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Bismarck - Band 3

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 3 - Kapitel 19
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 3
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vor Antwerpen und Maubeuge.

Schon am 6. beunruhigten Gruppen Beselers zwischen Antwerpen und Gent die Belgier, Scharmützel bei Melle und Landerziel endeten mit Erstürmung von Dedermonde (Termonde), wo noch 9. R. Jg. mitwirkten und einige Mordbubenerschießung angeblich deutsche Waffenehre befleckte. Als ob Franzosen und Briten laut Kriegsgeschichte sich nicht tausendmal Schlimmeres zu schulden kommen ließen! Denn von systematischer Zerstörung und Verwüstung hielten die Deutschen gänzlich die Hände frei. Selbst der Timeskorrespondent gab zu, daß sie beim Einmarsch strenge Manneszucht bewahrten und erst gegen Bandenunwesen zu Repressalien griffen. Einem unternehmungslustigen Gegner durfte man solche Raufereien unter Antwerpens Kanonen nicht bieten. Erst am 12., 13. näherte sich aber ein neuer großer Ausfall auf 2 km dem Bahnhof von Löwen und die Einwohner erlabten sich aus der Ferne am Anblick belgischer Reiter. Dem kriegerischen Instinkt König Albrechts schien der Zeitpunkt gekommen, zum »großen Sieg an der Marne« beizutragen, doch verspätete er sich und band wenig Kräfte. Auf 20 km langer, dünnbesetzter Front wichen Feldwachen und Vorposten, als 2., 6. D. auf Aerschot, 3. auf Overbevaert, 1. auf die bei Elewyth eingebuchtete Mitte Beselers sich einwühlten. Anfangs konnten die Löwener sich süßer Hoffnung hingeben, doch der Scherz kostete der Besatzung einen, ihrer Artillerie keinen Mann! Schon am 12. ging alles schief, am 13. war der Spuk vorüber. 2. D. riß 6. in Flucht mit sich, 3. wankte, 5. vor Eppeghem blieb hängen. Bei Aerschot siegte 5. R. D. zusammen mit dem braven L. St. Batl. Burg (310) und den hierher geworfenen Teilen von 105., 171., 172. Els. nebst Batterien von 50., 80. Art., im Zentrum die neue Ers. Brig. Magdeburg-Hameln (180). Bei Wespelaer und Thieldonk 73. Hann. L. W. (380). Am linken Flügel verlor Ers. D. Werder lächerlich wenig, ihr frisch angelangtes 9. Batl. Küstrin bei Operdorp. Summa des ganzen 1600, dazu Nebengefecht der Marinedivision bei Heest op den Berg (5, 300), der 39., 52. L. W., 2 Rheinl. L. W. Schwadron. Mit ihrer L. St. Batterie lagerte 12. L. W. schon vor dem Fortgürtel vor Lierre, 6. R. D. in der Nethe-Front bis Fort Wavre. So drang man westwärts bis zur Schelde. Obwohl die ihnen bei Löwen helfenden Elsässer und Ers. Teile alsbald südwärts abmarschierten und 9. R. K. längst an der Oise focht, hielt man Beselers schwache Kräfte für ausreichend, während Feldmarschall Goltz in Brüssel als Etappenschutz nur L. St. Batl. besaß. Ein geringschätzigeres Urteil über belgische Großtaten kann nicht gesprochen werden. Nach belgischer Angabe sollen diesmal 120 000 dem König zum Kampf gefolgt sein, selbst wenn wir dies für Übertreibung halten, war eine sicher doppelte Übermacht nicht imstande, das immer engere Zuziehen der Schlinge um Antwerpen zu hindern.

Der genügsame Stegemann ist auch mit dem »tapferen Kommandanten« von Maubeuge zufrieden, die Pariser Untersuchungskommission war nicht so befriedigt, daß 45 000 sich »14 000« Deutschen nach vierzehntägiger Einschließung ergaben und sich vorher drei Werke und das geschlossene Panzerfort Brussois nehmen ließen. Der Erfolg war größer als bei Lüttich und Namur. Allerdings bemißt man Zwels Belagerungskorps zu niedrig. 7. R. K., 26. Inf. Brig. und zuletzt noch 25. L. W. Brig. nebst vier R. Kompagnien 24., 25. Pioniere zählten sicher nahezu 35 000, welche jetzt für die Aisneschlacht frei wurden. Ihr Verlust war sehr gering, etwa 1200. Bülows Augustbeute von 116 Feld- und 232 Festungsgeschützen stieg damit ins Ungemessene. Viel englische Dumdum-Munition fand sich hier und der gefangene Oberst Gordon zuckte die Achseln, die Londoner Regierung habe ohne Wissen der Offiziere (?) die verbotenen Patronen so geliefert. Man kann den Deutschen nicht verargen, wenn sie angesichts solcher Vorkommnisse wie der schlappen Maubeuge-Verteidigung ihre Überlegenheit hoch anschlugen. Dachte Joffre bei seinen wütenden Angriffen an Entsatz von Maubeuge, wie er auch großartige Umfassung im Westen plante, um Antwerpen zu entsetzen, das man freilich noch für unbezwinglich hielt, während es Beseler als reife Frucht in den Schoß fiel? Nun, wer in der Marneschlacht sich schlug, mußte jetzt betreten gestehen, daß der ungeheure Ansturm vom 16.–26. doch den deutschen Linien höllisch zusetzte. Solchen gebieterischen Einfluß hat jeder Erfolg auf den Heeresgeist, selbst Scheinerfolg genügt; die am 5. Sept. noch matten und hoffnungslosen Franzosen waren am 15. nicht wiederzuerkennen. Sie hatten den Rücken der Deutschen gesehen, das machte sie trunken vor Freude und Stolz, »der böse Zauber ist gebrochen«. Bei den Deutschen war hingegen die Stimmung verärgert und verbittert, Mißtrauen in die Führung schlich sich ein. So dringend hat sich jeder Feldherr vor nicht unbedingt nötigem Rückzug zu hüten. Für den gemeinen Mann kommen Rückzug und Niederlage auf dasselbe hinaus. So war Bülow-Klucks Rückzug ein unsühnbares Verbrechen. Alles deutsche Elend stammt aus diesem Keim. Nie kann ein Volk zu vorsichtig in der Wahl seiner Führer sein. Doch leider steht ihm ja keine Wahl zu und der Philister beruhigt sich mit dem vorgeplärten alten Lied, daß die Regierung schon alles am besten besorge. So oft Joffre fortan Unmenschliches an Opfern und Anstrengungen heischte, immer wirkte der Hinweis: Denkt an die Marneschlacht!

Die Schlacht bei Reims.

Gemäß seinem Zeitvermischungssystem verlegt Bülow den Anfang der neuen Schlacht schon auf 13. Seiner durchsichtigen Absicht entspricht die Irreführung durch Ententeangaben, die natürlich bezwecken, die Ankunft an Aisne und Vesle möglichst früh anzusetzen. Tatsächlich gab es am 13., 14. überall nur Tastversuche, wie es den Raumverhältnissen nach nicht anders sein konnte. So bezieht sich ein leichter Vorstoß des Epinalkorps nur auf Planitz' Nachhut, Teile 103. standen nämlich noch am 14. in Gegend Sommesous, anscheinend auch Teile 101., so langsam vollzog sich der Abzug, während man uns einreden will, Hausen sei plötzlich am 11. in Gewaltmärschen enteilt. Diese Angaben sind nicht ernst zu nehmen, denn das vorausmarschierte 12. K. hatte seine Nachhut am 13. noch bei Auberive, obschon es zur Aisne abziehen sollte. Bülow gibt nun an, der Feind (nämlich 18. K. unter seinem neuen eifrigen Chef Maudhuy) habe die Vesle am 12. bei Fismes überschritten. Laut V. L. ging aber III/56. erst am 13. von Fismes zurück. 26. Brig. hatte durch Nachtmarsch von Maubeuge her Berry an der Aisne erreicht, vereinte sich mit 25. Brig., beide laut Bülow mit der 14. D. bei Cernay les Reims am rechten Flügel der 2. A. (»Der 3. A.«, einer der vielen Schreibfehler Bülows, der sich dabei erinnert, daß 14. D. früher bei Epernay stand). Unverständlich wie vieles andere ist die Räumung der Reimser Forts, die doch sicher gute Schlachtanlehnung gewährten. Besitz der F. Brimont und Pompelle kam nachher Esperet sehr zu statten. Wieder die reine Panik ohne Zweck und Sinn. Denn Bülow selbst gibt zu, er sei am 13. »ohne Nachdruck« angegriffen worden, d. h. es gab überhaupt keinen ernsten Angriff. Hülsen stand noch westlich Reims, sei aber schon am 12. (abends?) durch die Stadt auf Cernay retiriert, um nicht von Fismes her umgangen zu werden. Schon dies würde zwar unsere Meinung bestätigen, daß Esperet nicht vor 13. in Reims einziehen konnte, verrät aber wiederum Bülows kopflose Überstürzung. Denn vor 13. drohte Hülsen nichts von Fismes und verweisen wir hierbei auf Früheres, daß Maudhuy sicher erst am 11., 12. den Vormarsch zur Vesle begann, wobei ihm doch auch Richthofen und 25. Brig. im Wege standen. Er kann also erst nach ziemlich langem Flußgefecht gegen 25. L. W. Brig. den Übergang erzwungen haben, wobei 16. L. W. Köln und III/56. mäßig litten. Von da aber wandte sich Maudhuy sogleich nördlich zur Aisne, bedrohte also niemals Hülsen östlich in der Flanke. Das nächstbefindliche 3. K. langte schwerlich vor 14. gegenüber Hülsen an. Während an erneuter absichtlicher Vordatierung Bülows nicht zu zweifeln ist, bleibt freilich die Tatsache bestehen, daß Hülsen am 14. bis östlich Reims zurück war. Neue Kopflosigkeit dieser ekelhaften Panik Bülows. Grade Aufstellung westlich Reims hätte Maudhuys gefährliche Schwenkung nordwärts verzögert, da dann ihm Bülows Rechte in der Flanke stand. Ungeheuerlicherweise rückte aber die jetzt vereinte 13. D. südöstlich auf Brimont ab, nur 25. L. W. Brig. über Berry, welchen Schlüssel der Aisnestellung also Bülow blindlings preisgab. Und dieser Mann hat die Verwegenheit, sich über Kluck zu beschweren, weil dieser nicht die Lücke Craonne–Berry füllte, räumlich und zeitlich ein Ding der Unmöglichkeit. Er selbst lud den Feind förmlich ein, nordwärts in die leere Aisnelücke zu stoßen, andererseits blieb so Hülsen durch Einem völlig nach rechts gedeckt. Also ist hohle Ausflucht, er habe wegen Umgehung Reims räumen müssen. Warum blieb nicht wenigstens Fort Brimont besetzt, das doch nordöstlich Reims wahrlich nicht umgangen war? Rückwärts, rückwärts, allzu bescheidener Cid! Als Esperets Vorhut mit Hörnerschall ins verödete Reims einzog, mußte dies grundlose Aufgeben wichtiger Positionen wohl die Franzosen überzeugen, die Deutschen seien »demoralisiert«. Nicht die braven Truppen, das sollte man bald innewerden, doch ihr seelisch entmannter Führer. Bülow war ein alter Herr, die Anziennität in militärischer Hierarchie ist ein Krebsschaden stehender Heere, denn Anfälle von Altersschwäche können unendlich schaden. Hiermit wollen wir den Nervenzustand Bülows vom 9.–15. entschuldigen und die Gerechtigkeit gebietet zu betonen, daß er hernach plötzlich Geistesfrische wiedergewann. An seiner Leitung der neuen langen Schlacht ist nichts zu tadeln, sie war sogar stellenweise vortrefflich. Doch dies konnte die sinnlose Preisgabe der Forts und all die anderen Torheiten nicht wettmachen. Hätte Grouchy 1815 nur ein Zehntel der Einsicht und Tatkraft, die er auf seinem Rückzug von Wovre bewies, am 17., 18. Juni bewiesen, so wäre Napoleon nicht untergegangen; hätte der Bülow von St. Quentin und Reimser Schlacht am 9.–15. bessere Haltung gezeigt, dann wurde nicht Verderben über Deutschland heraufbeschworen. Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären.

Nach unserer Zeitaufhellung ist unmöglich, daß Esperets 1. K. sich am 12. Reims unmittelbar näherte, seine Vorhut kann erst am 13. die Turmspitzen der Kathedrale im Abendsonnenglanz erblickt haben. Hatte Emmich erst am 13. sein Stabsquartier hinter der Front in Epernay, so hatte er sicher, dort die 20. D. findend, die 19. D. noch westlich der Marne. Esperets 3. K. kam offenbar am 12. über Condé en Brie, die richtige Linie zum Aisnekanal nördlich Reims, kann ihn also unmöglich schon am 13. überschritten haben, wie Bülow vordatiert. Reservekorps Valabregue (und die ganze englisch-französische Reiterei) folgten Maudhuy zur Aisne, was bei dessen entferntem Stand viel Zeit erforderte. Ferner wurde das Algierkorps nach Amiens abgeschickt, auch dies beweist, wie spät sich Esperet entfaltet haben muß, denn vor 15. disponierte Joffre schwerlich darüber: Die Algierer würden schon früher nachgezogen sein, wenn Esperet weit nordöstlich vordrang. Wie soll Foch, nachdem seine Rechte von 24. R. D. heimgeschickt und am 12., 13. noch bei Chalons aufgehalten wurde, am 13. die Garde bei Prosnes angegriffen haben! Daß sie sich laut Bülow mühelos behauptete, heißt zu deutsch, daß es sich höchstens um Vorpostenscharmützel handelte. Am 15. stand laut V. L. die 1. G. D. noch bei St. Leonard südwestlich Reims. 78. R. am 12. bei Nogent l'Abbesse. 92. Inf. aber viel später noch bei Beine südlich Reims, so daß Fochs Angriff auf Bülows Linke erst sehr spät erfolgt sein muß, die von Beine in Linie Prunay–Sillery zurückging. 3. G. scheint bis 18. St. Leonard gehalten zu haben (90). 1. G. verlor auf dem Rückzug nur 15 am 15. bei Leonard, Elisabeth am 13. 14. nur 120, also ist ganz sicher, daß die Garde noch lange Vorstellungen südlich Reims innehielt und Fochs Angriff auf die von Bülow angeblich vom 13. bezogene Stellung nicht vor 17. erfolgte, wo und am 20. die 2. G. mäßigen Verlust angibt. 4., 5., 6. Batt. 1. G. Art. verloren 53 Kanoniere am 13., also beim Nachhutgefecht »bei Chalons«. Es verdient noch Erwähnung, daß beim 7. K. die Verhältnisse des Rückzugs sich sehr verwirrten. Wir fanden III/56. bei Fismes, II/53. war sogar anfangs zum 9. K. abgeirrt, die Joches-Gruppe schloß sich der Montmirail-Gruppe an und ging gleichfalls auf Fismes zurück. Die übrigen 8 Bataillone der 14. D. kamen teilweise, wenigstens III/57., von der Marne südlich ab bis Suippes in die Chalonsebene, ehe sie sich bei Epernay sammelten. Wir werden uns nicht wundern, ihr 56., 57. nachher am äußersten rechten Flügel zu finden, wo bereits III/56., III/57. bei der 13. D. gelandet waren, denn wahrscheinlich hat sich das Korps ursprünglich nicht bei Brimont vereint, Hülsens ursprünglicher Basis, sondern am rechten Flügel, so daß nicht 13. D. zur 14., sondern 14. zur 13. marschierte.

