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Bismarck - Band 3

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 3 - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 3
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090128
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Kritische Geschichte des deutschen Heeres im Weltkriege

Abkürzungen. K. Korps – D. Division – Rgt. Regiment – Brig. Brigade – Ch. Chasseurs – R. Reserve – Kav. Kavallerie – L. W. Landwehr – L. St. Landsturm – Art. Artillerie – P. Pioniere – Schw. Schwadron – Batl. Bataillon – Batt. Batterie – Jg. Jäger – I. Infanterie – F. Art. Fußartillerie – M. G.. oder Masch. G.. Maschinengewehr – Gew. Gewehr – Gesch. Geschütz – Gef. Gefangene – t. u. v. tot und verwundet – G. Garde (also G. R. K. Gardereservekorps, wie K. D. Kavalleriedivision) – G. St. Generalstab – G. St. Schr. Generalstabsschrift – O. H. L. Oberste Heeresleitung – H. B. Heeresbericht – G. Komm. Generalkommando – A. Armee – Off. Offiziere – b. Bayrische – B. Kr. Arch. Bayrische Kriegsarchiv – Bad. Badenser – Westf. Westfalen – Schles. Schlesier – Pos. Posener – Würt. Württemberger – pr. preußisch – d. deutsch – franz. französisch – Verl.Verlust – V. L. Verlustlisten – Als »Altonaer« zu verstehen 9. K. 9. R. K. – III/104. III. Bataillon vom 104. Regiment oder I/II/11. R. lies I/II. Bataillon 11. Reserveregiment. – R. Arch. Reichsarchiv.

Hier und da, wo Mißverstehen unmöglich, steht J. statt Jg., A. oder Ar. statt Art., Br. oder B. statt Brig.; auch sind manchmal Buchstabenfehler in Ortsnamen unkorrigiert, falls sie sonst oft richtig stehen. Bei Maschinensatz, wo wegen eines Buchstabens die ganze Zeile neu gesetzt werden müßte, läßt sich nicht vermeiden, daß z. B. Verwechselung von m und n öfters übersehen wird.

Kriegführen war ehedem eine Kunst, wurde dann mehr und mehr Wissenschaft. Der Weltkrieg stieß alle Formen um und unterwarf die Taktik der Technik. Die Führung funktionierte mechanisch, fand sich nicht mehr mit Geistesaugen zurecht und die Kavallerie als »Auge des Feldherrn« trat ihr Recht der Aufklärung an Flieger in den Wolken, an Horchposten in den Bäumen ab. Schon früh fiel alles einem Stellungskrieg anheim, der sich nur mit Berennung einer Festung und Ausfällen der Besatzung vergleichen ließe, wenn nicht endlose Länge der Front jede Zernierung ausgeschlossen hätte.

General v. Alten urteilte, Vervollkommung der Feuerwaffen habe zentrales Durchbrechen noch mehr erschwert, ohnehin kenne »die Geschichte wenig Beispiele des Gelingens«. Letzteres Dictum beruht auf mangelhafter Kenntnis napoleonischer Schlachten, deren wahren Verlauf man später der Moltke-Methode anzupassen strebte. General v. Blume wollte selbst bei überlegener Truppentüchtigkeit zentralen Durchbruch nur bei ausnahmsweise günstigen Stärke- und Geländeverhältnissen gelten lassen. Er vergaß, daß gesteigerter Feuerwirkung des Verteidigers heute abnorme Angriffskraft der schweren Artillerie gegenübersteht, sie macht selbst die festeste Stellung sturmfrei. Gemäßigter drückt sich Freytag-Loringhofen aus, doch selbst einer verklausulierten Verneinung machte die Weltkriegerfahrung ein Ende, bei Durchbruchsschlachten überwog stets der Zentrumsstoß den Flügelangriff. Des Krieges Grundgesetze blieben unverändert. Stets besiegte Dynamit die Mechanik, Geist und »Moral« die Materie. Nie gaben Taktik und Bewaffnung den Ausschlag, immer Strategie und moralischer Faktor. Erst als letztere im deutschen Heer zusammenknickten, erwehrte es sich nicht mehr einer schon sehr zusammengeschrumpften Übermacht, der es früher ungebrochen trotzte.

