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Bismarck - Band 4

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 4 - Kapitel 3
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 4
publisherVerlag der Literaturwerke »Minerva« R. Max Lippold
printrunDritte Auflage, 16. bis 25. Tausend
editor
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090622
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Das Ende.

I. Vorbereitung

England gestand bis Neujahr einen Gesamtverlust von 2½ Millionen, muß also 1917 eine runde Million Tote und Verwundete verloren haben. Laut Wright 1., 5. A. von 1. Juni bis 3. November 13 000 Off. 288 000 M. Auch so eine dem Kriegsstatistiker unannehmbare Ziffer, denn es müßten 390 000 sein (1:30) und man hat einfach nachher in den Verlustakten die Leichtverwundeten ausgemerzt. Trotzdem würden wir auch so uns mit der englischen Schätzung einigen auf ihre Angabe des ersten Halbjahrs hin, denn das zweite war unstreitig noch verlustreicher. Die Franzosen verloren eher mehr als weniger bei ihren furchtbar blutigen Kämpfen. Bezeichnenderweise hieß es nach Kriegsabschluß anfangs bei den Briten »700 000 Tote«, dann wurden es 900 000, erwiesenermaßen unterschlug man aber die Kolonialen und Inder, die Listen sind überhaupt unvollständig. Wohlverstanden: jede Totenziffer ist mit 3–4 zu multiplizieren, und was Wright über Verluste 1918 verlauten ließ, ergibt einen Zuwachs, der einen Gesamtverlust von 4 Millionen inkl. Gefangenen wahrscheinlich macht. Da man die geheilten Verwundeten nicht mehr rechnet, läßt sich nachträglich nur die Totenziffer kontrollieren. Die Franzosen behaupten rund 1 750 000 Tote verloren zu haben, was natürlich einer ungeheueren Zahl Verwundeter entspricht, man begreift kaum, wie sie danach ihre Regimenter rekrutierten, mögen sie noch so viele leichter Verwundete und sogar Krüppel und Schwindsüchtige eingestellt haben.

Wenn die Verbündeten 1917 mehr Erfolg hatten, als je zuvor, so bezahlten sie ihn auch noch teurer. Den üblichen Trost, unser Verlust habe sich noch höher belaufen, zerstreuen die alphabetischen Listen, die ja auch an Krankheit Gestorbene umfassen. Ein Engländer verschwor sich, 225 deutsche Divisionen hätten in jedem Monat je 2000 verloren, überhaupt seien in jedem Monat 112 000 in Ost und West verloren gegangen. Diesem haltlosen Gerede stellen wir entgegen, daß die Listen vom 10. Dezember bis 10. Januar 64 850 (4285 Sachsen) enthalten, wovon 45 000 für Dezember in Frankreich abzuziehen. Bis 9. Februar 24 465, – 21. noch 32 000, – 13. März 57 400, – 29. noch 44 900, – 15. April 14 725 – usw. Zum schon verzeichneten Verlust bis 1. November treten hinzu 250 000 bis Neujahr, Jahresverlust 1 282 000, was nach Abrechnung aller Schlußkämpfe im Osten, Piaveschlacht, Marine, Kolonien, Krankheitstoten weniger als 1 Million im Westen ergibt, etwas mehr als im Vorjahr. Dies war schon allzuviel, obschon der Feindverlust ums doppelte höher. Wir durften uns solchen Luxus kaum gestatten, wenn Amerika wirklich 1 Million übers Weltmeer brachte. Bei obigem muß man berücksichtigen, daß die Cambraischlacht im Dezember, wobei Schlesier und Thüringer sowie am linken Flügel eine rheinische Div. sich auszeichneten, fortgesetzt wurde. So erfolgreich, daß die Beute auf 184 Gesch., 783 M. G. stieg, 50 Tanks lagen hilflos zerschmettert den Deutschen zu Füßen. Regimenter aus allen Gauen taten sich hervor, so Hanseaten und Oldenburger. Byng war bis dorthin zurückgeschleudert, von wo er am 20. November so siegessicher aufbrach. Nach Erstürmung von Graincourt bezeugten Massen Fliehender und sich abseits schleppender Verwundeter die Schwere der Niederlage. Bei Guislain lagen noch im März Kadaver von Roß und Mann indischer Reiterei unbestattet, damned niggers brauchen kein christlich Begräbnis! 29. D. war gänzlich vernichtet, alle seine Korps um die Hälfte gelichtet, Byngs Gegenangriffe im Januar endeten damit, daß er neuen Raum seiner früheren Anfangsstellung verlor. Haigh war in Unruhe. 20 Div. waren kampfunfähig verbraucht, wovon 3 aufgerieben, dabei 1. Gardedivision, die man bisher wiederholt erneuerte. So bedurften die noch vorhandenen 70 Div. starker Auffüllung, ebenso 107 franz. zwischen Ypern und Reims, obschon Frankreich schon alle irgendwie Waffenfähigen bis zum 50. Jahr einberief. Auf die Prahlerei folgten Wehklagen und Schimpfen. Gleichwohl wäre dies Kriegsjahr ohne Kriegsende im Osten und Tolmeinschlacht im Süden das unglücklichste für uns gewesen, nie hatten wir solche unverkennbare Rückschläge durchgemacht. Als Entlastung erst für Rußland und später für Italien gedacht, verfehlten die feindlichen Offensiven ihren Zweck, doch hatten uns übel zugerichtet, unsere Linien gestört, verwirrt, obwohl nirgends auseinandergerissen. Daß Hindenburg ganz richtig jede Offensive bis Jahresende einstellte, faßte die Entente so auf, als habe man die O. H. L. auf grundlegendem Fehler ertappt, im Vorjahr bei Verdun zwecklose Schießerei zu veranstalten. Ludendorff verteidigt in seinem Buch diesbezüglich seinen Widersacher Falkenhayn und Offensive Frühjahr 1916 war vielleicht zweckmäßig, doch ihr Stoßziel falsch, was L. umsonst zu rechtfertigen sucht. Wie wir ihn von der Ostfront her kennen, hätte er sicher nicht Verdun gewählt. Indessen war das Unglück nun mal geschehen, und wenn man sich nutzlos schwächte, so hatte doch auch der Feind 1916 sein Blut in Strömen vergossen. So skeptisch wir aber bezüglich seiner Streitmacht 1916 waren und 3 Mill. Franzosen 2 Engländer in der Front nicht gelten ließen, so bestreiten wir keineswegs solche Ziffer für 1917. Früher nur 60, besaßen die Briten jetzt 90 Div. und die Franzosen wahrscheinlich 140, alle stark formiert, zusammen mindestens 3800 Batl., während 200 deutsche à 3 Regt. nur 1800 ausmachten. Gleichwohl hatte »doppelte Übermacht«, wie englische Kritiker später zugeben, uns früher nie angefochten. Diesmal aber boten unsere stärksten Stellungen an der Aisne und artilleristisch bei Ypern keinen genügenden Schutz gegen Überranntwerden. Das war ein schlechtes Symptom und schien der neuen Siegeszuversicht, die sich der verbündeten Heere bemächtigte, Recht zu geben. Bei den frischen englischen Massen war dies nicht auffällig, doch es verdient hohe Anerkennung, daß die Franzosen in ihrem halbverbluteten Zustand immer wieder die Trikolore erhoben. Indessen scheiterte trotz taktischer Erfolge der strategische Zweck, wenn ein solcher vorhanden war, was wir nur für die gewagte Offensive in Flandern vermuten können, die über Erwarten taktisch glückte, doch keineswegs strategisch ausreichte, um die Linie Roulers–Gent–Zeebrügge zu gewinnen. Vielleicht hätte sich beim jetzigen großen Stärkevermögen für Haigh empfohlen, überhaupt nicht gegen Lille–Cambrai zu operieren, sondern seine Hauptmacht nach Flandern zu werfen, um möglichst dort die deutsche Flanke aufzurollen und die wichtigsten Etappen zu zerstören. Auch Nivelle's Angriffsrichtung hätte weit besser am linken Flügel über St. Quentin gelegen, statt frontal über die Aisne anzulaufen. Übrigens hatte die jetzt gewonnene Stellung etwas Bedrohliches, teils die Aisne, teils die Somme im Rücken, falls die Deutschen eine kraftvolle Offensive ergriffen. Jedenfalls wäre 1918 für uns alles wieder im besten Geleise gewesen, wenn nicht andere Faktoren verderblich mitsprachen.

Der Jahresanfang verging dem Feind in fieberhafter Spannung des Wartens und solcher Ungewißheit, daß der neue G. St. Chef Foch, der 30 D. als Reserve ausschied, deutschen Gewaltstoß nur bei Cambrai und Reims erwartete, beiläufig ein Armutszeugnis für sein strategisches Denken. Was hatte Ludendorff dort zu suchen? Sein Ziel konnte nur ein größeres sein. Diesmal versammelte Hindenburg tunlichst die im Osten verstreuten Divisionen um sich, 44 rollten bis Ende März an, 15 andere im April und Mai, 9 noch im Oktober. Schon im Februar standen zwischen Yser und Aisne 192 deutsche (1735 Batl.) 167 verbündeten Div. (rund 2500) gegenüber, ein viel günstigeres Verhältnis als je zuvor. Doch von Tag zu Tag verschob L. die Offensive, weil er erst sein Material sichten und überprüfen wollte. Witterungshemmnisse kamen wohl kaum in Frage, da man noch zu Neujahr erfolgreich bei Cambrai focht. Wir halten aber diese Verzögerung für ein großes Übel, sie ließ dem Feind Zeit, seine Wunden zu verbinden und sich zu fassen, neue Aushebung anzuordnen. Gewiß waren Ergänzung des Materials und möglichste Heranziehung der Osttruppen wichtig, doch im gleichen Maße stärkte sich der Gegner und verstrich die Zeit, die ein Ausschiffen der Amerikaner beschleunigte. Von deren 50 Div. landeten erst 3, bis 1. April sollten 370 000 kommen, wovon aber nur 144 000 von 5 Kampfdivisionen tatsächlich landeten, erst bis Ende Mai 461 000 in 16 Kampfdiv. Außerdem standen im Sommer noch italienische Div. in der Champagne als Austausch für englisch-französische am Tagliamento, sie hafteten als Pfand für Italiens Bundestreue. »Austauschprofessoren« kannte man früher, Austauschtruppen sind eine seltsame Neuerung, die übrigens in Italien böses Blut machte. Die hoffärtigen Verbündeten sollen sich drakonisch gegen die zahllosen Flüchtlinge der Piaveschlacht benommen haben. Dafür trat aber in Frankreich die »Generalreserve« aller Verbündeten nie zusammen, zwischen Haigh und dem an Nivelles Stelle getretenen Pétain herrschte Uneinigkeit der Ansichten, laut Wright erachtete Fochs Stab »eine Katastrophe für unvermeidlich«. Den Deutschen hing der Himmel voller Geigen, als Hindenburg ihnen den letzten Angriff verkündigte, mit welchem der Krieg beendet werden würde. Die Siegeschancen schienen durch Heranziehung der Osttruppen freilich sehr gefördert, doch blieben noch immer zu viele bis zur Krim verstreut, man hätte alles sofort nach Westen ziehen sollen, nachdem der Brester Friede geschlossen. Man sagt, die Osttruppen, durch Bolschewismus angesteckt und durch Verheißung von Bodenverteilung lange vertröstet, seien widerwillig, offen oder geheim murrend, zur Westfront abgegangen. Andere erklären dies für militaristische Legende. Jedenfalls waren die zuverlässigen alten Westtruppen grausam gelichtet. (Auch durch englische »Gasminenbatterien« nach so viel scheinheiliger Entrüstung.) Man berücksichtigte auch zu wenig, daß Türkei und Bulgarien sehr unlustig, Österreich und sein verräterischer Habsburger schon mürbe waren, während die Entente das kriegsmüde Italien so in die Zange nahm, daß es sich nicht mucksen durfte. Über die Türkei täuschte Goltz Pascha früher sich und andere, es war, wenn unklug, daß Ludendorff zuviel Truppen in Rußland beließ, noch unklüger, daß er nur eine Handvoll L. W. und L. St. für die schwankenden Bulgaren erübrigte. Immerhin füllten sich jetzt Hindenburgs Schlachtreihen auch mit Veteranen des Ostkriegs, während die Verbündeten ein Gefühl der Entkräftung befiel. Neue todbringende Gase und Sprengstoffe standen bereit, viel vom Osten herbeigeschaffte Artillerie vervollständigte die Rüstung. Wenn 1916 die Franzosen aus freier Hand erfanden »2 700 000 Verb. 2 500 000 Deutsche«, so war 1917 die Übermacht so groß, daß Hauptmann Wright, Mitglied des interalliierten Sekretariats und einziger Dolmetsch des Obersten Kriegsrats, sie »riesig« nennt. Doch ihr Verlust war »ungeheuer« und man kann kaum glauben, daß wir jetzt nicht numerische Gleichzahl hatten. Im Dezember noch 147, waren unsere Divisionen später auf 206 gewachsen, wobei 4 abgesessener Kavallerie. 17. A. Below war zwischen 2. und 6. eingefügt, die 14. A. in Venetien verschwand. Ihr großartiger Piave-Erfolg verlor bald seinen Ertrag durch schlaffe k. k. Haltung, sie hätte auch bei Überwachung der k. k. Schlamperei und des k. k. Verrats den Abfall nicht hindern können. Der gepriesene Conrad versagte den Truppen und die Truppen versagten dem Borovic.

Die O. H. L. bildete jetzt 18 Armeen, wovon sie aber nur 10 zwischen Ypern und Mihiel aufstellte, und zwar 4., 6., 17., 2. als Front Rupprecht, 18., 7., 1., 3. als Front Kronprinz, zwischen Flügelarmee Albrecht in den Reichslanden die neue Armeegruppe Gallwitz bei Mihiel. Schon glaubten wir, endlich werde hier strategische offensive angedeutet. Weit gefehlt! Es sollte wieder mal Frontaltaktik in der Westfront probiert werden, und es dauerte damit so lange, daß sich der Feind über unsere Absicht unterrichtete. Sir H. Wilson, Haighs neuer Stabschef, prophezeite richtig, nur verlegte er den Durchbruchspunkt nördlicher oder vielmehr, er irrte nicht über Ludendorffs eigenen Plan, den aber Intervention des Kronprinzen und plötzliche Umgruppierung änderten. Der Kronprinz veranlaßte in aller Stille den Losbruch an unerwarteter Stelle nach Süden. Foch wußte sich viel mit Vorbehalten einer Reserve, doch unter Verzicht auf jedes Abklopfen der deutschen Front; in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, blieb ihm verborgen, wo sie zunächst nötig werden würde. Zahlenmäßige deutsche Überlegenheit schloß sich aus, da mehrere amerikanische Divisionen (in Korpsstärke bis zu 37 000) allmählich einrückten, doch Gleichgewicht der Kräfte war sicher vorhanden. Und da die Unseren einer doppelten oder oft in Rußland zehnfachen Übermacht nicht achteten, so konnte es nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn sie mit ebenbürtiger Zahl nicht jeden Gegner niederrannten. Die Truppen waren jetzt wieder guten, auch die vom Osten ausgelesene Jungmannschaft gehobenen Mutes. Konnte die Ankunft der Amerikaner den Ausschlag geben? Gewiß nicht, wenn Ludendorff rechtzeitig und vor allem andauernd am Werke blieb. Nachdem man im Vorjahr Einiges ersiegte, verbarg sich die Entente nicht den Umschwung, sie verleugnete ihn nicht mal öffentlich! Lloyd George hielt dem Heer vor, es müsse fechten wie bei Waterloo, den Rücken an die Wand! Es kam nur darauf an, ob man den rechten Punkt fand, um das deutsche Messer dem weidwunden Wild einzustoßen. Rupprechts Stabschef Kuhl empfahl dringend Offensive in Flanke und Rücken Haighs bei Hazebrok, d. h. die von uns stets betonte Operation längs der Lys, wo man jetzt die in Blut und Schlamm steckengebliebene Ypernarmee, zu weit in Richtung Roulers vorgeprallt, erst recht strategisch abschnitt. Der nasse Boden machte es untunlich bis Mitte April? Schon recht doch »es gießt in Strömen, das hindert nicht die Märsche der Armee« (Napoleon 1805), »ihr sagt wohl, Jungens, es jeht nich, aber et muß jehen« (Blücher 1815 bei Gewaltmarsch auf einem durch beispiellosen Wolkenbruch ungangbarem Boden). Besser, man hätte im März oder schon im Februar, wo der Frühjahrsmatsch noch nicht so locker, auf nassem Boden dort angegriffen, als nachher auf trockenem, nachdem kostbare Zeit unwiederbringlich dahin und der Feind gewarnt.

Siehe da, der Kronprinz war anderer Meinung, sein Stabschef Schulenburg unterbreitete, man sollte aus Mihiel vorbrechen. Wir staunen gerührt und erkennen hier erneut den Feldherrngeist, den strategischen Kopf. Doch so sehr wir uns freuen, diesem Gedankengang des Kronprinzen zu begegnen, können wir nicht umhin zu zweifeln, ob diese in unserem Sinne, doch so sehr spät am Tage gereifte Einsicht damals noch auf ganz veränderte Verhältnisse paßte. Umgruppierung der meist westwärts gerichteten Hauptmasse hätte endlose Zeit gekostet. Je weiter westlich der Angriff gegen die Kanalhäfen gerichtet, desto richtiger zur Unterbindung amerikanischer Landungen. Meister Ludendorff rückte als entscheidende Instanz mit dem Plan heraus, Angriff auf Flandern aufzuschieben, dagegen die Front Arras–Amiens westwärts zu durchbrechen. Scheinangriff wurde auch für Gruppe Gallwitz vorgesehen und 7. A. im Oisetal. Beiläufig wählte man zu strenger Geheimhaltung der Befehle lauter Decknamen, so hieß A. Gallwitz »Kastor und Pollux«, 7. A. »Erzengel«, Lys »Georgette«, Hazebrok »St. Georg«, zerstörtes Gebiet »Alberich« 17., 2., 18., 3., 1. A. »Walkürenritt«. »Mars«, »Michael«, »Hektor«, »Achill«. Frühere Beendung der Ausarbeitung wäre der geplanten Überraschung förderlicher gewesen. Nachdem man sich über die Ziele geeinigt, gab aber der Kronprinz seiner aus 7., 1., 3. A. verstärkten 18. A. Hutier, die auf 25 D. anschwoll eine südwestliche Richtung, während 2., 17. A. westwärts vorgingen. 62 D. beanspruchte der Vorstoß zwischen Arras und St. Quentin am 21. März, sogar 92 bis 5. April, deshalb ließ sich kein Ablenkungsversuch an anderen Kanten herstellen ohne Umgruppierung von schwerer Artillerie und Munition, die man ganz für die eine Strecke benötigte. Belows Stabschef Krafft v. Delmensingen wünschte sogar Scheinangriff im Elsasser Breuschtal, um Fochs Reserven recht weit südwärts abzulenken, doch darauf wäre Foch wohl schwerlich hereingefallen. Hinter 4., 6., 17. A. wurden 10 Ersatzdiv. im Norden näher herangezogen, wo man seit Anfang März heftig kanonierte, so auch bei 7. A., um über das wahre Ziel zu täuschen. Hinter 17. A. standen 1. G. D., 12., 26. D. bei Douai als allgemeine Heeresreserve der O. H. L. Man könnte daraus schließen, daß vom Anfang an dieser Armee die entscheidende Aufgabe zugeteilt sei. Dem war aber nicht so, sondern 2. A. sollte den Hauptstoß auf Amiens führen, um dort Verbindung zwischen Briten und Franzosen zu zerschneiden. Doch von 1706 Batterien, 756 davon schwere und schwerste, begleitete nur ein Viertel die 2. A, um so auffälliger, als L. eigentlich nur zwischen Cambrai und Amiens angreifen, an der Somme anhalten wollte.

Was nun so die 18. A. treiben sollte nach Zurückwerfen des Feindes über die Somme? Als Reservestaffel hinter 2. A. nachrücken. Ein sehr unbeholfenes Manöver. Der Kronprinz erweiterte aber den Durchbruchsgedanken zu beschleunigt abgekürztem Verfahren mit Überschreiten der Somme. Der Erfolg gehört also ihm sowohl taktisch als strategisch, da 38 D. (inkl. die 3 bei Douai) der 2., 17. A. nicht entfernt vermochten, was die 18. spielend erreichte. Denn die südwestliche Richtung ihres stark vorgenommenen rechten Flügels hatte flankierenden Einfluß sowohl südwestlich nach Montdidier als nordwestlich nach Amiens, er fiel wie ein Donnerkeil zwischen die feindlichen Linien. Gegenüber stand die 5. A. Gough mit 23 Div. bis südlich der Oise. Wie Byng im Burenkrieg als Kavallerist bewährt, hatte Gough fast die ganze englische Kavallerie, 6 Div., um die Zwischenräume des weiten Bogens bis südlich Marcoing zu decken, wo Byngs 15 Divisionen anschlossen. Dort schlug Prahlen in Zetern auf unfähige Generale um, als ob deren Absetzung etwas ändern könnte. Auf der 80  km langen Front lagen 5 Stellungsdivisionen vor 17., 2. A., 5. vor 18. A. und es brachen darüber vor je 15 Angriffsdivisionen von Below und Marrwitz, 19 von Hutier. Die 2. A. hätte man überstark machen sollen, damit sie in einem Zug bis Amiens vorkam. Daß dies zu spät geschah, zersplitterte das ganze Unternehmen. Es müssen hier aber sonstwie Unstimmigkeiten obgewaltet haben, denn Marrwitz' anscheinende Absetzung vom Kommando scheint anzudeuten, daß unsere Kritik sich mit der O. H. L. in Einklang befindet, doch richtet sie sich in Wahrheit mit gegen jene höchste Instanz. Denn sie hatte Marrwitz nicht stärker gemacht, als Below und ihm überhaupt eine frontale Westrichtung gewiesen, während er sein Augenmerk von Anfang an mit größter Linksziehung nach südwestlich Amiens hätte richten sollen. Auch Below hätte sich dauernd links ziehen und mehr zuwartend verhalten sollen, bis die Zeit für Vorgehen der 4., 6. A. gekommen schien. Diese machten sich aber so spät auf, daß sie nur den Feind zu allgemeinem Rückzug an der Lys und bei Ypern bewogen, ohne ihn umfassend zu schädigen. Indem Mangel an Weitblick eine falsche Kraftverteilung befürwortete, trat schon wieder frontales Abringen an ungeeigneter Stelle ein. 17. A. war doch nicht stark genug aufgebaut, um ein Abdrängen Haighs nach Norden zu erzielen. Andererseits war sie zu stark gemacht im Verhältnis zur 6. A., die allein Haigh aufrollen konnte, nämlich aus Norden, nicht nach Norden, wozu Below nie im Stande war, wie Lud. ihm vorschrieb. Ihm hätte nur beobachtende Rolle bei Cambrai zufallen sollen, es war zwecklos, den Feind westwärts zurückzudrücken, dessen Mittelfront durch entschiedenes Vordringen der 6. A. aus Nordost ohnehin ins Wanken kam. So verbrauchte die 17. A. ihren Kraftüberschuß, von dem ein Teil mehr bei 6. A. deren rascheres Einbrechen zwischen Bethune und Ypern gewährleistet hätte. Belows ungestümes Anrennen wurde ein Festfahren, schon am 21. hing er nördlich Gouraincourt und Croisilles ab, während Marrwitz sonst festklebte, seine Linke aber in die zweite britische Stellungslinie eindrang und Hutiers Rechte am Holnonwald den Feind völlig warf. Nur vor Belows Stellungsdivisionen räumte der Feind den Cambraibogen am 22. nach geringem Kampf, Belows Mitte (Hanseaten, Mecklenburger, Hannoveraner, Bayern voraus) nahm den Mühlberg von Croisilles, doch der Kampf war hart und verlustreich, am 23. sollte er auf Bapaume und beiderseits der Scarpe vorgehen, wofür ihm 4 Res. Divisionen übergeben, 6 der 4. A. traten an deren Stelle hinter 6., 17. A. Das hieß also den Angriff in Flandern völlig aufgeben und alles frontal nach der Mitte zusammenballen. Marrwitz' Mitte kam zwar jetzt auch vorwärts, doch in gar keinem Vergleich zu Hutier, vor dem alles nördlich und südlich der Somme wich. Das Vorbrechen erfolgte überall in drei Treffen, bei 17., 2. A. waren 9 D. im Vordertreffen, bei 18. A. 12, diesen vorderen 30 folgten 11 der 17., 2. A. als Rückhalt, während 6 in Tiefengliederung dahinter blieben.

II. Schlacht Scarpe – Bapaume – St. Quentin

Bewundernswert wie die Improvisierung der britischen Wehrmacht war auch die ihrer neugeschaffenen Geschützmasse, doch wir können nicht umhin, die Voraussetzung zahlenmäßigen Übergewichts des Ententematerials anzuzweifeln. Laut Bruchmüller »Artillerie in den Durchbruchschlachten« waren später zwischen Champagne und Marne 2800 Batterien erforderlich, eine riesige Geschützmenge auf einem Fleck, wie denn Deutschland bis zuletzt ungefähr 60 000 Stücke nacheinander aufbrachte. Man vergißt, daß die Entente ungeheure Massen Material verlor, die deutscherseits verwertet wurden, und daß ihre Rohre sich ebenso abnutzten wie die Deutschen. Um unsere Quartiere zu stören, hielten die Briten das vom 242. R. besetzte Cambrai unter furchtbarer Beschießung mit Schiffsgranaten. Dort löste bei stetem Hin- und Herwandern deutscher Truppenkörper 53. R. D. die 27. ab, wie 27. jetzt bei Graincourt 54. R. D. So kam der 21. März heran. Als unser Trommelfeuer im Norden begann, setzte es sich mit solcher Gewalt fort, daß allein im Abschnitt 27. D. mehrere 100 Geschütze brüllten. Sie bildete mit 54. R., 183. D. südlich Cambrai Marrwitz' Rechte, links begleiteten ins nebelverhangene Scheldetal 24. 4., 107. D. auf der Graincourtstraße. Gleich beim Anmarsch fielen Offiziere und Mannschaften, denn der Feind vermehrte den lastenden Dunst so unerträglich mit Nebelgranaten, daß man oft nur nach dem Kompaß Richtung nehmen konnte, trotzdem versahen englische Flieger ihren Dienst und leiteten nur zu genau ihre schwere Artillerie. Erst am 22. überwand man die 1. englische Linie bei Guislain, Nevelon- und Vaurelettefarm, nachdem 107. D. das Flankenfeuer speiende Epechy nahm. An jetzt schönem Frühlingsmorgen verzogen sich die englischen Flieger, als deutsche Fluggeschwader die Oberhand gewannen, der zusammengeschossene Feind wich fluchtartig über Fins und ließ trotz vielfacher Sprengungen viel Munition und Gerät im nördlichen Cambraibogen zurück, Lebensmittel und Wäsche erfrischten die Sieger. Bei Navelon litten 123. Gren. erheblich, erst am 23. abends überschritt III/120. den Scheldekanal neben 440. I. bei Etricourt unter Beihilfe der 13. Art. am Wald von Equancourt. Hier traf die Behauptung des H. B. »geringe Verluste« sicher nicht zu, 120. verlor 26, 604.

Anschließend fochten Belows 17., 195., 221., 234., 11. D., letztere bei Bullecourt-Croisilles. Schon am 22. wurde 6. b. D. (6., 10., 13.) neben 221. vorgezogen, 234. drang bei Morchies durch, vor St. Leger-Judas heftiger Kampf. 26. R. D., ins 1. Treffen gezogen, nahm nördlicher Hennin, 1. G. R. D. drang nördlich über das eroberte Quéant vor, 17., 195. unterstützend. Hier hing sich 5. b. D. an, 7. I., 10. Art. siegten, doch 19., 21. I. konnten nicht weiter, obschon die tapferen Franken 20 Tanks eroberten und 1., 8. F. Art. den zähen Feind auszuräuchern suchten. Nördlich bei Monchy siegten 185., 236. Indessen kämpfte Belows Linke neben Marrwitz' Rechte noch sehr erbittert, zuletzt drang man bei Hernies durch, um sich gegen Bapaume zu wenden. Die 6. b. D. litt schwer, Kommandeur von 10. Ingolstadt sank schwer verwundet. Auch 16. b. D. (11., 14. I., 21. R.) verlängerte die Sturmlinie, nachdem 3. G., 20. D. und dahinter 39. Els. D. auf Baumetz vorangingen. Man erstürmte Sappignies und Achiet, 8. b. Art. fuhr brav in die Schützenketten vor und bekämpfte Tanks. Hier schmolz jedes b. Regt. auf 700 Gew., 6. b. D. verlor bis 25. sogar 80, 2900 und 5. b. D., die am 25. noch Behaucourt stürmte, trat ab mit Einbuße von 130, 3800! Das wagt H. B. geringen Verlust zu nennen! Die Gruppen Börne, Lindequist, Kühne hatten es hart, am härtesten im Bapaumeriegel. Die Franken hatten sich Ablösung redlich verdient, Württemberger auch, die Preußen nahmen Ervillers, doch auch ihr Angriff war vor Bucquoy festgefahren.

Während Marrwitz' Rechte (Gruppen Staabs, Gruat) zur Ancre hinstrebten, kam die Mitte (Kathen, Gontard) östlich Peronne langsam vorwärts, Goughs linke Flügeldiv. (9.) opferte sich bei Goureaucourt. Die Linke von Marrwitz, 50., 79. R., 18., 25. D. blieb nach flotterem Vorgehen über Biache ans südliche Sommeufer nachher ziemlich stecken, obschon 9. b. R. D. sich der 79. R. D. als Rückhalt anschloß, sie brachte zwar 1500 Gef. ein, andere Div. jede noch mehr, doch über Marcoing–Translay war man am 24. noch nicht hinaus. Im allgemeinen hatte man den Infanteriesturm von Scarpe bis Somme soweit daß 400 Gesch. erbeutet, 26 000 Gef. eingebracht. Der etwas später antretende Kronprinz stellte in fortschreitendem Vorwärts Verbindung mit Rupprecht her. Hutiers äußerste Linke erzwang gleich anfangs den Oiseübergang südlich La Fère. Heergruppe Gayl überrannte vernichtend das 3. K. Goughs. In der Mitte machten 36. Westpr. 1. b. D. (1., 2., 24) bei Essigny zwar viele tausende Gefangene, hatten aber am Crozatkanal längeren Aufenthalt, bis 10., 34. D. siegreich hinüberkamen. 1., 5. G., 7. R., 50. D. drangen jenseits gewaltig vor, das 18. engl. K. gänzlich auseinanderreißend, von da an brach Goughs Widerstand zusammen. Am rechten Flügel nahm immer 28. Bad. D. die Spitze Goughs 19. K. vor sich her jagend, bis man dort Montdidier und Pierrepont erreichte, am linken 103. Noyon, während 36. sich auf Lassigny richtete. Als Flankenschutz an der Oise schob A. Böhn b. 3. (17., 18., 23.) 6. R. D. (16., 17., 20. R., später 25. I.) vor. Hier wenigstens waren überall die Verluste gering und rechtfertigten die sonst so übertriebene Verallgemeinerung, da die Verluste bei Below und Marrwitz bedeutend waren. Schon am 24. war die Schlacht bei St. Quentin glänzend gewonnen, Peronne und Ham nach verzweifelter Gegenwehr erstürmt, am 25. hatte man 45 000 Gef., 963 Gesch. in Händen. General Pellé mit 5. C. und 1. Kav. D., in Autos nach Chauny befördert, suchte umsonst Gayls unaufhaltsamem Vorwärts Einhalt zu tun. Hutiers Angriff ging weiter, ein unsichtbares Riesengeschütz beschoß von Crepy–Chauny aus auf unglaubliche Ferne von 120  km Paris, wo schreckliche Panik entstand. Man erreichte und überschritt die Somme auf den Feldern der früheren Sommeschlacht mit besserem Erfolg. 28 englische D. von 38 der 3., 5. A. waren so gut wie weggefegt, alle Gegenstöße scheiterten unter furchtbaren Verlusten, die Lage wurde für Haigh immer ernster, denn später richtete sich vom wiedergewonnenen Bapaume der Stoß erneut auf Arras, wo die Nordwestfront der Engländer beinahe flankiert wie ihre Nordfront über St. Quentin, wo durch Weiterrollen des deutschen Stoßes die französische Linie bereits durchbrochen und mit Aufrollung bedroht schien. So ging der Angriff zwischen Albert und Nohon fort, bald wurden Lihons und Roye wieder deutsche Stützpunkte, Amiens lag als Ziel vor den nach der Meeresküste gerichteten Augen. Below hatte im Norden 11, Warrwitz 9 D. von Byng und Gough geworfen, Hutier im Süden 10 engl., 4 fr., und ein Kavalleriekorps vernichtend geschlagen, 10 andere engl. R. D. und nacheinander eintreffende fr. R. änderten wenig. Umsonst setzte Foch am 26., 27. bei Roye zu Gegenstößen an, Haighs Res. warfen sich vor Arras entgegen, an den alten Kampforten Hebuterne–Bucquoy gab es ein furchtbares Schlachten, während Marrwitz am 27. den Bahnknotenpunkt Albert erwischte. Hier ziemt sich allgemeine Vorbetrachtung.

III. Schlacht bei Amiens–Montdidier–Oise

Die Stahlhelme der 3. A. Humbert, die Petain zuerst herbeirief, verschwanden schon ins Divettetal, 1. A. Debeny ließ den Chasseurs und Reiterschützen ihrer Vorhut bald geschlossene Massen folgen, die aber im Avretal vor 88., 206. D. und an der Matz vor 5. pos. K. sich auflösten, dem auch 10. pos. R. D. sich anhing. Marrwitz hatte Schwaben und Marine über Pozières zur Ancre vorgebracht, Ostpreußen, Westfalen, Darmstädter nach Clery und Maurepas zur Somme. Er hielt am meisten Reserven zurück, obschon gerade er sofortigen Einsatz aller Kräfte bedurfte, um möglichst rasch Amiens zu besetzen. Hutier hatte gleich 8 D. im zweiten Treffen, weil er eine seiner Stellungsdivisionen (7. R.) mit vorschob, nur die anderen 4 zurückhaltend. Als sich die Tragweite seines Einbruchs übersehen ließ, erging an 7. A. Boehn bei Laon Befehl, 211., 235. D. an Hutiers Rechte abzutreten, außerdem 243. an Marrwitz' Linke; man begriff also, daß hier die Entscheidung läge, noch nicht aber, daß Below zu viel Kräfte für eine verfehlte Angriffsrichtung besaß, während Hutier statt bloßer Deckungs- jetzt die Hauptrolle spielte. Am 25. sandte Boehn auch noch 6. Brandenb. R. D., außerdem kamen die aus Rußland verladenen 52., 242. D., 51. R. D. als Reserve hierher, 6. B. R., 3. B. I. D. wurden schon früher abgeladen, so daß Hutier zuletzt über 32 D. verfügte. Am 23. paßte sich Ludendorff der vom Kronprinzen geschaffenen Lage an und befahl 9 Uhr vorm., daß Below über Bapaume auf Arras, Marrwitz auf Lihons, Hutier aber ganz südlich auf Chaulnes–Noyon abschwenken sollte, seine Rechte nach Ham–Peronne umbiegend, damit Marrwitz' Linke für Kämpfe südlich der Somme frei werde. Man schätzt die Franzosen südlich der Somme auf 40 D., die Engländer nördlich auf 50 D., wobei Teile der bisher unbeteiligten A. Monroe und Rawlinson mitgerechnet, die vermutlich gegen Belows Rechte schon ins Gefecht traten. Dessen Linke sollte auf Abbeville (Richtung Calais) vordringen, »um die Briten ans Meer zu werfen«. Ein recht hoch gestecktes Ziel, dem Belows bisherige Fortschritte wenig entsprechen. Dagegen hatte Vordringen Hutiers nach Süd und Südwest die beste Aussicht. Mit Brandenburgern und Badensern rechts, die Westfalen der 50. D. als Sturmbock, zersprengte er Gough völlig über Crozatkanal und Somme, dessen Rückzug in Flucht überging, Marrwitz' Linke unterstützte dabei, dessen Rechte aber gegen Amiens nicht vorwärts kam.

Die Leistung der Truppen in dieser zweiten Schlacht von St. Quentin rühmt Ludendorff als solche, die nie zu keiner Zeit von keiner Armee erreicht worden sei, eine Übertreibung, die ihm so viele andere deutsche Heldenscharen mit gleich großen Taten verzeihen mögen. Wo er aber sonst Entscheidung suchte, entfloh sie ihm. Zwar trug Below am 23. den Angriff über die Monchyhöhen vor, ohne aber sonst in schwerem mörderischen Gefecht die bei Bapaume tapfer standhaltenden Briten brechen zu können. Am 24. unterstützte seine Linke die 2. A. beim Überschreiten der Ancre, deren bisher vorgeprallte Linke bei Clery Schwierigkeiten hatte. Ihre übrigen Teile drangen aber jetzt über Combles weit vor und bedrohten Byngs Flanke. Ihre Rechte (Württemberger, 3. Marine Div. usw.) kam am 25. bis Roziàres, am 26. bis Albert, Mitte (Holsteiner, Posener, Westfalen usw.) über Bray, während die Linke (Darmstädter, Hannoveraner, Ostpreußen usw.) noch nicht Maricourt nahm. Am 24. nachts erstürmte Belows Mitte Bapaume unter Mitwirkung der Stuttgarter Div., da die 3 Div. der Heeresreserve ihm zur Verfügung gestellt. Am 25. siegten seine Linke und Marrwitz' Rechte bei Pozières, dem alten Brennpunkt der Sommeschlacht. Die übrige 2. A. kam aber nicht weiter vor. Dem Befehl Pr. Rupprechts, »ein Stocken der 2. A. an der Ancre muß unter allen Umständen vermieden werden«, konnte Marrwitz nur in beschränktem Maße nachkommen. Belows Truppen fochten mit erprobter Tapferkeit, hatten aber den stärksten Stellungswiderstand zu überwinden und konnten erst am 27. an ihre Hauptaufgabe denken, beidseitig Arras einzubrechen und im Becken von Lens der 6. A. Quast die Hand zu reichen. Quast sollte jetzt zwischen Armentières und Basée vordringen. Lud. verfügte, 6., 17. A. hätten ihr letztes Stoßziel bei Boulogne, eine überkühne Annahme nach bisheriger Leistung, 2. A. bei Amiens. Auch diese war noch zu weit entfernt mit starker Abteilung zur Linken, um genaue Verbindung mit Hutier herzustellen. Diesen hemmte zwar, nachdem das am 23. nachm. erscheinende 5. franz. K. die fliehende 5. englische A. nicht deckte und vom deutschen Sturmwind mit fortgerissen wurde, am 24. das Eingreifen französischer Reserven, doch am 25. siegte er glänzend bei Nesle–Liancourt. Der Kronprinz, auch im Ailettetal den Gegner beschäftigend und neckend, ließ Teile der 7. A. mit Hutiers linkem Flügel vorrücken, General von Conta hielt so den Feind ab, sich irgendwie der Hauptmacht Hutiers aus Südost unangenehm zu machen.

Der Kronprinz gab nämlich selbständig den Anstoß, die vorerst südwärts liegende Rechte südwestlich umzubiegen, um der 2. A. ihre Aufgabe zu erleichtern. Infolgedessen öffnete am 26. ein neuer großer Sieg Hutiers bei Roye–Noyon–Avretal die Straße nach Amiens. Gleichzeitig wendete sich seine Linke nach Compiegne. Noch war zwar die alliierte Front La Fère–Amiens nicht völlig gesprengt, doch eine Lücke von 15  km gerissen. General Mangin vermißt hier ein deutsches Kavalleriekorps, dessen Anreiten bestimmt Verwirrung verbreitet hätte. Die Deutschen waren freilich nicht gewohnt, ihre Kavallerie im Schlachtfeuer zu braten, wie die Alliierten bei jeder unpassenden Gelegenheit, doch hier hätte sie ein Feld für passende Tätigkeit gefunden, taktische Opfer hätten sich strategisch voll gelohnt. Wir halten daher Mangins Tadel für berechtigt, Lud. hätte dies vorsehen sollen. Dieser gab noch immer nicht den unglücklichen Gedanken auf, mit Below frontal in Haighs Mitte einzubrechen. Bei ihm sollte die Vorbereitung bis 28. dauern, erst am 29. Quasts 6. A. gegen Lorettohöhe antreten. Schon am 27. fanden aber 17., 2. A. viel Aufenthalt und errangen noch nicht die Straße Arras–Albert, obschon Lud. nicht verkannte, daß auch Below mehr südwestlich abschwenken müsse zur Unterstützung von Marrwitz, bei dem nur die Linke bei Sailly günstiger stand, weil Hutiers Rechte sie mit vorwärtstrug. Am 28. scheiterte Below an der Scarpe unter wieder erheblichen Verlust und Lud. ordnete endlich Einstellung des Kampfes nach Norden an, Quasts Angriff sollte vorerst unterbleiben. Er hätte auch nur Sinn gehabt im Verein mit Vorgehen Armins. Die ganze Anlage war hier verfehlt. Inzwischen beherrschte Hutiers Mitte schon bei Montdidier das Avretal, seine Linke lehnte sich an die Oise, verbunden mit 7. A. bei La Fère, seine Rechte und Marrwitz' Linke arbeiteten sich schon bis 5  km östlich Villers–Bretonnaux vor. Auf der übrigen Front schien auch Marrwitz festgefahren, Ludendorffs ursprünglicher Plan westwärts gescheitert, nur der Kronprinz gab dem mißglückten Unternehmen eine sehr glückliche Wendung südwärts. Sie sollte nun weiter ausgenutzt werden.

Da A. Gough unter auflösenden Verlusten weggefegt, verausgabte Foch den größten Teil seiner R. A., sie häufte sich in überstürzter Hast bei Amiens. Zahlreiche heftige Angriffe gegen Hutier brachen stets zusammen. »Planmäßigem Einsatz« französischer Reserven vorzubeugen, war jetzt Directive für 30., Hutiers Mitte sollte stillgelegt, Linke mit rechtem Flügel 7. A. vorbewegt, Rechte neben Linke 2. A. ins Noyetal auf Amiens vorgeschoben werden, nördlich der Somme das Gros Marrwitz und Linke Belows gleichfalls über Albert auf Amiens drücken. Hinter der Front brachte man frisch 14. D., 80. R. D. heran bis Nesle, später auch 6. Bayer. R. D. links davon, 76. R. und Jägerdiv. wurden erwartet, 109. D. im Anrollen. Below gab 5, Quast 1 D. zur 2. A. ab, so daß für neuen Hauptkampf 60 D. Hutier–Warrwitz versammelt. Diese Maßregeln waren ohne Zweifel zweckmäßig, verrieten aber nur verspätete Korrektur des falschen Aufbaus im Norden und kamen jetzt zu spät, um gleich mit niederschmetternder Gewalt den Durchbruch am einzig wichtigen Stoßziel Amiens–Montdidier zu erzwingen. Denn Foch baute eine hinreichende Wand entgegen, die zwar bröckelte, doch nicht einstürzte. Amerikanische Truppen griffen schon jetzt bei Lassigny brav ein, obschon natürlich in so überraschender Kampfart noch nicht eingelebt. Die Schlacht am 30. brachte am Südflügel keinen Gewinn außer den Westhöhen der Avre, die Hutiers Mitte trotz heftiger Kanonade und Einsatz frischer Streitkräfte Fochs erkämpfte. Marrwitz' Linke nahm Moreuil, sonst erwehrte er sich ergebnisloser Gegenangriffe und verlegte nun gleichfalls seinen Schwerpunkt südlich der Somme. Zu seiner Heeresabteilung südöstlich Amiens stießen neu 9. Bayr., 24. R. D., neben 25., 54., 228. D., während er selbst die frisch zu ihm gestoßene 2. G., 2. Bayer., 204. D. 53. R. D. an Hutiers Rechte abgab. So gestärkt, nahm letztere am 31. mit der frischen 14. D. das Höhengelände um Moreuil, doch erst am 3. April mit 2. bayer. D. die Hügel südwestlich davon, da man Generalangriff bis 4. verschob aus nicht erkennbaren Gründen. 6 D. der 2. und 7 D. der 18. A. wagten jetzt Stoß auf Amiens; er mißglückte und Ludendorff gab ihn auf. Bis 24. schleppte der Stellungskrieg sich hin unter steten französischen Angriffen westlich der Avre, bei Hangard und an der Ancre, die zwar nirgends Erfolg hatten, doch unsere Reserve aufzehrten. Ein letzter Vorstoß von Marrwitz endete fruchtlos. So fühlte man Enttäuschung, so sehr man es der Welt verhehlte. Anders aber sah man drüben die Lage an. Haigh wollte schon zu den Kanalhäfen retirieren, das französische Hauptquartier floh von Compiegne nach Provins, überlegte Rückzug zu beiden Seiten von Paris. Held Poincaré wollte Paris aufgeben, Clemenceau rasselte, er werde den Krieg noch an den Pyrenäen fortsetzen. Erst heute kennen wir diese Panik der Niederlage in vollem Umfang.

Indessen blieb unser Vorteil doch sehr ungleichmäßig. Nördlich der Scarpe, wo G. Komm. 1. b. R. K. 7 Divisionen um sich vereinte, fielen die Angriffe der 41., 187. schwächlich und sogar schädlich aus; b. 5. R. D. setzte nur ihr 7. R. ein, mußte aber aus dem Feuer gezogen werden, 23. R. D. verhielt sich zuwartend, wie jetzt notgedrungen Below überhaupt, nur südlich der Scarpe focht neben 185. die altberühmte 12. D. energisch. Vorwärtskommen der Linken Belows (26., 119. und dorthin verschobene 5. b. R. D.) bei Hebuterne unter »schweren Regengüssen« hatte nur betrübende Folgen. Zu spät erkannte Ludendorff, daß er Below mit einer falschen unlöslichen Aufgabe betraute. 25  km von Cambrai her zu gewinnen, war kein wesentlicher Erfolg.

Die Rechte der 2. A lag im Kampf um die Ancre, 54. R., 3. Mar. D. am Westufer erfolglos, die am Aveluygwald ablösende 27. D. erhob sich neben schles. 227. R. zum Anlauf bei Martinsart und trat später mit Ehren vom Schauplatz ab, doch konnte nur den Brückenkopf behaupten. Nichterfolg nördlich Albert, bei 183. D. südlich desgleichen, sprach sich darin aus, daß frühere Trophäen (120. allein 156 Gesch., 50 M. G.) sich nicht wiederholten, doch blieb der Verlust auffallend gering (bei 120. nur 7, 143) 1., 13., 25., 199. D., 50. R. D. nahten sich Amiens. Auf Marrwitz' linkem Flügel (Gruppe Hofacker) brachte 2. b. D. (12., 15., 20.) frischen Zufluß, doch alles kam nur darauf an, daß des Kronprinzen Einsicht Ludendorffs verfehlte Anlage günstig änderte. Während Hutiers Rechte (Lüttwitz, Öttinger) nördlich Pierrepont vordrang, hielt die Mitte (Webern, Winkler) einen harten Stoß bei Lassigny auf; am 30. entlasteten hier 5. G., 7. R. D. die bedrängten Münchner, abends warf ein Gegenstoß die Thüringer von den Plessishöhen und Lassigny zurück, doch gelang es 103. Div. das Loch zu stopfen unter Beihilfe der bisher abgeleiteten 3. b. D., deren 17. sich nach Lassigny hineinwarf. Foch brach hier jeden Angriff ab und beschränkte sich auf lebhafte Kanonade. Weiter westlich erwehrte sich unser »7. K.« sechs fr. D., die am 30. nichts ausrichteten unter schwersten Verlusten bei stark auflebendem Geschützfeuer. Nachdem am 28. die Schlacht zum Stehen kam, dämmerte ein blutiger Karfreitag herauf. Die Menschheit selbst war hier der Gekreuzigte und Parzivals Karfreitagszauber sucht umsonst den heiligen Gral.

