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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 13
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Es hätte die Liberalen zu einigem Nachdenken bringen müssen, daß Preußen die Freihandelspolitik Frankreichs annahm, sich gegen Einwände der Hauptmitglieder der Zollunion energisch verwahrte und den Vorschlag Österreichs, jetzt ganz in die Union eintreten zu wollen, auf Grund triftiger Erwägungen ablehnte. Die Mittelstaaten fügten sich allmählich, Preußen blieb im wirtschaftlichen Kampfe Sieger. Gleichzeitig erledigte sich die historische Episode, daß der elende Tyrann von Hessen fortfuhr, ohne die von ihm meineidig abgeschüttelte Verfassung seine Untertanen zu schinden, auf die spaßigste Weise. Der neue Ministerpräsident ließ ihm ganz einfach durch einen Feldjäger notifizieren, daß Preußen als Bundesexekutor Hessen besetzen werde, wenn er nicht sofort die Verfassung herstelle, worauf der Feigling eilends den Schwanz einzog. Dies erhöhte nicht nur Preußens Ansehen, sondern verlieh ihm auch einen liberalen Schimmer als Schirmherr der Volksrechte.

Doch die Fortschrittler ließen sich nicht erweichen. Das neue Jahr brachte nur eine Verschärfung des Konflikts. In einem Briefe an einen Neujahrsgratulanten, den Oberstleutnant v. Vincke, drückte der König seinen Zorn und Schmerz über die Rolle aus, die man mit Lug und Trug ihm zuschiebe, als wolle er das Volk seiner Rechte berauben. Während aber so ein innerer Wurm an Preußens Mark zu zehren schien, ergriff Otto mit eiserner Hand das Steuer des Auswärtigen, unbekümmert um alle Hemmung im eigenen Lande. Die ihn in der neuen Kammersession auf der Ministerbank sitzen sahen, ahnten nicht im geringsten, daß der Mann da oben mit seinen Gedanken fern genug wo anders weilte und nur mit halbem Ohr hinhörte, wenn ein Redner ihm Grobheiten sagte. Mit kühner Sicherheit ging er sogleich auf sein Ziel los und bat sich mehrere intime Unterredungen mit dem österreichischen Botschafter Graf Karolyi aus. Mit diesem, der sich einer gewissen Unabhängigkeit des Charakters erfreute, stand er zwar auf bestem Fuße, doch brachte die politische Gespanntheit eine Schärfe des Tones mit sich.

»Es scheint mir unvermeidlich,« begann er, »daß unsere Beziehungen entweder sich bessern oder sofort verschlechtern müssen. Ich wünsche ehrlich das erstere. Bei mangelndem Entgegenkommen der Kaiserlichen Regierung werden wir uns aber auf das letztere vorbereiten.«

»Wie soll ich das verstehen?« fragte der madjarische Magnat hochherab.

»Es bestand von 1848 ein stillschweigendes Abkommen, daß Sie unserer Unterstützung in Europa sicher waren, wofür Sie uns in Deutschland freie Hand ließen.«

»Sie sprechen selbst von einem ›stillschweigenden‹ Abkommen, das also nie fixiert ward. Jedenfalls ist mir amtlich nichts davon bekannt.«

»Dann erfahren Sie es jetzt.« Der Blick des Preußen wurde streng und durchbohrend, als wollte er andeuten: Fangen Sie bloß so an! Es wird Sie gereuen. »Rekriminationen sind überflüssig. Ich will daher nicht darauf zurückkommen, daß Österreichs Opposition uns systematisch unseren berechtigten Einfluß zu verkümmern suchte. Das währt noch heute fort. Gerade in denjenigen Klein- und Mittelstaaten, die uns geographisch am nächsten liegen, wird um Sympathien in einer Weise geworben, die uns entfremden muß.«

»Sie übertreiben, Herr Ministerpräsident. Mein Gott, ein bißchen Familienhader! Ein Zank unter Brüdern, das kommt in den besten Familien vor. Gerät Österreich in Gefahr, werden wir Sie sicher an unserer Seite finden.« In dem liebenswürdigen und herzlichen Ton verkannte Otto nicht die verborgene Bosheit. Es sollte heißen: Tut nur nicht so, ihr beißt ja doch nicht und bleibt stets unsere getreue Gefolgschaft.

»Diesen gefährlichen Wahn bitte ich Eure Exzellenz dringend, in Wien zu zerstreuen. Sonst wird eine sehr anderweitige Klarheit darüber gerade bei verhängnisvollen Entscheidungen eintreten. Ich meine doch, man hätte schon 1859 empfinden müssen, daß Preußen viel wärmer sich Österreichs angenommen hätte, wäre nicht unser Vertrauen längst untergraben gewesen. Nur eine gewisse Nachwirkung einstiger Vertrautheit hat uns bewogen, Österreichs Bedrängnis nicht für unseren Vorteil auszunutzen.«

»O Exzellenz! Die brüderliche Treue der beiden deutschen Großmächte –«

»War immer einseitig, und wir bezahlten die Kosten dieser Verbrüderung. Nun, entweder belebt sich diese nun auf ganz neuer Basis der absoluten Gegenseitigkeit, oder wir werden an deren Stelle eine Freundschaft mit Feinden Österreichs setzen.«

Karolyi fuhr zusammen, als hätte er einen Schuß erhalten. »Das ist eine Drohung?«

»Nur eine Wahrheit. Ich verhehle Ihnen nicht, daß ich meinem allergnädigsten Herrn niemals zu einer bloßen Neutralität wie 1859 raten würde. Österreich zeigt sich in Deutschland als unser hartnäckiger unbelehrbarer Feind, wir müssen daraus die Konsequenzen ziehen. Wollen Sie Ihre verderbliche Tätigkeit gegen uns fortsetzen, ja oder nein? So lautet die Frage.«

»Was werfen Sie uns vor?«

»Zunehmende Koalitionen der Mittelstaaten gegen uns anzuzetteln, scheint wohlerwogener Plan der Kaiserlichen Regierung.«

»Das Erzhaus hat seine Traditionen aus dem alten Deutschen Reich zu wahren und kann schon aus Pietät nicht seine Verbindungen aufgeben.«

»Daß man in Wien allzeit zu wenig sich um Deutschland kümmerte, um deutsche Geschichte zu studieren, ist mir nicht neu. Sie, Herr Graf, sind Ungar und deshalb entschuldigt. In älterer Zeit waren sowohl das protestantische Sachsen als das katholische Bayern Ihnen feindlich gesinnt. Ersteres kettete sich zu seinem Schaden an Österreich gegen Friedrich den Großen, unter dem damaligen Grafen Beust, so wie heut der Freiherr v. Beust ähnlichen Absichten huldigt. Später stand aber Sachsen zu Preußen, siehe Jena, und dann zu Napoleon. Bayern trat erst nach Napoleons Sturz in bessere Beziehungen zu Österreich. Hannover und Hessen aber folgen allzeit dem preußischen Einfluß. Sie sehen also, es ist nichts mit der Tradition einer Vergangenheit, und das ganze pietätvolle System hat Fürst Schwarzenberg erfunden ad usum Delfini

Karolyi fühlte sich geschlagen und wich aus: »Es liegt eben bedingt in den Verhältnissen.«

»Daß man uns aus dem Bund herausärgert? Ich beschwerte mich bei dem Altmeister der kaiserlichen Politik, Fürst Metternich, und dieser versprach mir, für Abstellung der Übel zu sorgen. Entweder unterließ er, sein Versprechen einzulösen, oder er hatte keine Macht mehr dazu. Nun, unsere Geduld ist erschöpft. Es ist für uns nicht der Mühe wert, uns für ein sonstiges Deutschland einzusetzen, das selber keine gemeinschaftlichen Neigungen hat und sich von einem größtenteils undeutschen Staat für dessen egoistische Zwecke verbrauchen läßt.«

»Sie führen eine scharfe Sprache.« Karolyi hatte gegen den Ausfall »undeutscher Staat« sich entrüsten wollen, besann sich aber rechtzeitig, daß er Ungar sei. »Mir scheint denn doch auch Ihre Auffassung einseitig. Preußen ist mehr als wir der Anlehnung bedürftig. Österreich und Deutschland würden nicht dulden, daß Ihre auf zwei Fronten gefährdeten Grenzen vom Ausland verletzt werden.«

»Darf ich fragen, welche zwei Fronten das sind? Wir haben nämlich drei Fronten. Da Rußland, mit dem wir traditionell auf allerbestem Fuße stehen, hierfür ausscheidet, meinen Herr Graf also Frankreich und Österreich!«

»Diese Insinuation möchte ich mir verbitten, Herr Ministerpräsident. Sie unterschieben uns Absichten –«

»Die in den Tagen von Olmütz sichtbar zutage traten. Sie meinen doch wohl nicht, daß wir das je vergessen werden?«

Karolyi errötete beinahe. Eine zu unangenehme Auffrischung von Tatsachen. »Vergessen auch Sie nicht, daß wir formelle Verbündete bleiben, beide dem Deutschen Bunde angehörig. Gegen Frankreich würden Sie uns am Platze finden.«

»Darüber mag ich meine eigenen Gedanken haben. Auch dürften Eure Exzellenz genügend wissen, daß meine Politik auf Freundschaft mit dem Kaiser der Franzosen den größten Wert legt. Und ich darf wohl sagen, daß dies keine unglückliche Liebe ist. Aber selbst wenn dem so wäre, sollen wir uns deshalb jede Rücksichtslosigkeit von Österreich gefallen lassen? Gott bewahre! Ihre Voraussetzung hinkt so sehr, daß uns am Herzen liegt, Ihnen durch Taten zu beweisen, wie sehr Sie irren.«

»Das ist nochmals eine deutliche Drohung.«

»Nehmen Sie es so! Sie haben unseren Worten nie die gebührende Beachtung geschenkt, aber ich werde diesem unerträglichen Zustand ein Ende machen.«