Berufsmilitarismus verwechselt vorsätzlich das Seelische mit Drillausbildung. Dreiviertel (wo nicht mehr) beider Parteien bestand aus ungedrillten Milizen, d. h. Kriegsfreiwilligen, ungedienten aktiviertem Landsturm aller neuen Infanterie- und Reserveregimenter, Landwehr. Dies allgemeine Volksaufgebot setzte das alte Gesetz in seine Rechte ein, daß »Gott immer bei den stärksten Bataillonen ist«, »die größere Masse die kleinere schlägt«. Dies wird nicht umgestoßen durch blöden Spott über » rage des nombres« oder dilettantischen Erguß »Hindenburg oder Napoleon« eines Spekulanten auf Tagesbedürfnis mit lauter falschen statistischen Daten, wie sie prüfungslose Nachschreiberei der landläufigen Militärschriftstellerei mit sich bringt, als frommes Erbe fortgeschleppt. »Die schöpferische Verzweiflung«, durch welche Minderzahl immer Mehrzahl besiege – geradezu verrückte Behauptung –, läßt höchstens zu, daß ein sehr großer Feldherr mal ausnahmsweise mit Minderzahl siegt, wie z. B. Napoleon bei Austerlitz, Eylau, Dresden und beinahe bei Aspern. Doch selbst bei Leuthen schwankte trotz meisterhafter Schlachtanlage lange der Sieg, der Blutverlust glich sich dort prozentual aus. Verlieren aber Über- und Minderzahl beide je 20% (Davout bei Auerstädt 27%), so schützen bessere Truppenqualität, Taktik und Bewaffnung nicht vor Mißerfolg, wenn Übermacht einheitlich ausgespielt, nicht kopflos verzettelt. Feldherrentum offenbart sich gerade darin, daß man bei eigener Minderzahl trotzdem am Entscheidungspunkt mit Übermacht schlägt. Wenn wir daher im Weltkrieg mit Minderzahl bei Angriff und Abwehr Triumphe errangen, so läßt sich solche Abnormität nur durch beispiellose nie dagewesene Überlegenheit des deutschen Kriegscharakters erklären, nur ausnahmsweise, wie anfangs im Osten, durch abnorm geniale Führung. Daß die Entente ihre Übermacht nie auszunutzen verstand, lag freilich später im Wesen des Stellungskrieges mit lückenloser Front von den Vogesen bis zum Kanal, von den Südkarpathen bis zur Dünamündung. Denn hier fiel weg das Wesen des Bewegungskrieges, die Umgehung, und ohne großes strategisches Manöver hat Übermacht ihren Beruf verfehlt.

Philosophie und Psychologie der Kriegskunst bahnte man von Clausewitz bis Binder-Kriglstein an, ohne je reine Erkenntnistheorie zu gewinnen. Clausewitz erging sich oft in Hypothesen auf brüchigen Prämissen ohne richtige historische und statistische Grundlage, doch bestrebte er sich, Dynamik allein auf den Schild zu heben, d. h. den Krieg als leidenschaftliches Drama zu betrachten, in dem der Wille regiert. Seine mannhafte Ethik, oft mit blühender Beredsamkeit vorgetragen, wird von Loringhofen »Die Macht der Persönlichkeit« richtig betont.) Jomini dagegen bewegte sich in reiner Intellektualität des Schemas, und als Moltkes »äußere« Linien zu hohen Ehren kamen, bauten Schlieffen, Schlichting, Bernhardi dies Dogma weiter aus, das übrigens uralt ist, sonst hätte nicht Napoleon stets dagegen gewettert. Die Regel doppelseitiger Umfassung brach im September 1914 endgültig zusammen. Doch grau ist nicht jede Theorie, grün nicht an sich der Baum der Praxis. Beim großen Genie, wie Friedrich und Napoleon fließt beides divinatorisch zusammen. Man muß seelische Energetik und die mathematisch kalkulierbare Stoffbewegung sorgfältig gegeneinander abwägen. Psychologie eines Feldherrncharakters kann wichtiger sein als seine intellektuellen Maßnahmen.

