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Bismarck - Ein Weltroman - Band 2

Karl Bleibtreu: Bismarck - Ein Weltroman - Band 2 - Kapitel 11
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Ein Weltroman ? Band 2
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva«
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
correctorreuters@abc.de
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Der König trat ihm ernst entgegen. Seine frühere Abgespanntheit wich einer schmerzlichen Würde, seine Haltung hatte an Straffheit gewonnen. Nach kurzer Besprechung der Lage sagte er mit fester Stimme: »Wenn ich nicht so regieren kann, wie es sich mit meiner Verantwortung vor Gott und meinem Gewissen verträgt, so will ich es überhaupt nicht. Nimmermehr regiere ich bloß nach dem Willen der Kammermajorität, und ich finde keine Minister, die zum Widerstand bereit sind. Mein bisheriges Ministerium, ob Hohenzollern, ob Hohenlohe, ob Auerswald, ob Schwerin, ob Schleinitz, ob v. d. Heydt, will mich und sich vor dem Parlament beugen. Das erdulde ich nicht und deshalb – nun, Sie gingen ja auch gleich zum Kronprinzen, um mit ihm den Fall zu besprechen.«

»Eure Majestät geruhen, mich in einem irrigen Verdacht zu haben.« Otto ahnte schon. »Ich ging nicht, ich wurde befohlen. Auch habe ich nichts besprochen, weil ich mich dazu nicht berechtigt hielt vor Rücksprache mit Eurer Majestät. Ich sah gar kein Bedürfnis, mit Seiner Hoheit zu konferieren.«

Der König schien angenehm erstaunt. »Ich hatte vorausgesetzt, Sie wüßten – oder vermuteten wenigstens – und möchten sich deshalb meinem Nachfolger nähern.«

»Nachfolger? Majestät!«

Es war ein Schreckensruf aus gepreßtem Herzen. Das tat dem König wohl. Er stemmte die Hand auf einen Marmortisch und nahm eine militärische Haltung an. »Ich trage mich mit dem Gedanken, mein von Gott verliehenes Amt niederzulegen, mit einem Wort, zu abdizieren.« Er wies auf ein vor ihm liegendes Handschreiben in Aktenform. »Das ist die Abdankungsurkunde, motiviert aus der unhaltbaren Lage.«

»Majestät! Das wäre der Todesstoß für Preußen, das größte Unheil, das uns treffen könnte. Und da Sie nach Ministern suchen, die den Kampf aufnehmen, ich bin ja da, und Roon dazu, wir beide werden das Kabinett schon vervollständigen.«

»Mannhaft gesprochen. Und Sie wollen für die Militärreorganisation fechten?«

»Bis zum äußersten.«

»Auch gegen alle Majoritätsbeschlüsse? Ja? Nun gut, dann ist es meine Regentenpflicht, mit Ihnen den Kampf fortzuführen.« Er fügte mit ruhiger, fester Stimme hinzu: »Ich abdiziere nicht.« Otto atmete auf. »Begleiten Sie mich zu einem Spaziergang in den Park, ich werde Ihnen etwas zeigen.«

An einer abgelegenen Stelle des Babelsberger Parks zog er ein Konvolut hervor, das acht Seiten Manuskript umfaßte. Otto erkannte die enggedrängte Handschrift des Königs. Er las. Es war ein ausführliches Regierungsprogramm von entschieden liberaler Schattierung, mit deutlicher Spitze gegen reaktionäre Bestrebungen. »Nun, was sagen Sie dazu?«

»Ich finde darin einen Hauch von –« er wollte sagen: Ihrer Majestät der Königin, sagte aber rasch: »Kompromißpolitik.«

»Ohne Kompromisse wird es nicht abgehen. Konservative Durchgänger kann ich nicht brauchen.« Das ging auf seinen neuen Erwählten.

»Es handelt sich nicht mehr um Konservativ und Liberal, sondern um Königtum oder Parlamentswillkür. Letztere muß allezeit und in allen Fällen abgewehrt werden, sei es auch mit militärischer Diktatur.«

Der König erwärmte sich zusehends. »Das sind kräftige Worte, und Sie sind der Mann, danach zu handeln. In allem werden wir aber wohl kaum zusammengehen.«

»Da werde ich ehrerbietig meine abweichende Meinung ausdrücken, aber tun, wie Eure Majestät befehlen. In dieser Lage habe ich keinen anderen Willen als den, mit dem Könige lieber unterzugehen, als ihn im Stich zu lassen.« Beide hochgewachsenen Herren sahen sich an. Aus dem weisen, ruhigen Blick des Königs sprach gerührte Anerkennung, aus den sonst so harten und scharfen Augen Ottos eine so aufrichtige Anhänglichkeit wie aus Hundsaugen. Die Persönlichkeit dieses durch und durch vornehmen und männlichen Herrschergreises flößte allen, die ihn näher kannten, solche unmodernen Stimmungen ritterlicher Hingebung ein.