»Nun, was sind denn zur Zeit Ihre Anklagen wider uns?«

»Das wissen Sie selbst am besten. Vor 1848 war es selbstverständlich, daß alle erheblichen Fragen am Bund erst aufgerollt wurden, nachdem man sich mit uns in Vernehmen gesetzt wie mit Ihnen. Ihr jetziger Herr Ministerpräsident, Graf Rechberg, mein alter Bekannter, wird sich erinnern, daß man so weit ging, bezüglich der Bundesfestung Rastatt die Dinge in der Schwebe zu lassen, weil man den Protest einiger Mittelstaaten nicht majorisieren wollte, heut dagegen hat die Keckheit gegen uns einen solchen Grad erreicht, daß man über unsern Widerspruch gegen den neu ausgeheckten Plan eines besonderen Delegiertentages zur Regelung deutscher Angelegenheiten einfach zur Tagesordnung übergeht.«

»Die deutschen Dynastien sind eben sonst einstimmig in dem Bestreben –«

»Sich vor Österreich zu ducken, die deutsche Frage noch mehr zu verwirren und zu entschlossenem Angriff auf Preußens Interessen überzugehen. Die gewählte Richtung bedeutet ein Attentat auf die Bundesverfassung.«

»Vielleicht wird die goldene Mittelstraße uns auch hier auf gemeinsamen Weg bringen.«

»Sie mißverstehen noch immer den Ton meiner Eröffnungen. Preußen will nicht, daß dies geschieht. Gegen ein allgemeines deutsches Parlament im bürgerlichen Sinne hätten wir nichts einzuwenden und werden es vorschlagen.«

»Davon dürften Sie sich wohl kaum viel versprechen«, wandte Karolyi spitz ein. »Das Publikum steht nicht auf Ihrer Seite. Der alte deutsche Nationalverein ist eben mehr liberal als großdeutsch, und der neue Reformverein ist nicht preußisch gesinnt.«

»Ja, er besteht größtenteils aus Katholiken und ist unter Ihrem Protektorat gegründet. Still, wir wollen uns doch nichts vormachen. Unser Widerspruch ist nicht, daß Sie es nur wissen, ein beiläufiger Zwischenfall, sondern der Beginn sehr ernster Auseinandersetzung.«

Karolhi erhob sich. »Darf ich diese vertrauliche Unterredung möglichst wortgetreu an meine Regierung weiterleiten?«

»Ich bitte inständig darum und um größtmögliche Genauigkeit.«

Karolyi machte sich ans Werk. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Eine solche Offenheit, ohne jeden Rückhalt, unerhört im diplomatischen Dienst, kann man doch höchstens einem Anfänger verzeihen. Das ist nicht ernst zu nehmen. Doch er meint, was er sagt, man muß es befürchten. Nun, Rechberg wird ihn wohl besser kennen. Man muß entschieden vorsichtiger sein und in Deutschland abwinken, nichts auf die Spitze treiben. Kommt Zeit, kommt Rat.

Das war nämlich der Zweck der Übung. Otto wünschte jetzt noch nicht den völligen Bruch, die Armeereform mußte sich erst noch fester gestalten. Aber ein weiteres Vorschreiten Österreichs, das leichtfertig mit dem Feuer spielte, und an Preußens Ernstmachen nicht glaubte, hätte den Bruch notwendig verfrüht. Daher ein kalter Wasserstrahl. Solche Warnung würde mindestens ein Jahr lang den Krankheitsprozeß aufhalten, der nur mit Blut und Eisen eines chirurgischen Eingriffs geheilt werden konnte.

Einige Tage später erhielt Karolyi eine neue Einladung. »Unser Gesandter am Bundestag depeschiert mir soeben, daß die Majorität ihr verfassungswidriges Spiel weitertreibt. Ich wies Herrn v. Usedom an, dem bayerischen Vertreter v. d. Pfordten jeden Zweifel zu beheben, daß wir eine unannehmbare Stellung für uns nicht dulden und den Bund brechen würden. Herr v. d. Pfordten erwies sich jedoch schwerhörig und in keineswegs ausgleichsbedürftiger Stimmung. Er hatte sogar die ... Kühnheit, darauf zu dringen, daß die Minorität ihr Votum beschleunige. Ich empfehle den schweren Ernst der Lage, der sich noch mehr zuspitzt, der reiflichen Erwägung Ihrer Regierung.«

»Werden Sie Ihr Votum verweigern?«

»Um uns für Outsider legal ins Unrecht zu setzen? Pas si bête! Ich befahl Usedom durch sofortiges Rücktelegramm, sein Protestvotum auf den Tisch des Hauses zu legen. Unsere Würde verbietet uns jedes Ausweichen.«

»Nun, es ist halt ein Kompetenzkonflikt.«

»Sehr wahr. Majoritätsbeschlüsse sind Vertragsbruch gegen die Statuten des Bundes. Ich werde unseren Gesandten sofort abberufen und die praktischen Konsequenzen in kurzer Frist ziehen, die sich aus der Tatsache ergeben, daß wir dem Bund nicht mehr eine rechtlich zulässige Wirksamkeit zusprechen, mit einem Wort: ihm weitere Anerkennung versagen.«

»Das würden Sie wirklich tun?« Karolyi war im Grunde selber eine ehrliche und ehrliebende Natur und gewann Geschmack an dieser neuen Diplomatie, die mit offenen Karten spielte, zumal er Otto persönlich gern hatte. »Sie kennen die Reizbarkeit unseres hitzigen Rechberg. Ein solches Ultimatum wird kaum bei ihm verfangen.«

Otto lächelte. »Wir beide kennen uns genau und haben intime Erinnerungen. Seine Hitze kenne ich, aber auch seinen ehrenwerten Privatcharakter. Er kennt meinen Stil und wird mich verstehen.«

»Wenn Sie meinen! Ich werde pünktlich und genau berichten, mein Wort darauf. Wir wollen gemeinschaftlich versuchen, unsere Differenzen zu begraben. Falls man aber in Wien sich weigert –«

»So kommen Sie uns nur nicht mit bundesfreundlichen Vorstellungen! Rechnen Sie nicht darauf, uns im Bund zu fesseln. Das Paragraphengerippe der Wiener Schlußakte ist ein Stück Löschpapier, das wir durchlöchern. Sie werden uns als europäische Großmacht, nicht als deutschen Bundesstaat kennen lernen. Die Entwicklung der deutschen Geschichte wird nicht durch Tinte und Papier aufgehalten, wir werden sie selber in die Hand nehmen.«

Der geplagte Karolyi depeschierte fieberhaft, und bald darauf teilte er mit: »Graf Thun, unser Botschafter in Petersburg, zur Zeit in Wien, wird bei Rückreise auf seinen Posten über Berlin morgen vorsprechen und mit Eurer Exzellenz über die schwebende Frage konferieren im Auftrage des Ministerpräsidenten Graf Rechberg.«

Thun! So kommen die Menschen und die Diplomaten immer wieder zusammen. Thun avanciert nach Petersburg wie ich, Rechberg auf den Ministersessel wie ich. Reizende Parallele! Die diplomatische Welt ist so klein. Kommt der Berg nicht zu Mohammed, kommt Mohammed zum Berge. Das wird ja ein fröhliches Wiedersehen. Otto lachte grimmig. –

Der listig-gemütliche Graf war noch immer der gleiche und beherzigte geräuschvoll die Lehre, daß alte Freunde doch die besten sind.

»Meinen ehrerbietigen Handkuß der Frau Gemahlin. Meine Frau? Die Gräfin leidet unter dem höllischen nordischen Klima. Danke der Nachfrage! Sie sehen förmlich verjüngt aus. Wie stehe ich da? Groß als Wahrsager! Ich sagte immer: Mein Freund Bismarck stirbt auf dem Wege oder wird Ministerpräsident. Da ist er einer, und an Sterben denkt er nicht. Ich? Na, alldieweil fidöll, wie's mittelmäßigen Söhnen dieser Erde geht. Hab' ich von Ihnen, soll von Shakespeare sein. Also immer noch der alte Streitbold? Das arme, unschuldige Österreich! Wir san so gemütlich, und Sie wer'n immer gleich ungemütlich. Ich meine als Politiker, denn sonst sind S' ja der scharmanteste Kavalier von der Welt. Ach, der Zar hält so große Stücke auf Sie. Da haben Ihnen die Ohren geklungen. 's is' halt a fesche Sach', wenn man alte Freunde hat, die in Ekstase geraten, wenn ein gewisser Name fällt. Ja, und die leidige Chose da mit dem Delegiertentag ... wissen S', der v. d. Pfordten ist a talketer Kerl, setzt uns in Ungelegenheiten. So bös war's nit gemeint, o mai, wir Weaner san gemütlich und lassen mit uns reden. Na, geliebte Exzellenz, wo stecken denn noa di Schmerzen?«

Otto wußte zu genau, daß die Perfidie einen Triumphzug hielt, wenn sein Freund Thun weanerte. Bei allen, außer bei ihm, verfing dieser Trick. Er hatte aber den alten Knaben von Herzen gern und nahm seine Kapriolen so gutmütig auf, wie ein ruppiger Löwe das schmeichelnde »Wärgeln« eines Katers, den man zu ihm in den Käfig läßt. Er öffnete daher sozusagen seine Weste und verabredete verschiedene von Thun vorgeschlagene Auswege. Sodann schwang sich Thun zu dem Vorschlag auf: »Wissen's was, alter Freund? Ich werd' 'ne Entrevue zwischen Ihna und dem Rechberg verahnstalten. Auch a guter Freund von Ihna, denkt oft an Ihr schönes Zusammensein. Da wird sich alles, a–hles finden.«

»Das wird mich freuen, ich bin bereit.«

»Nur wissen's, da wird's wohl Präliminarien geb'n. Der Rechberg wird vorher eine gediegene Basis erwarten. Sie möchten Ihre Billigung zur Bundesreform vorher schriftlich geb'n. Eine gute, feine Reform, die alle Schwierigkeiten beseitigt.« Und er verbreitete sich über allerlei mögliche und unmögliche Dinge. »Der Karolyi ist auch so instruiert, vertraulich natürlich, streng vertraulich.«

»Und Sie sind autorisiert?«

»Habe die Erre.« Thun strahlte vor Biederkeit.