Daher konnte Einem auch nicht vor 14. bei Brimont vereint sein, also nicht das franz. 3. K. auf Brimont zurückwerfen, was höchstens für dessen Vorhut am 14. zutreffen mag. Der 15. ist der Tag, an dem Esperet und Fochs Linke auf der ganzen Linie Bülow angriffen. Wo Foch und 10. K. bei Prosnes–Prunay die Linien der Garde und Emmichs berührten, blieben sie in fünf Tagen ganz erfolglos. Auf dieser Strecke gewann die Schlacht nur südöstlicher einige Wichtigkeit, wo Foch zwischen 2. und 3. A eine Ecke abzubiegen suchte. Verschiedenste sächsische Regimenter stützten dort Bülows linke Flanke bei Thuisy, wie schon erwähnt. Auch Hülsen hatte anfangs leichte Tage. Dagegen brauste im Norden die Schlacht hoch auf. 3. franz. K. setzte über den Aisnekanal und griff die 14. D. bei Oreinville–Bourgogne an, mußte aber eiligst auf Bernericourt weichen. Das Ringen dauerte bis 17. blutig fort, 14. D. (nicht 13., Bülow verwechselt augenfällig) hielt sich ohne erhebliche Einbuße bei Brimont, dagegen richtete sich schwere Kanonade gegen 13. (nicht 14.) D., die sich ganz verausgabte und am 15. mitternachts über den Bahndamm zurückgedrängt wurde, der zwischen Loivre und Aquilcourt läuft. Der Feind drang seitwärts bis Marlet bei Orainville, 13. D. warf ihn aber westwärts zurück, unterstützt von 57., 16. R. bei Mabel Farm, die mit der 26. Brig. von Maubeuge gekommen waren. Dies harte Gefecht setzte sich nördlich bis über die Aisne fort, wo Bülow rechtzeitig am 14. ein Detachement unter Artilleriekommandant Steinmetz bildete. Es bestand aus abkömmlichen Reserven aller drei Korps, nämlich nach unserer Ermittlung aus Einems 57., Emmichs 164., 73., Hülsens 55. R. nebst 22. Art. Münster. Die Gruppe arbeitete sich bei Menneville bis Guiguicourt vor und drohte den Übergangspunkt Berry von Süden her zu sperren. Dies durfte der Feind (Balabregue rechts von Maudhuy) nicht dulden und lief wiederholt Bülows Rechte an. Mittlerweile wechselte anscheinend Hülsen zwischen Cernay–Witry les Reims den Platz mit Emmich, dessen bisher frische 20. D. den großen Gegenstoß von Bourgogne her mitmachen sollte, zu welchem Bülow das ihm zur Verfügung gestellte Hessenkorps dort in Bereitschaft setzte. Klug und energisch gehandelt, denn am Nordflügel lag die taktische und vielleicht strategische Entscheidung. Während des folgenden Hauptkampfes demonstrierte Hülsen vor Reims, seine Artillerie spielte stark, und 2. G. D. löste die bisher allein im Vordertreffen stehende 1. ab. Am 19. früh traf eine Brigade ein, die sich der Kronprinz für Bülow vom Munde absparte (62., 63., nicht die ganze 12. D., wie man überall liest). Jetzt vereinte sich das ganze Gardekorps östlich des Forts Witry les Reims als Heerreserve. Bülow schreibt wieder summarisch »18. K.«, es waren aber nur Teile davon, die mit den Westfalen in der Linie Loivre-Courcy-La Neuvilette langsam, doch erfolgreich sich festsetzten. In der Nacht zum 18. (17. vordatiert) und bei Tagesanbruch brechen die Oldenburger und Braunschweiger der 20. D. nach Überschreiten des Kanals gegen die angrenzenden Höhen vor, wo das franz. 1. K. angriffsweise entgegenkam. Der Kampf bei Courcy wurde ernst und opfervoll, auch Kurhessen wirkten dort mit, während das 7. K. Loivre nahm und im Verein mit Darmhessen das Hauptfort Brimont erstürmte, 3500 Gefangene erwischend. Auch Hülsen bedrohte Reims, das er bis 20. abends beschoß. Jetzt endete das Ringen vorläufig unter Erschöpfung. Die Korps verschoben sich auch hier ineinander, von den Hessen fochten wahrscheinlich nur I/II/81. bei Courcy (470, III. blieb bei Sarvon), 116. (480), 117. (300), 21. P. bei Orainville, schon am 16. angelangt und anscheinend bis 27. dort verharrend, 61. Art. parkierte am 20. in Reserve, Teile 25. P. gingen zu Steinmetz nach Guignicourt (62), Hülsen behielt 92. R. Osnabrück und das im August schwergeprüfte 91. R. anscheinend im Rückhalt, während 77., 79. R. am linken Flügel bis 19. ziemlich litten, dazu 20. R. A. (100). Dagegen scheint die ursprünglich bei Nogent l'Abbesse stehende 19. R. D. nordwärts abmarschiert zu sein, denn 78. R. war am 21. bei Orainville (490), 74. R. (besonders III.), dort in besonders heftigem Kampf. Es verlor 940, davon freilich seit 20. nur 68, so daß Bülows Behauptung sich hier bewahrheiten würde, daß die Schlacht wesentlich am 20. endete. Das trifft aber bei anderen Teilen durchaus nicht zu. 73. R., das Bircher auch am Morin fechten ließ, verlor im September so gut wie Null. Aus Bülows Schreibart werde ein anderer klug. Danach wurde später 1. G. D. zwischen 2. G. D. und 19. R. D. eingesetzt. Ist dies zweimal wiederholter Schreibfehler für 19. D. Emmichs oder wurde 19. R. D. später aus der Nordfront hinausgenommen und wieder bei Witry les Reims als Reserve aufgespart? Griff aber 2. G. D. später rechts von der 1. an, so stand nichts »zwischen« und anfangs stand Emmich, nicht Hülsen, rechts von der Garde wie früher. Deshalb schanzten 10. P. bei Witry, 10. Art. feuerte bei Nogent neben 3. G. Art., 74. Inf. blieb bei Cernay in Ruhestellung. 73. rückte nach Aquilcourt ab, es ist fraglich, ob außer 78. nebst Ers. Batl. Aurich sonstwer am linken Flügel blieb. Vom 79. focht nur 8. Komp., die vernichtet wurde (4 Off., 150). Inkl. 26., 62. Art. bei La-Mark (160) verlor Emmich in der Reimsstellung nur etwa 2700 (164., 73. bei Aquilcourt natürlich ungerechnet), da bei 91., 92. in allzu summarischer Gesamtliste (2900) viel für anderes abzuziehen wäre, übrigens die des 91. bis 12. Okt. läuft. Hülsen verlor 2600, was den Umständen entspricht. Daß 74. R. von seinem Monatsverlust (rund 1500) die größere Hälfte früher bei Charleville verlor oder gar zwei Drittel, ist ganz unwahrscheinlich in Anbetracht des feststehenden mäßigen Morinverlustes von 73. Inf., 10. R. Jg., die mit ihm fochten. Die Hessen (1350) stützten zwar ausgiebig die 14. D., waren aber für den Ausschlag nicht maßgebend, auch gab es nicht einen von Stegemann markierten großartigen Angriff Hülsens auf Reims, wo vielmehr Emmichs 91., 92. zu nennen wären, sondern die Westfalen (bisher im Feldzug wenig hervorgetreten) waren die wahren Helden der Reimsschlacht. Sie bereiteten dem vom Schloßberg Brimont herabgeworfenen 3. K. zunächst eine vollständige Niederlage. Dies war die 14. D., von Bülow fast stets im Text mit 13. verwechselt trotz richtiger Karte. Sie stand zwischen Orainville und Bourgogne, also nicht »nördlich Condré«. Obwohl er das Gegenteil sagt, hatte nur 13. D. durchweg einen schweren Stand. Abgesehen von neuem Druckfehler »1. D.« verwirrt er den Leser, wenn er 14. D. die Nordstrecke einnehmen und durch Eingriffe aus Süden schwer leiden läßt, sie hatte erst nur Angreifer aus Westen. Dies war die 13. D., gsie lag wirklich unter schwerer Kanonade, wie die Einbuße ihrer Artillerie zeigt. Sie wurde nicht nur bis, sondern über den Bahndamm zurückgedrängt; die Bahn streicht westlich Brimont vorbei, das damals noch vom Feind besetzt war, der Damm wäre also der Länge nach bestrichen worden, eine unmögliche Gefechtsstellung. Man mußte sie verlassen oder darüber hinausdringen, wie später geschah. Daß am 16. die 13. D. (nicht die 14.) »stark erschüttert« wurde, geht schon daraus hervor, daß das nächstgelegene Regiment des vorüberziehenden Dresdner Korps nach Mitternacht alarmiert und im Gehölz westlich Orainville–Merlet zur Verfügung gestellt wurde. »Dem Kommandeur der 14. D.« schreibt Bülow schon wieder, nachdem er vorher 13. D. grade nach Orainville versetzte. Sie dehnte sich von dort nach Menneville und drang noch nordwestlich vor bis Condé, (nordwestlich Berry, nicht zu verwechseln mit Condé en Brie oder Fort Condé an der mittleren Aisne) in steter Verbindung mit Gruppe Steinmetz, also mit ihrer Rechten schon jenseits der Aisne. Man begreift jetzt, warum auch Regimenter Hülsens und 73. Inf. nach dieser Richtung verstärken mußten. Die Schlacht war hier und bei Aquilcourt weitaus am heftigsten und blutigsten, laut V. L. überträgt Bülow oberflächlich das Abflauen der Schlacht am 20. im Zentrum auf die Rechte, die fortdauernd in bitterer Verstrickung lag. Nur die früher bei Montmirail fechtenden zwei Regimenter scheinen mehr im Rückhalt geblieben. Die schon am 16. »bei Reims« fechtenden 57., 16. R. verloren 1750 (970 von 16.), sie marschierten später zu Zwehl ab. Da von »verstärkter 25. Brig.«, »verstärkter 26. Brig.« die Rede ist, so können nur diese Regimenter gemeint sein, die mit 26. Brig. von Maubeuge kamen.

53. Inf. stand bei Marlet bis 26. im heftigsten Feuer (1400, wovon anfangs nur III. furchtbar litt: 620), mit 58. Art. Minden (130). Nach 20. machte auch 158. einen heftigen Vorstoß (540 bis 3. Okt.), nachdem 159. bis 20. schon 400 verlor. Nun ist freilich nicht zu leugnen, daß 14. D. jetzt Brig. Schwarte nordwärts hinüberschickte, deren 56. bis 28. bei Condé in hartem Kampf stand (890), desgleichen I/II/57. (430), III. 520. Obschon der Kampf von Steinmetz eigentlich zur Aisneschlacht gehört, muß er doch hier einbezogen werden, da diese Gruppe und 13. D. sich die Hand reichten bei Condé, über welches Steinmetz bis Aquilcourt südwestlich vordrang. Der tapfere General selber fand den Heldentod, auch hier war die Einbuße groß, weniger bei 55. R. Soest (500) als bei 164. (700), und dem erst später eintreffenden 73. (900), 22. Art. (145). Die bei Marlet nordwestlich Orainville aneinanderstoßenden westfälischen Divisionen hatten dort beide einen Brennpunkt, denn III/16. neben III/15. litt auch erheblich (440), I/II. erstürmten Brimont (520), wo 43. Art. Wesel feuerte (105, Oberst v. Beaulieu verwundet). 53. bei Marlet und Orainville (580)., dazu das später aus Rampcel eintreffende Battaillon (250). 7. Pioniere bei Brimont litten nicht sehr. Selbstverständlich machte der Feind im Einfallwinkel zwischen Aisne und Laivre die stärksten Anstrengungen. Bei ihrem Vordrängen nordwestlich sah sich 13. D. vom 3. K. aus Süden angegriffen, während der nach Nordosten fechtende Valabregue nach Osten gegen sie einschwenkte, um den Schlag zu parieren, freilich auch gegen Schwarte.

Das 18. K., von dem bereits Teile nach Westen unterwegs waren, rollte über La Fère hinter der Front am 23. ab, ebenso die Gardekavallerie. Dies geschah auf Vorschlag Bülows nach Besprechung mit Falkenhahn, er wollte schon damals mit neuer Armee nach Westen übersiedeln. Diese richtige Einsicht löst für Böswillige leider den Verdacht aus, daß er sich von längerem Verweilen bei Reims persönlich keine Lorbeeren versprach. Mochten Heeringen, Einem, der Kronprinz auf ihren für die Fama unfruchtbaren Posten verharren, ihn zog neuerwachte ehrgeizige Tatenlust nach Westen. Er ließ sich auch vom Oberbefehl der 1., 7. A. entbinden, nachdem er aus der Ferne allerhand irrige Anforderungen stellte, die durch die Ereignisse überholt wurden. So erhob er den Anspruch, Kluck solle mit zwei K. das 7. R. K. unterstützen, was sich durch die wirklichen Verhältnisse ausschloß. Also immer wieder der Trieb, andere für seine Interessen zu verbrauchen. Früher war er doch so innig um Kluck besorgt, dieser könne im Westen umfaßt werden. Das wäre jetzt natürlich eingetreten, wenn Kluck sich östlich ausgedehnt hätte. Bei Reims wollte Bülow schon Feierabend machen, die O. H. L. war jedoch der Ansicht, der Feind müsse durch 2., 7. A. gefesselt werden, damit er nicht dauernd Truppen zur Verstärkung seines Westflügels herausnehme, was man schon seit längerer Zeit beobachtet haben wollte. (Wahrscheinlich sind aber 9., 11., 21., K., 42. D. wesentlich erst bei Monatsende abgeschoben worden.) Die von Bülow beabsichtigte Entsendung des Gardekorps unterblieb daher vorerst, zumal der Feind durch wiederholte Vorstöße, die für ihn blutig und zwecklos verliefen, die gleiche Absicht verriet, deutsche Verschickungen nach Westen zu hindern. So wurde am 25. die Schlesierbrigade bei Sillevy angefallen. Am 26. früh wollte Bülow angreifen. Esperet kam ihm aber schon bei Nacht zuvor und brachte 13. D. nebst Gruppe Steinmetz in Unordnung. Dagegen drangen 14. D. und die hannoverschen Teile, die bis 19. das 1. franz. K. bis über die Landstraße nördlich Reims geworfen hatten, schneidig bis über Courcy–Neuvelette und die sie verbindende Straße vor. Dieser mit großer Wucht geführte Stoß bewog Esperet, von weiterer Offensive am Nordflügel abzusehen. 2. G. D. und Teile 19. R. D. beobachteten Reims, während 1. G. D. am Südende der Stellung den Schlesiern bei Sillery zu Hilfe kam. Das bretonische 10. K. und Teile Fochs waren tags zuvor bei Fort Pompalle vorgeprallt über Thuisy und Sillery hinaus. Jetzt trug General Huthier (der spätere Armeechef) den Angriff seiner 1. G. D. stürmisch bis zum Kanal östlich Sillery; Fochs Linke wich erschüttert »unter großen Verlusten«, doch aus dem Waldstück südlich Sillery schlug Flankenfeuer entgegen, ebenso aus Thuisy südöstlich, wo Kirchbach angeblich nicht nach Verabredung von Souplet vorgehen konnte. Inzwischen warf 2. G. D. die Bretonen bei Pompalle, mußte aber wegen Kreuzfeuer ihr Vorgehen einstellen. Am 27. erlosch die Schlacht. Dies alles erzählt Bülow. Doch am rechten Flügel focht man noch bis 28.; die Angriffsbewegung der Garde wird in V. L. nicht erkennbar, vielmehr meldet 3. G. nur bis 24. Verlust, 2. G. nur 50 am 29.; nur 2. G. Fußart. bei Witry verzeichnet am 27. Verlust. Es ist schwerlich richtig, daß die Sachsen (107. R. und Teile mancher Linienregimenter sowie 23. R. D.) nicht von Souplet vorgingen, vielmehr scheinen sie und die Schlesier Thuisy erreicht zu haben und alles der 1. G. D. Zugesprochene weit eher auf sie zu passen. Wir behaupten nicht, daß alles hier von Bülow Erzählte apokryph sei, wenigstens nicht Kampf der 2. G. D. bei Pompalle (richtiger das Rgt. Augusta), doch handelt es sich sicher um starke Übertreibung zu dem Zweck, die 3. A. als ohnmächtig und die 2. A. als überall großmächtig auszugeben. Die Garde verlor seit 13. nur 1750 (186 Art.), Hülsen inkl. 55. R. 3000, Emmich inkl. 73., 164. rund 4300, 7. K. inkl. Abt. Steinmetz und 16., 57. R. »bei Reims« 8250, so daß inkl. Schlesier bei Sillery und Hessen die Schlacht Bülows 19 000 kostete. Der Feind muß wie überall auf der langen Front bei seinen Einbruchsversuchen, die noch gründlicher scheiterten als in der Champagne, weit mehr eingebüßt haben. Die erkennbare Wirkung blieb eben vollkommener Mißerfolg Esperets, dessen 3., 1. K. einen schweren Schlag erhielten; 3. K. verabschiedete sich nach Westen.

