies macht Europa zur Pflicht, gemeinsam dem Unheil entgegenzuwirken, und ich hoffe, Preußen wird meiner Anregung folgen. Wir müssen der Türkei notifizieren, daß gewisse Maßregeln die Einschleppungsgefahr vermindern können, strenge Überwachung der Pilgerfahrten.«

»Solche Eingriffe wecken stets den Fanatismus der Mohammedaner, der Orient kommt leicht in Aufruhr. Gleichwohl wird Preußen gern bereit sein, jede zivilisatorische Bestrebung Eurer Majestät nach dieser Richtung zu fördern, soweit wir überhaupt in der Levante mitzureden haben. Internationaler Ehrgeiz liegt uns ja völlig fern, das überlassen wir Frankreich und England. Ihr Gedankenflug, Sire, umfaßt ein weites Gebiet, wir beharren in unserer bescheidenen begrenzten Sphäre.«

»Sehr wohl, mein teurer Herr Minister. Seien Sie versichert, daß ich der Wahrhaftigkeit und Einsicht Ihrer Überzeugungen volle Gerechtigkeit widerfahren lasse.«

Zu Drouyn äußerte er nachher mißmutig: »Ein wahrhaft guter Mensch voll großer, allzu großer Aufrichtigkeit. Und doch fragt man sich manchmal, ob das ein einseitiger, etwas beschränkter Kopf oder ein durchtriebener Fuchs ist. Auf den Moldauaustausch für Venetien will er nicht anbeißen.«

Und Otto dachte: Ein gottvoller Einfall! Uns mit Rußland für Österreich verfeinden, um Frankreichs Prestige zu heben und uns der Bundesgenossenschaft Italiens verlustig zu machen! Nee, Söhneken, Venetien brauchen wir selbst als Lockspeise für Italien. –

In Biaritz empfingen ihn Orlows mit Freudengeschrei, alle schwelgten im Gedächtnis der schönen Tage vor zwei Jahren. Wieviel geschah seitdem auf der historischen Bühne, zu der ihn damals sein Stichwort berief. Baden und Träumen am brausenden Meere. Doch die kalte Knochenhand der Politik ließ ihn nicht los. In Berlin machten sie wieder Dummheiten, und das Schellenklingeln der Wagen auf der Bajonner Straße klang ihm wie Narrenschellen. Doch das stillblaue, von Sonne oder Mond beglänzte Meer verschlang mit ewigem Rauschen das Schellengeläut. Des Leuchtturmes rote oder weiße Flackerlichter verhießen sichere Fahrt ...

Er bewohnte den untersten Stock eines rotfarbigen Gebäudes, Maison Rouge, am Strande der Biscayabucht, am Fuße des Hügels, auf dem sich die Villa des Kaisers erhob, der jährlich in Biaritz einkehrte. (Man zeigte später den Fremden dies Erdgeschoß für ein Trinkgeld als »historischen Ort«.) Eines Tages gab ein dänischer Journalist J. Hansen bei ihm seine Visitenkarte ab und erbat eine Unterredung. »Das ist der geschickte Wühler,« warf Otto die Karte hin, zu Orlow gewendet, »den die dänische Regierung als Leib- und Magenorgan zur Bearbeitung der französischen Presse benutzte. Ein gewiegter Urkundenfälscher! Ich lasse bitten.«

Als Hansen eintrat, lehnte der gefürchtete Preuße an einem langen Arbeitstisch, voll von Büchern und Landkarten. »Guten Tag. Exzellenz Orlow, russischer Gesandter in Brüssel. Womit kann ich dienen?«

»Ich überreiche ein Empfehlungsschreiben an Eure Exzellenz von Herrn Vicomte de Gueronnière.«

Otto lehnte unwirsch ab. »Ich gestehe diesem Herrn nicht das Recht zu, irgend jemand an mich zu empfehlen. In der Zeitung, ›France‹ hat er schreckliche Lügen über mich verbreitet, besonders in Polensachen. Eine echtfranzösische Unverschämtheit, Sie an mich zu empfehlen. Es geht doch nichts über die schlechten Sitten dieser höflichen Nation. Adieu, Bester.« Orlow empfahl sich still. »Ich empfange Sie bloß, weil Sie Däne sind.« Er warf einen flüchtigen Blick auf das Empfehlungsschreiben. »Er nennt Sie Hausen. So echtfranzösisch, diese Gründlichkeit und Genauigkeit! Ich kenne Sie aber als Hansen. Ihr Name ist mir innig vertraut. Sie sind sehr hart gegen uns arme Preußen gewesen, nämlich in der französischen Presse.«

»Das ist wirklich sehr wahr.« Hansen lächelte übelwollend. »Ich tat, was ich konnte, um Ihre Stellung in Frankreich so unbehaglich wie möglich zu machen.«

Otto spielte mit einem langen katalonischen Messer, wie es die Badegäste hier stets von spanischen Hausierern kaufen. »Das macht Ihnen nur Ehre. Right or wrong, my country. Nach dänischer Zuneigung trage ich kein Verlangen. Hassen Sie mich von Herzen, das ist mir das liebste, denn von mir haben Sie keine Schonung zu erwarten. Was ist der Grund Ihres werten Besuches?«