»Dann tut mir herzlich leid, ablehnen zu müssen. Die gebotene Frist ist viel zu kurz, eingehende Verhandlungen müßten voraufgehen. Ich kann also mit Rechberg nur dann zusammenkommen, wenn er auf vorherige Abmachungen verzichtet.«

Thun sah auf die Uhr. »Was Deixel! Ich muß zur Bahn. Schauen's, verehrte Exzellenz, mein lieber alter Freund, das Leben ist doch so kurz. Wozu gute Freinde sich zanken! Mann uhnd Frau priegeln sich auch, aber dahn, wo's Nacht wihrd ... wir sahn doch ahn einik Volk von Brüdern. Sie stahn halt fesch auf Ihrem Posten, doch wir auch, trotz aller schlampeten Gemütlichkeit. Die Delegiertenversahmlung am Bund ihst guet. Und wenn Sie uhns kein Äquivalent geb'n, nihments seinen Fortgang.« »Das gebe ich Ihnen bestimmt nicht. Das frohe Wiedersehen mit meinem Freunde Rechberg muß also unterbleiben.«

Otto war ein melancholischer Dänenprinz, Thun dagegen tiefbewegt wie König Claudius.

»Ah, quel malheur! Und ich meinte es so gut. Leben Sie wohl, mein Teurer, dürft' ich sagen: Auf Wiedersehen! Doch in meinem Alter! In Petersburg lebt sich's sonst scharmant, meine Stellung dort ist extraordinairement bonne. Au revoir donc! Ehrerbietigen Handkuß der Frau Gemahlin!« –

Otto lachte sardonisch in sich hinein. Wenn er sich nur nicht schneidet! In Petersburg wird ihm eine Pastete gebacken, die er nicht essen mag. Das Eisen hab ich gut im Feuer. Ich höre schon Virchow krähen: »Er erniedrigt Preußen zum Vorposten des Moskowitertums.«

Die Beschränktheit solcher Zellularpathologen ist wirklich pathologisch. Weil sie, halbverdreht von Spezialgelehrsamkeit, eine Muschel oder auch nur einen Wurm am Meeresstrande fanden, halten sie sich für Seefahrer erster Güte. Doch eine Nachwelt, die sich über Virchow ergötzt (Geheimrat Virchow, um Gottes willen, ein Student, der ihn nachher bloß Professor nannte, fiel bei diesem Radikalliberalen durch) und sich seines berühmten Spruches in London erinnert, daß wir gewiß noch erfahren werden, wie wir, denken – aber warum wir denken, die allein wichtige Frage wird von den Protoplasmaforschern vornehm ignoriert –, diese Nachwelt gibt sich selber Ohrfeigen. Denn den Fortschrittler Virchow ersetzten später Anthropologen voll biogenetischer Tiefforschung, die einen Otto Bismarck bewunderten, der nie existierte, ein Geschöpf ihrer eigenen biologischen Einbildung. Sie lösten die Welträtsel und thronten hocherhaben über jeder Metaphysik, ohne ihr Abc zu kennen, dies verdammt realistische Abc über die Hinfälligkeit der Sinneseindrücke, und hiermit jeder Mechanistik. Die Energetiker gründeten Monistenklöster, worin Faraday als hundertmal größerer Geist galt als Shakespeare, und schwatzten über Kunst wie Tertianer. Schuster, bleib bei deinem Leisten! Schwatze nicht, kleiner Insektensammler, über Adler hoch über dir, denen du kaum nachblinzelst mit deiner Spezialistenbrille! Michel aber kniet vor jedem professoralen Größenwahn wie vor alleinseligmachendem Dogma eines unfehlbaren Herrgotts, unmündige Halbbildung hält sogenannte Wissenschaft für geoffenbarte Allweisheit eines neuen Pfaffentums.

Diese tiefste Erniedrigung des deutschen Geistes erlebte er nicht, sonst hätte Otto den ihm zweifellos anbetend übersandten Quark zum Fenster hinausgeschmissen. So sättigte er sich mit Schimpfen auf Virchow, während der wahrhaft große Helmholtz schweigend und bescheiden seinen Weg ging. Als diesen ein Privatdozent fragte: »Sie interessieren sich nicht für Politik, aber dieser Bismarck ist doch sicher ein Scheusal«, blickte das klare Auge des einsamen Wanderers, der auf Spaziergängen im Grunewald seine tiefste Naturforscher-Metaphysik fand, gelassen den Fragenden an: »Wahrscheinlich ein großer Mann. Dem Kollegen Virchow rappelt's.«

*

Der vornehme Gentleman, der Wilhelm I. hieß, ging heftig in Babelsberg auf und nieder. Vor seinem Schreibtisch lag das Fell eines Eisbären, und er stampfte darauf. »Ihre Zirkulardepesche vom 24. Januar hat meinen vollen Beifall. Die Leute werden sich wundern, daß Sie Ihre Unterredungen mit Karolyi« (der König sprach es falsch aus, wie alle, die nicht Madjarisch kennen, es spricht sich Karoi) »und mit Thun öffentlich, d. h. für alle Höfe, preisgeben. Aber ich begreife, was Sie damit bezwecken. Schon gut. Und das mit Rußland – ich beauftrage Gustav Alvensleben, den Sie bevorzugen, denn ich teile Ihre Schätzung – schon gut. Aber diese Kammer!« Der König blieb stehen und zitterte vor Erregung.

»Die mir das Vertrauen meines Volkes rauben, sind gewissenlose Fälscher«, rief er Otto heftig zu. »Wie viele Konzessionen machte ich nicht! Die Kammer aber stellt sich, als hätte ich keine gegeben, nur um immer neue zu erpressen! Steht irgendwo geschrieben, daß nur ich nachzugeben habe und der Landtag nie? Man hat mir lauter Fallen gestellt. Als ich mir erst 4 Millionen und dann erneut 240 000 Taler streichen ließ, verlangte man sofort die zweijährige Dienstzeit. Und dann verhöhnte uns die infame Presse, wir seien wirklich zu unverschämt, bloß um den Preis von 240 000 Talern sich Frieden erkaufen zu wollen! Das ist eine Schlechtigkeit.«

»Jawohl, Majestät. Wie Sie schon richtig bemerkten: Die Abgeordneten haben das Recht, das Budget zu reduzieren, das Herrenhaus das Recht, dies reduzierte Budget zu verwerfen. Was verordnet die Verfassung dafür? Nichts. Also legen wir legaliter unsere Auffassung zugrunde.«

Das tat er dann freilich in einer immer schärferen Tonart, je lauter die Opposition brüllte. Er bediente sich dafür einer Verfassungsklausel, wonach die Minister immer auf Wunsch angehört werden mußten, obschon sie nicht Mitglieder, sondern sozusagen Gäste des Hauses waren. Dies legte er nun so aus, daß die Minister reden dürften, was ihnen beliebe, ohne irgendwie der Autorität und Zensur des Präsidenten zu unterstehen.

»Ich ersuche den Herrn Ministerpräsidenten, sich zu mäßigen und persönliche Bemerkungen verletzender Natur gegen Mitglieder dieses hohen Hauses zu unterlassen«, rügte der Präsident Bockum-Dolffs.

»Ich weise diese Mahnung zurück. Ich stehe durchaus über der Disziplinargewalt des Vorsitzenden und bin niemand für Reden wie Taten verantwortlich als meinem Herrn, dem König.« Es folgte eine sehr bewegte Szene, während welcher er den Saal verließ.

»Ich beantrage die Vertagung, weil der Minister in begreiflicher Aversion unangenehme Wahrheiten nicht hören will, bis zu seiner Rückkehr,« sprach der große Professor Virchow die gewaltigen Worte. Doch im gleichen Augenblicke saß der Gehaßte schon wieder auf der Ministerbank und bemerkte kühl:

»Die Ausfälle der verehrten Abgeordneten sind im ministeriellen Vorzimmer vollkommen hörbar und verständlich. Ich bitte, damit fortzufahren.«

Der Unfriede in der neuen Session erreichte am 17. Mai seinen Höhepunkt. Auf eine Bemerkung Sybels schnaubte Roon: »Das ist eine unqualifizierbare Anmaßung.« Glocke des Präsidenten, um die sich Roon nicht kümmerte. Worauf Bockum-Dolffs: »Jetzt habe ich zu reden. Ich unterbreche den Minister.« Roons Jähzorn machte sofort ironischer Schärfe Platz: »Bitt' um Verzeihung, doch ich hatte das Gehör des Hauses, und werde davon nicht abstehen.« Präsidentenglocke. »Die Verfassung gibt mir das Recht, zu reden wann ich will, und keine Glocke, kein Winken, kein Unterbrechen wird je –«

Allgemeiner Aufschrei »Zur Ordnung?« Nachdem Bockum erneut die Glocke gerührt, kam er endlich zu Worte: »Unterbreche ich den Minister, so ist seine Pflicht, zu schweigen!« (Bravo! Oho!) »Dafür brauche ich die Glocke, und will der Herr Minister darauf nicht hören, so soll mir mein Hut gebracht werden, zum Zeichen, daß ich die Sitzung wegen gewaltsamer Störung suspendiere.« Der alte Soldat fuhr unerschüttert fort: »Ich habe nichts dagegen, daß der Herr Präsident nach seinem Hute schickt, doch ich bemerke –«

Lauter Lärm erstickte seine Stimme, doch sofort fuhr er wieder mit schmetternder Kommandostimme fort: »Meine Herren, 350 Stimmen sind lauter als eine. Ich verlange mein Verfassungsrecht. Danach kann ich sprechen, wie ich will, und niemand ist befugt, mich zu unterbrechen.«

Durch einen Höllenlärm drang erneut die Glocke des Präsidenten: »Ich unterbreche den Herrn Kriegsminister und entziehe ihm das Wort. Wenn der Präsident spricht, muß jeder ruhig sein, und jeder in diesem Haus, sei es hier unten unter uns oder oben in den Galerien, muß gehorchen. Wenn irgend etwas hier gegen die parlamentarische Hausregel verstoßen hätte, so wäre es mein Amt gewesen, es zu rügen. Doch ich konnte dies nicht tun, weil der Herr Vorredner in allem, was er sagte, im Recht war.« (Jubel auf der Linken, Zischen auf der Rechten.) »Und nun erteile ich dem Herrn Kriegsminister erneut das Wort.«

Aber Roon lieh sich von einem verdammten Zivilisten nichts vorschreiben. Wütend schrie er heraus: »Ich bemerke, daß ich nochmals gegen das Recht protestiere, das der Herr Präsident sich gegen die Königliche Regierung usurpiert. Ich halte daran fest, daß die Autorität des Präsidenten, wie der Herr Ministerpräsident schon früher ausführte, bloß bis hierher reicht,« indem er auf den Gang vor der Ministerbank wies, »und nicht weiter.«

Jetzt gab es eine Neuauflage des Turmbaues zu Babel, wo niemand mehr sein eigenes Wort verstand. Alle Abgeordneten sprangen von ihren Sitzen auf, und der Präsident bedeckte sich feierlich wie ein spanischer Grande oder ein sterbender Römer, der sich in seine Toga hüllt. Aber ach! Der Überbringer des Hutes hatte sich geirrt und einen anderen, viel zu großen geholt, der diesem unglücklichen Stoiker über beide Ohren bis zur Nase herunterfiel. Unauslöschliches Gelächter der paar Feudalen auf der Rechten ersäufte im allgemeinen Wutgeheul. Allseitiger Exodus ließ den Vorhang über die Tragikomödie fallen, doch historische Würde erwarb sich der Hut von Bockum-Dolffs.

