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Bismarck - Band 3

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 3 - Kapitel 6
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 3
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090128
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II. Zur Maas und den Argonnen.

Es erregt zunächst ein Schütteln des Kopfes, daß die Posener Korps plötzlich vom Feinde abließen. Dies wird damit erklärt, daß am 25. die Nachrichten von Mudra ungünstig lauteten, doch das konnte nur Gündell bestimmen und bleibt unerfindlich, warum Übervorsicht auch für General v. Strantz geboten schien, dessen Aktivkorps noch am 25. an den sauber befestigten Gartenmauern von Marville 20 französische Geschütze auflas. Gerade so jählings, wie Boelle jede Stellung verließ, den er vor sich hertrieb, stellte er jedes weitere Vorgehen ein. Innere Ursachen schlechter Truppenstimmung? So sagt man uns verblümt, und doch hatte dies Korps viel weniger gelitten als die unermüdlichen Schlesier. Daß ein so sonderbares Verhalten den französischen Vermutungen über »Demoralisierung« Tür und Tor öffnete, ist begreiflich. Strantz' Zurückbleiben setzte auch Fabeck in Verlegenheit, dessen Württemberger lustig zur Maas hinstrebten. 13. Pioniere bearbeiteten den Maasübergang bei Damvillers, wo besonders ihre 4. Komp. blutete. Gleichzeitig bereiteten 6. P. (Hälfte vor Longwy) den Schlesiern ihren Übergang bei Dun vor. Als die Garben der Posener Maschinengewehre und ihre Mörsergranaten nicht mehr den Franzosen nachflogen, spielte wenigstens Fabecks Artillerie, den Loisonbach durchfahrend, nachdem 27. D. bei Failly einbrach, bis zu den Dombrashöhen. Doch nur die Artillerie blieb Bronchin noch nahe, sonst brach man auch hier zeitweilig die Vorbewegung ab. Laut Regimentsgeschichte von 49. Art., die übrigens auch bestätigt, daß die Dörfler in Moussy aus dem Hinterhalt schossen, rissen die Franzosen bei Failly derart aus, daß sie 26 Geschütze und 60 Protzen stehen ließen, »bloß durch Batterien ohne Fußvolk aus ihrer Stellung herausgeschossen«. Nur am Nordflügel ließen die Schlesier nicht nach, ihre 11. Jäger zu Pferde setzten einigen noch feuernden Turkohaufen am Ivorwald nach; am 26. machten sich Farbige bei Malandry zur Uferverteidigung bereit und lieferten ein starkes Nachhutgefecht bei Martincourt nördlich Stenay, während Gérards Art. und 87. Brig. sich anschickten, von Ivor her den Übergang zu verbieten. Doch die 11. D. mit Breslauer Grenadieren und Glatzer Füsilieren voraus warf am 27. eine Schiffsbrücke hinüber; I/11. stürmte Lucy, wo im Bajonettkampf Major Prittwitz sank, und den Kirchhof von Cussy; auch 51er drangen jenseits bis in den Jaulnewald. Die Steinbrücke bei Stenay wiederherstellend, warfen sich die Schlesier auch auf Gérards Nachhut, dessen gesamte Artillerie aber am Maasrand erfolgreich feuerte. Dies Korps besann sich also teilweise wieder auf seine Pflicht, doch gehört zu den Zerfahrenheiten eines gewissen neutralen Historikers, die Franzosen hätten sich jetzt in ausgesuchtesten Stellungen und bester Gemütsverfassung kräftiger geschlagen als vorher. Im Gegenteil sank ihr Optimismus auf Zéro, sie machten aus der Not eine Tugend, die unheimlich emsigen Schlesier so lange aufzuhalten, bis das Gros notgedrungen in die Argonnen abfloß. Die Verbindung mit Langle, dessen Sedanschlacht stromaufwärts tobte, schien gesprengt, und Mudras Umgehung überführte, daß man aus gerader Richtung nach Verdun mehr daran vorüber über die westliche Maasstrecke ausweichen müsse. Da atmete Sarrail auf, weil Mudra zaghaft losließ, da Ovens Bewegung mißglückte.