Am 28. ging die Kavallerie des Gardekorps (Husaren und 2. Ulanen), des 7., 10. K. (16. Ul., 17. Hus.) nach Westen; bis 2. Okt. folgte das ganze G. K. General Plettenberg ließ jedoch einige Teile laut Oktoberlisten zurück, die erst später nacheilten. Am 5. Okt. befand sich 13. D. schon auf dem Weg nach Cambrai, am 8. auch 14. D. Nur die Hannoveraner blieben vor Reims, die Heeringen zur 7. A. übernahm. Der Feldzug stagnierte fortan auf dieser ganzen Front, wobei sich indessen immer wieder rächte, daß Bülow in unentwegter Retirade-Liebhaberei die Forts geräumt hatte. Daß man eine solche Ausleerung der Verteidigungsfront wagte, zeigt deutlicher als alles, wie sehr man Esperet für erledigt hielt. Gegenüber Langle hatte man den gleichen Eindruck. Nachdem 19. K., das noch einige kleine Bruchteile bei Souplet beließ, und 25. R. D. nach Westen abdampften, blieben also von ursprünglich 32 Div. auf der Strecke Reims–Maas nur noch 19. Denn auch der Kronprinz gab 26. D. zur 6. A. ab, wozu später noch 9. R. D. kam. Der Feind behielt von analogen 35 D. zuletzt noch 25, fühlte sich aber unfähig zu weiterem Hämmern, ein Beweis, wie furchtbare Blutbäder ihn schwächten.

Schlacht an der Aisne.

Der Rücken Antwerpen–Maubeuge war nun frei und gesichert. Man rechnete auf Einspringen der neuen 7. A. Heeringen (15., 12. K. und freigewordenes 7. R. K.) zwischen 1. und 2. A., wo ein leerer Raum sich zu öffnen schien. Bülow depeschierte fortwährend an Kluck, er solle seine Rechte gestaffelt zurückbiegen, weil er sonst umwickelt werde, als ob gute Truppen sich nicht immer loswickeln könnten, und verlangte dafür große Linksschiebung bis Craonne, wo zur Zeit völlige Leere bestand durch Bülows eigene Schuld, der noch keinerlei Truppen nordwärts entsendete. Kluck verweigerte Beides. Es macht einen bemühenden Eindruck, daß Bülow seinen Kollegen vorher nur lau tadelt, wo er schärfste Verdammung verdient, ihn jetzt aber mit schärfsten Rügen bedenkt für sehr vernünftiges lobenswertes Verhalten. Esperets linkes Flügelkorps Maudhuy, gefolgt von C. Valabregue, wandte sich von Fismes unmittelbar nordwärts auf Berry und Pontavert, die Aisneübergänge. Da Flußüberschreitung für zwei Armeekorps viel Zeit erfordert, zumal hier, wo französisch-englische Geschwader sich in die Marschsäulen eindrängten und an die Spitze stellten, so ist schlechterdings unmöglich, daß Maudhuy am 14. bei Craonne sich entwickelte. Dies muß Bülow natürlich behufs allgemeiner tendenziöser Vordatierung aufrecht halten, und es wurde allgemein »Geschichte«. Das Gegenteil beweist sich leicht. Am 14. machte sich die bei Neufchâtel gebildete Truppe Steinmetz nach Berry auf und legte sich dem alliierten Kavalleriekorps vor, das laut Bülows eigener Angabe erst am 14. bei Sissonne–Malmaison vorstrebte. Bis Amifontaine vorgedrungen, mußten diese Geschwader und reitenden Batterien eiligst zurückgehen, »um nicht abgeschnitten zu werden.« Wieso, wenn damals schon die beiden französischen Corps sich in voller Entwicklung nördlich der Aisne befanden? Zum Überfluß sagt Bülow selber, daß der Feind erst am 14. auf dem nördlichen Flußufer Fuß faßte. Wie er damit reimen will, daß Maudhuy schon am 13. mit aller Kraft bei Craonne angriff, bleibt das Geheimnis dieser Zeitkonfusion, der man kriegsgeschichtlich so oft begegnet und die nur dem aufmerksamen Forscher nicht entgeht. Man könnte derlei verzeihen, wenn nicht die Absicht verstimmte. (Alle Stundenfälschungen, wie die von uns für Aspern, Wagram, Borodino und Mars la Tour enthüllten, haben ihren bestimmten besonderen Zweck, um eine unangenehme Wahrheit zu verdunkeln.) Es ist möglich, daß am 14., nicht 13. eine Vorhut Maudhuys das Plateau Corbeny-Craonne erreichte. Hier stand die über Laon angelangte 27. (nicht 26.) R. Brig. nebst Hälfte 14. R. Art. und Hälfte 7. R. Pioniere und bildete sich hier eine neue Legende, deren künstlerische Ausmalung man wieder Stegemann verdankt. Hiernach stürzte sich Zwehl opfermutig, ein neuer Curtius, in den Abgrund, um die Lücke zu schließen; es »dämmert« fürs 7. R. K. ein Tag unsterblichen Opfermutes. Wir müssen mit rauher Hand den Schmelz von den Schmetterlingsflügeln dieser Heroenpsyche abstreifen. Denn tatsächlich geschah am 14. nichts außerordentliches; 13., 53. R. hielten auf den Craonnehöhen ganz wacker aus, möglichenfalls verdichtete sich dort zusehends eine feindliche Übermacht, sicher keine beträchtliche, da Maudhuy am 14. schwerlich viel mehr als eine Vorhutdivision einsetzen konnte. Ging er doch sicher später als das Kavalleriekorps über den Fluß und hatte schwierigen Anstieg aufs Plateau. Die alliierten Geschwader stießen übrigens auf Richthofen, der seine 5. Kav. D. unnötigerweise an die Grenzecke zwischen 2., 3. A. abgeben mußte, dafür aber Marrwitz' 2. Kav. D. erhielt. Sie und die Gardekavallerie zwangen den an Zahl sehr überlegenen Feind zur Umkehr unter beträchtlichem Verlust durch Steinmetz' Gewehr- und Geschützfeuer. Das Kav. K. floh in Unordnung über die Aisnebrücken auf Nimmerwiederkehr, wo indessen Balabregue überzugehen begann. Ferner lassen die V. L. keinen Zweifel, daß Deimling nicht am 14., geschweige 13., sondern 15. den Hauptkampf begann. Dagegen stand Zwehls R. Brig. ohnehin nicht ganz allein; denn merkwürdigerweise waren dort bald ein sächsisches Reserve- und ein L. W. Rgt. im Anmarsch, außerdem focht mit 16. L. W. Köln; auch war der R. Brig. II/39. Inf. beigegeben. Nur bei diesem Aktivbataillon traten Szenen besonderen Opfermutes ein; denn es verlor allein 760, dagegen die 6 R. Bataillone zusammen nur 950, und die Artillerieabteilung, deren Opfermut man verklärt, litt nicht mehr als andere westfälische Artillerie, unendlich weniger als die Batterien Kirchbachs und Fabeks. Übrigens erstrecken sich obige Verluste bis Monatsende, nur noch ein drittes Regiment Zwehls griff später ein; die zwei bei Mabel Farm stießen erst nachher hinzu. Die Winkelriedherrlichkeit des 7. R. K., wovon die Legende phantasiert, zerstiebt angesichts einer Gesamteinbuße von höchstens 2300 inkl. Kölner L. W. Es spielte im großen entbrannten Plateaukampf keine hervorragende Rolle, sondern wehrte sich mühselig seiner Haut bei Carny rechts von Deimling und genoß dabei noch den Schutz von Marrwitz' 9. Kav. D., die von Soissons dorthin abschwenkte. Es ist bezeichnend für diesen angeblichen Thermopylenkampf, daß 7. R. P. nur 28 Mann verloren, die Artillerieabteilung 65, erst später die Gesamtartillerie Zwehls inkl. 9. R. Fuß Art. 125. Stegemann hat gehört, daß Zwehl nur 10 000 Gewehre hatte, das stimmt auffallend. Inkl. 56. R. Wesel, das erst später kam, im ganzen 10. Batl. Glücklicherweise ist die ganze Krise, für deren »Entdeckung« man den Feuilletonhistoriker feierte, ein Luftgebilde, obschon Bülow ein Interesse daran hat, um sich an Kluck zu reiben. Es ist aber nicht einmal richtig, daß dieser gar nichts tat, um die »Lücke« von seiten der Brandenburger zu schließen. Denn letztere sandten das frisch eingetroffene 31. Pionierbataillon (aus Gardeersatz gebildet) nach Heurtebise zum Schanzen, wo sie 92 verloren, also über dreimal mehr, als 7. R. P.

Laut Bülow sei der »Rest« Zwehls am 13. abends eingetroffen, wirklich ein sogen. schäbiger Rest, da dies nur ein Regiment war, nebst Deimlings ersten Abteilungen. Schon früh protestierten wir gegen die ganze Legende auf Grund der V. L., wonach Deimlings Vorhut erst am 14. abends eintraf. Was war sie? III/136. (100), I/172, bei Corbeny (100), 105. bei Craonne (140), 15. Pioniere (11), 86. Art. (10). Nun wird wohl niemand glauben, der Kampf auf Westseite des Plateaus bei Cerny sei so heftig gewesen, wie bei Craonne. Wenn also Deimlings Vorhut am 14. abends nur 360 verlor, so kann das Gefecht am 14. überhaupt nicht ernst gewesen sein. 50. bad. Art. verlor sogar nur 5 Mann bei Heurtebise, dem aus Napoleons Craonneschlacht bekannten Vorwerk, das also damals noch in deutschen Händen war. Somit ist reine Fabel, daß die westf. R. Brig. in langem schwerem Kampf vom Craonneplateau hinabgeworfen wurde. Vermutlich hat man 16., 57. R. zu Zwehls Verlust gezählt, die bestimmt »bei Reims« so schwer litten und erst später bei Zwehl eintrafen, als der Kampf vorüber war. Gingen sie, die viel früher von Maubeuge abmarschierten, aber erst »bei Reims am 16.« ins Feuer, so schrumpft die ganze Mythe wohl dahin ein, daß das niederrheinische Füsilierbataillon als Vorhut am 13. abends bei Craonne einige Feinde vor sich sah, und einige Batterien isoliert das Feuer eröffneten, was dann am 14. zu ungleichem Kampf mit Maudhuys Vortrab und kurzer Bedrängnis führte, bis vier Bataillone Deimlings das Gefecht herstellten. Da Zwehl am 12. abends bei Laon eintraf, Deimling erst 12. mittags bei St. Quentin, so ist nur natürlich, daß Zwehls Vorhut früher bei Craonne eintraf als die Deimlings. Doch andererseits wird von Bülow selber festgelegt, daß Deimlings Vorhut und Zwehls »Rest« gleichzeitig ins Gefecht traten, was für erstere bestimmt den 14. bedeutet. Da Maudhuy den Übergang der Reitermasse abwarten mußte und diese erst am 14. sich ausbreitete, so ist unmöglich, daß er am 14. mehr als ein oder zwei Vorderbrigaden bei Craonne entwickelte, wo die Westfalen das Plateau nicht leer, sondern 25. L. W. Brig. und 31. P. vorfanden. Eine bedrohliche Lücke bestand also nie, denn am 13. war der Feind noch nicht da, am 14. erst spät mit geringen Teilen, gegen die bereits genügende deutsche Kräfte zur Hand waren.

Es ist hingegen unwahrscheinlich, daß in den am 15. beginnenden Hauptkampf schon Teile der Sächsischen 23. D. bei Steinmetz eingriffen. Wir sahen, daß bedeutende Teile 12. K. und grade der 23. D. am 15. noch weit zurück im Schlachtfeld der 3. A. verweilten und in der Nacht zum 17. noch Kräfte 12. K. hinter Orainville vorbeizogen. Bülow treibt wieder sein altes Spiel mit »23., 32. D.«, als ob diese Truppenkörper vereint gewesen wären, während sie offenbar nach den V. L. erst nacheinander regimentweise und niemals vollzählig eingriffen. Der so schwere Kampf des Detachement Steinmetz beweist, daß es gegen bedeutende Übermacht focht, und nehmen wir an, daß Maudhuy mit zwei Divisionen über Pontavert vorging, eine neben 3. K. südlich Berry blieb. Der nächste Kampfakt war hier der, daß Richthofen, nachdem er sich auf die feindliche Kavallerie stürzte und sie ganz vom Schlachtfeld fortfegte, sich bis Chavignon a. d. Lette heranschob, östlich Corbeny kräftig kanonierte und seine Gardejäger zum Waldsturm bei Ville aux Bois berief. Auf dem Craonneplateau war auch am 15. noch nichts von besonderer Bedrängnis zu verspüren. Das lehren die geringen Verluste: I/171. bei Craonelle 200, III/136. bei Craonne 225. Erst im Laufe des 15. durfte Maudhuy daran denken, seine Masse anzusetzen, ehe man nicht links von ihm den Aisneübergang Soissons fest in der Hand hatte. Wie wir ihn schon in Lothringen kennen lernten, zeigte der befähigte Führer die größte Entschlossenheit, seine bisher wenig glücklichen Bordelaisen taten es jetzt den Südfranzosen des 16., 17. K. gleich, sie enthielten ja auch die kraftvollen Bergbewohner der Hautes Pyrenées. Am 16. wurde der Kampf schon sehr heftig und endete keineswegs, wie Bülow sagt, am 19., sondern setzte sich bis 28. und sogar 1. Okt. fort. Mit rücksichtsloser Hingebung warfen sich die bei Aiselles nacheinander eintreffenden Elsässer Regimenter auf den gefährlichen Feind. Voraus die 60. Brig. Straßburg, bei Kriegsbeginn am ersten auf dem Kampfplatz, die heldenmütigen Württemberger 126er, 61. Br. brachten wieder die bittersten Opfer (1450), auch das Straßburger Regiment 143 verlor 900. Sie trieben bei Chevreux und Bouconville den Gegner ins Ailettetal nach Pontavert. Auf der Craonneseite stellte 172. sein Vorgehen allerdings am 19. ein, ebenso 132. und 8. Jäger (200), die bei Juvincourt und Ville aux Bois sich der sächsischen Schlachtreihe mischten, doch 171. (nochmals 700, meist I.) und 103. (nochmals 580) fochten bis 27. Das 99. und sieben andere Bataillone waren noch nicht da. Im ganzen betrug Deimlings Verlust 4800 (I/II/136. bei Mudra abgerechnet).

