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Bismarck - Band 3

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 3 - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 3
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090128
projectidd7010140
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Ergänzende Anmerkungen.

Erst nach Drucklegung lasen wir »Reichsarchiv, Grenzschlachten«. Das amtliche Werk gesteht ausdrücklich, daß »einwandfreie« Verlustangaben nicht möglich seien. Nun, wir halten uns eben an die V. L. Danach ist z. B. unmöglich, daß 34. Brig. bei Lüttich »30 Off., 1150« verlor; offenbar sind Einbußen bei Tirlemont und Nebeneinbuße 9. K. überhaupt einbezogen. Daß 14. Brig. bis zur Karthouse zum Stillstand kam, wird zugegeben, dabei aber an unbehindertem Einzug festgehalten. Daß Leman kampflos die Maasbrücken räumte, wäre aber unverständlich, wenn nicht ein Hauptteil 34. Brig. dauernd in Lüttich blieb und später 27., 11. und teilweise 38. Brig. eindrangen. Den minimalen Verlust der 14. Brig. ermittelten wir chronologisch nach den Listen, daher bleibt mehr als unwahrscheinlich, daß sie irgendwie entscheidend auftrat. Ungenauigkeit der ersten Verlustlisten ohne Zeit- und Ortdaten stiftet notwendig Unklarheit, man muß sich aber auf die innere Logik der Verhältnisse verlassen. Bei unserer Bewunderung des Feldherrn Ludendorff wären wir die Letzten, ihm ein Blatt seines Lorbeers zu rauben; doch Bülows trockene Angabe, daß Ludendorff am 8. in Aachen persönlich einen halben Mißerfolg meldete, genügt für Richtigstellung der Legende, daß er und Emmich zuerst in Lüttich gemeinsam kampflos einzogen. Wenn ferner die Aachener 25er nachher die Stadt besetzten, so gewiß nur mit Teilen, denn sie besetzten zuerst Luxemburg und stießen nachher zum 8. K. in den Ardennen, ihre kleine V. L. Mitte August kann sich nur darauf beziehen. Nun versicherte aber damaliger amtlicher Protest gegen wahnwitzige Übertreibungen, daß der Lüttichkampf nur etwa 2000 kostete, dies stimmt genau zu unserer Abschätzung aus den V. L. Es kommt also nicht darauf an, ob wir möglichenfalls übertreiben und die Episode Ludendorff-Emmich in gewissem, beschränkten Sinne stattfand, sondern daß die amtliche Darstellung nach den Umständen unglaubhaft erscheint und nicht nur 34., sondern auch 27., 11., 38. Brig. am meisten zur Einnahme der Stadt beitrugen. Beiläufig soll Reitergeneral Bulow von eigener Hand gefallen sein, nicht durch Heckenschützen, was neuer Beweis wäre, daß manches nicht Erwähnte vorfiel. Eine spätere V. L. des 27. Rgts. bezieht sich chronologisch schwerlich auf Lüttich, auch so aber würde 14. Brig. keinerlei »schweren Verlust« gehabt haben. Leman aber könnte unmöglich geglaubt haben, er müsse Zitadelle und Brücken den Deutschen überlassen, wenn nur Auftreten der 14. Brig. ihn dazu bewog.