Auf Hutiers linkem Flügel (Conta) ging der Stoß glatt durch, auch »Gruppe D.« (G. Komm. 4. R. K.) nahm bald genug Noyon mit viel Proviant und Material, dagegen noch nicht den Renaudberg, obwohl später 105. D., 259. Art. und nochmals 223. D., 280. Art. ablösten. Daß die Franzosen diesen Posten im Oisetal hielten, fügte sich ungünstig für Weitertragen des Angriffs über Compiegne. Anfangs hatte General v. Conta von Ervillers her schon am 24. Chauny mit 33., 231. D. erreicht, den Feind vom Mont Simon und einem Sperrfort vertrieben. Die westlichere »Gruppe Gneisenau« 84., 204., 11. D. bearbeitete mit Blau- und Grünkreuzmunition die Feindesstellung südwestlich Noyon, doch deren Brisanzgranaten trafen oft mörderisch die deutschen Reihen, nur mit größter Anstrengung erreichten Schlesier und 120. R. Ribecourt. Die mittlere Angriffsgruppe 1. b., 37., 36., 34. D. wurde hier von detachierter württembergischer 49. Art. begleitet. Sowohl 36. als 7. R. D. litten bedeutend, die am 8. April abgelösten Münchner verloren 110, 3300. Da sie nur 26 Gesch., 2000 Gef. erbeuteten, scheint die allgemeine Trophäenziffer 1300 Gesch., 90 000 Gef., woran Hutier weitaus den Löwenanteil trug, hochgemessen; indessen machten seine preußischen D. viel größere Beute (besonders die Magdeburger, deren 66. R. allein sich 50 Gesch. holte). Jedenfalls weiß man aus Wright, daß die Briten ungemein viel Tote und Verwundete verloren, schon am Crozatkanal lagen ihre Leichen dicht herum, die Kanoniere in den Schanzen (Gough befahl ihnen, sich töten zu lassen) verließen ihre Geschütze unter unerträglichem Granatenhagel. Hier wurden 14., 18. engl. D. völlig aufgerieben, auch die aus der Champagne hergeholte 163. fr., nur Australier leisteten fruchtlosen Widerstand, sonst befanden sich alle englischen Massen auf der Flucht. Immer mehr Truppen mußte Foch auch nach Amiens ableiten und so die übrige Front entblößen. Rechnete Ludendorff darauf, um die eigene Kraft für Schlag an anderer Stelle aufzusparen? Der Feind zitterte nur für Amiens und sogar für Paris. Sogar die Luftherrschaft fiel uns zu, im Oisetal sammelten sich gegen feindliche Bombengeschwader stattliche deutsche Kampfgeschwader, darunter neue Riesenfahrzeuge, deren Surren und Brummen wie von einer Hummelherde jede Nacht am Himmel ertönte und deren unheilbringende Fahrt sich bis nach Paris wagte.

So stand es im April recht günstig auf der Südfront, doch nach so langer Offensive verschnaufte man defensiv, nachdem 60  km Boden gewonnen, nur Hutiers Rechte schöpfte noch nicht Atem, hier drang eine Gruppe von 6 D. auf Castel-Morisel vor, wobei 2. b. D. die 88. bei Moreuil ablöste, wo Marrwitz sich mit Hutier verknüpfte, nachdem er über Peronne 45  km zurücklegte, Hutier aber jetzt schon 80. Die »Naht« zwischen den Verbündeten am Lucebach und im Avretal wurde von Hutiers Rechten immer mehr aufgetrennt. 1. G. D. und besonders 1. G. Rgt. hatten hier im Schloßpark von Grivesnes einen Ehrentag. General v. Lüttwitz, Kommandierender der Gruppe, früher zeitweilig Stabschef des Kronprinzen, hatte Montdidier mit 28. D. erstürmt; Karlsruher Leibgrenadiere erwarben sich hier ebensoviel Lorbeeren wie Schweriner Leibgrenadiere und Ludendorffs Leibregiment 39er Füsiliere, badische Artillerie tat Großes. Neben den Schwerinern westlich der Avre erstritten die Neuulmer, Neuburger, Allgäuer den Senecatwald, wobei 20. Lindau abgeschnitten und durch Marrwitz' 2. G. D. befreit wurde, mußten aber am 8. nach Verlust von 118, 3000 ausscheiden. Man hatte also wahrlich keinen Grund mehr, sich mit »geringem Verlust« zu trösten. Links davon bei Rouvrel vermochten die oft erprobten Westf. und Sachsen von 14. D., 53. R. D. nichts, rechts von Hutier wendete sich gleichfalls das Glück von Marrwitz' Flügelgruppe 54., 128. und G. Ers. D. mit 9. b. R. D. an der Römerstraße bei Marselcave. Trotz anfänglichem Erfolg endete am 8. auch hier das Gefecht negativ, man gelangte am 5. bis 13  km an Amiens heran auf Manteuffels altes Schlachtfeld Villers Bretonneux, doch keinen Schritt weiter. Zuerst General Cavey bei Corbie, dann Rawlinsons Kolonietruppen machten der Gruppe Gontard, bei Hamel siegreich, Weiterkommen unmöglich. Die notwendige Ruhepause, wo auch Hutier sich defensiv verhielt, zauberte der am 24. zum Generalissimus ernannte Foch als deutschen Zusammenbruch vor und »eroberte« Dörfer, wo deutsche Patrouillen sichtbar wurden. Seine R. A. hatte er schon so angebrochen, daß am 1. April 14 fr. D. feldflüchtige englische ersetzten. 52, später 58 alliierte D. standen im Feuer, verstärkt durch 3 amerikanische.

Trotz mangelhaften Gelingens im Norden weisen wir sowohl die französische als die heutige deutsche Nörgelei zurück, daß die Offensive »gescheitert« sei, man darf nicht so maßlos happige Ansprüche erheben. Die englischen Verluste übertrafen alles bisher Dagewesene; obschon möglichst vertuscht, sickerte in London und Paris die Wahrheit durch. Technische Überlegenheit der von Ludendorff angehäuften Kriegsmittel, vereint mit plötzlicher Überraschung des Hutierschen Vorstoßes, zumal man unsere Ansammlung durch Nachtmärsche den feindlichen Fliegern verhüllte, führte zu katastrophaler Niederlage. Zurückflutende britische Massen gerieten ins Feuer ihrer eigenen Artillerie, die zu kurz schoß, durch Gaswolken geblendet, wobei sie selbst durch genau gezielte deutsche Gasbomben größtenteils ihre ganze Bedienung verlor, auch enorme Einbußen an jeder Art von Material und Munition schwächte die Engländer. Haigh verringerte die Front in Flandern, um seine Stellung südlich der Lys zu stärken, tatsächlich war seine Linie mehrfach durch- und zerrissen. Bei Montdidier, wo die Franzosen anfangs in wilde Flucht gerieten, wurde die Hauptverbindung der Verbündeten unterbrochen, die Bahn Paris–Amiens gesperrt, die viergleisig hergestellte Bahn der Amerikaner konnten sie in jener Richtung nicht mehr brauchen, ihre zunächst in den Kampf geworfenen Hilfstruppen enttäuschten durch Untüchtigkeit, was sich später besserte. Unser staffelförmiger Druck von Ancre bis Avre blieb unvermindert. Hutier, der Besieger von Riga, blieb vorerst der Held des Tages. Sein Stabschef Sauberzweig zog neue Reserven in die Bresche Noyon–Montdidier, was jedoch Zeit erforderte. Jetzt trat auch links von Hutier, dessen Keil die 6. A. de Maistre (interimistisch Duchesne) in der Luftlinie schon fast im Rücken faßte, auch A. Boehn gegen die starke Aisnefront in den Kampf ein, um Maistre zu binden. Ihr Vorstoß 6–9. April mit 30., 227. D., 14. R. D. an der Ailette gelang, fesselte dort aber keine Reserven Fochs. Ein Überblick der Gesamtoperation scheint hier noch nötig.

Beim ersten Vorbrechen gliederten sich die drei Angriffsheere von links nach rechts: 47. R. D. (die Bielefelder, Paderborner, Bückeburger Helden von Limanowa) separiert nördlich La Fère, die Lücke zwischen Hutier und Boehn füllend. Daneben vorn 103., 37., 34. D., dahinter 33. D., 22. R. D. Mitte: 1. bayr. 36., 238., dahinter 5. Korps, 35. R. D. in fester Grabenstellung 10., 7. R. D., weiter nördlich 45. R., 50. D., dahinter 5. G., 231., zuhinterst 1. G. D. Rechte: 28., 88., 113., dahinter 5., 206., 6., zuletzt 23. Somit 6 D. links, 13 Mitte, 7 rechts, wozu aber beim Vorgehen über die Somme 5 der Mitte übertraten. Wir sehen bei diesen 26 D. die verschiedensten Stämme bunt durcheinander, nur 3., 5., 16. K. beisammen, 4. R. K. an zwei Stellen auseinander, sonst je eine Div. 12., 14., 17., 20. K. und 1. bayr. K., dazu 6 D. späterer Formierung und sechs ältere bewährte R. D. nebst 2 G. D. Von 6 anderen nachgeschickten scheinen nur zwei ernstlich gekämpft zu haben, so daß 28 D. Hutiers die mindestens gleiche Zahl französisch-englischer völlig in die Flucht schlugen. Was den Angriff im Avretal festbannte, obschon alle Höhen in deutschen Händen, ist unklar. Man spricht von außerordentlich heftigem Geschützfeuer Fochs, doch dürfte das Auftreten der Amerikaner hier nicht ohne Wirkung geblieben sein. Pommern neben Westfalen, Bayern neben Westpreußen und Posenern, sie alle taten mehr als ihre Pflicht, doch Foch scheint die ganze 1., 3. A. und zwei Drittel seiner Reserven hier verausgabt zu haben.

Als die 2. A. von Le Cateau vorrückte, hatte sie zur Linken 208., 25. und 4. G. D., dahinter 19., 1., 29., zuletzt 228. und G. Ers. D., diese 9. D., wovon 6 Kerntruppen ersten Ranges, später noch verstärkt durch 2. G. D. und drei D. der Mitte, fanden entschlossene Gegenwehr an Goughs linkem Flügel, dies verlangsamte das Vorrücken, bis Foch das sehr verteidigungsfähige Hallutal abriegelte. Obschon die Kathedrale von Amiens so sichtbar bei Hangard vor den Deutschen lag wie einst im Hochsommer des ersten Kriegsjahres, konnte man die Trikolore dort nicht von der Turmspitze niederholen. Was immer die Gründe gewesen sein mögen, so darf man nicht verhehlen, daß dort deutscherseits mehr und besseres geschehen konnte. Die Darmstädter hatten an der Maas vor Mouzon und am Pfefferrücken, die Hannoveraner am Sezanne-Plateau und in Galizien, die Ostpreußen am Bug viel stärkere Stellungen rasch überwältigt. Mitte: 18. D., 50., 79. R. D., dahinter 9. R., 13. D., 46. R. D., 199. D. Auch diese Truppen, deren Holsteiner, Friesen, Westfalen Aktive, gerade so wie die tapferen Schlesier und Küstenmänner der Reservedivisionen, auf so manche schwere Kriegsarbeit zurückblickten, fügten hier ihrem Ruhm nichts hinzu. Auch nicht die ruhmreichen Schwaben des rechten Flügels, wo das Generalkommando des 13. K. und dessen Artillerie standen: 183., 27., 107. D., dahinter 54. R., 3. Marine. Diese (107. Kerntruppe aus Rußland) gewöhnten sich an die härtesten Kämpfe und doch vermochten sie hier so wenig? Der so energische Marrwitz kann nicht mit Stolz auf diese neue 2. A, (sie glich der früheren Gliederung in nichts) zurückblicken. Auf ihr scheint mehrfach lasche Verdrossenheit gelastet zu haben, denn bei ihr riß später moralischer Zusammenbruch ein, vielleicht zeigten sich schon jetzt Symptome auch bei der Führung mit dem Gefühl: Es nützt doch alles nichts!

Dagegen ist begreiflich, daß der übel bedachte Frontalangriff Belows gegen die starte Stellung Arras–Lens nichts ausrichtete, die man teils verloren, teils übereilt geräumt hatte. Offenbar ist Byng wenigstens am linken Flügel durch 4. A. Rawlinson stark unterstützt worden, doch es bleibt erstaunlich, daß er nach so schwerer Dezember-Januar-Niederlage so fest seinen Posten hielt. Below mußte ja später Teile zu Marrwitz abgeben, was diesen inkl. 26. D. auf 25 D. brachte und dennoch dessen Angriff weder südöstlich noch nordöstlich an der Ancre vorwärtstrieb, doch blieb Below selbst dann noch überstark für etwas von vornherein Aussichtsloses. Links im Zwischenraum bei Cambrai 39. R. K., 24. R. D. (herausgelöst), 119. D., dahinter 4. D. und G. Kommando 11. K., 3. G., 20. D., dahinter 39., Artillerie 14. R. K. Diese 7 D. drangen mit Mühe von Hernies bis Pozières-Mireaucourt vor und blieben dann stecken, mit Linksziehung unter Marrwitz' Kommando tretend. Nördlicher Mitte: 195., 17., dahinter 5. bayr. 1. G. R., Rückhalt 24. D. und anscheinend Artillerie 6. R. K., nördlicher 111., 221., 234., dahinter 2. G. R., 6. bayr., Rückhalt 239. Die Südstaffel von 5 Div. führte den überaus harten Kampf um Bapaume, wobei Hanseaten, Bayern, Sachsen, Schlesier ihre gewohnte Tatkraft zeigten. Sie kamen bis Bucquoy, doch nicht weiter. Die Nordstaffel von 6 D. erwarb Croisilles-Bucquoy, dann war es aus. Die Rechte bestürmte über Monchy mit 9. R. K., 3. bayr. K., 26. R. D. das südliche, mit 1. bayr. R. K. das nördliche Scarpeufer, blieb aber dort in Blut und Schlamm stecken. Hier sind anscheinend nicht 187., dagegen die bei Douai in Reserve stehende 12. D. mehr nach der Mitte eingesetzt worden, während nördlich davon Quasts Linke mit 23. R., 41. D. auf Lens gerichtet. Diese 27 D. Belows wurden also zu ganz gleichgültigen Anstrengungen und Opfern verurteilt, obendrein war der Angriff verfrüht im Süden, wo man Marrwitz' Vordringen südlich Bapaume, und im Norden, wo man Eingreifen der 6. A. hätte abwarten sollen. Im ganzen wurden 87 D. zwischen La Fère und Scarpetal aufgestapelt, manche aber (10 Belows) nicht wirklich verwendet. Die vollkommen falsche Disposition machte Marrwitz, dem doch das Hauptziel zugedacht war, zur numerisch schwächsten Gruppe. Strategisch gewann man zuletzt nichts als einen weiten Geländebogen nach Süd-Südwest mit ziemlich schmalem Vorsprung, dessen Behauptung fortan zu viel Kräfte band. Taktisch war der Gewinn groß, 40 englische Div. waren zum Teil vernichtend aufs Haupt geschlagen, die franz. 10. und R. A. erschüttert. »Am 26. hörte A. Gough zu bestehen auf, von 57 engl. D. war fast ein Drittel total vernichtet«, dies Bekenntnis Wrights geht über die kühnsten deutschen Behauptungen hinaus, zeigt zugleich, daß Haigh den 38 D. der 3., 5. A. noch 19 andere zuführte. Diese Tatsache behalten wir im Gedächtnis. Daß das strategische Ziel Amiens nicht erreicht wurde, verschuldete Lud. selbst durch seine verkehrte Kraftzersplitterung mit doppelter auseinandergehender Stoßrichtung, seine fixe Idee, die stärkste englische Stellung nach Norden frontal brechen zu wollen. So sog Below alle möglichen Reserven auf, die ihm nichts nützten und zu Marrwitz hingehörten: 41., 187., 204., 12. sowie 23. R. D. Wären diese sogleich an Marrwitz' rechtem Flügel massiert worden, so hätte man die dort verwendeten 2. bayr., 26., 54., 200. D. sogleich südlich der Somme versetzen können, wodurch man den entscheidenden Angriff über Moreuil auf der Stelle frischere Wucht verliehen hätte. Denn zuguterletzt entscheidet (außer bei minderwertigen Truppen) immer der Krafteinsatz und mit 13 D. südöstlich Amiens und 9 Hutiers bei Moreuil hätte man doch wohl sehen mögen, wie Foch solchen Schlag pariert hätte! Viel zu spät ordnete Lud. allgemeine Linksschwenkung an, wo er wiederum zugunsten der 17. die 4. A. ungebührlich schwächte. Jetzt endlich, nachdem jede Gunst der Lage verscherzt, griff er auf die früher Verworfene Flandernoperation zurück. 4., 6. A. machten am 9. April einen Sprung nach vorn aus ihrer Ausgangsstellung, der treffliche Armin war aber zu schwach an Kräften, um Ypern zu erreichen, der Feind behielt Zeit, genug Reserven zu sammeln, um ihm sein Endziel Poperinghe zu verbieten. Der ebenso energische Quast erreichte niemals Hazebrok, wovon man früher schwärmte, noch die Chaussee nach St. Omer, sondern nur über Estaires das Gebiet westlich Marville nördlich des Basséekanals. Obschon Quasts' Mitte beträchtlichen Erfolg hatte, hing doch gerade seine strategisch wichtigere Rechte ab und konnte der 4. A. erst bei Bailleul die Hand reichen, als es zu spät war, denn nun fand man nicht mehr alle französischen Reserven nach Süden abgelenkt, Foch erholte sich bei Amiens und südlich der Avre und Oise so weit, daß er getrost Reserven nach Ypern senden durfte und Haigh, da ja Below von ihm abließ, sich bei Bethune sammeln konnte. Lud. holte nun zwar 9 Div. (3. G., 4., 12., 25., 39., 119., 239. D., 1. G. R., 6. bayr. R. D.) von Süden heran sowie von anderen Fronten 232., 235., 240. D., 4. bayr., 13., 19. R. D., doch so im ganzen 40 D. der 4., 6. A. konnten die Sache nicht deichseln. Die Bailleulhöhen südlich und die Nordflanke Houtholstwald und Dixmuiden hätten zur Einkreisung Yperns und in der Folge St. Omers genügt, wenn man größere Mittel von Anfang an daran gewendet hätte. Zwar, als der Kemmel fiel, hielt man den angezweifelten Sieg für gerettet, doch bei Ypern geschah ja immer das Unglaubliche. Die Truppen fochten auch hier mit hingebender Tapferkeit, doch der Angriff mußte aufgegeben werden.

IV. Flandernschlacht

Die Linke der 2. engl. A. Horne und Rechte der 1. A. Plumer sahen sich gleichzeitig so bedroht, daß Foch auf Haighs Hilferuf später Hauptteile der A. Debeney schickte. Indessen mäßigte Quasts ungestümen Eifer das unwegsame Gelände, während Mitrys Geschwader 120  km in 3 Tagen 2 Nächten durchritten, um rechtzeitig von der Oise an der Lys anzukommen. Am 9. April trat die 6. A. an, mit einem Korps Kraevel am Basséekanal, als linker Flankenschutz 2 K. Bernhardi gegen N. Chapelle, 2 K. Carlowitz und Stetten aus Linie Fromelles–Frelingham gegen Armentieres. Rechts gingen 10. Ers., 32., 42. D. vor, gefolgt von 11. R. D., links davon 35. D., 8. b., 18. R. D. Letztere blieb bei Richebourg stecken, dagegen erreichten 42., 32. bei Estaires und Sailly die Lys, 10. Ers. bei St. Maux. Unter heftigem Kampf überschritten sie, dann 11. R. D. bei Pont Mortier, den Fluß, 10. Ers. stieß schon über Steenwerk vor. General Höfer belebte hier das forsche Nachdrängen. Überall fiel es schwer, Art. und Munition durch das seit Jahren verschlammte Trichterfeld vorzuschaffen, 1. b. R. Art. unterstützte erst spät ihr Fußvolk, das bei Alt-Chapelle durch Maschinengewehre litt, doch zuletzt die Portugiesen und englische Verstärkungen mit Verl. von 6 Gesch. überwältigte. Links davon nahm b. 22. R. das Trümmerdorf N. Chapelle, 23. R. Pont Riqueuil mit 5 Gesch. Diese Vielerfahrenen schlugen sich bis 13. am Nieppewald herum, am 14. erwarb 19. R. das Grünholz. Bernhardis schneidiger Angriff hatte also schönen Erfolg, die Portugiesen flohen aus versumpfter Weidenebene, von Grausen vor deutschem Bajonett ergriffen. Die nunmehr vorgezogene 16. rhein. D. sowie die bei Berquin eingefügte 8. Thür. D. trugen den stockenden Angriff nordwärts bis Merville, wo Bombenabwurf englischer Flieger die Deutschen heimsuchte. Carlowitz und Stetten umklafterten Armentieres, das auch Armins Linke umzingelte, schon seit 10. in Bewegung und Kampf bei Wytschaete. Bei Riez und Paradis ging es nicht paradiesisch zu, Schotten verteidigten sich hier bis zum letzten Mann. Im brennenden Armentieres zermalmte Kreuzfeuer von beiden Flußufern die Briten, am 11. abends zeigten sie die weiße Fahne. 2. b. R. und 16. D. kamen östlich weit voraus, während Holsten der 18. R. D. westlich bei Festubert abhingen. Der beabsichtigte Druck auf Bethune wurde aufgegeben, aller Nachdruck nach Nordost verlegt. Zwar eroberten 8. D. und 19. b. R. Merville, doch am Nieppewald konnte auch am 14. von Bernhardi nichts erzwungen werden, obschon 48. R., 240. D. sich nach vorn einschoben, am 16. auch 239. D. von Belows Flanke bei Lens her. Jetzt schied 1. b. R. D. aus nach Verl. von 60, 1800, dagegen blieb 8. b. R. D. bis 23. liegen, bis man sie ablöste, sie verlor etwa 2300. Die von Quast eingesetzten 12 D. sammelten viel Gef. und Gesch. ein (Bayern allein 45), doch Durchbruch gelang nicht, obschon General Stetten jetzt noch 17., 38. D. statt der abgekämpften 32. erhielt und das aus Italien verladene Alpenk. die brave 10. Ers. D. ablöste. 2. und später 1. Jägerregiment und Leibregt. erstürmten den Bahnhof von Bailleul, 11. R. D. machte Fortschritte. Die Schlesier, die nun auch schon lange kämpften, wurden durch Armins Thür. 38. D. abgelöst, die bis Meteron vordrang, das Alpenkorps aus unaufgeklärten Gründen gleich wieder durch die abgekämpfte 10. Ers. D. ersetzt. Inzwischen griff die Linke der 4. A. an, 214. D. nahm Papot und N. Eglise, wurde aber zurückgeworfen, ihre 50er schlossen sich nochmals der 11. b. D. an, welche berühmte Schlachttruppe in äußerst heftigem Ringen den Engländern mehrere Höhen entriß. Heergruppe Sieger stand schon am Fuß des Kemmel. Gruppe Eberhardt stürmte von Plogstreet-Wolvergehm, Quast die Hand bietend. Links von 214. drangen 117. und Quasts hier wieder vorgeholte 32. D. über Bailleul an, 38., 81. D. über Marris. Am 17. ging Armins Linke über Douvegrund gegen den Kemmel vor, den zunächst die Bayern und 71. R. nicht ersteigen konnten. Mitrys erste Staffeln von Debreneys Fußvolk lagen auf Vorstufen und Kuppe zwischen Briten. Unserer Art. ging schon lange Bedarf an schweren Granaten aus, bis zu deren Ersatz 11. b. und rechts davon 36. R. D. am Südosthang hängen blieben, am 22. zog man die Bayern aus der Front (Verl. 80, 2250), dagegen stürmten 4. b. (5., 9. I., 5. R.) 22. R. D. südwestlich, das dorthin abmarschierte Alpenk. seit 24. südöstlich. Jetzt zeigte sich, wie unhaltbar die Ypernstellung durch jeden Angriff aus Südwesten wurde, schon seit 16. räumten die Briten den Ypernbogen. Verfrüht griff sie Armins Nordgruppe aus Dixmuiden an: 1. L. W. D. und die hierher verpflanzte 6. b. D., die im März schon so schwer litt, doch die am 17. mit Schwung auf die Belgier stürzte. 33. ostpr. L. W., 5. Marine sekundierten schneidig auf der Straße nach Bixschoote, doch ohne genügende Art. scheiterte bis 21. das Vorgehen, auch setzten sich die Briten wieder zwischen Veldhoek und Langemark. Doch am 25. fiel der Kemmel nach Trommelfeuer, das die frisch ablösenden französischen Massen nicht ertrugen. Zuerst 22. R. D., die sich seit Mort Homme auf solche Bergklötze verstand, dann 56. D. am Dorf Kemmel, zuletzt Alpenk. erstiegen die Hänge, letzteres bis besonderer Wucht, 2. Jg. Regt. und »Leiber« vorauf. Auch 5. Bamberg und 5. R. Ludwigshafen machten den Sturm am Südwestabfall mit, die Verbündeten glitten abwärts mit Verl. von viel Gef. und Gesch. (die Bayern allein erwischten 4000 und 12), kamen aber am 26. wieder. Da indessen 2 Batterien 2. Münchener Art. den Sturm begleiteten und sich immer mehr Batt. vom Douveufer dorthin aufmachten, erlosch der Gegenstoß unter schweren Opfern, Thüringer warfen den Feind bis Locrehof. Vom 29. bis 3. Mai vermochte man den immer wieder anrennenden Gegner zwar im Zaum zu halten, doch ohne weitere Fortschritte. Seit 27. wichen die Briten vom Steenbruch im Osten bis Zillebeke, doch unbegreiflicherweise hielt sich Ypern, obschon Voumerzele vom K. Märker genommen. Am Kemmel floß viel Blut. Als 4. b. D., bei der auch die Würzburger später kräftig eingriffen, und Alpenk. sich zur Ruhe setzten, vermißten sie über 200 Off. 6000 in ihren Reihen, »Leiber« allein 50, 1300. Manche Bataillone zählten nur noch 200 Gew., doch ist töricht dies zu verallgemeinern, die Alliierten litten viel mehr unter unserm Kreuzfeuer. Die ablösende 121. D. schlug im Mai noch manchen Versuch der Franzosen am Kemmel ab. – Quast hatte ursprünglich nur 100 000 Mann, jede seiner 10 D. betrug also durchschnittlich noch 7–8000 Inf. Das genügte für so großen Anfangserfolg. Wären die ihm und Armin nachgeschickten Reserven, die deren Stärke fast verdoppelten, gleich zur Hand gewesen, so hätte er die 12  km, die ihn noch von Hazebrok trennten, schon bis 15. durchmessen und Armin hätte Kemmel vor Mitrys Ankunft genommen. Der Sieg, an sich erfreulich, bekam dann viel weiteres Ausmaß und strategische Bedeutung, denn Ypern und Bethune wären nicht zu halten gewesen. Verspätet wie Verschieben der Reserven war der Vorstoß überhaupt, er hätte unbedingt gleichzeitig mit Belows Märzschlacht beginnen sollen. Der weiche Boden war im April kaum besser als im März, er bereitete der Artillerie Schwierigkeiten, doch deutsche Infanterie ist sich selbst genug, wie Figura zeigt. Trotz mangelhafter Beschießung brach die englische Linie an der Lys sogleich in Stücke, trotz späteren gehäuften Widerstandes kostete Quast sein Draufgehen wenig über 25 000, meist von Gruppe Bernhardi. Armin litt mehr, aber nur wegen dem Kemmelsturm gegen frische französische Kräfte, darunter Elitek. Toul. Vergleicht man Bestürmung minder furchtbarer Stellungen gegen minder überlegene Artillerie in früheren Zeitaltern, so scheint Armins Einbuße, nur stellenweise 40 %, im ganzen höchstens 20 %, keineswegs erheblich. Selbst dies wäre vermieden worden, wenn man sofort mit 40 D. hätte losbrechen können. Und wie erst, wenn dies spätestens 24. März geschah! Durch Obiges ist der Beweis erbracht, daß die Ausrede mit dem schlechten Boden nichts taugt. Fiel aber die Flandernschlacht mit der Belows zusammen, statt 6., 4. A. töricht für Below zu schwächen, so wäre das Ergebnis der Märzschlacht im Norden unvergleichlich besser und auch gerade Belows Angriff glücklicher gewesen. Obendrein ist peinlich, sich zu gestehen, daß Lud. ursprünglich nur an Haighs Abdrängen nach Norden dachte; erst als Below verunglückte, klang die strategische Parole »Amiens« unter Einfluß des Kronprinzen. Wie hätte aber Below allein auf Bethune durchbrechen sollen ohne Beihilfe von Quast und Armin! Vermutlich hat Horne ausgiebig Byng unterstützt, da die Nordseite zwischen Scarpe und Lys damals gar nicht angegriffen wurde. Die Schlachtanlage war also durchaus verfehlt – wir sagen es mit Bedauern angesichts einer Größe wie Ludendorff –, denn daß Marrwitz über die Ancre Byng in die Flanke fallen könne, war unbegründete Voraussetzung, nicht durch ihn, sondern durch Quast mußte Below unterstützt werden, nicht aus Süden, sondern aus Norden, was viel größere strategische Folgen versprach. Übrigens war Vorrücken durchs verwüstete Gebiet schwieriger als durch die Lysniederung, ohne Hutiers Flankensieg wäre Marrwitz noch langsamer vorgekommen. Auch in der Lys-Ypernschlacht fochten die Unsern mit voller Siegeszuversicht, Überlegenheitsgefühl, unübertrefflicher Hingebung, der Kemmelsturm war eine Großtat vor allem der Bayern. Erst als der Truppeninstinkt mißtraute, die O. H. L. stehe diesmal wohl nicht auf der Höhe, stellte sich mißmutiges dumpfes Erstarren ein.

Als später die frische 7. A. zum Hauptstoß antrat, war sie erst recht von Siegeshoffnung erfüllt im Hinblick auf die Triumphe der Nachbararmee Hutier. Doch so glänzend deren Taten bis 5. April, muß ihr Stilliegen von da ab Verwunderung erregen. Gewiß, sie hatte große Anstrengung hinter sich, der Nachschub von Munition und Proviant vollzog sich schwer und langwierig, doch ein Monat sollte doch ausreichen, sich zu erholen. Die feindliche Kanonade belästigte arg, aber waren unsere Geschütze etwa müßig? Fochs Angriffe, die doch immer nur den Charakter von Teilhandlungen zwischen Oise und Avre trugen, können unmöglich den April überdauert haben, da Debeney einen Hauptteil nach Flandern abgab und Humbert nur mit Hilfe Rawlinsons seine bedrohte Linke aufrechthielt. Mindestens Ende Mai hätte Hutier gleichzeitig mit Boehn vorgehen müssen, seine sofortige Mitwirkung hätte den an sich gefährlichen Gewaltstoß über Aisne und Ourcq erleichtert und noch durchschlagender gestaltet. Der gleiche Mißgriff wiederholte sich: wie Quast bis 9. April statt Ende März, so zögerte Hutier bis 9. Juni statt Ende Mai, beides auf höheren Befehl. Hier fehlte der harte mitleidlose Wille des Feldherrn, den Moltke bei sich nach Königgrätz vermißte. Hier aber schadete die Verspätung doppelt. Mitte und wohl noch Ende Mai wäre man im Oisetal auf eine so dünne Front gestoßen, daß Foch Compiegne nicht halten konnte, und welche vernichtenden Folgen hätte dies für die franz. 6. A. gehabt, die so von ihrer Rückzugsbasis abgedrängt und vom Kronprinzen so ostwärts abgedrängt worden wäre! Als aber Hutier losbrach, hatte Mitry die Krise in Flandern beschworen und Foch bot jetzt Hutier wieder eine starke Front.

Wie dem auch sei, die Entente hatte wenig Grund zu Sicherheitsgefühl. 200 000 Amerikaner waren gelandet, doch erst Ende Mai konnten mehr landen; ehe sie aus den Übungslagern in die Schlachtreihe rückten, verstrich viel Zeit. Die engl. 5. A. kampfunfähig, alle andern außer Rawlinson erschüttert, die Franzosen sehr geschwächt, 127 000 Gef. 1600 Gesch. in deutschen Händen! Man tröstete sich, die Deutschen hätten 350 000 verloren, eine fiktive Summe, nur Below hatte durchweg schwer gelitten und von 208 d. D. im Westen (32 im Osten), wie Buat herausrechnete, waren laut gleicher Quelle nur 143 im Kampfe, was viel zu hoch gegriffen, denn von 12 d. A. waren bisher nur 5 verwendet. Rechnen wir 100 als ernstlich verbraucht, so ist Durchschnittsverlust laut allen Einzelangaben höchstens auf 250 000 zu schätzen, man verrechnete sich also um volle 100 000. Die Briten schlugen sich ungleichmäßig, mal heroisch, mal schlapp, die Franzosen überall gut, auch der Kemmelverteidiger General Breton machte uns zu schaffen. Doch Foch hielt die Aisnefront für unangreifbar und schwächte sie durch Entsendungen ins Avretal, obschon Erfahrung dafür sprach, daß der tapferste französische Widerstand stets dem ersten Anprall des Furor Teutonicus gehorchte und A. Boehn über starke Macht gebot. Die kommandierenden Generale Conta und Winkler traten von Hutier dorthin über mit Teilen ihrer Heergruppen, so daß Boehns Linie von West nach Ost die Gruppen Larisch, Wichura, Winkler, Conta, Schmettow umschrieb, 24 D. im ersten Treffen. Duchesnes Oststellung Berry–Malmaison war nicht so fest, wie sie aussah, wenn Deutsche stürmen, der Westflügel Chavignon–Vauxaillon am stärksten und von besten Truppen besetzt, die sich nachher im Pinonwald bis zur Vernichtung schlugen. Natürlich lag für Foch hier der Schwerpunkt, weil diese Flanke Compiègne im Rücken hatte und Debeneys Oisestellung deckte.

Vielleicht griff deutsche amtliche Berechnung zu hoch, daß die Briten schon bis 5. April eine halbe Million verloren hatten, immerhin verschwanden noch in den folgenden vier Wochen ganze Brig. wie die 90. oder Regimenter wie Chester von der Bildfläche, welche zunehmende Zerreibung der 1., 2. Bethune-Ypern A. freilich nicht dazu berechtigte, daß eine engl. D. sich nicht rührte, als 4 franz. D. das Kemmel-Massiv zurückerobern wollten. Was nie bisher geschah, der berühmte Kemmel war also gefallen, doch daß trotzdem Ypern fruchtlos von Armin umlagert wurde, spottet aller Begriffe. Der (zeitweilig in Italien kommandierende) Plumer hätte längst den Rückzug antreten sollen, aus dem ganzen Gebiet zurückgetrieben, das er im Vorjahr mit so vielem Blut gewann, doch daß er es nicht tat und dennoch vom Kemmel her nicht den Untergang fand, wer begreift das! Gelang es nicht, den beherrschenden Berg zurückzugewinnen, so konnte jeder verspätete Abzug nach Dünkirchen parallel zu Quast verderblich werden. 3 franz. D. verbluteten am Kemmel, besonders 20. K., viele Regimenter, z. B. 52., 146., 321., 402., waren Skelette, gleichwohl unterließen Fochs Reserven nicht, uns sogar bei Locre etwas zurückzudrängen. Quasts Einwirkung hatte nicht die nötige Kraft mehr, zumal unsere hergesandten Reserven jetzt nach anderer Stelle zur Aisne abflossen. Doch zerbrach ein neuer feindlicher Massensturm am 9. nordwestlich Kemmel, worauf badische (?) R. Regt, in wuchtigem Anlauf Dickebusch nahmen. Nichtsdestoweniger war der tapfere Feind nicht willens zu weichen. Durch gegenseitige Erschöpfung trat längere Ruhepause ein. Auch Below wagte nicht größere Unternehmung, Marrwitz keinen Gewaltstoß im Weichbild von Amiens. Längs Hutiers Front litten die Franzosen ungemein bei allen Gegenstößen, wobei auch schles. Königsgren. und brandenb. Leibregt. sich auszeichneten, doch wurde das brandenb. K. bald zur Aisne verschoben. Fochs 29., 133. sowie 2. Kür. D. waren vernichtet, Regt. 63, 90, 335 gab es nicht mehr. Immerhin tötete seine andauernde Kanonade uns viele Leute, obwohl auch neue Formen deutscher Minenwerfer sich bemerkbar machten. 3. franz. A. Humbert löste sich in die 10. auf, Petain legte schon auf 30 seiner 70 D. die Hand, Foch wohl auf 49 von 60 seiner R. A. Von »59« engl. 53 verbraucht? Die Ziffer beruht auf Irrtum, das engl. Heer hatte viel mehr Div. Auch so aber kommen inkl. Belgier und Amerikaner 140 D. heraus, d. h. die Zahl, deren Einsatz bis Mitte Mai man uns zuschrieb. Mit welchem Vergrößerungsglas man dabei sah, zeigt elende britische Prahlerei, ihre 14. sei erst von 40 d. D. zerschlagen worden!! Jedenfalls verblutete eine engl. D. nach der andern, immer mehr Franzosen mußten eingestellt werden. Anscheinend befanden sich schon am 1. April 178 britische, 50 franz., 9 stärkere amerikanische Brig. im Feuer, damals nur 80 d. D., wie später zugestanden. Warteten wir ruhig ab, bis der Feind sich ganz verbrauchte? Das hieß die Rechnung ohne Amerikaner machen. Eine ihrer D. war es diesmal, die überrascht und zersprengt wurde durch einen von Gallwitz zwischen Maas und Mosel eingelegten Vorstoß, um den Feind zu verwirren. Zu gleichem Zweck tobte, während Infanterieangriff pausierte und Mitte Mai deutscherseits ganz unterblieb, Geschützduell längs der weiten Front, wobei endlich Reims in Flammen aufging, zur Vergeltung der Zerstörung von Laon durch französische Granaten, die unser dortiges Quartier nicht dulden wollten. Damals machten engl. Marinetruppen auch Zeebrügge einen unliebsamen Besuch, wobei 4 Kreuzer, sehr viel Tote und die Befehlshaber auf dem Platze blieben. Die britische Admiralität erfand, daß zementbeladene versenkte Fahrzeuge jetzt die Kanalausfahrt sperrten, die U-Boote fuhren aber lustig ein und aus.

Die Entscheidung schien nahegerückt, noch wehte Deutschlands Siegesfahne. Die Entente behauptete erst, es werde gar keine neue Offensive erfolgen, dann wieder, es stehe unmittelbar bevor bei Amiens. Man tat ihr aber nicht den Gefallen, sondern zu allgemeinem Erstaunen ging ein neuer Siegeszug des Kronprinzen über Aisne und Marne weg.

V. Schlacht Aisne–Marne

I.

7. A. übernahm den Sektor Compiegne-Soissons, 1. A. Fritz Below die Strecke Berry–Reims in Richtung Fismes. Inzwischen erstarrte die Front Rupprecht und auch die Hutiers bis Juni in unheilvollem Stellungskrieg, der alles abwetzt und nichts einbringt. Deutsche Kanonade lag schwer auf den verbündeten Linien, doch deren Feuerschlünde waren auch nicht faul. Die bei Montdidier eingefügte 6. b. R. D. wirkte erst spät und nicht besonders mit, verlor aber schon bis 27. April auf 60 Off. nicht weniger als angeblich 3000 Mann (offenbar zu hoch gerechnet, vergl. das Verhältnis bei anderen b. Div.) Der Feind griff mehrfach den Brückenkopf westlich der Ancre an, während Marrwitz Ende April mit 13., 228. und G. Ers. Div. sowie wieder aus Ruhequartieren aufgescheuchten Bayern bei Castel-Hangard sich aufbauen wollte. Später wurde auch die in der Champagne stehende 14. b. D. (4., 8., 25.) hier herangezogen, 6. R. D. dagegen zur 7. A. an die Ailette zurückversetzt.

Sie hing sich dort am äußersten Westflügel dem gleichfalls dorthin versammelten Brandenb. K. an und folgte dem Angriff der Gruppe Larisch auf Laffaux, wo die 24er nördlich Vauxaillon der Hilfe bedurften. Diese ward ihnen durch die Bayern, die energisch vordrangen und links der 6. rechts 241. D. den Weg bahnten, ihre Batterien durch die Schützen des 396. Rgt. hindurch nah an den Feind bringend. Beim hitzigen Wetteifer der kronprinzlichen Truppen, der zum Wettlaufen wurde, kamen sie in unglaublich kurzer Frist den Damenweg hinauf, nach Soissons hinein, nach Berry hinunter, Aisne und Wesle schon am 30. überschreitend. Dies war in der Mitte (Gruppe Wichura) und am Ostflügel Boehns (Gruppen Winkler, Schmetten), wo zugleich 1. A. sich Reims dreiseitig näherte. Während die Mitte bis 4. Juni die Marne erreichte, hatte die Rechte bei Pinon und Vregny, dann bei Almont, Nouvron, Amblemy, Fontoise südöstlich Noyon erbitterte Gefechte, wobei 5. Brandenb. D. vorausging und die Bayern Front nach Westen nahmen. 6. R., 11. Würzb. Art. halfen dem kühn vorwärtsdrängenden 16. R. in vorderster Linie, verloren aber dabei 21 Off. 210 und ebensoviel Pferde, die jetzt defensiv verharrende Inf. 150 Off. bei nur 2100, was ihrem früher erwähnten Verlustverhältnis schreiend widerspricht. Amerikaner von der Avre, Afrikaner aus Paris brachte Foch pfeilschnell her, doch sie verfielen der allgemeinen Niederlage. Wie 6. R. D. am Rechten, so trug am linken Flügel der 7. A. die erst kürzlich aus Rumänien kommende 12. b. D. (26., 27., 28.) den Anlauf südöstlich Fismes am 31. Mai vorwärts, der leidenschaftlich voranstrebenden 7. R. D. folgend. Zusammen mit 28., 232. D. warf diese Gruppe Conta bis 1., 2. Juni den Feind bei Fère en Tardenois über den Haufen, erreichte Ch. Thierry und überschritt die Marne, im Anschluß daran Winkler und Wichura auf 25  km Breite. Übrigens traf am Westflügel auch 10. b. D. (16. I., 6., 8. R.) neben 1. G. D. am Ourcq bei Neuilly ein. General Larisch sah sich dort gesichert durch Einrücken der 9. A. (Gruppe Hofmann, Francois) über Carlepont. Bei der Windmühle Toutvent, wo einst Maunoury stritt, kam es zu scharfem Zusammenstoß mit Fochs Reserven, die gebrochen zurückgingen. Dies war aber erst am 12.

Nur 60  km vor Paris entfernt, sammelte der Kronprinz bis 6. Juni 65 000 Gef., 700 Gesch., die feindliche Mitte aufrollend. Da aber von Ypern bis Amiens unsere Angriffe längst aufhörten, behielt Foch die Freiheit, seine Reserven erneut von Nordost nach Südwest zu werfen. Daß Lud. die Verdünnung der Oisefront nach Mitrys Abzug nicht benutzte, bleibt unverständlich, sollte er es im Mai nicht bemerkt haben? Erst am 9. entlastete Hutier die weit vorgeprallte 7. A. durch Vorstoß bei Noyon. Gleichzeitig warf sich am 12. Boehns Mitte gegen den Großwald Villers Cotterets mit 34. Lothr., 11. b. (bei Laon aus Norden verladen) 45. Pomm., 50. Schles., 51. Rhein., Thür. R. D. Man legte es im Schlußjahr förmlich darauf an, alle Stämme in buntem Gemengsel zu vermischen, als ob damit die innere Einheit gefördert würde. 34. D. geriet schon südlich der Aisne mit dem Feind aneinander, 50. R. D. fand bei Laversine Widerstand, 45. siegte bei St. Pierre, die Bayern kämpften schwer bei Cutry und in der Coeuvresschlucht; Gasfeuer aus den Schluchten und heftiger Tankangriff am 15. setzten ihnen hart zu, Verl. 46, 2300, nach Soissons in Ruhequartier gelegt. Obschon sie allein 35 Batt. (16 schwere) bei sich hatten, die andern D. entsprechend, war der westwärts gerichtete Stoß verunglückt. Petains bedeutende Gegenwirkung mit neuen Reserven bannte Larisch vor Vie s. Aisne-Autrèches fest, Francois war noch nicht ganz heran, Hofmann trat zu Hutier über, unter dessen Befehlskreis an der Oise. Wichura eroberte zwar den Mühlbach vor Cotterets, Winkler die Chaussee Cotterets–Ch. Thierry, doch der Franzose behauptete den Großwald und man focht wie vor fast 4 Jahren bei Etrepilly–Neuilly–Oulchy.

Indessen blieb der sonstige Erfolg ungeheuer; der Feind verlor seine Eroberung von 1917 in wenigen Stunden, das ganze Gebiet, das er seit 40 Monaten innehatte, in 2 Tagen. Er wurde vom Damenweg in die Ailetteschluchten und über Vailly an die Aisne geworfen, der Rückzug kostete ungemein viel Menschen und Material, da Niederlage an einem Fluß sie verdoppelt. Auch F. Belows Mitte berührte schon in stärkerem Maße mit K. Wellmann die Vorstadt von Reims, 4 engl. D. wurden dort völlig überrannt, die Nordwestforts erstürmt. 50. engl. D., 22. fr. D. hörten auf zu bestehen, ihre Generale gefangen, ein fr. Korpschef fiel. Einsatz frischer Amerikaner wurde von Schmettow und K. Ilse abgeschmettert und Verbindung mit Conta bei Dormans aufgenommen. Am 9. breitete die neue Marneschlacht sich an beiden Ufern des Ourcqs bis Chateau Thierry aus. 8 alliierte D. waren schon am Damenweg zerschmettert, 21. (166 Off.) 61. fr. D. verloren, ferner an der Südwestfront allein 230 Off., 10 600 Gef. Vom 9. bis 12. erneut 327, 11 200 gefangen, von 1. Kür. D, allein 67, 2396. Gesamtbeute 190 000 Gef., 2300 Gesch. seit März.

Am 10. reifte Hutiers Entlastungsstoß aus und brachte 8000 Gef. Seine Front litt vorher stellenweise durch feindliche Teilstöße, doch läßt Einbuße der 3. b. D. bei Lassigny (50, 2300) seit deren Kampfeintritt vor 7 Wochen an einem Brennpunkt nicht auf großen Gesamtverlust der Defensivzeit schließen. Sobald Gruppe Francois d. 9. A. über Rampcel gegen Pontoise kam, ging dort die hierher verpflanzte 9. b. R. D, über die Oise nebst 4. Art. und setzte sich neben 223. D., rechts davon 202., 11. neben 11. b. D. Gleichzeitig focht Oettinger westlich Montdidier, die vom Alp. K. abgetrennte »deutsche Jägerdivision« hatte mäßigen Anfangserfolg, später größeren südlich Tiescourt, wo auch 11. schles. R. mehr erreichte, als dorthin verschobene 11. b., 202. D. bei Orval. Dagegen nahm man den so lang umstrittenen Reneaudberg. Dann räumte vor scharfem Andrang des 202. R. der Feind den Carlepontwald; Hofmanns Druck über Ribecourt machte Francois Luft bis zur Windmühle von Tracy; am 11. durchschritten in Hutiers Mitte Schlesier und Pfälzer siegreich den Matzgrund, 51er und 23er vorauf, doch bis 13. mußte man vor gewaltig verstärktem Widerstand das Feld räumen auch südlich Montdidier hatte Hutier so wenig Erfolg, daß er die Schlacht abbrach. 10. A. Mangin machte dort verzweifelte Flankenangriffe. Wieder verlor Foch viel Geschütze, 40 allein an die Pfälzer, seine wütenden Gegenangriffe kosteten eine Menge Menschen. Unser Verlust war auffallend gering, bei 9. R. D. nur 10, 300 (bei 3. b. D. 35, 1200); daß sie den Reneaudberg nahm, stimmt daher schwerlich; daß man sie auflöste und auf 6., 8. R. D. verteilte, ist kein gutes Zeichen. Hutier hatte diesmal nur einen zuletzt sehr beschnittenen äußeren Erfolg, sein Angriffsplan wurde verraten; wieder trat längere Stockung ein. Indem er und Boehn ihren Raum im Waldgebiet von Compiegne und an der Marne erweiterten, stieg die Gesamtbeute seit März auf 210 000 Gef., 2800 Gesch. Die Maischlacht allein kostete Frankreich 200 000, wovon 150 000 t. u. verw. Fayolles' Verteidigungsfront vor Paris zwischen Oise und Marne war schon früher, da sie noch die Aisne festhalten wollte, gelähmt durch unsern breiten Keil zwischen Luce und Oise-Aisnekanal. Jetzt standen die Bedroher schon nicht mehr »bei Noyon«, wie früher Clemenceaus Unkenruf und Stichwort hieß, sondern am Ourcq wie einst Kluck. Die A. Maistre war völlig zersprengt, besonders 8., 21., 25., 50., 52. engl. D., die fünf Divisionen Duchesnes bis zum Morin geflohen. Sobald Vorbrechen des ziemlich versagten Larisch (und der ersten Staffel 9. A.) über Folembray–Coucy–Amicy begann, schob Foch neugebildete A. Gruppen Mangin, Desgouttes, Mitry hinter Ourcq und Marne zusammen, während in der Champagne A. Berthelot zwischen Reims und Epernay A. Gouard sich vorbereiteten. Wo unsere 18., 9., 7. A. unter mehrfachem Uferwechsel konzentrisch zusammenstießen, lag der Knoten der Lage. Abbügeln seiner zerschlissenen eingebeulten Front blieb Foch vorerst versagt, er hatte vor Haigh nichts voraus.

II.