Der Umschwung einer für die Franzosen anfangs aussichtsreichen Lage machte sich bald geltend, ihre Verluste wuchsen, Tag für Tag kamen mehr Elsässer und Sachsen. Was bei Heurtebise den Abhang erstieg, ward abgeschmettert auf Courteron und Mabel Farm. (Hier marschierte zuletzt auch 16., 57. R. auf, es ist aber unwahrscheinlich, daß sie dort noch einen Teil ihres für Reims berechneten Verlustes hatten). Aus dem tiefer liegenden Craonne suchte Maudhuy am 29. nochmals durchzudringen, wurde aber bei Craonelle und Corbeny abwärts geschleudert. Dort suchte früher die verbündete Reiterei übermütig anzureiten, was man gebührend bestrafte und ihre reitenden Batterien zusammenschoß. Daß jemals wegen ungestopfter Lücke »Untergang« drohte, solche geschwollenen Ausdrücke sollte man vermeiden. Deutsche Truppen geben sich nicht so leicht und die Lücke war zu schmal, um Einbruch größerer Massen zu gestatten. Immerhin blieb es für Heeringen peinlich, daß der Feind am Nordufer festen Fuß faßte. Die Elsässer dürfen mit Stolz auf ihre Leistung blicken, gegen einen so zähen und tapferen Feind. Sie opferten sich, nicht Zwehls Reservisten, deren ganze Artillerie man wegen einer zerschossen liegengebliebenen Batterie preist. Ob sie bis zuletzt ihre Maschinengewehre spielen ließen, sie begünstigte die Stellung und zu Gegenstößen rafften sie sich nicht auf. Die Hekatombe Zwehls schrumpft auf das eine aktive Füsilierbatl. zusammen, dessen Aufopferung wir ehrfurchtsvoll begrüßen. Andere Reservekorps, wie besonders das 4., 6., leisteten ungleich mehr, auch Zwehls R. Brig. bei Reims. Neben den Heldentaten des westfälischen Aktivkorps bei Reims und später erst recht im fernen Westen verdient dies R. K. keinerlei Hervorhebung. Wir unterstreichen derlei immer, weil wir überall beherzigen: Ehre, dem Ehre gebührt. Schaurige Denkmale von eigenen und Feindesleichen gab es weit mehr bei Ailles und Abtei Vaucler, aus der alten Napoleonsschlacht bekannten Orten, wo Württemberger und Elsässer sich ins Getümmel stürzten und vernichtet nicht abglitten, sondern auf ihrem Posten starben und den wütigen Gegner abwärtsdrängten. Der Schlag bei Ailles, wo Teile von Planitz seitwärts mit ins Aillettetal eindrangen, betäubte Maudhuys Rechte, doch zerbrach sie nicht, zu ihrer Ehre sei es gesagt.

Obwohl Division Hohenborn viel Boden gewann und mit der Straßburgerbrigade bis Monatende ernst machte, flaute die Schlacht bei Div. Kathen ab und Zwehl verhielt sich bei Cerny passiv, von Maudhuys linkem Flügel eingeklemmt. Respekt vor Maudhuy, daß er sich doch ständig an die Ränder des Plateaus klammerte und sich nicht in die Aisne werfen ließ. 104. R. griff schon am 19. bei Corbeny ein, 104. L. W. finden wir dort bis l9. in heftigem Kampf (580). Bei Monatsende erschienen sogar Teile von 104., 139. Inf., 19. Art. bei Ville aux Bois, als Vortrab des Leipziger Korps, das hinter der Front nach Lille abwandern sollte. Auch hier ist irrig, sich den Hauptkampf vom l6.–19. vorzustellen. Erst später traten etwas ernstere Verluste ein. So hatte 101. noch nicht ein Drittel seines Verlustes (870) bis 19., das meiste erst am 28. Auch ist irrig, daß 23. vor 32. D. angriff, vielmehr näherte sich das Spitzenregiment 177. der 32. D. schon am 16. Juvincourt, um Verbindung mit Deimling herzustellen, und litt gleich anfangs erheblich. Gruppe Steinmetz, deren Zusammensetzung wir mühsam aus den Listen zusammenklaubten, genügte im Verein mit Richthofen, Valabreques Angriff in Schach zu halten, und als d'Elsa in Aktion trat, wäre unbegreiflich, daß die Franzosen, die auch hier mit großer Bravour fochten, sich immer am Nordufer behaupten konnten. Der gut angelegte Angriff d'Elsas erfüllte seine Aufgabe nicht, ihnen den Rückzug abzuschneiden. Doch unser warum verweist auf Ausbleiben vieler Teile im Champagneschlachtfeld, die erst im Oktober ihr Korps erreichten. Die Artillerie versäumte meist den Anschluß, 48. wirkte wenig, 12. (120) erst nach 20. (vorher bei Sommepy), überhaupt hatten nur 101., 177. ernsten Verlust, 103., 178. offenbar nur vorher in der Champagne. Im ganzen verloren die Sachsen inkl. L. W. etwa 3700. Das Schützenregiment verlor wieder nur 90, ein Häuflein Leibgrenadiere sehr wenig (seit Dinant 2000 mit nur 29 Offizieren), als sie sich an Wegnahme von V. a. Bois beteiligten. Anfangs ging das Gefecht flott, der Feind mußte sich vor Juvincourt östlich Corbeny nach V. a. B. werfen. Hier stockte der Angriff. Da brachen am 17. Richthofens Gardejäger vor und nahmen das Walddorf, ihr Major Krosigk sank schwerverwundet, außerdem bluteten 2 Hauptleute, 5 Leutnants, 480 Jäger. Was Richthofens Garde-Kavallerie verlor, ist unerkennbar, 2. K. D. verzeichnet hier nichts, wahrscheinlich hier 4. Drag. (35) und 3. Gren. z. P. Somit Gesamtverlust der neuen 7. A. Heeringen rund 11 500. Das Ergebnis war unbefriedigend für beide Parteien. Joffres Zentrumstoß mit zwei Korps und dem Kavalleriekorps, das schneller verschwand als es kam, war ernstgemeint, doch mußte er schon am 17. jede Hoffnung aufgeben, zwischen 1. und 2. A. durchzubrechen. Umgekehrt, wenn die Sachsen bei Pontavert und Berry den Rückzug sperrten, konnte für Maudhuy eine Katastrophe erblühen, doch strammes Fortschreiten auf die Aisne litt unter Vereinzelung und Unvollständigkeit der sächsischen Angriffe. So erleichtert nur Statistik das Verständnis für die unklare Lage. Ein Bülow glaubt natürlich das ganze 15. K. im Feuer, die Daten ergeben jedoch, daß außer 99. auch vier Batl. 132., 136. (siehe letzteres bei Mudra) und drei nebst Artillerie bei Beseler (siehe früher) noch nicht anlangten, so daß nur 15 Batl. Deimlings im September bei Craonne fochten, daher die großen Einzelverluste auch bei 105., 171. Wir veranschlagen dabei, daß Deimling und d'Elsa seit Beginn 16 000 verloren, während die hier fechtenden Franzosen entschieden bisher viel weniger litten. Doch müssen diese bisher untauglichen Truppen, besonders die wenig vertrauenerweckenden R. D. (die bei Dinant ausgenommen), sich ausgezeichnet geschlagen haben. Jedenfalls gelang auch im Oktober, wo 70 Batl. Heeringens zwischen Cerny und nördlich Berry lagen, kein Vertreiben des hartnäckigen Gegners vom Aisneufer, und als bei Monatsende die Elsässer ausschieden, war an Offensive nicht mehr zu denken. Vielmehr gruben die Franzosen sich geschickt am Plateaurand in Kalkgruben ein. Andererseits genügten 45 deutsche Bataillone zur Defensive für diese Front, der Feind behielt Berry, verlor aber Pontavert.

Wir sind nicht bereit, Kluck die Alleinschuld für den Horror vacui der leeren Lücke zuzuschieben. Sie mußte entstehen, als er sein 9. K. von der linken auf die rechte Flanke versetzte, also einen Pfeiler gerade dort herausnahm, wo er stützen sollte. Doch wer hieß Bülow unablässig ostwärts statt nordwärts zu retirieren und so seine rechte Flanke selber zu vernachlässigen, um die sich doch all sein Sinnen gedreht hatte. Von Berry zog einst Napoleon aufs Laon-Abenteuer aus, ein böses Omen. Die Alliierten dachten wohl, das Plateau des »Damenwegs« säubern zu können, wie Napoleon damals von den Russen. Doch Deutsche niederzuringen ist ein schwieriges Unterfangen. Man kannte sie schlecht, wenn man auf Überraschung vertraute, ehe die Aisnelinie recht besetzt sei. Im Gegenteil erlebte French recht unliebsame Überraschung. Sein nächtlicher Übergang bei Soissons wird von englischen Augenzeugen in dustern Farben gemalt, die Verluste waren auch hier sehr groß, wie überall auf der verbündeten Front, und als er sich gegen die Hochfläche südlich Laon zum Sturm entfaltete, brüllten ihm allwärts deutsche Feuerschlünde entgegen. Die Engländer eröffneten selber vom Südflügel her eine ungeheure Kanonade, bei der auch Schiffsgeschütze verwendet sein sollen. Unter deren Schutz bewerkstelligten sie den Uferwechsel mit schwerer Mühe und schweren Opfern. Am 13. arbeiteten noch 2. Pioniere bei Soissons und am 14. stand Marrwitz noch südlich der Aisne und 9. Kav. D. schlug sich mit Geschwadern Allenbys herum, die auch hier wie bei Berry den Vormarsch begleiteten und zuerst übergingen. Ihr Einbruch nördlich des Flusses blieb ohne jeden andern Erfolg als Verluste, ohne daß sie den Gegner zu sehen bekamen. Daß vor 15. kein ernstlicher Angriff drohte, zeigt das ruhige Ausdehnen der Brandenburger bis Vailly ostwärts ohne die geringste Störung. Hier drang French endlich am 15. westlich des »Damenwegs« vor, General Lochow hatte aber die 6. D. so gut aufgestellt, daß sie die Briten südwärts zurücktrieb, wobei sie freilich auch ostwärts gegen Maudhuys Batteriefront einschwenken mußte. Die Brandenburger hatten in wahren Kalksteinfestungen bombensichere Unterstände, 3., 54. Art. feuerten mit Erfolg bei Vailly, 18., 39. bei Fort Condé. French ließ sich bald abschrecken und nur seine Geschütze spielen, die aber den Verteidigern in ihren Steinhöhlen wenig Schaden taten. 5. D. reichte scherzhafte Verlustlisten ein, so I/12. mit 30 Köpfen. Umsonst suchte das 3. engl. dem deutschen Korps gleicher Nummer etwas anzuhaben, umsonst 1., 2. K. den »Damenweg« zu ersteigen, die »verstärkte 6. D.« genügte da wieder. Verstärkt womit? Mit den braven 76er Hanseaten, auf dem Rückzug abgedrängt, die bei Andignicourt und Moulin Rouge die 35er bei Ostel und Soupir unterstützten. Beide Regimenter verloren je 700, auch die abgedrängte 45. Art. feuerte kräftig aus dem Flußwinkel bei Vic sur Aisne (57). Die Briten mußten davon abstehen, bei Ostel das Plateau zu ersteigen, 35er, 76er lagen fast allein in der Feuerlinie, 64er verloren nur 68 Mann, das ganze Korps Lochow nur 1850 (270 Art.). Westlich davon war Linsingen auf die Hochfläche Cuffy–Crouy–Vregny gestiegen, jedoch nach längerem Nachhutkampf. 34er fochten bis 17. noch bei Soissons, d. h. in und an den Vorstädten, I/III/49. scharmützelten noch am 13., 14. neben den Pionieren südlich des Flusses, sie stellten sich jetzt bei Margny auf, wo die Pommern jeden Sturmversuch des 3. engl. Korps unterbanden. Umsonst bliesen die Dudelsackpfeifer der schottischen Kerntruppen den Pibroch zum Avancieren, das mörderische deutsche Feuer wirkte merkwürdig abkühlend, als 2. Art. bei Pont Rouge die Flanke bestrich. Die 3. D. verlor in diesem seit 19. abflauenden Kämpfen nur 1250. Allerdings sind auch Teile Armins hier mitzurechnen. 75. Art. (95) feuerte bis 27. »vor Soissons«, III/36. ging erst am 16. aus dessen Umgegend zurück, 93. behauptete sich bis 24. bei Pesly nahe der Aisne (267). Außer Brig. Reichenau scheint 8. D. auch I/II/153. unter Oberst Herzog Ernst v. Altenburg dorthin entsendet zu haben (660) und 22. R. D. ihr 32., 82. R. nach Chavillecourt a. d. Aisne, wohin Maunourys Rechte reichte. Dessen 45. D. unterstützte das Vorgehen des Korps Poultenay, des aufs brennende Soissons zurückwich, wo die prächtige Kathedrale schon Kugelspuren trug. Die Orandivision trug ihren Elan bis Cuffies vor, versagte dann arg gelichtet. Am 17. mutete Bülow den Brandenburgern zu, Heeringen nach Südost zu unterstützen, während er gleichzeitig von Klucks rechtem Flügel erneute Rückbiegung verlangte, beides völlige Verkennung der Sachlage. Statt daß er Hilfe für Zwehl erwartete, schien es, als ob Lochow selber Hilfe bedürfe. Die Lage war eine eigentümliche, als gewaltige Massen aus Soissons herausquollen, das Aisneplateau schien gegen French nicht genügend besetzt. Doch die Brandenburger standen günstig den Abhang des Damenwegs entlang am felsigen Rand bis Ostel. Ihre Artillerie konnte freilich englischen Marine- und Pariser Festungsgeschützen, die man mit heranschleppte, nur mäßig antworten, weil die O. H. L. in besonderer Weisung vor jeder Munitionsvergeudung warnte. (Man sah sich so wenig auf den Krieg vor, daß der Schießvorrat ausging). Doch ihre Granaten »saßen« in den tiefen englischen Massen, die aus dem Flußdefilee hervorstrebten. So viel Schwergeschütze French den Sturmsäulen beigab, fanden die großkalibrigen Geschosse doch nicht die Schlupfwinkel der Kalksteinstellung. Als englische und französische Sturmscharen gegen Vregny frontal anliefen, krachte und knallte Flankenfeuer der Magdeburger und Thüringer in sie hinein. Östlich davon beim K. Haigh schlugen die Trommeln der Garde umsonst zum Sturm, man konnte bei Courteron und Soupir nicht emporklimmen, scheiterte schon vor der 5. D., die hinter Fort Condé völlig gedeckt lag. Noch weiter östlich versuchte sich K. Dorien an Vailly, hier war die Niederlage vollständig. Was in die Kalksteinrinnen eindrang, ward niedergemacht. Der geringe Verlust aller andern Teile auher 35., 76. zeigt, daß man nur mit diesen angriffsweise verfuhr, ganz angemessen gegenüber Bülows Ansinnen allgemeiner Offensive, wo Defensive sich von selber gebot. Mißmutig lagerten die Briten unterhalb der Hochfläche, den Fluß im Rücken; hier erstarb die Schlacht am frühesten. Und daß sie im Westen auch nicht früher begann, wird aus vielen Daten klar ersichtlich.