Des Kronprinzen Anweisung an ihn fiel in Hände der 3. Hussards, so daß Maunoury sich danach richten konnte. Am 25. sah man Massen von den Warcqhöhen im Laufschritt niedersteigen, Ovens bayrische Fußartillerie pfefferte aber kräftig hinein, und er war guten Mutes, obschon der Feind sich zusehends verdichtete. Eben sollten 67. und III/145. den Angriff Mudras durch Wafremontholz vortragen, Reitzensteins 130. und II/III/144. wollten sich entwickeln vor einem dreieckigen Gehölz bei Beraucourt südlich Spincourt, als plötzlich höherer Befehl eintraf, Reitzenstein solle bis Richcourt, Heinemann sogar bis Landres zurückgehen, d. h. das ganze seit 23. gewonnene Gebiet preisgeben! Das kam so: Oven in vollem Rückzug! Was war geschehen? Maunoury fesselte den Angreifer bei Etain, verfuhr dagegen angriffsweise an der Orne, wo schon eine neue Div. Durands überflügelte. Die Masse fiel zunächst auf Brigade Riedel, die ruhig standhielt, dann aber bei Bucy und Lanchères auf zwei sächsische und thüringische L. W. Brigaden. Schon bei Nacht von Landres aufgebrochen, sehr marschmüde, nahmen sie Front nach Süden, wie Riedel mehr nach Südwest und Ovens übrige Teile nach Nordwest. Man konnte gewärtigen, daß dreiseitiger Stoß Maunourys für Oven nicht gut ablaufen werde. Er rief daher, dem die feindliche Ansammlung im Ornetal nicht verborgen blieb, Frankes L. W. dorthin ab, die vorerst keinen Feind mehr vor sich hatte. Doch ehe sie sich an Ort und Stelle begab, brach das Unglück schon herein. Beiderseitige Schilderung des Treffens bedarf der Überprüfung, deutscherseits vertuscht man, französischerseits übertreibt man ruhmredig, um sich doch auch mal an einem »Erfolg« zu erlaben. Die sächsische L. W. bei Buzy war »restlos« verbraucht? Diese Beschönigung verschweigt, daß die Sachsen offenbar haltlos auseinanderliefen. Thüringer 32. und 83. L. W. entschuldigten sich mit »Mangel an Artillerie«? Tatsächlich wurden sie mit großem Verlust zurückgestoßen und zersprengt. Ebenso tadelnswert wie solche Schönfärberei ist Maunourys Prahlen, er habe nur ein paar Hundert verloren, ein höchst unglaubwürdiges Mißverhältnis, wobei absichtlich sein ungünstiges Gefecht am 24. übergangen und natürlich verschwiegen wird, daß er den teilweisen Erfolg nur riesiger Übermacht verdanke. Denn da Frankes 18 Bataillone heute ausfielen, standen nur 27 deutsche mindestens 75 franz. Bataillonen gegenüber. Der Erfolg war sehr dürftig. Maunoury mag wirklich »400 Gefangene« gemacht haben, doch unter dem Eindruck eines wirklichen Sieges hätte er Oven ernstlich unangenehm werden können; er unterbrach aber sofort seinen leichten Vorwärtslauf und rührte sich nicht weiter. Daß damals schon 55. und 56. D. nach Paris abberufen seien, ist Finte; erst am 28. erregte Klucks Vordringen Panik in Paris, früher kann die Abberufung nicht erfolgt sein, und bis dahin hätte man Metz beunruhigen können, wenn ehrlicher Erfolg vorlag. Es kam aber nur zu einem Tastversuch bis Conflans, wo der Metzer Artilleriekommandant mit einem Depothäuflein rheinischer L. W. so dreist und gottesfürchtig auftrat, daß der Feind respektvoll Kehrt machte. Oven zog auf Landres ab, I/4. Bayr., 5. Jäger und Schmettows Geschwader dienten als Flankenschutz, Ersatzregt. Metz deckte auf den Amel-Höhen. Die bei Lanhères geschlagene L. W. zerstreute sich freilich, Trainkolonnen flohen in Panik, bald trat aber Beruhigung ein. Maunoury verschwand wieder hinter der Orne, und es spricht nicht für Sarrails Entlastung, daß ihm Befehl Ruffeys zuging, nach Malancourt über die Maas zu weichen.