Als die zweite Schlacht an der Oise begann, stand Armee Hutier im Raum Montdidier–Noyon die Oise entlang, von wo sie über den Fluß ging und in Gegend Carlepont an Boehns rechtem Flügel sich anhing. Es galt den Gegner aus dem Gelände zwischen Noyon und Compiegne zu entfernen und den Winkel zwischen Oise und Matz zu säubern, von wo der Feind unbemerkt Angriffsmassen verdeckt ansammeln konnte. Oettinger ging am rechten Flügel westsüdwestlich vor, Webern auf den nach Roye führenden Straßen, Schöler im Matztal über Roye, Hoffmann von Lassigny auf Elincourt und Canbronne. Das 34. franz. Korps des Generals Nudent vor Noyon erwartete vorbereitet schon vier Tage lang den Angriff, die Artillerie Humberts war genau eingeschossen und fügte dem Korps Hofmann im Divettegrund ernste Verluste zu. Hinter den acht Divisionen des Vordertreffens standen zehn andere, die 3., 10. franz. Armee befanden sich in Überzahl. Nichtsdestoweniger erkämpfte Oettinger sogleich Boden über Rubescourt bis 10  km südwestlich Montdidier, bei Auteuil 6  km südwestlich Moreuil, Webern war am 10. bis über St. Maur und Mery hinaus, Schöler erreichte den Talgrund Matz–Aronde. Hofmann fand zwar den heftigsten Widerstand, warf aber bis 11. den General Nudent aus Ribecourt und Bethaucourt, etwa 7  km südwestlich Noyon. Doch die Kraft ließ nach. Mangins starker Gegenstoß gegen Hutiers Rechte blieb nicht erfolglos, nur der Höhenraum zwischen Matz und Oise in deutscher Hand. Am 12. setzte Hofmann seinen Vormarsch über die untere Matz fort, mußte aber vor sehr überlegenen Kräften Fochs ans Ostufer zurückgehen. Erneut verstrich seit 13. Juni eine sehr lange Pause fast kampflos, nur hier und da gelang den Alliierten ein mit großen Opfern erkaufter bescheidener Geländegewinn der Gegenstöße.

Staunenswert ist die rasende Schnelligkeit, mit der die deutschen Sturmmassen am 27. Mai nach kurzer heftiger Kanonade schon um halb 5 Uhr früh bis Missy ihren Siegeslauf durchsetzten, die Ailette überschritten, den Damenweg in seiner ganzen Länge erklommen und die Franzosen bis über die Aisne warfen, ohne daß den Fliehenden ein Zerstören der Übergänge gelang. Boehns Linke hatte abends die Aisne hinter sich, die Engländer von Corbeny über Berry ans Ufer der Vesle verjagt und bis Sappigneul verfolgt, wo die Rechte der Armee Fritz Below (Korps Ilse) eingriff. Hier war wieder wie so oft im Weltkrieg ein zentraler Durchbruch erfolgt, durch den alles nördlich Stehende der alliierten Linie im Rücken gefaßt wurde. Soissons selbst behaupteten die Franzosen noch bis 29., wo Wichura die Stadt erstürmte, über Fort Condé und Vregny–Vailly vordringend. Die Franzosen hatten auf ihrer Linken sich einen Tag länger als die Engländer gehalten, die sofort überrannt und weit über die Aisne und Vesle zurückgeschleudert wurden. Freilich darf man nicht übersehen, daß dies lauter im April abgekämpfte Divisionen waren, die man seltsamerweise nach der Aisne, wo man sich keines Überfalls versah, ins »Ruhequartier« verlegt hatte. Die kurze Ruhe kam ihnen teuer zu stehen! Foch warf zwar gegen den Angriffsflügel der 1. Armee zahlreiche Reserven vor, doch konnten bis 1. Juni die Nordwestforts von Reims nicht mehr gehalten werden. Boehns Linke drang über Fismes, Hauptquartier der alliierten Aisne-Armee, immer weiter südöstlich bis Dormans vor, während die Mitte und bisher etwas verhaltene Rechte ins nördliche Ourcqtal nachstießen. Dieser Sturmlauf von fünf Tagen über Ailette, Aisne, Vesle bis an Ourcq und Marne zählt zu den erstaunlichsten Leistungen des ganzen Weltkriegs. Überhaupt gehörte der Hauptsieg überall dem Kronprinzen. Das heben wir um so mehr hervor, als die Pariser Presse, die es stets auf diesen Heerführer abgesehen hatte, als ob sie ihn besonders fürchte und daher diskreditieren wolle, später beim Juli-Erfolg Fochs heulte: der Kronprinz habe jetzt zum zweiten Mal wie vor Verdun versagt, das eine so unwahr wie das andere. Die Operation stellte sich bisher völlig als strategischer Zentrumsdurchbruch dar und wir unterstreichen wiederum hier, daß der zentrale Stoß sich auch taktisch als erfolgreichste Form erwies.

Übrigens übte Wirkungsschießen deutscher Artillerie bei all diesen Erfolgen wenig Einfluß. Auch den ungestümen Einbruch Quasts in das morastige Kanalgewirr ging nur vierstündige Kanonade voraus, dem an der Aisne nur dreistündiger Feuerwirbel mit Vergasung und Minenexplosionen. Dynamik überraschend eingesetzter lebendiger Kräfte erwies sich überall dem »Materialkrieg« überlegen. Wenn französische und englische Chirurgen feststellten, 40–70% der Verwundeten seien durch Artillerie verletzt, so bezieht sich dies natürlich nur auf Schwerverwundete, bei denen chirurgischer Eingriff nötig! Das wildeste Trommelfeuer erzielte sonst keine entsprechende materielle Verlustwirkung. Selbst bei normaler Wertung hätten eine Million schwerer Geschosse in der Champagneherbstschlacht von 1915 allein etwa 25 000 Mann tot niederstrecken müssen, der deutsche Gesamtverlust erreichte aber diese Totenziffer nicht mal inkl. des Infanteriefeuers. –

Der Zweck des deutschen Angriffs war angeblich erreicht, fortan ruhten lange die Waffen, während hier und da zwischen Aisne und Marne oder bei Reims (18. Juni) und der Somme (4. Juli) örtliche Teilgefechte aufflackerten. Boehns Front wurde verstärkt, indem zwei neue Korps Watter und Etzel der 9. A. zwischen Aisne und Ourcq einrückten.

III.

Im Mai war die ganze Front stillgelegt, die Erschöpfung gegenseitig, doch Lud. hatte kein Recht zum Pausieren, wo es galt, des Feindes Verlegenheit zu benutzen. Denn taktisch schien trotzdem die Lage zufriedenstellend. Von den schon am 27. März zu Hutier nachrückenden 8 Res. Div. war nur die Hälfte gebraucht, außerdem 109. erwartet. Bei 2. A. waren noch ziemlich 3 Div. bei 17. A. noch 200., 204., 184. verfügbar, später 26. in Reserve zurückgetreten. Im Ganzen Mitte April noch 12 als »Angriffsdiv.« zu verwerten.

Die Behauptung, daß Belows Angriff »sich gegen eine schwache Stelle der feindlichen Front richtete« (Förster), wird durch die Erfahrung widerlegt, daher Ludendorffs Belehrung zweischneidig: eine Strategie, die nicht an den taktischen Erfolg denkt, »ist von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt«. Sehr wahr, so hat noch nie ein wahrer Stratege gedacht, die größten strategischen Denker waren stets zugleich die grimmigsten Taktiker, denn ihr Streben suchte ja stets die Vernichtungsschlacht. Eine solche aber gibt es nicht ohne strategische Standpunkte, sonst wird es »une bataille ordinaire« (Napoleon). Was wir strategische Taktik nennen, gebietet jede Operation nur nach ihren strategischen Folgen zu bemessen und Moltkes Wort zu verwerfen: »Ein taktischer Erfolg wird dem Feldherrn immer willkommen sein«. Durchaus nicht immer, wenn er die strategischen Absichten stört. Ludendorffs Direktive vom 20. März ist aber gerade taktisch tadelnswert, da ihre einzige strategische Absicht, nämlich bei Amiens durchzubrechen, durch anfängliche Schwäche der 2. und übermäßige Stärke der 17. A. und deren frontalen Einsatz keineswegs gefördert wurde. Es steht urkundlich fest, daß einzig des Kronprinzen Befehle für 18., 7. A. den großen taktischen Erfolg zu einem strategischen gestalteten. Die Stellungnahme Ludendorffs zu diesem Vorschlag ist aus den Akten nicht erkennbar (Förster), d. h. er griff ihn erst auf, nachdem der Erfolg dem Kronprinzen Recht gab. Die Weiterspinnung des operativen Gedankens, nach Süden auszufallen und so alle Reserven Fochs auf sich zu ziehen, machte er sich nicht zu eigen, wenigstens nicht in der unbeschränkten Form des Kronprinzen. Mit dem späteren völligen Stillegen Hutiers erklärte dieser sich offenbar nicht einverstanden und veranlaßte wenigstens endlich im Juni neues Vorgehen, diesmal sehr richtig mit der Gruppe Conta auf Compiegne und der Mitte über Noyon. Daß Lud. nach Festrennen von Quast und Armin jetzt darauf verfiel, sich hauptsächlich der Heeresgruppe Kronprinz zu bedienen und deren Angriffsvorschlag für die Aisne zuzustimmen, scheint reine Verlegenheitskonzession. Denn mit so durchschlagendem Erfolg konnte er nicht rechnen, er wollte nur neues Zersplittern der Foch'schen Reserven versuchen und dachte wohl damals schon an seinen Reimser Plan. Der erneut durch den Kronprinzen geschaffene Druck südwärts als Zentrumsstoß, der zwischen Montdidier und Marne, d. h. zwischen Paris und Reims hindurchfuhr, war seinem Denken fremd. Und doch hätte er seine Pläne jetzt völlig umgruppieren und neu orientieren sollen, nachdem sich herausstellte, daß auch im Norden bei Ypern infolge seiner Verzögerungen nichts mehr zu holen sei. Dorthin hatte er Weniges aus Hutiers Front herausgezogen, sonst ihn nicht geschwächt, so daß er durchaus zu weiteren Angriffen fähig gewesen wäre. Truppenerschöpfung? Seltsame Ausflucht nach bisheriger Erfahrung! Schlugen nicht die Sieger von Tannenberg acht Tage später in Masurien, nach Lodz an der Bsura, nach Dunajec am San und nicht lange darauf noch heftiger bei Lemberg? Die Sieger von Charleroi bei St. Quentin, die Erstürmer von Antwerpen an der Yser, die aus furchtbaren Septemberkämpfen losgelösten 6., 2., 1. A. an der Westfront im Oktober? Und dies nach aufreibenden Märschen oder Verladungen! Focht man in Arras- und Champagneschlachten, bei Verdun, an der Somme nicht ununterbrochen gegen gewaltige Übermacht, schlugen nicht die im November bei Cambrai zurückgedrückten Teile Belows im Dezember den Feind aufs Haupt? Hier aber handelt es sich um unangefochtenen Siegeslauf Hutiers gegen keine oder unerhebliche Übermacht. Muß man daraus folgern, daß die Truppengüte sich am Kriegsende bedeutend verschlechterte? Wir glauben nicht. Solche Klagen sind uralt, Friedrichs Heer entbehrte immer mehr der Veteranen, »bei Prag fielen die Säulen preußischer Infanterie«, doch es folgten Roßbach und Leuthen auf Kollin, Liegnitz und Torgau auf Hochkirch und Kunersdorf, in Sieg und Niederlage kämpften die Kantonsrekruten und eingestellten Überlaufer gleich gut, gerade die Niederlagen waren Ruhmestage preußischer Tapferkeit. Ebenso klagte Napoleon über Schlechtwerden seiner Heere, doch 1809 stritten sie mindestens so gut, wie bei Auerstädt – Eylau – Friedland, 1813 unter den Augen des Kaisers bei Lützen und Leipzig noch heldenhafter als bei Borodino, obschon er seine jungen Milizen »Hundsvötter« schimpfte, 1814 taten seine Milizen Wunder in verzweifelter Lage. Bei Lee's Milizen merkte man kein Nachlassen bis zuletzt trotz Hoffnungslosigkeit der Gegenwehr, Gambettas Milizen schlugen sich teilweise besser als die meisten Korps der kaiserlichen Troupiers. (Denn wenn sie bei Wörth jede Erwartung übertrafen, so sind bei St. Privat ganze Brigaden ausgerissen, und außer K. Ladmirault – nicht dem gepriesenen K. Canrobert – leistete man nur Notdürftiges.) Logik: ein Heer wird nicht schlechter, sondern besser durch die Macht der Gewohnheit, dem Ersatz flößt sich bald die gleiche Atmosphäre ein. Und wäre es nicht beschämend, daß drüben die Verbündeten unter höchst mißlichen Verhältnissen, wo noch viel mehr »alte« Kämpfer weggerafft, sich tapfer bis zum Ende hielten?

Nun, es stand ja sicher nicht so, Hutiers Truppen befanden, sich sicher in guter Stimmung und konnten gar nicht an besonderer Aufzehrung leiden, weder Verlust noch Anstrengung und Kampf waren ungewöhnlich hart gewesen. Wenn diese stärkste Armee nirgends mehr entscheidend eingriff und auch ihr kurzer Angriff am 10. Juni erlahmte, so hat man sie von oben her mit Zweifel angesteckt, die Truppen aber ihr Vertrauen zur Oberleitung verloren. Man versprach zu viel, der feindliche Widerstand verdutzte, nach so glücklichem Anfang. Es muß gesagt werden, daß ein innerer Wurm an diesem letzten Heere Deutschlands fraß, das unter so glänzenden Aussichten sich von Frühlingssonne bescheinen ließ. Der »gemeine Mann« fühlt instinktiv, da der Instinkt des Heeresgeistes besonders in einem Volksheer wunderbar fein derlei herausspürt, daß etwas »faul«, »nicht richtig« sei. In welcher meuternden Unzufriedenheit und physischer Herabgekommenheit fand Bonaparte die »Armee von Italien«! Doch großer Feldherrnwille ringt auch unzulänglichen Elementen der Menschennatur Unglaubliches ab. Dieser feurig belebende Geist, der einst bei Hindenburg-Ludendorffs erstem Aufflammen alle Glieder der 8., 9. A. durchzuckte, wo war er hier? Ein erkältender Hauch schlich um, Mißtrauen in der Oberleitung sachgemäße Berechnung. Es war berechtigt. Auch der Nordangriff krankte an dem Gemisch von Zögern und Überstürzung, der diesmal alle Maßregeln kennzeichnete, er war zuerst verspätet und jetzt verfrüht. Wollte man ihn schon am 9. April loslassen, so hätte man schon früher als 4. bei Amiens-Montdidier ablassen sollen, um genügende Kräfte nach Norden zu schieben. Quasts und Armins Angriff begann nur mit 21 Div. Man hätte sogleich die hinter Hutier und Marrwitz aufgehäuften Reserven und die erst viel später aus der Kronprinzenfront entsendeten 9 dorthin senden sollen, doch letztere kamen viel zu spät, auch 5 D. Belows, 1 Marrwitz (25.) erst nach und nach hierher. Die 30 engl. D. zu Neujahr bei Ypern waren wohl nicht wesentlich verringert; Foch hatte, wie er Mitte April glaubte, so viel Reserven zu schicken, als er wollte! Die Kräfte glichen sich also mehr als aus und der Kemmelgewinn bleibt eine deutsche Großtat. Daß aber Armins Heldenscharen, die vorigen Herbst so Unsägliches aushielten, auch nicht nach Vertreibung der verbündeten Artillerie aus ihrer alten Hochburg bei Ypern Meister gingen, bleibt verwunderlich. Nachdem erkannt, daß keine Überwältigung mehr möglich war, hatte man aber wenigstens den Trost, möglichst viel Reserven Fochs dorthin gelockt zu haben. So schlecht alle bisherigen Angriffe außer bei Moreuil ineinandergriffen, war der äußere Achtungserfolg ein immer noch erfreulicher und Buats Kritik, als ob schon jetzt die ganze Offensive aussichtslos, ist eine vorwitzige après coup.

IV.

Wie Quast am 9. April bei Armentières das Portugiesenkorps, so zerstäubte Boehn überfallartig die 6. franz. A. Nach franz. Darstellung so überraschend, daß eine Weile der Weg bis Provins ins feindliche Hauptquartier offenstand. Solche »Lücke« scheint eine Lieblingsvorstellung der Ententekritiker und wirft ein übles Licht auf ihre Abschätzung geschlagener Truppen. Wenn die Franzosen aber wirklich in Panik bis an die Seine zurückrannten, so hätte der Kronprinz allerdings schon im Juni bei Meaux-Rebais-Montmirail stehen und von dort entweder auf Paris oder dem Rücken der Feindstellung Reims-Champagne drücken können. Dann ist aber vollkommener Widerspruch, daß die Ententekritiker ihm umgekehrt sein späteres Vorgehen über Ch. Thierry zum Vorwurf machen als Verletzung natürlicher Grundsätze. Wieso denn? Erstens ist jene absolute »Lücke« kaum glaublich, bei aller Feldflucht wird De Maistre doch an der Marne einigen Widerstand geleistet und am Gr. Morin seine Trümmer gesammelt haben. Nichtsdestoweniger wäre sofortiges Nachstoßen allerdings aussichtsreich gewesen und, wie man den Kronprinzen kennt, hat er dies wohl auch befürwortet. Doch ebenso abwägend als kühn durfte er sich nun zweitens nicht blind stellen für Fochs Flankenstellung bei Compiegne, erst nach deren teilweiser Beseitigung am Ourcq konnte man gefahrlos ins Morintal hinabstoßen. In solchem Falle ist aber drittens reine Phrase, daß der Kronprinz nicht angesichts des Gegners über die Marne gehen sollte. Besannen sich etwa die Verbündeten im September 1914 dies zu tun, trieben sie nicht auch später oft ihre Scharen über die Aisne gegen vorbereitete Stellungen, gelang nicht im Sommer 1917 den Briten der Kanalübergang bei Ypern trotz konzentrischer Kanonade? Was die können, können Deutsche noch allemal. Gleichwohl wird niemand billigen, daß eine so lange Pause verstrich und Foch sich nun südlich der Marne neu aufbauen konnte. Auch hier war zweifellos Lud. das retardierende Element, da wir ja Gleiches aus früheren langen Pausen kennen.

Alle Ententekritiker sind sich längst darüber klar, wie sehr dies getrennte Nacheinanderangreifen die Wurzel des strategischen Mißerfolgs in sich trug, weil kein Erfolg auf den anderen zeitlich und räumlich rückwirkte. Man schützt vor, daß Umgruppierung von Artillerie, Munition, Fliegern auf verschiedene Punkte große Schwierigkeiten machte. Für geregelte Lage mag solche Methodik passen, hier aber war eine gespannte, wo man auf Nebendinge nicht achten durfte. Etwas mehr oder weniger Vorbereitung hätte die Überraschung des Aisneangriffes nicht verhindert, übrigens verdankte Hutier seinen Märzerfolg nicht besonderer Artilleriearbeit, denn damals war die schwere Artillerie ja auch wesentlich Below zugeteilt. Es ist die gleiche Geschichte wie mit dem verspäteten Flandernangriff. Wäre dieser Ende März, d. h. 18 Tage früher gleichzeitig mit dem sonstigen des Pr. Rupprecht erfolgt, so wären die Nachteile der Witterungsverhältnisse zehnfach wettgemacht worden durch das harmonische Ineinanderfließen des kombinierten Angriffs von 5 statt von 3 Armeen. Byng hätte dann nicht ausgiebig unterstützt werden können, Belows schwere Verluste wären ihm erspart geblieben. Wer greift frontal an, wenn eine Flankenwirkung wie hier durch Quast möglich ist! Aber nur feste druff, unnötigen Raum erobern, immer hübsch taktisch denken, Strategie ist für Ölgötzen bei der Studierlampe! Es besteht nicht der kleinste Zweifel, daß bei Angriff der 4., 6. A., Versagen der 17., von Haus aus Verstärken der 2., sofortiger Linksziehung nach Südwest nicht nur Amiens genommen, sondern ein allgemeiner taktischer Sieg von noch viel größerem Umfang errungen worden wäre. Ohne des Kronprinzen rechtzeitiges Abdrehen Hutiers nach Süd-Südwest dürfte Lud. sich heute nicht »seines« März-Sieges rühmen, es wäre kompletter Mißerfolg gewesen. Wäre 17. A. auf mindere Stärke herabgesetzt, dagegen 6., 4. genügend stark gewesen, so war gerade das Ergebnis nahegerückt, was L. wünschte: Aufrollen nach Norden. Griff Byng an, wozu er schwerlich im Stande war, um den Druck von 2., 6. A. auf Bapaume und Lens zu mildern, so waren Belows Brave Mannes genug, ihn zu fesseln. Das zeigten sie nachher, als sie am längsten von allen sich zwischen Cambrai und Valenciennes behaupteten. Selbst das mangelhafte Ergebnis der Märzschlacht brauchte aber den durch Hutier erzielten mehr noch strategischen als taktischen Gewinn nicht zu mindern. Gewiß wäre es erwünscht gewesen, den Bahnknotenpunkt Amiens in die Hand zu bekommen, rein taktisch war aber Amiens nichts weiter als eben eine Bahnstation. Der Besitz von Moreuil und Hangard genügte, um die unter Kanonade liegenden Bahnstrecken unbefahrbar zu machen und zu Transportumwegen zu zwingen. Trennung der Briten von den Franzosen war ein politischer Gesichtspunkt von geringem militärischem Wert, die strategische Hauptsache vielmehr, daß überhaupt ein Zerschneiden der Feindesfront stattfand. Das geschah durch Hutiers Aufstellung an Avre und Südoise genügend, sie unterbrach die Ost- und Nordfront der Verbündeten, flankierte in der Luftlinie zugleich Amiens und Aisne. Bei solcher Bewandtnis hätte sich Lud. kurz resolvieren sollen, fortan die Front der 2., 17. A. als bedeutungslos zu betrachten. Verlust von Amiens zog Bedrohung von Paris nicht dringender nach sich als Vorstoß bei Semlis-Creil, deshalb wäre richtiger gewesen, von jetzt ab den Stoß ganz südlich zu richten, höchstens Scheinangriffe an der Ancre fortzuführen, die den Feind bis zur Anhäufung übermäßiger Kräfte beunruhigten.

L. sagt denn auch, daß er »den so überaus schweren Entschluß« faßte, »den Angriff auf Amiens endgültig einzustellen«. Das trifft indessen nicht zu, denn noch am 24. April wagte Marrwitz einen nutzlosen Versuch. »Es war einwandfrei erhärtet, daß der feindliche Widerstand stärker war als unsere Kraft.« Dies soll sich auch auf 18. A. beziehen, kam aber nur für deren Rechte in Betracht. Blickt man auf frühere Schlachten zurück, stimmt solches Bekenntnis peinlich. Doch sahen wir nicht, daß schon Bülow bei Charleroi, Mudra bei Longwy ähnlich dachten und sowohl die Spannkraft ihrer Truppen als die Zerrüttung des Gegners unterschätzten. Am 26. März sprach ein Kriegsrat im Beisein von Lloyd George schon über Räumung von Paris! Trotz allem »eisenharten« Willen Fochs ist schwer zu glauben, daß man im April nirgends mehr ordentlich nach Süden vorwärts kam, zumal erwiesenermaßen noch viele Reservedivisionen intakt waren. Förster spricht von deren Übermüdung durch Bahnfahrt und schlechte Unterkunft! So weit war es mit den Überwindern jeder Unbill in Rußland, bei Ypern, in der Winterschlacht gekommen? Griffen nicht schon 1870 wiederholt Truppen unmittelbar nach Gewaltmarsch ein? Tatsächlich hatte man sich zu entscheiden, ob man ganz im Süden oder ganz im Norden gewinnen wolle. Letztere Operation war schon verpfuscht, die Reserven standen alle südlich, 15 Div. mehr (siehe früher) an der Lys konnten nichts Großes entscheiden, ein nördlich kombinierter Angriff von 17., 6. A. blieb aus, Belows fruchtloses Anpacken von »Mars« (nördlich der Scarpe) schreckte ab. Mag man über dies alles denken, wie man will, so mußte doch der in seiner Größe überraschende Aisnesieg, würdiges Seitenstück zu Hutiers Erfolgen, jedem Zweifel ein Ende machen. Hier war durch unerwartete Entwickelung der Entschluß gegeben, fortan nur noch im Süden sein Heil zu versuchen. Schulter an Schulter mußten Hutier und Boehn diesen gewaltigen strategischen Zentrumstoß erweitern. Die stürmische nachhaltige Tapferkeit der Truppen hätte das übrige getan. Dazu gehörte aber eine volle Umgruppierung, d. h. Verdünnung der zwecklos festgerannten Massen der 2., 17. A. Zum großen Ärger Prinz Rupprechts gab Lud. zwar weitere Offensive nach Westen auf und beschränkte sich auf passives Verharren in der eroberten Stellung, verfiel aber auf den unglückseligen Gedanken, sein Licht an zwei Enden anzuzünden, indem er jetzt auch zwischen Reims und Ripont angriff, doch keineswegs Massen der 2., 17. A. herauszog, um den Südangriff zu verstärken, sondern in gleicher Formierung vor der feindlichen Ostfront stehenblieb. Ein weiteres Anbrechen der Nordfront nördlich und südlich der Lys hätte jetzt nur noch Zurückbiegen Haighs nach Dünkirchen veranlaßt, was vielleicht die Amiensstellung entblößte, doch bei jetziger Lage, wo man auf Amiens verzichtete, nichts Erkleckliches bedeutet hätte. Es war also geboten, von der ganzen Front Rupprechts alles wegzunehmen, was über reine Defensivfähigkeit wegging, dagegen nicht nur die 7. A. aufs äußerste zu verstärken, sondern auch die 18. zu erneutem energischem Vorstoß auf Creil-Compiegne reif zu machen. Es ist nicht ersichtlich, daß irgendetwas davon geschah, jedenfalls lag 18. A. so still wie 2., 17., ohne ihre Massen entsprechend aufzulösen und ganz auf 7. A. zu übertragen. Ganz selbstverständlich mußte der französische Angriffswinkel bei Cotterets jetzt zerdrückt, Fayolle durch 9., 7. A. in der Flanke aufgerollt werden, was bei starkem Losbruch Hutiers auf Compiegne wie am Schnürchen gegangen wäre. Des Kronprinzen Vorgehen über Ch. Thierry traf also das richtige, gemeinsame Handlung der 7. und 18. A. war das natürlich Gebotene. War Boehn entsprechend groß aus 2., 17. A. verstärkt, behielt er ja noch Kraft genug, über Dormans-Epernay der Reimsarmee in den Rücken zu fallen. Dagegen erscheint Einems Angriff in der Champagne als sehr verfrüht, er diente nur dazu, den Feind auf neue Verteidigungslinie zu treiben. Strategischer Erfolg war hier nur denkbar, wenn Armee Gallwitz als selbständiger Operationsfaktor stark genug gemacht und zu Vorstoß über die Maas bereit wurde, vereint mit gleichzeitigem Druck Mudras durch die Argonnen. Doch davon keine Spur. Jedenfalls gebot jede Vorsicht, den Reims-Plan zu verschieben, bis man nördlich Paris reinen Tisch machte.

Laut Wright verlor Haigh seit 20. März bis 1. Juni 387 000 (19 000 Off.), davon im März 173 700 (8840 Off.), nie seien Briten in solchen Schwaden niedergemäht wie bei diesem »größten deutschen Sieg im Weltkrieg«, »das kleine Häuflein der Überlebenden (!) schwebte am Rand des Verderbens«, »Berechnungen wurden angestellt, ob es möglich sei, den Rest (!) der Britischen Armee nach England hinüberzuretten.« Offenbar nur die zunächst betroffenen Teile bei obigen Ziffern gemeint und Gefangene alle ausgelassen, außerdem unmögliches Offiziersverhältnis 1:20, wahrscheinlicher 587 000. Da die Verluste der Franzosen im April-Mai denen der Engländer wenig nachstanden, müssen die Verbündeten seit 20. März die ungeheure Zahl von 1 Million Tote und Verwundete eingebüßt haben, die deutsche Vermutung war nicht zu hoch, sondern zu niedrig. Der Sieg bei St. Quentin war laut Wright der größte, der je in Frankreich (über Engländer) erfochten. Indessen ist richtig, daß die Angriffswucht gegen Amiens abnahm und die 2. A. umsonst versuchte, von Albert aus nördlich zu umfassen. Below, dessen neuer Angriff erst am 6. April begann und sogleich stockte, nachdem 18. A. schon ihren glänzenden Sieg erfocht, aber zum Stillstand kam, war festgerannt. General Buat behauptet, Ludendorff hätte richtiger den Hauptangriff über Lens verlegen sollen, um nordöstlich Abbeville die Engländer in zwei Stücke zu zerschneiden und so auch Amiens zu bedrohen. Wir betonten von jeher, daß deutsche Offensive längs der Lys stets das strategisch Richtige gewesen wäre, jetzt aber änderten die Verhältnisse sich sehr, die Engländer standen mit großen Massen bis Roulers und ein Stoß auf Lens – den wir nie empfahlen – war jetzt einigermaßen gefährlich, selbst wenn er ähnlich gelungen wäre wie bei St. Quentin, was wir stark bezweifeln. Buat meint, St. Quentin als Ausgangspunkt des Angriffes sei doch von Amiens sehr weit entfernt, eine falsche Unterschiebung, denn nur Hutier griff dort an, nicht Marrwitz, der nordöstlich davon gegen Westen antrat und aber nicht rasch genug vor Amiens gelangte. Die dortige Gegend ist sehr verteidigungsfähig und die Franzosen verlegten mit stets neuen Reserven den Weg. Wir glauben, daß Marrwitz anfänglich nicht seine ganze Macht entfaltete, so daß Foch Zeit behielt, sich vor überraschender Überrennung zu verwahren. Daß eine solche glücken konnte, zeigt Hutiers gewaltiges Vordringen. Übrigens machte in der Wüstenei der zerstörten Zone der Verpflegungsnachschub bei Marrwitz und wohl auch Below zu schaffen, weshalb die Wahl, südlich von St. Quentin auf Noyon anzudrehen, sich von selber für Armee Hutier empfahl. Wir können Buat um so weniger beipflichten, als alle Vorteile eines glücklichen Zentrumstoßes sich aufdrängten, sobald Hutier über die Somme am linken Oiseufer aufwärtsdrang. Als Teile Boehns, sich dies zunutze machend, am linken Oiseufer vorgingen, geriet die ganze französische Linie ins Wanken.

Buat spricht von einer besseren mittleren Stoßrichtung, indem er Below als Zentrum auffaßt, vergißt aber, daß die zusammenhängende Front des Kronprinzen und des Prinzen Rupprecht ihr Zentrum in Hutier hatte, der rechts und links unterstützt werden konnte, was bei Below nicht so der Fall war. Daß Ludendorff den Angriff sonst im April südwärts einstellte, kann an sich nicht getadelt werden. Denn die Truppen bedurften dort nach so großer Anstrengung einiger Ruhe. Dafür verlegte er jetzt den Stoß zur 6., 4. A. im Norden. General Quast setzte sich rasch in Bewegung und erreichte bald genug Bailleul, die Portugiesen auseinandersprengend und die englische Ypernarmee flankierend, die schon am 12. vor Armin bis Ypern wich. Nur rechtzeitig per Bahn abgeladene französische Reserven setzten der Aufrollung ein Ziel. Auch dies war ein großer, doch nicht entscheidender Erfolg. Obwohl 53 englische Divisionen verbraucht waren, wehrte Haigh sich noch zwischen Bassée-Bethune und in einer Art Brückenkopf nördlich der mittleren Lys und trommelte in England die letzten Ersatztruppen zusammen. Lloyd Georges Erinnerung an Waterloo zeigt, wie schwarz man sich die Lage malte. Die Hälfte aller französischen Kräfte war gleichfalls verbraucht, hätte L. besser disponiert. Marrwitz' Stoß aufs äußerste gefördert, den Belows unterlassen, bis er ihn mit dem Quasts und Armins kombinieren konnte, so war Entscheidung da. Die deutschen Verluste seien bisher erstaunlich gering gewesen, wird offiziell gesagt und Einzelquellen bestätigen es. Besonders die Gasgranaten hatten den feindlichen Widerstand anfangs überall schnell gebrochen. Indessen schienen jetzt auch 4., 6. A. vorerst abgekämpft. Das sonstige Gefecht blieb stationär zwischen Arras–Amiens–Montdidier. Buat behauptet, Ludendorff sei zu wenig sparsam mit seiner Infanterie umgegangen, wir sehen jedoch kein Anzeichen für zu verschwenderische Ausgaben der Angriffsdivisionen. Starke Reserven waren nötig, den Angriff fortzusetzen, aber B. empfiehlt ja selbst, L. habe neue Angriffe gegen andere Stellen beginnen sollen, um die letzten französischen Reserven dorthin zu locken.

Das tat er denn auch an der Aisne, wo die französische Front dünner und nur durch abgekämpfte englische Divisionen ergänzt war. Auch das geschah auf Antrag des Kronprinzen. Der Erfolg gab ihm Recht und die Betrachtung Buats, daß man auf solchem Wege nicht der Entscheidung näher rückte, machen wir nicht mit. War es denn eine Kleinigkeit, die Zentrumlücke derart zu erweitern, daß man zwischen Ourcq und Ch. Thierry unmittelbar Paris bedrohte? Allerdings war ein so großer Erfolg nicht vorauszusehen. Jedenfalls mußte aber dieser neue unvermutete Angriff die Reserven Fochs aufsaugen und so seine Front Amiens–Bassée schwächen. Wir sehen also keinen Unterschied zwischen dieser und der von Buat vertretenen Taktik. Gewiß sind wir der letzte, das Übergewicht des Strategischen über das Taktisch« zu leugnen, und ein Durchbruch bei Amiens oder Castel hätte den strategischen Zweck verfolgt, die Engländer von den Franzosen zu trennen und die Bahnbeförderung der Amerikaner lahmzulegen. Aber das ewige »wenn« setzt eben voraus, daß dieser Durchbruch damals, wo Foch seine ganze Hauptmacht in dieser Richtung vereinte, schon möglich war. Marrwitz' Kampf gibt aber dafür keine günstige Vorstellung. Ob dieser Vorstoß kürzer gewesen wäre, als der frühere im März und April, bedeutend kürzer als das folgende Vordringen des Kronprinzen, oder ob man dort eine noch nicht gefestigte Linie ohne rückwärtige Einrichtung traf, warum konnte dann die allmählich verstärkte 2. A. nicht durchdringen, nachdem Marrwitz vermutlich den richtigen Anfangsaugenblick zögernd verpaßte? Sollte man etwa neue Massen auf beschwerlichem Weg dorthin werfen? Auch dann blieb Erfolg zweifelhaft. Da kann man L. nicht verdenken, daß er lieber einen sicheren taktischen Sieg an anderer Stelle suchte und sich erneuten Angriff der 2., 18. A. für später vorbehielt. Ernster freilich klingt die Frage, warum er bis Ende Mai pausierte, auch im April wesentlich nur 6., 4. A. fochten, während es dringend in seinem Interesse lag, den größten Märzsieg schleunigst auszubeuten, ohne daß die Verbündeten sich erholten und neue amerikanische Reserven anlangten. Jede stichhaltige Begründung bleibt L. uns schuldig. Die Truppen waren gehobenen Mutes und man konnte von ihnen damals noch viel erlangen. Da man sie aber mit der Hoffnung bezauberte, ein großer Sieg werde raschen Frieden bringen, mußte das plötzliche Stilliegen nachteilig auf ihre Stimmung wirken. Das alte Unkenlied: Zu spät! gellt uns auch hier in den Ohren. Ende April hätte der Aisneangriff mit der frischen A. Boehn viel schneidendere Folge gehabt. Nahm man schon damals Spuren moralischer Zersetzung bei den bisherigen Angriffsheeren wahr? Das wird bestritten, jedenfalls wurde nichts offen bemerkbar und Fortsetzen erfolgreichen Angriffs war das sicherste Mittel, dem vorzubeugen. Wartete man auf großen Munitionsersatz? Alle Schäden, unter denen ein Sieger leidet, macht der Besiegte dreifach durch, die Verbündeten befanden sich nach eigener Aussage in furchtbarer Zerrüttung und staunten über Nachlassen deutscher Angriffe. Was immer er zur Rechtfertigung vorbringen könnte, diese April-Mai-Pause bei 17., 2., 18. A. wird ihm wohl nachträglich das Gewissen beschweren, denn unter allen Umständen war Beschleunigung der Offensive geboten. Doch erst Ende April erhielt der Kronprinz Befehl, sich vorzubereiten. Seine Aufgabe war schwerer als die bisherige der anderen Heere, denn ob auch schwächer besetzt, war die französische Stellung längs dem Damenweg und Bergwald von Reims viel stärker als anderswo. Die Vorbereitung nahm ungebührlich viel Zeit in Anspruch, der Kronprinz soll der Angriffsrichtung widerstrebt haben. Sicher wäre es auch richtiger gewesen, vorerst nicht am Damenweg anzurennen, sondern nur mit Boehns rechtem Flügel in Richtung Compiegne vorzubrechen, was längst im April hätte geschehen sollen. Diesen allein vollberechtigten Tadel äußert Buat nicht.

Komisch klingt aber seine sachliche Schmähung, das deutsche Heer hätte nur noch leichte Angriffe durchführen können, keine auf gut bewachte Fronten, unfähig auch zu ruhiger stoischer Verteidigung, man habe ihm nur so noch den Glauben an Siegmöglichkeit einflößen dürfen. Rechnen wir an, dies sei wahr, in welchem Zustand befanden sich da wohl die Verbündeten! Sie waren in der Tat zu keiner Verteidigung mehr fähig, das bewies der unerhörte Sieg des Kronprinzen. Denn es ist wirklich unerhört, in einem einzigen Anlauf das ganze Plateau des Damenweges zu nehmen und erst bei Ch. Thierry haltzumachen, während Fritz Below bis in den Westrand des Reimser Bergwalds drang. Dieser trat jetzt 1. A. an Mudra ab und übernahm 9. A., die neu umgruppiert aus K. Woyna, Watter, Staabs, Hofmann bestand. Bei 7. A. treffen wir nicht mehr Larisch, dafür K. Schöler (Hutier), Kathen (Marrwitz), Borne (Below). Es waren also 3 Heergruppen von anderen Heeren losgelöst, eine in Reserve ausgeschieden. Die Deutschen standen wieder fast so weit südlich wie in den Tagen vor der Marneschlacht. Daß Hutier keinen zeitlichen Zusammenhang mit Boehns Vorsturm erstrebte, verspätet durch Fochs starken Gegenangriff zum Stehen kam, war sehr unerfreulich. Jene Gleichzeitigkeit der Angriffe, auf welche Joffre stets so großen Wert legte, hielt L. sie für unnötig oder vermochte er nicht, sie durchzuführen? So hatten jetzt 9. A. und K. Winkler und Schöler die peinliche Aufgabe, die von Hutier noch nicht gesicherte rechte Flanke zu decken mit Front nach Westen, während Kathen, Wichura, Conta, Schmettow, Borne östlich und südöstlich gerichtet, eine unangenehme Lage. Nördlich schlossen K. Ilse und Lindequist an, während Mudras K. Gontard (von Marrwitz) und Langer nebst K. Krug, Endres, Hohenborn, Kleist in der Champagne Einems Angriff vortragen sollten. Daß man jetzt das Gewicht wieder weiter weg an andere Stelle verlegte, wäre an sich noch nicht fehlerhaft zu nennen, wie nachher unberufene deutsche Kritiker den Angriff auf Reims sogar als Todsünde ausschrieen. Durch Verrat deutscher Überläufer war dem Feind bekannt geworden, daß die Armeen Boehn, Fritz Below, Einem zu neuem Angriff ansetzen wollten. (Armee 5 östlich von Einem wird wohl irrig mitgerechnet; sie scheint vorerst nicht mitgewirkt zu haben.) General Gouard schickte sich an, unter elastischer Aufgabe seiner Vorderlinie auf Prosnes–Perthes zurückzufallen, während Berthelot zwischen Marne und Reims dem Feind den Zutritt in den »Reimser Berg« zähe verwehren wollte. Es standen 40 französische, 12 andere alliierte Divisionen bereit, den Anprall aufzufangen, der sich wohl konzentrisch auf Chalons richten sollte, ein Teil Boehns jenseits der Marne auf Epernay–Montmirail. Die Hauptmacht sollte südlich der Vesle zusammengedrängt werden, wobei die Gefährdung der rechten Flanke durch Mangin zwischen Aisne und Ourcq, durch Desgouttes zwischen Ourcq und Marne zu wenig berücksichtigt wurde. Die Offensive konnte diesmal nicht gelingen und wurde deshalb bald eingestellt, so daß am 25. Juli der angeblich schon am 16. eingeleitete und am 18. begonnene Rückzug über Fères en Tardenois fortgesetzt wurde. Da vier Wochen früher die Armeen Hötzendorf und Boroewic gegen Italien eine gründliche Schlappe davontrugen, war dieser deutsche Mißerfolg doppelt unwillkommen.

VI. Zweite Schlacht a. d. Marne. Dritte
Champagneschlacht.

I.

Der in breitem angelegte vierte Akt des Offensivdramas war keine Früh- sondern verspätete Nach- und deshalb Totgeburt. Endlich am 15. Juli kam diese neue deutsche Offensive ins Rollen, diesmal ohne jede Überraschung, da der Feind schon Tage vorher die nicht verheimlichten Vorbereitungen bemerkte. Nichtsdestoweniger blieb der Erfolg scheinbar auch diesmal den Deutschen treu. Die Armeen Einem und Mudra nahmen bis 16. die ganze erste Verteidigungslinie der Armeen Berthelot und Gouard zu beiden Seiten des sogenannten Reimser Bergs und erreichten in der Champagne die nördliche Nachbarschaft von Souain und Perthes über Prosnes und Auberive. Heftige Gegenstöße unter schwersten Verlusten beeinträchtigten nur wenig den Gewinn. Wohl aber das auf die absichtlich geleerten Vordergräben eingeschossene Artillerfeuer. Hier mußte 8. B. D. zurückgezogen werden. Boehns Mitte überschritt auf 20  km Front die Marne und schuf sich am Südufer sofort einen ausreichenden Brückenkopf von drei  km Tiefe, die Linke stieß am Nordufer entlang ins Ardretal. Der Feind wich noch weiter über Condé. 22 Divisionen (Berthelot, Italiener, Engländer) wurden nacheinander geschlagen, hier wie in der Champagne 5  km gewonnen. Allerdings wurde Boehns Rechte durch einen Gewaltsturm französischer und drei amerikanischer Divisionen der Armee Desgouttes wieder ans Ufer zurückgedrängt, seine Mitte aber drang noch zwischen Dormans und Brie weiter bis Savièresbach vor und die Linke bei Chatillon–Belval behauptete sich zunächst im schwierigen Kampfe. Gegen die Unsern am Südufer und die Marnebrücken, von Feindfeuer überschüttet, griff die »Manövrierarmee« Mitry plötzlich ein. Die Pariser Presse erging sich wieder in lächerlichen Fabeln über riesige deutsche Verluste, an einem Tage sollten »15« Divisionen 60 000 verloren haben, wobei man eine 7. und 9.  Gardedivision erfand, was zweifellos 7., 9. Armee heißen sollte, Garden und Brandenburger machten sich in dieser neuen Schlacht dem Feind besonders bemerkbar. Schmettow, Borne, Ilse drangen tief in den Reimser Bergwald ein, am Südufer Conta und Wichura durch Busch und Moor 10  km vor Epernay. Leugnen läßt sich nicht, daß zwar die Armeegruppe Mitry bis 17. durchbrochen wurde, dann aber allgemeine Offensive Fochs entschieden Vorteile errang. Ein scharfer Stoß Mangins am 18. gegen Boehn längs der Aisne vor Compiègne und südlich der Marne konnte, so schwer er die 9. A. bei Fontenoy und Torcy traf, obschon vom Flügelk. Woyna abgewehrt, doch immer noch die Auswirkung des neuen Keils anfangs nicht verhindern. Am 20. schien die Lage noch ziemlich leidlich für die neueroberte Linie, eine Angriffspause trat scheinbar nur ein, um die Artillerie über die Marne heranzuziehen. Mangin trug seinen Tankschrecken unter Gewitter und Nebel durch mannshohes Korn doch nur 4  km weit, reine Überfallmache. Man bedurfte übrigens gar keines Trommelfeuers bei Boehn, um die tiefgestaffelte sorgsam vorbereitete Vorderstellung zu überrennen, wobei wiederum reiche Lebensmittelvorräte erbeutet wurden, außerdem über 20 000 Gefangene! Leider schoß auch Maistres (Chef der A. Mätry, Berthelot, Gouard) Art. tiefgestaffelt, eine Stellung hinter der andern. Da der neue Angriff sich von Chatillon bis zu den Argonnen 90  km ausbreitete, wäre der Einsatz von angeblich 50 deutschen Divisionen (Pariser Angabe) gering, während Foch all seine noch vorhandenen Reserven hier ansammelte. Tatsächlich begann jetzt der Hauptkampf mit feindlicher Übermacht, wobei sechs amerikanische Divisionen längs der Front verteilt. Infolgedessen müßte man anderswo auf geschwächte Linien getroffen haben, sobald Ludendorff andere Entscheidungspunkte gesucht hätte. Tatsächlich wurden englische Divisionen von der Lys herangezogen. Erneut entbrannte der Kampf nunmehr seit 21. auf der Front der Armee Mangin und der französisch-amerikanischen Gruppe des Generals Desgouttes sowie weiter im Osten der Armee Mitry. Längs der Straße Cotterets–Soissons scheiterten nach anfänglichem Gelingen alle Angriffe Mangins viermal. Die Gruppen Watter, Staabs, Winkler, Schöler machten ihre Überrumpelung wieder gut, die noch frischen K. Hofmann und Etzel eilten herbei. Indessen war man doch genötigt, die südlich der Marne aufgebauten Truppen unbemerkt ans Nordufer zurückzunehmen. Fruchtlos fegten Fliegerbomben und Trommelfeuer den Wasserspiegel, der ans Ufer rennende Verfolger traf nur zerstörte Stege und von Condé her platzende Granaten, die ihn verscheuchten. Der Feind mochte dies als Erfolg auffassen, aber man begreift, daß angesichts des Höchstmaßes der vorgeführten Massen Fochs ein Verweilen am Südufer nicht tunlich war. Wir setzen dabei voraus, daß keineswegs die Absicht bestand, eine Generaloffensive durchzuführen, sondern nur durch den Keilstoß die ganze Aufmerksamkeit des Feindes dorthin zu lenken. Die eigentliche Absicht war, westlich, und östlich von Reims in Richtung Epernay und Chalons einen Bruch zu üben, hierdurch den Reimser Berg zu isolieren.

