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Bismarck - Band 3

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 3 - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 3
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090128
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Novemberkampf an der Yser.

Vor Nieuport genoß die Ers. Div. (nicht bloß »33. Brig.«) nicht weitgehende Unterstützung, durch 38. L. W. Brig., die am 9. meist nach Poel abmarschierte, sondern durch Ersatzregimenter Rosen und Weber und noch ansehnliche Teile Beselers. Natürlich weiß G. St. Schr. nichts davon. Die Ers. D. trat in Reserveverhältnis und figuierte bei Dixmuiden nur als Flankendeckung mit ein paar Bataillonen. Mit wieder mal vorgegriffener Ernennung Mitrys zum Kommandanten der Yserfront hat es erst im Dezember seine Richtigkeit, wo er seine Dragoner und Chasseurs ins Schlammbett der Uferinseln führte. Dagegen schickte d'Urbal eine frische Territorialdiv. nach Nieuport, auch scheint eine frische Marinebrigade eingetroffen. Er verließ sich nicht mehr aufs feuchte Element, sondern getraute sich jetzt, feurig an den Nieuportbrücken vorzustoßen. Es wäre daher toll gewesen, das ganze 3. R. K. nach Poel zu verschieben, wie G. St. Schr. wähnt. Es war gut, daß 48. R. auf dem Posten stand, als die Belgier am 4. mit Waffengewalt längs der Küste vorkommen wollten. Man ließ sie bei Abenddunkel in Lombardzyde hinein, da die L. W. sich außerhalb in starkverschanzten Fabriken einquartierte und nur bei Nacht die Ostende-Chaussee sperrte. Kaum spazierten sie hinein, als man auch schon die Brücken bombardierte, um ihnen den Rückzug zu verlegen. Trotzdem ließen sie sich einfallen, am 7. nochmals mit einer Brigade loszugehen. Da wartete ihrer ein böser Empfang. Sie flohen in Panik. 850 Mann mit 27 Off. sollen gefallen sein, indessen war das Gefecht kein Scherz und kostete dem Sieger ziemlich viel. (Siehe Verlusttabellen). Die Listen beweisen einem so manches, was sozusagen nicht im Buche steht! Vielleicht hätte beherztes Nachstoßen die Brücken in deutsche Hände gebracht, doch erst seit 9. deckte seitwärts Marinediv. Schröder die schmale Dünenlücke, ihre Schiffsgeschütze spielten nach dem offenen Meer, wo in der Ferne die dicken Ölrauchwolken aus englischen Kreuzerschloten aufstiegen. Das Verstummen deutscher Kanonade hatte die Belgier zu Vorstoß verlockt, nachher erklärte man's für eine Kriegslist, es hatte aber eine sehr natürliche Ursache. Ja, es war wirklich so: Der Schießbedarf ging aus.

Die Entente fabelte von unerschöpflicher Munition als Beweis für Deutschlands Kriegswillen, teilweises Versagen der Kriegsmittel bei den Verbündeten beweise ihre Friedensliebe.

Das steht auf gleicher Höhe wie die Versicherung, Deutschlands bessere Rüstung sei zu verbrecherischen Friedensbruch berechnet – die schlechte der Entente verbürge ihre harmlose Unschuld. Jedes Glied dieser Beweisführung ist eine Fälschung, die Drahtzieher lügen in ihren Hals hinein und zwinkern sich zu mit Augurenlächeln. Sie rüsteten Tag und Nacht seit langen Jahren, Rußland so umfassend, wie nie auch nur entfernt zuvor in seiner Geschichte, alle ebenso gut sie konnten. War dies nicht gut genug, so konnte man einfach nicht der besseren deutschen Organisierung ebenbürtig werden. Auf so ungeheuren Geschoßverbrauch, wie der Weltkrieg es forderte, sah sich freilich auch die deutsche Verwaltung nicht vor. Dagegen verschaffte sich die Entente auf Umwegen über Amerika und Japan Mengen von Munition, das ergab sich grade bei Ypern. Der Munitionsmangel der Russen trat lediglich durch wahnsinnige Geschoßvergeudung ein, womit sie ihr schlechtes Schießen ausgleichen wollten. Die neutrale Sympathiemunition der edlen Yankees ersetzte jeden Ausfall so reichlich, daß 1915 in der Champagne und bei Arras ungeheure Munitionsmassen von den Franzosen verpulvert wurden. Bei den Deutschen konnte man solchen Wettbewerb der Welt, wer am meisten Mordwerkzeuge gegen die »Hunnen« fabrizieren könne, nicht nachkommen. Jedenfalls war die O. H. L. schon bis Neujahr 1915 darauf bedacht, sparsam mit der Munition hauszuhalten.