Ein ernstes Nachspiel folgte. Die Minister zogen sich zurück, und ihr Chef diktierte eine Erklärung: sie würden ihr Erscheinen einstellen, wenn ihnen nicht völlige Indemnität von der Präsidentendisziplin gewährleistet würde. Natürlich neuer Sturm. Das Haus antwortete mit grimmiger Behauptung der Disziplinarrechte und Brandmarkung des ministeriellen Verhaltens als gesetzwidrig. Es folgte eine Adresse an die Krone, worin ein Wechsel des Systems und der Personen gefordert wurde. Der König erwiderte mit gleicher Entschiedenheit, er billige das Verhalten der Minister, denen er seinen Dank ausdrücke, weise die Aufzählung ihrer angeblichen Sünden ab und schloß die Botschaft: »Mit Gottes Hilfe wird es mir doch gelingen, den verbrecherischen Versuch zu vereiteln, das Band zwischen Fürst und Volk zu lösen.« Und damit schickte er die Abgeordneten erneut heim wie ungezogene Schuljungen.

Das hieß den Bogen überspannen. Die entlassenen Abgeordneten trugen die Entrüstung ins Land, in allen Städten mit Festbanketten gefeiert. Die Presse schlug eine unglaublich heftige Sprache an, während die Kreuzzeitung den König anbettelte, den Verfassungsschwindel zu beseitigen und sein persönliches Eigentum, nämlich den Absolutismus, zurückzunehmen. Dafür verglichen die liberalen Zeitungen den Ministerpräsidenten mit – Catilina!

»Man tut ihm viel zu viel Ehre an«, urteilte der Abgeordnete Twesten, »er ist bloß ein Don Quichotte.«

»Ein Seiltänzer ist er«, fauchte Virchow.

»Und ein doppelzüngiger Verräter in Liga mit Napoleon«, gab ein Dritter seine unmaßgebliche Meinung kund.

Die Bevölkerung, bisher der ehrwürdigen Erscheinung des Königs zugetan, fiel ab. Es kam die Zeit, wo man in den Straßen von Berlin den König nicht mehr grüßte, und jeder grüßende Zivilist angeblasen wurde: »Is wohl nur so'n Beamter!« Außer sich vor Entrüstung über die sich steigernden Kränkungen, ließen Fürst und Ministerium sich verleiten, am 1. Juni eine Ordonnanz (selbst den unglücklichen historischen Namen behielt man bei) zur Knebelung der Preßfreiheit zu erlassen. Das folgende Halbjahr gehörte in den Zeitungen den vielsagenden Gedankenstrichen, den vom Zensor unbedruckten oder geschwärzten Seiten, die durch ihre Leere erst recht aufreizend wirkten.

Otto gestand sich heimlich die Übereilung zu. Wenn er mit Johanna in dem kleinen Garten hinter seiner Ministerwohnung Atem schöpfte, strich sie ihm liebevoll über das Gesicht: »Könnte ich nur die böse Falte wegbringen, Ottochen! Du wirst ja schon Meister gehen, wenn dein Gewissen dabei rein ist.« Die Zeit, wo sie jeden Liberalismus für Todsünde und jedes reaktionäre Gebaren für gottwohlgefällig hielt, war nun auch vorüber.

»Das ist es«, fuhr er auf. »Man muß die Gärung mit allen Mitteln niederhalten und den Burschen die Macht des Staates zeigen. Jede Versöhnlichkeit fassen sie als Schwäche auf. Es war ganz vernünftig, ihnen die Anwesenheit der Minister zu entziehen, die sie doch nur als Zielscheibe ihrer Pfeile betrachteten. Solange nicht die Heeresreform durchgeführt, muß man drakonische Strenge walten lassen und die Zügel anziehen. Nachher mag man sie lockern.«

»Aber das traurige Zerwürfnis mit dem Kronprinzen!«

»Ja, das ist eine böse Geschichte. Doch ich tat alles, um den Zwist beizulegen.«

Das war in der Tat eine heikle Angelegenheit. Auf militärischer Inspektionsreise nach Westpreußen begriffen, fiel der Kronprinz dem Bürgermeister Winter von Danzig in die Hände, einem leidenschaftlichen Erzliberalen. Gerade in jenen Tagen kam die Presseordenanz heraus, bei dem allgemeinen Unwillen unterließ man überall den sonst üblichen festlichen Empfang. Auf das leicht erregbare, der Volkspopularität sehr zugängliche Gemüt des Prinzen und das seiner ihm auf der Reise folgenden Gemahlin verfehlte dies nicht einen tiefen Eindruck. Er richtete an den König ein scharfes Schreiben, worin er sich beschwerte, nicht zu dem Staatsrat zugelassen zu sein. Es sei seine Pflicht als Thronfolger, über Vorgängen zu wachen, welche die Sicherheit der Dynastie in Frage stellten.

Im Danziger Rathaus hielt er dann eine besondere Ansprache, worin er, obschon in geziemenden Formen, die königliche Politik desavouierte. Der König erteilte ihm darauf schriftlich einen ernsten Verweis. Dieser war in so hohem Grade erzürnt, wie Otto ihn noch nie sah.

»Ich werde genötigt, durch öffentliche Akte zu strafen.« Das milde Gesicht des Königs nahm einen strengen und harten Ausdruck an. Nach seinem Gefühl lag die Todsünde der Insubordination »vor dem Feinde« vor. »Auch Sie sind durch einen brieflichen Protest des Kronprinzen gegen die Presseverordnung beleidigt worden.«

»Das ertrage ich gern und bitte Eure Majestät nur, von allen öffentlichen Schritten abzusehen. So gebietet die Staatsräson.«

»Sie gebietet, abtrünnige und widerspenstige Thronerben so zu erziehen, wie mein in Gott ruhender Ahne es mit dem großen König, damaligen Kronprinzen, für gut fand.«

»Aber gab ihm die Nachwelt recht? Sie stimmt mit den Zeitgenossen überein, solche Härte zu verdammen. Auch war die Provokation viel stärker.«

»Er hat mir heut einen Brief geschrieben,« bekannte der König zögernd, »wonach er sich aller seiner Ämter entbinden lassen will und seine Enthebung von militärischen Funktionen anheimstellt. Er habe in Sorge um die Zukunft seiner Familie sich gegen Oktroyierung der Verfassungsverletzung ausgesprochen, bitte aber als Sohn um Verzeihung.«

»Dann gewähren Sie sie, vermeiden Sie jeden Entschluß im Zorne, Majestät, und verfahren Sie säuberlich mit dem Knaben Absalom!« So geschah es, was jedoch den Kronprinzen nicht abhielt, an Otto eine heftige Epistel zu richten, worin er auf jede Mitwirkung im Staatsrat verzichtete, solange ein solches Ministerium amtiere. Gleichzeitig erschien ein Artikel in der Londoner »Times«, der die Vorgänge förmlich auf den Kopf stellte und natürlich eine Schmeichelei für die Prinzeß Royal einflocht.

»Lesen Sie das!« rief der König erzürnt. »Wer mag diese Lobhudelei, die mich wie einen eigensinnigen alten Mann hinstellt, verfaßt haben?«

»Vermutlich ein gewisser Geffcken, der das Vertrauen der kronprinzlichen Herrschaften genießt. In dem ›Grenzboten‹ stand auch etwas Ähnliches. Am meisten Verdacht hege ich gegen den Legationsrat Meyer.«

»Wo gehört der hin?«

»Zur Umgebung Ihrer Majestät der Königin«, stellte Otto mit klarer Stimme fest. Der König biß sich auf die Lippen. Hatte er doch kritische Ergüsse von Ludolf Camphausen und dem anglisierten Baron Stockmar durch Königin und Kronprinzessin erhalten, die er gleichgültig beiseite warf. Beide hohen Damen träumten nur noch von cromwellischer Rebellion und Schafotten, obschon weder ein Cromwell noch ein starrsinniger Schwachkopf von Stuart vorhanden waren. –

Mittlerweile ging die auswärtige Politik ihren Weg. Im Februar begab sich General Gustav v. Alvensleben nach Petersburg und schloß dort eine Konvention rein militärischer Art gegen die polnische Revolution, was sich aber auch gegen alle richtete, die Neigung zeigten, sich an diesem Strohfeuer die Finger zu verbrennen. Otto instruierte den General:

»Die Großfürstin Konstantin trägt schon polnisches Kostüm, und der Großfürst möchte Vizekönig werden. Der Zar hat sich aber meinen Vorstellungen nicht verschlossen und hält nichts mehr von den Polonisten – oder soll ich sie Poloniusse nennen? – am russischen Hofe, darunter befinden sich viele Liberale, die eine Verfassung erstreben, welche der Zar nicht weigern könnte, wenn er den Polen erst eine Separatverfassung gäbe.«

»Aber Gortschakow tanzt doch auch die Polonaise mit?«

»Für den slawischen Bruderstamm. Geben Sie acht, da braut eine gefährliche Suppe für die Zukunft, der sogenannte Panslawismus. Beim alten Gortschakow spielt wie gewöhnlich die Eitelkeit mit, wenn er seiner Phantasie Audienz gibt, oder sagen wir auf gut Deutsch: seiner Einbildung. Er ist ein großer Redner und möchte hochtönende Reden an die Polen halten, die in Pariser Salons bewundert werden. Doch außerdem ist er ja immer pfiffig genug und hält es für einen politischen Schachzug, panslawische Strömungen unter Rußlands Protektorat zu stellen.«

»Wenn ich also recht verstehe, stehen sich die monarchischen Absolutisten als Polenfeinde und die Panslawisten als Polenfreunde gegenüber?« »Ja, nach dieser Richtung müssen Sie die Sachlage behandeln.«

Der polnische Aufstand machte viel Lärm, aber wenig Fortschritte. Jedenfalls erleichterten Preußens Besetzung der Grenze und polenfeindliche Haltung die Niederwerfung, sehr im Interesse Preußens, das diesmal Rußland mit starker Hand aufrichtete. Natürlich hieß es überall umgekehrt, Preußen habe sich zum Werkzeug russischer Tyrannei hergegeben. Die ganze revolutionäre Internationale heulte, und die Fortschrittspartei deklamierte hochherzig gegen preußische Henkersknechte, während ihre polnischen Mitglieder unverfroren die Abtretung Posens verlangten.