Die französische 8., 40., 51., 124., 132. Div. verloren dort an Gefangenen gleich anfangs rund 8350 (8. am meisten), die 8. italienische 3680. Dazu kommen bis 17. abends an anderen Stellen noch 5500 französische, 250 italienische, 233 amerikanische, Summa 18 000 (410 Off.). Da bis 19. noch mehrere Tausend hinzutreten, kann auch Fochs Vorrücken an der Marne nirgendwo durchschlagend gewirkt haben, während auf der von Noyon über Soissons–Villers Cotterets–Neuilly südwärts laufenden Zwischenlinie nur einige Höhenwellen südwestlich Soissons von Foch errungen wurden. Die neue deutsche Linie Condé–La Chapelle südlich der Marne hätte schwerlich schon die Kraft besessen, sich weiter südlich zum Morintal vorzubauen. Es kam lediglich darauf an, dem Feind solchen Durchbruch vorzuspiegeln. Immerhin zogen die Franzosen am 21., 22. in Chateau Thierry wieder ein, wo die K. Kathen und Etzel sich besonnen unter schmerzlichen Blutopfern aus ihrer Winkelklemme loslösten, nachdem Boehn die Südwestecke des Angriffskeils und den südlichen Brückenkopf aufgab, und behaupteten 20 000 Gefangene erbeutet zu haben. Bei Hartennes und Thierry brach sich das Nachstoßen an einer Posener und einer Hannoverschen Division. Moralische Schlappe? Nur in Meinung der Entente. Es ist möglich, daß viel Gefangene verloren gingen (angeblich am 22. neuerdings 6000) und 700 Gesch. stehen blieben, aber die lächerliche Angabe, Armeegruppe Gouard habe beim ersten deutschen Vordringen am 15. nur 4000 Mann verloren, zeigt die geringe Glaubwürdigkeit solcher Ziffern. Wenn behauptet wird, der deutsche Rückzug über die Marne sei rechtzeitig bemerkt und mit »riesigen« Verlusten begleitet worden, so widerspricht dies so sehr der ausdrücklichen deutschen Darstellung, daß hier wirklich einer von beiden kraß gelogen haben müßte. Übrigens schrumpften obige angeblich 50 Divisionen in späterer Ententemeldung auf 30 ein, denen sich 7 Reservedivisionen am 21. zugesellt hätten! Später hieß es dann wieder, der Kronprinz habe 54 Div. in der Front gehabt. Lauter Widersprüche. Zugleich erfolgte aber Warnung der Pariser Presse vor Armee Hutier, die auf neuen Angriff lauere. Dieser mußte umso wirksamer werden, je mehr Foch seine Massen ostwärts gegen Soissons verausgabte. Am 22. mußten zwei amerikanische Divisionen kampfunfähig aus der Front gezogen werden, ebenso die 57. Marokkaner Division. Allerdings war jetzt die Lage Boehns schwierig, doch die Fochs mußte sich umsomehr verschlimmern, wenn Hutier in seinem Rücken vorstieß! Beiläufig konnte Fortsetzen des deutschen Angriffs über Chateau Thierry strategisch nicht mehr ernstlich beabsichtigt sein, da von dort Bedrohung von Paris längs der mittleren Marnesehne kaum möglich war. Nichtsdestoweniger schwelgte die Ententepresse in überschwänglichen Zukunftshoffnungen und prahlte eine »zweite Marneschlacht« aus. Tatsächlich stand das Gefecht der Armee Berthelot östlich von Reims keineswegs günstig für die Franzosen, Armee Mitry westlich davon hob zwar den Druck auf Epernay auf, dem sich auch Armee Einem schon halbwegs näherte. Erst am 23. besetzte Berthelot freiwillig geräumte 7  km. Denn Boehns Linke hatte bei Dormans nachgeben müssen und nach dem südlichen wurde auch das nördliche Marneufer zuletzt völlig geräumt, wo Contas Nachhut bis 27. Mitrys Marneübergang hemmte. Armee Desgouttes befand sich im Nachstoßen bis 27. am Ourcq. Solange aber Armee Mangin (diesen General finden wir bei Kriegsbeginn als einfachen Brigadechef, wie auch den Generalissimus Petain) nicht bei Soissons durchdrang, war an ernste Gefährdung Boehns nicht zu denken.

Die deutscherseits angeblich beabsichtigte Abnutzungsschlacht kostete jedenfalls dem Feind riesige Opfer, wobei er wieder seine Schwarzen schlachtete und Äquatorien entvölkerte; der deutsche Verlust kann unmöglich sehr groß gewesen sein. Wenn Clemenceaus »freier Mann« feststellte, die Deutschen hätten seit 20. (!) eine Million Mann verloren, so fragt man nach so wahnwitzigen Märchen, was dann überhaupt noch von französischen Siegesangaben zu halten sei. Am 23., 24. kam die Schlacht zum Stehen, wie sogar Ententekritiker kleinlaut eingestanden, obschon General Fayolle als Leiter des Kampffeldes zwischen Aisne und Marne den Angriff sogar auf Stellungen der Armee Hutier an der Avre ausdehnte. Diese blieben erfolglos, ohne daß Hutier aus seiner beobachtenden Ruhe kam. Fochs Absicht schien zu sein, da er westlich Soissons Brücken über die Aisne schlagen ließ, Boehn von Westen her aufzurollen, während seine anderen Massen aus Süden in Richtung Fismes westlich von Reims vordringen sollten. Es kam jedoch zu nichts. Einen Augenblick schien es, als ob er eine innere Naht auftrennen werde, als er bei Villemontoire eindrang. Dies währte aber nur kurze Zeit, ein Gegenstoß warf ihn zurück. Große Tankgeschwader hatten nur vorübergehenden Erfolg, und wurden zusammengeschossen. Deutsche Fluggeschwader störten empfindlich die Zufuhrstraßen, was ihnen freilich die Ententeflieger ähnlich vergalten. Die deutschen Etappenwege besonders am Damenweg waren spärlich und beschwerlich, die französischen ungleich besser, was bei Artillerieverschiebung besonders ins Gewicht fiel. Dennoch flaute Fochs Offensive ab, die Opfer waren übergroß. Die amerikanische 2. Division wurde vernichtet, Amerikaner und Italiener ergriffen mehrfach die Flucht, solches Würgens ungewohnt. Schon waren auch englische Divisionen in der Champagne verbraucht worden und England war höchlich unzufrieden mit Fochs Offensive. Seine Sorge hieß natürlich Calais, während Foch nur darauf brannte, Paris zu decken. Aus solchem inneren Zwiespalt der Interessen konnte nichts Gutes keimen.

Einen peinlichen Eindruck machte freilich der besondere Zwischenfall, daß ehrlose deutsche Überläufer mancherlei über deutsche Pläne verraten hatten. Die Kriegsmüdigkeit führte hier zu psychologischen Ermattungssymptomen, die bisher im deutschen Heere unbekannt blieben. Die »Manövrierarmeen« Mitry und Mangin trugen jetzt den Hauptkampf, Gouard und Berthelot waren abgekämpft, Desgouttes furchtbar mitgenommen. Vor den Korps Watter, Winkler, Etzel verbluteten am 24., 25. alle weiteren Angriffe Mangins. Mitry suchte südwestlich Reims vorzudringen, doch Mudras Rechte leistete harten Widerstand. Die Alliierten hatten hier auch zwei italienische Divisionen und Teile des »Kolonialkorps« sowie Bataillone Senegalneger außer den französischen Massen. Die Italiener waren bald abgekämpft, Engländer traten in die Lücke, ebenso südlich Soissons. Die Artillerie spielte auf der ganzen langen Linie, angeblich litt 1. Gardekorps schwer, doch sind das lauter Ententebehauptungen. Von den 800 Tanks, die anfangs vorfuhren, blieben sehr viele zerschossen liegen. Aber den Wald von Cotterets, wo Mangin seine Sturmscharen verdeckt angesammelt hatte, drang er wenig hinaus und längs dem Ourcq waren die Fortschritte nicht wesentlich. Oulchy le Chateau behauptete Boehn immer noch, der Feind überschritt nur den Bach von Nanteuil. Im ganzen kam die Gegenoffensive Fochs nur 5  km weit, nur an einzelnen Stellen 15  km, welch ein Gegensatz zu dem deutschen Raumgewinn! Zuletzt wurde freilich Oulchy genommen, doch blieben immer noch deutsche Teile zwischen Marne und Ourcq, Fayolle gab lange jede Hoffnung auf, bei Soissons durchzudringen. Die Kämpfe nördlich von Dormans führten anfangs nur zu Raumverlusten Mitrys und Desgouttes', ein Angriff Berthelots vom Bergwald her erstickte. Gerade bei Mangin müssen die Verluste später grauenhaft gewesen sein, Bereitschaftsstellungen wie in der Mulde von Croissy faßte das deutsche Vernichtungsfeuer mit furchtbarer Wirkung. Desgouttes' Amerikaner fielen in Masse vor Tardenois, das die Garde bis 30. festhielt, erst am 2. August hatte Mangin das planmäßig geräumte Hurtennes, an dem er sich fünf Tage lang die Zähne ausbiß. Jetzt erst zogen Chasseurs des Generals Guillemont in Soissons ein; die Deutschen lagerten verschanzt hinter Aisne und Vesle zwischen Vregny und Fismes. Schon begann das Siegesgeschrei in Paris zu verstummen, schon erhoben sich neue Stimmen für baldigen Frieden.

Foch hatte bisher 52 französische, 5 alliierte und später noch 3 englische Divisionen zur eigentlichen Offensive eingesetzt und diese offenbar ständig vermehrt. Daß 54 oder gar 60, ob auch schwächere, deutsche hierdurch zurückgedrängt seien, ist natürlich unmöglich, das Zahlenverhältnis muß sehr zugunsten Fochs gelegen haben. Wahrscheinlich rechnete man Reserven mit, die noch gar nicht im Kampfe standen. Nur in diesem Sinne stimmt, daß »62 D. in Bewegung waren« (Bayr. Kr. Arch.). Auch sickerte durch, Prinz Rupprecht habe 100 Divisionen in der Front und dahinter noch große Reserven!

Jedenfalls war die ganze französische Hauptmacht abgekämpft unter Verlusten, die teilweise wohl sicher denen jener Nivelleschen Schlächterei Mitte April 1917 gleichkommen, wo das 1. Korps bei Craonne zwei Drittel, das 7. bei Brimont-Reims zwei Drittel an einem einzigen Tage einbüßten für Gewinn von ein paar Kilometern. Da aber die neue österreichische Offensive an der Piave gescheitert war, so hob sich in Italien der traurig gesunkene Mut, auch langten dort amerikanische Verstärkungen an. Aber es war den Alliierten nicht geheuer dabei, man erwartete neue Offensive unter deutschem Kommando. Die russischen Verhältnisse waren zwar immer noch verworren, immerhin besänftigten sich die polnischen und sonstigen Überpatrioten in den Randstaaten, Ukraine und Krim konsolidierten sich als deutsche Schutzstaaten. Die gegenrevolutionären Putsche in Moskau verliefen übel, von Ermordung des deutschen Gesandten Mirbach und des Exzaren begleitet. Nur die tschechoslowakischen Überläufer und Gefangenen führten einen Bandenkrieg, zu dessen Nährung in Sibirien die Japaner und Chinesen einige Hilfstruppen vorrücken ließen. Es scheint, daß die deutschen und österreichischen Gefangenen, seit lange bewaffnet, auf Seite der Bolschewiki dort kämpften. An der Murmanküste bei Archangel nisteten sich gelandete Ententetruppen ein, ohne daß rote Garden sie vertreiben konnten. Es fiel also Deutschland die Aufgabe zu, gemeinsam mit Finnland diese Küste zu besetzen; Ermordung des Feldmarschalls Eichhorn in Kiew bewies, wozu die Söldner der Entente fähig waren. Jedenfalls blieb die Ausdehnung unserer Okkupation zu weit gedehnt, da sich sogar im Kaukasus deutsche Truppen befanden.

Armee Boehn nahm bis Anfang August eine Verstärkung ihrer Front vor, was zu allerlei Nachhutgefechten führte, wobei Ost- und Westpreußen sich auszeichneten. Bis 3. August machten die Franzosen einige Fortschritte auf der Straße Dormans–Reims sowie im Tardenois. Unser Gefangenenverlust seit Ende Juli stieg angeblich auf 40 000, was sich aber bald auf 35 000 in späterer Meldung verminderte. Eine gewisse Niedergeschlagenheit bemächtigte sich vieler Flaumacherkreise im deutschen Publikum und die Verhältnisse in Rußland schienen sich zu verschlimmern, zumal die Japaner nun endlich ihre Intervention in Ostsibirien in Szene setzten. Aber noch wachten Hindenburg und Ludendorff über Deutschlands Schicksal und die gefürchteten neuen Schläge hoben an, wie Haigh glaubte. Es war hohe Zeit. Denn die Amerikaner landeten mit Macht. Foch soll hier nach deutscher Angabe 1½ Millionen Streiter aufgeboten haben, was etwa 100 Divisionen nebst Artillerie entsprechen würde und daher zu viel erscheint, da sonst nur etwa 90 alliierte Divisionen auf der ganzen übrigen Front bis Arras verfügbar geblieben wären. Daß er davon neuerdings zwischen 10 und 20 % verlor, ist glaublich, da er sehr schwere Verluste hatte, »150 bis 200 000« ist zu wenig, aber sie dürften doch wohl unter »300 000« betragen haben. Die allzu hitzigen sechs amerikanischen Divisionen verloren 32 000, also wohl relativ am meisten. Die französische Sanität versagte wie gewöhnlich. Nur der berühmte Überfall bei Cotterets war spottwohlfeil gewesen, wohlfeil auch in anderer Hinsicht. So unerfreulich für deutsche Truppen, denen man solche Seitenstücke zu »Athis« oder »Beaumont« nicht zugetraut hätte, zumal sie selber sich warnten, der Großwald stecke voll Franzosen, verschwor sich die Natur selber gegen uns. Hochkircher Nebel und Regenschleier a. d. Katzbach vereinten sich, Donner übertönten das Prusten der Tankwalzen, nur diese unberechenbaren Zufälle ermöglichten Mangins Erfolg. Ludendorffs eigene Einbußen hielten sich in mittlerer Höhe und schränkten sich beim Rückzug immer mehr ein, wie die Gegner zuletzt kleinlaut zugestanden, nachdem sie wieder mal von enormen deutschen Verlusten gefabelt. Nimmt man Differenz von 2. b. zu 11. b. zur Grundlage (700:4000), so betrug der Verlustdurchschnitt wieder nur 2500 pro D., also 175 000 auf 70 ernst fechtende D. einschließlich Gef., bei denen viel Schipper, in Getreidespeichern versteckte Grippekranke und Überläufer, mit der Waffe in der Hand ergaben sich nur wenige. Der letzte Rückzug über Fismes kostete nicht einen einzigen Mann! Besonderes Lob erwarben die Lastkraftwagen, die kolonnenweise allen Schießbedarf und Proviant herbeitrugen, da die Bahnlinie hinter der Aisne spärlich und im eroberten Gebiet zerstört. Schwere Artillerie traf schon bald in der Vorderlinie ein, sie war ohne Einbuße über die Aisne zurückgeschafft. Die Armee Mitry (am Kemmel durch amerikanische Ersatz-Divisionen abgelöst) folgte äußerst vorsichtig, Berthelot kam kaum vom Fleck, die Armeen Desgouttes und Mangin bezeichneten ihr Fortschreiten am äußersten linken Flügel durch eine endlose Blutspur, alle Kornfelder lagen voll Leichen. Daß jene allein gefährlich schienen, bewies das Herumschwenken eines großen Teils von Boehns Artillerie, die anfangs ostwärts (Richtung Epernay) feuerte, nach Westen. Das Ganze ergab sich nach dem ersten Taumel als ein »Sieg«, dessen die Entente nicht froh werden konnte. Indessen hatte Hindenburg auch am Avretal und an der Ancre bei Albert eine rückwärtige Frontverkürzung angeordnet. Alles wies darauf hin, daß sein Hauptstoß wieder an der Lys und Yser erfolgen werde, wo seit so lange nur heftige Artillerietätigkeit herrschte. Zur Hebung der gedrückten Stimmung in Deutschland mußte etwas geschehen, zumal wöchentlich neue amerikanische Divisionen landeten.

Aus den Klagen über französische Sanität geht hervor, daß die Schlächterei groß war. Nun sind tatsächlich nördlich der Marne 47 französische, 8 alliierte Divisionen eingesetzt worden, zu beiden Seiten von Reims 18 französische und 3 alliierte, zusammen 76, während möglichenfalls 24 andere in Reserve blieben. Daß man letztere aufsparte und Foch hauptsächlich die Bundesgenossen opferte, wird allseitig berichtet. Die »schwarzen« Divisionen litten hier noch mehr als die Amerikaner, die zwei italienischen wurden kampfunfähig. Rechnen wir also sehr niedrig für etwa 30 Angriffsdivisionen nur ein Drittel Verlust und für alle übrigen 46 nur je 2500, so kommt ein Verlust von 265 000 für die Julischlacht heraus, was wohl stimmen wird, da auch die Kavallerie litt. Diese sollte wieder mal »verfolgen«, wurde aber im Reimser Gebiet bei solchem Versuch in alle Winde zerstreut, auf dem Weg nach Soissons konnten zwei Kav. Divisionen dem Befehl zum Einhauen nicht nachkommen, durch Kanonade gefesselt. Das taktische Ergebnis war keineswegs erfreulich für Foch, den man zum Marschall beförderte. Die Manöver Mangins und Mitrys hatte er gut geleitet, wie auch Ludendorff anerkannte. Doch im Grunde hatte er nur erheblichen Raumgewinn – von südlich der Marne bis Fismes in der größten Tiefe 40 Kilometer – äußerlich erzielt, die Deutschen in eine bessere Verteidigungslinie zurückgetrieben, deren Verkürzung ein Dutzend Div. freimachte.

II.

Im Einzelnen nahmen die Kämpfe einen eigentümlichen Verlauf. Bei 3. A. war jetzt das Münchner K. unter General Endres südwestlich Sommepy vereint neben 30. Els. D., hier donnerten 41 schwere Batterien, 240 D. folgte als Rückhalt. Obschon die 15er den Kirchhof von Souain eroberten und 9. Art. auf der Tahurechaussee unerschrocken auffuhr, blieb die 2. fr. Linie unangetastet, Einbringung von 500 Gef. erkaufte das K. mit 2200 Verl. Bei Navarinfarm hielten Einems 88. und Garde Kavallerie-Schützendivision mit Mühe aus gegen die Front des fr. 21. K. (3, später 5 D.), auch hatten 30., 228. D. und die hierher versetzte 7. R. D. bei Massiges nur Anfangserfolge. Bei 1. A. erreichte ebensowenig 15. b. D. (30., 31., 32.) an der Römerstraße Reims–Prosnes, obschon auch hier 7. Art. sich heroisch weit vorn ins Feuer setzte und 203. D. vordrang. Links davon vermochte 3. G. D. nordwestlich Prosnes nicht durchzudringen. 8. b. R. D. kam nicht zum Aufmarsch, auch nicht b. Ers. D. bei Vaudesincourt. Bei Moronvillers wagte Mudra in nächsten Tagen noch Angriffe, doch die tapfersten scheiterten wie die der Ostpr. 1. D. an Straße St. Hilaire-Souplet. Möglichste Anwendung der Feuerwalze – schon am 9. achtstündiges Trommeln – fruchtete wenig, obschon Batterien der hierher verschlagenen 49. württ. Art. bis zu 1400 Schuß täglich verfeuerten. Es war ein Glück, daß Einem von vornherein mit Einstellen des Angriffs rechnete.

Bei 7. A. versuchten 195., 223. sowie 12. b., 22. D. sich bis 18. im Grund von Charmoise ohne bleibenden Erfolg. Dagegen überschritten 23., 36., 113., 200. und 1. G., 6. b. R. D. unter günstigen Gefechten die Marne bei Passy, wobei nur sächsische und westpreußische Teile auf entschlossene Gegenwehr stießen. Kanonade und Flieger bestrichen die rasch geschlagenen Notbrücken, taten aber nicht allzuviel Schaden, als man langsam und ruckweise bis 20. wieder ans Nordufer ging. Der Feind drängte nach, ohne Vorteile zu gewinnen. Leider kann man dies nicht vom rechten Flügel sagen, gegen den Foch jenen schweren Schlag führte. Ihm war verraten worden, daß Ludendorff schon am 16. die Masse seiner schweren Art., Minenwerfer und Flieger nach Flandern absenden wollte, da er glaubte, durch Abbrechen des Angriffs zwischen Reims und Marne hier vorläufig des Feindes ledig zu sein. Amtlich wird behauptet, daß alle Reserven Fochs jetzt ganz in diese Richtung gelockt waren, um so mehr hätte man vorsichtig sein sollen. Indem so Teile unserer Front schon von Material entblößt, ging Foch am 18. an den Höhen westlich Ch. Thierry und am Cotteretsforst zum Angriff über. Am Ourcq kommandierte das G. K. der 9. A. bis zur Oise, hier lagen 10. b., 40. D., 79. R. D., weiterhin zur Aisne 11. b., 42., 241. D. Mit angeblich mächtigen Tankmitteln überrannten Marokkaner die Saarbrücker, die Bayern an der Missyschlucht sahen sich im hohen Korn von erdrückenden Franzosenmassen überrumpelt, Kampfwagen und tiefliegende Luftgeschwader machten ihren heroisch ausharrenden Batterien ein Ende, von denen nur 2 zu 300 Gesammelten sich retteten. Die berühmte D. hörte auf zu bestehen, verlor aber im Ganzen doch nur 100, 4000, wohl meist Gefangene. Als sich der Qualm auf der Hochfläche verzog, sah man, daß Brandenb. und Lothr. 34. D. den Feind wieder abschmetterten, wiederholte stark angelegte Stöße bis 21. Juli brachten den Angriff nicht Soissons näher. Man übertrieb später maßlos auch deutscherseits den nur an einer Stelle tiefen Einbruch, die 9. A. war in Unordnung gebracht, doch nicht erschüttert. Sie widerstand auch bei Neuilly mit 10. b. D. südlich des Ourcq, mit 45. R. D. bei Billy, mit 40. D. bei St. Albin, mit 6. b. R., 51. R. D., wobei 236. R., 16. b. R. die Flanke deckten. Ein Teil b. 20. R. Art., 17. F. Art. ging verloren, die b. Rgt. schmolzen auf je 150 Gew. im Zusammenhalt, viele müssen sich unters 236. verkrümmelt haben, das noch am 22. den Feind abwies, denn 10. b. D. verlor seit 4. Juni doch nur 80, 2800. Als 76., 78. R. D., alte Russenbesieger, bei Oulchy die Bayern ablösten, hatte man General Mangins Stoß auf Soissons endgültig abgeschlagen. Auch an der Marne hielt sich 7. A. noch lange zwischen Thierry und Belval. Auf der Reims-Champagnefront konnten die 5 dortigen b. D. aus der Front gezogen werden und traten zur 7., 9. A. über, nur 8. R. D. zur 1. A. in endlosem Fußmarsch von Armentieres hergeführt in Ablösung der 86. D. bei Nouilly. Hier hatte sie am 20. bei Villersfarm ein nicht ungünstiges Gefecht gemeinsam mit 1. D., welche Kerntruppe bis 26. auch grade keine Vorteile errang. 86. D. hatte hier keinen leichten Siegergang wie am Narew, ihr 344. wurde vernichtet.

Im Westen ließ Foch nicht nach, am 25. wurden 33., 45. R. D. und 3. Ers. D. bei Nanteul und Oulchy zurückgedrückt, ohne sonstigen Nachteil zu erleiden. 1. G. D., 6. b. R. D. bewachten den Feind in neuer Stellung nördlich der Marne, zu letzterer stieß 6. R. wie 8. R. zur 15. D. und 16. I. zur 11. D., denn 10. D. ward ebenso aufgelöst wie 9. R. D., um so die bösen Lücken jener 3 D. auszufüllen. Ein Rückschlag, doch keine Niederlage, auch kaum bei Mangins Überrumpelungsstoß. Auf H. B. geben wir nichts, doch wenn heute deutsche Generale ihm widersprechen und dortige Lage düster malen, so schließt man aus späteren Kampforten, daß Fochs Raumgewinn nicht viel bedeutete. Einige D., besonders 11. b., worüber Hertlings Sohn in seinen Memoiren klagt, waren übel zugerichtet, die Fronten der 9. A. aber im Ganzen festgeblieben. Nur sie litt stark, 7. A. an der Marne nicht übermäßig, 1., 3. A. (siehe geringen Verlust der Bayern, wo 2. D. nur 700 verlor) nicht erheblich. Hier sind legendäre Gerüchte haltlos. Freilich ging es dort so bunt durcheinander, daß 8. b. R. D. auf der Ostseite herausgelöst und an die Westseite geschoben wurde. Dies geschah zwar unterm Einfluß feindlicher Kanonade, doch wurden im Osten eben Kräfte entbehrlich, weil nur im Westen die Hauptchampagneschlacht tobte. Dort hielten Reiterschützen der Garde Kav. nur mit Beihilfe der frisch eingesetzten unermüdlichen 7. R. D. am 25. kaum noch die »Bayernhöhe«, doch standen noch im Aug. 88., 228. D., 247. Art. südlich Chaussee Tahure–Sommepy, 22. R. D. bei St. Marie nebst 287. Art., ein Tankgeschütz (zur Abwehr gegen Kampfwagen ausgeschieden) der 49. Art. feuerte sogar noch von Arlonhöhe (Buttesouain). Man behauptete also noch die ganze ehemalige Champagnestellung, was zur Beurteilung der wahren Lage nicht vergessen werden darf. Zur Gruppe Py stießen noch 7., 20. D.

Als 7. A. am 27. hinter die Wesle abzuziehen begann, hatten zuvor 12. b. D. bei Belval, wo der unter künstlichem Rauch vorbrechende Feind 8 zerschossene Tanks liegen ließ, und am Nordflügel bei Villemontoire Brandenb., Hannov., Schles. (5., 20. D., 50. R. D.) als Nachhut jeden Anlauf blutig bestraft. 9. A. verließ langsam den Ourcq, 7. langsam die Marne, wobei 1. G. Rgt. nebst 6. b. R. D. sowie b. Ers. D. 51. R. D. jedem Nachdrängen Trotz boten. Alle Stürme verbündeter Schlachthaufen erlahmten, furchtbar schlug Feuer in ihre linke Flanke. 8. b. R., 240. D. und 158er der 50. D. machten einen Anstoß bei Ambilly zu nichte. Am 1. Aug. war Abzug in die Neufront gelungen. Auch diese Gefechte waren nicht sehr blutig für uns, 6. b. R. D. verlor im ganzen Juli 50, 2000, und wenn bei der Ers. D. Kompagnien zum Teil nur 20 Gew. zählten, so ist das nicht wörtlich zu nehmen (Versprengte), die Truppe wurde erst später aufgelöst und ließ seit 15. Juni nur 55, 1000 auf dem Schlachtfeld. Sie wurde von 86. der 18. D. aufgenommen.

III.

Eine schlimme Wendung war also vermieden und Lud. beruft sich darauf, daß er die falsche Offensive sofort abbestellte. Doch nur erzwungenerweise, er blieb in allen eroberten Champagnestellungen, wirklicher Abzug erfolgte überall zu spät. Senden des Materials nach Flandern verriet wenig psychologischen Scharfblick, von Fochs Energie lieh sich voraussehen, daß er sein Anhäufen aller Reserven zwischen Oise und Marne nicht unbenutzt lassen werde. Sein plötzlicher Cotterets-Einstoß ist die einzige strategische Handlung, die ein Ententeführer (Großfürst Nikolaus ausgenommen) je vollzog, er traf einen strategisch wunden Punkt an taktisch schwacher Stelle, schon wegen solcher Befürchtung war unsere Offensive nach Südosten anfechtbar. Obschon sie ganz und gar nicht katastrophal wirkte, wie die Legende meint, muß man sie theoretisch verdammen, doch gebot neues Schlagen an irgendwelcher Stelle sich aus politischen Gründen.

Allerdings bedeutete dies wieder nur taktisches Fortwursteln, das beliebte Hämmern mal hier, mal da, und L. brach vorläufig mit seinem ursprünglichen Plan, bei Amiens die verbündete Linie zu sprengen. Doch konnte dieser ja später wieder aufgenommen werden und vorläufig ließ sich erproben, ob eine andere Operationslinie nicht auch einträglich werden konnte. Westlich und östlich von Reims ausholend mit Mudra (Below) und Einem, längs der Marne auf Epernay mit Boehn, konnte der taktische Angriff vielleicht sich ins Strategische umsetzen. Denn bei beiderseitiger Umfassung des Bergwaldes von Reims und Hinabstoßen Mudras bis Chalons wurde die ganze französische Front links von Verdun aufgerollt und das von uns stets so warm empfohlene Durchstoßen bis Bar le Duc konnte in Verbindung mit Vorgehen der A. Gallwitz bei Mihiel die größten strategischen Folgen haben. Nun aber ließ sich L. verleiten, sein Ziel noch höher zu stecken, er wollte durch Marneübergang bei Ch. Thierry und Dormans zugleich den französischen Vorsprung südlich Villers Cotterets aufrollen und die Reimsstellungen unter Umgehung des Marne-Hindernisses im Rücken fassen. Dieser Entschluß kostete Deutschland den Feldzug und das halbe Dasein. Denn er frevelte gegen das Grundgesetz, daß man nie zwei Dinge gleichzeitig unternehmen und nicht das zweifelhaft Mögliche wagen soll, einfach auf Glück rechnend, mit dem man doch nicht auf intim vertrauten Fuße steht. Mit anderen Worten, der Angriff aus Reims war an sich kein Fehler, der Vorstoß über die Marne war an sich kein Fehler, obschon ziemlich gewagt, aber gleichzeitig mit anderem unternommen wurde es ein entscheidender Fehler. Das Hämmern nach allen Richtungen taugt überhaupt nichts, man muß genau überlegen, einen Hauptangriff und sonst lauter Scheinangriffe, aber nicht ernstlich in zwei divergirenden Richtungen. Der Stoß Ch. Thierry ging südwestlich, der gegen Reims wesentlich südöstlich, es gibt keine fehlerhaftere Operation. Hätte L. sich bei Ch. Thierry–Dormans auf Verteidigung beschränkt und wäre sonst am Nordufer entlang auf Epernay marschiert, so schnitt er die fr. 5. A. bei Reims ab und ihr Abzug nach Südosten würde von A. Einem und Mudra aufgefangen. Das taktische Ergebnis wäre sicher so groß gewesen wie vordem bei den Armeen Hutier und Boehn. Oder aber er unterließ diesen Angriff ganz und ging mit ganzer Kraft der 7. A. über Ch. Thierry vor, dann geriet die Truppenmacht Fochs im allzu nördlichen Vorsprung südlich Villers Cotterets in eine verzweifelte Lage. Aber gleichzeitig unternommen, reichten die Kräfte nicht aus. Natürlich darf L. sagen, daß man mit deutschen Truppen alles wagen könne. Jawohl, aber nicht nach vier Kriegsjahren bei kriegsmüder Stimmung. Indessen wäre eine Verleumdung, wie sie später gangbar und auch von Ludendorff gepflegt wurde, als ob die Truppen schon damals versagt hätten. Sie taten durchweg ihre Pflicht, bis sie erkannten, die O. H. L. stelle sie vor unmögliche Aufgaben. Da freilich ließen sie in bedenklicher Weise nach.

Hochmütige Unterschätzung des Gegners ist niemals angebracht, am wenigsten bei Flußübergängen, das hat man bei Aspern und Katzbach gesehen. Hier hatte dies Unternehmen noch einen besonderen Haken, denn die in den Großwäldern von Compiegne zusammengezogenen Reserven Fochs konnten jeden Augenblick gegen Boehns rechte Flanke vorbrechen, während er die Marne überschritt. Unter allen Umständen mußte L. also, falls er sich für Angriff auf Reims entschied, der A. Boehn eine defensive Haltung rechts und in der Mitte gebieten, nur links über Dormans durfte sie den Angriff Mudras unterstützen. Allerdings schob man die aus Rußland gekommene 9. A. in die 7. ein, doch sind die Befehlsverhältnisse sehr unklar, eine Zeitlang führte Boehn als besondere Gruppe alle Kräfte am rechten Flügel des Kronprinzen, dem eigentlich Hutier abhanden kam, der fortan nur mit Marrwitz zusammenwirkte.

Buats Darstellung, als ob Fochs Gegenangriff am 11. Juni Hutier dauernd festbannte, ist parteilich gefärbt. Das hatte nur vorübergehende Wirkung und sowohl 18. als 2. A. blieben stets Herren ihrer Entschlüsse. Daß trotzdem ihre Vorbewegung seit Anfang April so auffallend stockte, könnte nur damit erklärt werden, daß alle Reserven Fochs dort eingesetzt. Das war aber nicht der Fall, sonst hätte er nicht freie Hand behalten, neue R. Armeen (Mangin, Desgouttes, Mitry) im Marnetal zu bilden. Auch völliges Stocken der 17. A. bedarf der Aufklärung. Der Gegner gegenüber Cambrai, schon durch Dezemberniederlage erschüttert, wurde zunächst sehr rasch zurückgeworfen, man begreift nicht, wie er sich in allen Arrasstellungen halten konnte, die einst so rasch im Oktober 1914 dem bayerischen Andrang erlagen. Die Leistung Belows, eines im Ostkrieg sehr verdienten Generals, war hier unstreitig nicht hervorragend, um so mehr doch Quast die ganze englische Linke bis zur Lys hin über den Haufen warf. Völlig unbegreiflich bleibt, wie Plumer nach Verlust von Dickbusch und Kemmel immer noch den Punkt Ypern halten konnte. Sein Verlust müßte unter solchen Umständen zerschmetternd gewesen sein. Und doch siehe später! Den Deutschen soll es dort an Flugzeugen und Artillerie gefehlt haben. Wir können letzteres nicht verstehen, denn nach den seit 1913 aufgestellten neuen Artillerieregimentern zu schließen nebst den überzähligen Einzelbatterien war die Geschützmasse riesig genug. Daß sie nicht von einem Punkt zum anderen herumwandern konnte für die verschiedensten taktischen Stoßpunkte, ist klar. Daß man aber nach Flandern später Artillerie aus der Reimser Front hinüberschaffte und daher erneuter Angriff von Kemmel sich endlos verzögerte, will nicht einleuchten und soll wohl nur als Entschuldigung der Verzögerung dienen. Der freiwillige Stillstand auf der Hauptfront im April–Mai war ein Nettoverlust für Ludendorff, denn mittlerweile rückten 20 sehr starke amerikanische Divisionen in die Übungslager ein und es konnte nicht mehr lange dauern, daß sie in die Front gingen. Man zweifelte zu lange an den transatlantischen Organisationswundern und wir müssen es wunderbar nennen, daß ein Seetransport von mindestens 700 000 (angeblich über 1 Million) Bewaffneten inkl. Artillerie in so kurzer Frist glücken konnte. Der deutsche U-Bootkrieg war so »uneingeschränkt«, daß er nirgends Transporte behelligte. Diese Blamage verdankte man dem beispiellos leichtfertigen Bluff, mit völlig ungenügender Zahl von U-Booten einen solchen Weltspektakel loszulassen. Als man triumphierend das »Uneingegeschränkte« verkündete, begingen die rasenden Alldeutschen und ihre Hintermänner den dümmsten Struwelpeterstreich. Unter allen Umständen wog selbst die äußerste U-Blokierung Englands Wilsons Kriegseintritt nicht auf, doch es hätte noch ein Quantchen Vernunft gehabt, wenn man über solche U-Bootgeschwader verfügte, daß man den amerikanischen Seetransport absperren und Schiff für Schiff torpedieren konnte. Doch mit so winziger Zahl die Welt herauszufordern war halber Wahnsinn, bloß mit der unübertrefflichen Meisterschaft der Handhabung konnte man doch solche Aufgabe nicht erfüllen. Die eselhafte Michelsregierung rechnete aber gar nicht damit, daß Wilson, mit der Devise »Wilson ist der Friede« gewählt, ein durchtriebener Schelm sei, der, schon vor dem Kriege mit England handelseinig, nur auf den Vorwand lauerte, womit er die überwiegend kriegsfeindlichen amerikanischen Bürger durch Presse-Bearbeitung für Kriegseintritt reif machen und mit beispielloser Tyrannis jedes Widerstreben meistern könne.

Diese tödliche Dummheit, an Wilsons Friedenswillen zu glauben, verdankt Michel seinen Obermicheln in der Wilhelmstraße, die sich doch sonst oft genug den ausschweifenden Forderungen der Alldeutschen widersetzten. Ist Ludendorff hier mitschuldig, so muß man davon kein Aufhebens machen, denn als bloßer soldatischer Fachmann braucht er nichts von Politik und Psychologie zu verstehen. Hätte man ihm derb und deutlich vorgehalten: Dieser neue Dummenjungenstreich blinden Übermuts bedeutet Amerikas Kriegserklärung, so hätte er gewiß abgewinkt. Sei dem, wie ihm wolle, Ludendorff wußte jetzt, daß immer mehr Amerikaner herüber kamen. Daß er dem Gegner so lange Zeit zur Erholung gewährte, ist durch nichts zu rechtfertigen. Er hätte den erschütterten Feind nicht loslassen dürfen, koste es, was es wolle. Wahrscheinlich langten inzwischen Reserven aus Rußland an, aber das erklärt nicht das erneute endlose Verschieben weiteren Angriffs bis 15. Juli. Es fochten also 17., 2., 18. A. ernstlich nur bis etwa 10. April, dann ewige Pause stationären Hindämmerns, nur bei 18. A. durch etwa viertägige Angriffstätigkeit im Juni unterbrochen. 4., 6. A. nur stark im April, nachher ziemliches Stilleben, 9., 7., 1. A. vom 27. Mai bis höchstens 15. Juni, dann wieder Pause von vier Wochen mit ganz geringer Unterbrechung. Was man dazu sagen soll, weiß man nicht, es sei denn, daß hier ein Gefühl der Schwäche vorliegt, seltsames Zagen nach steten Erfolgen. Jede schüchterne Erklärung, die L. vorbringt, ist zwecklos. Kam man einmal bis Ch. Thierry und Ourcq, so mußten 7., 9., 18. A. ihr Vordringen fortsetzen, man hätte übrigens damals die Marne unbehinderter überschreiten dürfen. Den Angriff auf Reims hatte L. genau studiert, er durfte ihn nicht so lange abbrechen, nachdem die Franzosen aus ihrer vergasten Vorderlinie planmäßig auf ihre zweite Stellung auswichen. Zeigten sich aber bei dieser Probe die Felsmauern des Reimser Bergwalds zu stark, dann mußte L. den ganzen Kampf dort sofort aufgeben, der unter allen Umständen mehr Opfer forderte, als seine Streitmacht ausgeben konnte. Übrigens war mit bloß zwei Heeren (1. und 3.) nichts Entscheidendes zu erzwingen, sobald 7. A. hauptsächlich westwärts abirrte und Gallwitz im Rücken der franz. Argonnen- und Champagnearmee sich nicht rührte. Statt zu verzichten, hazardierte L. erneut gegen die inzwischen verstärkte Reimsfront und fiel gleichzeitig über Ch. Thierry aus, wo Foch eine große gesammelte Übermacht entgegenwarf. Nichts geschah, ihn daran zu hindern, denn 18., 2., 17. A. pausierten.

VII. August-Unglück

I.

Die Offensive der 9., 7., 1., 3. A. endete also mit weitläufigem Rückzug, doch sind wir nicht gesonnen, die französische Darstellung geduldig hinzunehmen, da sie ähnlich wie bei der ersten Marneschlacht sich in nachweislichen Unwahrheiten ergeht, ohne daß wir deshalb Ludendorffs eigene Ausführungen für uns pachten möchten. Daß er schon am 16. mittags den kaum begonnenen Angriff abzubrechen beschloß, halten wir für unrichtig. Man befiehlt nicht am 16. Abzug für 20. nachts über die Marne. Auch östlich Reims focht man noch lange. Daß Generaloberst v. Einem dort die zweite feindliche Linie nicht brechen konnte, ist wahr, von »vollständigem Mißerfolg« kann aber keine Rede sein. In welcher Form die frühere Armee Mudra an den Argonnen östlich eingriff, ist nicht ersichtlich, die noch östlicher versetzte A. Gallwitz tat gar nichts, zu beiden Seiten von Verdun beobachtete man sich nur. Zwischen Dormans und Reims fochten Hälfte 1. und Hälfte 7. A. bis 2. August fort und gingen erst dann hinter die Vesle zurück, als Boehn und Below den Schutzgraben der Aisne zwischen sich und den über Ch. Thierry nachstoßenden Feind bringen mußten. »Die Verluste waren bedeutend«, an dieser ziemlich bescheiden gefaßten Wendung Buats zweifeln wir an dieser Stelle nicht, niemand wird uns einreden, daß Abzug aus dem Brückenkopf von Thierry ohne erhebliche Opfer zu bewerkstelligen war. Indes ist ebenso sicher, daß das kriegshistorisch von 1814 her wohlbekannte Nordufer dem Abzug eine gute Deckung gewährte. Ob schon hier peinliche Symptome von Erschlaffung und moralischem Niedergang im kampflosen Ergeben und Überlaufen ganzer Abteilungen auffielen, wie die Fama munkelt, wissen wir nicht. Bei Polen in Posener Regimentern könnte man dies schimpfliche Betragen freilich voraussetzen. Obschon in ziemlicher Unordnung, erfolgte der Rückzug trotzdem ohne ernstlichen Nachteil, keine Abteilung wurde abgeschnitten, nicht mal im Ourcq-Winkel, das Vorbrechen Mangins aus den Wäldern von Cotterets gegen Boehns rechte Flanke, das Buat schon im Juni betonen möchte, wurde offenbar von der 9. A. genügend aufgefangen und vorerst grausam abgeschmettert. Die 7. A. hielt Soissons und die Aisneufer noch fest, die 1. wurde so wenig gedrängt, daß sie noch bei Fismes verweilte. Man denke an Klucks und Bülows kopfloses Ausreißen am 12. Sept. 1914, die damals einen doppelt und dreifach so weiten Rückzug ihren siegreichen Truppen zumuteten. Nur weil Unwissenheit und Parteilichkeit keine Vergleichsperspektive kennen, kann man diesen durchaus anständigen Abzug als Niederlage auffassen. Wohl aber hatte die unvorsichtig angelegte Operation allen Offensivplänen ein Ende gemacht und das war Ludendorffs eigene Schuld. Hätte er methodisch gearbeitet und vorerst 1., 3. A. zurückgehalten, dagegen mit der neuverstärkten 9., 7. A. allein zwischen Compiegne und Thierry den Feind über Ourcq und Marne gedrängt unter Mitwirkung der Linken Hutiers, so wäre seine Oisefront ungemein gefestigt worden, ohne daß irgendwie Rückschlag zu befürchten war. Denn eine Offensive der A. Mitry und Berthelot aus dem Rheimser Bergwald hätte sich an der noch frischen 1. A. gebrochen und es kam lediglich darauf an, Mangin und Desgouttes zu schlagen, welch letzter 6. Armee nach ihrer furchtbaren Niederlage zwischen Aisne und Marne sich vorerst in wenig beneidenswerter Lage befand. Warf aber Foch so viel Reserven dorthin, dann mußte eben Hutier erneut mit ganzer Kraft vorbrechen und entweder so den Keil zwischen Oise und Amiens erweitern oder diese Reserven wieder auf sich abziehen. Natürlich ist bei 18. A. und der Heeresfront Rupprecht passiv weiter gewurstelt worden, im Ganzen aber hat man zwischen 13. Juni und 4. Aug. dort einfach die Hände in den Schoß gelegt. War der innere Zustand dieser Truppen schon ein derartiger, daß man ihnen keinen Angriff nach so viel Ruhepausen zumuten durfte? Nichts berechtigt zu solcher Anschauung. Die einzige Erklärung wäre, daß L. jedes Opfer scheute, wenn er nicht einen taktischen bestimmten Erfolg voraussah. Wenn die Legende ihm also »Büffelstrategie« und wüstes Draufschlagen andichtet, so begeht sie eine ihrer üblichen Falschheiten. Ach nein, das Gegenteil fällt ihm zur Last, daß er nicht begriff, wie strategisch in diesem Falle unausgesetzte Angriffsdrohungen auf der ganzen Front am Platze waren, um den Feind zu verwirren, so daß er nicht wußte, wohin seine Reserven gehörten. Daß Foch in aller Muße seine Reserven ins Marnetal hinüberziehen konnte, ohne daß Hutier ihn im Geringsten dabei störte, der sich auf Befehl ganz passiv verhielt, belastet Ludendorffs Feldherrntum in hohem Grade. Aber das Traurigste für ihn ist die unliebsame Erfahrung, daß Foch im Stande war, den Grundfehler der bisherigen deutschen Offensive zu vermeiden, nämlich das Aussetzen jeden Angriffs, wenn kein unmittelbarer Erfolg mehr winkte. Wir sehen Foch hier wieder als den Wohlbekannten der Marneschlacht, unermüdlich und jeden Mißerfolg sanguinisch abschüttelnd. Er flößte auch Haigh, einem taktischen Haudegen, seine Zuversicht ein und reizte die Briten durch maßlose Anpreisung der »zweiten Marneschlacht« als eines neuen »Wunders der Marne« zu eigenem Vorgehen. Was nun folgte, wird nie recht verständlich werden. Die deutschen Stellungen an der Somme waren nicht sonderlich fest und gut, Schießbedarf nicht reichlich vorhanden. Verpflegung ungenügend, die Stimmung gedrückt durch Bearbeitung mit Fliegerabwürfen entnervender Propagandaschriften und heimliche Pazifisten- und Bolschewistenseuche, trotzdem aber umschwebte die Fahnen noch der Nimbus von hundert Siegen und der Soldat nährte die alte Kriegstugend durch verbissenen Ingrimm verzweifelter Überzeugung, daß man siegen oder sterben müsse.

Doch am Nebelmorgen des 8. August kam es wie ein böser Spuk über die 2., 18. A. zwischen Ancre und Somme, sieben treffliche Divisionen wurden überrannt und unter auflösenden Gefangenenverlusten zersprengt. Als aber die dortige Lücke gestopft wurde, drang am 10. die bisher so arg geschlagene Armee Humbert auch östlich davon im Oisetal ein. Hutier und Marrwitz mußten bis in die einstige Sommestellung zurückweichen. Um Reserven auszuscheiden, ordnete L. eine Verkürzung des bogenförmigen Vorsprunges an der Lys an, d. h. Rückzug der 4., 6. A. aus ihren eroberten Stellungen und es gereicht ihm nicht zur Ehre, daß er ein Abschiedsgesuch einreichte wie einer, der sich einer Pflichtverfehlung bewußt. Wieder ließ er sich überrumpeln, indem er den Blick nur nach Süden richtete, Haigh brach aber südlich Arras vor und warf die 17. A. so zurück, daß nur ein sehr erfolgreicher Gegenstoß am 22. das Gleichgewicht herstellte, was aber alsdann eine Überflügelung durch Haighs Rechte aufhob. Diese trieb 2. A. bis vor Peronne rückwärts und drang im Scarpetal aufwärts. Dies alles aber unter blutigsten Opfern und schwersten Kämpfen ruckweise und langsamer als Buats gefärbte Darstellung einräumt. Below gab Bapaume preis, doch nicht die Umgegend. Mangin zwang die 9. A. aus dem Oise- ins Ailettetal zu weichen, Linke bei Laffaux, wo sie aber fest blieb. Am 31. August stand das erschütterte deutsche Heer in der früheren sogenannten Hindenburglinie unter Verlust fast sämtlicher seit Ende März errungener Vorteile und schon baute man eine rückwärtige Linie zwischen Courtrai–Tournai–Valenciennes und Guise–La Fère bis Consenvoye und östlich Verdun. Unter der Devise »Hermann«, »Hunding«, »Brunhilde«, die an mytisches Germanenreckentum erinnern sollte, bewies diese hastig hergestellte Verteidigungslinie den völligen Zusammenbruch deutscher Hoffnungen. Daß die Verluste »ungeheuer« waren, ist Übertreibung. Verhältnismäßig ungeheuer waren sie freilich an Gefangenen und Überläufern, eine Schmach, die man im deutschen Heer noch nie so erlebt hatte. Jenes infame Gesindel, das den kämpfenden Kameraden »Streikbrecher« zurief, hatte wirklich gestreikt und es erfreut das Gemüt, zu wissen, daß diese ehrlosen Menschen nachher in Frankreich das namenlose Elend der Gefangenenlager und jede Peinigung in erhöhtem Maße genossen, da früher die Angst vor deutscher Vergeltung noch einigermaßen die Bande frommer Scheu anlegte. Das fiel nun weg und die liebwerten Kriegsmüden konnten darüber nachdenken, ob »Kriegsverlängerung« nicht doch noch solcher Kriegsbeendigung vorzuziehen sei. Ludendorff ergeht sich in schroffen Verwünschungen gegen bestimmte Truppenteile und wirft zwei Generalen vor, daß sie sich nicht eilig genug der Entente in die Arme werfen konnten. In der Tat scheint festzustehen, daß ganze Divisionen sich elend benahmen und stellenweise eine Panik um sich griff, die an die Jenaflucht erinnerte. Nachdem dies Heer sich vier Jahre lang gegen eine Welt von Feinden über alle Begriffe heldenmäßig schlug, gewannen jetzt nicht nur unlautere Elemente die Oberhand, sondern die Nerven auch der Besseren rissen. Das gibt um so mehr zu denken, als Briten und Franzosen nach den furchtbarsten Niederlagen und Verlusten solche moralische Spannkraft behielten, daß das erste Lächeln des Glücks sie zu wildestem Siegeswillen begeisterte. Nicht das deutsche Heer, das erste und beste auf Erden, unterlag, sondern der nationale Michelcharakter. Nicht begreifen, daß es um Sein oder Nichtsein ging, daß das Unheil der Nation auch jeden Einzelnen enterben würde, und sich dabei in lächerlichen Illusionen über den »edlen« Wilson und den Edelmut der Entente wiegen, die ja bloß den bösen Hohenzollern zu Leibe wollte, solche unbändige Dummheit und naive Schlechtigkeit haben allzeit den »unbesieglichen Deutschen«, wie Friedrich der Große sie in einer Ode nennt, das Genick gebrochen. Wie war denn eigentlich die Lage Anfang August gewesen?

II.

Vorläufig ruhten bei 1., 3. A. die Waffen, erst später setzte Foch den Angriff auf 7., 9. A. fort, zunächst griff er die 18. an und die Engländer, sobald ihre Verstärkungen dazu fähig, wandten sich plötzlich gegen die Linke der 2. A. Auf Haighs Anregung wirkten Rawlinson und Debenay zeitlich gemeinsam in 35 Kil. Breite zwischen Ancre und Luce.