Als am 10. 11. eine französische Territorialdivision nordöstlich Lambarzyde zum Durchbruch entschlossen schien (wohl schwerlich eine Marinedivision, wie man liest), trat bei den Seebataillonen Schröders ein anderes Übel ein. Man hatte Kammern und Rohre der verschleimten Gewehre und Maschinengewehre gerade noch nicht vom umherfliegenden Dünentrielsand reinigen können, dies zwang die Matrosen zur blanken Waffe zu greifen. Sie gingen seelenruhig ans Werk, des Feindes Vorsatz mit dem Bajonett zu durchkreuzen. Eine entrollte Fahne voraus, stürzten sie sich in den Feind. Was todesfrohe Kampfeslust vermag, zeigten bald Massen von Niedergestochenen, die sich in ihrem Blute wälzten. Die Territorialen verließen das Schlachtfeld, auseinandergesprengt und 800 Gefangene mit vielen Offizieren dem Sieger abtretend, der freilich selber 14 Offiziere 125 Marinesoldaten tot auf dem Platze ließ. Auf Defensive durfte es der Admiral nicht ankommen lassen, weil die Schießmöglichkeit fehlte, dies wilde Draufgehen war aber eine ebenso drastische wie kostspielige Methode. Hier wirren wieder Ziffern herum, die einander widersprechen. Die Seebataillone hatten nur Halbstärke, nach früheren kleinen Verlusten belief sich die Stärke Schröders wohl nur auf 5500 Gewehre. Auf ebensoviel wird aber die Brigade geschätzt, die man deutscherseits zersprengte, wobei unklar bleibt, ob dies eine belgische oder französische sein soll. Offenbar sind die am 7. abgetanen Belgier gemeint, denn eine französische Territorialbrigade zählt etatmäßig 9000 Gewehre. Dauernde Kanonade aus der Flußmündung zwang eben tagsüber zum Verlassen der Kantonements, was die Gegner dreimal zu Ausfällen benutzten, aus denen sie regelmäßig als Trümmer heimkehrten. Sie verrieten keine offensiven Absichten? Die G. St. Schr. erwähnt diese heftigen und keinesfalls unblutigen Gefechte ganz oberflächlich und redet von ein paar hundert Gefangenen. Fortan unterblieb auf lange jede Küstenbehelligung. Die amtliche Darstellung würde aber vermuten lassen, daß der Feind sich ganz untätig verhielt, trotzdem er seinen Wassersieg ausposaunt hatte. Man konnte sich doch selber sagen, daß ein L. W. Rgt. und »33. Ers. Brig.« nicht ausreichten, um die Batterien gegen Nieuport zu decken. Selbst die neue L. W. Ers. Brig., deren Dasein den G. St. Verfasser so unbekannt wie vieles andere, hätte nicht genügt, doch wir finden 48. R. in verlustreichen Kampf bei Dorpswede und Lombarzyde, dazu III/8. R., gleichzeitig wurde 20. R. bei Schorbake belästigt. Man muß eben Statistik kennen. Was III/35. Inf. von 6. R. D. hier belassen »an der Yser« betrifft, so focht es just bis 11. verlustreich; es ist also ziemlich sicher, daß es am Dixmuidenkampf am 10. teilnahm. Vielleicht sperrte es längs der Baerststraße nach Norden den Austritt aus dem umlagerten Ort und ging bis zum Strom vor. Jedenfalls mutet komisch an, diese ernstgemeinten und mit beträchtlichen Gefangenen gesegneten Kämpfe zur Bedeutungslosigkeit herunterdrücken zu wollen, während die G. St. Schr. oft anderswo mehr Gefangene aufzählt als der offizielle Heeresbericht, z. B. 1400 in Dixmuiden, während Spezialbericht nur von 500 weiß. Auf derlei geben wir nichts. Sein Gedächtnis läßt den Offiziosus so oft im Stich, wie er ja umgekehrt die in der Ypernschlacht namhaft gemachten Gefangenen vergißt. Möglich, daß Spezialberichte für die Nieuportgefechte den Mund zu voll nehmen, doch steht unbedingt fest, daß sie sicher weit blutiger waren, als das lang und breit besprochene ganze Messinesgefecht.