»Diese Niedertracht, preußische Truppen als Rußlands Schergen zu mißbrauchen, steht auf gleicher Stufe mit dem Menschenhandel der verkauften Hessen und Braunschweiger im amerikanischen Befreiungskrieg«, bemerkte Sybel tiefsinnig, worauf Waldeck nicht umhin konnte zu bedauern, daß die Regierung, falls sie deshalb mit einer fremden Macht in Krieg gerate, von der Volksvertretung keinerlei Kriegskredit erhalten werde.

Und es roch scheinbar nach Pulver. »Diese Seeschlange macht jetzt in der ganzen europäischen Presse die Runde«, lachte Otto sich vertraulich bei Roon aus. »In Exeterhall besingen sämtliche Philanthropen das edle Polen, die Presse überhäuft uns mit Schimpfreden, und die Regierung tut, als wolle sie intervenieren. Lauter Blague. England ist immer nur da, wo es etwas zu holen gibt und unterstützt Polen mit seinem wohlfeilsten Ausfuhrartikel, mit Zeitungsartikeln. Palmerston, der große ›Feuerbrand‹, haßt Napoleon seit dessen Flottenrüstungen zu sehr, um nach dessen Pfeife zu tanzen. Auch in den Tuilerien schwingt man schon tumultuarisch die Kinderklappern Freiheit und Menschheit.«

»Der verdammte Einbrecher! Überall möchte er räubern, nachdem es ihm zu Hause so gut gelang. Sein Flöten nach Barmherzigkeit und Befreiung meint doch sicher nur Schnappen nach preußischem Territorium.«

»Ja, er scheint mich getäuscht zu haben, doch er bleibt eine solche Sphinx, daß man nie seine Maske durchschaut. Er protegiert zwar jetzt Metternich und hat sich Österreich genähert, um in der Polenfrage auf Rußland zu drücken. Doch ich glaube, er hat schon heut die Geschichte satt und schiebt England vor, das bei uns protestieren wird, um sich von der Welt seine Freiheitsliebe und besonders allgemeine Menschenliebe bescheinigen zu lassen.«

Diese schöne Geste blieb nicht aus. Der britische Gesandte, Sir Alexander Buchanan, erschien steif und feierlich mit einer geharnischten Note des Lord John Russel, Minister des Foreign Office, worin England seine Entrüstung über die unentschuldbare Konvention mit Rußland ankündigte und sich eine Kopie der Konvention ausbat. Otto maß den Briten mit einem sonderbaren Blick. »Ich fühle nicht die geringste Veranlassung, einem so eigentümlichen Verlangen zu willfahren.«

»Lord Russel beabsichtigt –« begann der Brite pomphaft.

»Zweifellos etwas Menschenfreundliches. Ich bitte, mich Seiner Lordschaft zu empfehlen. Entschuldigen Sie mich, bitte, gütigst, wenn ich jede weitere Erörterung auf gelegenere Zeit verschiebe. Ich bin außerordentlich beschäftigt.«

Der Gesandte erschien ein zweites Mal, diesmal verlangte er peremptorisch den Beitritt zu einem europäischen Areopag, der eine Wiederauferstehung Polens dekretieren sollte. »Ich bedaure lebhaft, dies aus Selbsterhaltungstrieb ablehnen zu müssen. Wir müßten sonst 100 000 Soldaten mehr unterhalten, weil das neue Polen sicher uns sehr belästigen würde. Zweifellos wird Rußland für diese Anregung dankbar sein, man liebt es, von Fremden über eigene häusliche Dinge Belehrungen zu erhalten.« Am liebsten hätte er als Beispiel angeführt, daß Rußland demnächst England auffordern werde, aus Ehrfurcht vor den unterdrückten Menschenrechten Irland seine Freiheit zu schenken.

*

Im Juni begleitete er den König zur Kur nach Karlsbad. Er lag träumend im Bummelzug und erlabte sich an »reizenden Tannen, Mondschein, Rauschen der Bäche«, wie er in Eile an Nanne schrieb. In Karlsbad merkte er schon, daß es für immer mit dem Inkognitoleben vorbei sei, daß er eins auf dem Präsentierbrett führen müsse. Als eine ihm völlig vergessene Baronin Scholl aus Frankfurt ihn erkannte und mit lauter Stimme rief: »O Exzellenz v. Bismarck, Sie hier! Welches Ereignis!« drehten sich sämtliche Kurgäste um und hefteten sich an seine Fersen. Er entrann durch weite Spaziergänge und Kletterpartien in glühender Sonnenhitze, denen niemand folgen konnte.

»Ach, da fällt mir ein, ich habe ein wichtiges Geschäft zu Hause«, stöhnte sein alter Bekannter, Botschaftsrat v. Werthern, der hier auch Sprudel trank und sich ihm anschließen wollte, um ihn auszuholen. Diese Prellsonne auf schattenlosen Bergen war für sitzfreudige Diplomaten nicht bekömmlich. Dagegen hatte Otto seine liebe Not, den greisen König von allzu eifrigem Geschäftsdrang abzuhalten, dessen Pflichttreue durch sein Zusammenarbeiten mit dem Genialen einen neuen Ansporn erhielt. Er verjüngte sich förmlich durch dies neue, ungewohnte Leben in wirklich produktiver Politik und restloses Inangriffnehmen all der großen Angelegenheiten, die sich seit zehn Jahren unerledigt anhäuften. »Mit dem dilatorischen Behandeln kamen wir nie vorwärts«, äußerte er sich befriedigt. »Sie sind fürwahr der rechte Mann für mich, mein lieber Bismarck.«

»Wenn Majestät sich nur etwas mehr schonen wollten!«

»Wozu? Mir bekommt die Kur vortrefflich, und die Nachkur in Gastein wird mich vollends stärken. Sie müssen also auf ein paar Tage nach Berlin zurück, leider, aber sorgen Sie dafür, daß Sie sobald wie möglich in Gastein eintreffen.« –

»Erlaube mich vorzustellen: Fürst Fritz Schwarzenberg. Meine Tanten in Wien haben mir viel von Euer Exzellenz erzählt«, machte sich ein fescher Kavalier bekannt.

»O, welch herrliche Erinnerung! In Wien geht einem das Herz auf, so urbehaglich! Und so deutsch! Euer Durchlaucht erlauchtes Geschlecht stammt ja auch von fränkischem Uradel.« Das leere, hübsche Gesicht des böhmischen Fürsten verfinsterte sich sekundenlang.

»Wir sind Böhmen, Exzellenz, und haben uns im braven Tschechenvolk ganz eingebürgert. Deutsch, nun ja! Exzellenz verzeihen, bei uns kennt man nur Österreicher.« –

Eine schwarzgelockte Italienerin, Marquise d'Alba, die er durch russische Bekannte kennen lernte, ließ ihn etwas andere Töne hören. »Wir schwärmen so für Deutschland, diese verehrungswürdige Nation hat gewissermaßen ein gleiches Los wie Italien. Und«, fügte sie halblaut hinzu, »einen gemeinsamen Feind.«

Otto erwiderte nichts, sondern erwiderte nur den feurigen Blick der Dame. Das verpflichtet zu nichts. Höchstens Schriftliches. Da hatte der selige Talleyrand recht: Mit einer schriftlichen Zeile will ich jeden hängen. Selbst Mündliches ist frei. Denn da in der Welt so unendlich viel gelogen wird, stehen Klatschaussagen nicht hoch im Preise, und nachher sagt jeder etwas Anderes über die betreffende Äußerung. Das ist ungefährlich, doch wo Blicke ausreichen, sind Worte unnötig. Otto wußte sehr genau, wo er, der Offenste der Sterblichen, den Mund zu halten hatte. Wenn er seine damaligen Unterredungen mit Karolyi sogar in einer Zirkulardepesche schriftlich zusammenfaßte, so verblüffte er die Gegner noch mehr damit. Schriftlich gab er nur, was man wissen sollte.

Vor seiner Abreise hatte er noch eine merkwürdige Zusammenkunft. Der Württemberger Politiker v. Varnbüler forderte ihn zu geheimer Besprechung auf, indem er sich auf den gemeinschaftlichen Freund Below-Hohendorf berief, und gab ein böhmisches Dörfchen westlich von Karlsbad als Treffpunkt an. »Sie werden begreifen, daß ich in Ihrer und meiner exponierten Stellung dabei das Geheimnis wahren muß.« Otto ging darauf ein, weil er die wirtschaftlichen Kenntnisse des Mannes hoch anschlug. Doch aus der Unterredung nahm er keine andere Frucht mit fort, als daß Varnbüler zwar großdeutsche Gesinnung im Sinne wirtschaftlichen Zusammenschlusses, aber sonst nichts Reales vorschwebte.

Wollte mich nur sondieren, wohl in österreichischem Auftrag! dachte Otto, als er bei der gleichfalls zur Kur angelangten Großfürstin Helene nachdenklich eine sehr gute Nachtischzigarre rauchte. Die gescheite Großfürstin fragte ihn scherzend: » A fig for your thoughts, wie die Engländer sagen. Warum so nachdenklich? Ach, Ihnen liegt wohl die polnische Frage im Magen?« Er nickte. Daß ihn die deutsche Frage viel näher beklemmte, verschwieg er natürlich. »Der Zar ist empört über Österreichs Note vom 18. Juni mit den sechs Punkten. Das heißt uns die Pistole auf die Brust setzen. Gortschakows Empfehlung eines gemeinsamen Handelns von Rußland, Österreich und Preußen betreffs ihrer polnischen Untertanen hat man hochfahrend abgelehnt.«

»Ich weiß, Österreich sei mit England und Frankreich zu eng verbunden und einverstanden, um eine Sonderverhandlung mit anderen zu pflegen.«

»Unter uns, der Zar ist zu ernsten Maßregeln entschlossen. Mich sollte nicht wundern, wenn er den Degen zieht, und dann werden Sie ja wohl bald etwas davon hören.« Sie sah ihn forschend an. Otto verbeugte sich und antwortete nicht.