Sie trafen hier am 8. Aug. früh bei Moreuil auf 14. b., 225. D., die unter natürlichen und künstlichen Nebelwolken überrumpelt und mit Verlust der meisten Maschinengewehre zersprengt wurden. Die Metzer Garnison Rgt. 4., 8. taten ihre Schuldigkeit, doch überwältigende Feuerwalze trieb sie fort. Der Feind erreichte Rosieres, wo 109., 117. D. ins Wanken gerieten und 5. b. D. über Lihons nur wenig entlastete. Aus dieser Bresche drückten die Angreifer in die Flanke der im Lucetal zwischen Somme und Avre Fechtenden. Hutier nahm daher seine Rechte hinter die Avre zurück, wo der hierher versetzte General Endres mit 121., 204. D. und Alpen K. die Nordflanke stützte, wo man dichte Scharen durch die Pappelallee von Bretonneux heranziehen sah. Südlich der Somm bis Proyart vordringend, hatten die Briten nördlich weniger Erfolg. Dort lehnte sie General Moser mit Ulmer und 107. D. ab, 232. D. hielt sich lange. Zwar brachen in sternenheller Nacht zum 8. bei ihr Australier, bei den Schwaben Kanadier ein, glühendes Morgenrot beleuchtete die Niederlage. Doch die Ulmer faßten sich bei Chivilly, faßten ihre wenigen gesammelten Gewehre so zusammen, daß bis 13. der Einbruch aufhörte. 119. R. westlich Bray deckte die Landsleute in der Gressairemulde mit gewohnter Bravheit, doch auch württ. 54. R. D. wurde gesprengt, nachher die Reste auf 3 Feld. D. verteilt, 247. R. dem nur noch 250 Gew. zählenden 120. I. als 3. Batl. zugeteilt. Nur 25. D. bei Maurepas hielt fest. 18  km zu beiden Seiten der Römerstraße gewann Haigh durch brutale materielle Kampfmittel, Debeney nur 8, nur ungeheure Menge von Tankungeheuern siegte. Der immer in solchen Fällen gebraute »Nebel« lag am Tage nicht vor, der Qualm, in den unsere Tankgeschütze hineinschossen, war gar nicht so dicht, die massenhaft abgeschossenen Sturmwagen zu verschleiern. Doch hat man nicht den Eindruck, als ob den Truppen Schuld anhaftet. Offiziell werden diese altbewährten Truppen bitter getadelt, als seien sie in Panik ausgerissen, in Wahrheit gereicht der gutgeleitete Überfall der engl. Führung zur Ehre, den unglücklichen Süddeutschen nicht zur Schande, die so plötzlichem Feuereinbruch unter drückenden Massen zu Pferd und zu Fuß erlagen, es fehlte nicht an Zügen hoher Aufopferung. 9000 Gef. sind unter solchen Umständen wenig; daß 170 Positionsgeschütze stehen blieben, zeugt wie bei Hochkirch nicht gegen die Truppen. Das Verschulden liegt bei Oberster Heeresleitung, weil sie fürs Reimsabenteuer die Front der 2. A. unpassend verdünnte. Da das Natürlichste war, daß Foch den vorgebauchten Bogen des Sommewinkels abquetschen werde, so trifft die dort Kommandierenden die Verantwortung für sorglose Nachlässigkeit, Ludendorff aber für Mangel an Voraussicht, wo Foch das Manöver vom 18. Juli wiederholen könne. Daß wiederum Divisionsstäbe in ihren rückwärtigen Unterständen abgefangen wurden, war ein Skandal, zweimaliges Hochkirch so dicht hintereinander ein Makel der Führung. Bis 18. wurden hier 8 d. D. kampfunfähig, am 11. mußte auch Rgt. Bayreuth im Frühnebel Lihons an Übermacht abtreten, Luftangriffe beunruhigten die Linien. Indessen unterhielten 8. Erlangen und 2., 3. R. F. Art. so heftiges Geschützfeuer, daß viele Tanks vor Rosieres zerschmettert und der Sommekampf an beiden Ufern wieder eingerenkt wurde. Anreiten englischer Geschwader auf der Römerstraße nahm schon bei Vauvillers am ersten Schlachttag ein unzeitiges Ende: so viel Fassung bewahrten noch manche Überfallenen. Auch Hutiers Rechte wurde am 10. angefallen, das Hallutal überschwemmt, doch durch Gegenstoß des Alpen K. und rechts anstoßende Preußen gereinigt, hier standen bis Parvillers und Quesnoy 121., 204., 221., 24. D., 79. R. D. unerschüttert. Hutier nahm auf der Südfront eine ausweichende Stellung zwischen Orvillers und Ribecourt bis 15. so ziemlich gehalten gegen unablässige Angriffe, die besonders über den Matzgrund vorstrebten. Zwanzigmal suchte Debeney die Avre umsonst zu überschreiten, heldenhaft hielt die Nachhut Montdidier bis zum Äußersten. 54. D., 3. b., 105., 203. D. wichen langsam in eine Riegelstellung, heftige Stöße Humberts weiter rechts auf Roye vom 16. bis 22. wurden vom 1. R. K. abgeschlagen, zu dem 6. b. D. versetzt. Erst am 21. räumte das aus Flandern herverpflanzte K. Sieger Lassigny und den Divettegrund, noch später K. Wellmann (aus Reimser Gegend her) Roye, uns blieben Noyon-Nesle, der Feind litt ungemein. Erst am 1. Sept. zogen Humberts Zuaven in Noyon ein.

Bei 9. A., jetzt mit 2., 18. dem Generaloberst Boehn unterstellt, griff Fayolle seit 17. die Linie Autreches an, wo 15., 202., 1. b. D. am 20. festen Fußes die vornehmlich aus Afrikanern bestehenden Sturmsäulen erwarteten. Diese 3 D. wurden in langem tapferen Kampfe, an dem sich zuletzt auch L. St. Batl. Mindelheim beteiligte, größtenteils aufgerieben, doch untersagten dem von mächtiger Art. begleiteten Feind den Durchbruch, bis frisch eingereihte 19. sächs. Ers., 237. D. die neue Front St. Mard–Pasly an der Aisne stärkten. Carlowitz, F. Below ersetzend, verließ am 22. die Stellung Carlepont, Vassens und richtete sich zwischen Schloß Coucy und der Morsainschlucht neu ein. Fortgesetzte Anstürme bis 2. Sept. vermochten Aisne und Ailette nicht zu überschreiten, trotz furchtbaren Trommelns schüchterten unsere dünnen Reihen die Feindesmasse gründlich ein. Bei Crouy verbluteten Amerikaner, bei Coucy weiße und schwarze Kolonialtruppen, ehe der Verteidiger auf Vregny und Laffaux wich. 1. Münch. Rgt. schmolz amtlich auf 150 Gew., doch hatte 1. D. viel Kranke und Versprengte, denn ihr Blutverlust betrug seit 11. Juli nur 110, 3500, was für 7 Wochen gar nicht so viel ist. Überhaupt waren die feindlichen Verluste überall größer und Fayolles Truppen zeigten Ermüdung. Bedenklich schien unsern Generalen damals nur ständiges Ausbleiben des Ersatzes, den die Heimat störrig verweigerte und ihre tapferen Söhne im Stich ließ.

17. A. war mit Wegschaffung ihres Materials in rückwärtige Linie Moyenneville–Miraumont beschäftigt. Infolge ersatzloser Abspannung wendete sich auf Rupprechts Front das Blatt so sehr, daß er ganz in die Verteidigung gedrängt wurde, während England neue 300 000 übers Meer führte und die Amerikaner immer dichter heranzogen. Die franz. Bevölkerung begrüßte sie jubelnd und verglich ihre hohlwangigen Poilus mit diesen wohlgenährten Athleten. Am 21. bewegte sich Haighs Schlachtlinie unter gewaltigem Trommeln zwischen nördlich Albert und südlich Arras vor. Die Deutschen wichen im Vorfeld aus, nur die von Roubaix hergeschaffte 4. b. D. ließ sich bei Aichet abfangen, wickelte sich aber tapfer los. Wie hier 2. G. R. D., so schlugen unsere Truppen überall bis westlich Bapaume den nach Südosten zielenden Stoß vernichtend ab. Doch am heißen Hundstag des 22. scheiterte unser Gegenstoß, am 23. mußten Garde Res. über Gommecourt, Bayern über den Bahndamm von Achiet weichen, von 6. b. R. D. bei Sapignies aufgenommen. Sie blutete nun wieder auf neuem Schlachtfeld, wie auch die bisher bei Locre fechtende 16. b. D. hierher eilte. Weiter südlich gab man Miraumont erst auf, nachdem die Briten es allseitig umzingelten. 40., 202. D. traten jetzt fürs erschütterte Vordertreffen ein, die Franken sammelten sich nach Einbuße von 2800 bei Morchies, indessen sind solche Verluste von vielleicht 35% nicht geeignet, davon ein Aufhebens zu machen, sie stehen denen früherer Zeitalter nach. Am 24. überwältigte Übermacht die 6. b. R. D. westlich Bapaumechaussee und vernichtete einen Teil von 16. R., wurde aber von 202. D. geworfen. Gegen 16. b., 183. D. bei Grevillers hatten Neuseeländer geringen Erfolg, zumal bad. 52. R. D. 3. Mar. D. am 25. ablösten. Letztere wurde zwar überrannt, Tanks fuhren in Tilloy ein, doch Gegenstoß der Märker 44. R. D. und des Regensburger Rgt. v. d. Tann rettete vollständig die Lage. Dagegen entriß man der 111., 220., 6. b. D. drei Ortschaften an der Straße östlich Bapaume, doch hielt Westf. 55. R. (220. D.) die Stadt, bayr. Pioniere und Batterien nebst Brandenb. Kompagnien eine beherrschende Höhe, 23. D. hielt hier frische Sachsen bereit. Der Feind erreichte nichts mehr bis Monatsende. Nördlich wogten Kämpfe besonders bei Monchy–Bullecourt lange unentschieden. Bei Marquion, nordwestlich Cambrai schlug ein Freiwilligenoffizier der 73er oft verwundet und stets ins Feld zurückgekehrt, sich schwerverwundet durch; solcher Geist lebte noch in der Truppe! Das früher zerstörte Gebiet war aber wegen Wassermangel nicht zu halten. Lud. befahl Abzug in eine neue Linie nordöstlich Bapaume. Obwohl Haigh mit rühmlicher Spannkraft bis 2. Sept. nachdrängte, blieb er längs Straße Arras–Cambrai erfolglos im Norden siegte zuletzt 1. G. R. D., obschon die Bayern des R. K. Fasbender und des Alpen K. bis 30. Croisilles und Roueux verloren, denn an der Scarpe im Norden ging auch Horne zum Angriff über. Bei Bapaume vermochte man die Sachsen nicht zu brechen, Märker und Bayern, bei Fremicourt zurückgedrängt, ermannten sich am 1. Sept. mit Beihilfe der wieder vorgeholten Franken und frischen 49. R. D. Die 3 b. Truppenkörper gingen wieder zur 4. A. ab, 6. R. D. verlor 35, 1900, 16. D. 55, 2000. 4. D. schmolz auf 1000 Gew. und darunter, die Märker ähnlich. Erst am 30. verließ Below das nördlich und südlich schon am 26. umfaßte Bapaume. Inzwischen zog 2. A. südwestlich Peronne ab, nachdem Rawlinson die Ancre überschritt, Nachhuten aus Albert und Thiepval vertrieb, bis 26. Montauban–Mametz nahm, wobei 5. b., 21., 185. D. sich im Sommebogen, 2. G. D. und die schon wieder aus Ruhestand vorgeholte 14. b. bei Biaches behaupteten. Da aber am 29. die Sommebrücken vorzeitig gesprengt, wurden die Bayern bis 1. Sept. auf Peronne zurückgetrieben, ihre Rgt. zählten je 350 Gew., jetzt schmolz diese Truppe, deren Metzer Brig. sich einst bei Combres Weltruf erwarb, auf ein Bataillönchen. Die Hessen der 21. D. kamen bei Clery ins Gedränge, bei Mont St. Quentin nördlich Peronne warfen sich Weimarer 94er den Australiern entgegen, doch konnten 2. G., 38., 185. sich nicht halten, Alpen K. stützte bei Moslains die Flanke. Erst Combles, dann Peronne gingen verloren. Also erlitt 2. A. neue Niederlage, während 17. noch ziemlich gut abschnitt. 18. A. befand sich zunächst sicher, doch ihre Lage konnte peinlich werden, wenn 2., 9. A. dauernd wichen. Umsonst suchten Humbert und Debeney ihn einzuwickeln, Hutier ließ sie erst am 6. über Noyon–Chauny–Ham hinaus. Bis 7. Sept. vollzog sich glatter Abmarsch in die Siegfriedstellung; 6. A. westlich Armentieres–Aubers, während 4. A. am 30. den Kemel verließ und auf Wytschaete zurückging. 17. östlich Douai, 2. nordwestlich St. Quentin, 18. nordöstlich La Fère, Rechte bei Fayet und Dallon, 9. bei Chauny und östlich La Fère, 7. nördlich Vesle bis Vailly. Ententeschwatz vernichtete immer deutsche Heere und ließ sie dann wieder aus dem Boden wachsen, beides gleich ungereimt. Mit Auffüllung der Rgt. war es freilich schlecht genug bestellt. Nach den grausamen Verlusten von 1917 hatten jetzt viele D., durch Abkommandierte und Grippekranke noch geschwächter, nur 4–5000 Gew. Man darf sich also durch hohe Divisionsnummern nicht täuschen lassen. Unsere Nachhuten straften zu hitziges Nachdrängen empfindlich, doch rosig durfte man die Lage nicht ansehen, indessen klärt allgemeiner Überblick, daß noch nicht viel verloren war.

III.

Angeblich 17 000 Gefangene, 300 Geschütze waren Haighs Beute. Kronprinz Rupprecht mußte seine 25 Reservedivisionen in Bewegung setzen, um auch Hutier herauszuhauen, der jetzt von Mangin und der 1. französischen Armee auf beiden Flanken bedroht war. Die Australier und Kanadier, welche Haigh von Amiens her angesetzt hatte, kamen indessen nicht weit, der tiefste Raumgewinn betrug damals 18  km und wurde teilweise wieder abgeknapst. Es ist kaum zu verstehen, daß Hindenburg den Einbruch ins Avre–Luce–Sommetal nicht vorhersah und gestattete, weil keine Reserven dort die Linien verstärkt hatten. Da die Fernbeschießung von Paris auch jetzt noch fortgesetzt wurde, kann damals die Einknickung der deutschen Linie nicht so arg erschreckt haben. Immerhin war dies ein neuer schwerer Schlag für die schwankende unbefriedigte Stimmung daheim. Schon am 11. hielten Gegenstöße Debeney und Rawlinson auf, während längs der Nordfront bis zur Yser Teilgefechte entlang liefen. Es ist möglich, daß die Okkupation in der Ukraine (jetzt unter Generaloberst v. Kirchbach) und die Vorbereitungen der Expeditionen gegen Archangel und ins Wolgagebiet, wo 700 000 Deutsche Kolonisten auf Befreiung sowohl von Bolschewiki als Tschechoslowaken harrten, nach Westen bestimmte Streitkräfte in Rußland zurückhielten. Die seit Neujahr allmählich an der Westfront angestaute Masse muß nichtsdestoweniger bedeutend gewesen sein und Hindenburg zum ersten Mal ein Vollgefühl überlegener oder gleichwertiger Kräfte gehabt haben. Um so peinlicher dieser zweimalige Rückschlag, ohne daß nun endlich anderswo ein deutscher Offensivplan zur Entscheidung durchblickte, der vielmehr immer noch auf sich warten ließ.

Rawlinson kam allerdings schon bei Lihons zum Stehen und der Einbruch, am ersten Tage 14  km tief, erweiterte sich nur sehr wenig. Doch schon waren im Ganzen 24 000 Gefangene in Ententehänden, nebst angeblich 500 Kanonen, wodurch deutscher Verlust seit Mitte Juli auf 60 000 Gef., über 1000 Geschütze stieg. Rechnet man mutmaßlich 40 000 Tote und Verwundete der 2., 18., 9. A. hinzu, so kam der ganze Zwischenfall teuer zu stehen. Indessen klingt Fochs spätere Gesamttrophäenziffer um so verdächtiger, als solche Zustände sich nirgends wiederholten. An den Somme-Avre-Kämpfen sollen 21 deutsche Divisionen beteiligt gewesen sein. Die Alliierten brachten dort 30 Divisionen ins Feuer, wovon 18 franz., 5 australische, 4 kanadische. Bis zum 18. schleppte der Kampf sich in ziemlich zersplitterten Teilaktionen fort, wobei die Engländer auch an der Lys sich wieder regten. Wir blieben durchweg in der Defensive. Vom 18. bis 22. gab es wieder Großkampftage. Armee Mangin machte nur geringe Fortschritte bis zur Chaussee zwischen Aisne und Oise, Armee Humbert stieß bis südlich Noyon vor, unter sehr schweren Opfern vor Rampcel und Carlepont. Das Massiv Lassigny–Roye wurde jedoch erneut unhaltbar unter den wütendsten Angriffen, wobei es oft zum Handgemenge kam, Beauvraignes ging verloren. Rawlinson setzte diesmal aus, dagegen drang die neu hergestellte Armee Byng in Richtung Achiet–Mercatel vorwärts, ohne daß jedoch Rawlinson bei Albert vorerst über Thiepval hinauskam. Im Norden nahmen die Briten Merville und suchten in Richtung Armentieres sich vorzuarbeiten. Alles natürlich mit größten Verlusten, wo immer die Offensive ansetzte, allein 500 Tanks blieben zerschossen liegen. Die Franzosen wollen erneut 16 000 Gefangene gemacht haben.

Alles in Allem wurde der Feind natürlicherweise durch seine ununterbrochenen Angriffe abgenutzt und geschwächt, aber sein Selbstgefühl sehr gehoben und die deutsche Stimmung herabgedrückt durch die vierwöchentlichen fortwährenden Raumverluste. Man mochte sich wohl den Kopf zerbrechen, was Hindenburg eigentlich beabsichtigte. Um diese Zeit verließ auch Prinz Rupprecht die Westfront und begab sich nach München. Die Ententeregierungen schwelgten wieder in Übermut und rechneten vor, daß Amerika bereits 1 450 000 Mann im Felde habe. Selbst wenn davon die Hälfte Arbeiter waren, so hätte man mindestens 25 kopfstarke Divisionen an der Front rechnen müssen, wovon aber zur Zeit noch nichts zu merken war. Das Prahlen schwoll wieder lawinenartig an. Man wollte über 100 000 Gefangene gemacht haben, was schwerlich zutraf. Plante Ludendorff einen Schlag an völlig anderer Stelle? Bei Verdun, Mihiel oder im Elsaß? Wer wußte es, wer mochte es enträtseln! Schon hieß es in Paris, 13 österreichische Divisionen sollten die wankende deutsche Front verstärken. Leider eine fette Ente. Die wildesten Gerüchte liefen um, während zwischen Österreich und Italien der Kampf versumpfte.

Am 22., 23. verdoppelte Foch seine Anstrengungen. Vor Mangin wich Böhn hinter die Aisne aus, Hutier erwehrte sich eines furchtbaren Anpralls, ohne Roye und Noyon fahren zu lassen, nur den Carlepontwald und Lassigny räumend. 29 Divisionen sollen hier angerannt sein, darunter Elitetruppen, wie die 46., 47. französische Jägerdivision, 153. Schwarze, nur 18 blieben im Kampfe, die andern waren schon verbraucht. Im Norden scheiterte eine Berennung des Kemmelberges völlig, am heftigsten tobte der Kampf auf der Linie Albert–Arras. Die Ancre östlich Albert hielt man immer noch gegen Australier und Kanadier, Below warf die Briten gänzlich in die Strecke Pusieux–Bucquoy–Moyenneville zurück, wobei Bayern und Württemberger mit Preußen wetteiferten. Das hessische R. Korps ließ sich nicht weiter verdrängen, während südwärts davon im Sommetal Garde und Hannoveraner ihr Bestes taten. Hundert Tanks wurden an einem Punkte zerschossen, wie früher bei Bray anreitende Kavalleriebrigaden fast vernichtet. So sicher rechnete Haigh schon auf Durchbruch, daß er Kavallerie einsetzte, wie immer unfruchtbar. Seine Verluste waren diesmal schwerer als die der Franzosen, sein restlos abgeschlagener Stoß endete mit gründlicher Niederlage. Der Durchschnittsverlust aller Sturmdivisionen seit 18. betrug sicher 50 %, Verteidigung wird schwerlich über 25 % gekostet haben. Am 24. machten Amerikaner östlich von Fismes etwas Fortschritte, während Australier bei Bray und die Londoner Division, unterstützt von ostenglischen, Mametz einnahmen und Walliser Truppen in den Mametzwald eindrangen.

Poincaré überreichte dem kleinen schmächtigen Foch persönlich den Marschallstab, alles schwamm in Wonne! Doch die Verluste waren nicht wonnig. Unter anderm wurden drei Bataillone am Avre-Ufer vernichtet, ferner im Norden die neue Ancrebrücke durch einen Volltreffer zerstört, bei Courcelle dichte Sturmsäulen durch Kanonade aufgerieben. Die britische, kanadische und indische Reiterei suchten umsonst einzugreifen. Das Vordringen gegen die Hochfläche Bapaume–Combles aus Nordwest und Südwest machte nach dem schweren Ringen bei Achiet und Miraumont wenig Fortschritte. Marrwitz räumte zwar Thiepval und Bray, doch hielt sich länger bei Lihons, Vermondovilliers. Gegen Below gingen elf Divisionen Byngs vor ohne erheblichen Gewinn. Am heftigsten tobte der Kampf bei Gommecourt und Ervillers, wo Hannoveraner, Bayern, später Brandenb., Westfalen und Sachsen sich heldenmütig wehrten. Ein Sachsenbataillon hielt den Kuhberg bis zum Äußersten. Nach Umzinglung von Gommecourt brach sich die Besatzung nach Osten Bahn, eine Batterie feuerte bis zum letzten Mann und der letzten Granate. Am 25., 26. nahm der Angriff von Byng und Rawlinson seinen Fortgang, während an der Ailette preußische Gardetruppen die Franzosen bei Pont St. Mard schlugen. Dagegen mußte das andere St. Mard westlich Roye aufgegeben werden und Roye wurde immer mehr umfaßt.

Offenbar zwangen wirtschaftliche (besonders Kohlennot) und innere Schwierigkeiten Foch zu rastlosen Versuchen, eine Entscheidung herbeizuführen, ehe der Winter hereinbrach. Sonst wäre sein Verhalten widersinnig gewesen, da er doch offenbar die volle amerikanische Hilfe hätte abwarten sollen. In London sprach man davon, daß im August 300 000 weiße Alliierte, ohne die Schwarzen zu rechnen, getötet oder verstümmelt worden seien. Der Erfolg solcher Opfer blieb aus, er war allzu bescheiden. Nördlich der Scarpe schlug Below den Feind bei Roueux ab, südlich des Flusses und südwestlich Bapaume verlor man Monchy, Tilloy, Martinpuich, behauptete dagegen Longeval und Montauban. Preußen, Sachsen und Bayern wetteiferten. Am 27. mußten die Trümmer von Roye und Chaulnes aufgegeben werden. Zwischen Scarpe und Somme schlug man sich immer noch bei Croisilles und Fay, Westpreußen, Pommern sowie Hessen-Nassauische und Elsasser Regimenter hielten wacker stand, 26. Artillerie schoß hervorragend in freiem Felde auf die feindlichen Massen. Foch hatte sämtliche Reserven aufgebraucht, auch Teile aus Flandern herbeigeholt. Die Entente schwor, im Ganzen bis 1. Sept. seit Mitte Juli 128 000 Gef., 2000 Gesch., davon die Briten 40 000 und 5–600, erbeutet zu haben, machte aber kein Hehl aus ihren Riesenverlusten und setzte ihre ganze Hoffnung in amerikanische Reserven. Die Trophäenziffer trägt um so mehr den Stempel der Erfindung an der Stirn, als die Franzosen dabei den Löwenanteil beanspruchen. Weder die in stolzer Ruhe abziehende 18. noch die unerschütterte 9., 7. A. können nennenswert Gef. u. Gesch. abgetreten haben, auch Belows Kämpfe sehen nicht nach Zusammenbruch aus, 2. A. allein könnte doch nicht solche Masse verlieren. Oder gab es bei ihr zahllose Überläufer?

Am 27., 28. lag das Schwergewicht immer noch auf Armee Below. Längs der Straße Cambrai–Arras schlugen Württemberger sieben Angriffe zurück, nördlich der Scarpe behielten Westpreußen und Pommern ihre Stellung ungeschmälert nach erbittertem Ringen, südwestlich Bapaume wurde durch 2. Armee der Feind wieder zurückgedrängt, Tilloy vom 206. erneut behauptet, nördlich der Somme Hardecourt von Gardegrenadieren (Kaiser Franz) und Hessen gehalten, während eine rheinische Division sehr tapfer die Flanke deckte. Gefechte bei Curlu ohne Bedeutung, doch bogen sich 2., 18. A. noch weiter zurück, nach Fresnoy und Lihons wurde auch Vesle geräumt und Noyon nur kurze Zeit von Nachhut bewacht. Am 29., 30. lieferten Großkampftage die Linie Combles–Bapaume an Haigh aus, da Below erneut auf die einstige »Siegfriedlinie« zurückfiel, in welcher fortan der Widerstand unbrechbar werden sollte. (Der Mensch denkt und Gott lenkt.) Südöstlich Arras harter Kampf bei Bullecourt. Am Westufer der Somme bewegten sich Debeney und Humbert gegen die Straße nach Ham und gegen den Südhang des Simonsbergs vor, der die Straße nach Noyon beherrscht. Dagegen erlitten Mangin und Desgouttes, deren Operation die Pariser Weisen als »sehr interessant« voraussahen, eine sehr interessante Niederlage bei Chavignon und Pont St. Mard. Magdeburger, Thüringer, Hannoversche und Gardeteile warfen zehn französische und amerikanische Divisionen, die in erster Linie anrannten, über den Haufen und nahmen ihnen allen Gefangene ab.

Der Ententeverlust war in diesen Tagen ungewöhnlich schwer, besonders bluteten wieder Australier und Neuseeländer in weitem Trichterfeld der Einöde, die Hindenburgs einstmaliger Rückzug hinterlassen hatte. Die Kanadier wollen in einem Wald vor Bapaume erfolgreich gekämpft und 3000 Gefangene gemacht haben, wodurch die Zahl aller seit 21. Aug. gemachten Gefangenen auf 26 000 gestiegen sei. Daß die Franzosen seither wenig Gefangene machten, gaben sie selber zu, obschon die Entente teilweise mit Recht behauptete, die Deutschen schlügen sich viel matter als im Frühjahr und streckten gern die Waffen.

Nun, daß die Stimmung keine siegesgewisse mehr war, läßt sich denken, doch bewahrten die Nachhuten überall die festeste Haltung, viele Beispiele von stolzem Opfermut verbürgen dies. Rätselhaft blieb der jähe Zusammensturz so überschwenglicher Offensivhoffnung des deutschen Hauptquartiers, das zuvor (Kühlmanns Absetzung, weil er diplomatisch verhandeln wollte) sogar den Reichstag mit solcher Zuversicht ansteckte und so bitter enttäuschte. Am 29., 30. begann die deutsche Front sich zu straffen. Die Angriffe an der Aisne erlahmten, das Aufgebot der Tanks führte zu nichts als zu Abschießen von 70 Stück, wovon 20 allein auf die 165er und 5 auf eine Kompagnie des 1. Garderegiments entfielen.

Noyon war keineswegs wie Foch berichtete, erst nach verzweifeltem Widerstand erstürmt, sondern kampflos geräumt worden und jenseits kam man nicht weiter. Allerdings näherte man sich Peronne, aber nur zögernd. Unsere Loslösung von der Somme erfolgte ordnungsmäßig, der Feind merkte immer erst zu spät den Abzug. Gegen Armee Below ging freilich die Schlacht erbittert fort. Mit großen Massen brach der Feind aus dem Troneswald vor. Die Kanadier nahmen Haucourt, die Divisionen von London und Lancashire hatten bei Bapaume und auf der Straße Arras–Cambrai anfangs Raumgewinn, dagegen gab Haigh selber zu, daß er bei Bullecourt und Rincourt zurückgeschlagen wurde. 28 englische Divisionen (dabei Garde und 63. Marinedivision) waren im Feuer und 40 französische an der Somme und Aisne, gegen welche wohl höchstens 50 deutsche längs der Kampffront eingesetzt wurden. Sie verloren inkl. Gef. wahrscheinlich 155 000, der Feind sicher 350 000. An der Lys begann der feindliche Druck auch fühlbar zu werden, während zwischen Fismes und der Ostchampagne der Kampf ebenso einschlief, wie seit lange auf der übrigen Front zwischen Verdun und Hartmannsweiler.

VIII. September-Retirade

Natürlich stellt Buat die Septemberkämpfe ungünstiger dar als sie waren, und meint, nur Ludendorffs Hochmut habe ihm die Erkenntnis verwehrt, daß schleuniger Rückzug auf eine kurze Front zwischen Metz und Belgien von Nöten sei. In den Hundstagen auf den Hund gekommen, sollte der Sommerkranke sich also vom Brechdurchfall erholen! Doch darf man L. nicht verargen, daß er die Wirklichkeit anders einschätzte und mindestens so lange standhalten wollte, bis seine großen Vorräte und Parks im Raum zwischen Hindenburg- und Hermannslinie geborgen waren. Übrigens wird wohl nicht viel solcher Art im August verloren gegangen sein, da die Depots schwerlich über St. Quentin und Peronne vorgeschoben sein dürften. Wäre dem nicht so, müßte man solche Unvorsichtigkeit beklagen. Proviant- und Munitionskolonnen retteten sich wohl meist, dagegen ging natürlich viel eingebautes Artilleriematerial verloren, obschon wir die Ententeangabe dafür nicht wörtlich nehmen. Überhaupt muß man die Reservatio mentalis, die sogar einem Toten Mann bei Verdun zu mehrfacher Resurrectio mentalis verhalf, in Ententeberichten durchschauen und näher besehen, wobei wir ebensowenig ausschließen, daß der H. B. nicht den wahren Umfang des deutschen Mißerfolges aufdeckte. Doch die Tatsachen reden, denn der Raumgewinn, den sich die Verbündeten im September holten, war nicht danach angetan, schon von unausbleiblichem Zusammenbruch der deutschen Linien zu schwärmen. Erst die letzte Septemberwoche sah fortschreitenden Angriff: am 26. der jetzt zahlreich als Armee Pershing auftretenden Amerikaner zwischen Maas und Argonnen, am 27. der Engländer bei Cambrai, am 28. zwischen Lys und Dixmuiden, am 29. der Franzosen auf St. Quentin. Erst am 12. Oktober waren die Deutschen so weit, ihre Küstenstützen Zeebrügge und Ostende zu räumen, die neue vorgesehene Linie Antwerpen–Namur–Maas, unterhalb Verdun mit der übrigen Front Gallwitz–Albrecht verknotet, war aber immer noch sehr stark. Wie darf man sie »verzweifelt« nennen! Militärisch war sie es nicht, sie konnte es nur werden durch die Verzagtheit daheim, die nach Frieden um jeden Preis lechzte. Sie sollte ihn haben, diesen Frieden um einen Preis, den selbst der wütendste Friedensschreier nicht bezahlt hätte, wenn er ihn geahnt hätte. Frankreich befand sich vier Jahre lang in viel schlimmerer Lage und verzagte nicht, obschon auch dort und in England das Elend anwuchs und die frivole Prahlerei »business as usual« längst erstickte.

Alle Welt zerbrach sich den Kopf, was Hindenburgs fortwährender Rückzug bedeute und ob er anderwärts zu einem neuen Schlag ausholen werde. Noch sprach kein Anzeichen dafür und es ließ sich nichts voraussehen. Anfangs September blieb von allen Eroberungen der früheren Offensiven nichts als der Damenweg und Armentieres noch sein. Der Materialverlust war sehr bedeutend, was doch auch ins Gewicht fiel. Es stand schlimmer als nach der ersten Sommeschlacht. Die Schlacht am 30. August fiel freilich zu Ungunsten der Ententeoffensive aus, alles Herausbrechen aus Crozatkanal und an der Ailette blieb fruchtlos, indessen räumten die Deutschen den Sommebogen und die Vorstädte von Peronne lagen unter Feuer. Hinter und beiderseits Bapaume wiesen Preußen, Bayern und Sachsen jeden Andrang ab, sowohl am rechten Flügel der 2. A. als längs der Cambraistraße Württemberger und Rheinländer. Südlich Bapaume kämpften Kavallerie und Gardebrigaden bei Haucourt glänzend, Westpreußen und Allensteiner, insbesondere 175er, standen fest. Die englischen Verluste wuchsen ins Ungeheure, obschon die 3. Armee mit wilder Zähigkeit sich im Norden an die sogenannte Wotanstellung bei Queant heranarbeitete. Haigh will im ganzen August 57 000 Gef. erbeutet haben, wahrscheinlich sehr übertrieben. Was er sich bei den rasenden Sturmversuchen dachte, läßt sich nicht ermitteln, da er doch einsah, die deutsche Linie sei keineswegs im Gleiten oder Wanken, sondern lasse ihn jetzt festen Fußes anrennen. »Wir werdens schon schaffen«, telegraphierte Hindenburg zur Beruhigung der Gemüter, was freilich sehr nötig schien. Leider war auch in den ersten Septembertagen Raumverlust zu verzeichnen: Frimencourt, Beaucourt, Riencourt, unbegreiflicherweise auch schon Kemmel und Bailleuil. Auch weiterhin betraten englische Sturmschritte die rückwärtigen deutschen Linien bei Etrepigny und Richtung Queant, Schotten und Kanadier brachen mehrfach ein und machten ein paar tausend Gefangene. Bis zur Ailette dehnte sich die 150 Kilometer-Schlacht erneut aus, dort fiel Chavignon den Amerikanern zu. Auf der übrigen Front an der Somme bis Norden hin besonders heftiges Ringen um Transloy. Die vereinte 7., 9. Armee hielten ihre Stellungen, die 2., 18. verloren immer noch Boden unter furchtbarem Kämpfen, die 6. wich an der Lys bei Etaires und Neuve Eglise. Ein Ende war nicht abzusehen.

Stegemanns Phrasen über »Wandelschlacht« und neue strategische Begriffe deckten die nackten Tatsachen nicht zu. Wenn 1½ Millionen Mann gegen unsere Linien anstürmten, was bedeutete das? Hatte Hindenburg etwa nicht ebenso viel entgegen zu stellen? Es scheint nicht, und dies vergrößert das Unverständliche, zumal deutscherseits auf Freiwerden so vieler Truppen der Ostfront hingewiesen wurde. Große Verluste schwächten uns? Ja, doch litt der Feind nicht ungleich mehr, verlor er nicht auch früher weit mehr Gef. u. Gesch. bis Mitte Juni? 400 000 Amerik. jetzt im Feuer? Das konnte zahlenmäßig den Abgang nicht ersetzen, unsere Frontstärke aber schmolz wesentlich durch Überläufer und Drückeberger. Die Kämpfe am 2., 3., 4. September brachten den Briten (besonders Kanadiern) einen Einbruch nordwestlich Queant bei Doury und Etaing, sieben deutsche Divisionen wurden in Richtung Cambrai zurückgedrängt, nie zuvor waren britische Offensiven so weit gelangt. Dagegen hielten sich bei Hutiers Nachhuten insbesondere 56. R. und 271. I. an der Bahn Nesle–Ham, Angriffe von Amerikanern und Marokkanern zwischen Aisne und Ailette scheiterten an Kavallerieschützen (Dragoner, Garde und Leibkürassiere.) Immerhin standen die Franzosen jetzt schon bei Leuilly, 12  km nördlich Soissons am Nordrand des Plateaus. Vorbrechen zwischen Oise und Aisne gelang noch nicht. Im Ganzen aber wieder ein Mißerfolg von Below und Quast, der sich am 4. verschlimmerte. Quasts Rechte mußte über Steenwerk bis Wulverghem zurück und dort ließ der Feind keine Ruhe. Belows Rechte aber, wo sie mit Quast zusammenstieß, mußte später Lens und Richebourg räumen, Orte, die man fast immer seit Oktober 1914 innehatten. Doch zeigte sich bald, daß die Entente verfrühte Räumung von Lens gemeldet hatte. Ludendorffs Linie Armentieres–Douai–Cambrai–St. Quentin–La Fère–Laon–Damenweg–Berry besaß fast nichts mehr von erobertem Gelände, auch bei Ypern machte Armin wieder rückgängige Bewegungen. Dagegen schlug besonders die 231. Div. einen viermaligen Vorstoß beiderseits Noyon glänzend ab. Am 5., 6. wurde hingegen unser Vorsprung am Simonsmassiv abgequetscht, Mangin und Humbert näherten sich mit ihrer Kavallerievorhut bereits La Fère und St. Quentin über Guiscard und Moislains nach Überschreiten des Nordkanals, wo es nach französischer Meldung zu verzweifelten Kämpfen kam und die deutsche Nachhut sich »auf ihrem Posten töten ließ«. La Fère brannte. Infolge des Druckes auf Böhns Flügel an der Aisne räumte er jetzt endgültig die Veslelinie. Bei Peronne–Bapaume verhielt Haigh sich ruhig, dagegen verschnaufte er nicht gegenüber Cambrai, den er an einem Punkt auf 11  km näher kam, und Armee Horne setzte ihren Druck auf Armentières langsam fort, während Plumers Angriffe bei Wytschaete nördlich der Lys scheiterten. Angeblich hatten wir 97 Div. im Feuer; ist dies zwischen Lys und Vesle gerechnet, so wäre es gewiß nicht viel gegen sicher 140 alliierte. Man fragt sich immer wieder, wo die deutschen Reserven blieben, da wir mindestens 200 Div. an der Westfront gehabt haben müßten. Ach, 22 waren aufgelöst, nur 187 in Frankreich, nur 14 davon frisch, manche auf 2000 Gew. geschmolzen.

Die Seele der französischen Hauptoffensive soll der kaltblütige, gebildet über Geschichte und Kunst plaudernde General Mangin gewesen sein. Nach dem Hauptkampftag des 2., wo unsere ausgebuchtete Linie zwischen Arras und Cambrai wirklich eingestoßen wurde, erfolgte indessen kein weiterer Einbruch, keine einzige deutsche Division wurde umfaßt, die Loslösung ging überall glatt von statten. Am 7. nahm Mangin erneut die rechte Schulter vor und kämpfte sich an den Gobainwald heran, weiter westlich kamen Humbert und Debeney über Ham hinaus, Haigh tastete sich langsam vor. Laut Ententeangaben, deren Nachprüfung unmöglich, deren Quelle sicher nicht lauter ist, sollen an verschiedenen Stellen der 17., 18. A, drei badische Linienregimenter und 2. Gardereservedivision, sowie besonders 15., 91. R. so gut wie aufgerieben sein. Das wäre denkbar bei Geopferten, die gegen riesige Übermacht standhielten, wie z. B. am 4. an der Lys rheinische und westfälische Nachhuten zehnfache Übermacht abschlugen. Hier gewann am 8. 9. die Armee Horne keinen Boden mehr, Plumer wurde von Hessen bei Plogstreet schwer geschlagen. Er besaß jetzt neue amerikanische Divisionen, die bei Voumerzele–Wulverghem ungemein litten. Plumer verhielt sich mehr passiv, während Horne sich anstrengte. Jetzt wurde zwischen ihm und der 3. Armee Byng eine neue 5. Armee Birwood eingeschoben, für die früher im März vernichtete neu errichtet. Gegen Belows rechten Flügel setzte Byng 25 Divisionen an, ohne jedoch etwas auszurichten. Auf der übrigen Front kamen die Alliierten nur schrittweise vorwärts mit kaum noch nennenswertem Geländegewinn. In den folgenden zehn Tagen vollendete Neubesetzung und Neueinrichtung der »Siegfriedstellung«, die wir nun statt des Siegfriedens wieder hatten, ohne daß dem Feind eine Störung gelang. Bis zum 18. fielen Gefechte bei Vauxaillon und Vailly nicht günstig für Mangin aus, obschon er den Eingang zum Damenweg an einer Stelle innehatte. Debeney arbeitete sich etwas näher an St. Quentin heran, bei Savy, Holnonholz und Vermand, aus der einstigen Faidherbeschlacht bekannte Punkte. Die Engländer versuchten noch wiederholt, besonders am 12., in breiter Front gegen Cambrai vorzudringen, blieben jedoch in Ansätzen stecken, wobei die Deutschen sich auch einer Überschwemmung bedienten.

Die Alliierten lagerten jetzt auf der »Wüste« des vorjährigen Hindenburgrückzuges und befanden sich in höchst mißlichen Stellungsverhältnissen. In Flandern geschah nichts mehr. Dagegen machte die amerikanische 1. Armee Pershing einen Anlauf auf St. Mihiel, da man wahrscheinlich durch Verrat erfuhr, daß dort eine Räumung bevorstehe. Dies konnte infolgedessen nicht unbelästigt stattfinden, so daß am 12. angeblich 13 000 Gefangene und viel Material den Amerikanern zufielen, allein 5000 von einer österreichischen Division. Dagegen warf deutsche Landwehr die Franzosen wieder von Combreshöhe herunter, so daß völlige Einknickung der drei bei St. Mihiel stehenden Divisionen nicht erfolgte. Sie zogen sich bis über Flirey–Thiaucourt zurück, von wo weittragende franz. Geschütze das 37  km entfernte Metz beschossen. Pershing verfügte schon über so viel Streitkräfte, daß er zwei besondere amerikan. Armeen Bullard und Liggett bildete, obschon außerdem andere Transatlantier jede alliierte A. verstärkten. Die herumspukenden Ziffern »1 Million«, »2 Million« sind wohl erfunden, um Amerikas entscheidenden Anteil auszuprahlen. Vom 14. bis 22. gab es wieder Großkampftage zwischen Cambrai und Soissons, die den Franzosen keinen, den Briten geringen Gewinn (Epehy) brachten. Die 60. franz. Div. und andere Truppenteile wurden vor der Aisne aufgerieben, während die Divisionen von London und Ostengland sowie zwei Australische unter schweren Opfern sich der Siegfriedlinie näherten. Die 74. Yeomanry und die 21. Felddivision drangen am weitesten in die vorgeschobenen Verteidigungsanlagen vor. In Richtung Cambrai suchten besonders Walliser und Schotten den linken Flügel vorzutragen. Indessen endete der erneute allgemeine Angriff am 22. mit allgemeiner Niederlage vor den Fronten Rupprechts und des Generaloberst Böhn, der schon lange eine dreifache selbständige Heeresgruppe befehligte. Jäger und Kavallerieschützen, Ost- und Westpreußen, Posener und Schlesier nebst bayerischen Teilen widerstanden glücklich am Hauptbrennpunkt die Kämpfe. Seit 26. bedrängten Byng und Horne die Linie Marquion–Marcoing, Garden und Marine-Blaujacken mit Kanadiern verbunden. Bis zum 1. Okt. wogte das Ringen um Gricourt, die 1., 32., 46. engl. Division überschritten am 28. den Scheldekanal unter schwerem Blutvergießen. Vor St. Quentin focht man bei Selencey und Fayet; am 30. standen 17., 2. A. vor Cambrai–Mesnières bis St. Quentin, bei 18., 9., 7. A. Lage unverändert, 1., 3. A. schlugen Gouard in der Champagne. Auch in den Argonnen ging die Armee Pershing vor, sie nahm Varennes und Montfaucon, später auch Vauqois. Die 5. A. scheint hier verfrüht nachgegeben zu haben. Zugleich erlitt Bulgarien eine schwere Niederlage durch vorsätzliche Fahnenflucht seiner 2., 3. D., die sich mit den Serben verständigten. Serben und Griechen standen schon bei Prilep und Üsküp. Nur drei deutsche L. St. Batl. und 2 östr. Div. waren dort verblieben. Angeblich hatte Deutschland noch 50 (irrig) Div. in Rußland, Österreich 35. Viel ging jetzt zu spät nach Bulgarien ab, das alle seine 15 Div. im Feuer hatte, doch nicht mehr feurig für die gemeinsame Sache fühlte. –

18. A. hielt noch am 18. Sept. Essigny, 2. A. noch die Gegend um Epily mit Alpen K., 2. G. D. Bis 22. schlug sich Münchener L. Rgt. heldenhaft bis zur Ablösung durch 8. elbsächsische D., 5. b. D. mußte freilich durch Rhein. 161. (185. D.) gerettet werden. Die übrigen Kämpfe der 2. A. bei Holnon führten den Feind nur nach Francilly nach langem Streiten. Bei 9. A. stand die Schlacht ohne jeden Gewinn für Mangin, man sieht, wie unrichtig sein Julierfolg überschätzt wird. In der Champagne gab es leider viel unzuverlässige Elemente, 8500 Drückeberger verlangten schon Ende Aug. in Charleville Verköstigung hinter der Front, die armen Teufel hungerten freilich kläglich unter immer magerer werdenden Verpflegung. Hier hatten nicht etwa Gefangene unter Todesdrohung, wie die Franzosen sie kriegsrechtswidrig anwendeten und auch Daumschraubenfolter für ihre Zwecke benutzt haben würden, alles verraten und wie im Juli Ausweichen Gouards veranlaßt, sondern landesverräterische unabhängige Pazifisten verrieten aus freiem Willen, um Deutschland zu schaden und dem Ausland zu dienen, was durch schlechte Behandlung der Mannschaft seitens der vielen grünen Reserveoffiziere nicht entschuldigt wird. Indessen hielten die alten braven Truppen bis zuletzt aus, an ihnen lag es nicht, daß man so bald Unterwerfung verlangte. Die Artillerie bekämpfte sich beiderseits mit viel Methode (vergl. Bruchmüller). Hier opferte sich 49. Art. mit seltener Festigkeit, viele ihrer Leute und Pferde (eins hatte 23 Wunden!) starben den Heldentod. 8. b. R. D. befand sich längst im Abzug auf Chateau Porcien, wo einst die Sachsen vor 4 Jahren auf Reims vorrückten, am 19. Aug. hatte 19. R. noch 159. fr. abgewehrt, doch im Bouillywald mußte man schon lange abziehen nach verzweifelter Gegenwehr. Beim Vorgehen über die feindliche Vorderstellung geriet dort Ende Juli 86. D. in solches Feuer, daß vom 344. jedes Batl. nur noch 80–100 Gew. zählte, jetzt im Sept. mußte 469. I. den Wald aufgeben, während 6., 8. Komp. 23. b. R. die Farm Villers bis zur letzten Patrone verteidigten, noch 45 Mann, 3 M. G. schlugen sich durch. Es fehlte also nirgends an Beispielen des alten Heldensinns. Wohl beanstanden wir ungebührliches Hervorheben der Bayern, doch anerkennen um so freudiger, daß sie im Schlußjahr überall an Vorderpunkten mit höchster Hingebung und großartigem Schneid fochten. Bezöge man sich nur auf diese Epoche, so hätte man recht, den Bayern einen bevorzugten Rang zuzusprechen. Um so erstaunlicher als gerade bei ihren Ersatzrekruten sich mehrfach Meuterei und Widerwille gegen Weiterkämpfen breit machten, was man hinter üblichen Hetzphrasen gegen Saupreußen versteckte. Daß die biedern Bajuvaren sich angeblich für ihre norddeutschen Landsleute opfern sollten, gehört zu den nichtsnutzigen Verleumdungen deutscher Stammeszwietracht, sie opferten sich gottlob für das gemeinsame Vaterland. Sobald sie auf das Schlachtfeld kamen, erwachte germanische Kampflust und überwog murrende Kleinlichkeit. (Laut schwäbischen Beobachtern habe freilich bayr. L. W. im Elsaß zuletzt schlechten Willen gezeigt, was wir nicht glauben mögen.) Was den offenen Zwist des Pr. Rupprecht mit Lud. betrifft, so wird behauptet, ersterer sei über die ewigen Pausen wütend gewesen, habe im Aug. auf Gegenangriff der 6., 17. A. gedrungen, da Foch all seine Reserven nach Süden verzog. Ja, sicher gab es Augenblicke, wo dort ein Vorstoß gelingen konnte, und würde dies der Einsicht des Prinzen alle Ehre machen, mit dessen Urteil wir uns einigen. Doch Lud. versteifte sich auf bloße Abwehr und Räumung immer neuer Abschnitte. Haigh drängte seit 26. in Richtung Brüssel–Maubeuge, Foch auf Sedan. Nachdem Gallwitz bei Pont à Mousson überrannt, hielt sich 255. D. (19. A.) bei Nauroy, 10. Pos. bei Montser noch brav genug, doch 27. R. D. löste sich auf durch Fahnenflucht vieler hier eingestellten Elsässer und 11 allierte D. (10 überstarke amerikanische) waren für 10. D. zu viel. Bis Thiaucourt brandete der Feind, dann durch 31., 120. D. aufgehalten.