Hansen suchte ihn auszupumpen, weil er viel von der explosiven Offenheit des bösen Preußen hörte. Doch er kam nicht auf seine Kosten. Hätte er die Nibelungensage, diese deutsche, vergrößerte und verbesserte Ausgabe der Edda gekannt, wäre ihm vielleicht die Szene eingefallen, wo der grimme Hagen kaltblütig der Krimhild trotzt. »Ich will es gar nicht leugnen, reiche Königin, daß ich an allem Schaden von Herzen schuldig bin. Nun räch' es, wer da wolle, es sei Weib oder Mann, ich sag' es unverhohlen, ich hab' Euch Schaden viel getan.«

*

Napoleon Senior sagte hübsch: Wo ich nicht bin, geht alles schief. Am 10. und 12. Oktober erhielt er Briefe von Thiele und Abeken, daß die Herren Ressortminister für Finanz und Handel, völlig vom Ministerialdirektor Delbrück und dessen freihändlerischen Doktrinen abhängig, jede wirtschaftliche Annäherung Österreichs verwarfen und die politische Wirkung souverän als Bagatelle betrachteten. Ein gewisser vieldeutiger Artikel 25 fand nicht ihre Billigung, obschon er zu nichts ernstlichem verpflichtete. Während man früher in Berlin jede Ohrfeige Österreichs einsteckte, war die öffentliche Meinung, immer von einem Extrem ins andere schwankend, jetzt durch den ungeahnten Waffenerfolg so übermütig geworden, daß sie von Zugeständnissen an Österreich nichts wissen wollte. Der König, dem seine Gemahlin in Baden-Baden zusetzte, er solle doch seine Popularität in Deutschland nicht verringern und den so sicheren Weg moralischer Eroberungen aufgeben, urteilte: »Mache ich Konzessionen, so erhebt sich ein Geschrei, Bodelschwingh und Delbrück werden gehen und statt der Ministerkrise in Wien bekommen wir eine in Berlin.«

Ade Rechberg! So werden die besten politischen Konstellationen von Kurzsichtigen verdorben. Goltz schrieb aus Paris in dem Sinne, ein rein Schmerlingsches Ministerium werde sich an Frankreich anbiedern, und man müsse dort zuvorkommen. Was zu erwarten, geschah: Rechberg stürzte, ein Graf Mensdorf trat an seine Stelle. Freilich hätte die bekannte Plötzlichkeit in Rechbergs Entschlüssen auch zu jähem Wechsel führen können, die Unlenksamkeit der verschiedenen Nationalitäten macht Österreichs auswärtige Politik unsicher. Jedenfalls ging jetzt die Ära der Verständigung vorüber, es fruchtete wenig, daß am letzten Oktobertage der Frieden mit Dänemark in Wien unterzeichnet wurde. Schleswig und Lauenburg an Preußen, Holstein an Österreich? Auch darum ging das Reden und Schreiben wieder los. –

In Paris sprach er auf der Rückreise nochmals das Kaiserpaar in Saint Cloud, die Audienz stand im Moniteur, und die Blätter meinten etwas spöttisch, der bekannte Diplomat habe seinen kurzen Aufenthalt in Paris auch diesmal wieder gut angewendet. Bei Minister Drouyn gab es ein Galadiner, dem der Minister Rouher, General Fleury und andere Notabilitäten beiwohnten.

»Nun ist doch alles anders gekommen,« stichelte Drouyn mit vielsagendem Blick, »als unser Gesandter in Berlin berichtete, freilich gestützt auf manch gewichtige Betrachtung aus so autoritärem Munde, dem Ihren.«

»Immer ehrlich gemeint,« versicherte Otto treuherzig, »doch die Ereignisse haben mich überholt.«

»Ach ja, damals hofften Sie alles vom Kongreß, und das alte Londoner Protokoll war Ihnen heilig«, betonte Fleury sauersüß. »Wer damals geahnt hätte, wo Sie heute stehen! Sie waren ganz eingenommen, nicht für den Herrn von Augustenburg, sondern für Restituierung des Landes an seinen rechtmäßigen Besitzer, den König von Dänemark.«

»Rechtmäßig ist ein etwas vager Begriff, und Besitzer eines Landes ist man nicht wie eines Bauernhofes. Das Volk hat mitzureden gegen Fremdherrschaft, daraus leiteten Sie ja selbst das Recht Italiens gegen Österreich her.«

»Unzweifelhaft«, fiel Drouyn ein, den Ottos frostiger Ton warnte, solche Winke zu unterlassen. »Frankreich begrüßt freudig eine Lösung, die offenbar jenem Nationalitätsprinzip entspricht, für das Seine Majestät der Kaiser so viel übrig haben.«

»Nur begreift man nicht,« bemerkte Fleury, »was die Österreicher in Holstein zu suchen haben. Bei Preußen ist das etwas anderes, doch Österreich ist kein deutscher Staat, und eine Provinz so hoch im Norden wird es auf die Dauer kaum behaupten können.«

»Wohl möglich«, gestand Otto gleichmütig. »Jedenfalls hat es ein Faustpfand in der Hand.«

»Ah, ein Tauschobjekt! Wird es vielleicht anderweitige Kompensationen und Garantien verlangen?« Die Franzosen bombardierten den kühlen Preußen mit einem Kreuzfeuer bedeutungsvoller Blicke.

»Von uns hat es keins von beiden«, betonte der Deutsche gemessen. »Nun, fürs erste wird es Holstein besitzen. Was weiter folgt, weiß ich's? Man tappt doch immer im Dunklen über die Zukunft, die unberechenbare.«

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