Um so unverständlicher das grundlose Zurückzucken Mudras. Die deutsche amtliche Schrift weiß nichts, wie von so vielem anderen, von Umfang und Zusammensetzung der zwei Reservekorps Maunourys und läßt Oven »ohne erhebliche Verluste«. Die ungewisse Verwirrung erstreckt sich bis in die Verlustlisten, wo 100. und 102. sächs. L. W. hier überhaupt nicht vorkommen, wohl aber 162. sächs. L. W., von der auch Hanotaux redet, deren allerdings beträchtlichen Verlust wir sonst nirgends unterbringen können und die fortan aus dem Kriege lange entschwand, wohl aufgelöst und nur als Etappentruppe benutzt. Bezeichnenderweise meldet die amtliche Schrift nichts von heftigstem Kampf, den der 43. L. W. Brig. bei Lanhères, die nicht weniger als 930 verlor. Dagegen behauptete sie, Frankes L. W. habe 53 Offiz. 800 Mann verloren; wir finden nur 650 in den Listen, davon 440 Württemberger. 8. Bayern verlor 160, 130. R. 80, Ers. Art. 12, 5. J. zu Schmettow 35, Ers. Rgt. Metz 10, 4. Inf. und 67. R. anscheinend Null. Daß die Bayern »schwer unter Geschützfeuer litten« (Bayr. Kriegsarchiv), scheint unersichtlich. Summa inkl. 162. L. M. etwa 2600, nicht wenig; Maunourys Verlust war wohl wenig geringer. Wie wenig 33. R. D. erschüttert, entnahmen wir wieder den Listen. 8. Bayr. verzeichnet »Danevaux«, schloß sich also erneutem Vormarsch Mudras an, während 87. und 130. R. eine Woche später gegen Nancy mitwirkten. Was aber nicht auf die leichte Achsel zu nehmen war: Dieser kleine Mißerfolg zog Mudras trübseligen Rückzug nach sich ohne Sinn und Verstand. Des Kronprinzen Plan verfolgte, auch mit den von Metz abgedrehten Kräften die Otheinlinie aufzurollen. Sie konnten aber höchstens Maunoury im Schach halten, nicht zu einer Aufgabe beitragen, die allein Mudras Aufgabe bleiben mußte, der sich ihr so schwächlich unterzog und dafür noch Lob bei der dummen Fama erntete. Das übrige deutsche Heer sollte inzwischen Ruffey in der Front festhalten, dessen zu langes Festkleben an Arrancy diese Absicht eher begünstigte. Doch nirgends gelang, den Abzug über die Maas ernstlich zu verleiden. Am Nordflügel verhinderte mühseliges Marschieren talauf talab ein festes Zupacken; doch daß auch Ruffeys Südflügel krisenlos die Stromschranke zwischen sich und den Verfolger brachte, verschuldete nur Mudras überstürztes förmliches Auskneifen vor erträumter Bedrohung von Etain her. So vorzügliche Truppen wie die seinen genügten, um mit einer Seitenhut gegen Maunoury herumzuschwenken, zu welchem Behuf ja auch die ungeschlagene Div. Franke angehalten werden konnte, und im übrigen, verbunden mit Gündell, den Feind sofort über den Othein zu treiben und ihm keinen Anschluß an Verdun zu gestatten. Bei verdienten Generalen vertuscht man offiziell die Schnitzer, beweist aber stets zu viel und deshalb zu wenig. Denn wäre bisherige Wirksamkeit Mudras so erfolgreich gewesen, wie man vorgibt, wäre doppelt unentschuldbar, daß ihn bloße Möglichkeit einer Rückenbedrohung durch schlechte Reserveformationen außer Fassung setzte. Heinemanns Zurücknehmen spottet vollends jeder Entschuldigung. Anders sieht die Sache aus, wenn wir aus den Verlustlisten folgern, daß einfach seine Vorhuten wieder aufs Gros umkehrten, das noch gar nicht weit über Landres hinaus war. Warum werden in den Listen nur »Fillieres« fürs 