In weiteren Kämpfen der 6. A. seit 28. an der Flandernfront bis 1. Okt. zeichneten sich das sächsische 100. R., sowie 132. Elsässer bei Nosselaere besonders aus. König Albert wollte mit Plumer, Belgiern und der zu ihm verschobenen A. Desgouttes durchbrechen, Armins Gruppen Schröder, Marschall, Gobain, Böckmann widerstanden. Während der ersten Oktoberwoche ging das Ringen vor Cambrai weiter, bayrische und Truppen des Altonaer Korps behaupteten im Süden ihre Stellungen. Hutier verlor St. Quentin, der Kronprinz mußte zuletzt Brimont und Berry räumen, dagegen warfen längs der Sommepystraße bei Liry besonders 55er, 149er, 150er sowie die 129. Inf. Div. (357. I. usw.) die Franzosen und Amerikaner zurück. Gallwitz hielt sich zwischen Argonnen (Romagnestraße) und Maas. Die Türken mußten indessen Damaskus und Beirut räumen und Bulgarien unterwarf sich bald der Entente in schmählicher verräterischer Kapitulation. Ein neues Friedensangebot der Mittelmächte fand bei der Entente kein Gehör. An der Flandernfront, wo die 3. Marinedivision seit langem stark teilnahm, und längs der Cambrailinie blieb vorläufig alles beim Alten, bei Le Catelet ging Kathen nur langsam zurück, nördlich St. Quentin schlug Hutier neue Angriffe ab, im Aisnetal wehrten sich besonders die 9. L. W. und die in Rußland und Rumänien bewährte 76. R. Div., zwischen Argonnen und Maas kamen die Amerikaner nicht vorwärts, hier taten sich die 147er besonders hervor.

Was den Theoretiker rasend machen kann, ist die Erstaunlichkeit, daß die stets unbenutzte Mihielsstellung jetzt plötzlich zum Verderben ausschlug. Gallwitz legte die sogenannte Michelsstellung rückwärtig zwischen Fresnes und Pagan a. d. Mosel an, hielt aber seine Vorderfront C unter General Fuchs für gesichert. Zu seinem Unglück gab man ihm zwei ungarische Divisionen, die Kaiser Karl allergnädigst auslieh. Diese streckten zwar nicht einfach die Waffen, wie die Fama verleumdete, als die Amerikaner mit französischer Unterstützung gegen Mihiel vorbrachen, doch retteten sie sich baldmöglichst, die Deutschen sollen teilweise ausgerissen sein. Allerdings hatte Pershing riesige Übermacht und sein Nachsetzen über Thiaucourt–Noroy scheiterte unter hartem Verlust seiner unbehilflichen Sturmsäulen. Jedenfalls erkannte Foch die Bedeutung der Mihielsstellung klarer als O. H. L., wie dieser dringliche Angriff beweist. In vollständiger Niederlage wurde Fuchs bis in die Michelsstellung getrieben, es war das einzige schmachvolle Gefecht des Weltkriegs für deutsche Waffen. Indessen machten die Franzosen am 14. erst »Übergangsversuche« an Vesle und Ailette, erst sehr spät waren 2., 18. A. hinter dem Oisekanal zurückgenötigt, »große Erfolge« der Alliierten Ende September erkennt man nicht. Erst am 20. Oktober gedieh das Unheil so weit, daß 4. A. am 14. bei Roulers geschlagen, in die befestigte Linie zwischen Ecloo und Lys nach Belgien hineinwich, erst am 17. landeten Briten bei Ostende. Infolge Überflügelung längs der Lys mußte die 6. A. Lille endlich räumen, die 17. A. Douai. Sie hielt sich bis 9. ausgezeichnet ging nur deshalb auf Valenciennes zurück, weil das Weichen der 6. und 2. A. ihre Flanken entblößte. Die 2. A., die sich nie sonderlich 1918 auszeichnete und am Unglück des 8. August schuld war, lieh sich bis Le Cateau zurückdrängen, wo die Hermannsstellung noch nicht ordentlich ausgebaut war. Wir mögen dies nicht beschönigen. Daß deutsche Truppen von feindlichem Frontalangriff dauernd abgestoßen werden, kam sonst nie im Weltkrieg vor. Die 18. A. manövrierte lange gut, doch Weichen Eberhardts, welcher Korpschef Armins jetzt 7. A. leitete, zwang Hutier, sich nunmehr bei Guise nordöstlich St. Quentin aufzustellen. Die 9. A. scheint aufgelöst und mit der 7. verschmolzen zu sein, sie räumte den Laffaux-Vorsprung und zog sich hinter Oise-Aisne-Kanal an die Veslefront heran, wo ihre linke Flügeldivision von Franzosen und Amerikanern nordöstlich Fismes vertrieben wurde. Die 1. und 3. A. wichen vor starkem Andrang zuerst am 11. Okt. an die Suippes, dann in die rückwärtige »Brunhildstellung«. Infolge Überflügelung räumte Boehn am 13. Laon. Auch 7. A. verschwand, nur 18. A. blieb dort bestehen. Daraus zu schließen, daß wir nur noch 750 000 Streiter zählten und seit Neujahr bis 5. Okt. rund 1 Million verloren, wovon 300 000 Gef., scheint aber vielfach übertrieben. So viele Außreißer und Grippekranke bedeuten keinen Kampfverlust, den wir vielmehr gerade auf 750 000 schätzen, wovon 200 000 Gef. und Überläufer, da Foch offenbar nach üblicher Methode alle liegen gebliebenen Verw. mitzählte. Auch das ist noch viel, es scheint ausgeschlossen, daß im Sept. so viel Gef. absplitterten, es seien denn Überläufer. Nun können aber 210 D. im April inkl. Art. nicht unter 2 Mill. Streitbare gehabt haben, das Heer hatte noch über 1 Mill. Kämpfer. Allerdings wurden die Verluste »sehr empfindlich«, obschon gewiß nicht »ungeheuer groß«, sie wurden es angeblich durch die schlechte Gesinnung der aus Rußland hergebrachten Divisionen, die sich nicht mehr schlagen wollten. Die Urlauber kehrten nicht mehr zurück, Desertion griff reißend um sich, Ersatz aus der Heimat kam nicht. Alles betete dort zum Heiligen Wilson und war wütend, daß man nicht gleich die Flinte ins Korn warf. Die Oberförster im Phrasenwald pürschten deklamierend nach der sagenhaften weißen Hinde des herrlichen Weltfriedens und rührender Völkerversöhnung. Bloß die Alldeutschen sind Verbrecher, dagegen Briten und Franzosen allbekannte Verächter des Chauvinismus und Imperialismus, die uneigennützigen transatlantischen Meister wollen Deutschland liebevoll von seinen grausamen Machthabern erlösen, »das Volk von Tyrannen befreien«. So schlichen die Braven umher, den Dolch im Gewande, und die Kraniche des Ibykus krächzten unheilverkündend. Militärisch war die Lage nichts weniger als verzweifelt, politisch nur zu sehr. Wer sich mit Leichnamen wie Österreich und Türkei zusammenkoppelt, wird vom Leichengift angesteckt. Ohne Österreichs jämmerliches Verhalten, wo nur die Deutschen und besonders die mannhaften Tiroler ihre Pflicht taten und die ungarischen Divisionen vom Isonzo einfach nach Hause liefen – Ungarn hat ebenso bitter wie verdient gebüßt – ließ sich der Krieg hinfristen, sobald Deutschlands Volk das Beispiel des französischen 1792–97 unter noch größerer Drangsal nachahmte. Doch dazu fehlte jeder Wille, denn der Deutsche wird nur auf Kommando »Patriot«, und sobald die Staatskette sich lockert, fragt er mit Falstaff: was ist Ehre, was ist Vaterland! Daß der Friede entehrend sein werde, ließ ihn ganz kalt. Hätte man ihn gewarnt, daß er nicht bloß ideell, worauf das angebliche Volk der Idealisten pfeift, sondern materiell vernichtend sein werde, dann hätte vielleicht der Philister um die Futterkrippe gefochten. Indessen muß man die Leid- und Hungerpsychose berücksichtigen, es war den Leuten zu viel aufgebürdet, doch duldete Frankreich nicht auch ein Übermaß des Bittern und bewies sich nach allem deutschem Geschrei von »Durchhalten« mannhafter und entschlossener? Die elende Regierung und die possierliche Persönlichkeit des kaiserlichen Schlachtenbummlers, weit vom Schuß, waren freilich nicht danach, dem Volk den Nacken zu steifen. Uns kümmert hier nur die Frage, ob militärisch die Lage eine Waffenstreckung forderte.

IX. Oktober-Katastrophe

Alle Anstrengungen Haighs besonders am 8. Okt. entrissen Cambrai nicht den Resten der 6., 133., sowie 5. b. D. (nur 500 Gew.). Bei St. Quentin brachten 29., 30. Sept., 1. Okt. langbohrende Stöße gegen 6. b., 231. D. bei Urvillers, wobei die Ingolstädter sich durchschlugen. Gegenstoß der 34. D. machte zeitweilig Luft, doch St. Quentin mußte geräumt und am 10. Abzug in die noch unvollendete Solesmes-Stellung durchgeführt werden, wobei die Bayern wieder 33, 1500 verloren, für 12 Kampftage nicht allzuviel. B. Kr. Arch. spricht von scharfen Maßregeln, die den Zusammenhang aufrecht hielten, was euphemistisch gesagt, daß man viele Ausreißer bändigen mußte. Mittlerweile erfolgte schon am 26. Sept. ein großer Schlag von Gouraud und Guillomat (an Stelle Berthelots) gegen 3. A. und Linke der 1. unter schrecklichem Trommelfeuer. Laut Regt. G. des 49. Art. wirkte besonders erschwerend Feuerüberfall von Fliegern, während kein deutsches abwehrbereites Flugzeug weit und breit zu sehen war. Mit zerschundenen Nerven in überfüllten deckungslosen Linien westlich Tahure gab b. Ers. D. nach, wobei 14., 18. R. samt ihrer Artillerie zu Grunde gingen, während 7. Magdb. D. rechts davon vor Navarin sich hielt. Links bei Tahure–Cernay mußten 42., 103., 202. D. weichen, doch 1. b. D. riß sie als Rückhalt wieder vor, 7., 209. D. fanden an 15. b. D. gute Hilfe, wobei 31. b. sich auszeichnete. Am 27. gingen aber »Bayernhöhe« und Sommepy verloren, 200. D. behauptete noch brav Marie à Py, der Kampf war überaus scharf. 15. b. D. wurde ebenso aufgerieben wie vorher die Ers. D., II/III/31. und ebenso I/II/30. wurden abgeschnitten, 32. im Verband von 7. D. südöstlich Sommepy ging ganz unter, wie links davon 1. b., das auf die Stärke einer Komp. schmolz. Doch die Franzosen litten noch mehr im Dormoisetal und bei Gratreuil, erst im Okt. hatten sie die Moronvillershöhen. Am 28. hielten sich, in 3. G. D. aufgenommen, alle Reste vorzüglich. Südöstlich davon am Straßenkreuz geriet 97. I. in Gefahr, doch 2. b. hielt aus, 42., 202. D. standen fest, 108. am äußersten linken Flügel durch die Würzb. abgelöst, sowie 51. R., 233. D. hierher verschlagen, die verkämpfte 7. D. ersetzten. Auch 199. D. mischte sich am 29., 30. dort in erbitterte Schlacht bei Medeahfarm. Auberive und St. Marie blieben uns, man vereitelte den Durchbruch, H. B. betonte zu wenig diese ehrenvollen Kämpfe. Bei Orfeuil schlugen sich die bayr. Reste bis 8. Okt. An diesen heißen Kampftagen entlasteten 1. b. Rgt. und später 159. westf. das bedrängte 75., das bis 10. auf 5, 119 schmolz in heldenhaftem Ringen der Bremenser. B. Ers. D. schmolz auf 1000, 15. D. auf 200, bei 1. D. hatte 24. I. noch 70 Gewehre! Außer den Bayern wirkten Rostocker Füs. und 368. I. gegen 42. amerik. D., 506. fr. Tankrgt. und eine fr. Br., die vor 17., 213. D. blutig zerschellen. Weit links am Aisnetal südöstlich Ripont rückte 4. b. D. zwischen 202. und 13. D. ein, leistete gute Dienste. Nach angetretenem Rückzug in die Hunding-Brunhildstellung stand Mitte Okt. 3. A. bei Vouziers–Attigny, wo am Westrand der Argonnen und bei Grandpré 5. A. anschloß, 1. A. hinter der Aisne bei Ch. Porcien, 7. A. nördlich des Damenwegs bis Brimont. Hier hatte der Feind bei Breuil nördlich der Wesle am 1. Okt. die 2. b. D. hart angefaßt mit nur kleinem örtlichen Erfolg. Bei Orfeuil zurückgeworfen, stürmte Guillemat später der geschickt rückwärts abgeblätterten Linie Mudras nach, am 19. östlich Sissonne traf ihn aber rascher Seitenstoß, er blieb am Fleck gefesselt. Der bisher abhängende Gouard suchte umsonst gegen Rethel vorzukommen, am 24. erledigte ihn Einems Gegenstoß.

Inzwischen bestand auch 5. A. (K. Dieffenbach, Oven, Soden und östr. K. Grizinger) seit 26. argen Andrang mächtiger amerikanischer Massen, hier wurden Einems 1. G. D. im Airetal, wo sich auch L. St. B. Rosenheim-München befand, und Mudras 7. R., 117. D. bei Avocourt und Forges auf Montfaucon geworfen, doch durch 5. b. R. D. beherzt herausgehauen, besonders ihre Batterien wirkten opfermutig aufs Beste. Die überangestrengte brave 7. R. D. ging bei Sept Farges und Dannevaux unter, doch die im Grabenkrieg ungeübten Amerikaner litten gewaltig, oft auf 800 Meter Nähe zerschossen. Wie seltsam berührt es, die am 1. Sept. 1914 erreichten und bis 4 Jahre behaupteten Orte in Feindeshand zu sehen! Bis 10. Okt. zogen sich hier starke Kämpfe hin, wobei 28., 236. D. den Amerikanern Liggetts viel Schaden taten. Mudra wich dann in die Brunhildstellung Romagne–Brieulles s. Meuse. Abzug nach den Nordargonnen erfolgte überstürzt und früh, sie hätten viel länger verteidigt werden müssen, der Feind durfte nun seinen Angriff auch aufs Ostufer nach Sivry und Orne übertragen gegen Gruppe Maas-Ost unter F. M. L. Grizinger (bundesfreundlich, aber unnötig). Ihn hemmen aber dort vom 9.–14. bei Haumont 15., 33. D. und die in weitem Sprung herversetzten kümmerlichen Reste 27. D. nebst einem östr. Jg. Rgt. und sächs. Art. Liggett stand nur noch 15  km von Stenay, dem Rückzugsdepot, doch der biedre Eifer der Yankees dämpfte sich, als ihre ungeheure Masse zusehends durch Blutbäder verringert. Die Schwaben sprangen noch den Badensern am anderen Ufer bei. In ernster Lage hielt man sich dort gegen riesige Übermacht, bis am 1. Nov. am Larrocourtwald die Schwaben zersprengt, 109., 120. vernichtet und bis 11. »Gruppe Orne« auf Malandry zurückgedrängt wurde.

Am entgegengesetzten Flügel in Flandern erhob sich seit 28. Sept. das Brüllen engl. Gesch. und eine so heiße Schlacht, wie nur je im Weltkrieg. 11., 12. b., 23. D. zwischen Langemark und Zillebeke, 6. b. R., 40. D. bis südlich Messines wurden teilweise durchbrochen, Bezelaere genommen, doch Paschendaele gehalten, obschon die meisten bayr. Gesch. ehrenvoll im Feuer verloren gingen. Gegenstoß von 16. b., 52. R. D. bei Roosebeke hielt den Einbruch auf, der linke Flügel mußte aber gleichfalls auf Warneton–Hutem–Kruiseke sich zurückbiegen, am 29. über Comines–Zandvorde. Armin, dem so schwache mürbe Häuflein zu Gebote standen, (25 D., darunter die im August vernichtete 11. b.), bezog jetzt die Flandernstellung zwischen Warvick südlich und Handzaeme nördlich bis 4. Okt. mühten die Verbündeten sich daran ab, bei Ledeghem schlug sich besonders Westpr. 61. R. der 36. R. D. hervorragend. Bei Kegelberg hielten die überaus geschwächte 52. R. D., 1. b. R. D., 6. Kav. D. wacker aus, die letzten 750 Gew. der 12. b. D. und die in freiem Feld nahe den Feind bestreichenden letzten Gesch. der 22. Art. unterhielten rollendes Feuer. Diese Bayern ließen seit Sept. Ende 3500 Mann, 40 Gesch., 250 Masch. G. liegen, was freilich einen traurigen Maßstab für die Prüfung der 4. A. bis 13. Okt. ergibt. Am 14. brach Verderben über 1. b. R. D. herein, nur 100 entkamen, der G. Ers. D. bei Morsele erging es ähnlich, die Art. ging verloren. Überreste der 11. b. D. und die 16. mischten sich unter die preuß. 3., 16., 36. R. D. bei Cortemark, 6. b. R. D. unter 39. D. bei Warwicq. Der König der Belgier sollte bei Roulers–Menin–Gent durchbrechen, Fochs ganze Heeresreiterei von 20 000 Säbeln nachhauen. Nichts gelang von Courtrai bis Brügge. Nachtmärsche unter widrigem Regenwetter führten die zerschlagenen Truppen in die Hermannsstellung bei Kortryk. Als sie am 19. dort ankamen, zählte 16. b. D. noch 800 Gew., die wieder etwas aufgefüllte 11. b. noch 1320. Trotz so winziger Bestände hielten sie und 207. D. noch lange, ehe man in die letzte Verteidigungslinie zwischen Antwerpen und Ecloo langsam wich.

Der Feind entfaltete überall grobe Übermacht und rohe Gewalt seiner Kampfmaschinen, doch nur mit schweren Opfern konnte er die dünnen gelichteten Scharen vor sich her stoßen. Am 9. ließen zwar die Kanadier im geräumten Cambrai ihre Fahnen fliegen, am 10. wehten in Le Cateau und St. Quentin Union Jack, Sternenbanner, Trikolore. Gegen 6., 17. A. ließ der Druck gerade so nach wie gegen 7., 1., 3. Bei Bohain und Solesmes brachen Tankstürme übel zusammen, ehe 6. A. aus Lille nach Tournai, Below über Douai abzog. Nur 2., 18. A. wurden am 17. besonders bei Le Cateau von Massen Angelsachsen und Galliern angefallen, von listigen Fluggeschwadern umkreist. Am Sambrekanal vergällten bei Wassigny 6. b., 18. D. des K. Endres dem Feind den Übergang, südöstlich Cateau bei Ertreux wehrten sich Watters 3. Mar., 221., 23. D., obwohl jede nur 900, 330, 250 Gew. zählte. Auf dem Guiseplateau hielten Hutiers Gruppen Gontard und Sieger bis 26. den ungeduldigen Humbert überlegen in Schach. Nur südlich bei Marle wich er vor Debeney und Mangin. Rückzug bis 9. Nov. nach kurzem Halt bei Landrecies und Avesnes und östlich Maubeuge, während der im übermütigen Kraftbewußtsein über Valenciennes nachdrängende Haigh zugleich mit Gruppe Albert die 4. A. an Lyskanal und Schelde verfolgte. Zwischen 20. Okt. und 8. Nov. entschlüpfte man dem erschöpften Gegner ohne ernsteres Verbeißen, in voller Ordnung standen nun 4., 6., 17., 2. A. zwischen Termonde und Chaleroi. 18., 1., 3., 5. A. erhielten verschiedene starke Hiebe, die aber alle pariert wurden. 103., 199., 202., 213., 242. D. und b. Reste – noch 600 Gew. der 15. D., bei 1., 4. schwerlich mehr – fochten seit 14. Okt. zähe in Umgegend von Vouzier, wobei 475., 476. I., 280. Art., 127. der 242. D. sich am Käseberg hervortaten. Ein Gewaltstoß der Amerikaner, die über Grandpré immer weiter gegen 5. A. Sturm liefen, nötigte 240., 31. D. am 2. Nov. auf Buzancy zu weichen. Rgt. 70., 166 wurden hierbei von 149 Bayern unterstützt, jetzt die ganze 15. D. ausmachend. Allmählich wich diese Abteilung Maas-West bei Yvor hinter die Maas auf Diulet-Dun unterm Schutz der 115. D.; 5. A. lieferte zwischen Dun und Stenay mit 10., 20., 117. D. noch ganz günstige Gefechte, wobei den alten, Rgt. 77., 79. das junge 450. gut zur Seite stand.

X. November-Ende militärisch-politisch

Dem bewährten General v. Scholtz, Befehlshaber der deutschen Balkantruppen, gelang es, sich von der bulgarischen Niederlage loszulösen, seine braven Landwehr- und Landsturmmänner hielten unter erschwerendsten Umständen aus, bis große neue Verstärkungen heran waren. Die in Albanien unter Pflanzer-Baltin bisher siegreiche österr. Gruppe zog sich auf Nisch bis Lascovic zurück, entkam also dem bis Üsküb eingetriebenen Keil der Armee Esperet. Der rüstige General muß schon große Verstärkungen erhalten haben, um die Offensive so kräftig aufnehmen zu können, wobei die Venizeloz-Griechen mit in die Wagschale fielen. Was dazu bewog, die Bulgaren wesentlich allein zu lassen und auf ihre dauernde Widerstandsfähigkeit zu vertrauen, ist nicht klar. Die Bulgaren begingen natürlich den dümmsten Streich, ihre jetzigen wie einst ihre Balkanbundesgenossen zu verraten, sie lieferten sich der Entente auf Gnade und Ungnade aus und begruben selber ihre nationalen Hoffnungen. Den Mittelmächten leisteten sie, so mochte es scheinen, insofern einen Dienst, als diese sich nun nicht mehr beim Friedensschluß um die bulgarischen Forderungen an Serbien und Rumänien, sogar an die Türken, mit denen sie wegen Adrianopel sich schon in den Haaren lagen, zu bekümmern brauchten. Gefrässiger Größenwahn und nachher feige Nachgiebigkeit. Faßt man in jener Zeit das Endergebnis des Weltkriegs im Balkan ins Auge, so blieb Österreich nicht länger vor den Begehrlichkeiten der Serben und Rumänen gesichert. Doch wenn die deutschen Erfolge des Brester Friedens auch äußerlich wegfielen, so hatte Deutschland sich doch für lange seines gefährlichsten Nachbarn, des vereinten Russenreichs, entledigt. Ebenso schienen Frankreich und Belgien auf Menschenalter außer Stand gesetzt, gegen Deutschlands Sicherheit zu konspirieren, so schmerzlich dies Aufgeben aller errungenen Vorteile und der früheren Reichsgrenze empfunden wurde! England war zwar nicht tödlich, aber schwer verwundet, seine Handelsflotte halb ruiniert, so daß es endlich eine Vorstellung von der wahren deutschen Macht bekam. Auch Amerika verlor den Milliardenprofit seiner Neutralität und hatte genügend Einbuße erlitten, während Wilsons Autokratie den Samen grollender Zwietracht säte. So furchtbar daher die Leiden der Mittelmächte gewesen sind, hatte der Weltkrieg doch den Horizont erhellt, nicht mehr drohte wirkliche Zerschmetterung. Wenn man nach Heldentaten, wie sie die Geschichte niemals sah, zuletzt einen unglücklichen Frieden schloß, so war doch Deutschlands Prestige gewachsen und ihm blieb endlich freie Hand, sich wirtschaftlich wieder aufzubauen. So schien es noch bei Jahresschluß. Doch »es kommt immer alles anders«, noch war der Kelch nicht zur Neige gelert. –

Nachdem Bulgarien kapitulierte und die Österreicher Serbien räumten, rückten die Alliierten ziemlich langsam vor und wandten sich zunächst gegen die Türken, die mittlerweile außer Damaskus auch Beirut und Aleppo verloren und Baku wieder verließen. Sie und Österreich machten Sonderfriedensangebote, da Deutschland selber sich mit Waffenstillstandsvorschlag an Wilson wandte, den dieser zögernd und mit Klauseln grundsätzlich gewährte, jedoch die Ausführung an den alliierten Kriegsrat verwies. Ehe dieser harte Bedingungen formulierte, focht man immer noch heftig an der Westfront. Die Armeen des Kronprinzen gingen nur sehr langsam zurück, Hutier focht standhaft nördlich Hirson, erst später nacheinander mußten Cambrai, Douai, Valenciennes geräumt werden. Armin verließ still die Yser und zog sich auf Kortryk sowie auf Antwerpen zurück, nachdem die Alliierten mit schweren Kämpfen bei Menin, Roulers und leichter bei Ostende deutsche Nachhuten vertrieben. Die neue deutsche Linie lag hinter Schelde und Sambre und es waren östlich noch starke Verteidigungsstellungen zwischen Maubeuge und Metz zu überwinden, falls die Alliierten den Krieg fortsetzten. Am 1. Oktober ließ L. dem Reichskanzler melden, daß er die Front schwerlich mehr halten könne, am 8. widerrief er wieder. Die Oktoberschlacht strafte ihn Lügen, der Kronprinz stand unverletzt, die Nordfront schien sich zu festigen. Fochs Kraft war ausgepumpt, nur die transatlantische Quelle sprudelte. Dies deutsche Heer zeigte sich noch ungebrochen, besonders zeichneten sich in Französisch-Flandern das 6. Garde, 118. hessische Regiment sowie die 142. Division aus, auf der sonstigen Front das 8. brandenburgische 53. westfälische Rgt. So kam der 1. November heran, ohne daß der Rückzug irgendwo hätte gestört werden können. Im Norden fielen in den letzten sechs Wochen nur 30 000 Gefangene den Alliierten zu, die Beute an Geschütz (dazu 1200 Maschinengewehre) soll beträchtlich gewesen sein. Da Ludendorff aus politischen Gründen seinen Abschied nahm und bei plötzlicher Demokratisierung der gesamten Reichsverfassung die Zivilbehörden des Reichstags die Aufsicht über das Militärische mit übernahmen, so hörte man nicht auf den Wunsch vieler Generale, den Krieg bis aufs äußerste fortzuführen, und unterwarf sich den übermütigen Forderungen des Feindes: Räumung von Nordfrankreich, Belgien, Elsaß-Lothringen, Besetzung von Metz und Straßburg durch französische Truppen, allgemeine Entwaffnung. Auch letzterer ganz unannehmbarer Bedingung fügte sich Michel, von Pazifistenphrasen umnebelt.

Auf Österreich, das ein falsches Spiel beginnen wollte, brauchte man gottlob keine Rücksicht zu nehmen, es zerfiel in sich selber und die schwarzgelbe Clique stand mit leeren Händen da. Ungarn erklärte sich selbständig, die Tschecho-Slowaken desgleichen (10 Millionen mit Hauptstadt Prag), Slavonien-Kroatien begann mit Plündern, Sengen und Brennen das Südslavische Reich zu gründen, das sich mit Dalmatien, Bosnien und sodann Serbien zusammenschließen sollte. Es ließ sich indessen vorhersehen, daß Kroaten und Serben sich nicht so brüderlich verstehen würden, wie es theoretisch aussah, da im Grunde von »gleicher Rasse« nur in sehr weitem Sinn geredet werden kann und als Hauptstadt des neuen Reiches doch eher Agram als Belgrad zu wählen war. Die Deutschösterreicher, Wien an der Spitze, wobei die Deutschböhmen sich sofort als eigene losgelöste Provinz zu konstruieren wünschten, beschlossen Aufgehen ins deutsche Reich. Im Grunde konnte Österreichs Zerfall, das unter dem erzklerikalen und nichts weniger als deutschfreundlichen Kaiser Karl ein sehr unsicherer Kantonist geworden wäre, Deutschland nur recht sein. Keins der neuen slavischen Staatsgebilde konnte gefährlich werden, Ungarn war nun erst recht auf spätere Anlehnung an Deutschland angewiesen, Deutschösterreich bot neuen Machtzuwachs. Dagegen belasteten die unverschämten Forderungen der Polen, die so ihren Dank für Befreiung vom Russenjoch abstatteten, sehr hart die Nordmarken. Und es kam alles noch schlimmer als man damals glaubte, jeden Pessimismus überholte noch die Entwicklung zu allgemeinem Ruin.

Seit 1. November, wo die Alliierten auf der ganzen Linie sich bei langsamem Vordringen blutige Köpfe holten, kam es zu neuen Kämpfen Belows westlich der Schelde und der 2. A. südlich Valenciennes, Armins bei Deynze, Zoneghem usw., wobei das 80. hessische und 57. Rgt. sich auszeichneten. Später hielten Badenser und 71. Art. den Gegner auf. In den heftigen Kämpfen nördlich der Aisne hielten, wie früher vornehmlich die Mecklenburger Brigade, 75. Hanseaten, jetzt 70. R. und 230., 231. R. der 50. R. Div. stand. Auch die Schleswig-Holsteiner der 18. Div., Teile des pommerschen, schlesischen, Posener Korps verwehrten den Amerikanern das Verfolgen. Westlich davon in der Linie nördlich Guise kämpften die Brandenburger erfolgreich, besonders 24er, sowie Bayern und das seit Anbeginn in Rußland fechtende 93. Reserve. Doch war alles umsonst, die soziale Revolution untergrub die letzte moralische Widerstandskraft, die Waffenstillstandskommission willigte kläglich in verschärfte Bedingungen: Besetzung der Rheinufer mit Jülich, Köln, Düsseldorf, Koblenz, Mannheim, Mainz, der Pfalz. Man mußte sich mit Protesten begnügen, als die Franzosen alle Vereinbarungen über Unbelästigung der Reichsdeutschen im Elsaß brachen und ihre Ungebühr auf Saarbrücken ausdehnten, das sie gleichfalls annektieren wollten. Militärisch war so schmachvolle Nachgiebigkeit noch keineswegs geboten, doch die vaterlandslosen »Unabhängigen« und der teilweise Nahrungsmangel (lange nicht so groß wie in Österreich) brachen den Willen. Man ließ sich apathisch alles gefallen, auch die wahnwitzigen Entschädigungsansprüche. Was den sozialen Umsturz erklärt und rechtfertigt, gehört hier nicht zur Sache. Noch sind die Akten nicht geklärt, ob Ludendorff oder, wie er sagt, nur die Berliner Regierung jeden Verzichtfrieden hintertrieb, statt im Mai, wo die Aktien noch scheinbar günstig standen, unter allen Umständen Frieden zu schließen. Schon Rücksicht auf Österreich, das längst am Rande seiner Kräfte war, hätte dies geboten. Einen besonderen traurigen Eindruck machte die Flucht des Kaisers nach Holland, der alles im Stich ließ und hiermit sinnbildlich Deutschlands Niederlage besiegelte.

Bis 11. November erreichte der Feind folgendes: Er überflügelte am 25. Okt. die schwache 4. A. bei Gent, sie zog über Oudenarde ab, wo sie einst zur Ypernschlacht auszog. Wahrscheinlich hätte sie Antwerpen geräumt und sich zwischen Lüttich und Namur aufgestellt, diese beiden Türpfosten umzurennen wäre der Feind kaum im Stande gewesen. 6. 17. A. konnten zuletzt die Linie Tournai–Valenciennes nicht halten und gingen gleichfalls auf die Maas zurück. 2., 18. A. hielten sich zwischen Landrecies und Guise. 1., 3., 8., 11. A. hielten die Argonnen bis Consenvoye und weiter südlich die Mosel vor Metz. Die ganze Aufstellung glich derjenigen am Ende des ersten Kriegsmonats. Die Entente hatte also genau 50 Monate gebraucht, um die so lange Frankreich peitschende deutsche Sturmflut bis in Nähe der deutschen Grenze einzudämmen. Konnte das Spiel von damals neu beginnen? Gewiß nicht, die Angriffsfähigkeit des deutschen Heeres war nun endlich gebrochen. Darüber kein Zweifel, doch daß »unsre ganze Südfront in Trümmern lag«, übertreibt ein gewisser deutscher General. Man hätte Metz und Diedenhofen trefflich verteidigen können, doch General Gröner, der den ausscheidenden Ludendorff ersetzte, räumte auch diese Punkte, und man ging am 11. Nov. auf den schimpflichsten Waffenstillstand ein. Um dies militärisch zu begründen, munkelt Buat von bevorstehendem Angriff 30 französisch-amerikanischer Divisionen zwischen Nomeny und Marsal gegen die Flanke der neuen Verteidigungslinie und dem unfehlbaren »Untergang« der Deutschen, »in dem Paß (?) zwischen Aachen (?) und der Mosel«. Was ist das für ein Paß? Wenn die Verbündeten zwischen Givet und Consenvoye standen, hatten also die Deutschen sowohl Argonnen als besonders die hier viel genannten Ardennen schon hinter sich, für Aachen lies aber richtiger Lüttich, dessen Forts doch sicher den Übergang gedeckt hätten, ebenso die von Namur. Immerhin ist fraglich – darin pflichten wir den Ludendorffeinden bei –, ob weiterer Widerstand sicheren Erfolg gehabt hätte. Aber es mußte versucht werden, zum Waffenstrecken blieb immer noch Zeit und Schlimmeres als die spätere Besetzung des Rheinlandes konnte auch so den Deutschen nicht zustoßen. Ein weiterer Zeitgewinn von 3 Monaten wäre aber sehr ins Gewicht gefallen, da die Ententevölker die Sache satt waren und Wilson wußte, daß er seinen Landsleuten nicht zu große Opfer zumuten dürfe.

Ein Punkt wird ganz übersehen, nämlich die wirklich »ungeheueren« Ententeverluste. Verlor Deutschland wirklich 6 Mill. inkl. 900 000 (?) Gefangene, was wir bezweifeln – vermutlich alle an Krankheit Gestorbenen bei allen zu irgendwelchem Etappendienst Eingezogenen mitgerechnet, als ob nicht in jedem Friedensjahr gleichfalls sehr viele Männer stürben –, dann müßte freilich 1918 sein Verlust größer gewesen sein als in jedem anderen Kriegsjahr, er war es offenbar nur an Gefangenen und Überläufern. Kein Zweifel besteht aber über den riesigen Verlust der Verbündeten. Das beste Beispiel bieten die Amerikaner, die schwerlich mehr als 400 000 ernstlich ins Feuer brachten und doch über 200 000 Tote und Verwundete offiziell angaben, obschon sie erst seit Juli stärker mitfochten und nicht oft an Brennpunkten. Es läßt sich daher vermuten, daß Briten und Franzosen allermindestens 50 % der Masse verloren, ein Blutvergießen, wie es in solchem Umfang wohl niemals sonst vorkam. Nun wohl, wer wird glauben, daß nach solchem beispiellosem Aderlaß sie noch in der Lage waren, den Krieg mit gleicher Energie fortzusetzen! Nehmen wir an, der deutsche Verlust habe 1918 inkl. Gefangenen 1 Million betragen, so verloren die Verbündeten sicher nahezu 2 und trotz der amerikanischen Aufschüttung hatten sie schwerlich noch zwei Millionen im Felde gegen fast eben soviele Deutsche, falls man den noch verfügbaren Ersatz einreihte. Nun sagt man ja freilich, doppelt so viel Amerikaner hätten gekämpft. Gut, aber »200 000« Verl. ist eben auch falsch bei zugestandenen 70 000 Toten, was nach normaler Schätzung 1:4 genau 350 000 t. u. verw. ergibt, d. h. 40–50 % in wesentlich nur 4 Monaten, so daß die Briten und Franzosen in 9 bei meist schwereren Kämpfen sogar über 50 % verloren haben müssen. So bleibt in jedem Fall unsere These bestehen: Der Feind war so geschwächt, daß bei reinem Verteidigungskrieg die Kräfte sich ausglichen, selbst wenn die transatlantischen Transportziffern nicht auf Humbug beruhen.

Wie verlief nun der letzte Kampf nach deutscher Darstellung? Wir verfolgten unsern Rückzug Schritt für Schritt, damit klar werde: der Feind brauchte 3 Monate, uns aus einem Gebiet zu verdrängen, das wir im wesentlichen (Douai–Cambrai–Vapaume–St. Quentin–Ch. Thierry–Reims–Argonnen) einst binnen acht Tagen gewannen. Wenn man aber die Chronik deutscher Mannestaten berührt, so darf andererseits nicht vergessen werden, daß die Truppen sich verschieden hielten, neben Bewundernswertem auch Unwürdiges genug vorfiel. Daß Propaganda von innen und außen mitsprach, darf man nicht in Abrede stellen. Wer die schlaffe oder direkt pflichtlose Haltung vieler Leute verschweigt, den verweisen wir darauf, daß dies trostlose endlose Weichen in einem solchen Sieg gewohnten deutschen Heere gar nicht auf natürliche Weise erklärt werden kann. Die französische Darstellung färbt diese Tatsache, als ob die Verbündeten eben Soldaten mit mehr Festigkeit und Wert besessen hätten, was der ganze Weltkrieg widerlegt, und fälscht durch Verallgemeinerung der unliebsamen Beobachtung. Foch und Frankreich, die sich als Sieger proklamierten, beschleunigten übrigens nicht den deutschen Jammerrückzug, sondern die Engländer unterbanden uns jedes Ausharren durch wildes tägliches Hämmern. Sie waren die Geschlagenen, die Dezimierten, und doch vollbrachten sie, was die deutschen Führer zu tun weigerten, sie bedurften keiner ewigen Ruhepausen als »Abgekämpfte«. Wer hätte das gedacht, nach jahrelanger Erfahrung, daß der Feind, sobald er in deutsche Vorderlinien drang, sozusagen ohnmächtig vor Blutverlust umsank! Wie begreift man, daß diesmal die größten Verluste den Engländer keinen Tag aufhielten! Daß die Deutschen seit Juli reißend schmolzen, ändert doch nicht den Verlust der Angreifer. So hart es uns ankommt, schließen wir auf weitgehende Demoralisierung. Teile der 2., 6., 5., 19. A. blieben mit unter dem, was man von deutschen Kriegern erwarten darf. Wie beschämt die unerschrockene Hartnäckigkeit der britischen Milizen, die ihre letzte Kraft daransetzten, »das Geschäft zu machen«! Diese schmähliche Nachgiebigkeit, dies Weichen von Ort zu Ort – ja, die Deutschen waren weich geworden! »Überflügelung«, als ob es dagegen kein Mittel gebe, »Tanks«, als ob H. B. nicht dauernd versicherte, alle seien zusammengeschossen! War das erlogen und ihre Schrecklichkeit wahr? Dann muß man die Nachlässigkeit anklagen, die nicht eiligst Nachahmung dieser neuen Waffe in Kraft setzte, hier und in manchem Anderen zog der Militärfiskus seine Aufträge zurück, der Bürokratius Militaris hintertrieb alles, was die Initiative der Kriegsindustrie wollte. Er log wie gedruckt im Marineamt und ließ alles beim Alten. Nun, die Tanks entschieden auch nicht viel, das sind nur Ausreden. Sondern die Haltlosigkeit der Truppen, trotz Schneid und Opfermut vieler wackeren Teile, wurde nur deshalb epidemisch, weil ein Nervenzittern die O. H. L. selbst überfiel.

So war das unglückliche deutsche Heer fast auf die ganze Linie zurückgedrängt, die es im August 1914 einnahm. Daß viele Truppen sich tief unter ihrem gewöhnlichen Niveau betrugen, ist entschuldbar durch traurige, politische Lage, elende Verpflegung, Entmutigung wegen erdrückender Übermacht. Letztere war man ja aber gewöhnt, sie kann gerade 1918 nicht so groß gewesen sein, wie man glaubt, die Verbündeten verloren ja ungleich mehr und die Amerikaner brachten deshalb kein großes Übergewicht. Groß nennen wir dreifache oder mindestens doppelte Überzahl, welcher die Unsern so oft trotzten, daß man geradezu als Norm aufstellen kann: doppelt überlegener Wert deutscher Pflichttüchtigkeit pflegt auszugleichen, falls die Führung nicht versagt. Nun, hier versagte sie, Ludendorff befand sich in seelischer Zerrüttung. Unerwarteter Rückschlag raubte ihm jede Fassung, anders ist unaufhörliches Aufgeben aller Stellungen, Jammern nach Waffenstillstand nicht zu erklären. Nichtsdestoweniger bleibt ebenso dumm wie gemein, ihm allein die Verantwortung aufzubürden, denn entbehrte er nicht jeder Stütze durch den traurigen Schwächling auf dem Thron, durch Regierung und Reichstag? Letzterer freilich und sogar leitende Kreise der Sozialdemokratie wollten den Kampf fortsetzen, Rathenau und Landsberg forderten levée en masse, ein Horror für Lud. und alle Kasernisten alten Systems. Der kaiserliche Deserteur gab das Signal zu allgemeiner Auflösung, Revolution war nicht Ursache sondern Folge verlorenen Krieges. Die Dinge kamen Hals über Kopf, die Volksmarinedivision gab Gastspielreisen bis Köln und träumte in ihrer schlechten Herzenseinfalt von Verbrüderung mit englischen Matrosen. Daß die Flotte einen Dolchstoß von hinten durch feige Meuterei bekam, berechtigt aber nicht dazu, den Dolchstoßbegriff auf alles Übrige auszudehnen. Angebliches Absperren der Rheinbrücken durch Etappenaufruhr erinnert an Bewerfung Nürnbergs durch Flieger am 1. Aug. 1914 ein von Amts wegen frei erfundener Scherz. Gerade die Sozialisten wollten auf so mörderische Waffenstillstandsbedingung nicht eingehen. Vielmehr telegraphierte Ludendorff andauernd Waffenstillstand um jeden Preis, Hindenburg schlug nachher in die gleiche Kerbe, Telegramm an Erzberger, auf ihnen lastet die Verantwortlichkeit, offenbar wollten sie um jeden Preis die Monarchie retten. Dagegen schätzt man den wahren Dolchstoß durch Verrat der werten Bundesbrüder zu niedrig ein, auf die Dauer hätte Deutschland erliegen müssen, doch sein Elend nie solchen Grad erreicht, wenn es sich nicht hätte entwaffnen lassen, sondern eher mit den Waffen in der Hand gefallen wäre. Hier setzt die Übertreibung der Anti-Dolchstoßlegende ein. Deutsche Generale schrieben, weiterer Widerstand sei nutzlos gewesen, doch Zurückziehen auf die Rheinlinie genügte, den Krieg weiter zu fristen. Man veranschlagt nicht des Gegners ungeheure Verluste der selber kriegsmüde, zufrieden gewesen wäre, uns demütigenden, doch nicht vernichtenden Raubmörderfrieden zu diktieren. Daß niemand an letztere Möglichkeit glaubte, entsprang unheilbarer Michelhaftigkeit und Pazifistenbetörung. Wer sich entwaffnet, kommt sicherer ums Leben, als wer sich wehrt. Der Imperialismus kennt nichts anderes als Vernichtung, Nationalegoismus nichts als Umbringen jeder im Wege stehenden Volksheit.

Es ist unwahr, daß man den Krieg wegen Artilleriemangel nicht fortführen konnte, zu Neujahr wären 5000 neue Geschütze bereit gewesen, nur die früher sträflich vernachlässigte Munitionsfrage quälte noch jetzt, des Gegners Geschoßfülle dankte er Amerika. Während des Krieges verbesserte man manchen Kardinalfehler, sparsames treffsicheres Schießen wog feindliche Geschoßverschwendung auf, deren Materialüberlegenheit der Fachtechniker Bruchmüller als glatt erfunden bestätigt. Französische Art. schoß so schlecht, daß ihre Inf. dauernd sie anklagte, zu kurz gehende Kanonade treffe sie im Rücken. Qualitätswert lag nur bei deutscher Handhabung, nur bei der Marine war manches zu tadeln, obwohl das Buch von Persius wohl schwarzgallig übertreibt. Man darf nicht unbedingt auf Gekränkte wie Lichnowski und Persius hören, die einen kalten Angler wie Grey für einen tiefbewegten Deutschfreund und mäßige Admirale wie Jellicoe für besser halten als unsere Marinespitzen. Doch nur Parteiverblendung kann Tirpitz auf den Schild heben, der an Leboeuf und Olivier erinnert, er hintertrieb den Bau von U-Booten und strahlte dann als Erfinder der Papierblockade, deren Mißlingen er selbst verschuldete. Nicht mit Vertuschung dient man der Vaterlandsliebe; die Franzosen erfuhren genug die Schädlichkeit des Chauvinismus, doch wir sollten statt ihrer Laster lieber ihre Tugend patriotischer Opferwilligkeit nachahmen. Noch immer brachte es ein Volk zu Fall, wenn hochmütige Einbildung die Größeverhältnisse entstellt, gerechter Stolz auf unerreichte Erhebung unseres Volksheeres gegen die Welt von Feinden zwingt nicht die Sünden der Führung zu verkleinern. Dies Heroenzeitalter erzeugte ein Kriegergeschlecht, wie es nie seinesgleichen hatte, auch nicht in Friedrichs Zopfspartanern und Napoleons Legionen. Deutsche Geschichtsschreibung der Befreiungskriege strich Minderwertiges der damaligen Verbündeten heraus, machte sich damit würdig, Arm in Arm mit Briten und Franzosen zu marschieren als Gimpel patriotischer Prahlerei. Nun, heute wagt niemand mehr, verbündete Heerführer vorlaut zu verhimmeln, das Wiener Kriegsarchivswerk muß sogar allzu herber Herabsetzung Schwarzenbergs entgegenwirken, sogar unsere offizielle Historie sieht Napoleons Fehler mit mildem Auge, denn Preußens Helden steigen im Ruhm, wenn man vor Augen führt, mit welch scheinbar Unüberwindlichem sie rangen. Ja, Kritik vor wahren Größen bewahre Pathos der Distanz, deshalb soll man nicht zu schroff mit Ludend. ins Gericht gehen, der in Deutschlands Andenken der historisch Überlebende bleiben wird. Unbefangene entäußern sich der Voreingenommenheit, hämische Nörgelei soll nicht das Unumstößliche entehren, daß kein Anderer als er unser Heer in etwaigem Befreiungskrieg führen dürfte. Doch nur Parteilüge belastet einseitig die Sozialdemokratie, beim Zusammenbruch schrien am meisten die Kriegsgewinnler nach Unterzeichnung, weder Juden noch Freimaurer noch Radfahrer schufen dies neue 1806, wo das Schicksal die gewaltigste Anstrengung untergrub.

Nein, nicht die Regierung, nicht die Sozialdemokratie wollte feige Unterwerfung, sondern ein großer Teil des Volkes ohne Ehrgefühl und Opfersinn. Keineswegs die Sozi, deren Führer Frank als Freiwilliger schon zu Anfang fiel, sondern sogenannte Pazifisten unterhöhlten den Willen. Juden? Der unsagbare Förster ist kein Jude, er betörte Unzählige mit seiner Versicherung, Deutschland erhalte einen ehrenvollen Frieden, wenn es nur die Waffen strecke. Konnte man noch im Zweifel sein, wes Geistes Kind er sei, so öffnete er jedem die Augen, als er auch den passiven Widerstand an der Ruhr begeiferte und wiederum das Volk entnerven wollte. Gewiß hat manches Hand und Fuß, was er gegen Kapitalisten und Militaristen vorbrachte, doch man doziert nicht über morsche Balken und Baufehler eines brennenden Hauses, da gilt es nur Löschen und Retten. Daß man dem Heer aktive Dolchstöße im Rücken versetzte, ist unwahr, wohl aber sozusagen passive durch Renitenz gegen endliche Aushebung noch verfügbarer 1½ Mill. Kriegstauglicher. Betrugen die Römer sich so in den punischen Kriegen, wo ihnen ganz anders das Messer an der Kehle saß, die Briten gegen Napoleons Allmacht, die Franzosen in der Revolution und nach Sedan? Der Vergleich treibt Schamröte in die Wangen. So hat die läppische Frage »Jena oder Sedan« sich doch bejaht, gleiche Kopf- und Ratlosigkeit nach der ersten Niederlage, Panik aller Behörden, Jubel über die eigene Entehrung, weil der Widerwille gegen das alte System sich daran sättigte.