»Halt, Majestät!« König Wilhelm hatte das Schriftstück zerrissen und wollte es soeben von der Brücke in eine trockene Schlucht hinabwerfen. »Papierstücke mit so bekannter Handschrift würden sicher Liebhaber finden.« Der König nickte und steckte das Manuskript ein. »Ich werde sie meinem Kamin anvertrauen. Heut vollziehe ich die Unterschrift zu Ihrer Ernennung.«

*

Der sich in Frankreich wie ein wurzel- und heimatlos verbannter Flüchtling vorkam, vor widerwärtigen Möglichkeiten Reißaus nehmend, trug also jetzt die Verantwortung für Preußens Leitung. Die Allerhöchste Kabinettsorder lag veröffentlicht vor: »Nachdem Prinz Adolf Hohenlohe-Ingolfingen auf sein wiederholtes Gesuch von dem Vorsitz im Staatsministerium entbunden, habe Ich den Wirklichen Geheimen Rat v. Bismarck-Schönhausen zum Staatsminister ernannt und ihm den interimistischen Vorsitz des Ministeriums übertragen. Wilhelm. 23. September 1862.«

Otto blickte auf das ihm eingehändigte Original. Wird das nun ein denkwürdiges Aktenstück sein, oder werde ich auch nur als Eintagsfliege über die Bühne huschen? So weit hätten sie mir! sagt der Berliner. Man hat mir ein Netz gelegt und mich eingefangen. Den Irrstern haben sie verankert als Planeten, doch er wird wohl immer nur ein »Trabant« bleiben.

»Ich bin gespannt auf den ersten Zusammenstoß«, äußerte Roon. »Sie schwanken wirklich in jedermanns Vorstellung, von der Parteien Haß und Gunst verzerrt.«

»Gunst? Gibt's nicht. Am Hof hält man mich ebenso jeder Ketzerei für fähig wie bei allen Parteien.«.

»Man hat Sie sogar bei Majestät als verkappten roten Demokraten angeschwärzt«, lächelte Roon verlegen. »Das klingt so unglaubhaft, daß der König lachte. Doch man kolportiert arge Ausfälle von Ihnen gegen die anderen deutschen Souveräne.«

»Werde mich gerade genieren. Meine alten Freunde Moritz und Hans lassen in ihrer Partei nichts auf mich kommen, sonst aber bin ich in solennem Bierverschiß, wie wir Studenten zu sagen pflegten. Gestehen Sie's nur zu, Ihre Herren von der Kreuzzeitung möchten mich erst für Zustandekommen der Heeresreform benutzen und dann beseitigen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und kann dann gehen, heraus mit der Sprache, ist's nicht so?«

»Einige meinen, Sie würden uns mit Österreich in Krieg verwickeln, bloß dafür seien Sie so militärfromm.«

Otto lächelte spöttisch. Die Kurzsichtigen erkannten nicht, daß sein Durchsetzen der Heeresreform seine Unentbehrlichkeit beweisen und somit seine Stellung gegen alle frommen Wünsche befestigen mußte. Doch dies Durchsetzen mußte eben erst abgetrotzt werden.

Der neue Ministerpräsident hatte keine gute Presse. »Der burschikose Junker«, »hohle Renommist«, »Stadtvertilger«, »Napoleonvergötterer« erschien im Lager der Fortschrittspartei als eine Art Vogelscheuche, und die Altliberalen machten es nicht besser. Otto las mit Humor solche Ergüsse: »Er wird nicht davor zurückschrecken, ohne Budget zu regieren, und sich einer abenteuerlichen Großmachtpolitik in die Arme zu werfen.« Du ahnungsvoller Engel du! Und was orakelt die liebe Tante am Rhein, die Kölnische? »Das Volk weiß, daß Herr v. Bismarck äußere Verwickelungen nur herbeiwünscht, um die inneren zur Ruhe oder doch zum Schweigen zu bringen.« Dieser Engel ist entschieden ahnungslos, herrje, die Augsburger Allgemeine, meine besondere Gönnerin, Klassikerverlag Cotta, schwarz-gelber Einband. Was sagt ihr Beobachter an der Spree? Er schmeichelt nicht, doch wird am Schlusse erhaben: »Nach seinen Taten soll er gerichtet werden.« Topp! Darauf lassen wir's ankommen. Die Tante Voß ist giftig, die Spenersche Zeitung staatsmännisch: »Mit merkwürdiger Einmütigkeit wird dem neuen Ministerpräsidenten in der liberalen Presse ans Herz gelegt, sich mindestens aller abenteuerlichen Kreuz- und Querzüge in der auswärtigen Politik zu enthalten. Schon ein Blick auf seine Kollegen wird ihm wohl dartun, daß für geniale Kombinationen jetzt nicht die Zeit ist.« Das kommt von der Seite Unruh her.