Wacker nahm man weiter west- und südwärts der Yser den Kampf gegen die Überschwemmung auf, schob Strohbündel und Bretter in die Wassermassen, stellte Flöße her, flickte zerstörte Schiffsbrücken und schuf sie neu, sammelte Kähne und Boote für Pionierarbeiten. Vor dem anderen Endpunkte Dixmade traf man sorgsam Vorkehrungen für den losbrechenden Sturm. Im Oktober führte achttägiger Andrang zwei frischer Divisionen zu nichts; im November soll eine einzige schon verbrauchte, diese seither noch stärker befestigte Stellung, in der man täglich schanzte, samt ihrer Massenbatterie an der Furnes-Chaussee allein überwältigt haben! Jeder Vernünftige sieht ein, daß dies nicht mit rechten Dingen zugeht. Verlust der 43. R. D. stimmt nicht entfernt zu so ernsten blutigen Ortskampf; die G. St. Schr. zeigt sich wieder als sehr schlecht unterrichtet. Am 10. rollte in der Luftlinie südlich der Yser das Schlachtgetöse westlich des Kanals entlang. Nun siegte man endlich auch bei Dixmuiden nach dreistündiger Beschießung und dreistündigem Straßenkampf, nachdem der Sturm aus Norden, Nord- und Südost einsetzte. Durch Umfassung zersprengt, brach die Feindeslinie im Bollwerk nieder und sobald der Verteidiger über den Fluß wich, erklomm man das jenseitige Ufer und trieb ihn noch weiter zurück. Sachlichen Beleg für den Vorgang liefert die G. St. Schr. nicht, es bedarf genauer Erörterung. Da die Belgier für sich bedeutenden Novemberverlust zugestehen, so stimmt dies zwar zu unserer Auffassung der Nieuportkämpfe, läßt sich aber nicht allein durch sie erklären; die 3. belg. D. gab also wohl kein Fersengeld, sondern ihre Reste beteiligten sich an Verteidigung Dixmuidens. Ronachs Marinefüsiliere litten sicher schon stark, doch mindestens zwei Negerbrigaden und wahrscheinlich Territorialtruppen verstärkten die Besatzung, die im Vertrauen auf zahlreiche Artillerie am Deichdamm hoffen durfte, den stark verschanzten Posten gegen das 22. R. K. zu halten. Hatte es doch im Oktober fruchtlos mit schweren Opfern den festen Ort berannt. Nichtsdestoweniger wird vorgeschützt, daß diesmal 43. R. D. allein Dixmuiden zu Fall brachte! Wir berührten schon die Verfänglichkeit einer so unwahrscheinlichen Behauptung, müssen aber jetzt Bestimmteres hinzufügen. Als Unterstützung dienten zwei Ersatzbrigaden Werders, die hart auf der Nordseite kämpften? Wirklich? Sie verloren nämlich – sage und schreibe – 27 Mann des 14. Ers. Batl. das möglichenfalls als Geschützdeckung irgendwo dort stand. Also wieder leicht zu entkräftende Scherze, wie so oft bei dieser Sammlung offiziöser Entstellungen. Aus Polemik mit Müller-Brandenburg erfuhren wir, daß die amtliche Schilderung sich auf Rapport und Angriffsdisposition der 43. D. selber stützt, die auch 202. R. stürmen läßt, für das wir in den V. L. überhaupt keinen Verlust treffen. Also nahmen 10 Bataillone den Ort, Mitwirkung der in der Disposition erwähnten Ers. Brig. ist laut V. L. unwahr, sie figurierte höchstens als Rückhalt. Indessen war 43. D. nicht verpflichtet, andere außer ihrem Befehlskreis fechtende Truppen zu erwähnen, so daß triumphierendes Vorhallen ihrer Disposition gar nichts beweist. Angesichts Müllers ungeheuerlicher Behauptung, 44. R. D. habe im Oktober nur nördlich Handzeemekanals Statisterie getrieben, lassen wir uns nicht verbieten, die Wahrheit zu sagen, auf die Gefahr hin, die Gefühle eines Reserveartillerieleutnants, der für die Glorie seiner Division böllert, oder das auf ihn bauenden Verfassers der G. St. Schr. zu