Materielle Zwangsgründe der Niederlage waren wenig vorhanden. Ob die angeblich im Bau befindlichen deutschen Groß-Tanks je das Licht der Welt erblickten oder wenigstens aus der Kampftaufe gehoben wurden? Nachdem man die Tanks verhöhnte, schrieb man ihnen später die verwogensten Missetaten zu. General Buat erzählt, bis Sommer habe die Materialversorgung der Verbündeten nicht richtig geklappt. Als am 18. Juli Mangins Flankeneinbruch überrumpelte, sah man 321 Tanks förmlich als Gespenster durch die Luft fliegen: reines Märchen, trauriges Anzeichen gestörter Nerven. Im August hatte Foch 102 fr., 62 engl., 29 (?) amerikanische, 12 (?) belgische Div., die sinnlosen belgischen Ziffern machen uns immer Spaß, sie konnten sich doch unmöglich so aus Belgien rekrutieren, und da Ende Juni erst »250 000« Amerikaner in Frankreich Begeisterung erregten, so konnten sie bis Oktober schwerlich mehr als 400 000 in die Wagschale der Vorderfront werfen, was 15 ihrer überstarken Div. ausmachte. 29 D. wären aber auch nur 820 000, die Hälfte sicher noch hinter der Front. Mindestens 30 fr. D. verschwanden von der Bildfläche, und obschon nochmaliges Einrücken von 300 000 die Briten verstärkte, so müssen die Div. sehr schwach gewesen sein, da sie sonst nie 62 betragen hätten nach Vernichtung so vieler Truppenteile. Derlei summarische Ziffern täuschen. Das Britenreich soll »annähernd 10 Mill.« ins Feld gestellt haben, Dominions und Indien lieferten allein rund 3 300 000. Angeblicher Gesamtverlust 3 266 723, wovon 947 364 Tote. Also rund 950 T. auf 2300 Verw. und Verm., d. h. noch lange nicht 1:3! Gefangene offenbar nicht gerechnet, wahrscheinlich auch nicht alle rasch geheilten Leichtverwundeten, erfahrungsgemäß alle Listen für die Kolonialen unvollkommen. Frankreich gibt eine fast doppelte Totenziffer an, die Briten müßten also nur halb soviel gelitten haben, notorisch aber 1917/18 mehr. Laut Wright behielt man trotz der großen Schwächung ständig 1917/18 noch 2 Mill. unter Waffen. Da von jenen fast 10 Mill. etwa 3 für andere Zwecke abgehen, so bekommt man 5 Mill. Abgang, jedenfalls dürfte England inkl. Gefangenen 4 Mill. in Frankreich verloren haben. Wie Frankreich sich über Wasser hielt, bleibt sein Geheimnis, da es doch auch Arbeitermassen zur Munitionsherstellung zurückbehielt. Laut Wright seien die deutschen Kräfte 1918 »ungefähr gleich geworden«. Da die Franzosen nach ihren offiziellen Verlustangaben noch 2 Mill. intakt gehabt hätten, würde also Ludendorff 4 Mill. gehabt haben. Nun betrug unser Verlust bis Frühjahr 1918 rund 4½ Mill. inkl. Leichtverwundete »bei der Truppe Gebliebenen«, so daß wir noch 5½ Mill. Bewaffnete gehabt hätten, falls man wirklich so viele unter die Waffen rief. Leider trifft dies nicht zu: wie im Frieden wetteiferte Deutschland auch im Krieg nicht mit der französischen Aushebung. Millionen, die drüben eingereiht wären, liefen bei uns als »unabkömmlich« umher. Immerhin wäre denkbar, daß unter Abrechnung der noch überall im Osten und auf den Etappen stehenden jetzt 3 Mill. in Frankreich standen. Rechnet man aber »206« I. D. à 3 Rgt., so ergäbe dies allerhöchstens 1 800 000 Gewehre, zumal manches Rgt. gewiß nicht etatmäßig 3000 zählte, wenigstens wenn deutsche Klagen stimmen. Logik: weder Deutsche noch Verbündete besaßen noch die vermutete Stärke, etwa 3 Mill. Verb. mögen 2½ Mill. D. gegenübergestanden haben. Eine andere Million befand sich in Ausbildung, und als Ludendorff 600 000 davon »auskämmen« wollte, schlug passives Widerstreben in Meuterei um, wohlgemerkt erst nachdem alle Siegesverheißungen in Rauch aufgingen. Hier kommt es nur darauf an, festzustellen, daß zuletzt nichts weniger als große Überzahl an Material und Mannschaft den Verbündeten den Sieg verschaffte. Unser Verlust war nur hoch an Gefangenen, der des Feindes auch so sehr viel größer. Natürlich verloren wir weder Gefangene noch Überläufer bis zum Juli, doch der geringste Rückschlag lockerte das Gefüge. Wo der Blutverlust am größten, unnötigsten, daher für die Truppen unleidlichsten war, nämlich bei A. Below, ist sie laut Haighs Zeugnis »tapfer kämpfend in bester Ordnung zurückgegangen.« So sagen aber nur die Engländer, auf der übrigen Front sah es anders aus, wie schon die empörenden Gefangenenziffern beweisen. Die Ostflügel-Heere, die keine Offensive mitmachten, liefen am ehesten auseinander. Trug etwa Ludendorff daran die Schuld? Es ist roh und ungerecht, ihn allein damit zu belasten. Wir gingen mit seinen Schnitzern streng ins Gericht, doch sie wogen wahrlich leichter als die eines Falkenhayn und Moltke oder gar charakterologisch eines Kluck und Bülow. Er sündigte mehr durch ein zu Viel als zu Wenig an Rührigkeit, obwohl am falschen Platze und mit Anfällen von zaudernder Bedenklichkeit gemischt. Ihn einen Hazardeur schimpfen ist kindisch. Weit eher muß man rügen, daß er nicht nach Fochs Art alles auf eine Karte setzte und mit hartem Kopf auf Ausfechten jeder Lage bestand. Insofern ging das Gespenst von Kluck-Bülow wieder an der Marne um und er gehorchte jeder Einflüsterung der Waghalslosigkeit. Auch er war nervös geworden, sprang hin und her, um doch irgendwo das Glück bei der bekannten Stirnlocke zu fassen, hatte mit schwankenden Entschlüssen die verschiedensten Einfälle. Der eiserne Stratege von Tannenberg und Masurien, von Lodz und Rumänien hatte nicht mehr die Fähigkeit, mit fester Faust das Schicksal zu meistern, vielleicht weil er instinktiv fühlte, daß es ihm untreu geworden sei. Hand aufs Herz, wo trifft man denn seit Übernahme des Oberkommandos bei ihm große Ideen, wie er sie so meisterlich früher groß zog, wie in unserer größten Not herrlich und wunderbar im Osten sein Genius leuchtete? Die Operationen dort vom August 1914 bis März 1915 zählen zum Allergrößten, was die Kriegsgeschichte kennt, kein Napoleon und Friedrich dürften sich ihrer schämen, noch mehr: sie sind unvergleichlich groß und kühn. Delbrücks alberner Spott »gelegentlicher« Stratege schnellt höchstens auf diesen gelegentlichen Kritiker zurück, der als blinde Henne auch mal ein Korn findet. Hätte man einem deutschen Heer prophezeit, es werde vor einem materiell wenig überlegenen Feind von Stellung zu Stellung fliehen, es hätte den Propheten ausgelacht. Die Helden von hundert Siegen und überstandenen Fährlichkeiten hätten ein Recht gehabt, solche Weissagung eine Beleidigung zu nennen. Und doch, ist diese plötzliche moralische Lähmung ohne Beispiel? Siehe Jena und Auerstädt, viel schimpflicher als Roßbach, wo die Franzosen eine überlegene Taktik und Führung mit Panik schlug, während dort das Preußenheer sich tapfer hielt, aber dann plötzlich mit einer Art Geisterseherei den Untergang des Staates in Lüften sah und vor der eigenen Angsteinbildung wie wahnsinnig über Elbe, Oder, Weichsel ausriß. An solche Möglichkeit dachte freilich Ludendorff nicht, zu spät faßte er die »Hermannstellung« ins Auge, deren unfertiger Ausbau solcher seelischen Zermürbung keinen Halt gewährte. Bei Fochs Waffenstillstandsvorschlägen sträubte sich Haigh, just wie früher Petain sich gegen Fortsetzung des verwogenen Einbruchs am Aisnewinkel sträubte: solche Bedingungen seien unannehmbar, da ja auch die Entente am Ende ihrer Kräfte sei. Der Gute überschätzte das deutsche Ehrgefühl! Dagegen unterschätzte die gründliche Talentlosigkeit der Westmachtführer die deutsche »Büffelstrategie«, was allerdings für Mackensen paßte, doch gegenüber Ludendorffs Taten im Osten blanke Unverschämtheit bedeutete. Das war Strategie in allerhöchstem Sinne und die rohe Empirie der Ententetaktiker hätte sich in ihres Nichts durchbohrendem Gefühl davor verkriechen sollen. Foch bewunderte den deutschen Soldaten, sprach aber von deutscher Strategie nur »mit Hohn und Spott«. Wir bitten um Aufklärung, woher er den Mut zu solcher Kritik nahm. Über die »elende Führung« der Briten schienen Foch und Wright einig, doch im Grunde wuchsen die Herren ja alle auf einem Strauch. Nietzsche wollte mit »dem Hammer philosophieren«, sie aber verstanden überhaupt nichts als Hämmern. Was man nicht deklinieren kann, das sieht man als ein Neutrum an, und wo Begriffe fehlen, da stellt »Taktik« zur rechten Zeit sich ein. Doch was bis 1918 deutscherseits im Westen geschah, war meist ihrer würdig. Keine Zuspitzung im Osten entschuldigt, daß keine Kraftansammlung an den zwei strategisch wichtigsten Möglichkeitspunkten bei Mihiel und südlich Lys auch nur versucht wurde, erst durch Ludendorff 1918, was zugleich beweist, wie völlig richtig unsere durchgängige Anschauung darüber. Pedanterie unterband die Möglichkeit, rasch Reservemassen ins Feld zu stellen in gleichem Verhältnis wie England und Frankreich, die ihren Männerbestand bis aufs äußerste ausquetschten. Erst mußte jeder Knopf geputzt, jeder Stechschritt geübt, jede Kasernenstube gefegt sein, ehe das Kollegium militärischer Oberlehrer den in der Heimat Garnisonierten das consilium abeundi respektive die Matura für Feldreife erteilte. Wo es sich um Sein oder Nichtsein handelte, hätte man ganz anders »auskämmen« und mehrere Millionen mehr ins Lager schicken sollen. Ohne solche Waffen von kaum gedrillten Volksaufgeboten, da es doch weder an Gewehren noch Artillerie fehlte, waren rasche Erfolge unmöglich. Solche Reserven 14 Tage früher bei Ypern–Gent, Jahre früher bei Mihiel und an Lys hätten das Aussehen des Weltkrieges verändert, ganz gleichgültig, ob gedrillt oder nicht. Statt dessen fortwährend abgekämpfte Korps von anderen Fronten heranlotsen und in den rauchenden Kessel werfen, war leichtsinniges Hoffen auf irgendeinen taktischen Erfolgtreffer der unübertrefflichen Truppen. Die dauernd verdünnte Feindesmasse füllte sich dauernd wieder durch die letzten Wehrfähigen, England brachte fertig, sofort seine letzten 350 000 im Mai über den Kanal zu befördern, während Lud. kaum vom Auskämmen von 600 000 Wehrfähigen sprach, als Michel aus dem Häuschen geriet, wie die biederen Kieler Matrosen über die Zumutung von »Schurken« eine Seeschlacht zu schlagen! Frieden um jeden Preis! Der Preis kam freilich hundertmal höher zu stehen als die teils naiven, teils nichts weniger als naiven »Pazifisten« vorredeten.

Die Legende, bei Sieg unreifem Personenkult huldigend, denkt sich bei Mißerfolg auch Einzelpersonen als Organisatoren der Niederlage. Doch weder die Tüchtigkeit des Kronprinzen und des Prinzen Rupprecht noch die Untüchtigkeit anderer konnten das Endergebnis wesentlich beeinflussen. »Im Kriege sind die Menschen nichts, ein Mann ist alles« durfte nur Napoleon sagen, als unumschränkter Kriegsherr. Und wenn man einwendet, daß dieser eine Mann doch die Niederlagen seiner Unterführer nicht verhinderte, so fällt dies auf sein Schuldkonto. Aus Bequemlichkeit überließ er Kriegführung in Spanien getrennten Befehlshabern, die nicht mal unter dortigem Gesamtkommando standen. Hätte er in Deutschland die Nebenheere jüngeren Generälen anvertraut, statt sich an die Marschallsanciennität zu binden, so wären ihm jene Niederlagen, die ihm den Boden unterhöhlten, nicht zugestoßen. 1815 war die Grouchy-Operation, gegen die sich Soult sträubte, von vornherein gefährlich, wenn nicht ein sehr entschlossener Hellsichtiger sie leitete. Falsche Auswahl der Vollzugsorgane ist eine Sünde des Kriegsherrn. Nun hatte aber Deutschland im Weltkrieg den Nachteil, daß der nominelle Kriegsherr eine militärische Null war, doch keineswegs wie Wilhelm I. auf Einmischung verzichtete, die sich in Bevorzugung höfischer Streber bemerkbar machte. Loslösung des guten Korpschefs Mackensen als selbständigen Heerführer mit Feldmarschallsrang geschah hauptsächlich, um Ludendorffs Plan zu durchkreuzen und ihm keine weiteren Lorbeeren mehr zu gönnen. Daß man von Hindenburg auch noch Armee Leopold abtrennte, um wieder mal einen Prinzen in den Vordergrund zu rücken, bedeutete vielleicht ein Kompliment für die stets schwierigen Wittelsbacher, spottet aber auch so jeder gebührenden Kennzeichnung. Erfährt man gar, daß Hindenburgs ruhmgekrönter Stabschef zu Linsingens Stab degradiert werden sollte, was sich H. grimmig verbat, so wollten Neid, Eifersucht, kaiserliches Übelwollen dem famosen »für Hindenburg keine Verwendung« ein »für Ludendorff keine Verwendung« folgen lassen. Wir zweifeln nicht, daß Falkenhayn die besten Absichten hatte, doch alles, was er als Vertreter des Obersten Kriegsherrn anstiftete, war von Übel. Als das Dioskurenpaar Hindenburg-Ludendorff die O. H. L. übernahm, war die Lage im Westen schon gänzlich verfahren. Und warum? Weil dort nie klares strategisches Denken die Dinge im Großen sah, sondern immer nur nach Augenblicks-Halberfolge haschte. »Ein Mann ist alles« heißt, daß der Stratege den Ausschlag gibt. Daher muß er unumschränkt sein. Wer aber mit Schamröte vernimmt, wie man zuvor den zwei Berufenen das Leben sauer machte, der verzeiht gern Ludendorffs späteres Diktaturgelüst.

Die Demokratie reibt ihm unter die Nase, er habe sich in alle politischen Angelegenheiten gemischt. Wie konnte er anders angesichts einer solchen Regierung, eines solchen Reichstags, wo die Michel ihr doktrinäres Parteisteckenpferd ritten, während der Feind nach Berlin reiten wollte. Im Krieg hat nur der Militär zu dominieren, das sahen die heuchlerischen Verketzer des »preußischen Militarismus« in Paris und London so klar ein, daß niemand muckste und sich England Aufhebung der Habeas-Corpus Akte gefallen ließ. Diese wahren Imperialisten konnten zwar Strategen nicht aus dem Boden stampfen, doch den Willen zur Strategie, d. h. den Siegeswillen. Sobald wir die felsenfeste Entschlossenheit der Entente erkannten, dies sei der Augenblick, Deutschland kaputt zu machen, beschlich uns banges Vorgefühl. Denn Michel hatte wohl den Willen zur Abwehr, doch nicht zum Siege. Wenn richtig wäre »Im Kriege sind die Menschen nichts«, dann wäre unser Schicksal viel früher besiegelt gewesen, denn der »eine Mann« fehlte. Das Bedürfnis darnach errichtete den »Eisernen Hindenburg«, doch man schlug die Nägel falsch ein. Der verehrungswürdige Mann und sein genialer Berater sind so einseitige Sprößlinge einer Kadettenerziehung, wie man sie bei keinem anderen großen Feldherrn findet. Selbst Wellington hatte als politischer Agent der Tory-Oligarchie und Administrator eine gewisse praktische Vielseitigkeit. Ludendorff zeigt sich in allen Äußerungen nach dem Weltkrieg zwar nicht als politischer Kindskopf, obschon angebliches Interview mit einem Amerikaner über künftige amerikanische Monarchie eine geradezu kindliche Mentalität verraten würde, aber als starrer Erzreaktionär und Prototyp seiner Kaste, die er noch heute als deutsches Ideal proklamiert. Er hat nichts gelernt und nichts vergessen, wobei wir indessen seinem patriotischen Deutschgefühl und seinem auf nationale Erhebung sinnenden Ernst Gerechtigkeit widerfahren lassen. Doch ein Mann, der so wenig die sozialen Zeichen der Zeit versteht, so wenig Anschluß an geistige Bewegungen hat wie der ödeste Kommißbruder, konnte nie der eine Mann sein, dessen eine Nation in ihrer Not bedarf. Heute braucht man weit eher einen Cromwell als einen Blücher, Lud. möchte leider nur ein Monk sein, womit wir nicht die Heimkehr der Hohenzollern – die keine Stuarts sind – sondern »Restauration« des alten System meinen, das unwiderruflich vom Weltgericht verurteilt ist.

Doch darf man deshalb nicht mit schmachvollem Undank vergessen, daß nur er und Hindenburg uns 1914 retteten, damalige O. H. L. tat nichts dazu. Daß aber die Menschen im Plural durchaus nicht im Kriege »nichts« bedeuten, merkte Nikolajewitsch, dessen Energie sich zähneknirschend gestand, gegen die ungeheure Überlegenheit des deutschen Soldaten sei kein Kraut gewachsen. Leider wirkte wohl diese Erfahrung im Osten auf Ludendorffs Augenmaß im Westen ein, indem er die Vorstellung solcher Überlegenheit aufs Westtheater mitnahm. Glaubte er, der unerhörte Durchbruch bei Brzeziny (Lodz) wäre gegen französische Infanterie möglich gewesen und derlei mehr? Die verhängnisvolle Verrechnung im Juli 1918 wurzelt in solchem Irrtum. Indessen beurteilt nur Unkenntnis den Feldherrn nach seinem äußeren Erfolg, schon manches Mittelmäßige kam zu hohem Ruf, der nur seinen Truppen gebührt«. Ein Beispiel liefert Mackensens fünffacher Donauübergang in Serbien. Alle Welt verhöhnte Potiorek, doch jede gesunde Theorie billigt seine Angriffsrichtung aus einer und zwar flankierenden Stelle, sie hatte ja auch vollen Erfolg, bis ihn die schlampig loddrige Intendanzverwaltung in physischen Zusammenbruch verwandelte. Obendrein vergißt man, daß Bulgariens Beitritt später eine günstigere Unterlage schuf und dessen Angriff aus Osten naturgemäß die Donauverteidigung beängstigte. Wie aber, wenn die bulgarische Nordarmee an den Pässen zurückgeworfen wurde, und wer bürgte dafür, daß Gallwitz die Donau forcierte? Wären die anderen Donauübergänge bloß Scheinangriffe, nur der bei Belgrad ernst gemeint gewesen, so läge der Fall anders. Doch man griff höchst ernstlich an allen möglichen Punkten der Donauschranke an, kam überall hinüber, behauptete sich durchweg am Südufer, obschon die keineswegs überraschten Serben die ganze lange Strecke besetzt hielten. Wie machte man das? Weil man sich mit unvergleichlichen deutschen Truppen, die das Unmögliche möglich machen, geradezu scherzhafte Wagnisse erlauben darf. Nichts schreckte sie ab, sie landeten in kleinen Paketen, warfen am Ufer zehnfache Übermacht in die Flucht und harrten aus, bis endlich weitere Kameraden hinüberkamen. (So ging es auch beim Narewübergang der 2. D. zu). Bei Belgrad leisteten unsere Pioniere Unglaubliches, auf der Ziegeninsel zerschlugen zwei Märker Freiwilligenbataillone wiederholten Ansturm einer ganzen Serbendivision, als ob dies nach den Ysererlebnissen ein Kinderspiel wäre. An der schönen blauen Donau tanzt man Ringelreihen, – mit solchen Truppen gelingt der täppischste Husarenstreich – gegen Serben und der taktische Unfug heißt nachher »genial«. Die Ausrede, man stelle eben abnorme Leistungsfähigkeit in Rechnung, ist verdammenswert, sie führt nach dem Trasimenischen See und Cannä, denn niemand weiß vorher, ob nicht ein neuer Hannibal gegenübersteht. Nun wohl, als man unter viel leichteren Umständen bei Ch. Thierry über die Marne wollte, war die Strafe gleich da und jetzt erhebt sich ein Kritikgeschrei über die Unvorsichtigkeit. Ja, Bauer, das ist ganz was anderes, denn rien ne réussit que le succès. Der Gegner war eben ein anderer. Gleichwohl heißt es nicht als »Büffel« losgehen, wenn man auf Truppen vertraut, die noch im unwirtlichen rumänischen Gebirge wie früher im Serbischen Ungeheures leisteten und überall im Osten den Ruf altrömischer Legionen genossen. Was wurde aber aus dem Siegeszug, wenn nicht L. W. und L. St. der Div. Gallwitz am Argesch gegen sechsfache Übermacht viele Tage standhielten? Sonst wäre das konzentrische Einkreisen gescheitert, die innere Linie hätte triumphiert, wie stets natürlich bei einigermaßen schneller Gegenwirkung. Und wie konnte die theoretisch unhaltbare Winterschlacht in Masuren so gelingen, ohne die beispiellose Leistung des Saarbrücker Korps? Doch es wäre wirklich zu viel verlangt, wenn wir diese Besieger des Ostens und die unermüdlichen Helden des Westens noch 1918 auf gleicher Höhe sehen wollten. Nur bei 18. A. Ende März, 7. A. Ende Mai finden wir den alten unbezwinglichen Geist. Es ist wahr, daß 17. A. sich noch Ende 1917 nach manchen Unfällen zum schönen Cambraisieg aufschwang, aber es mutet doch bedenklich an, daß die Linie Bapaume–Arras, die im Oktober 1914 beim ersten Anlauf gegen damals zuversichtliche und starke Franzosen fiel, diesmal teils nur mühsam, teils gar nicht den furchtbar gelichteten und niedergeschlagenen Engländern entrissen wurde. Sollte doch etwas an Buats Spott daran sein, daß unser Heer nicht mehr im Stande war, anders als durch Überraschung eine Offensive vorzutragen? Und was viel schlimmer, auch die früher so unbeugsame Verteidigung in der Champagne und bei Arras war diesmal bei jedem Rückschlag unvollkommen, erlag schon im August tadelnswert dem kurz zuvor geschlagenen geschwächten Feind. Es hilft alles nichts, das Heer hielt nicht, was sich Ludendorff von ihm versprach. Hat man dies wirklich nur auf politische Mißstimmung zurückzuführen? Jawohl, die Linksparteien nennen den Dolchstoß im »Rücken« mit Recht Legende, wie auch die Revolution, an die kein Mensch in Berlin dachte, einfach Soldatenmeuterei gewesen ist, der Dolch stach vorn im Feldlager. Die Brutalität und Selbstsucht vieler Offiziere, nicht der aktiven, sondern der vom Beurlaubten- und Reservestande, besonders aus Fabrikantenkreisen mit Paschahallüren gegen die Arbeiter, erbitterte die Mannschaft auf die Dauer unerträglich. Umsonst suchte man die Anklagen in Gotheins bekannter Broschüre niederzuschreien. Sie werden durch zahllose Aussagen bestätigt, durch keine entkräftet! Wenn der Vaterlandsverteidiger des Volksheeres die Uniform als »Sklavenkleid« und die Vorgesetzten als persönliche Feinde betrachtet, dann ist es aus. Oder waren diese früher so unbeugsamen Krieger nur politisch gereizt, indem sie nach dem Krieg keine Besserung, sondern reaktionäre Verschlechterung der Innenlage voraussetzten? Nein, es trat anderes hinzu. Ein Heer hat den feinsten Instinkt, ob es weise geführt wird. Doch der Zauber des Namens Hindenburg schwand, das Vertrauen löste sich in Unmut, Prinz Rupprecht selber gab ein Mißtrauensvotum, als er die Front verließ. In Lud. haben wir einen Mann von Imperatorstil, der dem geistlosen Philistergeneralstab ent- und über den Kopf gewachsen schien. Doch in der letzten Schlußphase beschattete ihn der gleiche Ungeist, der nur mit Taktik und Technik wirtschaftet, und bei Umschlag in Mißerfolg sogar die Kluck–Bülow-Zagheit der Marneschlacht. Einseitige Vorstöße, endlose Pausen, Verzettelung und Sorglosigkeit, die dann Foch rechtzeitige Verschiebung an allen Punkten gestattete. Von Vabanquespiel freilich keine Spur, seine Anschwärzer haben wie seine Verherrlicher noch das ABC zu lernen. Wie so Vieles im Weltkrieg, war auch das Ende etwas nie Dagewesenes, plötzlicher Nieder- und Untergang, wo zum ersten Mal der Endsieg Deutschlands greifbar nahegerückt schien. Als ob auf Austerlitz unmittelbar Waterloo folgte! Und doch erkennen wir auch hier nur fortwirkend gleiche Ursachen des Mißerfolges wie seit Anbeginn. Warum ließ Lud. 3 Monate seit dem Dezembersieg verstreichen, bis er Offensive eröffnete? Politische Sehnsucht, die Entente werde zur Vernunft kommen und die Friedenshand entgegenstrecken, kränkelte aus der Heimat auf das Feldlager ein. Michelhafte Unkunde in Völkerpsychologie, aus eigener Charakterlosigkeit auf den Gegner schließend, verkannte dessen moralische Hemmungslosigkeit im radikalsten Imperialismus bis zum Äußersten. Da die Westmächte sich zu Deutschlands Vernichtung verschworen und es ihren machtvollen Völkern versprachen, wäre jeder Ausgleichfrieden für sie Blamage und moralischer Tod gewesen. Sie wußten, daß sie ohne Sieg ruiniert und verloren waren. Gegen solche Feinde, die ihre Raserei auf die Spitze trieben, mußte man den Weltkrieg verlieren, wenn Deutschlands Stärke nicht von einem ethischen Genie gelenkt wurde. Das aber war Ludendorff nicht. Wohl glich er nicht Gneisenau, dessen Bedenklichkeit und Mangel an Selbstvertrauen er nicht teilte. Doch die lange Kränkungszeit, wo man ihm heimtückisch und hinterrücks ein Bein stellte, scheint seinem stürmischen Impuls einen Knacks gegeben zu haben, von dem er sich nicht erholte, als ein Pronunciamento des Heeres ihn an die Spitze stellte. Wie spät fand er sich wieder im befreienden Gedanken, daß nur Offensive dem Feind das Konzept verrückt! Wo blieben sowohl Methode als Elastizität, wenn er sein Material mal westlich, mal nördlich, mal südlich umgruppierte, als ob die Masse der Gasgranaten das Wesentliche wäre und nicht die lebendige Dynamik der Streitermassen auf einem Entscheidungspunkt vereint, statt mal hier mal da die Front abzutasten im Banne taktischer Augenblicksrücksicht. Psychologie war ausgeschaltet, denn nichts Törichteres konnte man anstellen, als das stete Aussetzen des Angriffs. Hat man einen Bazillus im Blut, so reift er am verderblichsten aus durch Ruhe; nach Schlangenbiß muß man rennen bis zum Umsinken. Die wildesten unablässigen Anstürme der im April noch siegeslustigen Truppen hätten den moralischen Faktor aufrecht erhalten, in den endlosen Wartepausen schlich sich das Kriegsmüdigkeitsfieber ein; Zweifel und Mißmut, daß man der Entscheidung nicht näher rückte. Zuletzt verlor L. so den Kopf, daß er 5 frische Div. für den Balkan bestimmte, als es dort zu spät war, und das Alpenkorps bei den Österreichern beließ, wo es nichts mehr half, statt es zur Kräftigung der Entscheidungsfront zu verwenden. Delbrücks Rüge, man habe sich in Frankreich rein defensiv verhalten sollen, in Italien habe der Sieg zu Deutschlands Füßen gelegen, ist lächerlich. Die 14. A. hatte den Monte Grappa nicht überschritten, die k. k. A. befand sich überhaupt nicht in der Verfassung zur Offensive. Entsendung von 50 D. dorthin hätte nur unnütze Opfer gegen die neue Bergstellung der Italiener gekostet und Italien lag zu fest in den Geierkrallen der Westmächte, um sich davon loszureißen. Nur in Frankreich mußte Entscheidung erzwungen werden vor genügender Ankunft der Amerikaner.

Die Zeitvergeudung zeugt von Verkennung der aufs höchste gespannten Lage. L. entwand sich nicht dem Philistersystem, sein strategischer Kopf faßte keine klaren Gedanken mehr oder brachte sie nicht zur Reife und ließ sie beim ersten Hindernis fallen. Er sah den Wald nicht mehr vor taktischen Bäumen und scheute vor jedem allgemeinen Angriff zurück, obschon das Heer im Juni noch kampfwillig war. Im August begann Zersetzung bei 2., 7. A. Wie unbegreiflich und bedrückend, daß die aus tausend Wunden blutenden Franzosen und die geschlagenen Briten zu neuer Offensive fähig blieben! Solche Hartnäckigkeit des Willens muß man achten, die Willensschlappheit so vieler Deutschen bedauern. Sie wußten doch, daß uns das Messer an der Kehle saß und nur verzweifelter Widerstand retten konnte. Freilich mußten die Franzosen 1814/15 sich Gleiches sagen und ließen sich doch die Bourbons aufdrängen, doch unter viel hoffnungsloseren Umständen. Michels kosmopolitische Illusionen machen ihn stets fürs Zwingjoch des Auslandes reif, wenn nicht unbeugsamer Heldenwille wie der des alten Fritz die Zügel führt. Tief im deutschen Charakter steckt Neigung zum Umfallen, dem Nibelungenrecken ist der Philister nicht auszutreiben. Sobald die gewohnte Straße der Routine morastig wird, verliert er sich ins Ungewisse. Für unser Staatswesen ist wirkliche Ruhe die erste Bürgerpflicht, jedes Verrosten der loyal geölten Räder, jede »Panne« der Kraftwagen bringt unreparierbare maschinelle Stockung. Und da sollte das Wilhelminische nicht auch sein Abbild dem Militärischen aufgeprägt haben? Der ominöse Bernhardi ließ sich das Geständnis entschlüpfen: »In Friedenszeiten ist die Armee die Schule kalten Strebertums«. Und was ist eine Armee in Kriegszeiten, die einen Hentsch sich vordrängen, einen Kluck und Bülow nach Gutdünken die Marneschlacht verschandeln läßt, wo ein Großer Generalstab mit kleinen Gehirnen die Pläne Ludendorffs in den Winkel wirft! Bloß rohe Reibung der Materie verschuldete nicht das Grundübel. Wohl schien die Entente-Einkreisung erdrückend, doch deutsche Kraft erwies sich so bärenmäßig, daß sie den pressenden Eisenring am Ende doch hätte sprengen können. Doch das beste Heer, das je die Waffen schwang, streckte sie, versetzte sich selbst den Dolchstoß, den man nachher als einen »im Rücken« vorschützte! Von hinten gab es viele giftige Nadelstiche, doch die wahre Blutvergiftung rumorte schon lange in den Eingeweiden des »Volksheeres«, welchem hohen Begriff dies Militärsystem so wenig entsprach, der Dolchstoß kam wo anders her. Während individuelle Überlegenheit der deutschen Rasse sich in den siegreichen Waffen abzustempeln schien, wühlten ihre Erbsünden schon in den Wurzeln der Walser-Esche, bis der Kaiserschild in Stücke brach. Beugte man sich unvermeidlicher oder schon vollzogener Niederlage? Mit nichten. Bis Mitte Juli ganz im Übergewicht, verpuffte zwar der Ende April erringbare Vollerfolg durch Schwanken zwischen zagem Zögern und Überspannung des Bogens. Für den wirren Juliangriff nach zwei entgegengesetzten Richtungen nach Südwest und Südost haben wir die Entschuldigung: »Den lieb ich, der Unmögliches begehrt«, eingedenk ähnlicher Temperamentirrungen in Friedrich und Napoleon. Doch keine Entschuldigung gestatten wir dafür, daß beim ersten Schiefgehen der Sache L. so den Kopf verlor, wie die Preußen beim Rückzug von Jena. Denn behielten Friedrich und Napoleon nicht den Kopf oben in viel schlimmeren Katastrophen? Hatten die Preußen nach Kunersdorf und die Konscribierten nach Leipzig und Brienne nicht unendlich mehr Grund zur Entmutigung, den Feind mitten im Lande bei völlig ungenügenden Widerstandsmitteln? Doch sie standen bald wieder treu um ihre Fahnen; Beresina, Hanau, Montmirail-Etoges heißen die großen Gedenknamen für die Erprobung des englischen Sprichwortes: Never say Die! Hindenburgs Heer war noch sehr zahlreich und meist noch in gutem Stande, das Weichen und Verzagen wurde aber epidemisch und chronisch. Nach Andeutungen Ludendorffs fand er auch in manchen Untergeneralen keine Stütze, es lebten wohl noch viele Klucks und Bülows, denn das System war ihr Urheber und dies lebte ja noch, spürte aber in allen Gliedern, daß es im Sterben lag und zu Grabe ging. »Ein Maultier, das Prinz Eugens Feldzüge mitmachte, hat auch so viel Kriegserfahrung wie solche Offiziere« höhnte Friedrich und verriet damit ein für allemal, was von geistlos »Fachmännischem« im Krieg zu halten sei. Das Retiradefieber ergriff aber den elend verzweifelten Feldherrn selber, er hat durch Waffenstillstandsschreie die Heimat entnervt, er hat den gewiß nicht kühnen Reichstag und die wahrlich unentschlossene Regierung durch seine maßlose Verzagtheit in Erstaunen gesetzt, den furchtsamen Kaiser an Ängstlichkeit übertroffen. Was ihm sein wahres vergangenes Verdienst, das ihn mit unsterblichem Ruhm krönte, rauben möchte, verachten wir als blinde Parteiwut, doch sein Selbstgefühl sollte mit seinem militärischen Gewissen zu Rate gehen, ob nicht ein vollgerüttelt Maß von Schuld auch ihm zur Last falle. Fochs Meinung wechselt zwischen 3 oder 5 Monaten noch möglichen deutschen Widerstands, doch ebenso gut könnte man beliebig sagen 12 Monate, denn so etwas läßt sich nicht voraussagen, der Krieg hat oft Überraschungen. Die erste Linie Metz–Namur–Lüttich, die zweite Rhein konnte noch lange verteidigt werden, man mußte nur den Truppen Mut einflößen und ihnen vorstellen, daß feige Kapitulation den sicheren Untergang bedeute. Wer sich vor Banditen entwaffnet, kann sich nicht beklagen, wenn er die Börse und das Leben verliert, oder ein Leben erkauft, das schlimmer als Tod.

Da schweift Erinnerung zurück zum Erfinder der »preußischen Nation«, der die sieben Arbeiten des Herkules auf Atlasschultern nahm und eine viel erdrückendere Übermacht moralisch zu Boden zwang. Europa wurde eher mürbe als Er und die Verschwörung wider den alten Fritz hätte sich dreimal besonnen, wenn sie solches Ende für möglich hielt. Und so ging der teuflische Jubel einschnürender Überrumpelung, wie Lord Curzon schon die Promenade à Berlin begrüßte, in verbissene Wut über, als alles so ganz anders verlief. Um so erstaunlicher die eiserne Disziplin, womit der Ententeimperialismus die Völker an der Kette hielt, während deutsches »Durchhalten« in fassungsloser Panik erstarb. Der »pflichttreue« Polizei- und Beamtenstaat, der allen Schiebern und Kriegsgewinnlern durch die Finger sah, wenn sie nur hübsch Kriegsanleihe zeichneten, kapitulierte nicht feiger als die Militärhierarchie. Kapitulieren auf der ganzen Linie, vor der Revolution wie vorm Landesfeind. Jetzt, nachdem Gras darüber wuchs, macht man Sprüche. Der Eine greint: Wir wurden von hinten erdolcht! Der Andere: unsere ganze Front lag in Trümmern! So entschuldigt man elendes Betragen auf Kosten der Wahrheit. Eine auf die Bahn gesetzte Gardedivision unter dem Kronprinzen hätte die Revolution in Berlin verhindert, eine neue Front ließ sich bilden. Französische Kritiker faseln von sicherm Ruin beim Rückzug durch die Ardennen, als ob nicht Laurezacs geschlagenes demoralisiertes Heer sein Entrinnen durch die nämlichen Ardennen bewerkstelligt und sich erneut bei Guise zur Schlacht gestellt hätte. Die Deutschen aber marschieren besser als andere, und sie waren weder zerschlagen noch demoralisiert, das bewies ihre stolze ruhige Haltung beim letzten Rückzug, als sie sich unter Hindenburgs väterlichem Zuspruch endlich wieder zusammennahmen und die alte Anhänglichkeit an die Fahne wieder erwachte. Übrigens war der Kronprinz bei den Soldaten beliebt, leider lastete auf ihm der Druck Ludendorffs und die eigene Überzeugung von Nutzlosigkeit des Weiterkriegens.

Gewiß würde der Alte Fritz im Elysium dem geistigen Urheber der Tannenberg–Masurenoperation und mancher anderen sein inniges Wohlgefallen ausdrücken, doch für den Ludendorff dieses Unglücksherbstes würde ihm jedes Verständnis fehlen. Doch wir verstehen nur zu sehr, daß der Geist von 1806 tief im altpreußischem Militär und Beamten steckt. Nichts versteht er als die wohlgeölte Ordnung der Tradition, jeder zu starke Ruck wirft die Karre um und dann kann sie sich nicht mehr hochrichten. Gänzlich außer Fassung geraten, dankte Lud. vor sich selber ab.

Das Feldherrntum des Alten Fritz ist heute nur noch mythisch, nur wenige Spezialisten wissen, wie unerhört genial und bahnbrechend es war. Wir gestehen ohne Scheu, was Napoleon selber nicht bestritten hätte, daß Friedrich als Schöpfer der wahren Strategie zwar milieugemäß einen anderen Stil pflegte, als der allmächtige Korse, daß wir aber manche seiner Operationen und Schlachtanlagen für noch bedeutender halten, als die äußerlich großartigeren Napoleons. Als Meister der inneren Linie, die er lange vor Napoleon handhabte und formulierte, vollzog er doch die einzige Operation auf äußeren Linien, die ausnahmsweise pünktlich zusammenklappte, nicht zufallmäßig durch Glücksverschiebung, durch Feldschlacht den Feind in eine Festung pressend (Prag). Alle seine Schlachten gehen aufs Ganze, ob er sie gewinnt oder verliert. Und warum? Weil seine Taktik so angelegt, daß ihr Gelingen den größten Strategenanteil verbürgt. Die »Bataillen« des Bedrängten waren immer strategische Probleme. Ein solcher Titane, wie dies gichtgekrümmte Männchen, darf Fehler machen, weil Geniestolz den Bogen überspannt, doch die unerforschlichen Mächte geben ihm nachsichtig nur Gelegenheit, seinen Heldensinn in der Prüfung zu härten, und führen ihn zum Endsieg, weil er es verdient. Friedrich nach Kunersdorf, Ludendorff nach seiner ersten Niederlage, welch schreiender Gegensatz! Man sage nicht, daß er eben nicht unverantwortlicher König war, er war mehr, militärischer Vertrauensmann einer großen Nation. Von seiner Diktatur allein hing es ab, ob man die Flinte ins Korn werfen wolle. Er warf sie und rief: »Gott hat uns verlassen«. Gott verläßt nur den, der sich selbst verläßt!

XI. Allgemeiner Rückblick

Unerbittliche Logik der Kausalität waltet bei jedem Kriegsexamen. Wie begann der Weltkrieg? Da muß man sich mit Vater Joffre auseinandersetzen. Als ethischer Heerbeleber rechnete er zunächst mit dem psychologischen Moment, daß Einfall in die »geraubten Provinzen« den gallischen Elan in Freudentaumel versetzen und Glückwunschtelegramme aus London und Petersburg einkassieren werde. Dies unschuldige Vergnügen, einen Fetzen deutschen Gebiets abzureißen, verstrickte ihn aber sofort in strategische Zwangsvorstellung. Belgischer Siegesschwindel wollte ihn reizen, seine Offensive dorthin zu verlegen, bewirkte aber das Gegenteil, da er infolgedessen die Gefahr für nicht dringend hielt und besorgte, daß in Belgien nicht so viele Presselorbeeren zu holen seien, um unehrlich Neutrale zu blenden. Damals war schon jede Offensive verfehlt. Statt sich aber nordwärts umzugruppieren, füllte er die Presse mit Reklamebulletins siegreichen Vordringens nach Osten. Unausbleibliche Folge solcher Prestige-Strategie war rascher Zusammenbruch. Wir können nicht umhin, über Joffre als Strategen den Stab zu brechen. Man läßt sich nicht dort auf Offensive ein, wo Defensive der Linie Toul–Nancy–Epinal besonders stark ist, man schwächt sich nicht an der Stelle, wo des Feindes Stoß die schwächste Defensivlinie trifft. Vielleicht überschätzte er die glorreichen Burenbesieger als Flankendecker. Der Mann war ein sauberer Organisator, der mit rauher Hand in innere Übelstände eingriff und sich Autorität verschaffte wie ein demokratischer Cäsar. Jeder, der ihm mißfiel, mußte weg. Zuletzt mußte er aber selbst daran glauben, man enthob ihn vom kurulischen Sessel und berief nach dem Krieg ein hochnotpeinliches Tribunal über seine strategischen Sünden. Eigentlich dankte er als Stratege schon im September 1914 ab, wollte nur Großtaktiker sein, der gerade deshalb seine Zange nie an richtiger Stelle ansetzte. Wollte er sich nicht aller Stützpunkte gegen den in offener Feldschlacht unbesiegbaren Feind berauben, blieb er ans unregelmäßige Dreieck Toul–Verdun–Reims gefesselt, das bei entsprechenden deutschen Maßregeln leicht zu unterhöhlen war. Sein Anklammern an Verdun blieb ein strategischer Verzweiflungsakt, denn jede störrige Defensive wird verhängnisvoll, wenn sie im Fall des Mißlingens einen gefährdeten Rückzug voraussetzt. Dem Nationalcharakter gemäß opferte diese Kriegsführung das Sein dem Schein. Beim Bewegungskrieg hatte sich taktische Niederlage durch strategische Zwangslage verschlimmert, nur ein Wunder machte dem Rückwärtskrebsen ein Ende, die Marneschlacht. Fortan begrub Schützengrabentechnik jede Kriegskunst, Umgehung, diese Seele des »Manövers«, gabs nicht mehr, denn der Laufgraben vom Meer zu den Vogesen zeigte keine Lücken. Masseneinsatz unter Trommelfeuer auf bestimmte Punkte, den Verlust zu schwindelnder Höhe steigernd, das war die ganze neue Kriegskunst, deren Einweihung man an der Aisne, Suippes, Scarpe, Somme zelebrierte. Freventlicher zerstörte man noch nie Myriaden Menschenleben, um ein paar Kilometer Raum zu besetzen. Das sind die Leute, die von deutscher »Büffelstrategie« reden! Und doch schon im zweiten Kriegsmonat schien die Entscheidung auf des Messers Schneide zu schweben. Daß dies ausblieb, gereichte uns zu schwerem Schaden, Frankreich nicht zum Gewinn, da als einzige Folge die neue Nordwestfront entstand. Sie schnitt sich mit der südwärts gerichteten Mittelfront im stumpfen Winkel. Auf ihn loszuklopfen, um unsere Zickzackfront abzuglätten, verschmähte Joffre, um sich von erzwungener Defensive nur an Stellen ohne strategische Brauchbarkeit loszumachen. Sein theatralisches Programm für Durchbruchsschlachten zeigt ihn als unheilbaren Illusionisten. Die Sommeschlacht stieß dann zufällig nebenbei auf diesen verwundbarsten Punkt in Richtung St. Quentin, auf der ganzen übrigen Front ging sie in rohes Frontalraufen der »Materialschlacht« über. Bei Verdun war ein Glück, daß Joffre geradeso unstrategisch dachte wie Falkenhayn, indem er in blinder Angst um Verdun seine ganze Masse dort aufstapelte. Denn diesmal hätte es einen Sinn gehabt, den Hieb als beste Parade verwendend, wenn Joffre sich auf die entblößte Front Champagne–Reims stürzte. Vielleicht überschätzte er aber die O. H. L. und traute ihr bloßen Frontalangriff nicht zu, wenn sie nicht noch andere Teufeleien im Schilde führe. Wollte und konnte man sich auf so Weitgehendes wie südwestliche Umfassung aus Mihiel nicht einlassen, durfte man nicht planlos die ganze deutsche Offensivkraft verzehren, kein taktisches Abenteuer wagen, nur Handlungen vornehmen, bei denen der Feind das Doppelte verlor, nur so kam man auf seine Kosten. Wollte man endgültig mit Rußland fertig werden, verbot sich jede Offensive im Westen. Daß man die Krise von 1917 überstand, verdankte man der sonderbaren Mißachtung taktischer Gesichtspunkte beim Aisneangriff, an dem Joffre nicht mehr beteiligt war, für strategischen Endzweck, hier in Verbindung mit Seitenstoß über St. Quentin richtig gedacht. Das gefällt uns besser als Taktik ohne strategischen Wert, doch nur wo Strategie und Taktik sich durchdringen, kann etwas Großes geschehen. Hier packte Nivelle, um die deutsche Linie aufzureihen, den Stier bei den Hörnern. Und wie dann, wenn die Deutschen sich widersetzten und die Franzosen, die den Fluß im Rücken hatten, niederrannten? Die furchtbare Niederlage im Mai-Juni 1918 antwortete darauf. Während der Endkrieg ausblutete, erschien plötzlich »der größte Feldherr aller Zeiten«, wie ihm Wilsons würdiger Nachfolger bescheinigte: Ihr fragt, warum den Foch so überschwänglicher Lobspruch begrüßt? Wir wollen es sagen: Glück ist eine Eigenschaft und keine ganz unverdiente, wenn sie mit unerschütterlicher Willensruhe sich paart. Darüber würde an anderem Ort zu reden sein, als in kriegswissenschaftlicher Abhandlung. Jedenfalls blieb Foch immer der alte, der in hoffnungsloser Lage depeschiert: »Lage vorzüglich« und damit Recht behielt, er wußte selber nicht wie. Die zweite Marneschlacht glich aufs Haar der ersten, als ob die Marne ein vorbestimmtes Merkzeichen für Deutschlands beschlossene Niederlage sei. Bei völliger Auspumpung der Westmächte wäre ein Ende des Weltkrieges nicht abzusehen gewesen, wenn nicht durch vierjährige Abnutzung unsere Front heimlich abbröckelte. Nicht durch Massengewalt, auch nicht durch heimische Unterwühlung, wie die Dolchstoßtheorie meint, sondern allgemeine seelische Abspannung. Als der einzige feldherrlich Berufene des Vielbunds, Großfürst Nikolaus, als »unfähig« vom Schauplatz abtrat, strich der lachende Erbe aller entschwundenen Renommeen die Zufallsgaben der Fortuna ein und Foch war der große Mann. Verspätung oder Übereilung, war dies etwas Neues in dieser durch eigene Schwäche vom Unglück verfolgten Kriegsführung? Ihre Symptome hießen St. Quentin–Marneschlacht–Ypern bis zuletzt. Höchstleistung aller Truppen täuschte darüber, auch im Osten, seit nach Ludendorff-Hindenburgs Meisterwerken die Firma Falkenhayn-Mackensen dort das Heft in Händen hatte, die ihren in leere Luft verpuffenden Siegeszug nach Brest ohne jede Billigkeit einkaufte. Die Zange kniff nicht, da nur frühzeitiges Abschwenken über Wolynsk auf Kowel ein Einwickeln der russischen Hauptmacht ermöglicht hätte, statt des frontalen Nachrennens auf Brest. Das gichtbrüchige Österreich, dessen elende Organisation den deutschen Waffen ein Bleigewicht anhing, brauchte nicht so zu lähmen, wenn man strategischen Überblick behielt. Nachdem Linsingen und Marrwitz das undankbare Ungarn vor Karpatheneinbruch gerettet, war an Fortschreiten der Russen bei Krackau noch lange nicht zu denken und voraussichtlicher Riesenerfolg Hindenburgs bei Wilna hätte die Russen ohnehin später zum Rückzug genötigt. Doch es wurde eben überall taktisch gearbeitet, nicht strategisch. Verärgert und herabgestimmt durch Verwerfung seiner genialen Vorschläge im Osten, trat Lud. sein höheres Amt an. Konnte er im Westen ähnliche Entschlüsse fassen? Das Leitmotiv »nach Calais«, das einst beim Wettlauf nach dem Meere mitspielte, ließ man fallen, wollte der Küste auf anderem Wege über Zypern beikommen, ließ aber auch dies bald außer Acht, als taktisch dort nicht alles nach Wunsch ging. War es da angebracht, es bei Kriegsende wieder aufzunehmen, mit der Losung »nach Boulogne«? Man sollte denken, Armins Zurücktreibung bis Roulers wäre für unsere Verbindungslinien so bedenklich gewesen, daß es Umgruppierung größter Kräfte dorthin gebot. Doch man ging so ganz im technischen Stellungskrieg auf, daß man sich nur noch in praktischen Lokalerwägungen bewegte wie denen, daß im Frühjahr der Boden aufgeweicht sei! Aus der Not des Augenblicks geboren, durch Technik erfinderisch großgezogen, schaufelte die Erstarrung des Grabenkrieges das Grab der deutschen Obermacht. Denn über Material und Technik gebot der Gegner ja erst recht, aufgefüttert mit einer schon 1913 an England verbrieften Munition der Neuen Welt contra »Kaiserei«. Dies untergrub die qualitative Überlegenheit unseres auf Angriff geschulten Heeres und die Großmeister des Bewegungskriegs im Osten suchten sich von passiver Lethargie zu befreien. Sie deshalb der »Büffelstrategie« zu beschuldigen, ist töricht, noch törichter die kritiklose Nörgelwut, die der Deutsche für seinen geistigen Vorzug hält, als ob Lud. für Dinge verantwortlich sei, die er vorfand. Nicht seine Offensive ist tadelnswert, nicht sein Erziehen der Eingreifdivisionen, sondern die taktischen Gelegenheitserfolgen nachjagende Art. Durch unzulängliche Anordnungen, wonach immer nur eine Gruppe von 2–3 Armeen attackierte und dann die anderen stillagen, verschaffte er dem Kronprinzen, der nach Südwest die einzigen wirklichen Erfolge errang, im Südost zuletzt eine peinliche Niederlage. Für diesen Vielgehaßten brechen wir daher nochmals die Lanze.