Allerdings schienen 1., 2. A. zu wetteifern, wer am schnellsten zurückkrebse. Wenn man nur begriffe, warum nicht wenigstens das nördliche Marneufer verteidigt wurde, wie Moltke es sich dachte. O wie konnte man das, da doch der kluge Kluck sein Heer fliehend »retten« mußte. Hätte er damals zwischen F. Milon und Crepy frontgemacht, so hätte er Maunoury und French sofort Halt geboten, während Brigade Kräwel, die Westfalengruppe und 5. D. durchaus fähig waren, Esperets Linke abzuschlagen. Hier lief nun gleichsam ein Rottenfeuer von Lügen die Front entlang. Denn ebenso wenig wie Bülow schon am 11. hinter der Marne, war ebenso wenig Kluck hinter der Aisne. Am 12. schlugen 18. Pioniere (Bromberger D.) noch bei Ferté Milon, 4. P. noch am 13. bei Compiegne Brücken. Hier wurde 32. R. angegriffen, verlor aber nur 65, am 14. hatten 27., 72. R. nebst 5 Kompagnien 165. Inf. ein Nachhutgefecht, das nur 305 kostete. Daß Kluck schon am 12. von Maunoury überall »heftig angegriffen wurde«, ist also glatte Erfindung. Erst am 15. waren die Verbündeten mit ihren Vorbereitungen fertig, bis 20. tobte hier die Schlacht am Flusse, die deutschen Stellungen blieben unversehrt.

Angriff des K. Lamaze auf die Thüringer und Anhaltiner verlor jede Wirkung. Mit Verlust von 5750 Mann inkl. 1900 Thüringern und 76. Hanseaten war der Angriff von neun alliierten Divisionen glatt abgeschlagen. Die Engländer ermatteten bald, denn Frenchs selbstische Gleichgültigkeit schien nur darauf bedacht, seine kostbaren Söldner möglichst geschont nach Bethune westwärts zu bringen, wo ihn ein frisches 4. K. und Division Lahore im Oktober erwarten sollten. Er erklärte rundweg, daß er nun nach seinen großen Rettertaten wieder seine natürliche Basis, Rücken nach dem Meer, aufsuchen wolle. Joffre konnte ihn nicht halten, ließ ihn also ziehen, niemand sah voraus, daß diese ohne jede strategische Absicht getroffene Entscheidung Frenchs tatsächlich ein Gewinn sein werde. Die Schonung seiner Truppen gelang ihm bei Soissons aber nicht, denn er meldete Ende September einen Gesamtabgang von 35 000, so daß er, da sein Verlust in der Marneschlacht sich der Ziffer Null bedenklich näherte, 10 000 beim mißglückten Aisnestoß einbüßte. Wahrscheinlich aber sind diese Ziffern viel zu niedrig, denn wer fertig brachte, sich anfangs Monsverlust von 2000 zuzusprechen, darf auf kein Vertrauen zu seiner Wahrheitsliebe rechnen. Jedenfalls litten die Angreifer auf der ganzen Aisnefront, wo die Deutschen rund 17 500 verloren (die Artillerie litt durchweg weniger als an den andern Fronten), ungleich mehr. Stegemanns phantastischer Bericht über Bedrängnis der Brandenburger widerlegt sich durch die Tatsachen. An den Kanten des großen Plateaus Craonne–Vregny lagen die verbündeten Streiter in großen Haufen, aber nicht Lebender. Maudhuys fanatischer Deutschenhaß verdoppelte seine Schlagkraft und verdiente sich die Ernennung zum Armeechef an Seite Castelnaus, ein unglaublich rasches Avancement in zwei Monaten, was freilich Joffres Bevorzugung der Tüchtigen ein schönes Zeugnis ausstellt. Vor seiner Beförderung hatte er den Schmerz, auf den Damenweg (Chemin des Dames) der Hochstraße ganz verzichten zu müssen. Die Franzosen nisteten sich aber hartnäckig unterhalb des Plateaus ein und waren von ihrer Minierarbeit nicht abzubringen; dieselben Truppen, deren laues Vorgehen im August nur Spott erregte. Solchen Einfluß hat auf Franzosen jeder Erfolg, und sei er noch so sehr Schein, er entflammt sie zum Äußersten. Man sage auch nicht, daß Mißerfolg auf deutsche Gemüter nicht einwirkt. Gewiß schlugen die siegreichen Besiegten der Marneschlacht überall den begeisterten »Sieger« heldenhaft ab, doch nie im Weltkrieg trat das Übergewicht des deutschen Soldaten so wenig in die Erscheinung. Nur das frische 9. R. K. errang einen wirklichen Offensiverfolg, weil unangekränkelt vom Rückzugsgefühl. Und da die Briten kein Siegesgefühl im Busen trugen, wie die Franzosen, so schnitten sie am schlechtesten ab, so bestimmend wirkt der moralische Faktor. Sogar die Pariser Zeitungsschreiber mäßigten ihr hysterisches Keifen, weil naiv gläubiger Siegesrausch sie herablassend stimmte, sie bescheinigten, daß die »Barbaren« sich in Epernay und Creil anständig aufführten. Daß durch eigene sträfliche Unachtsamkeit beim Brückensprengen Großfeuer in Creil ausbrach und die Boches mit gewohnter Gemeinheit wie in Löwen das Feuer löschten, war betrübend, weil man es nicht als Brandstiftung auslegen konnte. Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt, nachher prangte Creil mit auf der Wiedergutmachungsliste wie die andern durch verbündete Granaten zerstörten Städte. Peinlicher als Brandgeruch stieg der Blutgeruch aus dem Marne- und Oisetal bis zur Aisne den kriegsfrohen Parisern in die Nase. Dafür mußte man besonders neue schwarze Horden auf die Schlachtbank schleppen, die sehr unwillig gingen und heimlich ihren Bedrückern Rache schworen, was einst grause Früchte tragen wird. Sie kennen die weiße Schmach und machen innerlich zwischen den weißen Teufeln wenig Unterschied.

Die Schlacht bei Nouvion–Noyon.

Klucks «Rückzug »in bester Ordnung« vollzog sich, wie wir schon sahen, in lauter Unordnung. Alles wirrte durcheinander. 6. D. mußte weit nach Osten marschieren, um sich bei F. Condé mit 5. D. zu vereinen, 9. K. weit nach Westen, um rechtes Flügelkorps zu wenden, 2. K. früher rechter Flügel, kam in die Mitte neben 3. K., rechts davon 4. K. bei Almont und Paesly, 4. R. K. ging bis Nouvion zurück und dort in Stellung. Später marschierte 4. D. wieder weit westlich ums 9. K. herum, 4. R. K. schickte gleichfalls Kräfte dorthin, zugleich aber an die Aisne, 9. R. K. war noch im Anmarsch über Nesle. Maunoury, der hinter Armin bei Fontenay nachstieß, erwartete am linken Flügel (Boeile) das 13. K. aus Lothringen und war überzeugt, daß die neue Armee Castelnau rechtzeitig die deutsche Rechte umfassen werde, ohne die Bildung der deutschen 6. A. bei St. Quentin, zu ahnen. Daher der siegesgewisse Schwung auf dieser Angriffsfront. Als sich schon sein Nachbar French in der letzten Septemberwoche leidend verhielt, hämmerte er noch einmal drauf. Er erhielt Ersatznachfüllung aus Paris für seine Reserveformationen, dagegen dürften 41., 44. D. des 7. K., die aus Lothringen heranrollten, an Castelnau überwiesen sein. Jedenfalls griff der »Sieger am Ourcq« (!) mit besonderer Lebhaftigkeit an, besonders 9. K. auf Linie Vassens–Autreches–Rampcel. General Quast wußte dort 9. R. K. Boehn hinter sich im Anmarsch, neben sich hatte er westfälische L. W., 4. Kav. D. deckte bei Noyon seine Flanke. Marrwitz Kav. K. war also damals in drei Stücke auseinander gerissen, doch sammelte es sich später vereint im Westen. Kav. Sordet wollte gegen die Anmarschflanke Boehns operieren, wurde aber bei Noyon daran gehindert. Dagegen meldete Kluck schon am 15. »Kolonne aller Waffen mittags Compiegne«, Bülow hält dies für das 13. K. Ein Ausweichen nördlich, um sich vom Feind loszulösen, hielt Kluck sehr richtig für bedenklich und verlängerte lieber seine Linke mit weggeholten Teilen (36. R. und Anfang 4. D.) bis Carlepont. Wieder der Fall Grouchy: hätte er nur früher so viel Festigkeit und Geschicklichkeit gezeigt wie hier! Im Vertrauen aufs Nahen der 6. A., deren Führer kein Miesmacher wie Bülow war, nahm er die Schlacht auf Tod und Leben an. Wir bleiben ehrlich und Zorn über den erschwindelten Klucknimbus beirrt uns nicht in dem Zugeständnis, daß diesmal Klucks Entschlossenheit, allen schwächlichen Weisungen Bülows zuwider, wesentlich zu kommenden Erfolgen beitrug. Seine Standhaftigkeit ermöglichte Prinz Rupprechts Eingreifen am geeigneten Orte.

Gegen Klucks Zentrum hatte Maunoury eine solche Masse aufgestellt, daß seine Reserven bis zum Ourcq rückwärts standen, Pariser Neubildungen. Seine früher entmutigten Scharen zeigten anfangs wenig Kraft zum Nachstoßen. Daß Kluck schon am 13. oder gar 12. auf der ganzen Linie mit aller Gewalt angefallen sei, ist Bülows Erfindung. Am 15. aber ließ Maunoury sein Heer los, das sich jetzt hochgemut in Siegeshoffnung schlug. Der Anprall war äußerst heftig, doch am 20. war auf Klucks 25 km langer Linie ihm noch kein Stück entrissen. Auf dem von Cuffies abfallenden Westplateau stand 165. Quedlinburg bei Vingre in stark erschütterndem Kampfe (I/430, III/475). Weiter westlich 72., III/153. der 8. D. (650), 4. P. (97), 40. Art. (155). Die Batterien konnten sich hier nicht in Höhlen verstecken, wie an der Aisne, litten daher entsprechend. 26., 27., 66. der 7. D., über Laval zurückgezogen, blieben bei Almont und Anglecourt, nordwestlich Soissons näher dem Kampffeld der 8. D. mit sehr mäßigem Verlust (237 von 66). Im ganzen verlor Armin 3400, dagegen 7. R. D. allein schon mehr. In der Hauptstellung Nouvron–Nouvion 4. R. Jg. (290), 7. R. A., 27., 72. R., ersteres wurde auf Morsin zurückgedrängt (767 bis 25.), neben 72. Inf., während 72. R. (975 bis 24.) nach Rampcel abmarschierte, 26. R. nach Autreches (383), 36. R. ging ganz westlich ab. Die 22. R. D. hatte die Hälfte östlich zur Aisne entsendet, bei Nouvion verharrten 71. R., 22. R. Art. sowie neu eingetroffene 11. R. Jäger, die außerordentlich litten (11, 350), was dies tapfere Bataillon später im Westen bei sich zur bitteren Gewohnheit machte. 72. R. hatte bei Monatsschluß nochmals blutigen Kampf an seinem neuen Standort Rampcel (790). Summe des R. K. 6100 (1750 von 72.), wovon für Gefechte beim 9. K. abzuziehen. Es schmolz außerordentlich bis 1. Okt. inkl. Marneschlacht und stellte sich so in die Reihe der größten Monatsverluste. Seit Kriegsbeginn verlor 66. R. 1600 (mit nur 20 Offizieren), 27. R. 1100, 36. R. 1500 und nun schlug 72. R. den Rekord in nur 14 Tagen. Die Hauptstellung Nouvron–Nouvion wurde behauptet. Die französischen R. Brig. stürmten fortwährend mit wilder Entschlossenheit, konnten aber nichts ausrichten. Abzüglich der Entsendungen nach West und Ost bluteten auf dieser Strecke 5700 Thüringer. –

Die allgemeine strategische Lage veränderte sich freilich, jede schöne Aussicht für 3., 4., 5. A. schwand, desgleichen jede strategische Gefahr Joffres, der nun große Umfassung der deutschen Rechte ins Auge faßte. Ihn hätte aber warnen sollen, daß 7. Kav. D. als Vorbote Rupprechts mit Teilen bis Amiens streifte. Trotzdem sah O. H. L. die Dinge so trüb an, daß sie am 14. nachts anheimstellte, bis Laon oder gar La Fere zurückzubiegen. Welcher neue Kleinmut! Wie sollte denn Kluck seinen Abschnitt nicht halten können! Der feindliche Andrang war kaum begonnen und schwach, eine Brig. 9. R. K. biwakierte schon im Oisetal. Allerdings finden wir hier wieder den übervorsichtigen Tifteler am Werke, in den sich der Fabelkluck unter den Händen der Forschung verwandelt, denn er meldete, eine von Clermont kommende Kolonne bedrohe schon rückwärtige Verbindung. Wie konnte sie das angesichts 9. R. K. und wer diese Kolonne? Bülow nennt das 13. K. Auch äußerte Foch, Klucks Abzug hinter die Aisne sei durch Teile der 1. A. Dubail veranlaßt worden, was sich nur aufs 13. K. beziehen kann, das also wohl schon am 13. da war. Es wurde bei Creil ausgeladen, was heißt da Clermont noch so weit im Süden! In Gegend von Clermont stießen die Saarbrücker auf Castelnaus rechten Flügel und mit einer so viel westlicheren Kolonne kann nur das Castelnau überwiesene 4. K. gemeint sein. Sollte am Ende die Verwechslung sich nicht einschmuggeln, daß 13. K. selber »Clermont–Ferrand« hieß?