Das Haelengefecht führte wesentlich Garnier, gegen dessen Attackenbefehl sich Graf Schimmelmann sträubte, womit durchschimmert, daß nicht blinde Sturmritte dort ungewöhnliche Opfer kosteten. Daß bei Tirlemont nur 18. D. ernstlich focht, ist nach den hier deutlicheren V. L. falsch, nach welchen auch nirgends erwähnte Teilgefechte der Brandenburger seit 13. die Getta entlang liefen, sowohl bei 3. K. als 3. R. K. und sogar schon L. W. Teile mitfochten. – 10. R. K. führte bei Charleroi anfangs Graf Kirchbach, der aber gleich verwundet austrat. Es stimmt wohl kaum, daß 2. G. R. D. (»Garde« nur insofern, als General Süßkind und sein Stab aus Gardekreisen stammte) allein am rechten Flügel die Suppe ausaß, wohl aber verspätete 19. R. D. sich dreimal. Am linken Flügel blieb 1. G. D. zu lang, außer Spiel; französische Darstellung über großen Verlust 1. G. Rgts. dürfte aber zutreffen, er trat schwerlich bei St. Quentin ein. Ein Skandal war's, daß 2. G. D. am 23. aufs Nordufer zurück sollte zum Unmut des Generals Gontard nach dessen eigenem Bericht. Der Korpschef Plettenberg, ein diensteifriger, aber nervöser Herr, widerrief dann freilich noch an der Brücke seine Schwäche. »Unsere Operation war sehr kühn« schrieb Lauenstein; ihn und Bülow würden wir an der Marne nicht wieder erkennen, wenn eben nicht auch an der Sambre ihnen Schwächeanfälle zustießen. Bülows Ansinnen an Hausen, ihm bei Mettet zu helfen, beeinflußte dessen Dinant-Zögern und zu späte Verfolgung. – French will am 24. nur 2600, am 25. nur 1600 verloren haben, um so unglaubhafter, als er für Cateau 7812 zugesteht. Kluck verdankte den relativen Erfolg nur Armin, dem er für 23. Rast gebot, der aber unaufhaltsam weiterstrebte, obschon am 26. seine voraufeilenden 72er in Schwierigkeit gerieten. Fortdauernd hielt sich Kluck weit hinter der Front auf. Zwischen den Zeilen verurteilt »Reichsarchiv« all seine Maßnahmen, auch Marrwitz' wenig zweckentsprechendes Verhalten. Darf man vorhersehen, daß es auch unsere Verdammung der Amiens- und Ourcqmanöver billigt?

Bezüglich Namur halten wir aufrecht, daß zwar Handstreiche einiger Gardekompagnien, worüber ja Einzelnotizen bekannt, doch keine größeren Stürme bei 3. G. D., 11. K. stattfanden. Keine V. L. im August sprechen dafür, im September nur für Ostpreußen, an bloßen Nachtrag für Namur ist dabei nicht zu denken (außer vielleicht für 56 Köpfe 11. K.), auch so aber würden nie 990 Verl. herauskommen. So besteht wenigstens kein Zweifel, daß die nirgends dafür erwähnten 4 hannoverschen Bataillone, die »Namur« in der Liste tragen, dabei mitgezählt und möglichenfalls 15. R., das gleichfalls »Namur« angibt, sowie Art. und mitwirkende 24., 25. P. Stand 11. K. auf Südseite, so konnte die Garnison nicht entkommen. Inkl. 14. (wahrscheinlich auch 13.) R. D. bedurfte man 5 Einschließungsdivisionen? Dann müßte man solche Kraftvergeudung bitter tadeln, unsere Auffassung dient also zur Entlastung Bülows. Wir beharren dabei, daß G. R. K. und 11. K. nur mit den Spitzen bis Namur gelangten, dagegen 13. R. D., wo Harbou schon am 21. fiel, schon früh vor Namur rückte, da sie gleich darauf vor Maubeuge erschien. In all solchen Fällen kann nur logische Divination den Aktennebel zerstreuen. Wenn wir uns täuschten, so trüge Verworrenheit der Vorgänge daran die Schuld. Jeder Kriegsgeschichtskenner weiß, wie sehr Tatsachen oft künstlich verwischt werden. »Reichsarchiv« arbeitet durchweg großzügig summarisch ohne Eingehen auf Einzelheiten, geschweige denn mit unserer mühevollen Genauigkeit. Dies geht so weit, daß es über ernsten blutigen Belgiervorstoß Ende August mit ein paar nichtssagenden Worten weggeht.