Als des Kriegsbeginnes Blütenträume nicht reiften und man sich erst zu Neujahr wieder Verdun auf 15  km näherte, um schwere Kaliber in Stellung zu bringen, befand sich der Kronprinz in schwieriger Lage. An den Argonnen lag der Feind geborgen in seinen Schlupfwinkeln, während die 3. A. alle Ungunst rauhen Bodens und Wetters ertrug. Jede Jagdhütte diente zu Verteidigungszwecken, oft begegnet man in V. L. dem Pavillon la Chasse oder dem Hubertuspavillon. Dreifache Schanzgürtel, angelegt nach Bedarf kreuzweiser Bestreichung, untereinander verbunden, unterirdische Höhlenwerke – solche Meisterstellungen schreckten des Kronprinzen Württemberger und Lothringer nicht ab, nachdem sie selber 10 Monate lang wütende Anstürme abschlugen, bis der Feind nach ungeheuerem Verlust verzichtete. Schon dies musterhafte Verteidigungssystem rechnete in steter Beweglichkeit mit eigenen plötzlichen Ausfällen und nun raubte eine Reihe glänzender Vorstöße dem Feind seinen ganzen Schutzwall der Argonnen. Infolge örtlicher Lage bog sich unsere Nordargonnenstellung, deren man zur Behauptung der Maas bedurfte, am meisten rückwärts, bot also dem Feind die Möglichkeit, hier eine Feile an unsere Frontkette anzukratzen und bei Gelingen des Durchbruchs sich am schnellsten auf unsere Verbindungslinien zu werfen. Richtig betont General Buat: was wohl geschehen wäre, wenn die Franzosen im Besitz der Nordargonnen sich auf Mezières richteten, dem Verbindungsknoten für Etappen der 5., 3. A. Daher spornte Joffre immer wieder Sarrail und Langle (Gérard), keine Opfer zu scheuen und dort den Ring zu sprengen. Stets versuchten sich zwölf fr. D. an dieser Aufgabe gegen höchstens sieben des Kronprinzen, manchmal nur fünf, die dauernd Oberhand behielten und zuletzt völlig triumphierten. Als diese Fahnen auf den kahlen Festungsrücken von Maria-Therese und Totes Mädchen wehten, hatte der Kronprinz in düstrem Waldschatten der Argonnen, unbeschienen vom Reklamelicht der Fama, vollwichtigen Lorbeer gepflückt. So überlegt war seine Kraftverteilung, daß er drei schlesische Regimenter nach Sillery in Einems rechte Flanke, dann wieder drei in dessen linke Flanke der »Winterschlacht« senden und sie auch in der Herbstschlacht mit Kräften decken konnte, ja sogar dauernd die Schlesier nach Arras und Somme auslieh, auf seiner festen Front entbehrlich geworden. Diese Festigkeit und seine Flankenecke Vauquois–Avocourt legte ihm nahe, Wegnahme Verduns Weihnacht schon 1915 vorzuschlagen. Die große Champagneschlacht hatte er am Entscheidungsflügel mit Ruhe geleitet, sie zu relativ günstigem Abschluß gebracht. Daher konnte nur Unkenntnis es als höfischen Bückling ansehen, daß man ihm den Oberbefehl der größten bisherigen Unternehmung übertrug. Größere Taten vollbrachte das Heer unter Hindenburg im Osten, gediegenere aber nie als das schrittweise Näherrücken an die Maasveste, wo eine Schanzkette nach der anderen fiel. Nie stockten Frankreich so Atem und Herzschlag, man lächelt, wenn auch Buat die Verdunhandlung nur als ungeheueren Fehlschlag auffaßt. Als ob man nicht wüßte, daß Verduns Fall bestimmt erzwungen worden wäre, wenn nicht die Sommeschlacht zuletzt diese Kraft zersplitterte! Daß es nicht dazu kam, war einzig Falkenhayns Schuld, der nicht rechtzeitig unbeschäftigte Teile hierher schob und zwar ans West- statt Ostufer, was in Verbindung mit Drohung aus Mihiel noch vor Toresschluß Anfang Juni den Feind zum Abzug genötigt hätte. Daß man die Initiative an sich riß, war nach der starren Defensive des Vorjahres eine Erlösung, daß die Offensive nicht den richtigsten Punkt der langen Front wählte (nämlich an der Lys), belastet nur Falkenhayn. Auch lehrt unsere Verlustuntersuchung, daß die Verdunschlacht in keinem Monat größere Einbuße brachte, als sonst in Champagne- und Arrasschlachten oder jetzt an der Somme, ein Beweis vorsichtigen Maßhaltens. Lediglich durch zeitliche Länge wuchs der Gesamtverlust erschreckend, blieb aber weit unter Zermürbung der feindlichen Hauptmasse bei aller Kühnheit siegreichen Vorgehens, nicht leidender Abwehr. Anwürfe Unwissender und Böswilliger gegen dies schneidige Verfahren, das eine riesige Übermacht (74 gegen 35 Div.) an Verteidigungszwecke fesselte, verachten wir daher. Tadel verdient nur die O. H. L., die sich auf Großzügiges einließ, ohne ihm strategisch gewachsen zu sein, oder vielmehr das Verdunproblem ursprünglich überhaupt nicht als etwas Großzügiges, sondern bloßes taktisches Versuchskaninchen anfaßte. Der strategischen Gedankenlosigkeit der O. H. L. gehorchte der Kronprinz einfach als Soldat und man staunt, wie viel er trotzdem erzwang. Auch in den kritischen Tagen erster Ordnung 1917 hatte er den schwersten Posten, die heftigsten Angriffe von der Aisne bis zur Maas richteten sich gegen ihn und brachten dem Feind den verhältnismäßig geringsten Erfolg. 1918 führte er die zwei schärfsten erschütterndsten Stöße, wie ja schon im August 1914 die 5. A. am großzügigsten rang. Kann dies alles Zufall sein? War es Liebedienerei, daß es seit 1916 fortan nur zwei Hauptfronten »Prinz Rupprecht«, »Deutscher Kronprinz« gab? Wir haben nur ein Amt und keine Meinung, voraussetzungslose Geschichtsschreibung hat die Pflicht, Wahrheit zu bekennen und Zeugnis abzulegen.

Zum eisernen Bestand demokratischer Legende gehört, sich gegen fürstliche Heerführer zu empören. Prinzen dürfen so wenig Talent haben wie Junker, die natürlich nur durch Protektion zu ihren Posten gelangen. Doch wenn Scharnhorst ein Bauernsohn und der angeblich adlige Gneisenau von ebenso zweifelhafter Herkunft wie der erzreaktionäre York, waren darum der alte Junker Blücher und der altadlige Bülow minder famose Kerle? Oder wenn die Chlam-Gallas als erbliche Heerverderber galten, war deshalb der bürgerliche Mack weniger ein Trottel? Oder erwarben sich die Stadion in Wien und die Landwehrgründer Dohna in Ostpreußen minder volkstümliches Verdienst, weil sie Grafen waren? Weil Derfflinger ein Schneidergeselle war, blieb deshalb der unvergleichlich bedeutendere Wallenstein minder ein Edelmann? Nichts komischer als die Niederlage von 1809 den fürstlichen Korpschefs aufzuhalsen. Nicht nur die gepriesenen Liechtenstein und Hohenzollern, sondern auch der geschmähte Fürst Rosenberg handhabten ihre Truppen besser als der nach Aspern »beurlaubte« Hiller, dem man wegen niederer Herkunft alle Lorbeeren zuschob und dessen »Relation« durch hündischen Byzantinismus von den vornehm ruhigen Berichten der Fürsten absticht, die mit Noblesse absichtlich ihre bürgerlichen Offiziere hervorgehoben. Alle bürgerlichen Minister Österreichs von Thugut bis Bach waren unfähiger als die Hochgeborenen Kaunitz und Metternich. Weil ein Fürst Hohenlohe und ein Herzog von Braunschweig uns Jena und Auerstädt bescheerten, darum machte ein anderer Hohenlohe sich doch um deutsche Einheit verdient und Artilleriegeneral Prinz Hohenlohe glänzte in seiner Waffe so wie einst Fürst Liechtenstein als Artilleriereformer, man lese seine Denkwürdigkeiten, um die gebildete liberale Denkart des preußischen Offizierskorps von 1870 zu würdigen. Und war nicht Ferdinand von Braunschweig Friedrichs bester Mithelfer, der ihn in einer Ode als Arminius pries? Weil verschiedene bürgerliche und später geadelte Minister ein gutes Andenken bei Sachkennern hinterließen, darum gehörten Stein, Hardenberg, Bismarck doch zum ältesten Blutadel. Und wenn der als Charakter hochachtbare Kleist v. Nollendorf ein mittelmäßiger General war, so fehlte es einem gewissen Heinrich v. Kleist gewiß nicht an Genie, auch nicht dem Hardenberg-Novalis, die Herren Achim v. Armin, v. Eichendorff waren echtere Poeten als mancher gepriesene Bürgerliche und der weiland Comte de Chamisso obendrein noch ein adliger deutscher Volksmann. Mit dem allen halten wir dem Adel keine Lobrede, sondern tun nur läppisches Vorurteil ab. So wenig das Genie einen Stammbaum hat, ein Friedrich purpurgeboren, ein Leonardo Sohn einer armen Dienstmagd sein kann, so wenig können Adel oder Bürgertum das Talent für sich pachten. Prozentual aber ist die Zahl talentvoller »Junker« erstaunlich. Im Übrigen wogen de Lamartine, de Musset, Graf de Vigny, de Maupassant viele Dutzend berühmter bürgerlicher Literaten auf, Byron und Shelley ganze Generationen von Dichtern, ohne noch zu rechnen, daß die Werke »Shakespeares« nach unserer Entdeckung von einem Hocharistokraten herrühren. Plato, Alkibiades, Perikles, Lucull, Cäsar, Venedigs Admirale waren richtige Junker. Um nun näher zu kommen: Wenn Cromwell, Bonaparte, Robert Lee keine eigentlichen Adligen waren, darum konnten Friedrich d. Gr., der Große Kurfürst, Gustav Adolf doch auch sich sehen lassen. Nicht zu vergessen Wilhelm III., der Oranier, dessen Gegner der dämonische Zwerg Duc de Luxembourg und dessen Vorgänger Prinz Condé, Graf Turenne jedenfalls bedeutender waren, als später der angebliche Advokatenschreiber Marschall Catinat. Waren Marlborough, seines Zeitalters bedeutendster Feldherr, und der starre Junker Wellington etwa Bürgerliche? Prinz Eugen v. Savoyen aber und die Erzherzöge Karl und Johann waren ja sogar Fürsten. Österreich hat keinen Grund, sich über Erzherzöge zu beklagen, da noch 1866 Erzh. Albrecht allein das schwarzgelbe Banner hochhielt, und der Artilleriechef Erzh. Wilhelm schon bei Solferino sich auszeichnete. Obwohl Ludwig XIV. so wenig Feldherr war wie Wilhelm I. sorgten beide doch einsichtig für ihr Heer, und obwohl viele adlige Militärs versagten, befanden sich im Feudalheer vor der Revolution doch viele wackere Generale und Offiziere, die sich der Republik zur Verfügung stellten. Cromwell und seine Generale sowie sein großer Admiral Blake und viele Franzosen der Revolutionszeit beweisen ebenso wie später Gambetta und Freycinet, daß Zivilisten sogar aus den untersten Ständen als improvisierte Kriegsführer Ungeahntes leisten, widerlegen aber damit nur jedes militärische Vorurteil, belegen nicht die demokratische Legende, daß solche Leute von vornherein mehr Talent hätten als Prinzen und Junker. Im Gegenteil, Napoleon bezeichnete seine Marschälle, zumeist alle aus unteren Kreisen hervorgegangen, fast alle als mittelmäßig, der geistvollste darunter, Marmont, und der relativ ehrlichste, Davout, waren Adlige. Noch mehr: die Charaktergemeinheit der Massena, Augereau, Ney, Bernadotte, Vandamme usw., waschechter Plebejer, unterschied sich merkwürdig von der vornehmen Gesinnung mancher Altadligen im Kaiserheer. Natürlich wäre verkehrt, dies verallgemeinern zu wollen, denn andere Bürgerliche wie Lannes und Drouot waren Mustermenschen und wenn Marlborough ein Schurke und Wellington kein schöner Charakter war, so um so mehr Blake; dagegen der gleichfalls bürgerliche Nelson eine Mischung von Held und Lump. Nur nicht das Kind mit dem Bade ausschütten! Drouot »c'est la vertu«, Junker Drouet d'Erlon ein fragwürdiger Herr wie Marquis Grouchy und Funker Mac Mahon, alle fähig, wahrheitswidrig ihre militärischen Sünden auf andere abzuwälzen, Plebejer Bazaine aber ein Schuft mit Eichenlaub. Für Königgrätz wählte man als Sündenböcke die Grafen Thun und Festetitz, beide schwer verwundet in soldatischem Pflichteifer, doch ihr sogenannter Ungehorsam scheint minder tadelnswert als Benedeks schlechte Disposition. (Vergl. Molinaris Memoiren.) Dieser Sohn eines Dorfarztes und sein bürgerlicher Stabschef, ein Esel, mochten wohl mit Neid auf Erzh. Albrechts Custozza blicken und die Legende, die sich um Benedek spann, als habe er Wunder was Geheimnisvolles zu seiner Deckung wider den Kaiser stoisch verheimlicht, durchschaut man als groben Unfug. Wer war aber sein bester Korpschef? Kronprinz Albert v. Sachsen, der sich nachher 1870 als eine Nummer eins erwies.

So rücken wir einer krankhaften Legende immer näher auf den Leib: die Zahl begabter fürstlicher Heerführer ist erstaunlich groß und der Versuch, ihren Ruhm auf ihre Stabschefs abzuladen, stets aussichtsloser gescheitert, als bei Blücher-Gneisenau. Natürlich sehen wir von offiziöser Etikette ab. »Sr. Maj. befehlen«, »Sr. Kgl. H. befehlen«, das täuscht höchstens die unterste Menge, Wilhelm I. trat stets bescheiden hinter Moltke zurück, der andere hohe Herr leugnete nie: für »Kronprinz« lies »Blumenthal«. Doch als man Erzh. Albrecht den Custozzaruhm für seinen Stabschef John rauben wollt«, endete die Untersuchung des Falles vernichtend für die Gegenpartei. Erzh. Johanns glänzenden italienischen Feldzug 1809 (seine angebliche Verfehlung bei Wagram ist Mythe) sprach niemand seinem Stabschef zu, für Erzh. Karl waren seine Stabschefs ein Ballast. Übrigens machten beide Prinzen ihren bösartigen Kaiserbruder unruhig durch ihre stark demokratisch angehauchte Gesinnung, auch Fürst Liechtenstein blies ins selbe Horn wie der Milizschöpfer Graf Stadion. Für untertänige Byzantiner sucht man sich immer Bürgerliche aus, je höher hinauf, desto energischer die Volksfreunde. Bei Kronprinz Albert und Prinz Friedrich Karl ließ sich gleichfalls nicht einfallen, nach ihren Stabschefs zu suchen, diese wechselten, die Leistung blieb stets die gleiche, jene bescheidenen Herrschaften beanspruchten keinen Anteil an den fürstlichen Lorbeeren, jeder kannte sie nur als Vollzugsorgane. Man wagt auch nicht, bei Prinz Rupprecht seinen tüchtigen Stabschef Kuhl als spiritus rector auszuspielen. Leider kennen wir Kuhl von der Marneschlacht her als einen bedenklichen und allzu schmiegsamen Herrn. Man sprach auch von Krafft von Delmenfingen, der als geadelter Mann aus dem Volke natürlich bei der Fama besonderes Wohlwollen genoß. Dieser zeigte sich in Rumänien als tüchtiger Frontschläger, das genügt, denn ein bedeutender Stabschef taugt nie dazu, geizt auch nicht danach. Es bleibt dabei, daß Rupprecht durchaus selbständig kommandierte und zwar in einer Weise, an die kein nichtfürstlicher deutscher Armeechef im Weltkrieg heranreichte, Hindenburg bei Seite gelassen, den man heute um jedes selbständige Verdienst bringen möchte. Das ist ohnehin gröbliche Verkennung des Instanzenverhältnisses. Gneisenau hätte nie etwas vermocht ohne Blüchers Persönlichkeit, der doch die Verantwortung trug, übrigens 1815 durchaus gegen Gneisenaus Ansicht handelte.

Wer hat Kronprinz Friedrich Wilhelms Stabschefs Knobelsdorff und Schulenburg denn je als maßgebende Lumina preisen hören? So etwas bleibt nie verborgen, die Fama posaunt es eiligst aus, siehe Seeckt bei Mackensen, Hofmann bei Prinz Leopold. Die Mär, der als Freiwilliger hospitierende ehrwürdige Häseler habe eingewirkt, schwieg bald. Mit den Stabschefs ists also nichts, unter den Korpschefs des Kronprinzen glänzte nur Mudra als besonderes Licht, wir sehen in ihm nur einen Spezialisten, der sich bei seinem Schwächeunfall vor demselben Maunoury als Geistesverwandter Klucks betätigte. Er ist sicher nicht verantwortlich für die ausgezeichneten Taten unter des Kronprinzen Kommandos und war 1918 ganz unbeteiligt an der Offensive der 18., 7. A. Warum soll der Vielgeschmähte, der sich angeblich hinter der Front mit Weibern herumtrieb, nicht selber das Feldherrntalent gewesen sein, für das doch sonst nirgends ein Inhaber gefunden wird? Es liegt doch sozusagen in der Familie, und so wenig er sonst seinen großen Ahnen gleichen mag, obschon man dies von seiner Physiognomie behauptete, so kann der Feldherrninstinkt sich ihm im Blut vererbt haben. Beim alten Kronprinz Fritz dem Flötenbläser ahnte auch niemand, daß er zufällig, weil ein Genie, auch der größte militärische Bahnbrecher war. (Die napoleonische Vernichtungsstrategie stammt von ihm, er hatte nur einen verständnisvollen Schüler, den kleinen Kadetten in Brienne.) Die anderen Kaisersöhne Eitel und Oskar wirkten wenigstens als recht gute Frontoffiziere und Tapferkeit ist erblich in der Rasse, man denke nur an den Heldenprinzen August der Befreiungskriege und die ruhige Todesverachtung Friedrich Wilhelms III., zuguterletzt war Prinz Heinrich, des großen Königs böser Bruder, auch nicht von schlechten Eltern. Heute beim Exil der Hohenzollern würden sich die derbsten Schwindeleien hervorwagen, daß der Kronprinz eine Null und ein großer Unbekannter sein Berater gewesen sei. Daß dies ausblieb und der Haß sich nur an Skandalhistörchen über seine angebliche Liederlichkeit ergötzte, ist ein Prüfstein für die Hoffnungslosigkeit einer Kritik, die vermutlich alle Wissenden mit Hohnlachen begraben würden. Man verstehe recht: Wir zerstören nur alberne Märchen von Unfähigkeit aller Prinzen und Junker, unser Wahrheitsuchen hat keinen politischen Beigeschmack. Wir halten uns als Historiker an Tatsachen und verhehlen nicht, daß seine Bücher, seine höchst vernünftigen Interviews mit dem Amerikaner Wigand und der erstaunliche Brief an den Kaiser mit dem Leitsatz: »Mag die Monarchie zum Teufel gehen, wenn nur Deutschland gerettet wird«, durchaus zu dem Bilde passen, das kluge Anhänger von ihm entwerfen. Der letzte Hohenzoller ist ein beklagenswertes Opfer, mancher frühere Auswuchs vielleicht durch Niederdrückung von seiten des Potsdamer Roi-Soleil zu erklären. Thronfolger scheinen in Preußen eine erblich belastete Rolle zu spielen, man täuscht sich immer in ihnen.

Wir sagen: Republik oder Monarchie ist gleichgültig, wenn nur Deutschland gerettet wird. Das neue System lobe, wer, dadurch persönlichen Vorteil ergattert, doch es hat scheinbare Vorzüge vor jenem alten, das man als Vorbild aller Vortrefflichkeit pries. Konflikt zwischen Ludendorff und dem Kronprinzen scheint letzteren als den Humaneren, Demokratischeren auszulösen, und daß jener Konflikt bestand, zeigt, daß der militärische Diktator ihn fürchtete. Übrigens durfte man einen Anerkennungsbrief des lobkargen Lud. abdrucken, mit dem er sich oft überwarf. Täuschen wir uns, so täuschen eben die Tatsachen. In allem Gegensatz seines Vaters, erscheint der bescheidene und persönlich furchtlose Thronfolger auch in Bruchmüllers Artilleriebuch als besonders rührig und verständnisvoll voll besonderem Pflichtgefühl. »Falle ich, ersetzt mich eben ein Anderer.« Hut ab! So dachte sein Ahne, dessen ergreifende Selbstnichtachtung sich doch wahrlich mit höchstem Genius paarte. Jedenfalls sprechen wir den Kronprinzen, der die Opfer vieler Divisionen beklagte und von Draufgängerei so wenig wissen wollte wie von Drangsalieren der Mannschaften, von jeder Schuld am militärischen Zusammenbruch frei. –

Es ist unwahr, daß Ludendorffs Offensivpläne an und für sich besonnener Absicht entbehrten, nur Ausführung und Augenmaß falsch. Sträflich unverständigen Hochmut, der ihn kitzelte, das alte Marneschlacht-Bild heraufzubeschwören, könnte nur schwarzgallige Parteilichkeit ihn vorwerfen. Im Gegenteil vermissen wir bei ihm die unbändige Einseitigkeit eines Foch, sein Wille schwankte zwischen zu hoch gesteckten Zielen und schwächlichem Zaudern. Unser Blick schweift zum Kriegsanfang zurück, findet unverändert gleiche Symptome des gleichen Systems. Ihm verdankt man auch den unleugbaren moralischen Zusammenbruch des bis zuletzt dienstlich und politisch schikanierten Volksheeres, wir mögen dies unliebsame Kapitel nicht erläutern. Daß dem so war und jede Abstreitung irrt, zeigt die plötzlich ungeheure Zahl von Gefangenen, meist Überläufern und willenlos sich Ergebenden.

Staunend wie nach der Marneschlacht sah der Feind unserer Selbstentwürdigung und Selbstzerfleischung zu, ihm konnte es ja recht sein. Die Rheinlande schonen? Jeder brave Rheinländer seufzt heute: lieber Kriegsverheerung, als was wir nachher im »Frieden« durchmachten! Möglich, daß Kämpfen aussichtslos war wegen Wilsons Waffengang, dem Hauptschuldigen an unserm Verderben. Doch ein altes Sprichwort weiß: Wer sich wehrt, behält sein Pferd! Der Militarismus fragte nachher spöttisch, was Gambettas viermonatlicher Widerstand nutzte nach vierwöchentlicher Zerreibung der Berufssoldateska. Erstens, daß der Sieger nicht noch härtere Bedingungen auferlegte, wozu Moltke willens war, zweitens, daß Frankreich mit Ehren erlag und sich so die Weltsympathie sicherte. Deutschland erlag mit Unehren, denn daß der größte Heldenkampf der Weltgeschichte voraufging, vergaß bald das kurze Gedächtnis der Augenblicksmenschen. Zerstörtes Ansehen bedeutete zerstörten Kredit, das beispiellose Valuta-Kunststück – reine Fiktion, denn Deutschlands wahres Nationalvermögen blieb unversehrt – hat Wallstreet uns aufgehalst als Blankowechsel auf unsere Erbärmlichkeit. Wohl predigte der entschlossene Rathenau Nationalverteidigung, doch Lud. winkte eiligst ab, das paßte den Militaristen so wenig wie demokratischen Strebern, die nur im »Frieden« ihr Kraut blühen sahen. Sie stellen das alte wie das neue System ihrer Partei- und Kasteninteressen immer über das Vaterländische. Die Einsicht, daß der Weltkrieg von allen Völkern, nicht nur von den Angelsachsen, mehr oder minder mit Milizen, d. h. Volksaufgeboten durchfochten wurde, weil die Aktiven schon im ersten Kriegsjahr zusammenschrumpften, und daß ein soldatisch veranlagtes Volk wie das deutsche wesentlich mit Landwehr und aktiviertem Landsturm (alle neugebildeten »Infanterieregimenter« bis zur höchsten Nummer) den russischen Riesentolpatsch niederzwang, daß also einzig dem Milizsystem, d. h. dem wahren Volksheer die Zukunft gehört, muß man von unseren Militaristen nicht hoffen. Sie drehen immer noch ihr altes Garn, siehe ergötzliche Manifeste des »Ehrendoktor« Freytag-Loringhofen, der allgemeine Kasernenmilitarisierung empfahl. Aber hätte die levée en mass bei uns Früchte getragen? Danton und der Wohlfahrtsausschuß hatten ihren Hauptmann Carnot als obersten Kriegsleiter, Frankreich findet immer einen Gambetta-Freycinet, England einen Cromwell, Deutschland wohl nie. Der Zopf hängt ihm immer hinten, sein Professor fühlte sich als geistiger Drilloffizier, sein Offizier als Professor Ordinarius. Alles, was nicht in Reih und Glied marschiert, wird relegiert. So bleibt es unter jedem System, wenn nicht der Himmel ein Einsehen hat und den Schlendrian Bürokratius gewaltsam entfernt.

   

Hätten wir beide Arme frei gehabt, so wäre im West oder Ost jeder Feind zu Boden geschlagen. Doch auch im Zweifrontenkrieg ermöglichte die Natur, indem sie Deutschland auf die innere Linie stellte, abwechselnd nach West und Ost Schläge auszuteilen. Nur dann wird innere Linie zum Unheil, wenn man sie nicht rechtzeitig offensiv handhabt, nur durch Schnelligkeit erwirbt sie ihren unfehlbaren Vorteil, insofern darf man die anfängliche Doppeloffensive nach West und Ost billigen. Innere wie äußere Linien bleiben für Stümper die gleiche Gefahr, äußere aber stets von zweifelhaftem Wert. 1813 zerbrach Napoleons inneres Dreieck nicht durch Zwickmühle der Gegner, sondern Blüchers Hartschädel. Wenn daher Jomini meint, bei sehr großen Massen sei innere Linie kaum anwendbar, so sucht er nach falschen maschinellen Gründen, denn das damalige Phänomen erklärte nur dynamisch-moralische Ursachen. Jedenfalls blieben im Weltkrieg die äußeren Ententelinien an sich unfruchtbar, und wenn der größte aller Kriege weniger Kunstmaterial als irgendein anderer wenigstens im Westen lieferte, so bekräftigt er immerhin, daß innere Linie bei richtiger Anwendung stets Erfolg verbürgt. Napoleon tadelte herb Friedrichs konzentrische Torgau-Operation, beging aber bei Bautzen Gleiches, wo sein Seitenheer zu spät die Feindesflanke beklopfte, die sich dem Griff entzog. Ein Entschlossener benutzt sogar Nichtzusammenstimmen getrennter Kolonnen zu zentralem Durchbruch. Der Weltkrieg kennt strategisch wie taktisch nur Zentralstöße, nur innere Umfassung, deren Schnitt einen Flügel abtrennt oder gar beide (Tannenberg) fruchtet. Nicht äußerliches Getrenntmarschieren unterscheidet sich von Geschlossenheit, sondern ob es auf äußerem (Moltke) oder innerem Radius erfolgt, siehe Napoleon Oktober 1806 und April 1809, was Freytag höchst verworren für Gleichartigkeit beider Methoden ausgab. Nur genauer innerer Zusammenhang ermöglicht, sich nach Bedarf vor, nicht im Feind zu vereinen. Unser Aufmarsch 1914 vereitelte dies, Verschiebungsumgruppierungen verliefen nachher zeitraubend und kraftlähmend.

Der geistreiche französisch« Militär Dervieu nannte Moltke den Älteren einen militärischen Großindustriellen. Er beherzigte Erfahrungen des amerikanischen Bürgerkriegs, doch versagen Eisenbahn und Telegraph oft im Feindesland durch Störungen. Des Telephons bediente man sich im Weltkrieg gut, durch Funksprüche versehene Adjutantendienste nur in schüchternen Anfängen, dieser neue Zweig der Kriegstechnik war im deutschen Betrieb nicht genügend vorbereitet. (Beiläufig trifft man Verluste von Funkspruchabteilungen schon 1914 bei Hindenburgs Reiterei). Bahnschema macht oft den Ausmarsch von sich abhängig, was für 1866 zugestanden; dies verbürgt nicht mal Freiheit der Bewegung, wie die Aufmarschstauung der 1., 2., 3. A. bewies, daß man die ferneren norddeutschen Korps auf den Stoßflügel versetzte, verlangsamte die unbedingt hier nötige Schnelligkeit. Überhaupt überschätzt man alle Technik der Ausrüstung, zuguterletzt entschieden ganz andere Faktoren. Dreschflegel und Sensen der Hussiten schlugen die Panzergeschwader deutscher Junkerschaft nieder, man sollte sich nicht zu blind auf Tankgeschwader verlassen. Nun, Prokop und Ziska stammten aus keiner Kriegsakademie, die Hauptperson des Weltkrieges will man aber nicht sehen: Vollwertigkeit der Volksmiliz, ohne die ja ohnehin nie solche Massen aufzubringen wären. Nur Verstocktheit sträubt sich dagegen. Nicht der gerechte Stolz der Berufskrieger, wohl aber ihr Dünkel muß ein Ende finden; daß er im Milizsystem nicht bestehen kann, hinc irae der hochseligen Brahminen, denen man den Heiligenschein abstreifen muß. Freuen sollten sie sich doch über Kriegsertüchtigung des ganzen Volkes, sie aber fröhnen nur Sonderinteressen. Gewiß nahmen die Yankees einst den Mund zu voll, Hooker nannte sein Milizheer »das beste der Welt«, Lee und Jackson hießen »größer als Napoleon«. Grants Memoiren gelten als Kommentarien Cäsars. Doch wenn das Tagebuch des 1870 im preußischen Hauptquartier weilenden Sheridan sich zu gnädig herabläßt, hier könne man nichts lernen, so haben Shermans Milizen beim Georgiamarsch wirklich größere Anstrengung überwunden als bei damaligen deutschen Märschen. Doch was sie noch übertraf, war der Schneemarsch zur Winterschlacht von Eichhorns Milizkorps. Und es bleibt wahr, daß z. B. Professor Jackson ein hundertmal größerer Stratege wurde als Eichhorn, daß es in jenem Zivilistenkrieg keinen Kluck und Bülow gab. Gelehrte Theorie verbürgt an sich kein praktisches Feldherrntum, doch folgert daraus, daß Theoretiker immer schlechte Praktiker, denkerisch unfähige Generale immer gute Praktiker seien? Weit eher als geistlose Empiriker könnten Kriegsforscher Feldherrn werden, die bei jeder Gelegenheit sozusagen ein Fach ihres Gehirnarchivs öffnen, auf jedes Gebot der Stunde vorbereitet.

»Im Krieg kommt alles anders«, zumal in einem Weltkrieg. Die wichtigste Frage bleibt: Konnte Deutschland überhaupt gewinnen? Ja, wenn es wirklich die Entscheidung gewollt und vorbereitet hätte. Dann wären mindestens zwei neue Armeekorps vorhanden gewesen, man hätte alle Handelsschiffe rechtzeitig zurückgerufen und die argentinische Ernte aufgekauft. (Es ist Wenigen bekannt, daß der spätere Reichskanzler Michaelis, damals am Rhein, aus eigener Initiative eine gewisse Nachbarernte aufkaufte und wenigstens hierdurch das erste Kriegsjahr gegen die Blockade sicherte). Die Verlotterung der österreichischen Rüstung und die Unterbindung der türkischen Heerreform durch den Balkankrieg wogen schwer als Passiva, dagegen schlug die k. k. Armee trotzdem sich besser als zu erwarten, ihre Skoda-Artillerie überraschte. Das deutsche Heer übertraf jede noch so hochgespannte Erwartung, gerade weil es nach dem ersten Halbjahr nur noch reines Volksaufgebot bedeutete. Fragestellung und Vergleichspunkte werden absichtlich verschoben in Freytag-Loringhofens »Folgerungen aus dem Weltkrieg« »Geschultes Volksheer oder Miliz«. Die offenen Türen falscher Milizlegenden einzurennen hat keinen Wert, kein Kenner hielt je Washingtons Milizen oder die Tiroler und Buren für vorbildlich, bei den spanischen Insurrektionsheeren wird vergessen, daß ihre früheren Regulären sich noch schlechter schlugen, dagegen die ruhmwürdigen Stadtverteidigungen doch ausschließlich aufs Konto der Bürgerschaft kamen. Wenn anfangs die Freiwilligen der französischen Revolution ihren Ruf nicht verdienten, so hat die levée en masse doch gegen ganz Europa durchgehalten, selbst dann als die feindlichen Regulären zahlenmäßiges Übergewicht hatten. Auch ohne Bonaparte schlugen sich die Republikaner bei Stockach, Zürich, Novi glänzend gegen Übermacht, im Gotthart- und Grimselkampf taten sie Unübertreffliches. Bonaparte zwang ihnen unerhörte Gewaltmärsche ab. Den zweischneidigen Einwand, daß Milizen durch den Krieg selber in ihre Aufgabe hineinwachsen, fertigt die Gegenfrage ab, sie hat einen spöttischen Klang: Ist Krieg die einzig wahre Kriegsschule, warum blieben die regulären Gegner bei gleicher Erfahrung stets auf dem alten Stand unbehilflichen Schlendrians? Wesentlich sprach mit, daß durch das Revolutionsprinzip die Befähigsten selbst aus untersten Graden an die Spitze treten, gewaltsame Auslese der Tüchtigsten, so daß die törichte Ausmerzung der adligen Berufsoffiziere nur anfangs schadete. Auf grobe Entstellung über angebliches Sinken der »entarteten« napoleonischen Infanterie, die immer mehr den Charakter einer Berufsarmee verlor und doch noch 1813 als Milizaufgebot Großartiges im Kampf und Marsch vollbrachte, gehen wir nicht ein. Komisch mutet der Satz an, daß panische Flucht bei gedienten Kasernenheeren nicht vorkomme, siehe Austerlitz, Jena, Königgrätz, Wörth! Gneisenau pries in Denkschrift 1811 die österreichischen Milizen von 1809 als Vorbild, und wenn Freytag die edle Tapferkeit unserer Landwehr 1813/15 widerwillig zugesteht, so vergißt er absichtlich das Krümpersystem, womit der Bauernsohn Scharnhorst den alten Zopf abschnitt, dessen »Reserveregimenter« ganz kurze Ausbildung wie heutige Schweizer Miliz genossen und doch ebenbürtig mit Kasernisten wetteiferten. Das darf um so weniger als Ausnahme gelten, als Wellington sogar aus Portugiesen eine schlachtfähige Miliz erzog. Über den amerikanischen Bürgerkrieg wiederholt man schiefe Irrtümer, die Südstaaten hätten mehr Berufsoffiziere und Reguläre gehabt, genau das Umgekehrte trifft zu, der ganze alte Militärapparat lag in Händen der Union, deren Schwäche nur aus Mittelmäßigkeit ihrer Berufsgenerale entsprang. Übrigens ist wirkliches verbreitetes Milizsystem großen Stils nur einmal erprobt worden: Rom gegen Pyrrhus und Hannibals Berufssöldner und wer siegte da? Schweizer und Flandrer siegten ähnlich im Mittelalter über Feudalheere, Englands Yeomanry gab ihm allein die Möglichkeit kontinentaler Kriegführung, bei Talavara und Waterloo bestand Wellingtons Fußvolk zu zwei Drittel aus »Militia-Men«. Unter neue Wunschzettel militaristischen Heißhungers setzte das Schicksal heut einen Schlußstrich. Das Ideal allgemein verbreiteter Dienstpflicht bei gleicher langer Dienstzeit ist wirtschaftliche wie politische Unmöglichkeit, doch wenn ehrlicher Wille vorhanden »nüchtern zu prüfen«, ob nicht »soldatische Voreingenommenheit und Vorurteil« verblendeten, so könnte man sich über Miliz verständigen, die natürlichste und beste aller Heeresformen. Der Militarismus, sofern dies viel mißbrauchte Wort einen bestimmten Sinn hat, tötete sich selber, der Weltkrieg brachte fast die ganze Berufsoffiziersklasse um.

»Der russische Soldat ist kein Miethling, wird nie auf Landsleute schießen« behauptete Bilbassons Geschichte Katharinas, doch der uniformierte Muschik oder der Troupier beim Kommunenkampf ließen sich als Polizeitruppe gebrauchen, hat aber Kadavergehorsam das Russenheer vor wilder Revolutionierung gesichert; können nicht umgekehrt Milizen wie Cromwells Eisenseiten der Staatsordnung dienen? Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, schleicht jetzt schon der alte Mittlerverlag – mit Subvention auf Kosten der Steuerzahler – mit Milizanregung heran, doch fürchten wir die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen. Der Ententeeinfall, unsern Militarismus durch Auferlegung eines kleinen Söldnerheeres strafen zu wollen, bedeutet Zurückschraubung zur Söldnerleibwache kleiner griechischer Tyrannen, im Mittelalter durch unbotmäßige Ritterschaft und später Condottieri und Landsknechte fortgesetzt, deren Ursprung auch bis zu den Griechen zurückdatiert. Wenn französische Könige sich mit fremden Haustruppen (Schotten und Schweizer) umgaben und England im 18. Jahrhundert deutsche Truppen besoldete, so suchten Schweden und Preußen (Kantonsrekruten) dem »Assentierungssystem« seit Louis XIV. einen nationalen Halt zu geben. Die allgemeine Wehrpflicht in imperialistischen Händen dient aber nur zu Fälschung demokratischen Prinzips mit schlauem Mißbrauch des »Volksheeres«, Jonglieren für dynastische Militarisierung des Staatshaushalts. Kostspieligkeit der Miliz wird nur vorgeschützt, Verwaltung stehender Heere verschwendet Geld mit vollen Händen. Wellington pries im Parlament »die braven Hannoverschen Milizen bei Waterloo«, ihm schwante vor ein kleines Berufsheer, umrahmt von Milizen. Solche Zukunftsmusik mißtönt freilich auch jenen, die den ewigen Frieden der Internationale gründen möchten. Dem Wunder fehlt der Glaube. Frankreichs frommer Wunsch, Deutschland für immer mit roher Gewalt zu drücken, wird nur die letzte Krampfzuckung im Todesfieber des Imperialismus sein? Jede Verknotung des Friedens mit stehenden Heeren verhindert Abrüstung. Napoleon meinte, er habe die Nationalgarde so eingerichtet, daß stehende Heere verschwinden würden. Es geht kein anderer Weg nach Küßnacht, sonst bekommen wir europäischen »Sezessionskrieg« Aller gegen Alle, trotz Unterbilanz des Kriegsgeschäfts wird Kriegspsychose weiteren Selbstmord begehen.

Natürlich gibt es schwarze Schafe in jedem Stande, doch einen »ersten Stand« darf man nicht in Kreisen suchen, die noch in Gefangenschaft und Internat mit »Aufsichtsoffizieren«, »Ortsfeldwebeln« die »gemeinen« Waffenbrüder drangsalierten, bei der deutschen Landestrauer mit ihren Damen Lawntennisfeste feierten, volles Goldgehalt von der Republik einstrichen mitten in der Valutakrankheit und bei Kaisers Geburtstag aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten, über jeden Unabhängigen Grußboykott verhängten, doch wozu schmutzige Wäsche aushängen! Ein gut Stück Ritterpoesie steigt mit der Militärfeudalität zu Grabe und einen pflichttreuen Offizier, der sich in bescheidenen Grenzen hält, wird man Krämern und Jobbern wahrlich vorziehen, ihn nicht mit »Etappe Gent« verwechseln. Am gemeinschädlichen Größenwahn trug nur das System die Schuld. Das heute schwarmgeisternde Rückwärtsschauen nach Pharaos Fleischtöpfen, die doch wahrlich für alle freien Geister leer genug blieben, entspricht nur jener »Scheu vor der Wahrheit«, die man superklug nur in Ludendorff hineinlegte. Lloyd Georges zynischer Spruch » Über Volk und Gemeinwohl steht das Staatsbedürfnis« machte sich diese Armeekirche zu eigen, die Sermone, Edikte, Bannbullen erließ, allen ein kaudinisches Joch aufzwang, was den Geßlerhut mit Reverenz erwies, Zwinguri nicht für den Tempel Salomons und die schriftlichen Übungen der Priester nicht für Gesetztafeln hielt. Die Philisterehrfurcht vor sogenannter Fachwissenschaft wurde von säbelrasselnden Schönschreibern ausgenutzt, denn in Deutschland gilt nicht die Leistung, sondern der Titel, »Berufung« steckt im Amt. Auch so aber mußte Clausewitz ungedruckte Schriften seiner Witwe hinterlassen, weil das System den später Heiliggesprochenen als profan vom innersten Heiligtum ausschloß. Wer aber damaliges G. St. W. über den 7jährigen Krieg mit heutiger Neubearbeitung vergleicht, findet letztere geistig belangloser. Militarismus als Sammelname für allerlei Übel blühte zwar anderswo nicht minder üppig, gelegentlich auch brutaler, doch das Besondere lag echtdeutsch am Professoralen, das den Rekrutendriller »Erzieher der Nation« titulierte. Obwohl das alte Offizierkorps mit allen Ehren unterging, haben Armee und Staat das Staatsexamen der Reife nicht bestanden. Aber darf man vom Volk Besseres sagen, von diesem Freistaat, der erst recht ein verluderter Obrigkeitsstaat wurde, gemäß dem sächsischen Königswort: »Macht Euren Dreck alleene!« Überall wird mit schmutzigem Wasser gekocht, nur die Kochlöffel wechseln.

Nur die freche Doppellüge »die Menschen sind gut«, »die Menschen sind gleich« schwätzt in einer Welt der Bosheit und Ungleichheit von Ewigem Frieden, als ob roher Wirtschaftskrieg Aller gegen Alle diesen Namen verdiente. Der Weltkrieg begrub sogar die Kriegskunst, was hilft Genie gegen Fliegerbomben, mit Pestbazillen geladen, selbst England zittert vor »verbündeten« Geistern, die es rief. Das ist der Triumph des Satans Materialismus, der mit feiger Tücke die Erde verseucht ... bis sie vor Ekel erbebt und alle verschlingt.

   

Kein eiserner Kanzler konnte uns noch helfen, auch kein eiserner Hindenburg, der zuletzt nur tönerne Füße hatte. Helfen kann uns nur Gott und Er tat es schon, obschon Kurzsichtige es nicht erkennen. Das furchtbare Gewitter, die Ausgießung der sechsten Schale, hat die Atmosphäre geklärt. Sonnenblitze der Wahrheit über Sumpflachen des Scheines sieht das blinde Menschenauge nur, wenn sie sich verfangen im Brennspiegel furchtbaren Erlebens. Schicksalsfügung ohne natürliche Kausalität gibt es nicht. Determiniertheit alles Geschehens beruht nie auf Willkür, die unerforschlichen Mächte haben in solchem Sinne selber nicht Willensfreiheit, sie handeln nach »göttlicher Notwendigkeit« mit »wunderbarer Gerechtigkeit« (Leonardo). Mehr noch als die sozialen machten die seelischen Gebrechen des merkantil-byzanthinisch verdummten und versumpften Neudeutschland die Wilhelminische Ära zum Falle reif. Die Eulenburgische Gardekavallerie ritt nach Jena und das alte System trat den Eilmarsch nach Tilsit an, begossen wie ein Pudel mit Versailler Jauche, gedemütigter als je der Korse es für anständig hielt. Das beispiellose Heldentum des Weltkriegs stammte aus verborgenen Zellen unseres Volkskörpers, überraschte aber jeden Betrachter neudeutscher Umwelt, weil es so grell von seichter Verflachung des bürgerlichen Kommerzlebens abstach. Nirgends zeigte der atheistisch-amoralische Materialismus des europäischen Zeitgeistes sich so unangenehm aufdringlich, schäbig und roh wie im technikberauschten Germanien. Häckel und Nietzsche standen Gevatter bei einer seelischen Mißgeburt, die als Wille zur Macht nur noch das Sinnlich-Handgreifliche anerkannte. Umwertung aller Werte lief nur auf Entwertung aller geistigen Güter hinaus. Alle, die dem alten System als Schutz nahrhafter Geschaftlhuberei Tränen nachweinen, sofern sie nicht als geschädigte Interessenten jede »fluchwürdige« Neuerung verdammen, ahnen nicht, daß alle Übel der Gegenwart nur logische Fortsetzung, das Neue nur eine andere Form des Alten in unkorrigierter und wenig verbesserter Auflage. Kleinlich schmutzige Selbstgier, kalte Philisterei und Streberei in anderem Gewande, professorale Schulmeisterei nur mit anderer Marschroute stumpfsinnig einhertrottenden Drills, der höchst Ungeistiges für geistige Arbeit ausgibt, als ob Europa nicht eine so eingestellte Kathederkultur ablehnte und lieber mit der Abundantia von Anunzios Schönheitsrausch fürlieb nähme! Wohl blüht im Schlamm noch manche Jugendlilie, doch nur »Reformation an Haupt und Gliedern«, wie Hutten sie hoffte, nur ein neues Geschlecht kann hier als Wiedergeburt eine Neugeburt bringen. Am Niederrhein, meist im 7jährigen Krieg von Franzosen besetzt, stieß jede Gemeinde desertierende Kantonsrekruten aus: so fest und treu hielten diese Rheinlande an ihrem Preußen. Ihr König sprach: »Das Genie von meiner Infanterie ist zu attackieren«, wir aber erweitern getrost: »Das Genie deutscher Infanterie ist, jede andere über den Haufen zu werfen.« Wenn sich heißblütige Süddeutsche oft ohne Abwarten artilleristischer Vorbereitung auf steile buschige, mörderisch feuerspeiende Hügel stürzten und so der Verlust unnötig anschwoll, war der Erfolg zu teuer erkauft? Mit nichten. Was überall den Ausschlag gab, war angeborene soldatische Überlegenheit der Deutschen, d. h. seelische Dynamik statt technischer Mechanik. Den Leutnant kann man uns nicht nachmachen, sagte Bismarck, heute würde er besser sagen: Den »Gemeinen« können sie uns nicht nachmachen. Grimmig fluchten die Poilus, wenn Pressebanditen über Minderwertigkeit deutscher Soldaten orakelten, und murmelten: »Ils sont trop forts«. Die französische Armee war gut, sehr gut, das Rückgrat der Entente, die deutsche besser, viel besser. Französische Fachmänner gewinnen nie den Mut, heimische Unart läppischer Feindesschmähung zu kurieren, doch innerlich weiß ein Foch nur zu wohl, daß Deutschland einen zu harten Bissen für Anbeißen gieriger Wölfe bedeutet.

Als der Alte Fritz bei Roßbach im Heldeneifer seinen Musketieren vorausritt, riefen sie: »Aus dem Weg, Vater, daß wir schießen können!« Den Zufallsführern ruft einst die deutsche Nation mit Donnerstimme zu: Aus dem Weg, daß wir schießen! Noch gibt es andere Feuerproben!

Ehrentafel deutscher Truppen
im Weltkriege

Umschau der Schuldlüge

Locarnogeist

Zukunft

Ergänzungen

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