Wir schätzen uns glücklich, hier zur Abwechslung Kluck uneingeschränktes Lob zu erteilen, weil er dem Stoß angriffsweise begegnete. Natürlich fand Bülow dies nicht unbedenklich, weil den Weisungen der O. H. L. widersprechend, d. h. er deckt seinen eigenen Wunsch dahinter, als ob er in der Marneschlacht nicht die O. H. L. sich untergeordnet hätte. Statt dessen wünschte er umgekehrt, »eingreifen linken Flügels in Kampf 7. A., die bedrängt ist«. Auch dies griff fehl, denn obschon Heeringens Einfüllung noch unsicher schien, hat man hier den Krebsschaden, daß jeder Unterführer seine Lage zum Maßstab des Ganzen nimmt. Als Oberführer von 1., 2., 7. A. (Dank Falkenhayns für so ausgezeichnete Dienste zur Entfernung Moltkes!) dachte er doch immer nur an seine 2. A. Strategisch drohte aber anscheinend im Westen viel ernstere Gefahr als bei Craonne, deshalb mußte Kluck seine ganze Sorgfalt auf diesen Punkt wenden. Da ihm Bülow »ausdrücklich solche Offensive untersagte« schlug er es in den Wind. Fürchtete die O. H. L. ähnliche Escapaden Klucks wie in den letzten Augusttagen? Jedenfalls zeigt dies an die Stränge Binden, daß Klucks bisherige Führerproben nicht derart schienen, um ihm freie Hand zu lassen. Am 16. befahl man ihm, 9. R. K. »nur in Zwangslage« einzusetzen »nur zum Zweck einer Loslösung der Armee«. Gegen feindliche Flankenwirkung sollte nördlich ausgewichen und rückwärts gestaffelt werden. Falsche Lehren der Marneschlacht wirkten nach, mißverstandene Erfahrung lag der O. H. L. in den Gliedern. Immer wieder der Spuk Maunoury. Napoleon hätte einen Marschall derb angefahren, daß man nur bei Defensive umgangen werde. Kluck hatte daher recht, daß er dem Feind entgegenging, und der mit Spitze gegen Kluck als weises Lumen gefeierte Bülow hatte das Nachsehen.

»Die Schlacht bei Noyon«, wie die Franzosen sie nennen, war zunächst für Korps Quast wenig bedrückend, I/31. verlor nur 75 (Major Houwald fiel), II/84. Hadersleben 90, I/85. bei Autreches 80. Erst als man sich ganz auf Autreches–Vassens zurückzog, litt 86. bei Vassens bedeutend (845). Bei 17. D. (ohne 76.) erholten sich 89er von ihrem Esternay-Heldenkampf in Reserve, die Schweriner Grenadiere und die von der Aisne später abgefahrene 45. Art. Güstrow wandten sich westlich nach Carlepont, doch 75. Hamburg, (Oberst fiel) und 24. Art. (früher in Richtung Reims abgekommen) hatten bei Rampcal einen schweren Stand, die Artillerie litt ungemein (200). Am 20., 26, scheint sich hier Maunoury mächtig angestrengt zu haben, doch gelang ihm umso weniger, diese Front zu brechen, als auch »zwei Landwehrbrigaden«, wie Kluck richtig meldete, hier verstärkten. Die eine brandenburgische (Schulenburg), blieb hier wie am Ourcq in Reserve. Dagegen hatte 27. L. W. Brig. Düsseldorf seit 15. ihr Quartier in Vassens, wo auch II/53. Inf. (siehe früher) eine Zeitlang verweilte, dann »hinter der Aisne«, bis es endlich vor Reims bei seinem Regiment landete. 53. L. W. litt wenig, 55. L. W. opferte sich aber brav bei Rampcel (750). Diese Truppe hatte schon allerlei Schicksale hinter sich, nach Arras abgeirrt, wo es 35. L. W. bei Athis traf. Beide hatten schon am 6. ein lebhaftes Gefecht gegen Besatzung von Atras, und Territoriale (320). Inkl. 1000 L. W. 1200 von 4. R. K. kostete die Abwehr bei Vassens (Rampcel ging zunächst verloren) 5200, eine unfruchtbare Schlägerei, wobei der Angreifer jeden Fußbreit Bodens teuer erkaufte. Ein schärferer Kampf entbrannte bei Carlepont auf der Westflanke. Zurückgehen Klucks hätte Prinz Rupprechts Entwicklung beeinträchtigt. Es war, als ob er sich der Ourcq-Schlamperei schämte und sich nicht mehr weder von Maunoury noch Bülow einschüchtern ließ. Er brachte bei Carlepont eine Verteidigungsgruppe zustande aus 90. Inf. (680), 43. Art. (67) und 36. R. Bernburg am Medardus-Wald (700), welche den Feind so lange aufhielt, bis 9. R. K. am 16. nacheinander anlangte.

Am 11. von Tournai anmarschiert, zogen die Männer von der Waterkant mit klingendem Spiel durchs altehrwürdige Nesle, doch ihre baldige Heimreise nach ihrem früheren Hauptquartier Alost schien bevorzustehen, wenn die Wetterwolke in ihrer Flanke von Amiens her platzte und Feuer regnete. Castelnau verständigte Boelle, der seinem Heerbefehl unterstellt wurde, daß er ihn weiter westlich unterstützen werde, und lud ihn ein, auf beiden Ufern der Oise vorzudringen. Nach kurzem Scheinerfolg war der Schluß völliges Fiasko. Doch Bülow tut so, als ob Klucks Rechte schon bis 19. siegte, das harte Ringen, bis der Feind allmählich auf Tracy la Mont zurückgeworfen wurde, dauerte indessen bis Monatsende. Daß auch andere Leute als 9. R. K. von Carlepont bis Crapoumesnil–Roye mitsprachen, scheint er nicht zu wissen. Es ist Spielerei, überall die große Gesamtschlacht in genaue Kampftage zerlegen zu wollen.

Es war das in Lothringen abgekämpfte 13. K. Clermont, auf das hier das Altonaer R. K. fiel, das allerdings schon in Belgien einige namhafte Verluste hatte, aber inkl. der beigegebenen Aktivbrigade volle Gefechtskraft hatte. Hier grassieren wieder verschiedene Irrtümer. Die Carlepontgruppe ist nicht als »18. R. D.« aufzufassen, nur 84 R. (615) 18. R. A. schlugen die Richtung östlich der Oise ein, wo Quast jetzt zum Angriff überging. Vielmehr focht diese schon meist westlich der Oise, 31. R. zog am 15. in Noyon ein, 86. R. stand in hartem Kampf bei Brauvraignes (86U), wo bereits die Bromberger Division sich näherte, am 18. fiel Briqadechef Ompteda, 85., 89. R. fehlten, noch nicht abgesendete. Die Flensburger Brigade stieß hier bereits auf 4. K. Boelle, das von Lassigny her angehen wollte, doch es nun nicht mehr ausführen konnte. Von diesem Augenblick an war die Partie im Westen für Frankreich verloren, da alles drauf ankam, wer im Wettlauf nach dem Meere den andern einen Vorsprung gewann. Schon erschien aber Rupprechts 7. Kav. D,, nachdem die nordwärts ausgeschwärmte Heereskavallerie Sordet bereits in unserer 4. Kav. D. und 7. Fußjäger im Oisetal ihren Meister fand. Da am 16. auch 2., 9. Kav. D. nach Westen abrückten, die bayr. Kav. D, sich näherte und im Oktober auch die Gardekav. in Richtung Lens auftauchte, unterband schon allein diese Überschüttung des Nordwestens mit so zahlreichen Geschwadern jede freie Bewegung Castelnaus.

Während die Schlacht vor der übrigen Front des 9. K. erst später infolge des günstigen Umschwungs bei Carlepont vorwärts ging, brach der Hauptspektakel im Westen los, wo 17. R. D. ihren Kampflärm immer westlicher dehnte. 17. R. A. feuerte bereits nordwestlich bei Roye, wo Spitzen der 6. A. sich näherten. Die Linke des 13. K. und die Rechte Boelles mußten den Andrang nachgeben, der bis Pontalize–Ribecourt reichte. III/76. R., 162. Inf. brachten den Feind bei Bethincourt eher zum Weichen, als 163. (870) bei Ellincourt–Dreslencourt nordwestlich Roye. 9. R. J. warfen sich in den Pantalizewald. Inzwischen griff Marrwitz südlich aus; seine 9. Jäger rauften sehr blutig (500) nordöstlich Roye bei Cressy. Am 25. war der Sieg entschieden; 31. R. drang am 30. bis Pontoise vor.

General Boehn erinnerte «in Jahr später im Tagesbefehl seine Braven, daß sie doppelte Übermacht schlugen; indessen waren 4., 13. K. im August hart mitgenommen und empfingen schwerlich genügende Ersatzmannschaft. Außerdem diente die 4. D. als Seitendeckung bei Crapanmesnil ganz westlich in Kämpfen, deren Blutigkeit auffällt. Da es eine Weile schien, als ob die Brandenburger Hilfe bedürften, blieb 7. Brig. noch bis 17. bei Vregny gegenüber Soissons, später blieb 140. bis 22. bei Laury im Morsaingebiet, vereinte sich dann mit dem Gros bei Crapanmesnil, wo 149. erheblich litt. 49., 14. nebst 15. Fußart. bei Valmy bekamen wahrscheinlich mit General Vauthier (7. K.) zu tun. Die Division verlor 2150, Boehn 3700, mit Carlepontgruppe und 9. Jg. 7800. Diese Überwindung der französischen Linken war also kein Spaß.

Wir konnten die Bemerkung nicht unterdrücken, daß der Rückmarsch aus der Marneschlacht so verworren aussah wie der Vormarsch. Zerreißen und Auflösen der Verbände, Verändern der ursprünglichen Reihe der Schlachtordnung unmittelbar vorm Feind, wie wir es beim 2., 9. K., 4. R. K. sahen, ist kein gutes Zeichen. Doch muß zugestanden werden, daß dies Zerfallen in verschiedene getrennte Gruppen aus zureichenden Gründen von Kluck verfügt wurde, den wir diesmal aufatmend nach so vielen bedauerlichen Entgleisungen unbedingtes Lob zollen. Jetzt wurden bis 1. Okt. die Korpseinheiten wieder hergestellt, unter dauernder Verdünnung der alten Front, um nördlich nach Westen der 6. A. neue Gruppen anzureihen. Wie bei Bülow wurden auch bei Kluck zwei Korps herausgelöst, 2. und 4. K. Außerdem schickte man, was niemand zu wissen scheint, 4 Brandenburger Linienbataillone zu Beseler, sowie eine Brigade der 7. R. D., nur die andere blieb im Morsain, denn auch 22. R. D. rückte westwärts, während 76. R. und L. W. Schulenburg nach Lille auf die Reise gingen. Somit blieben nur 3., 9. K., 9. R. K. auf der langen Strecke Vailly-Pontoise. Obwohl French ausschied und Maunoury allein die ganze Strecke Soissons–Tracy le Val übernahm, besaß er immer noch bedeutende Übermacht. Auf Tracy am linken Flügel zurückgedrückt, blieb er fortan in schräger Verteidigungsfront und jeder weitere Angriffsversuch, wobei er durch frische Marokkaner unterstützt wurde, bekam ihm in der Folgezeit übel. Joffres Offensive war hier noch handgreiflicher gescheitert als auf der übrigen Front. Daß man überall solche Schwächung sich erlauben konnte, (um rund 6 Div. bei der 1., um 4 bei der 2,, um 2 bei der 3., um 3 bei der 4., um 2 bei der 5. A. – 17) zeigt deutlich, wie die riesige Offensive Joffres die deutschen Linien gefestigt statt erschüttert hatte. Deutlicher konnte man nicht machen, daß man den Feind für ungefährlich und niedergerungen hielt. So endete Joffres Bestreben, aus der Marneschlacht Kapital zu schlagen, mit Unterbilanz. Sein Hammer wetzte so ab, daß ihm beinahe der Stiel zerbrach.

Die Schlacht im Westen.

Inzwischen spielten sich Vorhutgefechte von Reitern und Jägern im Nordwesten ab, 7. Jäger bei Douai (13, 200), bei Dompiere 4. (75), 10. (200), 8. Hus. von Cambrai bis Biaches im Sommetal (130), 13. Ul. (55), mit reitenden Batterien 35. Art. bei Hattoncourt (35). Nachdem 6. R. Hus. (13), 6. R. Drag. feindliche Vedetten vertrieben, fand bereits 7. Kav. D. den nötigen Aufmarschraum. 39. L. W. Geldern besetzte Bray a. d. Somme (130), auch 39. R. war dorthin dirigiert. Was Marrwitz' Reiterei vorher verlor, ist nicht genau festzustellen, 4. Kür. 7, (38), 3. Gren. z. Pf. bei Anglecourt a. d. Aisne (62), seine Mecklenburger, Holsteiner, Hannoveraner Regimenter mögen 170 verloren haben. Gesamtverlust von Marrwitz kann mit 500 Reitern, 1000 Jägern eingestellt werden, derjenige der L. W. seit 6. bei Arras und a. d. Somme mit 600. Somit Gesamtverlust der 1. A. 27 000, berechnet auf hiesige Stärke von 12 Div. und 3 L. W. Brig. nebst 3 Kav. D., die bis 15. im Feldzug minder litten, als prozentual jedes andere Heer. Das 9. K. (4500 inkl. 76) litt nächst 4. R. K. am meisten. 72. R., 9. Jg. 11. R. Jg. 153. 165. 163. 86. 75. 49. Inf. sind dem Verlust nach die hervorstechendsten Heldenbilder, wie auf der übrigen Front 55., 57., 56., 73., 16. Inf., 74. 16. R. bei Reims, Württemberger 126. und II/39. bei Craonne, 133., 139., 168. und 25. R., 23., 24. R. Art. in der Champagne, 51. R. und Württemberger Art. in den Argonnen. Es ist halt bequemer, schöngeistige Schlachtbilder mit lauter falschen Einzelheiten zu erträumen, als mit saurem Fleiß die Wahrheit mosaikartig zusammenzustellen. Nur Statistik sagt, wo Bedeutendes vorfiel. Wenn man beiderseits zum Sturm ansetzte, geschahen die gleichen Taten der Hingebung bei Freund und Feind. Dem Forscher allein bleibt vorbehalten, den Ehrenpreis für Außerordentliches zu erteilen.