67., »Mercy« fürs 173., »Baraucourt« fürs 144. Rgt. namhaft gemacht? Doch wohl, weil nur diese Regimenter vollzählig am Feinde waren. Seine jetzt möglichenfalls umgangene Umgehung wurde dann freilich aussichtslos. Tatsächlich erwähnen die Listen III/98. erst am 28.; 135. scheint erst am 31. gefochten zu haben, auch 145. Königsgrenadiere hatten wohl erst an der Maas ihren Hauptverlust. Nur das ja auch stets vornehmlich genannte 67. war bis 25. stark im Feuer (1 Major, 4 Hauptleute, 14 Leutnants, 765 Mann), vom 173. focht anscheinend nur III. Batl. bei Spincourt (120), nur I. bei Mercy. Die Artillerie war nur bruchstückweise im Feuer und zwar gerade die amtlich nicht genannte 34. (46), fädelte aber auch erst an der Maas ein scharfes Geschützduell ein, wo auch 16. Pion. (38) auftraten, 14. Ul. streiften nur anfangs bei Briey, dies gehört zu 357 Mann der Anfangslisten, die sich chronologisch nur auf Deckungsscharmützel des Aufmarsches beziehen können. Es ist also doch wahrscheinlich, daß ein totgeschwiegenes Gefecht bei Briey Zwischen Grenztruppen stattfand. Als Bindeglied zwischen 5. und 6. A. gedacht, war Mudras Grundstellung bei Aumetz vom Kronprinzen zu weit entfernt und getrennt; wäre denn bei so weitem Bogenmarsch undenkbar, daß sein Gros erst nach und nach bei Landres anlangte? Es ist aber natürlich etwas anderes, ob er sein ganzes Korps vom Othein zurücknahm oder nur zu weit vorgeprallte Vorhuten. Auch so verdient seine Verspätung strenge Mißbilligung, solch exzentrische Überraschungen glücken aber selten pünktlich. Jedenfalls trug seine Kampfhandlung kein entscheidendes Gepräge ohne besonderen Einfluß auf die allgemeine Lage, so gern die übliche Darstellung dabei verweilt. Sonst konnte Sarrail nicht so glimpflich davonkommen. Wäre Mudra rechtzeitig bei Spincourt übergesetzt, so hätte Sarrail nie für ungefährdeten Rückzug Zeit gewonnen.

7. Cav. d. Gislain wich schon bis Dombasle unter d'Urbal (späterem Armeechef); ihr früherer Kommandeur fiel in Ungnade. Warum? Fand am Ende doch ein Reitergefecht bei Brandeville statt, wie es die Listen der deutschen 3. Kav. D. erwähnen? Östlich Dun, südlich Montmédy war dieser Ort am 25. Boelles Hauptquartier, am 29. soll hier die abziehende Montmédy-Garnison, durch die Wälder entweichend und dabei überrascht, Ergebung angeboten und hernach durch heimtückische Salven eine Menge Pioniere und 5 Kav. Offiz. niedergeknallt haben, dann aber von III/123. gezüchtigt und entwaffnet worden sein. Nach anderer Lesart vollzogen aber zwei Dragonerregimenter dies Rachewerk, die einen großen Teil niederhieben. 120. J. und 49. U., die am Blutfeld vorbeizogen, sprechen von Spaten und Beilen einer Pionierkompagnie und hessischen Dragonern, letztere litten auffallend. Uns scheint wenig möglich, daß Infanterie, Pioniere, Kavallerie bunt durcheinander im Brandevillerwald lagerten. Wo blieb überhaupt die 3. Kav. D., die sich am 22. zwischen Schlesiern und Posenern befand und viel mehr verlor, als 6. Kav. D. außer den Jägern? Die Darmstädter Leib- und 24. Dragoner sowie andere Teile der Division führen ausdrücklich »Brandeville« für sich an, und es ist sehr möglich, daß Gislain dort mit ihr die Klingen kreuzte zu seinem Nachteil. Übrigens kapitulierte Longwy am 26. mit 3700 Mann nach einer Verteidigung, die der