Otto schob den Pack Zeitungen beiseite und dachte bitter: Ein Blick auf meine Kollegen! Das war boshaft. Also den wortreichen Rechthaber Jagow für das Innere werde ich durch Fritz Eulenburg ersetzen. Itzenplitz geht vom Landwirtschafts- zum Handelsministerium über. V. d. Heydt ist fällig, muß in der Finanz durch Karl Bodelschwingh ersetzt werden. Graf zur Lippe Justiz, Wühler Kultus, Selchow Landwirtschaft sind freilich noch weniger Überflieger. Im ganzen ist's eine ziemliche Falstaffkompagnie von ausgemusterten Rekruten. Doch solange Roon mir bleibt, will ich's schon wagen.

Er dachte daran, wie er Roon zuerst bei dessen Neffen Moritz Blanckenburg wirklich kennen lernte, ihn aber früher schon als Knabe in Kniephof oft gesehen hatte, wo Roon behufs topographischer Aufnahmen und geometrischer Messungen wiederholt einkehrte. Dabei lief der Knabe Otto um ihn herum, sein kleines Schießgewehr schulternd, was den gelehrten Militär amüsierte. Bei ihrer Zusammenkunft als Männer erinnerte sich Roon daran und bewahrte dem viel Jüngeren und damals Unbekannten eine freundliche Zuneigung. Nun hatte das Schicksal sie nahe zusammengeführt.

Albrecht v. Roon war in seiner Weise ein bedeutender Mann und verstand das Kriegshandwerk im großen und kleinen aus dem Grunde. Seine wissenschaftliche Bildung auf bestimmten Gebieten verband Gründlichkeit mit eigener Einsicht, darüber hinaus ging freilich seine geistige Anschauung nicht. Von der poetisch-künstlerischen Seite des Genialen trennte ihn eine Welt, von philosophisch-humanistischer Durchbildung fehlte ihm trotz seiner Gelehrsamkeit jede Spur, seine naiv bärbeißige Religiosität wuchs auf gleichem Stengel wie die geistlose, dürre Bigotterie eines Moritz Blanckenburg und Kleist-Retzow. Für Politik besaß er genau das Verständnis, wie es einem begabten Militär entspricht, der im Äußeren oder Inneren das Staatswesen nur als Machtfrage behandelt. Scharfblickend, scharfdenkend, besonnen und klar, hatte er sogar schöpferische Triebe, soweit es sich um innere Heeresfragen drehte. Er war das Ideal eines Kriegsministers und übertraf den französischen Kriegsminister Niel, der gleichfalls Reformen erstrebte, bei weitem. Ein ausgezeichneter, schlagfertiger Redner, machte er seine schwertscharfe und manchmal böse Zunge bei den liberalen Dauerrednern gefürchtet. Nur blieb dieser entschieden geistvolle Mann ganz im Bannkreis des Offiziertums, entwand sich nicht mal der Geringschätzung des Militärs für Zivilisten. Heimlich gedacht, fing ihm der Mensch beim Offizier an.

Hier zeigte sich, daß eine einseitig wissenschaftliche Fachbildung gar nicht genügt, einen Menschen innerlich durchzubilden. Ein solcher Spezialismus bleibt dürr und unfruchtbar, weil nur den Verstand, und zwar nur nach bestimmter Richtung, erziehend. Als Charakter hatte er alle guten Eigenschaften eines altpreußischen Offiziers: Ehrgefühl, Pflicht- und Königtreue, auch Treue im höheren Sinne, ehrenfeste Lauterkeit in allen materiellen Angelegenheiten, untadelige Reinlichkeit im Privatleben. Nur hatte er sich als militärischer Vorgesetzter einen Jähzorn angelernt, der keinen Widerspruch von Schwächeren vertrug. Dem König trat er mit männlichem Freimut gegenüber, obschon dieser ihm als der Gesalbte des Herrn galt. Mit seinem größeren Genossen und Leiter verkehrte er treu und herzlich, ihm in großen Fragen willig Untertan. Das ehrt sowohl seinen Verstand als sein Gemüt. Das intuitive Verständnis des Königs für die dämonische, ihm selbst so fremde Genialität hat Roon aber wohl kaum gelernt. Seine Verdienste um den Staat rechtfertigen indessen, daß er als geschichtliche Figur in die Unsterblichkeit einging. Jedenfalls hatte es etwas krampfhaft Zwerchfellerschütterndes, die Fortschrittspartei gegen öden, blöden Militarismus, geistige und sittliche Minderwertigkeit des Offizierstandes deklamieren zu hören, während just der Vertreter der Armee, der diesen braven Deklamatoren handgreiflich im Landtag gegenüberstand, an scharfem Geist und in gewissem Sinne auch an Charakter sie alle weit überragte. Er sprach und schrieb ein viel besseres Deutsch als diese von »Bildung« platzenden Professoren, Juristen und Berufsparlamentarier samt ihrer geschwollenen Presse. –