Selten befinden wir uns mit ihm einig bei Stärkeangaben. In der Anlage zählt es 9. R. K. und 5 Ers. Batl. bei 1. A. nicht mit, die doch seit 24. fochten, die Reiterk. werden nicht auf die Heere verteilt, wodurch erst die richtige Stärke herauskommt. Zwar fehlten anfangs je 1 Batl. von 17., 30., 69., 23., 51., 94. R.; wir beachteten dies gewissenhaft, doch trafen die Bataillone später richtig ein, vor allem ist fehlerhaft, bei Tabelle für 21. August die L. W. wegzulassen, die seit langem überall mitfocht, anscheinend auch bei 3. A. (Gefecht bei Ch. Porcien). Daß 120 Batl. Klucks am 22. vorrückten, ist deshalb falsch, weil 4. R. K. erst am 26. in der Linie war, andererseits 5 Jg. Batl. fehlen, die richtige Ziffer also 101 beträgt. Am 24. wirkten höchstens 52 deutsche gegen angeblich 52 engl. Batl., wenn letztere Schätzung nicht ohnehin der Sollstärke jeder engl. D. widerspräche. Seit 26. treten im ganzen 100 Terr. Batl. hinzu. Hätte obige Tabelle Sinn, fiele sie vernichtend gegen Kluck aus, der seine anfänglich verwendbare Übermacht so schlecht benutzte. Auch Bülow hatte bei Charleroi wahrlich nicht 137 Batl., da G. R. K., 7. R. K. wegfielen. Offenbar schätzt R. Arch. jede franz. R. D. nicht zu 18 Batl., obschon sie die bei Dinant ganz richtig zu 17 rechnet, und vergißt 8 überzählige Chasseurbatl. des 1., 3., 10., 18. K., ferner focht auch Langles R. D. Choquet anfangs gegen Hausen. Wie darf man daher 205 Batl. Franzosen und Belgier gegen 2., 3. A. rechnen, es waren 240 (24 belg.). Auch 3., 4. franz. A. sind um 83, 1., 2. A. um 86 Batl. zu niedrig gerechnet.

R. Arch. führt die Erzählung nur bis 27., die seit 25. tobende Sedanschlacht zeichnet sich nicht in ihrer Schwere ab. Übermäßiger Optimismus bei O. H. L., wo Oberst Tappen klassisch prophezeite »In 6 Wochen alles erledigt«, entsprach Herzog Albrechts Zuversicht, die später vielem Zagen und Zaudern Platz machte. Beim Kronprinzen, der im Gegensatz zu andern Heerführern sich direkt in die Front begab, soll Mudras Irrung, dem ausdrücklichen Befehl zum Standhalten zuwiderhandelnd, durch Mißverständnis eines Ordonanzoffiziers entstanden sein – als ob dies Mudras Mangel an Überblick entschuldigte. Des Kronprinzen Erlebnisbuch verbirgt seinen Unmut nur unter höflichen Komplimenten für Mudras »hervorragende« Eigenschaften, die wir ja für September anerkennen. Man darf uns auch hier nicht zu schroffen Tadels zeihen. In allen Meldungen Sarrails heißt seine Lage »besorgniserregend«; wie konnte Maunoury gegen energisches Nachdrängen Mudras einwirken, zumal Franke am 24. selber schon dessen Flanke bedrohte.