Boehn gab seinem Angriff um so mehr Nachdruck, als vor Roye sich bereits eine hessische Vorhut anreihte und 7. Kav. D. mit der Württemberger Dragonerbrigade in Richtung Compiegne bei Lassingny–Ognolles streifte. Um diese Zeit schien die Lage nicht unbedenklich, da das franz. 13. K. sich nochmals zu erbitterten Streiten bei Dreslincourt ermannte und Castelnaus rechter Flügel tatkräftig vordrang. Doch schon am 20. erstürmten 117. (280), 118. (170), die schon andere Verluste bei Servon und Reims hinter sich hatten, Roye und die 18. P. der Bromberger D. warfen sich hinein, in diesen jahrelang unbewegten Wetterwinkel unterschlüpfend und Jahr für Jahr dafür einen hohen Blutzoll entrichtend. Aus seinem Hauptquartier Amiens warf Castelnau seine Korps in Richtung Cambrai–Douai vor und dachte bei St. Quentin in deutschem Rücken durchzustoßen. Kaum machte er indessen sein Vorrücken bemerkbar, als er mit Spitzen der 6. A. aneinander geriet. Als Marrwitz über Beauvais auf Dompierre sich vorschob, tauchten schon Spitzen des 1. Münchner K. auf, und eine Fortsetzung des Boehnschen Oise-Angriffs verlief bald glücklich für die deutschen Waffen. Prinz Rupprecht und Castelnau prallten aufeinander. Jeder überrascht, den anscheinend überflügelten Gegner frontal vor sich zu haben. Marrwitz hielt den heftigen Anprall der französischen Mitte nicht auf, bis die Bromberger zwischen Valmy und Crapaumesuil entgegentraten. Dies konnte nicht von langer Dauer sein, falls Castelnaus Rechte sich über Roye spreizte. Doch hilfreiche Kameraden waren in der Nähe, schon am 21. nahmen Spitzen des Saarbrücker Korps Fühlung bei Dreslincourt. Die Hessen hatten jetzt auch 87er, 11. Jg., 21. P. zur Stelle und trieben den Feind bis Ognolles. Die Saarbrücker 166., 174. verbanden sich am 27. mit den Bayern, die derb ihre Hand darreichten, zwischen St. Quentin und Valenciennes ausgeladen, gegen Peronne aufmarschiert, packten sie schon am 23. Castelnaus Linke auf Cartigny und warfen sie bis 29. auf Lihons vor sich her. Dies waren 2., 3., 16., 20. Inf., nachdem schon vorher 15. Inf. das Nahen Xylanders anmeldete. Ein Bataillon Passauer und ein Bataillon Forbacher – so flossen auch hier die Linien durcheinander – befreiten später vor Arras den dort abgeschnittenen Landwehrposten. Inzwischen verlängerten Pfälzer 18er bei Maricourt nach Norden die Linie und zogen sich höher hinauf, um Xylander Platz zu machen. Am 26. rückten 23er, bis 31. die 17er, 22er ein, 9. (nur 200) bei Longeval, 5. bei Fricourt, 2. Jäger bei Mametz. Dort feuerte auch 2. Art. mit besonderer Anstrengung und schon erschien am 26. rechts von ihnen 8. R., am 27. gefolgt von der nirgends im Kr. Arch. erwähnten 5. R., die indessen über Montauban heftiger kämpfte als alle übrigen Bayern. Xylander hatte 4. Br. vorausbefördert, sie löste schon am 21. bei Lassigny III/163. ab, wobei 15. Neuburg unter Oberst Tutschek, dem späteren Alpenkorpsdivisionär, sich wieder auszeichnete. Viel später erschien 3. Br., die Augsburger überrumpelten anfangs französische Kürassiere, bald gesellte sich starken Reitergeschwadern auch algierisches Fußvolk. Bei Fay stockte das Vordrängen eine Weile, eine Batterie 9. Art. fand »ruhmreichen Untergang«, als die bayrische Schlachtlinie weiter gegen Amiens heranging, von wo 4 (?) Territorialdivisionen sich aufmachten. Die 2. Brigade nahm mit den Passauern den Schloßpark von Chaulnes, die 1. das Gelände zwischen Lihons und Vermandovillers. Das Kr. Arch. hebt hier besonders das 1. Münchner im Waldstück südöstlich Progart hervor und Leib-Rgt. am Sternwald. Letzteren blutigen Kampf bestätigen die V. L., dagegen hatte 2. Rgt. es viel schwerer als 1. und das Kr. Arch. verlegt dies Ringen offenbar sehr verfrüht schon auf 25. Auch ist grade genug, wenn das afrikanische Korps und so zahlreiche Territoriale den Bayern den Weg sperrten, man braucht nicht noch »14., 20. und vielleicht 3. K.« zu bemühen, von denen damals höchstens Spitzen die Amiensgegend erreichten. So viel Feinde konnten die Bayern nicht allein auf die Hörner nehmen, unpassender Ehrgeiz im Herausstreichen eigener Truppen verführt oft zu häßlichem Undank. Denn die Saarbrücker, die weit mehr litten, zogen einen Hauptteil Castelnaus auf sich ab. Die Jäger der 2., 9. Kav. D. deckten sehr brav die Peronneflanke, bis endlich Pfälzer und Würzburger bei Maurepas und Transloy ablösten. Castelnau sah sich zunächst im Süden überrannt bis in den Sommebogen hinein. Bei Chilly schleuderten Forbacher und Weißenburger, bei Liaucourt über Clermont 70., 138. ihn rückwärts, 131., 137. erreichten Hattoncourt–Chavatte, den südlichsten Angelpunkt, wo das Korps auf viele Monate Anker warf. Nördlich davon schlug das Münchener K. eine erste Sommeschlacht von Herbaucourt und Fay auf Soyecourt, Foucaucourt, Vermandovillers: Orte, die zwei Jahre später bei der großen Sommeschlacht eine traurige Berühmtheit gewannen. In einer Reihe von Gefechten, die man als Schlacht bei Lihons bezeichnen mag, brachen Saarbrücker und Münchener, brüderlich gesellt, vollkommen Castelnaus Stoßentwicklung und vereitelten jede Überflügelung. Die Münchener Brigade ging wieder mit besonderer Energie an die Arbeit. Auch die Pfälzer rangen hart am hochgelegenen Maricourt, im Schloßwald Mann wider Mann, täglich und nächtlich. Vor der Würzburger Brigade ergriffen Territoriale die Flucht, doch vor Pozières und Trônesholz – zwei Hauptpunkten der späteren Sommeschlacht – kam das Vorwärts zum Stehen, im Mametzwald schlug man sich mitternächtlich mit dem Bajonett. Obschon das 2. bahr. K. 800 Gefangene einbrachte, 1. K. sogar 2000, fühlten sie Erschöpfung nach 50 km langen Anmärschen zur neuen Kampfsphäre. Obschon amtliche bayrische Darstellung nur Beihilfe von 4., 9., 10. Jg. und preußischen Geschwadern bei Dompierre erwähnt, erleichterte 21. K., dessen Druck auch den Hessen erst am 30. endgültige Behauptung am Roye ermöglichte, wesentlich Xylanders linke Flanke. Als Teile der 17. Forbacher sogar bis Arras promenierten, wo der Feind bisher nur schwache Besatzung hatte, war für dort schon eine neue 10. A. Maudhuy in Bildung. 2. A. Castelnau wurde bereits auf Linie Albert–Amiens, wo sie sich gesammelt hatte, auch vom 14. R. K. über Orvillers–Fricourt ruckweise zurückgedrängt. Die Saarbrücker zwangen die Rechte von Roye weg bis weit südlich Albert, Xylander die Mitte über Bray–Curlu bis ins Avretal. Je mehr Truppen Rupprechts anlangten, desto breiter gliederte sich Stück für Stück die neue Westfront, die sich mit der bisherigen südwärts gerichteten bei Roye in stumpfem Winkel schnitt. Sie setzte sich nordwärts bis westlich Peronne fort, wo das Pfälzer K. nun auch der Linken Castelnaus die Möglichkeit einer Umfassung abschnitt. Inzwischen richtete sich die Vorhut 1. bayr. R. K. über Douai schwungvoll auf Arras. Hier suchte ein neuaufgestelltes R. K. Bruyère mit starker Reiterei unter de Mitry (früher Sordet) zu überflügeln, es wurde aber beiseite geschleudert und aus dem Weg geschoben. Das spielte schon in die ersten Oktobertage hinüber, wo es dem 1., 2. bayr. K. erneut mißlang, Lihons und Maricourt zu erwerben. Der Feind behauptete vorerst beide Orte, obschon er dabei 600 Gefangene verlor. Vom 1. R. K. erschien zunächst III/1. R., doch zersprengte erst die fränkische Brigade der 5. R. D. vier Territ. Rgt. bei Douai und die Ingolstädter Brigade siegte am 2. Okt. am Bois Bernard. 1. R. D. überwältigte bei Gavrelle und Oppy nur mühsam die 70. R. D. Verluste und Trophäen (1000 Gefangene, 5 Geschütze) gehören aber wesentlich zum Oktober. Die Bayern wandten sich hier zunächst auf Athis, 5 km östlich Arras.

Das Ringen des 2. bayr. K. war blutig, 5. R. verlor 980 Mann, es wirkten auch 23er, 17er bei Curlu mit samt ihrer Artillerie. Rupprechts Linie ward immer dicker, die Lücken schlossen sich, schon strebte auch die Spitze der über Charleroi verladenen 26. R. D. nach Albert a. d. Ancre mit 122. R., die ein heftiges Gefecht hatte (580). In Richtung Compiegne bedrohte die 7. Kav. D. mit 7., 15., 25., 26. Drag. (65) bei Ognolles Boelles linke Flanke, der auch Lassigny unter gemeinsamem Druck der hessischen Vorhut (8 Batl.) und der 17. R. D. nicht mehr halten konnte. Die Verbindung zwischen Castelnau und Maunoury lockerte sich, es entstand ein eigentümlich spitzer Winkel. Denn die von Craonne bis Bray 100 km lückenlos, obwohl in allerlei Krümmungen, fortlaufende deutsche Front (von Craonne nach Reims–Souain im Zickzack südöstlich umgebogen, dann wieder östlich bis Verdun und von da südlich bis Mühlhausen) sprang von der Somme immer weiter nach Norden um. Die 6. A. hatte mit 4 D. schon Front nach West, mit nordwestlicher Verlängerung durch Pfälzer und Reservekorps. Ein gut Teil Hessen gliederte sich südlich vor Fresnoy an, wo Castelnaus äußerste Rechte sich einbuddelte. Immer neue Korps füllten nach Norden ein (7., 14., 19.), südlich Arras verdichtete sich, während die Pfälzer sich langsam nördlich schoben, die Angriffslinie durch Einfügung von Garde 4. K., 14. R. K., so daß zuletzt rund 12 Div. südlich Arras, 14 Div. (nach Erscheinen von 26. D., 25. R. D.) nördlich Arras fochten, ohne noch 4 andere Reserve Regimenter, 4 L. W. Rgt. zu rechnen. Allmählich sammelte sich auch die gesamte Reiterei in 4 Kav. K. im Westen unter Oberbefehl von Marrwitz. Schon plänkelten 6. Jäger (4. 100) bei Moyenneville halbwegs Arras, 3. G. Ul. bei Ham, 2. G. Drag, bei La Bassée in Richtung Bethune (zusammen 100). Dieser große Nordwestflügel rührte sich in dauernder Bewegungstätigkeit. Jetzt endlich war der Nordwestflügel überstark gemacht, sogar eine neue 4. A. von 103 Batl. befand sich in Vorbereitung in Richtung Ypern–Yserkanal. Doch es war zu spät, um rasche Überschwemmung des Gebiets zwischen Paris und Calais zu erzwingen. So klug war Joffre auch, dem neuen Feind neue Kräfte entgegenzustellen, eine neue 2., 10., 8. Armee und French mit 7 Div. bei Bethune, im ganzen 29 Divisionen, später noch 5 andere, dabei vier ganz neugebildete Korps. Davon waren im September nur 6–8 zur Stelle, deutscherseits nur 5 vollzählige und sonst etwa 37 Bataillone. Das franz. 20. K. erschien damals schwerlich schon von Nancy her, auch bei »14. K.« liegt wohl teilweise Verwechslung mit 4. vor, 3. K. focht noch bei Reims, mit Sicherheit ist nur 19. Algier zu erkennen neben 4. K. Dem 1. bayr. K. hatte der Feind es leichter gemacht, das Leibrgt. aber verlor 820, 2. Kronpr. 720, die Bayern der 6. A. überhaupt 6400. Der Verlust ihrer 2. Art. (274) erinnert an die schlimmsten Zeiten der Lothringer Augustkämpfe. Auch die Saarbrücker verloren wieder sehr viel (4500, diesmal mit 60. Inf., 70. L. W. ergänzt). Inkl. 780 Hessen usw. Summa 12 600 (Marrwitz' Reiter und Jäger schon bei 1. A. berechnet). Somit kostete die Riesenschlacht in ihren sechs Teilen rund 116 000, dazu der Kampf von Altkirch bis Verdun und vor Maubeuge und Antwerpen, also rund 153 000, nach oben abgerundet. Inkl. Marneschlacht und Nebengefechten der ersten Septemberhälfte Monatsverlust rund 207 000. Autoführer (160 Verw. der westfälischen Kraftwagenkolonne) sind bei unsern summarischen Ziffern einbegriffen, nicht aber gewöhnlicher Train oder an Krankheit Gestorbenen. Davon nach früherer Zusammensetzung inkl. Elsässer 6., 7. A. rund 49 200, 5. A. inkl. Abteilung Strantz 37 200, 4. A. 21 300, 3. A. inkl. 12. K. 28 500, 2. A. inkl. 7. R. K. 31 800, 1. A. inkl. Beseler 39 000, d. h. relativ weniger als 2., 3., 5. A. Unter den Korps litten am meisten 13., 19., 12., dann 4. R. R., 7. K., 6. R. K., 16., 15. K. Die Garde, von deren Vernichtung die naiven Franzosen schwärmten, verlor nur 5300 und die ganze bayrische Armee von rund 13 Div. inkl. L. W. nur 20 600, übermäßige Blutopfer hatten also die Bayern in beiden Kriegsmonaten nicht zu beklagen. Seit Kriegsbeginn litten am meisten 13., 21., 15., 19., 12., 14., 10., 6., 18., 1. bayrische sowie 6. R. K. Am wenigsten 2., 3., 5., am allerwenigsten 7. R. K., also gerade besonders gepriesene Teile, von den preußischen Korps hatten sonst nur 7., 16., 8., 9., 4. K., 4. R. K. ansehnlichen Verlust. Da aber auch die Garde im August beträchtlich litt, war es blinde Verleumdung, daß man die Nichtpreußen ins Vordertreffen stellte, während das Verlustausmaß doch nur vom Schicksal und Zufall der Kampfumstände bestimmt wird. Übrigens vergesse man nicht, daß 15., 16., 21. K. viel norddeutschen Ersatz hatten. Diese Korps abgerechnet, bluteten etwa 125 000 Bayern, Württemberger, Badenser, Hessen-Darmstädter, Sachsen von 381 000 in beiden Monaten, 126., 105. eingerechnet. Da sich dies auf rund 35 Divisionen erstreckt (Ers. Brig. einbegriffen), so ist der Verlust von rund 46 preußischen Divisionen im Westen (37 500 des 15., 16., 21. K. exkl. 105., 126. abgerechnet) mit 218 500 wahrlich nicht geringer!