historischen von 1792 nacheiferte. Inzwischen blieb auch Goßler nach Gündells Beispiel stilliegen. Strantz, nach Ostpreußen bestimmt, marschierte ab, wieder Überstürzung der O. H. L. Denn ein Korps mehr oder weniger hätte die Gefahr im Osten nicht eingerenkt; ein Feldherr hat aber nicht rechts noch links zu sehen, sondern einzig an Ort und Stelle einen winkenden Vollsieg zu vervollständigen, mag hinter ihm die Welt aus den Fugen gehen. Ein solcher Sieg bringt alles wieder ein und zur Absendung des 5. K. wäre noch Zeit gewesen nach Sieg an der Maas. Hinterher unterblieb es obendrein, da Hindenburgs Blitz bei Tannenberg das Dunkel lichtete. So betrog man den Kronprinzen um die Früchte seiner Erfolge. Durch Mudras Schuld fielen drei Korps für die Verfolgung aus, nur 6. und 13. K. wanden sich langsam durch Engpässe und Wälder hin. Ersterem kosteten die Gefechte bis 27. nur 700, bei letzterem litten 13. Art. und 13. Pioniere (eine Kompagnie verlor allein 85). Die 12. D. ging bei Dun über, 11. D. bei Chimay. Während das Kol. K. zu Langle nach Somnauthe auswich, dessen beginnenden Abzug dort seine 8. Kav. D. unvollkommen verschleierte, nahmen Regimenter Oppeln und Kosel nebst 21. und 57. Art. die Spitze und schlugen Gérards Nachhut am Bois des Dames. Dagegen wehrte sich D. Tertinian bei Remagne südwestlich Dun merkwürdig lange. Fabeck marschierte über Stenay vor, Bronchin wich immer weiter, gleichwohl kam es bei Montigny westlich der Maas zwischen Dun und Stenay am 29.–31. zu scharfem Gefecht der Ulmer und Neckartaler Regimenter, sowie erneut der Stuttgarter Brigade. Goßler hatte sich wieder in Bewegung gesetzt, 6. R. J. irrten auf Dun ab, er brachte noch 22. R. vor. Endlich trat Mudra seitwärts ausbiegend erneut den Vormarsch zur Maas an. Ihn begleitete 8. bayr. Inf., 124. Würt. L. W. wandte sich nach Montigny. Sarrails 40. D. ging auf Azannes nordwestlich Verdun zurück, welche Festung am 30. den ersten Schuß ihrer schweren Kaliber abfeuerte, er rollte unheildrohend über die Maas dahin, wo später K. Gündell mit Belagerungsartillerie auftauchte. Fort Dioumont schloß seine Pforte, 255. Regt. besetzte Ormes im Norden, wo schon Vedetten Schmettows streiften. Maunoury war bereits in Amiens, wo er sein Hauptquartier aufschlug; Durand beobachtete mit vier Divisionen die Côtes Lorraines und schanzte im Schweiß seines Angesichts. Gestützt auf den großen Waffenplatz, bereitete Sarrail Verteidigung der Argonnen vor, wozu der lange Aufenthalt der Verfolgung durch die Maasstrecke bei Danevaux-Sivry ihm Zeit gewährte. Reitzenstein erreichte am 30. erst wieder mit III/98. (90) Gouraincourt, wo er schon am 25. stand, mit 135. am 31. Danevaux, das dort nur 14 verlor, dagegen erhielten 130. sowie Heinemanns 145. und I/173. dort noch heftiges Feuer. 30. (6 Offiz. 89 Mann), 67. nebst 34. Art. und 12. J. z. Pf. erzwangen bei Sivry den Übergang. Inkl. Pioniere schätzen wir den Verlust dieser Flußgefechte auf 900. Fortdauernder Kampf von 145. und III/67. nebst 70. Art. in den ersten Septembertagen (375 Verl.) zeigt, daß wir die Schwere des Übergangs nicht übertreiben. Die Septemberlisten sind überreichlich gefüllt mit Opfern des Metzer Korps, das entspricht so genau dem harten Argonnenkampf, daß wir keinen Mann als Augustnachtrag abziehen dürfen. Das Posener