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Bismarck - Band 4

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 4 - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/bleibtre/bismarc4/bismarc4.xml
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 4
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva« R. Max Lippold
printrunDritte Auflage, 16. bis 25. Tausend
editor
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090622
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Umschau der Schuldlüge

Das deutsche amtliche Sammelwerk »zum Kriegsausbruch« bietet ein Beispiel pedantischer Gründlichkeit am falschen Platz, denn ohne gleichzeitig Seite für Seite erläuternden Kommentar setzt es scharfsinnige Leser voraus, die sich selber einen Vers machen, ermöglicht dagegen Böswilligen sich herauszupicken, was aus dem Zusammenhang gerissen vom Feind verwendet werden könnte. Genügend für Kautsky, dem Ausland willkommene Entstellung zu unterbreiten. Wenn er später erklärte, er habe deutschen Kriegswillen den Akten nicht entnehmen können, so war seine vorherige Gehässigkeit doppelt zweideutig, die damalige Regierung tadelnswert, ihm Einsicht zu gestatten. Graf Montgelas' Abfertigung dieses sozialdemokratischen Großinquisitors entbehrt in kühler Abtönung der nötigen Wucht, Bülows damit verknüpfte lobenswerte Abhandlung »Grundlinien« geht zu weit in scharfer Kritik »kopfloser« deutscher Maßnahmen, als habe man sich blindlings von den Ereignissen forttreiben lassen. Schon am 23. Juli urteilte Jagow sehr vernünftig; am 26. schreibt Tschirschky: »Österreicher bleiben Österreicher, Hochmut mit Leichtsinn gepaart«, am 29. spricht Bethmann selber vernichtend über Wiener Diplomatie. Schätzte man sie aber so richtig ein, warum steifte man ihr anfangs den Nacken? Um nicht den Bundesgenossen zu reizen, dessen Verläßlichkeit man geschichtlich so genau kannte, daß sogar der Dank vom Hause Österreich zu befürchten stand, es werde sich der Entente unterwerfen, wenn man ihm nicht den Willen tat! Hochkomisch versicherte damals Harden, der neue kerndeutsche Thronfolger Karl sei uns vorteilhafter als der slavophile Ermordete. Ach! der Knabe Karl mit erzfranzösischer Verwandtschaft fing bald an fürchterlich zu werden; nachdem die Nibelungentreue für österreichische Interessen mißbraucht wurde, wollte man uns in der Patsche stecken lassen, obschon Österreich allein für formale Kriegsursache sorgte. Wer das Ultimatum an Serbien las, sagte sich, Wien wolle Krieg; als Serbien wider Erwarten das kurzbefristete Ansinnen fast ganz annahm, blieb Wien beim Losschlagen unter allen Umständen. Mit üblicher Schlamperei verzögerte man aber die Militäroperation gegen Serbien, die vielleicht als Druckmittel anfangs noch gewirkt hätte. Berlin leugnete, das Ultimatum gekannt zu haben, aus einer Stelle der Akten erhellt aber, daß man es 12 Stunden vor Überweisung kannte. Da ließ sich nichts mehr ändern, auch empfahl ja Berlin vorher selbst scharfe Tonart. Daraus Mitschuld konstruieren geht aber nicht an, da Berlin den Fall durch die serbische Annahme für »brillant erledigt« hielt. Von da ab bremste man ununterbrochen und wehrte sich umsonst gegen ungewünschte Gewaltschritte. Übrigens verweist Montgelas treffend auf alle späteren Ultimaten und Diktate der Entente gegen das wehrlose Deutschland; man hat uns seither an viel giftigere Kost gewöhnt!