Deutschland trat in den Existenzkampf unter ungünstigsten Bedingungen mit unzureichender Rüstung ein, dank einer verächtlichen Staatsleitung und einer widerborstigen Volksvertretung. Panzerkähne als kaiserliches Spielzeug verschlangen Unsummen, nur von U-Booten wollte Tirpitz nichts wissen. (Vergl. Persius.) Statt »schwimmender Särge« hätte man lebendige neue Korps gebraucht. Da die Friedensstärke der Franzosen im Sommer 1914 schon 883 500 betrug inkl. Afrikaner, die deutsche nur 761 000, d. h. 2,10% der Bevölkerung gegenüber 1,20, so liegt auf der Hand, daß jede Berechnung deutscher Übermacht, wie die Franzosen vorschützen, auf Wahn beruht. Joffre sprach vielmehr offenherzig von »unserer zahlenmäßigen Überlegenheit«. Dazu kamen noch 280 000 Belgier auf dem Papier, 132 000 des englischen Expeditionskorps, wovon die ersteren wohl schwerlich mehr als 150 000 aufbrachten, die Engländer erst allmählich im September sich sammelten. (Wenn Kuhl 100 000 Briten bei Mons meldet, so ist dies viel zu hoch.) Inkl. Reservedivisionen rückten die Franzosen mit 2 Millionen in 73 Divisionen (219 Brigaden) aus (2 Divisionen später dazu), die Deutschen exkl. Landsturm, Ersatz führten auf beiden Fronten anfangs auch nur 2 Millionen in 95 Divisionen (30 Res. 15 L. W.) zum Kampf (190 Brig., die französische Division war erheblich stärker). Nur durch Ersatzdivisionen wurde Ende August 1914 die deutsche Stärke im Westen den Verbündeten numerisch gewachsen. Wirft man einen Blick nach Osten, so kamen 57 österreichische Divisionen mit angeblich 1 470 000 Effektiv hinzu, dagegen drüben die Russen mit 3 460 000 in 118 Divisionen. Freilich kamen nicht sogleich all diese Massen ins Feuer, aber andere Ziffern sind viel zu niedrig, wonach Rußland im August mit nur 1 425 000 Mann 4800 Gesch. ausrückte. Gegen 875 000 mit 3000 Gesch. hätte dann Österreich sogar Überzahl gehabt: 510 000 Mann 1000 Gesch. östlich Lemberg, 490 000 Mann 1050 Gesch. am San. Dies würde sowohl Conrad Hötzendorffs »Genialität« als die kriegerische Leistung der k. k. Truppen sehr schmälern, dann war es keine Kunst, einige Erfolge zu erstreiten, wohl aber eine Kunst, so geschlagen zu werden. Allerdings nahm Conrad es auf sich, sogar den L. St. in geschlossenen Divisionen seinem ersten Aufgebot einzuverleiben, womit man gute Erfahrungen machte. Daß es mit der Artillerie, auf die allzeit Habsburgs Heer so stolz war, zahlenmäßig so schlecht bestellt war, verschuldete die ewig störrige Volksvertretung, was nachher das Volk selber auszubaden hatte. Deutscherseits ist die Berechnung der 1. bis 5. A. auf 1 078 000 mit 3350 Geschützen als Effektiv zu niedrig, der 6. und 7. A. mit 346 000 und 1100 Geschützen viel zu niedrig, wir erörtern später die Stärken. Daß man mit schärfster Ausnutzung der Reserven 1 575 000 mit 5200 Geschützen (das klingt schon anders) nach Westen wandern konnte, berücksichtigt nicht Nichtstreitbare; auch ohne sie bleiben 2 Millionen Streitbare im August auf beiden Fronten richtig. Wie wenig genau man es mit offiziellen Ziffern meint, zeigt Joffres Angabe; er habe 1 645 000 Mann und 4200 Geschütze gehabt, wovon 3., 4. und 5. A. 603 000 Mann 1800 Geschütze, 419 000 allgemeine Reserve und 100 000 Nachrückende auf beiden Flügeln hatten, demnach 523 000 für 1. und 2. A. Da die Reserven sehr bald einflossen (auch alle 7 Kolonialdiv.), so trat er, zumal er schon vor Kriegsbeginn auf Briten und Belgier rechnete, unter allen Umständen mit Übermacht in den Kampf ein, aber Foch gab später obendrein 2 300 000 »Bajonette« zu! Selbst wenn dabei alle Territorialen gerechnet, ist also unbedingt sicher, daß man mindestens 2 Millionen Bajonette, Säbel, Kanoniere hatte. Auch die Zahl ihrer Geschütze gibt die Entente zu niedrig an, indessen sind auch frühere offizielle Angaben der Mittelmächte hier falsch, da man deutsche 1260 leichte Haubitzen 2000 schwere rechnen muß und Österreich erheblich mehr Artillerie gehabt haben muß, obschon auch dann zu wenig. Die Irreführung hebt aber nicht auf, daß inkl. englische, belgische, serbische, 11 850 Ententegeschütze gegen 10 500 der Mittelmächte ins Feld zogen. So unsere Berechnung.