»Ich habe dem Hohen Hause im Allerhöchsten Auftrage eine Botschaft zu übermitteln.« Der neue Premier, von seiner durch ein Gitter vom sonstigen Abgeordnetensaal abgesperrten Ministerbank sich in ganzer Länge erhebend, verkündete die Zurückziehung des Staatshaushalts für 1863, mit andern Worten, das interimistische Verfügen über alle Steuern und Einnahmen ohne verfassungsmäßige Genehmigung der Kammer. Er motivierte dies in der höflichsten Form, die aber wegen der klaren Festigkeit des Inhalts um so mehr bei den Unentwegten Ärgernis erregte. Am folgenden Tage erschien er in der Budgetkommission und verhandelte in der aufgeknöpftesten, ungeniertesten Manier einer Staatsmannschaft in Hemdärmeln. Dem neben ihm sitzenden Vizepräsidenten der Kammer, v. Bockum-Dolffs, reichte er plötzlich einen Olivenzweig hin, den er aus seiner Brieftasche zog: »Den pflückte ich in Avignon, um ihn der Fortschrittspartei als Friedenszeichen anzubieten. Jetzt sehe ich leider, daß die Zeit dazu noch nicht kam.«

Er sah nur in ärgerliche und erregte Gesichter. Die schöne Geste mit dem Ölzweig machte sich gut, ob schon er ihn weder selbst gepflückt hatte, noch gar für die Volkspartei. Jetzt legte er aber vertraulich los:

»Meine Herren, der Konflikt wird zu tragisch aufgefaßt, und die Presse tut ein übriges, ihn tragisch aufzubauschen. Die Regierung wünscht keinen Kampf. Sie böte gern die Hand dazu, die Krise auszugleichen, wenn es mit Ehren geschehen kann. Wir müssen uns gegenseitig goldene Brücken bauen. Solche kleinen Verfassungsstreitigkeiten müssen mit allseitiger Schonung behandelt werden.«

»Es handelt sich um das wichtigste Recht der Landesvertretung«, fiel Professor Virchow mit hoher, krähender Stimme ein.

»Und um das wichtigste Recht der Krone. Der betreffende Artikel 99 der Verfassung spricht nur von vorgängiger Veranschlagung des Etats, nicht von Feststellung. Das Wort Budgetbewilligung kommt überhaupt nicht vor, von dem Sie so reichlich Gebrauch machen. Ich darf Sie wohl auf die Praxis der letzten zwölf Jahre hinweisen.«

»Sie über preußisches Verfassungsrecht zu hören, Herr Minister, ist wirklich belehrend«, begann Waldeck. »Der Artikel besagt ganz klar, daß Einnahmen und Ausgaben des Staates im voraus veranschlagt und auf den Etat gebracht werden müssen, und dieser Etat sei jährlich durch ein Gesetz festzustellen. Das war bisher allen gesunden Menschen, Ministern wie Abgeordneten so unzweideutig klar, daß alle darin eine unantastbare Bürgschaft für das Recht der Landesvertretung fanden auf jährliche vorgängige Festlegung des Etats.«

»Da mußte ich Sie eben eines Bessern belehren.« Otto lächelte verbindlich. Wie sagt doch Kleists Hermann? Was kann er sagen, was ich nicht schon weiß! Im gedrängt-vollen Sitzungszimmer wehte eine ziemlich gewitterschwangere Luft, was ihn aber wenig bedrückte.

»Sie vindizieren der Krone Rechte, die ihr nicht zukommen, die nicht in der Verfassung stehen«, belehrte ihn der Historiker Professor Sybel. »Das ist eine verwegene Interpretation, Herr Minister. Und dann reden Sie von gegenseitiger Schonung!«

»Das tue ich.« Und er sprudelte los, fließend, obwohl stoßweise und abgebrochen: »Die große individuelle Unabhängigkeit des deutschen Charakters macht es schwer, mit einer Verfassung zu regieren. Für die Franzosen paßt dies, weil sie überhaupt keine Individualität haben und lauter Schablonenmenschen sind. Despotismus oder Verfassungsschema, sie schlucken alles runter. Wir stehen gottlob höher, bei uns gedeiht nichts Hammelherdenhaftes. Doch ebensowenig wie wir einen Despotismus dulden, ebensowenig können wir uns auf das Prokrustesbett einer Verfassung schnallen, wo alles über einen Leisten geschlagen wird. Davon müssen wir uns deraillieren. Wir sind zu hoch gebildet und deshalb zu kritisch. Die öffentliche Meinung wechselt, die Presse hat nur ein fiktives Mandat und vertritt keineswegs die allgemeine Meinung. Sie werden wohl selber wissen, was die Presse ist. Wir haben zu viel Leute, die ihren Beruf verfehlten, zu viel katilinarische Existenzen, die ein Interesse an sozialen Umwälzungen haben. Aber eine starke Regierung darf so etwas nicht indulgieren, in solche Kakophonie blasen wir mit Pauken und Trompeten hinein, mit dem guten alten preußischen Avanciermarsch.«

»Jetzt Ist er beim Avancieren!« »Indulgieren, Deraillieren, Kakophonie, die unnützesten Fremdwörter!« murmelten die verschiedenen Leuchten der Wissenschaft.