Der türkische Botschafter in Rom wagte zu depeschieren: »Deutschland will absolut den Krieg«, denn Frankreich verbreitete dies Märchen besonders nach Italien; keinerlei Anlaß liegt für die Verleumdung vor, daß man heimlich tat, was man öffentlich nach Kräften ableugnete. Nur böswillige Verblendung verkennt, daß Berlin bis zuletzt alles Denkbare versuchte, den Konflikt zu lokalisieren, nur in die Falle des Greyschen Konferenzvorschlags ging man nicht, der nur zur Demütigung geführt hätte. Für Wiens Leichtsinn, im Vertrauen auf den großen Bruder das Äußerste zu wagen, blieb bestimmend, daß innere Reibung keine äußere Blamage riskieren durfte und der Serajewomord die allgemeine Volksstimmung so günstig für den Krieg einstellte, wie dies nie zum zweiten Male geschehen konnte. Auch vergesse man nicht, daß die Provokation durch den Fürstenmord um so ärger wurmte, als die Entente und Italien mit unerhörter Gelassenheit darüber weggingen, als handle es sich um beliebigen Grenzkonflikt. Mit üblicher Heuchelei mißdeutete man den gerechten Zorn, Österreich wolle ein wehrloses Völkchen vergewaltigen, während Serbien auf Tod und Leben rüstete und ihm schon 1909 mit russischem Einverständnis baldiger Weltkrieg als nationales Ziel vorschwebte. Nach dem Grundsatz »lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende« handelte Österreich von seinem Standpunkt aus richtig, Rücksicht auf den Bundesgenossen, den man in die eigene Schlinge hineinzog, darf man von solchen Leuten nie erwarten.

Entsprach so brennendem Wunsch der Kraftprobe nur blinde Friedenssucht in Berlin? Wilhelm II. dynastisches Gefühl begriff anfangs nicht die Gleichgültigkeit anderer Monarchen bezüglich des Fürstenmords, doch bald genug erkannte er, daß man ihm »Österreichs Dummheit und Ungeschicklichkeit zum Fallstrick mache«, den Esel Deutschland meine, wenn man auf den Sack Österreichs drosch. Warum hebt man seine hitzigen Marginalglossen hervor statt seiner Aufzeichnungen besonders vom 29., 30. Juli, wonach er das Ränkespiel klar durchschaute! Alle Akten liefern den Beweis, daß England und Frankreich nie, wie sie versprachen, in Petersburg mäßigten, sondern vielmehr aufreizten. Unterstand sich doch Poincarè in Kronstadt wider jedes Herkommen, den österreichischen Botschafter zu brüskieren! Sobald Rußlands Kriegswille sich abzeichnete, versicherte er unbedingte Gefolgschaft. England hätte mit einem Wort, daß es diese Absicht mißbillige und neutral bleibe, den Kriegseifer gedämpft. Grey tat das Gegenteil, ermutigte durch starke Winke, konnte gar nicht anders, weil er das dreimal von ihm geleugnete Abkommen in der Tasche hatte. Daß Belgien sich loyal benahm, gehört zu den falschen Zugeständnissen von Montgelas; angesichts der in Brüssel gefundenen Dokumente wirken König Alberts biedere Depeschen an den Kaiser nur peinlich, zumal er und sein Kriegsminister gegen den übrigen Ministerrat das bescheidene freundliche Durchzugsultimatum verwarfen. Spaßhafterweise schwatzte die Entente von unerwartetem Überfall, während schon 1911 Delaissys bekannte Broschüre die belgischen Schlachtfelder des »künftigen Krieges« beleuchtete und durch Bernhardis Indiskretion alle Welt den Schlieffenplan kannte. Lauerndes Übelwollen griff Bethmanns Wendung »es ist ein Unrecht« heraus, doch im Zusammenhang wirkt dies keineswegs als Geständnis, obschon es besser unterblieben wäre. Montgelas' Behauptung, Belgiens Niederwerfung sei militärisch nicht notwendig gewesen, zeugt nur von Unverständnis; es war die einzige Möglichkeit zu raschem Siege und Belgiens Besitz als Basis von unschätzbarem Wert. Doch wäre dem nicht so, wie durfte man gestatten, daß es zur Ausfallpforte der Entente wurde, was nachweislich geschehen wäre!