Ja, ja. Rußland wird ein Bündnis antragen. Aber das fällt uns gar nicht ein. Laß erst sehen, ob Rechberg den Vertrauenswechsel, den wir damals aufeinander zogen, einlösen will. In Gastein wird man den König bearbeiten wollen. Ich muß mich sputen, daß ich rasch aus der Lawine von Nebensachen mich loswickele, die in Berlin mich überfallen wird. –

Das tat er, und befand sich schon am 19. Juli in Nürnberg. In Berlin gab ihm der neue französische Botschafter Talleyrand (arger Name!) ein Diner, suchte ihm dabei auf den Zahn zu fühlen. »Es ist Eurer Exzellenz gewiß bekannt, daß Ihre Gesandtschaft in Paris gewisse Vorschläge entgegennahm?«

»Offiziell nicht daß ich wüßte! Graf Goltz hat nichts amtlich depeschiert.«

»Es ist ja auch nur unoffiziell geschehen durch General Fleury, nicht dem Gesandten selber gegenüber, sondern einem anderen Mitglied Ihrer Gesandtschaft.«

»Ich erinnere mich undeutlich. Irre ich nicht, soll Preußen den Vermittler spielen und dem Zar ein Eingehen auf die berühmten sechs Punkte anraten.«

»Also sind Eure Exzellenz doch gut unterrichtet. Die offizielle Einleitung würde ja wohl auch durch meine Hände gehen. Darf ich ganz im allgemeinen und ohne Verbindlichkeit fragen, wie Sie darüber denken?«

»Das kann ich zurzeit nicht sagen, da ich offiziell nichts weiß.«

»Schon recht. Preußen würde sich hier doch ein europäisches Verdienst erwerben. Wenn Sie den Zar bestimmen –«

»Der Zar hat seinen eigenen Willen. Nichtsdestoweniger werde ich den Fall in Erwägung ziehen. Gewiß würde da Preußen eine sehr schöne Stellung als Vermittler einnehmen.«

»Ich sehe, Sie erfassen unsere wohlmeinende Absicht. Ich bitte, mich in Kenntnis zu setzen, wenn Sie, Herr Ministerpräsident, sich definitiv entschließen.« –

Das fehlte mir gerade! Goltz hat sich vermutlich wieder eingemengt, um eine politische Rolle zu spielen, und dem Empereur Avancen gemacht, während der selber wohl schon die Sache dick hat. Ich werde mich hüten, im Pariser Sinne zu arbeiten und den Zar zu verschnupfen. –

In Gastein fühlte er sich wohl wie ein Fisch im Wasser. Wasserfälle, hohe Berge! Konnte er doch immer mit Byron von sich sagen: »Für mich sind hohe Berge ein Gefühl.« Leider fand er seinen geliebten König in trübster Laune. Der sonst ziemlich gesellige Greis suchte die Einsamkeit für sein verwundetes Herz, weil ihm erst jetzt die Unbotmäßigkeit des Kronprinzen in ihrem ganzen Umfang bekannt wurde. Er sah nicht die schneebepuderten Spitzen, die Silberfäden der Bäche, den tollen Walzer der Ache über Stock und Stein. In sich gekehrt sah er nur Preußen, Zerwürfnis im Innersten. Otto dagegen schwelgte in dichterischer Schilderung des schmalen Tales an Nanne. Er fand das glückliche Gleichnis, die Bäche stürzten sich in eiliger Hast herab, als fürchteten sie, zu spät zu kommen zum großen Fall, den sie mit der Ache zusammen dicht vor seinem Hause ausführten. Neckisch fügte er hinzu, Moritz Blanckenburg (der prosaische Pommer) würde das Tal mit einer Schüssel Grünkohl vergleichen, umkränzt von weißen Eiern.

In das Idyll kam störende Bewegung. Alles flaggte, Kaiser Franz Josef traf am 2. August ein, mit ihm ein lieber alter Bekannter, Prokesch. Das bedeutet etwas, da wird man kaum Gemsen schießen können, hier soll wohl ein Bock geschossen werden, jedenfalls wird man Bocksprünge machen.

Auf der Durchreise in Dresden hatte er seinen lieben alten Freund Beust aufgesucht, der ihn mit überströmender Herzlichkeit empfing und sich angelegentlichst der Frau Gemahlin empfehlen ließ. Das kündete nicht Gutes. Weiß Gott. Weiß Gott, was Freund Rechberg wieder ausheckte.

Er saß in der Acht-Schlucht unter dem Tannenbaldachin und kneipte Natur. Sein Blick fiel auf ein Meisennest, wo der Vogel seine Jungen fütterte. Wie oft in der Minute der wohl Ungeziefer herbeiträgt! Er zog die Uhr und beobachtete. Während dieser Forschertätigkeit sah er plötzlich, daß gegenüber auf der anderen Schluchtseite, die man Schillerplatz nannte, der König auf einer Bank saß, allein, in Gedanken versunken. Nun, da wird ihn niemand finden. Die Uhr sagte, daß er sich zum Diner beim König in Gala werfen müsse. Da fand er in seiner Wohnung ein kurzes Briefchen: »Ich erwarte Sie auf dem Schillerplatz. W.« Otto ahnte nichts Gutes und stürmte eiligst nach dem königlichen Quartier, wo er sich entschuldigte, Naturbetrachtung habe ihn aufgehalten. Der König erwiderte in erfreutem Ton: »Ich bedaure sehr, Sie hätten den Kaiser getroffen, der mich aufsuchte und mit dem ich eine freundschaftliche Unterhaltung hatte. Es sind sehr wertvolle Eröffnungen, die er als Freund und Bundesgenosse machte.«

»Darf ich fragen welche?«

»Es soll ein Fürstentag in Frankfurt stattfinden, wo wir gemeinsam gegen den Liberalismus vorgehen, der jede Staatsgewalt unterbindet. Das wäre endlich ein Schlag gegen die Revolutionsstimmung in Berlin.« Da Otto vollkommen schwieg, fragte er hastig: »Sie teilen nicht meine Auffassung?«

»Nein, Majestät.«

»Wie, Sie glauben nicht, daß wir auf diese Weise das Joch der Fortschrittspartei abschütteln, die das Fundament des Staates bedroht?«

»Vielleicht. Ich halte es aber nur für ein papiernes Joch. Um es zu brechen, bedürfen wir keiner Hilfe.«

»Aber Österreich wird doch dann wohl –«

»Nichts wird es, als an dem alten Leim festkleben. Um unsere Liberalen oder Revolutionäre loszuwerden, würden wir uns erneut in Österreichs Botmäßigkeit begeben.«

»Aber man sagte mir doch –«

»Wie wird man nicht! Politik ist Politik. Rechberg ist doch «in schlauerer Bruder als ich dachte.

Der König schwieg betroffen. »Nun, wir reden noch mehr davon. Übrigens kommt in den nächsten Tagen der Kronprinz, wovon ich Sie avertiere.«

Zunächst kam der liebe Prokesch angetanzt. »Welch freudiges Wiedersehen! Endlich allein, oder, da dies französisch seiner klingt, enfin seuls! Alle alte Streitaxt begraben! Österreich und Preußen erscheinen Arm in Arm!«

»Wie Carlos und Marquis Posa!« ergänzte Otto trocken. Und im Hintergrund lauert der Großinquisitor, und Carlos verwandelt sich plötzlich in Don Philipp. »Sind Sie denn so gewiß, daß dieser Fürstentag zustande kommt?«

»Da fragen Sie noch! Alle deutschen Fürsten sind begeistert. Ich auch. Ich bin eben eine enthusiastische Seele, und nur die aufgeknöpfteste Offenheit ist mein Fall. Glauben Sie mir, mein teurer alter Freund, wenn ich Sie so nennen darf, das Lügen ist der Fluch.«

Hol' die Pest alle feigen Memmen! sagte Falstaff. Otto lachte nicht einmal. Die Sache stand schlimm. Dieser Hieb Rechbergs war nicht von schlechten Eltern. Man wird auf den großen Haß des Königs gegen die übermütigen Berliner Schreier spekulieren und ihn umgarnen.

»Wie geht's meinem alten Freunde Graf Rechberg?«

»0, er strotzt von Lebenskraft. Der schwärmt von Ihnen! Mehr als ich! Ich bin eben eine offene Natur und halte mit nichts hinter dem Berge. Mir machten Sie das Leben sauer, doch Rechberg muß Sie von einer milderen Seite kennen. Da sieht man, wie das wahre Verdienst sich immer Bahn bricht! Sie und Rechberg zu gleicher Zeit Ministerpräsident, die feindlichen Brüder, die sich doch so von Herzen gut sind! Ach, es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo wir dem Weltgeist näher sind als sonst und ihm zurufen: Verweile doch, du bist so schön! Das ist freilich von Schiller, dem Erzliberalen, aber es ist tief und wahr gesagt.« Prokesch stand da in der Haltung eines Denkers, der bei der Vorsehung eine gut fundierte Anstellung hat. –

Der Kronprinz gab sich mit der ihm eigentümlichen herzenswarmen Liebenswürdigkeit, dem Vater gegenüber reuig und zerknirscht, dem Minister gegenüber bescheiden. »Ich gebe zu, daß fremde Einflüsse auf mich einwirken. Meine politische Vorbildung reicht eben nicht aus, wegen meiner Fernhaltung von den Geschäften. Das werden Sie geradeso gut einsehen wie ich mein Unrecht.«

»Ich werde mich bemühen, Königliche Hoheit, Sie stets zu dem Staatsrat heranzuziehen und auf dem Laufenden zu erhalten. Wenigstens werde ich in diesem Sinne bei Seiner Majestät vorstellig werden.«