Bei Mühlhausen wirkte angeblich 44. franz. D. nicht mit, doch heißt es ausdrücklich, Bonneau sei aus Belfort verstärkt worden. Sonst wäre wenig ehrenvoll, wenn auf ihn unser ganzes 14., 15. K. fielen. Für 14. K. bleibt es unbedingt bei unserer knappen Aufzählung (wesentlich 58., 84. Brig.), für 15. kam außer den von uns genannten (Oberst des 105. fiel) vielleicht noch 99., 143. ins Feuer, doch im ganzen sicher nur Teile 60., 61., 85. Brig. Die V. L. 132. paßt chronologisch nur zum 19. Da außerdem noch L. W. mitfocht, so hätten wir große Übermacht gehabt ohne entsprechenden Vollerfolg. Wie stimmt dies zur stürmischen Bravour der Truppen und im Vergleich zu Longwy und Charleroi? Hält man daran fest, ganzes 14., 15. K. sei am 7. versammelt gewesen, in krassem Widerspruch zur noch nicht Versammlung aller andern Heere, so möchte man wieder die Führung retten. Daß am 19. L. W. allein 2300 verlor (Aktivgruppe mit 1500 wird übergangen, als habe nur L. W. einen »Ruhmestag« gehabt), scheint ebenso übertrieben wie, daß man bei Lagarde volle 2300 Gef. machte oder daß 2. b. K. im August ¾ des Fußvolks einbüßte, höchstens 7000. – Wie in Charleroi und Longuyon, beteiligten sich auch in den Vogesen die Einwohner hinterhältig am Kampf, die Bergwege waren so schlecht, daß 19. Ers. D. gleich 2000 Marode verlor. Dies beachte man für zu langsamen Fortschritt von 26. R. D., 30. b. und Ers. D., die wiederholt Unfälle erlitten. Vielleicht kommt Deimling bei uns etwas zu kurz, dessen starkes blutiges Ringen den Badensern Auflesen von 48. franz. Geschützen ermöglichte und selbst am 26. gegen französischen Vorstoß bei Badonviller 2 Batterien eroberte. Oberst Tappen überrascht heut damit, Moltke selber habe Umgruppierung nach Westen mißbilligt, ganz im Sinne unserer Kritik – warum fiel er dann doch in selbstgegrabene Falle? Wieder unheilvoller Einfluß von Kluck-Bülow?

Bezüglich Sachsen der Marneschlacht sei dahingestellt, ob Fehlen von Bataillonen und Regimentern genau so vorlag, wie wir behaupten, doch sind wir sicher, daß bedeutende Teile zwischen Reims und Sommesous zurückblieben. Überstürzte Zerteilung zeigte sich schon darin, daß zunächst 48. Brig. angriff, später links davon 89., zwischen beide 47. sich einschob, 88. aber mit 104. Rgt. die äußerste Rechte zur Verbindung mit 23. D. bildete (Liste »Sommepuis«, nur dort dafür möglicher übergroßer Verlust), somit 24., 40. D. durcheinandergemengt: 89., 47., 48., 88. Brig. Für Planitz' 28., 64. Art. entdeckten wir keinen bestimmten angemessenen Verlust, daher ist wahrscheinlich, daß 32. Art. der 40. D. im Vorbeizug über Sommesous angehalten wurde, und auch der Leipziger Teil der 19. F. A., alle in der Nähe befindlichen Batterien, um gegen Eydoux' Geschützoberhand zu decken. Daß von letzteren nur je 3 Batterien litten, scheint Neubeweis für Nichtversammlung. Überhaupt sehen wir Widersprüchen gegen unsere Angaben um so gelassener entgegen, als auch amtliche Gliederung der R. K. unsicher bleibt. Denn 26. R. focht anscheinend bis Oktober beim 4. R. K., gehörte erst dann zum 3. R. K., anscheinend marschierten 26., 66. R. zusammen nach Stade. Dem 9. R. K. fehlte freilich 89. R. (im Osten), doch 85. R. dürfte später nachgekommen sein. Beim 7. R. K. befand sich 39. R. bald entsendet im Westen, 159. J. muß sich aber schon bei Reimser Schlacht der 13. D. angeschlossen haben, denn es focht zweifellos mit ihr im November. Zwehl verfügte also nur über 6 Rgt., wofür L. W. eintrat; im September kamen offenbar nur »bei Reims« 16., 57. R. zum Schlagen, anfangs getrennt von Zwehl; ihr Verlust wäre sonst viel zu groß im Vergleich zu 13., 53., 56. R. Es dürfte schwer halten, unsere Ermittelung zu widerlegen, daß Zwehls schwache Kräfte seit Beginn des eigentlichen Craonnekampfes schon Deimling zur Seite hatten, und das allein ist der springende Punkt der Streitfrage.