Wenn Lichnowsky mit Recht davor warnte, uns nicht zum leidenden statt leitenden Partner Österreichs zu machen, so stimmt um so trauriger seine schon früh in Berlin erkannte Einwicklung durch Grey! Seine eigenen Berichte verdammen ihn, kein Vernünftiger konnte zweifeln, was Greys »Aufrichtigkeit« im Schilde führte. Wer soll nicht lachen, wenn der Botschafter von geringer Bedeutung des Weltintriganten Nicholsen schwatzt und sich mit dessen Schüler Tyrell, dem ärgsten Kriegshetzer und Deutschenfresser, freundschaftlich beredet! Der gleichfalls vertrauensselige Schoen kann wenigstens keinerlei freundliche Äußerungen der französischen Regierung mitteilen, wo Viviani sich absichtlich unsichtbar machte und Strohmänner als Stellvertreter vorschob, die aber auch nicht so unredlich säuselten wie ihre englischen Kollegen. Greys Katzenspiel mit dem Mäuschen Lichnowsky, durch nichts zu beschönigen, geißelte Shaw gebührend. Kommt etwas darauf an, ob Rußland sein Prestige in Serbien wahren mußte? Ursprünglich erklärte es sich ja mit Strafexpedition nach Belgrad einverstanden, dann steigerte es plötzlich Tag für Tag seine Ansprüche unter englischer Ermutigung.

Es mobilisierte »gegen Österreich«, das nur 8 Korps unter Waffen hielt, am 29. Juli schon 16, dabei 5 im Bezirk Warschau. Auch dies nur offizielle Verschleierung, denn schon am 23. begann Geheimmobilisierung von 2 Millionen Mann, am 24. war Krieg beschlossen unter Zusicherung, daß England die deutsche Küste blockieren werde. Sasanows verschiedene Ehrenwörter, er denke nicht an Vorgehen gegen Deutschland, haben den gleichen Wert wie seine Versicherung, Mobilmachung im Kaukasus sei »ausgeschlossen«, tatsächlich fochten bald alle kaukasisch-turkestanischen Korps, die sibirischen schon im August. Mißt man die riesigen Entfernungen, so weiß man damit genug. Zweimal heuchelte Sasonow, Mobilisierung bedeute noch nicht Krieg, doch beim Militärvertrag 1892 stellte Boisdeffre fest: »Mobilisierung ist Krieg«. Unser Botschafter und Militärattaché in Petersburg ließen sich nie wirklich täuschen, Generalkonsulat Warschau sandte rechtzeitig Berichte, doch den vollen Umfang russischer Vorbereitung verheimlichte man ihm. Nichtsdestoweniger finden wir ein Schwanken, ob man Kampf gegen Deutschland wagen solle, auch mit Rücksicht auf Petersburger Unruhen. Irrig faßt man den Zaren als bloßen Schwächling, Depeschenwechsel mit Wilhelm II. als bloße Falschheit auf, vielmehr wollte er in letzter Stunde Vollmobilisierung widerrufen. Poincarés Empfang war auffallend kühl, Paleologues und Buchanans Umtriebe wären fruchtlos geblieben, wenn nicht die öffentliche Meinung breiter Schichten sie unterstützte. Soweit man von Nation in Rußland reden kann, machte sie den Krieg, panslavistischer Haß gegen alles Deutsche hätte sich eines Tages doch entladen, ob der Zar wollte oder nicht.