»Meine Herren, ein unnützer Konflikt legt die Regierung lahm. Wozu das! Wir sind doch alle Kinder einer Mutter. Denken Sie an Preußens Lage und an seine Bestimmung. Wir sind ein wenig zu hitzig und eitel. Preußen hat die Vorliebe, eine zu starke Rüstung für einen langgestreckten, schmalen Leib zu tragen, deshalb muß eben der Leib besser ausgebaut und verbreitert werden. Wir müssen unsere Rüstung zu nützen verstehen. Diese Rüstung, zu Deutschlands Sicherheit nötig, wollen wir nicht länger allein tragen, sie muß auf alle Deutschen ausgedehnt werden. Dies Ziel wird kein Nationalverein erreichen, sondern der König von Preußen, wenn man ihm das größte Eisengewicht verleiht, auf daß er es in die geschichtliche Wagschale werfe. Nicht auf Preußens Liberalismus sieht und baut Deutschland, sondern auf Preußens Macht. Die Mittelstaaten mögen dem Liberalismus huldigen, darum wird ihnen doch niemand Preußens Rolle anweisen. Wir müssen unsere Kraft vermehrt zusammenhalten für den günstigen Augenblick, der schon oft verpaßt ist. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß wir seit dem Tode des großen Königs lauter Fehler machten. Wieviel verpaßte Gelegenheiten! Da war die Reichenbacher Konvention, wo Friedrich Wilhelm II. zwischen den Ostmächten den Schiedsrichter spielte und sie an neuen Territorialerwerbungen im Osten hinderte. Wozu denn? Je mehr Rußland und Österreich sich im Osten ausdehnen, desto besser für uns. Wir haben keinen Grund, über die Türkei unsern Schild zu halten. Im Gegenteil mußte man den Ostmächten freie Hand lassen, aber dafür Kompensationen in Deutschland verlangen. Dann die Einmischung in Holland, nur um uns wichtig zu tun, ohne jeden materiellen Gewinn. Den Frieden von Basel tadele ich nicht, wir hatten kein Interesse daran, uns mit Frankreich für Österreich zu schlagen. Dann aber mußten wir nachher, als Napoleons Annexionen sich wie ein reißender Strom fortsetzten, um so energischer auftreten, nicht für Österreich, aber zur Erweitung unserer Macht. Hannover hatte Napoleon uns schon angeboten und geschenkt, er hätte uns noch viel mehr gegeben, denn ursprünglich wollte er uns wohl, um uns als Pufferstaat gegen Rußland zu konsolidieren. Hätte unser Heer 1805 in Thüringen und Franken gestanden statt 1806, die Landkarte sähe heut anders aus. Das eben ist der Fluch einer falschen Politik, daß sie zwischen zaghaftem Zögern und überstürztem Losschlagen hin und her pendelt. Was dann kam, übergehe ich. Nur Österreich und England haben wir's zu verdanken, daß wir nach Niederwerfung Napoleons nicht den verdienten vollen Lohn erhielten. Historisch Gebildete unter Ihnen, wie Herr Professor Sybel, werden wissen, was Preußen vor allem damals verlangte, Angliederung eines norddeutschen Rheinbundstaates, der landesverräterisch bis zuletzt am ›erhabenen Protektor‹ festhielt.«

»Sachsen«, murmelte Sybel.

»Wir hätten auch das sogenannte Königreich Westfalen erhalten sollen. Nun, damals ging das Gespenst der Legitimität um.« Großes Erstaunen bei vielen Anwesenden. »Wir wollen hier darüber nicht reden. Rußland unterstützte uns damals bis zu einem gewissen Grade, und man begreift, daß sich bei Friedrich Wilhelm III. ein Fond von Dankbarkeit ansammelte. Aber Zar Nikolaus hatte nicht mehr das gleiche Wohlwollen. Wir haben ihm stets durch dick und dünn geholfen, beim Frieden von Adrianopel hätten wir für unsere freundliche Gesinnung etwas herausschlagen müssen. Dabei blieb uns nicht unbekannt, daß der Zar mit Karl X., dem Bourbonen, gegen uns intrigierte. 1830, nach der Julirevolution, wo es in Europa sengerig aussah, nur nicht bei uns, hätten wir erneut uns hervorwagen können. Wir waren damals an Schlagfertigkeit trotz des schwerfälligen Landwehrsystems allen weit überlegen. Aber nichts geschah, um die deutsche Frage zu lösen. Was von da an folgte bis heut, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Wir sagten immer Ja und Amen, beugten uns vor jedermann, wo wir es gar nicht nötig hatten. Mit verzweifelter Mühe verhinderten einige Patrioten, daß wir nicht noch in den Krimkrieg und den italienischen verwickelt wurden, wo wir nichts für uns zu holen hatten, es sei denn auf antiösterreichischer Seite. Unter uns, das billige ich auch, daß wir nicht neulich uns Österreichs Bedrängnis zunutze machten. Die Stimmung des deutschen Volkes war dagegen, und das ist für unsere deutsche Politik maßgebend.«