Daß wir nach Osten inkl. L. W. K. Woyrsch über 248 000 Mann 750 Geschütze verfügten, ist entweder viel zu hoch für 6 aktive, 3 Res., 5 L. W. D. oder aber zu niedrig, falls 11. K. und G. R. K. im September mitgerechnet, auch die Geschützzahl paßt nur auf letzteres. Die Russenziffer gegen Österreich ist lächerlich schon nach Anzahl der Div. Freilich hielten sie noch viele Reserven zurück, so auch, in Warschau, wodurch sich notdürftige Wiedererrichtung der Narewarmee im September erklärt. Unsere Reserven kamen erst nach und nach, man muß eben rechnen, was überhaupt im August irgendwie unter Waffen stand, auch in Österreich. Infolge elender Zauderpolitik sah sich das waffenstolze Deutschland im August überall von Übermacht angegriffen. Gegen Österreich, das relativ flotter und früher mobilisierte, wälzten sich sicher sogleich über eine Million Russen heran nebst 285 000 Serben. Summa rund 3,5 Millionen der Mittelmächte, rund 6 100 000 Entente. Hierbei Kavallerieübermacht, da Rußland allein 40 Kavalleriedivisionen aufstellte, wie 54:22. Nun betrug zwar der wirkliche Mannschaftsbestand aller Jahrgänge in Frankreich 5 445 000 inkl. 550 000 Afrikanern, 10 Millionen resp. 14 (»minder taugliche«) in Deutschland, doch angesichts des russischen Massenreservoirs und unbegrenzter Möglichkeiten des britischen Weltreiches blieben die Mittelmächte stets numerisch weit im Rückstand, zumal Österreich seine 50 Millionen Einwohner nie militärisch genügend ausnutzte. Der spätere Hinzutritt von Italien und Rumänien zum Vielverband, von Amerika ganz zu schweigen, wurde nicht entfernt durch Beitritt von Türkei und Bulgarien zu den Mittelmächten aufgewogen.