Der treffliche General Schwarte erklärt, 14. D. habe ein Dorf (nahe bei Mondemont) besetzt, was Bülows Angabe entspricht, 14. D. sei in eine Lücke neben der Garde eingerückt. Beweist dies ihren ernsten Kampf und zwar vollzählig? Kam ein erheblicher Teil ihres Verlustes auf die Marneschlacht, so wäre ihr Verlust bei Reims viel zu gering für ihre dortige Tatkraft, die höchste Anerkennung verdient. Jede Wahrscheinlichkeit spricht für unsere Auffassung. – 2. b. Jg. litten am 31. Oktober besonders an Offizieren, so daß der Bataillonsadjutant das Kommando übernahm, der aber auch in Privatpolemik gegen uns behauptet, die ganze 4. D. habe schon damals gefochten und besonders 9. Rgt. »auf Höhen westlich Zandvorde«. Peinliches Dilemma, 9. verzeichnet nämlich nur Dezemberverlust, die chronologische Reihenfolge müßte also ausnahmsweise falsch sein; gleiches trifft auch für Rgt. Augusta und 248. R. zu und deren Verlust könnte also wegen plötzlicher Nachlässigkeit der sonst so sicheren Listen auf November entfallen. Aber was sagt die Schlachtstatistik dazu? Wenn 4. pomm. D. im November unzweifelhaft so wenig litt, wie könnte dann daneben Augusta schwer gelitten haben? Wenn 9. bayr. nahe Zandvorde schon Ende Oktober focht, warum sagt dies sonst kein Bericht? Daß 2. Jg. tatsächlich am 31. Oktober so litten, bezeugt doch klar genug ihre Vorhut-Isolierung. Möglich, daß 2. b. K. sich am 31. meist im Aufmarsch befand, doch sein heißer Kampf ist unmöglich aus den von uns erbrachten Gründen und wäre wenig ehrenvoll, da ihm schlechterdings nur schwache Posten gegenüber gestanden haben können. Desgleichen: hätten 246., 247. R. im Oktober eingegriffen, so wäre es ein Skandal, daß 1., 7. engl. D. so lange sich hielten und vordrängten. Möglich ist nur, daß diese Württemberger – auch 248. R. behauptet dies – im Anmarsch begriffen, einige Schützenschwärme vorschoben. Irrig mag sein, daß wir den großen Verlust 244. R. nur auf November verlegen; konform den V. L., doch sicher bleibt, daß der eigentliche blutigste Broodseinde-Becelaere-Kampf erst vom 1.–8. November tobte. –

Über die Stabschefs der Heere läßt sich nichts Abschließendes äußern. Der durch tüchtige Schriften bekanntgewordene Kuhl befindet sich in Abwehrstellung für Kluck, an dessen Fehlern er doch wohl ein vollgerüttelt Maß trägt. Indessen anscheinend beim Ourcqrückzug schwer überredet, wo Kluck selber entschied im Gegensatz zur Autowegfahrt! Prinz Rupprecht besaß einen ebenso vorzüglichen Fachmann in Krafft v. Delmensingen. Einem Stabschef Herzog Albrechts werden Mängel nachgesagt, was wir nicht beurteilen können, Bülows Lauenstein erwies sich als etwas problematische Natur von gemischten Eigenschaften zwischen kränklicher Bänglichkeit und gutem Mut. Beim Kronprinzen schlich eine Krise umher, die erst vor Verdun ihren Abschluß fand; er konnte sich mit dem sehr angesehenen Stabschef Knobelsdorff nicht leicht verständigen. Beim großen Führertalent des Kronprinzen dürfte er so wohl meist richtig geurteilt haben, wie dies für Verdunschlacht bewiesen, doch scheint der vielangefeindete Knobelsdorff oft unternehmend und scharfsinnig gewesen. Den Vorwurf übermäßiger Schärfe lehnen wir ab. So galt z. B. Herzog Albrecht als besonders tüchtig und liegt uns fern, seine Entschlossenheit bei Neufchâteau, wo er persönlich eingriff, und Ypern zu verkennen, wohl aber versagt er zwischen Maas und Ornain und verbiß sich bei Ypern in unfruchtbare Nordkämpfe. Unsere hohe Meinung von Linsingen darf uns nicht abhalten, seine Leistung bei Ypern und Lodz zu bemängeln. Andererseits sind wir gleich bei der Hand, Kluck zu loben, wo er es bei Noyon verdient, erst recht Bülow bei St. Quentin und Reims. In der Armee selber blieb das Urteil über die Armeechefs ungefestigt. Während der energische Morgen und Feldherr Linsingen nicht gebührend in den Vordergrund treten, und indem Gallwitz (man sagt: ein tafelliebender Herr) und gar Eichhorn ungebührlich beweihräuchert. Deimlings gekränktem Ehrgeiz darf man heute nichts vorwerfen, denn er hätte ebenso gut Armeechef spielen dürfen wie mancher andere. Nur wegen Erkrankung Eichhorns erhielt Kronprinz Wilhelm die 5. A., also keineswegs aus dynastischen Gründen, ihm gab es ein glücklicherer Zufall. Sein Verdienst ins rechte Licht zu stellen, war uns besondere Aufgabe, zumal seine vornehme Bescheidenheit nie die Ansprüche erhob, die ihm zukamen. Daß uns dabei wahrlich kein byzanthinisches (allerdings patriotisches) Gefühl leitet, brauchen wir nicht versichern. Wenn wir den kindischen Nimbus des »großen Kluck« zerstören, so muß man es, wo persönliche Motive ganz ausgeschlossen, uns zu gute halten, angesichts des unberechenbaren, angerichteten Schadens.