verletzen. Müller kannte den Infanteriekampf ja gar nicht aus eigener Anschauung. Wir lassen einfach die Logik reden. Wie stände es um das in grellsten Farben gemalte und zweifellos mörderische Ringen, wenn eine einzige, schon sehr gelichtete Division solche Zwingburg feindlichen Elitetruppen entriß mit Verlust von 750 Mann! Denn bei 201., das einen angemessenen Verlust verzeichnet, entfallen zwei Drittel davon auf späteren, von G. St. Schr. richtig erwähnten Kampf jenseits der Yser bis Monatsende. Daher begreift man, daß von besonders blutigem Kampf des 203. R. die Rede ist, denn dies im Oktober auf ein Drittel geschmolzene Regiment, dessen Rest erneut voranzustellen man die Grausamkeit hatte, verlor am 10. tatsächlich mehr wie 201. Doch auch diese Einbuße gehört zu den geringsten der Novemberschlacht. Das ist doch schlechterdings unmöglich, daß ein besonders bitterer und blutiger Straßenkampf so überaus wenig kostet und würde dies freilich der handgreiflichen Ententeunwahrheit entsprechen, die Verteidiger hätten nur ein paar Hundert verloren! Dann wäre also das ganze Aufgebot beiderseitiger Ausschmückungen eines fürchterlichen Ringens aufgelegter Schwindel? Es scheint durchaus nicht so; ein ernster französischer Militär, dem man obige Fälschung vorhielte, würde die Achsel zucken: »Was wollen Sie? Im Krieg wird soviel durcheinandergelogen, natürlich war unser Verlust sehr groß, wie sich aus der Sachlage ergibt. Es wäre ja wenig ehrenvoll, wenn die Unseren sich bei so geringen Opfern herausschlagen ließen.«

Für 43. D. als Stürmer wäre es ja ehrenvoll, mit so geringen Verlust eine so große Übermacht überwältigt zu haben, aber allzu wunderbar, und ein Kriegsforscher, der seine Pappenheimer aus geschichtlicher Erfahrung kennt, glaubt nie an Wunderbares, ungläubiger Thomas! Wenn er aber seine Hand in die Wundenmale legt, nämlich die V. L., da baut sich ihm plötzlich ein anderes Bild, wie es der Sachlage entspricht. Denn siehe da! 52. R., 3. R. Jg., 208. R. nennen Dixmuiden als Stätte ihres großen Novemberverlustes (zusammen rund 2300). Für uns ist völlig klar, daß nördlich des Handzeemekanals nicht angebliche Ers. Bataillone, sondern 52. R., 3. R. Jg. anrückten, im Süden aber 208., das nach der Oktoberlage als rechtes Flügelregiment der 44. D. focht und sich jetzt der 43. anhing, zumals es ja den Straßenkampf in Dixmuiden schon aus Oktobererfahrung kannte. Daß die anderen Teile 44. D. schon bei Merkem und Dreinbank standen, als äußerster linker Flügel der Kleisttruppe, paßt ganz gut dazu, da sie aber äußerst wenig litten (207. verlor nur 75 Mann), so ist undenkbar, daß 208. an dieser Stelle focht, angesichts seines großen Verlustes. Bestände selbst nicht der Vermerk »Dixmuiden«, tragen die genannten 7 Bataillone ohnehin das Merkmal eines dortigen Kampfes, denn sonst würde bei 208. Merkem oder bei 52. irgendein anderer Yserort genannt sein. Auf sie allein paßt die unzweifelhafte Tatsache blutigen Ringens. Mit dieser Kleinigkeit, dem Dreifachen des Verlustes der 43. Div., wächst die Einbuße inkl. Pioniere auf rund 3500 für 14 fechtende Bataillone, (denn 204. focht fast so wenig wie 202). Ganz angemessen, da die ausschlaggebenden Flügelangriffe südlich und nördlich des Ortes naturgemäß blutiger waren, als das Hineinstürmen der 43. Div. in das keiner Flankenbestreichung ausgesetzte Häuserchaos. Daß 44. R. D. somit nicht ganz müßiger Zuschauer bei Dixmuiden blieb, beeinträchtigt den Alleinruhm der 43. D., andererseits