Korps galt seit Skalitz und Wörth als Mustertruppe, diesmal lief ihm aber das schlesische den Rang ab, bei ihm trat nie ein Schwächezustand ein. Es kam jetzt rasch vorwärts gegen Vaux mit III/62, und III/157. nebst 51., während 11. und 38. die Nachhut bei Romagne brachen, 63er rangen sich bis Dieulet südwestlich durch, wo sie hessischen Schützen von ferne zuwinken konnten und genaue Fühlung mit ihnen nehmen. Sie ließen I/157. (35) keine Arbeit mehr zu tun. Wütend setzten sich Teile Gérards und Boelles noch bei Vaux zur Wehr, konnten aber gegen 62. und besonders 23. nicht ausdauern, als III/11. und 6. Art. am 31. seitwärts den Feind vertrieben, der allseitig auf Montfaucon abzog. Die von Sarrail noch gehaltene südliche Maasstrecke war so in der Luftlinie umgangen. Was über Remagne vordrang, stieß bei Septfarges auf eine Kolonialbrigade, die mit ihren schwarzen Leibern und Leichen ein Kornfeld füllte. Fabeck sah sich lange bei Montigny aufgehalten, unaufhörlich platzten Schrapnells in die Reihen der Stuttgarter Brigade. 127., III/123. und 124. taten sich hervor, auch ein Bataillon 122. litt am 30. an der Maas und III/120. 53. Br. bei Dun, 54. bei Saffey sahen auch ihre 49. Art. durch die feindliche leiden, bei 2. Batterie sanken 21 Mann. Da 49. Art. am 1. Sept. weit voraus trabte, half sie am 2., freudig begrüßt, der 11. R. D., die aber nicht »fast verblutete«. Goßler trieb Brigade Gallwitz und Beuthener Infanterie seitwärts Romagne vor, I/156. klebte aber noch am 31. bei Fontaines südöstlich Dun, wo 12. R. A. heftig schoß. Schon vorher kämpften I/22. und II/23. R. den Feind bei Carmel vor Dun nieder. Gegen Montfaucon a. d. Argonnen drehten sich die Füsilierbataillone von 156. Inf., 11. und 22. R. und näherten sich fast verlustlos. Gündell wechselte beim Vorbeizug mit Mudra den Platz, d. h. ging jetzt links von ihm auf Verdun vor, 19. R. schob sich bei Consenvoy an den nördlichen Fortgürtel heran, während Mudra westlich der Bahn Verdun-Mezières sich ausdehnte. Die Verluste bei diesem letzten Ringen waren nicht gering: 2100 vom 6. K. (500 von II/III/23., 87 von 21. Art.), 2800 von 13. K. inkl. 124. L. W., 600 vom 6. R. K., 300 vom 5. R. K., dazu bei Mudra 8. bayr. (100), so daß inkl. Mudra 6800 herauskommen. 1. Königsjäger z. Pf. und 11., 4. R. Hus. Leobschütz und 2. Ul. verloren zusammen 115, Kav. Schmettow im ganzen nur 100. Monatsverlust inkl. 5. Fußjäger, Hess. Drag. Oven betrug 36 500 (7500 des 6. K., 5000 des R. K., 3200 des 5. K., 5100 des 5. R. K., 3200 des 16. K., 9000 des 13. K. usw.). Das 5. K. focht zeitlich am wenigsten, litt daher relativ mehr als das 16., bei dem überhaupt nur die zwei Vorhutregimenter 67. und 173. ansehnlichen Verlust hatten. Außerdem entfiel fast die Hälfte des Artillerieverlusts aufs 5. K. Das 13. K. litt ungeheuer, doch ganz ungleichmäßig, da die 26. D. allein 6000 verlor, wovon 3450 auf die Stuttgarter Brigade kommen. Das 119. schmolz bis Mitte September um 50 Offiz. 