Morel macht sich in seinen Schriften über die Lügenpropaganda lustig, daß Deutschland seit langem den Eroberungskrieg vorbereitete, während Frankreich allein 1914 so viel Streiter besaß als Deutschland. Seine Ziffern bleiben aber noch hinter der Wahrheit zurück, da er 1914 nur über 5 Millionen Verbündeter rechnet. Die Rüstungskosten der Entente überstiegen unendlich die der Mittelmächte, so daß der Zweiverband allein 10 625 leichte Geschütze gegen angeblich nur 7368 (9500?) der Mittelmächte besaß, freilich nur 592 schwere gegen angeblich 732 (2200), was aber später im Westen mehrfach ins Gegenteil umschlug. Deutschlands große Artilleriemassen wurden geradeso wie die gegnerischen erst nach langem Kriegsverlauf geschaffen. Auch Morels Tabelle für spätere Ententestärken ist viel zu niedrig bemessen mit 13 375 000 für 1. Juli 1916 gegenüber 9 535 000 inkl. Türken und Bulgaren und mit 13 864 000 im Juli 1917 gegenüber 10 250 000. Denn da Rußland alleine den Mittelmächten überlegen war, England aber laut Wright bis zuletzt 10 Millionen bewaffnete, so kann das Gesamtaufgebot der Entente inkl. Italien nicht unter 25 Millionen allein in Europa betragen haben und trotz ihrer ungeheueren Verluste hielten sie wohl stets bis zum Ausscheiden Rußlands und Rumäniens 15 Millionen unter Waffen. Buat »Das deutsche Heer« schätzt das französische stehende Heer bei Kriegsausbruch auf 910 000 inkl. 63 000 Afrikanern, das deutsche auf 870 000 und spottet über unsere Schwäche, da wir bequem 600 000 mehr Friedensstärke in Divisionen hätten sammeln können. Ähnlich schrieb Repington verächtlich, »daß Deutschland kaum die Hälfte seiner dienstpflichtigen Söhne zum Heeresdienst hergibt«. 1911 sollen von 1,2 Millionen Dienstfähiger mehr als 700 000 zurückgestellt sein! Umgekehrt billigte Lloyd George 1908 und – man staune – noch am 1. Januar 1914, daß Deutschland rüste, um sich zu verteidigen, was der Schaumschläger später als Verschwörung gegen Europas Frieden brandmarkte! Dagegen bedeutete die dreijährige Dienstpflicht in Frankreich schon den Krieg (Belgischer Gesandter 12. Juni 1913). Naiv plaudert Paleologne seine Unterredung mit Witte aus, der schon im September den Krieg ein Verhängnis nennt, das nur im Interesse Frankreichs heraufbeschworen werde. Grey bezeichnet 1919 frivol lachend Cambon als den Mann, der England in den Krieg zog. Daß Poincaré je Rußland abmahnte, ist eitel Blendwerk, völlig beweisschließend das Telegramm des russischen Militärattachés nachts 31. Juli, der französische Generalstab sei zum Kriege fest entschlossen und hoffe, daß »wir all unsere Macht gegen Deutschland richten«. Churchill und Bonar Law versicherten sofort, man habe Belgiens Invasion schon seit 3 Jahren vorhergesehen, doch Grey hütete sich wohl zu erklären, er werde es als casus belli betrachten, denn Englands angebliche Neutralität war gerade die Falle für Deutschland. Ein noch größerer politischer Heuchler blieb aber Haldane, der als »Deutschenfreund« seit 1906 den Krieg vorbereitete und sich »die Frage stellte«, wie 160 000 Briten in Belgien konzentriert werden.