hat man wohl irgendwoher vernommen, daß 208. R. schwer litt: dies begeistert den amtlichen Konfusionarius, die braven Truppen durch die Lüfte an einen anderen Platz Het Sas zu entführen, wo man wieder ein Märchen erfinden kann. Dort soll die ganze 44. R. D. angegriffen haben, hierfür gilt das Gleiche wie bei Merkem; solch Mißverhältnis der Verluste, wo ein Regiment 1100 und das Übrige noch nicht 400 verliert, ist bei gemeinsamen Angriff unnatürlich, d. h. unmöglich. Und hätte 208. je allein solchen Heldenstoß geführt – H. Bericht sagt »Junge Regimenter« in Plural – würde es sich wohl nicht verkniffen haben, in seiner V. L. »Het Sas« zu vermerken, wie die anderen Teile der 44. D. »Merkem«. Man komme uns nicht mit Einreden, die jeder Logik spotten. Wenn Dixmuiden im Oktober vom ganzen K. Falkenhayn nicht genommen werden konnten, so gewiß nicht im November, eher stärker besetzt und verschanzt als früher, von zehn schon sehr geschwächten Bataillonen. Die Ers. Brig. fochten so wenig »hervorragend« wie 202., das offenbar im Rückhalt bei der Artillerie blieb und für das man einfach 208. lesen muß. Wer soll dann den als besonders heftig geschilderten Kampf an der Nordecke und am Yserdamm geführt haben, da die irrig dorthin versetzten Ers. Brig. sich laut V. L. als bloße Figuranten erwiesen? Ist nicht höchst bezeichnend, daß die mitwirkenden Pioniere, bei Ortskampf besonders wichtig, alle zu Beseler gehörten, und fällt nicht wieder die Unkenntnis der G. St. Schr. auf, die auch jetzt wieder die heldenmütigen 24., 25. P. übergeht, deren Gros bei Mangelaere–Langemark und später am Ypernkanal wirkte, deren Res. und Ers. Kompagnien aber neben 3. R. P. wieder mit beträchtlichen Verlust bei Dixmuiden auftraten? Sie waren es, wahrlich nicht die der 43. D., die mit Minenwerfern und Handgranaten dem Ort zu Leibe rückten und den Angriff stärkten.

Am 10. um ½ 10 Uhr vorm. brach er aus Osten und Norden los. Die Verteidiger versahen sich dessen nicht, weil der durch langen Regen aufgeweichte Boden bis dahin keine rasche Annäherung erlaubte. Während die 10 Sturmbataillone der 43. D. sich rüstig vorbewegten, erhielt 208. (nicht 202.) im Südost terassenförmiges Doppelfeuer. Teils vom Deich des Ufers, der dahinter entlang läuft, teils vom Bahndamm, der mit Krümmung von Ost nach West am Stadtsüdstrand vorüberstreift. Infolgedessen verschob sich 208. weiter südlich, überschritt die Ypernchaussee, erstürmte das Südende des Bahndammes, wandte sich gegen die Yser und griff das Südufer an, das stückweise dem Feind verloren ging. Bei diesem prachtvollen Gefecht tauchte angeblich auch hier ganz südlich die angeblich ganz nördlich an der Landstraße stehende Ers. D. auf! Was von schwachem Flankenschutz des 204. geredet wird, ist unerheblich. Dies Regiment litt auch so gut wie nicht, folgte nachher 203. in die Stadt. Die braven Spandauer kamen im Südteil schwer vorwärts. Ihnen, auf kaum Bataillonsstärke geschmolzen, hätte man dies erneute Stellen ins Vordertreffen ersparen sollen. Sie empfanden es aber nicht als Rohheit, sondern Auszeichnung. Für sie gilt mit die allgemeine Ehrung durch einen englischen Zeugen: Die Deutschen hätten im November so freudig gestritten wie am ersten Oktobertag. (Wer englische Verhältnisse kennt, würdigt mit bitterem Lächeln, daß die anständigsten und nobelsten Urteile im Weltkrieg über das deutsche Heer von einzelnen Gentlemen ausgingen, wie auch zwei vornehme Engländerinnen verächtlich gegen die Greuellügen protestierten, während