Da er schon nach 3 Monden für immer abtrat, schien ihm nie mehr versöhnende Sonne nach strategischer Umnachtung, das mag man bedauern, doch das Vaterland hat sich nur mit Ingrimm der Folgen zu erinnern. Historische Kritik richtet sich nie gegen die Privatperson, sondern deren geistige Mißbräuche. Sonst dürften blamierte Generale noch gar zum Kadi laufen, wie man einst dem Hauptmann Hoenig die Uniform aberkannte, weil er sich wegen wissenschaftlicher Kritik nicht duellieren wollte. Noch 1806 begünstigte der König jede objektive Rüge gegen unfähige Generale; heute möchte man als geschlossene Klasse jede öffentliche Beurteilung schadhafter Heerführer ablehnen. Vermutlich gilt auch jede Antastung eines berühmten Rivalen von Hindenburg und Ludendorff im Osten als Sakrileg und doch erlaubten sich Unberufene, Ludendorffs rechtes unermeßliches Verdienst in den Staub zu treten.

Wir sind nicht unfehlbar. Sind unsere Divinationen falsch, so widerlege man sie gründlich mit der Feder. Man wird sich aber höchstens bemühen, durch Neben- von Hauptsachen abzulenken. Waren z  B. 2., 3., 4. K. am Grand Morin, so täuschten uns die V. L. Ändert dies etwa daran, daß kampflose Loslösung dann unmöglich, wenn man schon so weit südlich stand? Und wenn so, war angeblicher Vorbeimarsch an Paris nicht grobe Gehorsamsverweigerung gegen Moltke und Rückmarsch ein grober taktischer Fehler mit Zeit- und Kraftverschwendung, war denn nicht vielmehr Losschlagen am Morin geboten? Wir handeln also eher in Klucks Interesse, wenn wir diese Legenden für Spiegelfechterei erklären. Ist unsere Ausstellung falsch, daß der Feind nicht am 9. abends oder 10. früh die nördliche Marne überschritt, entschuldigt dies bei vorhandener Deckung durch Kav. K. 5. D. 34., 25. Br. den sinnlosen Rückzug Klucks? Selbst wenn wir im Einzelnen Irrtümer begingen, was wir nicht glauben, bleibt im Endergebnis der Kritik alles beim Alten. Kluck und im höheren Sinn ein von äußeren Erfolg begleiteter Matador im Osten mögen persönlich die vortrefflichen Kriegsmänner sein, deshalb aber noch keine Feldherrn! Sie ließen sich den Scheinlorbeer gefallen, daher dürfen wir ihn zerzausen, wie es sogar das R. Arch. am »berühmten« Bülow tat. Wir tun einfach unsere Pflicht als vaterländischer Historiker.

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