In Frankreich arbeiteten Regierung und ein Hauptteil der Nation Hand in Hand, in England freilich trieb im Verein mit einflußreichen Jingokreisen nur die Regierung zum Krieg. Abschließender Beweis wie auch in Amerika, daß in parlamentarischen Ländern nur die gerade regierende Exekutive den Ausschlag gibt. Zwei Aufsätze bekannter Staatsmänner im »Daily Chronicle« sprachen der überwiegenden Mehrzahl aus dem Herzen »Neutralität«, hielten aber das Verderben nicht auf. Man mobilisierte die Flotte so früh, daß man England für den ersten Kriegsdroher halten muß. In den Kolonien rüstete es so rasch, daß indische, kanadische, australische Massen schon im Herbst in Frankreich landeten. Unsere Annahme, daß Vorbereitung des Expeditionskorps French lange vor Kriegserklärung begann, wird überraschend bekräftigt: Major Bridge, ein weißer Rabe des Generalstabs, stellt fest, daß Ende Juli die Heimarmee mobilisiert, am 2. August die ganze deutsche Post aus Amerika beschlagnahmt und alle Goldscheine darin amtlich gestohlen wurden, sich aber nirgends eine Silbe über bevorstehenden Krieg darin fand. Zwei Tage vor Kriegserklärung bedeutet das unerhörten Friedensbruch, zugleich sträflichen Leichtsinn Berlins, von wo also keinerlei rechtzeitige Warnung an unsere Handelswelt erging. Was am schlagendsten überzeugt, ist ein Schriftstück vom 4. Februar 1914, worin englische und französische Regierung die Zahlungen ans Expeditionskorps nach Devisenkurs regeln. Brauchen wir weiter Zeugnis, daß geheime Konvention mit Belgien auf bestimmter Voraussetzung einer Ententeinvasion fußte? Das Geschrei über deutsche Neutralitätsverletzung – die England während der Boulangerspannung für illusorisch und deutschen Durchmarsch für berechtigt erklärte – ist also grotesker Schwindel. Weder Belgien noch England waren Anfang 1914 noch neutral, beide durch Abkommen mit Frankreich gebunden; mit tödlicher Sicherheit ließ sich voraus sehen, daß Vermeiden deutschen Durchmarsches nur den Feind dazu eingeladen hätte. Dafür hätte man einfach anderen Vorwand gefunden, auch die Serajewokrise durch eine andere ersetzt, falls der Mord nicht ohnehin absichtlich durch Ententeeinflüsterung herbeigeführt war. Nichts wäscht Grey und seinen Helfershelfern die Vaterschaft des Weltkrieges ab, ohne subjektiv mildernde Umstände französischer Revanche und panslavistischer Tollwut, nur aus kalter imperialistischer Tücke gegen das sprach- und stammverwandteste Volk. Neid, Dünkel, Unwissenheit der Jingos und der amerikanischen Jobber tragen weitaus die schwerste Schuld, sie müßte daher die furchtbarste Vergeltung treffen, zumal sie im Heucheln den Rekord schlugen.

Belgiens Mobilisierung ging so flott von statten, daß laut amtlichem Bericht im Juli 200 000 unter Waffen standen; französische Angabe 80 000 ist um so unwahrer, als noch beim letzten Ausfall aus Antwerpen 110 000 angegeben werden. Laut eigener Angabe sammelten sich am 2. August früh 180 000 Franzosen bei Belfort, 45 000 bei Delle, also längst vor Kriegserklärung mobilisiert, während unsere Mobilmachung erst im Anfangskeim stand. Noch mehr: drohende Anstalten an der Elsässer Grenze schon so früh, daß deutsche Touristen am Hoheneck am 14. Juli dichte Truppenmassen unterhalb der Pässe wahrnahmen, deutsche Bahnschaffner bei Avricourt große Zusammenzüge bemerkten, deutsche Jäger schon Ende Juli Kugelgrüße erhielten, als sie eine Grenzkuppe besetzen wollten, während drüben in Lothringen schon alles von Drahtverhauen und Erdaufwürfen starrte. Daß am 15. August 100 000 Afrikaner neben 60 französischen Divisionen aufmarschierten, sagt genug. Kavalleriekorps Sordet streifte im Hennegau, ehe Angriff auf Lüttich begann. Übrigens irrt man auch sehr, daß südfranzösische Korps an der italienischen Grenze verblieben, sie und sogar die 2. Division Alpenjäger fochten früh an der Ostgrenze, Frankreich war also längst über Italiens Bündnisbruch unterrichtet. Im Grunde ist sogar gleichgültig, ob Rußland schon am 25. und Frankreich am 27. offiziell teilweise mobil machte, Rußland seine Vollkriegsbereitschaft vom 29.