die gemeinsten, schmutzigsten und giftigsten Schmähungen und Verleumdungen die Londoner Zeitungen füllten). Jeder deutsche Kommißkritiker, der je über die Leistung dieses unsterblichen Freiwilligenaufgebots die Nase rümpft, verdient Züchtigung mit Reitpeitschen und Deutschland Verachtung, wenn es zuläßt, daß »eine Rotte niederer Stinktiere« (Blücher) mit sogenannten Pazifismus die Selbstaufopferung der edlen Jünglinge höhnend begräbt. Das Vaterland, das vergißt wie seine jungen Söhne hier ihr hoffnungsreiches Leben dahingaben, wäre wert, daß es zum Schuhputzer des Auslandes sich erniedrigt. Gern ziehen wir den Hut vor den Franzosen, die das alte Girondistenlied »mourir pour la patrie« wahrmachten, und den Briten, die mit dem Tipperary-Singsang dem Tode Trotz boten. Doch mit weihevoller Rührung und Scham gedenken wir daran, daß all die braven Jungen, die mit ihrem »Deutschland über alles« sich ein besseres Karma schufen, die kommende Schmach ihrer großen Nation nicht zu erleben brauchten. Süß ist für das Vaterland der Tod, doch bitter das Leben in einem durch sich selbst entehrten Vaterland.

In Dixmuiden brannten alle Baulichkeiten weniger durchs deutsche als französische Geschützfeuer, das schonungslos ins Getümmel hineinschoß, unbekümmert, ob es Freund oder Feind umbringe. 15. R. Jg., 201. unter General Seydewitz, der als Held an der Spitze fiel, berührten schon das Innere der Nordstadt, nachdem sie Bahnhof und Kirchhof erstürmten, und schwenkten um ½ 4 Uhr südwärts, um den 203. aufzuhelfen, wozu es hohe Zeit schien. (Vermutlich verlegt aber die G. St. Schr. mit gewohnter Nichtkenntnis den Oktoberverlust der Spandauer hierher, es hat stark den Anschein). Häuser- und Straßenkampf hätte noch lange fortgedauert, wenn 208. nicht den Yserdamm erstürmte und zugleich die Nordwestgruppe von 3. R. K. sich durchgearbeitet hätte. (Vielleicht auch III/35. »an der Yser«, auch dies lichtet das Rätsel des Unsinns, Dixmuiden von wesentlich 7 Bataillonen mit mäßigen Verlust erstürmen zu lassen). Trotzdem der schmale, ganz versumpfte, Nordteil des durch den Kanal geteilten Städtchens besondere Hemmnisse in den Weg stellte, erstürmten diese anderen Brandenburger einen wichtigen Häuserblock und überschritten die Yser am versumpften Westrand. So sah die Massenbatterie jenseits an der Furnes-Chaussee sich bloßgestellt. Da 208. südlich schon die Westbrücken bedrohte, die Rückzugspforte der Besatzung, so drückte diese Doppelumfassung so gefährlich, daß der Feind den Abzug einleitete. In der Dämmerung mehrten sich die Brände, der ganze Ort schwamm in Blut und Feuer, zerfiel in Trümmer. Am Markt gesammelt, warfen die Märker zuletzt den Feind über den hochangeschwollenen Strom, er drängte eilig über die Brücken und sprengte sie nach fruchtlosem zweimaligem Gegenstoß von Negern und Chasseurs. Hier ließ die Senegalbrigade vier Fünftel ihres Bestandes; die zur Schlachtbank geschleppten Neger ahnten damals nicht, daß sie mit ihrer schwarzen Schmach im sogenannten Frieden den Rheingau verpesten würden. Vom überhöhenden Westufer er unterhielt man noch Kanonade, doch im Ort blieben nur Gefangene zurück. Vor der halbzerstörten romanischen Kirche am Marktplatz ergaben sich 500 Marins mit 9 Masch. G., außerdem scheinen 900 Verwundete aufgelesen zu sein (daher 1400 Gefangene). Franzosen und Neger wehrten sich brav Mann wider Mann, doch ist wohl Phantastik, daß man sich tief im Wasser stehend oder schwimmend einander an der Kehle faßte und würgte.