Hier räusperten sich viele. Fällt der Himmel ein? Dieser Junker schwärmt vom deutschen Volk? Auf manche machte die freie Aussprache immerhin ersichtlichen Eindruck. Er fuhr fort, die Sätze heftig hervorstoßend:

»Da konnten Sie aber am besten sehen, wie Österreich es mit uns hält. Es hat sich über unsern Kopf weg mit Frankreich verständigt, nur um uns keine Konzessionen zu machen. Wir haben Napoleon ganz umsonst verschnupft. Doch ich lege Ihnen nochmals ans Herz: Preußens Grenzen, wie der Wiener Kongreß sie nicht ohne böse Nebenabsicht schuf, sind ein Widerspruch zu einem gesunden Staatskörper. Mehr darf und möchte ich darüber nicht sagen. Sie behandeln die Heeresreform wie eine Frage der inneren Politik, vom Parteistandpunkt. Doch so viele Parteien wir zählen mögen, wir sind doch alle gute Preußen und lieben unser Vaterland. Bei der letzten Mobilmachung stellten sich große Schäden heraus, sie müssen ausgemerzt und die allgemeine Wehrpflicht, fürwahr ein demokratisches Prinzip, erweitert werden. Das macht uns niemand nach. Bedenken Sie, daß wir das einzige Land der Welt sind, das eine solche altrömische Wehrverfassung hat.«

»Eine solch« Bürde!« murmelte ein Links-Ultra.

»Gut, wenn es eine Bürde ist, so wollen wir wenigstens etwas für unsere Opfer haben. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das war der Fehler von 1848 –, sondern durch Blut und Eisen

Ein elektrischer Schlag ging durch die Versammlung. Eine so offene, so kühne Sprache hatte man von einem Minister noch nie gehört. Was war dies für ein sonderbarer Mensch, der da vor ihnen stand? Viele glaubten ihn doch zu kennen von früher her, doch sie kannten ihn offenbar nicht. Hat man uns den Junker umgetauscht, den wir wie einen hölzernen Türkenkopf in der Fechtschule gebrauchten, um auf ihn loszuklopfen?

*

Otto glaubte gesiegt zu haben und ging freudestrahlend davon. Der alte Irrtum der Genialen, daß sie ihren idealen Schwung und ihre reale Einsicht und ihre unausrottbare Wahrheitsliebe mehr oder minder bei anderen voraussetzen. Denn bei aller angeblichen Menschenverachtung und auch im einzelnen richtigen Menschenkenntnis glaubt der geniale Mensch doch immer, daß er im Grunde zur gleichen Menschenrasse gehöre und daher seine geistige und moralische Größe bei andern ein natürliches Echo erwecke. Das stimmt aber nicht, denn das Genie ist eine Rasse für sich. Nicht ein Übermensch, denn so etwas gibt es nicht, aber ein Vollmensch in seiner sonstigen Lebenshaltung, und in einem verborgenen Teil seines Ich ein Fremdling jenseits des Allzumenschlichen. Ja, auch dieser Teil schlummert in jedem Sterblichen, doch nur im Unterbewußtsein, und um in ihm das Verständnis für den Genialen hervorzulocken, bedarf es gewaltiger Hammerschläge. Wär' nicht in uns des Gottes eigene Kraft, wie könnt' uns Göttliches entzücken ... wäre nicht in der ganzen Menschheit etwas Geniales, so könnte das Geniale überhaupt nie verstanden werden. Aber es wird verstanden, zuerst von wenigen oder gar nicht, dann von vielen, zuletzt von allen.

Man darf ruhig sagen, daß Otto nur einen einzigen hingebenden Bewunderer hatte: seine eigene Frau. Das ist öfter so, denn die Frau mit ihrem ohnehin feineren Instinkt weiß ja auch viel mehr von ihrem Manne als die Außenwelt. Nichts ist bedeutungsvoller für die wahre Erkennung des unseligen Marquis de Sade, des großen Revolutionärs und dämonischen Abgrundforschers, als daß seine Frau mit unbegrenzter Hingebung an ihm hing. Sie wird wohl gewußt haben, warum. Es ist eine Fälschung, zu behaupten, irgendwer habe den Schöpfer des neuen Deutschland erkannt, ehe die bewußten Hammerschläge ertönten und gleichsam eine Stimme vom Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Nur einer kam am allerfrühesten zu dieser Erkenntnis des Genialen, und wer den Genialen zuerst erkennt, muß unbewußt etwas Geniales in sich tragen. Wer dieser glorreiche Mensch war, das ahnte Otto bald. Doch selbst er hatte nicht Seelenkunde genug, um zu ermessen, welche hochgemute Tapferkeit in einem ernsten Greise verborgen lag, der sein Leben lang im Schatten stand, bis die Blitze des Geniegewitters ihn beleuchteten und die Schönheit seines seelischen Profils für alle Welt sichtbar machten. –