Noch ehe die Erscheinungen des Grabenkrieges und Trommelfeuers sich entwickelten, legte die Fama beider Parteien besonderes Gewicht auf artilleristische Ausstattung. Laut der einen hätte unsere 12- und 21-cm-Haubitze, nach der anderen das französische 7,5-cm-Geschütz entscheidend gewirkt. Anfangs befand sich Frankreich mit schwerer Artillerie sehr im Rückstand (nur 58 Batterien zu 10–15 cm), während seine leichte, deren Schrapnells nur wenige Meter über der Erde platzten, dem Material der Deutschen teilweise überlegen war. Gleichwohl lebte hier die bekannte Überschätzung der materiellen Kanonadewirkung wieder auf, während die moralische nicht hoch genug eingeschätzt werden darf. Noch im Mandschurischen Krieg erwies sich die Zahl von Geschützgeschossen Verletzter als auffallend gering, 1870 trat nur einmal (67. franz. Reg. am Bois de Vionville) überraschender Verlust durch Granatsplitter ein. Selbst konzentrische Beschießung bei Sedan zerriß keineswegs französische Schlachthaufen, die nur durch Fußvolkkampf litten. Im Weltkrieg tat allerdings die Artillerie, obschon jeder statistische Ausweis fehlt, viel mehr Abbruch als früher. Manchmal wirkten Schrapnells verheerend, doch gerade die außerordentliche Verschiedenheit der Regimentsverluste zeigt dies als Ausnahme und durch bloßes Trommelfeuer, währte es auch eine Woche lang, sind nie viel Menschenleben zerstört worden, wie man wähnt. Das beweisen die V. L. aus jenen Tagen, wo bei Arras, Champagne, Somme langes Trommeln vorherging. Bei den höchsten Verlusten, wie des 37., 119., 125. bei Longwy, etwa einem Dutzend Regimenter in der Lothringer, 104. in der Marneschlacht, schuf dies nur die besondere Gefechtslage, sonst könnte nicht die Mehrzahl aller Regimenter mit mäßigen oder ganz geringen Einbußen überwiegen bei gleichmäßiger Kanonade. Einschneidender wirkten stets die Maschinengewehre, in deren Handhabung die Deutschen Meister blieben. Im übrigen entstammen die fürchterlichen Ententeverluste durchaus dem besseren Schießen mit besseren Gewehren deutschen Infanteriefeuers. Bei Ypern ging Div. Cooper wahrlich nicht durch schwächere deutsche Kanonade zugrunde, wie auch unsere Verluste vom Lebel-Grasgewehr herrühren, nicht vom 7,5-cm-Geschütz der Franzosen. Die Wunder, die man davon und der zerlegbaren Rimalho-Haubitze erzählt, sind um so weniger ernst zu nehmen, als französische Artillerie nur äußerst selten die deutsche niederhielt. Geschossen hat sie meist gut, doch im Manövrieren und raschem Aufspüren passender Stellungen war sie nie der unseren gewachsen. Für deren Überlegenheit spricht am klarsten die Longwyschlacht, wo langer Nebel die Schußwirkung beeinträchtigte und deutsche Granaten aus Talmulden ohne Sicht gegen Kuppen dennoch nie ihr Ziel verfehlten. Oft erlagen feindliche Batterien noch in Marschkolonne oder im Auffahren, die Masse zertrümmerter Geschütze zeigte wahrlich, was es mit der »überlegenen« französischen Feldartillerie auf sich hatte. Ein französischer Artillerieoffizier bezeugt ausdrücklich: am stärksten hätten die Schrapnells unserer leichten Artillerie gewirkt. Steilfeuer unserer leichten Haubitzen war natürlich sehr wirksam, doch handelt es sich bei schwerer Artillerie sonst fast immer nur um moralische Wirkung. General Wriesberg (»Wehr und Waffen 1922«) glaubt sogar an Überlegenheit unseres Feldgeschützes im Material.

Die Generalstabsschrift über Mons nennt dort als harten Verlust der 12er, was im August 1870 nur ein üblicher Durchschnitt war. Sieben französische Regimenter und zwei Chasseurbataillone bei Wörth, sieben deutsche bei Mars la Tour und St. Privat litten prozentual in kürzester Frist mehr, als anscheinend irgend ein deutsches Regiment im Weltkrieg an einem Tage. Vervollkommnete Feuertechnik erhöhte also nicht den Verlust; der nur deshalb im ganzen unerhört hoch erscheint, weil er sich auf so langen Zeitraum und so große Massen verteilt. Jede friderizianische und napoleonische Schlacht hat höhere Prozentsätze, auch beim Offiziersverlust.