Schon am 12. holte sich 201. noch eine wichtige Feldstellung der Furnes-Chaussee, wobei es seinen Hauptverlust hatte, und da 208., 52. sowie 3. R. J. und III/35. alle bis 13. 14. litten, so nahmen sie sicher auch an diesem Gefecht teil. Fortan herrschte Ruhe. Die Knaben der Märker Freiwilligenregimenter ertrugen die Unbilden der Wasserzone wie Männer. Obschon man ihnen – im Vergleich zu 26., 27. R. K. – zu viel Glorie spendete, muß man bewundern, daß sie im Dezember und Januar am Westufer des Ypernkanales neuen Kampf aufnahmen, wo nach Hauptgefechtstagen am 3., 5., 10., 17. Dez. Falkenhayn zurückgedrückt wurde, Kleist ebenso erneut bis Korteker. Daß die ungeheure seeähnliche Wasserfläche sich in einen stehenden Salzmorast niedersetzte, beengte zusehends auch die Ufer des Yserkanals bis Bixschoote. Infolgedessen zog sich Korps Falkenhayn später mehr südöstlich und suchte dem Korps Kleist die Hand zu reichen, bis die Franzosen auch hier das nasse Element zu Hilfe riefen. Eine Zuavenbrigade hinderte dann bei Poesele, wo drei Vorhutkompagnien sich festsetzten, die Deutschen am Überschreiten des Kanals nach Westen. Hinter dem verlassenen Sumpfgebiet baute der Feind Verteidigungsflanken, die trotz zermalmender Beschießung nie durch gemeinsames Wirken des 22. und 23. R. K. zu brechen waren. So blieb der Kampf im Norden fortan ganz unfruchtbar, so oft man hier wieder zu handeln versuchte.

Im Dezember wagte der Kavalleriegeneral de Mitry, der seit lange den Befehl der Yserfront übernahm, noch Kämpfe um halbversunkene Dorfinseln. Auf seiner Rechten führte er Zuaven, Territoriale, abgesessene Dragoner, zur Linken die Reste der 2., 4. belg. Div. und der Marinefüsiliere mit neuer Auffüllung. Diese warf er am 16. gegen Lombardzyde, doch unsere in den Dünen neben Strandbatterien eingegrabene Marinedivision brauste in sieben Sturmwellen daher über die Dünen bis zur Yser. Dagegen konnte zwar, wie schon gesagt, ein Seebataillon das rings umspülte St. Georges bis 28. behaupten, trotz umfassender Beschießung; doch räumte den umzingelten Punkt, als Radfahrer, Füsiliere, Chasseurs, Dragoner, in Pontons verladen, auf den feuchten zertretenen Dünen heranschlichen. Man fand »300 Leichen« der unglücklichen Landbewohner, echtfranzösische Zweideutigkeit. »4000 Granaten« machten den Aufenthalt ungemütlich, daß die »Erstürmer« sich wieder in ihre Erdlöcher verkrochen. Jedes weitere Nachdrängen Mitrys erwies sich als untunlich, das Ende der Yserkämpfe als so ungünstig, daß die Verbündeten im Januar nichts mehr hier begannen. Sie besaßen nur noch so geringe Gefechtskraft, daß nach Ankunft der L. W. und Ersatzregimenter Weber und Rosen das 22. R. K. kaum mehr zum Schutz der Ufer nötig schien und sich wiederholt südöstlich (L. W. zwischen Nieuport und der Westseite des Ypernkanals) frei bewegte, um sich aus Westen den Yvernkanal in Luftlinie Bixschoote zu nähern. Obschon man von diesen Kämpfen nichts oder wenig hört, schließen wir aus den Verlusten, daß sie Ende Januar bedeutend waren, mehr als im Dezember, wovon hauptsächlich berichtet wird. Offenbar versuchte man deutscherseits hier allerlei, was mißglückte. Kleist hatte nicht eben glückliche Kämpfer; die Märker, auf zu engem Raum beschränkt, wurden seit 15. Dez. immer wieder von 38., 42. D. südlich Merkem am Westufer vertrieben. Nach früherer, breiter Untersuchung entrollen wir nun das Bild der Hauptschlacht fortlaufend genau.

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