–31. verheimlichte, Frankreich (das schon am 30. elf Div. an der Grenze hatte) die seine früher als die deutsche veröffentlichte, nachdem es die Berliner Auftragdepesche befristeter Kriegserklärung an Schoen absichtlich verstümmelte – daher die Ententechronologie der Mobilmachungen auf glatter Fälschung beruht. Denn wenn dies alles nicht wahr wäre, was ändert das an der inneren Sachlage! Schon am 29. machte Grey kein Hehl daraus, daß er für die Entente eingreifen werde, wie er dem französischen Botschafter »sehr deutlich« sagte, am 30. »hat das Auslaufen der englischen Flotte Rußlands Kriegsentschluß mehr als bekräftigt« (Reuter-Telegramm). Alle von Grey angebotenen Friedensformeln waren eitel Blendwerk, die Entscheidung längst gefallen durch Rußlands Vollmobilisierung, die man in Paris und London rechtzeitig kannte. Greys feierlich zugesagte Bemühung bezweckte stets nur Zeitgewinn für Ententerüstung, aus der lauen nachlässigen Art erriet man in Petersburg sofort, wie wenig ernst es ihm damit war; er trägt die Hauptverantwortung für das unsägliche Unheil. Daß er schon früh Frankreichs Küstendeckung zusagte, es aber öffentlich verleugnete, war schon schreiender Neutralitätsbruch. Der russische Botschafter Benkendorf (Freund und Vetter Lichnowskys) rühmt Greys Vorsicht, weil er vom Parlament Schwierigkeiten fürchtete, nur deshalb legte er sich etwas Zügel an. Da er Deutschlands strategische Nötigung ebenso kannte wie den eigenen Ententeplan, durch Belgien ins deutsche Industriegebiet einzufallen und es systematisch zu zerstören, so lauerte er nur auf den von langer Hand vorbereiteten Vorwand. Man geht über Verhandlung König Georges mit Prinz Heinrich als »Mißverständnis« weg, doch der überaus freundliche Wortlaut der Depesche, worin der eifrig zum Krieg drängende König seine Friedensbetriebsamkeit bestätigt, liegt vor. Kommentar überflüssig.

Frühzeitiger Kriegswunsch des deutschen Generalstabs ist aus den Akten unersichtlich, nur Eisners Böswilligkeit deutete den Bericht des bayerischen Geschäftsträgers vom 18. Juli so. Durch diesen erfährt man freilich unterm 31. den »besten Mut« der Militärs, schon vor Monaten habe Moltke den Zeitpunkt für denkbar günstig zu kriegerischer Abrechnung erklärt. Er legte Nachdruck auf schwere Haubitzen, besseres Gewehr sowie unfertigen Zustand der französischen Armee, ohne zu bedenken, daß nicht Taktik und Bewaffnung, sondern Strategie und moralischer Faktor entscheiden. Letzterer war in Deutschland allerdings sehr stark als Verteidigungskampf für staatliche Existenz, doch zehnmal günstiger wäre Losschlagen 1912 gewesen, ehe Rußlands Riesenrüstung anhob, damals waren Türkei und Bulgarien noch nicht so geschwächt, Rumänien vielleicht noch dreibundtreu, Italiens Neutralität wohl noch zu haben. Ganz richtig wollte Erzherzog Ferdinand damals Präventivkrieg; hätte Wilhelm dies gebilligt, ließ sich des greisen Franz Josef Widerstreben überwinden. Schon damals war die Entente zum Kampf entschlossen, wie Iswolsky 1913 offen aussprach, sie hätte sich unbedacht hineingestürzt, obschon ihre Chancen weit geringer als 1914 waren. Diesen Augenblick des Balkanaufruhrs seit 1911 nicht benutzt zu haben, bleibt schweres Verschulden deutscher Politik; sie beugte sich dem Spießergeschrei, daß der Balkan uns so wenig angehe wie Marrokko. Jedenfalls beweist dies aber wie auch frühere Versäumnisse, daß der Gedanke eines Präventivkriegs deutschen Machthabern fernlag. Wenn Moltke »schon vor Monaten« sich kriegsfreudig äußerte, so war dies akademisch gemeint, ohne irgendwelchen Druck auf die Regierung zu üben, zumal der Kaiser und Bethmann auf Frieden förmlich versessen schienen. Von Berliner Kriegspartei darf nicht geredet werden; außer dem richtigen Instinkt des Kronprinzen und der mißtrauischen Quängelei bei der Marokkokrise spielte niemand mit der Kriegsfrage. Man geht hausieren damit, Moltke habe schon am 26. Juli das Ultimatum an Belgien aufgesetzt, das war aber pflichtgemäße hypothetische Maßregel, um im Ernstfall einer Verschleppung vorzubeugen. Allerdings beweist dies andererseits, daß man sich über Möglichkeit des Weltkrieges nicht täuschte, sich nicht, wie geglaubt wird, überrumpeln ließ. Schon früh machte man sich keine Illusion über England und Italien, dessen Abfall man eifrig zu verhindern strebte durch vergebliche Ermahnung, Österreich möge Kompensationen gewähren, wie