Deutscherseits klagt man pathetisch, unser Offizierkorps im Weltkrieg habe anfangs zu freigebig sein Leben geopfert, doch genau Gleiches taten die Feinde, deren Offiziersverlust noch weit größer war. Französische Infanterie focht vordem oft wie der Teufel, man braucht nur Thiebaults Memoiren über Austerlitz, Marmonts über Leipzig nachzulesen, alle Gloire-Überlieferung fand man noch bei Wörth bestätigt und tapfrer kann man nicht in den Tod gehen als auch diesmal die Franzmänner bei Arras und Verdun. Wir räumen ihnen das gebührende Lob ein, denn die Wilhelminischen Militärschriftsteller schwindelten dem Volke vor, der Franzos sei ein kleiner Protz, nicht würdig unseres Stahls! Doch wie ich Ducques liebenswürdiger Widmung seines Wörthbuchs erwiderte: »Die Herren drüben glauben wohl, weil ich deutsche Lügen verpöne, dufteten französische Lügen mir lieblich.« Ducquet fußt auf der falschen Angabe des deutschen Generalstabs, die Franzosen hätten bei Wörth nur 4000 Tote und Verwundete verloren, obschon das französische Generalstabswerk unsere Ergründung 12 000 bestätigt, und möchte aus der falschen Ziffer die überlegene Gewandtheit der Franzosen folgern. Er begreift nicht, daß 9000 unverwundete Gefangene, die dafür das deutsche G.-St.-Werk fälschlich nennt, (höchstens 400), den »glorreich Besiegten« weit minder zur Ehre gereichen würden.

Im Weltkrieg blieb den lieben Tartarins die Gascognegewohnheit, den Feind verächtlich zu machen. Am 27. August 1914 stellten sich 15 franz. Batterien im Artillerieduell a. d. Maas so gut, daß nur eine abfahren mußte: Flugs folgert Hanctaux, daß im gleichen Falle alle deutschen Batterien abgefahren wären! Die Unverschämtheit geht so weit, daß die erbärmliche Haltung der Kavallerie Sordet mit der Scheu unserer starken Reisigen vor persönlichem Handgemenge und dem Locken ritterlicher Gallier in Hinterhalte erklärt wird! Da wirft man zersplittert die Lanze der Unparteilichkeit fort, die man für den Gegner will.

Schönschreiberei tiefsinniger Journalisten oder oberflächliche Einzelschritten des Generalstabs, solche Kost mundete bisher den guten Deutschen, wenn sie vom Weltkrieg erfahren wollten. Sie hassen jede Gründlichkeit und fröhnen blindem Autoritätsglauben. Wir bieten etwas anderes: Die Wahrheit, von der Shakespeare sagt, daß sie als Köter in der Ecke steht, indes man Schoßhündchen Lüge liebkost. Daß unsere strenge statistische Methode dem großen Haufen schwerlich gefällt, ändert nichts daran, daß ohne Stärke- und Verluststatistik kein Kriegsereignis gewertet werden kann. Shakespearische Ironie kichert aus der Erkenntnis: erst schlägt man die Wahrheit tot, dann schweigt man sie tot, zuletzt eignet man sie sich an, als fände man sie selber. Wenn einschneidende Kritik dem Polonius und anderen kapitalen Kälbern den Bart stutzt, so schreien sie über Beeinträchtigung ehrwürdiger Reservatrechte. Polonius muß aber doch zum Barbier wandern, sonst raufen ihm unsanftere Hände die Haare aus. Der Rest ist nicht Schweigen, sondern es gilt das andere Zitat: Jetzt, Freund, ist's Zeit zum Lärmen!

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