»Ich danke Ihnen. Kein Mißtrauen mehr!« Er schüttelte ihm die Hand. –

Eine angenehme Amerikanerin aus den Nordstaaten, mit der er eine Badebekanntschaft schloß, sprach eifrig auf ihn ein bezüglich der Nachrichten vom amerikanischen Kriegstheater: »Lassen Sie sich nicht betören! Die Leute glauben hier allgemein, die Konföderierten seien sozusagen staatstreue Konservative, die sich gegen eine Revolution zur Wehr setzen. Das Umgekehrte ist wahr. Es sind Rebellen, die sich unserer rechtmäßigen Regierung nicht fügen wollen. Unser Bürgerkrieg hat keinen anderen Zweck, als was Ihre Landsleute die Einheit nennen.«

»Nur daß bei uns die Sezession viel älteren Datums ist und sich im Rechte glaubt.«

»Nun, dann passen Sie auf: man wird Sie geradeso wie uns revolutionär nennen. Die Negersklaverei ist übrigens ein sehr altes Unrecht und gilt auch als von Gottes Gnaden.«

»Wie unsere Kleinstaaten von Rheinbunds Gnaden. Ich zweifle nicht, daß Ihre Auffassung zutrifft, ich selbst hatte sie schon früher. Also werden wir bestimmt nicht die Partei der Sezessionisten nehmen, die Ihnen einen amerikanischen Einheitsstaat verkümmern wollen.«

»Wirklich nicht? Das wäre prächtig. Sie wissen, England und Frankreich begünstigen die Südstaaten.«

»Aus guten Gründen, die aber nicht die unseren sind. Ich hoffe, Seine Majestät zu bewegen, daß wir die Konföderierten als kriegführende Macht nicht anerkennen und ganz für die Union optieren.«

»Das wird Ihnen die Union nie vergessen. So lieblich von Ihnen! All Ihre Landsleute in Amerika fechten unterm Sternenbanner.«

»Das beachte ich natürlich sehr. Die Deutsch-Amerikaner sind meist Feinde der deutschen Dynastien, aber sie sollen inne werden, daß ihr altes Vaterland zu Ehren kommen wird. Wir wollen das Band mit ihnen nicht zerschneiden.« –

Ende August machte sich der König nach Baden-Baden auf und besuchte zunächst in Nymphenburg die Königin von Bayern, da König Max schon zum Frankfurter Fürstenkongreß vorausreiste. An der Galatafel saß der Königin ihr Sohn, Kronprinz Ludwig, gegenüber, und hatte den preußischen Staatsmann als Nachbarn. Der lang aufgeschossene bleiche Jüngling fiel auf durch eine romantische Schönheit der mit dichten Locken umrahmten Stirn und feingeschnittenen Züge. Dagegen trugen seine eigentümlichen dunkeln Augen, obschon schwärmerisch und glänzend, einen seltsamen Ausdruck, den man nicht recht entziffern konnte. Auch die Form dieser Augen entzog sich einer genauen Bezeichnung, sie waren mandelförmig, also mehr orientalisch, aber nicht geschlitzt, und hatten etwas Schielendes. Bei seiner Verwandtin, der Kaiserin von Österreich, trat entschiedene Ähnlichkeit mit ihm nicht nur in den stolzen, anmutigen Gesichtszügen, sondern auch in den Augen hervor. Otto wußte nicht recht, was er aus diesem Gesicht und überhaupt dem Wesen des jungen Fürsten machen sollte. Dieser richtete an ihn freundlich, aber nachlässig die üblichen Fragen, und ein Tischgespräch wollte nicht in Gang kommen. Es belebte sich erst, nachdem der Kronprinz heftig dem Champagner zusprach und mehrmals ungeduldig sein Glas nach rückwärts hielt, wenn es nicht schnell genug gefüllt wurde.

»Sie kommen aus den österreichischen Bergen? Sie sollten einmal die bayerischen kennen lernen. Wunderbar! Der Königssee, märchenhaft!« Bei all solchen dithyrambischen Hyperbeln leuchteten die seltsamen Augen in sehnsüchtigem Glanz. »Lieben Sie Musik?«

»Leidenschaftlich.«

»Und ich! Mein großer Vorfahre Ludwig I. bevorzugte die bildenden Künste. Ich weniger, nur die Architektur zieht mich an. Man nennt sie ja gefrorene Musik. Kennen Sie Versailles?«

»Ziemlich gut. Ich hatte die Ehre, dort zuerst dem Kaiser Napoleon vorgestellt zu werden.«

»Ja, Napoleon III.!« Der schöne weichliche Mund krümmte sich. »So ähnlich seinem Onkel wie ich dem Herkules! Sie verstehen das angepaßte Zitat?«

»Aus Hamlet. Eure Königliche Hoheit unterschätzen vielleicht den jetzigen Träger des großen Namens.« »Mag sein. Aber er ist doch so ... so wurzellos, ein Mensch ohne jede Herkunft. Als Wittelsbacher legt man auf solche Dinge Wert. Mein Ideal ist der Roi-Soleil, Ludwig der Große. Bewundern Sie ihn auch?«

»Er war geschickt in Wahl seiner Handlanger«, gab Otto zögernd seine Meinung ab. »Den Beinamen ›der Große‹ kassierte die Nachwelt.«

»Weil die Kanaille alles Große haßt.« Der Jüngling kniff die schönen Augen ein, sie sahen so ganz schief aus, bekamen etwas Grausam-Lüsternes. »Die römischen Cäsaren wußten, wie man mit ihr umzuspringen hat.« Er schaute in jeder Pause des Gesprächs über seine Mutter, die Königin, zur Decke empor, als weilten seine Gedanken gottweißwo. Wie aus einem Traume erwachend, fügte er wildfremd mit veränderter Stimme, ganz im schleppenden Ton eines prinzlichen Hofgesprächs hinzu: »Exzellenz tragen da viele schöne Orden. – Wie alt sind Sie? – Schon 48? Ich wollte sagen: erst! Sie haben sich einen bedeutenden Ruf erworben. – Sanssouci soll sehr hübsch sein. Gefällt Ihnen Nymphenburg? – Ja, es ist passabel. Doch denke ich an viel großartigere Bauten, die mir vorschweben. – Sie tranken wohl besseren Champagner in Frankreich? Unser Bier ist mit Recht berühmt.« Mit solchen Brocken glaubte er seiner Pflicht genügt zu haben.

Nachdem er noch die Floskel zusetzte: »Ihr Souverän, mein hochverehrter Oheim, sieht vorzüglich aus«, drehte er Otto halb die Schulter zu und bezeugte deutlich seine Langeweile. Fortwährend sah er zur Decke, den Flügen seiner Einbildungskraft hingegeben, die ihm bezaubernde Bilder von griechischen Göttern vormalten. – –

König Wilhelm machte nochmals Station unterwegs bei seiner Schwägerin, der Königinwitwe in Wildbad. Diese begeisterte sich für den Fürstentag und beschwor den Minister, dies öffentliche Zeugnis fürstlicher Solidarität zu fördern. Otto hörte ruhig zu und erwiderte dann trocken: »Entschließt sich der König zu solchem Schritt, so werde ich natürlich in Frankfurt seine Anordnungen ausführen, aber als Minister kehre ich dann nicht nach Berlin zurück.«

Königin Elisabeth entsetzte sich. »Wie, Sie wollen Ihren Abschied nehmen? Sie, unsere beste Stütze im Kampf wider den Umsturz?«

»Sehr gnädig von Eurer Majestät, mir das zuzusprechen. Mein Ehrgefühl als Preuße verbietet mir, einen Plan zu unterstützen, der uns für lange ruinieren würde. Wir würden dann eben bleiben, was und wo wir sind, und uns selber das Tor für schönere Aussichten verschließen.«

»Wenn das so ist –! Ich habe unbedingtes Vertrauen zu Ihnen. Sie beruhigen mich so, daß ich fortan kein Wort mehr zugunsten des Fürstentages vor Seiner Majestät äußern werde.« Auf der Fahrt von Wildbad nach Baden überzeugte er endlich den König.

»Erkennen Eure Majestät denn nicht die Geringschätzung in diesem förmlichen Überfall? Der Kaiser ladet Sie kurzerhand ein wie einen letzten überzähligen Gast, nachdem schon alle anderen Fürsten verständigt. Sie durften wahrlich verlangen, daß Sie zuerst angegangen wurden. Das ist schon keine Einladung mehr, das ist nur eine Ladung eines alten Deutschen Kaisers an einen Vasallenherzog.«

Dem König stieg die Röte ins Gesicht. »Das ist wahr, in diesem Lichte sah ich es nicht. Übrigens säßen wir ja wieder zwischen zwei Stühlen. Der Zar schrieb mir eigenhändig, er wolle Österreich den Krieg erklären und rechne auf meinen Beistand.«

»Unnötig, denn die ganze Polenaktion wird im Sande verlaufen.«

»Auch nach der letzten Drohnote vom 1. August seitens der Westmächte?«

»Rückzugskanonade. Sie werden Österreich allein lassen, sobald es ernst wird. England will keinen neuen Krimkrieg, hatte an damaligen Opfern genug, Napoleon hat kein Interesse daran, Österreich zu stärken, dem er ja doch noch Venetien abnehmen möchte. Keinesfalls dürfen sich aber die Dinge von 1854 und 1859 wiederholen, wo Preußen dastand wie der Esel zwischen zwei Heubündeln, ungewiß, wohin er sich schlagen sollte. Rußland darf nie wieder an unserer Freundschaft irre werden. Gewiß wollen wir uns nicht für die polnische Frage schlagen, aber wir müssen uns wenigstens anstellen, als wollten wir es, denn wir werden, wie gesagt, gar nicht in der Notwendigkeit sein.«

Der König versank in Nachdenken. »Und Österreichs Freundschaft halten Sie für wertlos?«

»Durchaus nicht, es wird unser natürlicher Verbündeter sein, sobald es mal auf Hegemonie in Deutschland verzichtet. Fürs erste aber haben wir von ihm nichts zu hoffen, alles zu fürchten und eventuell viel zu holen. Von Rußland haben wir für die deutsche Frage alles zu hoffen, nichts zu fürchten und von ihm im Kriegsfalle nichts zu holen. Es liegt also auf der Hand, where our bread is buttered, wo unser Vorteil liegt.«

»Nun gut, ich werde nicht nach Frankfurt gehen.«

Doch in Baden lauerte neue Überraschung. Der ehrwürdige König von Sachsen, der als Dante-Übersetzer gepriesene Johann der Weise, der Senior des deutschen Fürstenstandes, erschien in Person mit Vollmacht von 33 Dynasten, um den Hohenzollern im Triumph nach Frankfurt zu entführen. Beust begleitete ihn und suchte seinen preußischen Kollegen hastig auf, während die beiden hohen Herren sich besprachen. Er fand Otto beim Abendessen, der ihn höflich bat, teilzunehmen.