Als die Budgetkommission sich verlief, stand sie anfangs unter der dämonischen Hypnose. Die einen schwiegen, die andern brummten, einige zeigten ein beifälliges Schmunzeln, als wollten sie sagen: Violà un homme! Aber als die Herrschaften vom kahlen Dönhofsplatz in die belebte Leipziger Straße einbogen, wirkte der Anblick des lärmenden Berlin auf sie ermutigend. Den eingebildeten Schwaflern, denen das Herz schon leise in die Hosen fiel, wuchs der Mannesstolz vor Geniethronen. Und als sie erst in der Weinstube bei Beckerath saßen, da floß ihnen der lieblichste Geifer von der Lippe.

»Hehe, der eigentliche staatsrechtliche Standpunkt wäre also mit wenig Worten abgemacht, sowas ist für unsern Herrn v. Bismarck entschieden zu trocken, zu positiv.«

»Wie schade, daß kein Stenograph da war, um ein getreues Bild dieses überraschenden Vortrags dem ganzen Lande darzureichen!«

»Hehe, ein Kaleidoskop! Fremdwörter werden wohl erlaubt sein nach der ›Kakophonie‹!« Allgemeines Gelächter. »Diese Verschmelzung der heterogensten Dinge ging an unserem fassungslosen Blick vorüber, das Auge konnte dem raschen Wechsel kaum folgen.«

»Offenbar verstehen wir nicht den höheren Flug, zu dem sich dieser Bahnbrecher alsbald erhob.« Ironisches Bravo und Leertrinken der Gläser.

»Na, überraschend war es gewiß! Geist bei preußischen Ministern, wer ist an so was gewöhnt! Und hier sprudelte es man so.«

»Jawohl, aber wenn Sie bei ruhiger Überlegung den Nachgeschmack auf der Zunge kosten, was ist's dann? Höchstens Sodawasser.«

»Ich für mein Teil war bald dieser Überrumpelung überdrüssig. Je länger er uns mit seinem Geplauder anrempelte, desto inniger sehnte man sich nach der ruhigen Sachlichkeit, mit der gerade unsere Budgetkommission über dem Wohl des Staates wachte.«

»Wie der Mensch mit Fremdwörtern seine Rede spickt! Ein Zeichen von Halbbildung!«

»Diplomaten zieren ihren Stil damit.«

»Der ein Diplomat! Hat man je erlebt, daß ein Staatsmann so von der Leber weg schwatzte? Nein, über diesen sogenannten Politiker kann nur eine Stimme sein.«

»Hat er auch nur einen einzigen positiven Vorschlag angedeutet, um den Konflikt zu beseitigen oder auch nur abzuschwächen?«

»Gewissermaßen doch!« wandte der Freiherr v. Vincke ein, der immer ein anständiger Edelmann blieb. »Man muß gerecht sein. Er hat in der offiziellen Erklärung gesagt, sofortige Beschlußnahme über den Etat von 1863 werde der künftigen Erledigung der streitigen Fragen nicht förderlich sein, sondern die Schwierigkeiten erhöhen. Der daran geknüpften Motivierung muß man fachlich beipflichten, sobald man sich an die Stelle der Regierung versetzt, die nun mal ihr Herz an diese Heeresreform gehängt hat.«

»Aber nicht wir!« erscholl der Männerchorus.

»Auch ich nicht, aber ich bin objektiv genug, anzuerkennen, daß er die Hand zur Versöhnung bot.«

»Wieso denn? Waren wir taub?«

»Er versprach ausdrücklich, den Etat für 1863 erneut dem Hause vorzulegen, sobald der Gesetzentwurf für Regelung der allgemeinen Wehrpflicht vollendet sei, und den für 1864 wieder ordnungsgemäß zur verfassungsmäßigen Beschlußnahme vorzulegen.«

»Mausefallen! Und auf solchen Zimmt fällt ein alter Parlamentarier wie Sie herein!«

»Ich glaube, daß er es ehrlich meint«, versetzte Vincke gelassen. »Er will bloß die Heeresreform durchdrücken und nachher in aller Form Indemnität von uns erbitten, sofern wir nicht vorher uns die Sache überlegen.«

»Umfallen, nicht wahr? Nicht daran zu denken! Dies ist eine Prinzipienfrage für die Partei. Sollen wir für seinen verrückten Großmachtskitzel die Hand bieten? Den wollen wir ihm schon austreiben.«

»Haben Sie verstanden, was er von schlechten geographischen Verhältnissen unserer Grenzen andeutete? Ha, das gibt eine französisch-russisch-preußische Allianz mit Verzicht auf den Rhein. Der Mensch ist zu allem fähig. Er realisiert französische Pläne, damit er in Deutschland den Schnapphan spielen kann. Jeder deutsche Mann muß sich dagegen empören.«

»Den Liberalismus als Machthaber Preußens tat er geringschätzig mit ein paar schnoddrigen Redensarten ab. Katilinarische Existenzen, sagt er von unsern treubewährten Journisten? Ich werde die Presse schon scharfmachen.