in Artikel 7 des Dreibundvertrags vorgesehen. Über Wiens Dummpfiffigkeit muß man hier ebenso den Stab brechen wie über die grobe Hintergehung öffentlichen Verzichts auf territoriale Erwerbung und heimliche Absicht völliger Aufteilung Serbiens. Wir können zwar Italiens vorsätzlichen Vertragsbruch nicht entschuldigen, schon seit dem Tripolisabenteuer verhieß sein Techtelmechtel mit der Entente, was von ihm zu erwarten war. Es belustigt, wie seine Freundschaft für Serbien sich nachher selbst eine Zuchtrute band, indem die immer zweihändige Entente ihm ein starkes Jugoslavien vorbaute. Doch die italienische Regierung hätte ohnehin nicht anders handeln können, da Presse, Freimaurer, Republikaner jeden Krieg gegen die angebliche »lateinische Schwester« unmöglich machten. Daß die Französelei sich heut bekehren mußte, war die bittere Frucht einer Phrasenberauschung, hinter der kurzsichtige Realpolitik sich versteckte. Aber es muß betont werden, daß Italien wenigstens neutral geblieben wäre, wenn Österreich rechtzeitig den Trentin anbot. Erst als es zu spät war, kam es widerwillig mit Zugeständnissen. Dünkel bei solcher Schwäche, Schlamperei und blinde Zuversicht, man könne durch Deutschlands Deckung wieder mal fortwursteln, im Notfall Deutschland opfern, gruben sich selbst den Untergang. Freilich mit der schwarzgelben Herzerquickung, daß auch diesmal wie seit 600 Jahren Habsburg Deutschland zum Prügeljungen machte, obschon es sich diesmal nicht auf Michelskosten salvieren konnte. Indessen nahm man das immerhin schuldige Österreich in den Völkerbund auf, Deutschland blieb das böse Karnikel, dem alle Schuld aufgebürdet werden mußte, Fälscherkunst bringt das Unmögliche fertig. Den von Kautsky »Verschwörung« geschimpften Potsdamer Kron- und Kriegsrat würden wir als Nachahmung der schon dreijährigen Ententebesprechung billigen. Leider handelte es sich aber nur um unzureichende Vorsichtsmaßregeln. Kautsky schwärmt auch von ungebührlicher Garantieforderung an Frankreich, wie ja Poincaré später verklagte, »man forderte von uns«; man hat aber gar nichts gefordert, da Frankreich von vornherein jede Neutralität ablehnte, also Schoen die gewünschte Garantievorlage in der Tasche behielt. Woher Poincaré sie kannte? Wie die verstümmelte Kriegserklärungsdepesche, nämlich durch völkerrechtswidriges Auffangen und Dechiffrieren. Daß unser Generalstab am 29. mobilisieren wollte, Bethmann-auf-dem-Holzweg es mit der Angst bekam und die Rechtzeitigkeit hintertrieb, nennt Kautsky Abdankung der Zivilregierung! Er ahnt nicht, wie weit in Frankreich die Befugnisse des Militarismus gingen. Unterlassung pflichtmäßiger Fürsorge durch Einmengung Bethmanns verpfuschte so den Feldzugsbeginn, daß wir statt am 10. erst am 20. operationsfähig waren. Diese unglaublich verspätete Kriegsvorbereitung entsprang dem Bestreben, dem Feind die Initiative zu überlassen. Welch schwache Weltfremdheit! Denn ob wir zuerst oder gar nicht mobilisierten, kam auf eins hinaus: Die Raffiniertheit hätte uns doch wieder vor der unmündigen Menge ins Unrecht gesetzt. In einer Welt des Scheins und Unrechts wirkt immer nur die Gewalt der Tatsachen. Hätten wir gleich nach Rußlands Teilmobilisierung vollmobilisiert, so wäre der Krieg entweder unterblieben – denn trotz aller Redereien des Oberst Repington über Verrostung unseres Heeres hatte man heimlich Bange davor als einer unbekannten Größe – oder mit ungleich besseren Chancen eröffnet. Die nachhinkenden Kriegserklärungen waren auch technisch ungeschickt, denn da man im Osten defensiv bleiben wollte, lag in unserem Interesse, dort Zeit zu gewinnen; gingen aber die Ententegewehre von selber los, so konnte man sich Formalitäten sparen, die später von der Weltlüge als Schuldbeweise ausgelegt wurden. Sicher hätte man uns den Krieg erklärt, um unserer Mobilmachung zuvorzukommen, oder ohne weiteres die Feindseligkeiten begonnen. Tatsächlich gab es schon genug von Deimling gemeldete Grenzverletzungen in den Reichslanden, und am 1. August früh fielen russische Schwadronen vor unserer Kriegserklärung in Ostpreußen ein, die Spatzen auf den Petersburger und Pariser Dächern pfiffen Krieg bis aufs Messer. So lag auch das formale Recht ganz auf deutscher Seite.