2000 Mann! Die 27. D. verlor 2400 Inf., die übrigen Waffengattungen 600. Inkl. 124. L. W. bei Montigny bluteten also 9400 Schwaben. Allein, wenn 24 Brigaden exkl. Oven binnen 8 Tagen rund 33 000 verloren, so 20 Brigaden bei Gravelotte 20 000, 10 Brigaden bei Vienville 15 000 an einem Tage, ebenso verlor die Artillerie des 9. K. bei Amanvillers prozentual viel mehr, als die Posener Artillerie in drei Tagen. Hiernach wird die Mythe von Verluststeigerung durch moderne Feuerwaffen wohl schweigen. Unsere Statistik nach sorgfältigster Prüfung halten wir auch im einzelnen unbedingt aufrecht. Es ist stets zu beanstanden, wenn Offiziers- und Mannschaftsverlustverhältnisse bei amtlichen summarischen Angaben nicht stimmen, das Normale ist immer 1:20-25. (So verloren 4 Lissaer Kompagnien 14 Offiz. 360 Mann usw.) Da bei den Franzosen die Gefahr den Todesmut eines vaterländisch begeisterten Offizierkorps hervorlockte, so lehrte die Folgezeit, daß Cadresschwächung den Beharrungsstand der Truppe nicht wesentlich herabsetzt, das seelische Gefüge eines Volksheeres zerbricht nicht so leicht. Da 33 Divisionen der 1., 2. und 3. A. (L. W. eingerechnet) 46 500, 23 D. der 4. und 5. A. 57 000 verloren, so errät man, wo man sich am ernstesten schlug.

Entsprach das Ergebnis so schweren Opfern? Man schwärmte den Franzosen so viel von Überlegenheit ihrer »reformierten« Armee vor (siehe die famosen Artikel des Times-Obersten Repiergten über deutsche Friedensmanöver), daß sie baß erstaunten, nun doch wieder ihre Unterlegenheit mit Händen greifen zu können. Sobald sich das Ausmaß des Mißerfolges fühlbar machte, trat moralische Herabstimmung ein. Sonst lassen sich so tapfere Truppen nicht 100 Kanonen und wahrscheinlich 30 000 Gefangene abnehmen. Wenig fehlte, daß damals auch Verdun sich selbst überlassen blieb, und die Verdunarmee bis Bar le Duc zurückwich. Nur Sarrails Versicherung, der an Stelle des abgesetzten Ruffey den Befehl übernahm, er könne sich zwischen Maas und Ostargonnen behaupten, verhinderte das. Verduns Stärke lag nicht in den elf Hauptforts, sondern in seiner geographischen Lage. Das Rätsel, warum es sich gegen die Durchschlagskraft deutscher Geschosse hielt, löst sich dahin, daß die Feldbefestigungen des Umkreises die Annäherung des Bombardements erschwerten und stete bewegliche Verteidigung im freien Felde durch Anklammern der Verdunarmee an den Festungspfeiler ermöglichten. Später baute eifrige Befestigungskunst auch die Argonnen musterhaft aus, mit ausgiebigem Vorrat unterirdischer Geschützstände. Sarrail wie Esperet übernahmen eine greifbare, leichter zu überschauende Lage, nachdem das Schlimmste überstanden und die Ungewißheit geschwunden. Teils um den Neutralen etwas vorzumachen, teils aus eitler Selbstbespiegelung beglückwünschten sich in Briefen Offiziere und Soldaten zu ihrer »wunderbaren Leistung«. Der Kronprinz habe 5 Tage verloren? Von Longuyon bis Romagne sind es aber drei normale Tagesmärsche und diese Strecke wurde kämpfend über drei Flüsse und dichte Bergwälder zurückgelegt, also überraschend schnell durchmessen. Was wäre parteiischer Kritik unmöglich! Erst wird Longwy für eine alte Baracke erklärt, dann versichert, die Belagerung habe 7000 Mann gekostet, d. h. absichtlich damit die Entsatzschlachten bei Bel Arbre, Barancy, Doncourt verwechselt! Das aus dem Feuergehen des 5. R. K. wird mit der taktvollen Bemerkung garniert, kein französisches habe so etwas nötig gehabt! Erstens ist obiges unwahr begründet, zweitens wie steht es denn mit dem französischen 5. K. und dessen »ungewöhnlichem moralischen Eindruck« sowie mit dem Entweichen des K. Gérard?