Die Tafelrunde erhob sich unter dem Schlachtgeschrei: »Diesem Ministerium keinen Groschen!«

»Und dieser burschikose Erzjunker, die Hände in den Hosentaschen, der sich Allüren von Genialität gibt, ist ein Schwindler, ein Humbug. So sieht Genialität nicht aus. Das Genie ist immer bescheiden und dekretiert nicht selbst, ob es eins sei. Wir haben zu entscheiden.«

Wir Philister, jawohl. Das gehört zur Tragikomödie von des Genialen Erdenwallen, daß sich immer und immer wieder das gleiche Schauspiel wiederholt, wo der Geniale als Blagueur ausgepfiffen wird, weil ihm stets eine gewisse linkische Eckigkeit im Anfang anhaftet, dagegen das nachäffende Talent mit großen, formvollen Gesten als Heldentenor gefeiert wird, freilich nur auf den Brettern der Tagesbühne, die nicht die Welt bedeuten. Auch hat der Philisterspruch »das Genie ist immer bescheiden« nicht mehr Wert, als der köstliche Satz »das Genie bricht sich immer Bahn« (ja freilich, durch die bloße Tatsache, daß es seine Werke schafft, aber selten im äußeren Erfolg). Das Genie ist gewiß bescheiden vor Gott, und sobald es diese Demut verliert, geht es zum Teufel. Und Goethes Aussage »Nur die Lumpe sind bescheiden« ist vollkommen falsch, denn die Lumpe sind nie bescheiden. Wohl aber stimmt »Brave freuen sich der Tat«, und Schopenhauer spottet mit Recht, wie man vom Genie erwarten könne, es solle seiner selbst nicht bewußt sein.

»Da sehen Sie unsern großen Virchow! Der ist bescheiden!« So sprach auch der gewaltige Professor Adolf Stahr, Gatte der gewaltigen Fanny Lewald, einer jüdischen Prophetin des Aufklärichts, beides Leuchten und Zierden der Fortschrittspartei, die in ihrem Salon tout Berlin versammelten. Als dort der damals hochberühmte Berthold Auerbach nach seiner Gewohnheit etwas zu viel von seinen Dorfgeschichten prahlte, deren sentimentale Zustutzung der Schwarzwälder Bauernseele dem Großherzogspaar von Baden Tränen und dem schauderhaften Schönhauser Gutsherrn Lachtränen entlockte, sprach Stahr das tiefe Wort: »Ich hasse eitle Menschen, wie diesen lieben Freund oder den widrigen Bismarck. Da sehen Sie meine Fanny, die ist bescheiden!« Wozu die majestätische Aspasia, die deutsche Madame de Staël, ohne Talent gnädig schmunzelte. – –

Die Zeitungen machten sofort einen Riesenkrakeel nach ausgegebener Losung. Der verrückte Bismarck und sein verblendeter Monarch würden erleben, was Strafford und Karl I., »von Unserm Langen Parlament«. In diesem Stil perorierten auch die Fortschrittler in der Kammer, die vormalige siebentägige Debatte über Ablehnung des Budgets lebte wieder auf.

Der Kronprinz, den Ministerpräsidenten gelegentlich treffend, machte ein ernstes Gesicht. »Ihr Mut imponiert mir, aber ich fürchte, man wird mit Ihnen unglimpflich verfahren.«

»Und wenn sie mich hängen, dann wird mein Strick das neue Deutschland fester an Ihren Thron binden.«

»Sie bringen auch die Krone in Gefahr.«

»Ich glaube nicht daran. Doch keine Macht der Welt wird mich von meinem Posten stoßen, solange mein König mich dorthin stellt. Die Heeresreform ist in vollem Gange, Roon sorgt dafür, und alles übrige schreckt mich nicht.«

Aber es könnte den greisen König schrecken. Roon sprach seine Unzufriedenheit aus: »Sie haben sich zu sehr decouvriert und sind den liberalen Schlingeln zu weit entgegengekommen. Derlei geistreiche Exkurse fördern nichts und können unsern Herrn kopfscheu machen. Er scheut alles Gewaltsame.«

»Wären die Feinde nicht so verbittert und plagte sie nicht der Ehrgeizteufel, ein Parlamentskönigtum für sich selber zu richten, so hätten sie mich verstanden.«

»Die Hauptsache ist aber, ob Majestät Sie begreift. Er ist in Baden, wie Sie wissen, zum Geburtstag der Königin, und sie wird ihm schon einheizen mit dieser Presse in der Hand.«

»Ich werde ihm bis Jüterbog entgegenfahren, um beizeiten vorzubeugen.«

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