»Ach, dies ist das Stephanienbad, wo 1806 der Kaiser Napoleon abstieg, als er ein wenig Rheinbund auffrischte und die süddeutschen Herrschaften um sich versammelte«, begann Beust unverfänglich. Das sollte natürlich tiefere Beziehung haben und die angebliche Bundesreform des Fürstentages in nationalem Lichte erstrahlen lassen, als schwebe dabei Vereinigung der Deutschen gegen ausländische Übergriffe vor. Otto wischte sich den Mund, warf die Serviette hin und sagte trocken:

»Sie kommen, um uns ins Verderben zu stürzen. Gelingt Ihnen nicht.«

Beust machte eine theatralische Bewegung hochherziger Verneinung. »Ich stehe sprachlos und begreife Sie nicht. Ach, vielleicht fürchten Sie, die Gesundheit Seiner Majestät des Königs von Preußen, der nach zwei ernsten Kuren der Ruhe bedarf, werde gefährdet? Nichts einfacher als das, der König begebe sich morgen nach Frankfurt, höflich begrüßt und begrüßend, und gebe die Erklärung ab, er werde sich an den Beratungen beteiligen, müsse jedoch einige Wochen um Aufschub bitten. Dann geht der Kongreß so lange in Ferien.«

»Möglich, aber nicht sicher. Ebenso möglich, daß er ohne den König die Beratungen beginnt. Und die Hauptsache bleibt immer, daß er dann prinzipiell seine Einwilligung gegeben hätte. Dies mit allen Kräften zu verhindern, ist meine Absicht.«

»Wie soll ich mich nur bemühen, Ihren Argwohn zu zerstreuen! Sie schenkten mir doch bisher Vertrauen.«

Barsch unterbrach den öligen Hofmann sein unheimliches Gegenüber: »So? Wenn das so ist, so hab' ich Vertrauen überhaupt nicht mehr seit Ihrer Rede beim Leipziger Turnfest.«

Beust tat, als fiele er aus den Wolken. »Wie?« Weil ich von Deutschlands Einheit sprach?«

Der Preuße lächelte spöttisch. »Mit der Ihnen angeborenen schwungvollen Beredsamkeit. Aber, genau gesprochen, sprachen Sie von Einheit der edlen deutschen Fürsten, die ein großes Werk vorhätten, um die Wünsche der Nation zu befriedigen. Woraus ziemlich sicher hervorgeht, daß Sie das Frankfurter Projekt schon kannten, als ich Sie in Dresden besuchte, vielleicht kannten Sie es sogar früher als irgendwer, doch verschwiegen es mir mit löblicher Vorsicht.«

»Es lagen Andeutungen vor, es waren Anbahnungen im Gange, doch nichts Gewisses«, log Beust etwas verlegen. Konnte man denn wissen, ob dieser schändliche Mensch nicht alle Intrigen haarklein kannte und man sich durch krasses Lügen bloß in die Tinte setzte?

»Ja, die Nation erfuhr, welch deutsches Herz in Ihrem Busen schlägt. Hoffentlich denken alle Mittelstaaten so opferfreudig wie Sachsen ... ich meine natürlich gemäß Ihrer schönen Rede.« Das war des Pudels Kern: Preußen den Wind aus den Segeln nehmen und sich anstellen, als könnten die Kleinstaaten, aus eigener Machtvollkommenheit, was Preußen nicht wolle und könne. »Gehen Sie doch! Sie machen Ihre Freunde irre. In Preußen schwor auf Sie bisher Edwin Manteuffel. Als der Ihre Rede las, bekam er die Gelbsucht und legte sich zu Bett mit dem Wehruf: Wie man sich in einem Mensch täuschen kann!«

»Sie machen sich über mich lustig!« rief Beust ärgerlich. »Ich kenne ja Ihre Gewohnheit, selbst bei ernster Verzürnung zu scherzen. Wann werde ich Ihren offiziellen Bescheid erhalten?«

»Sofort.« Otto stand auf und reckte sich. »Ich gehe zum König und werde Ihnen die Antwort bringen. Mein hoher Herr ist sehr verdrießlich. Wissen Sie, was er sagt?«

»Ich bin ganz Ohr.« Und wenn er tausend Ohren hätte, sie hörten alle, sagt Shakespeare; so dachte Otto ironisch, als er Beusts zappelnde Aufregung beobachtete.

»Nun, er sagt: hätte man mir doch meinen Schwiegersohn geschickt, dem Großherzog von Baden hätte ich gehörig den Kopf gewaschen! Aber dem ehrwürdigen König von Sachsen, wie fatal!« –

Er fand den König erregt und wieder unschlüssig. »Dreiunddreißig regierende Herren und ein König als Kurier! Es ist doch eine gewisse ehrende Rücksicht darin, daß man mich persönlich in dieser Weise ladet!«

»Eine Rücksicht, nachdem man über den Kopf des Königs von Preußen weg die ganze Windbeutelei beschloß und inszenierte? Stellt man nicht Eure Majestät einfach vor ein fait accompli?«

»Das empfinde ich so gut wie Sie. Doch es gibt gewisse Vorstellungen, die nur ein Regierender würdigt. Dreiunddreißig Souveräne und ein König als Kurier! Es wird eine glänzende Versammlung geben.«

»Das gönnen wir ihnen von Herzen. Der dunkle Punkt darin, unsere Abwesenheit, wird allein alle Augen auf sich ziehen.«

Der König seufzte. Es fiel ihm schwer, so offen mit all seinen Herren Vettern zu brechen.

»Glauben Sie wirklich an Separatbündnisse?«

»Dies ist das wahre Ziel des Kaiserlichen Kabinetts, es wünscht gar nicht, daß wir uns am gemeinsamen Werk beteiligen, es will nur die Mittelstaaten unter einen Hut bringen, den Hut mit dem Doppeladler.«

»Wenn ich das sicher wüßte,« brauste der König auf, »dann besänne ich mich nicht lange.«

»Auffälliger kann doch nichts sein, als gleich die erste Notifizierung vom 3. August: falls Preußen sich nicht anschließe, d.h. Gefolgschaft verweigere, werde Österreich für sich ein eigenes Abkommen mit den deutschen Staaten verwirklichen.«

»Sie haben recht. Ich sehe jetzt klar.«

»Eure Majestät stehen vor einer großen Verantwortung.« Ottos Stimme klang heiser vor Erregung. »Die Bedürfnisse des preußischen sind die des deutschen Volkes, gleich und unzertrennlich. Wo das deutsche Volk in seiner wahren Bedeutung sich geltend macht, da braucht Preußen nichts zu befürchten. Man will Eure Majestät in eine abschüssige Bahn hineinziehen, wo Preußen und Deutschland gemeinsam die schiefe Ebene hinabrollen.«

»Das soll man von mir nicht sagen dürfen, daß ich Deutschland an Österreich überlieferte. Das wäre, wie Sie schon früher bemerkten, Verrat an der vaterländischen Sache.« Der König stand hochaufgerichtet, nach seiner Gewohnheit die Hand am mittleren Knopfloch der Uniform. »Sie haben gesiegt. Ich danke Ihnen, daß Sie mir den rechten Weg wiesen. Geben Sie das Schriftstück her!«

Erst in vorgerückter Nachtstunde unterschrieb er die Absage, die sein Minister eiligst an den bei Kerzenlicht wartenden Beust überbrachte. Otto befand sich in solcher innerer Erregung, daß er sich kaum auf den Beinen erhalten konnte, und indem er durch das Adjutantenvorzimmer hinausschritt, bleib ihm die Türklinke in der Hand unter seinem krampfhaften Griff.

»Da haben Sie!« warf er das Aktenstück brüsk vor Beust auf den Tisch. »Gott im Himmel sei Dank, daß wir Ihren Schlichen entrannen!«

»Ich bitte, sich zu mäßigen.«

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Ein offener Feind ist mir lieber als ein falscher Freund. Und bitte uns mit weiterer Belästigung zu verschonen! Dieser 19. August ist denkwürdig. Gute Nacht!«

Seine krankhafte Erschöpfung der Nerven hielt noch lange vor, er floh die Geselligkeit, wo er nach so vielen anderen politisierenden Damen nun auch den Russinnen in die Hände fiel. Er mußte sich zusammennehmen, um nicht grob zu werden. Der Gesandte Goltz erschien mit gewohnter Wichtigtuerei, reiste nach Paris zurück und versicherte, er sei »mit Cäsar ein Herz und eine Seele«. Wie Otto voraussah, ließ Napoleon sofort Österreich fallen, sobald er vom Fürstentag Wind bekam, den er als einen Einbruch in seine eigenen Waidgründe künftiger Rheinbündelei betrachtete. Die Polen sangen umsonst: Noch ist Polen nicht verloren. Und die Deutschen lasen mit Staunen, daß die berühmte Reformakte in Frankfurt durch Selbstausschließung Preußens aus dem Bunde beantwortet sei. Aus Berlin, wohin König und Minister zurückreisten, ergingen die revolutionärsten Forderungen: wirkliches deutsches Volksparlament mit direkten Wahlen. Den deutschen Souveränen liege ob, über das, was sie darböten, die Nation selbst urteilen zu lassen, z.B. durch verfassungsmäßige Einwilligung der Landtage jedes einzelnen Staates. So parierte Otto mit einem wuchtigen Gegenhieb, der das ganze Komplott entwaffnete. »Er wird immer verrückter!« jammerte Gerlach. »Das ist ja die proklamierte Demagogie!« Verständige Demokratie unter monarchischer Führung.

»Der falsche Satan!« schimpfte Prokesch in Gegenwart des Kaisers. Der aber versetzte zurechtweisend: »Hätt' ich ihn nur!«

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