Gesetzt den Fall, 1914 wäre der Krieg verschoben worden, was gewannen wir damit? Nur daß die Ententeausrüstung weiter ausreifte. Alle scheinbaren Zögerungen der Ententepolitik in der ersten Phase bis 20. Juli, auf die sich heut die schon seit 1912 einigen Verschwörer berufen, rechneten damit, daß der Augenblick nicht so günstig gewählt sei wie etwa 1917, wo Rußland seine strategischen Bahnen ausgebaut hätte. Von Friedenswillen war dabei so wenig vorhanden, daß man sich dennoch zum Krieg entschloß, weil die serbische Gelegenheit vielleicht nie wieder kam, deutsche Kriegssucht vorzuspiegeln und dem keineswegs kampflüsternen französischen Bauern defensive Bündnispflicht mundgerecht zu machen. Ungeheuerlich wird Greys Heuchelei, da er schon 1904–06 mit Frankreich einig ging, englische Regierungsmänner, Admirale und Presse unverhohlen mit Krieg drohten, 1911 Verschickung englischer Truppen nach Frankreich vereinbart, 1912 Überfall der deutschen Flotte mit geheimer Konnivenz Wilsons vorgesehen war. Ein englischer General machte einem Deutschen, den er für einen Amerikaner hielt, in Südafrika genaue Angaben, wie bald man das Netz zusammenziehen werde, Japaner äußerten sich ähnlich. Später redete sich Grey heraus: Was immer Deutschlands Schuld gewesen sei, so habe doch allgemeine Weltrüstung den Krieg veranlaßt, weil er für Abrüstung Stimmung machen wollte, die ihm jetzt paßte. Lloyd George fabelte, die Staatsmänner seien in den Krieg hineingetaumelt, ohne ihn zu wollen. Auch das ist Wahrheitsverdrehung. Schon 1911 bearbeitete Nicholson bis ins Kleinste Offensive gegen Deutschland bis Juli 1914. So liefern Lord Fishers Verweisung auf August 1914 als Kriegstermin und des serbischen Geschäftsträgers auf Verschiebung bis 1914/15 das wertvollste Eingeständnis neben russischer Äußerung von 1912: »Wir sind noch nicht fertig, brauchen noch 2 Jahre« und Neujahrsartikel 1914, »daß wir uns zum Vernichtungskampf gegen die Deutschen rüsten«. Januar 1914 sorgte das französische Kriegsministerium für Mehlproviantierung von Paris, im Februar gab es außerordentlichen Kabinettsrat über den nahen Krieg, im März versicherte Grey einem Panslawisten, England werde am Weltkrieg teilnehmen, der in Bälde ausbrechen werde, während ein russischer Historiker einem Berliner Bekannten im Juni Gleiches ankündigte. Schon im April sahen deutsche Reisende die sibirischen Bahnen mit Militärzügen überfüllt, schon zu Neujahr begann Grenzvorbereitung, England stellte Transportschiffe für Landung der Russen in Pommern zur Verfügung. Dies alles sollte genügen: Über jeden Zweifel steht fest, daß die Entente auch ohne Österreichs Ultimatum den Krieg beschloß. In Balmoral versprachen König George und Grey an Sasonow, sie würden Deutschland zerschmettern. Diplomatische Verhandlungen, ausdrücklich als »Kriegsmittel« vorgesehen, verhüllten anfangs nur die wahre Kriegsursache, daß man erreichen wollte, was der Versailler Frieden offenbarte. Ob man sich besonnen hätte, wenn man die Überlegenheit deutscher