Wer sich gewöhnt, in allem Geschehen Vorbestimmung zu sehen, verkennt nicht, daß Maunoury an der Orne sich gleichsam für sein späteres Bluffspiel am Ourcq einübte. Trotz Mudras Schwäche und den anderen Widerwärtigkeiten handhabte der Kronprinz seine Massen so gewandt und rüstig, daß er zuletzt südlicher in der Luftlinie stand als irgendein anderes der fünf Heere. Jede kritische Unterstellung französischerseits schlägt die andere tot. Joffres Offensivbefehl habe die geplante deutsche Rechtsschwenkung zu allgemeiner Umfassung Langles durchkreuzt? Scherz! Bei solchem Manöver wäre Hausen ohne Aufmarschraum ins Hintertreffen gedrängt. Die andere Behauptung, 600 000! Deutsche hätten sich hinter Waldschleiern verborgen, um den Feind auf selbstgewähltes Schlachtfeld heranzulocken ist sinnlos, beide Parteien stießen unvermutet aufeinander. Als des Kronprinzen Rechte losschlug, war seine ganze Linke noch nicht in Stellung. Aufreißen der Lücke zwischen Lanrezac und Langle konnte nur Hausens Aufgabe sein, andererseits konnte aber der Feind von Etain-Landres her gegen Metz operieren, was der Kronprinz beim Aufmarsch zu beachten hatte, wo man über des Gegners Absichten noch im Unklaren schwebte. Die leitenden Anordnungen sind von allen Vollzugsorganen richtig in Tat übersetzt worden, nur nicht von Mudra. Die innere Umfassung der französischen Heerstaffeln wäre gerade zwischen Sarrail und Maunoury leicht und entscheidend gewesen. Mudra war als Berufspionier ein heller Fachmann, sonst aber kein besonderes »Licht«, wie man ihm zumaß. Der Kronprinz versäumte auch bei Verfolgung nichts, doch was hilft der beste Stil einer Disposition, wenn sozusagen ganze Blätter herausgerissen werden! Die vorschnelle Hauptquartiermeldung, der Feind sei von Verdun abgeschnitten, blamierte sich nur durch Mudras Haltmachen und Strantz' Ausschalten, sonst hätte Sarrail sich kaum am Argonneneingang ungefährdet durchquetschen dürfen.

Da man Ende August 107 000 französische Gefangene zählte, so entfiel sicher die Hälfte davon auf die Ardennenschlacht. Französische Aufzeichnungen lassen keinen Zweifel: »Die Verluste waren schrecklich.« Bei jedem Regiment Ruffeys und Langles seien nur 20 Offiziere übriggeblieben. Das ergibt bei 100 Regimentern und den Chasseurbataillonen zwischen Sapogne und Spincourt mindestens 4000 Offiziere verloren, was 100 000 Mann entspricht, niedrig gerechnet. Bei den Gefangenen befinden sich natürlich erfahrungsgemäß wenig Offiziere. Inkl. großem Artillerieverlust darf man Verlust Ruffeys und Langles getrost auf 135 000 tot, verwundet und gefangen schätzen. Auch Proteste gegen Trophäenangaben verfangen nicht. Da auch die Württemberger 26 Geschütze eroberten, sind mindestens 100 erobert worden, 100 demontiert liegengeblieben. Die 4. A. hatte geringen Anteil an dieser Verlustzufügung, der Kronprinz allein setzte weit über 100 000 feindliche Streiter außer Gefecht. Einen solchen Sieg läßt man sich gefallen. Hätten Franzosen ihn erfochten, wäre er Anlaß zu endlosen Fanfaren.

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