Wehrmacht ahnte? Vielleicht, denn Curzons Frohlocken über baldiges Stelldichein indischer und russischer Lanzenreiter in Berlin läßt darauf schließen, daß man sich in lächerlicher Täuschung wiege. Doch die unbeirrbare Hartnäckigkeit, womit man immer neue Hekatomben brachte, die ganze Erde gegen uns aufwühlte, jeden deutschen Friedensvorschlag höhnisch abwies, zeigt die Entschlossenheit zum Äußersten. Seit 25. Juli 1914 blieb jeder Friedenswahn ohnmächtig gegen unbedingten Kriegswillen, der laut der eigenen Lugbegründung des Versailler Diktats die allerschwerste Strafe verdient.

Mit deutscher Spießbürgerei läßt sich nie große Politik machen, weil sie hohe Ziele abschwört, die mal Geschäft und Behagen stören könnten; eine ihrer Verantwortung bewußte Regierung hätte jede Gelegenheit benutzen müssen, das sonst unabwendbare Netz zu sprengen, besonders bei der ersten russischen Revolution. Als aber damals Wilhelm II. laut Zedlitz davon sprach, jetzt müsse man mit Frankreich abrechnen, entsetzten sich unsere Staatsmänner und der gepriesene Schlieffen! So verschlimmerte die Vogel-Strauß-Methode, die jeden Präventivkrieg scheute, das Unentrinnbare. Wer dagegen die tückische Arglist und hochmütige Gewalttätigkeit in Transval seit Wolseley und Bartle Frere kennt, der versteht das böse Wort der Schweizer Sanitätskolonne, »dieser Offizier war ausnahmsweise ein Gentleman« und Krügers Hohn: »Durch diese Lügen bewies Lord Roberts, daß er ein echter Engländer war«. Ja, früher verwarf Gladstone die erste Annexion; sobald er Premier wurde, bestand er darauf! Bei solcher Konsequenz begreift man die Erdrosselungspolitik gegen den deutschen Konkurrenten. Auch jede Änderung französischer Mentalität scheint ausgeschlossen. Selbst Botschafter Louis beharrt beim Märchen vom deutschen Angriff, obschon er schrieb, Poincaré habe unter allen Umständen Krieg gewollt. Der Sohn des in Magdeburg verstorbenen alten Carnot schrieb 1883 an den Sozialdemokraten Bloos: »Unsere Patrioten streben nur danach, die verlorenen Provinzen zurück zu haben, stehen also über Ihren Patrioten 1807/13, die heißen Nationalhaß bekundeten«. Ist das nicht kostbar? Kein Wort darüber, daß die »verlorenen« einfach gestohlene Provinzen, 1807 aber alle deutschen Lande an Frankreich überliefert waren, Nationalhaß sich daher als Naturrecht einstellte wie heute. Dieser Carnot lebte in Magdeburg, gedachte ihm erwiesener Güte, doch blieb eben Franzose und Bloos, der obige Albernheit beifällig abdruckte, Sozialdemokrat, damit ist alles gesagt. Pazifistische Internationale, die jede Backe zum Ohrfeigen hinhält, war auch eine Wurzel des Weltkriegs. Wohl bereuen heute viele, Geschäfte des Auslands besorgt zu haben, doch noch gestatten die Oberförster internationaler Treibjagd keine Schonzeit, noch fährt man mit Volldampf in antideutsche Gewässer, das Versailler Piratenschiff läuft nie in den Hafen der Wahrheit ein, die man als Fata Morgana in Locarno vorzauberte.

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