Wer sich über solche Verluste entsetzt (der Septemberverlust ist deutscherseits kaum wieder im Westen erreicht worden), den verweisen wir auf das Gegenstück, daß 200 000 Verwundete im Marne- und Oisetal lagen, natürlich nicht gerechnet die vielen Leichtverwundeten und Transportfähigen, die zur Heilung nach Paris gingen oder, wie in allen deutschen Listen gewissenhaft verzeichnet, »bei der Truppe verblieben«. Das entspricht mindestens 50 000 Toten. Diese Berechnung ist aber noch zu niedrig, denn Frankreich gesteht bis Neujahr 340 000 Tote zu, was einem Gesamtverlust von 1 ¼ Million entspricht, Gefangene ungerechnet. Da nur noch bis 15. November große Verluste eintraten, ist anzunehmen, daß der französische Septemberverlust ungeheuer war und allein in der Hauptschlacht 200 000 von 15.-30. betrug, so daß die Gesamteinbuße der Verbündeten von Altkirch bis Antwerpen 350 000 erreicht haben mag, 45 000 Maubeuge-Gefangene ungerechnet. Um übrigens der englischen neuen Armee – nicht der alten Frenchs – gerecht zu werden, verzeichnen wir zum Vergleich, daß sie im Juli 1916 allein 8749 Off. 187 871 Mann verlor, in 10 Märztagen 1918 sogar 8840 Off., wofür 164 881 Mann offenbar viel zu wenig gezählt. Ferner 1918 im April 6709 Off. 136 469, im Mai 3452, 65 597, offenbar wieder zu wenig angegeben, da auf 3500 Offiziere doch allermindestens 70 000 zu rechnen sind. Das macht in 90 Tagen rund 28 000 Off. 550 000 (wahrscheinlich 600 000) Mann bloß auf einen Teil des Kriegstheaters. Danach erscheinen obige deutsche Verluste in 55 Tagen auf den ganzen Radius Antwerpen–Altkirch gewiß nicht übermäßig. Ihnen stand damals immer noch eine mehr als doppelte feindliche Einbuße gegenüber. Kurzlebiger Scheinerfolg endete für Joffre mit nachhaltiger Schlappe. Der Geländeverlust war deutscherseits mehr als ausgeglichen durch Fall von Maubeuge und Mihiel und Besitz der Linie Peronne–Somme bis zur Avre. Doch der moralische Rückschlag war nicht gutzumachen. Auf der Hauptfront gegen Paris–Verdun–Nancy statt Entscheidungssieg nur erfolgreiche Defensive eintauschen blieb Verschlechterung auf lange Sicht, endlose Verlängerung des Krieges, den man mit ein paar großen Schlägen zu beenden hoffte. Zum Siegen gehört Glück, ein Unstern verfolgte die deutschen Waffen. Bülow fabelt, seine Infanterie sei auf ein Drittel geschmolzen, während sie seit 4. August kaum 40 Prozent verlor, die Klucks noch nicht 25 Prozent, nur die des Kronprinzen über 40 Prozent. Bei ihm gab es kein Klagen und Stöhnen; Klageweiber von Bülows Art sind aber leider symptomatisch für deutsche Charakterschwächen! Kritisches Nörgeln mißtraut sich und anderen. Etwas mehr waghalsige Festigkeit und die Gloire-Schulbücher würden die Marneschlacht schamhaft verschweigen!

Ohne Hausens Mißgeschick nicht ohne Bülows Schuld wären im August entweder Lanrezac oder Langle nicht so heil entkommen, ohne Mudras Schwäche hätte Sarrail nicht Anschluß an Verdun behalten, ohne Klucks Abirrung wäre der Feind bei St. Quentin nicht dem Verderben entgangen, ohne Klucks und Bülows Irrungen wäre die Marneschlacht glänzend gelungen trotz aller ungünstigen Vorbedingungen. Die Glücksgöttin hat ihre Launen, sie gibt und nimmt. Frenchs unerhörtes Versagen war eine Lotterienummer zu deutschen Gunsten, doch das Trumpfaß gegen Deutschland spielte ein Hentsch aus in Partnerschaft mit Bülow, eine Art historischer Falschspielerei. Fünf Monde lang erstarrte jetzt die Hauptfront im Winterschlaf, unterbrochen von französischen Offensivträumen, und es währte nicht lange, so versank die neue Westfront in gleiche Lethargie. Versumpfen im Stellungskrieg war das übelste, was man den Deutschen bescheeren konnte. Es erlaubte dem Gegner, seine überlegene Materialmasse nebst amerikanischer Sympathiemunition – Marke »neutral, Achtung! zerbrechlich!« – auszunutzen, und beraubte sie ihres taktischen Hauptvorzugs, ihrer überlegenen Manöverierfähigkeit. Weil diese anfangs zwischen Roye und der Lys im Norden verwertet werden konnte, daher der anfängliche Erfolg, der blieb aber strategisch zuletzt wertlos, denn als noch einmal das Schicksal die Hand bot, an der Yser eine große rasche Entscheidung herbeizuführen, verdarb zögernde Pedanterie verspäteten Entschlusses alles. Hatte man überhaupt im Anhäufen solcher Massen im Westen eine glückliche Hand?

Bülow schlug vor, Kluck keinerlei Verstärkung zu senden und die ganze 6. A. statt bei St. Quentin erst bei Amiens zu versammeln. »Diesem Vorschlag wurde nicht entsprochen«. Er war etwas kühn, was wir an sich Bülow anrechnen, es zeigt wieder, wie Erfolg – so faßte Bülow seine Reimser Schlacht schon am 20. auf – selbst Bedächtige anfeuert. Am 22. reifte sein Wunsch so weit, sofort mit Garde und Hessen abzureisen, um den Westkampf möglichst entscheidend zu gestalten. Nach seiner Berechnung sollte die Garde am 25. bei Ham sein. Hätte der Erfolg ihm Recht gegeben? Behielt angesichts solcher Massen Castelnau keine Beharrungsmöglichkeit und kam dann Aufrichten neuer Schutzwehr bei Arras–Bassée zu spät? Das ist sehr fraglich. Zunächst zog Bülow, was der Brite »übereilte Schlüsse« ( foregone conclusions) nennt. Von den Hessen waren schon früher Teile unterwegs, als er angibt, doch schon am 20. stießen vier ihrer vorauseilenden Bataillone bei Roye auf den Feind. Es war also Castelnau schon am 20. in Bewegung, und da die Hessen erst Anfang Oktober ziemlich vollzählig anlangten, so rechnet Bülow höchst konfus mit Eingreifen der Garde am 25. Natürlich benutzte Joffre leichter sein Bahnnetz und ausgiebige Autodepots zur Massenbeförderung auf kürzestem inneren Wege, während die Deutschen auf Umwegen durch Nordfrankreich anrollten. Bis Garde, Hessen und gar 4. K., 14. R. K. eintrafen, war der Feind stark genug geworden. Versammlung der 6. A. bei Amiens unter den gegebenen Umständen war ein phantastischer Traum, gleichsam, als ob man am 5. Sept. die Losung ausgegeben hätte, die 1. A. solle ihren Sammelpunkt auf den Boulevard des Italiens oder nach Notredame verlegen. Außerdem mußte Sicherstellung der Etappen berücksichtigt werden, die durch Frenchs baldigen Aufmarsch bei Bethune schon überholt waren. Die O. H. L. verfügte daher Abschiebung der Badenser dorthin, die sich jedoch verspäteten, nur ihre Artillerie (siehe früher) erschien bei Liovin, wir glauben nicht an dortigen Gefechtseintritt von 40., 169., bislang vor Nancy, deren V. L. bis 1., 2. Okt. läuft, für welche beiden Tage man ihren Verlust berechnen muß. Um die Lücke zur Lys zu schließen und Offensivwerden Frenchs zu hindern, mußten also 7., 19. K. Hals über Kopf nach Lille. Statt von Versammlung bei Amiens zu träumen, hätte man der 6. A. von vornherein eine mehr nördliche Richtung geben sollen, zumal sie den Ausladepunkten näher lag. Saarbrücker und Hessen hätten vorerst genügt, um Castelnau festzubannen. Da sich die L. W. bei Bray und vor Arras festsetzte, so war von vornherein ein solider Rahmen gespannt, den man später nach Belieben ausfüllen durfte, die Bayern hätten sich sofort mehr nördlich ausdehnen sollen, um möglichst schnell an den Basséekanal heranzukommen, die Ankunft der Badenser erwartend. Es war strategisch gleichgültig, ob man bei und südlich Albert in Richtung Amiens vordrang, woraus unter den jetzigen Umständen, mit French in der Flanke, ja doch nichts werden konnte. Übrigens gaben die im Oktober noch gesteigerten und nach dem stürmischen Septembererfolg nicht vom Fleck kommenden Kämpfe der Saarbrücker sehr zu denken; Castelnaus Stellungen müssen taktisch sehr gut und schon genügend stark besetzt gewesen sein. Ja, wenn man schon am 20. gemeinsam mit Bahn einen Masseneinsatz hätte ausspielen können! Doch vor 25. war Prinz Rupprecht nicht in der Lage, kräftig loszugehen, es fand also auch hier wieder mal Verspätung statt. Was bedeutet das? Wenn Deimling, der am weitesten entfernt stand, am 12. bei St. Quentin war, hätten Saarbrücker und Münchner sicher spätestens am 18. das südliche Sommetal erreichen können. Dann freilich hätte sich vieles geändert. Es ging also, wie es bei zweifelhafter Umgruppierung zu geschehen pflegt, es blieb in der Ausführung eine Halbheit, man zögerte zu lange mit dem Aufbruch aus Lothringen, den wahrscheinlich Rupprecht mißbilligte. Nun hätte aber die nächste Sorge sein müssen, möglichst schnell auf Bethune auszugreifen, um die Verbündeten an der Lys von Belgien abzusperren. Statt dessen entstand anfangs eine unnütze übermäßige Anhäufung zwischen Fresnoy und Arras. Das lange dortige Abringen blieb strategisch wertlos und bedeutete Verzicht auf jede wirkliche strategische Offensive. Als eine solche an der Yser zu reifen schien, war es schon zu spät. Aus leerer Kommißpedanterie verschob man die Frontverwendung der vier begeisterten Freiwilligenkorps von Woche zu Woche, wodurch die Belgische Feldarmee aus Antwerpen entkam und der Feind Zeit gewann, sich bei Ypern aufzubauen. Die geradezu widersinnige Einschiebung von Garde und Armin südlich Arras rechnen wir zu den größten Mißgriffen Falkenhayns, der nach eigener Aussage schon seit 14. amtlich an Stelle Moltkes trat. Selbst ein taktischer Erfolg, der ausblieb, hätte nichts wesentliches bewirkt. Es scheint aber, als ob Falkenhayn dort wirklich eine strategische Entscheidung suchte, nämlich Abdrängen der Franzosen nach Norden – Schema F nach Clausewitz –, also wieder doppelseitige Umfassung, indem Rupprecht aus Süden, Beseler aus Norden, H. Albrecht aus Osten »einkreisen« sollten. Daraus wird erfahrungsgemäß (für solche, die sich nicht durch mißverstandene Beispiele blenden lassen) nie etwas. Dagegen hätte einseitige innere Umfassung, d. h. Eintreiben eines Keils nördlich Bethune unter völliger Absperrung der Belgier, die bei Beschleunigung des Aufmarsches der 4. A. zwischen Gent und Yser hätten kapitulieren müssen, French zu sofortigem Rückzug nach Calais und wahlscheinlich Einschiffung genötigt. Das ganze Ringen bei und südlich Arras, wo im ganzen 16-18 Divisionen verplempert wurden, war reine Kraftvergeudung. Hier gebot sich, nachdem Castelnau bis Fresnoy-Albert zurückgenötigt, hinhaltendes Gefecht mit mäßigen Kräften, denn selbst glückende französische Offensive hätte sich im Sommetal verfangen, während im Norden die absolute Entscheidung fiel. Wären Garde und Armin gleich anfangs nach Lille verladen worden, so hätten sie French bei Bethune ausgeräuchert, noch ehe er zum Aufmarsch kam.

Das war der eine Weg, den anderen betonen wir aber immer wieder, ihn wies Wegnahme von Mihiel: großer Durchbruch zwischen Toul und Verdun, ein strategischer Zentralstoß, der unter allen Umständen die größte strategische Wirkung haben mußte, indem er in den Rücken von Sarrail, Langle, Esperet führte und Dubail von ihnen abschnitt. Der Zug nach dem Westen, auf welchen Einfall ja auch Joffre anbiß – der Durchschnittsmilitär denkt immer nur an »Umgehung« –, scheint dem Laien »genial«. Tatsächlich entzog diese maßlose Umgruppierung vom 6.-23. dem an der Marne leichtverwundeten deutschen Gesamtheer die Kraft von 10 Divisionen (Deimling und Badenser ungerechnet) in einer Fieberkrise, wo jede Kraftverminderung tödlich werden konnte. An Ort und Stelle verblieben, hätten sie einen überwältigenden Sieg in Lothringen errungen, was jede fragwürdige Marneschlappe (wenn sie eintrat) mehr als ausglich. Da die Hauptfront 7., 9. R. K. als frische Verstärkung erhielt, so hätte sie bei einigermaßen anständiger Führung sich längs der Marne halten müssen, auch hat ja trotz elender Dispositionen allein das 15. K. als Verstärkung dort genügt und gegen Castelnau waren 2., 18. K., die man ja nicht aus Lothringen holen mußte, Mannes genug, die Flanke zu schützen, diese Front war sich selbst genug. Doch die O. H. L. starrte hypnotisiert nach Westen. Diesmal waltete aber nicht das Glück des alten Molkte, diesmal blieben Fehler nie unbestraft, nur weil das deutsche Heer das beste war, das ja die Waffen schwang, durfte man bis zuletzt an Sieg glauben. Doch Ludendorff übernahm dort das Kommando, als schon alles versehen war und die Glocke Mitternacht schlug. Je länger man England Zeit ließ, seine Massen flüssig zu machen, desto schwieriger wurde Frankreichs Niederwerfung. Amerikas Kriegseintritt wäre nie gekommen, konnte man im September Schläge führen wie die bei Charleroi–Longwy. –

In dieser Riesenschlacht, der größten aller Zeiten, fehlte beiderseits geistiges Durchdringen. Hätte Joffre den Zentrumstoß Craonne–Berry von vornherein als Leitmotiv gewählt, hätte er sicher dafür stärkere Massen angehäuft, während er im Grunde wahllos die ganze Front abklopfte, ob er irgendwo hohle Töne von zersprungener Füllung erhorche. Er schenkte dem Gegner drei Tage, um sich in neuen Linien einzurichten, denn wir wiederholen, daß diese erst am 15. angegriffen wurden. Sah der törichte Rückzug auch manch vergessenes Beispiel stiller Heldengröße, so beschleunigte ihn doch nirgends ungestümes Nachdrängen. Der Abgang der 3., 5. A. glich dem eines verwundeten Löwen, bei der 2. beschämte die gediegene Ruhe der Truppen das Bibbern und Zappeln des Führers. Angesichts des heillosen Wirrwarrs, wo die Kraftwagen des 7. K. einen weiten Bogen umschrieben, aus dem sich das Kreuz und Quer bei Vor- und Rückmarsch ablesen läßt, überrascht um so mehr die feste Ordnung der Sachsen. Die Franzosen mußten froh sein, ihre weidwunde Meute überhaupt zu weiterem Anpacken anzuspornen. So brav sie sich aber zu vielfachem Ansturm fortreißen ließen, so hielt die deutsche Eisenfaust sie doch gründlich nieder, auf lange erlosch der Angriffstrieb großen Stils. Gleichwohl zeigte Frankreich, aus allen Siegeshimmeln gerissen und auf vier Jahre verdammt, die deutschen Kanonen nahe vor Paris zu hören, eine hartnäckige opferbereite Geduld, die man nur höflich bewundern kann. In Deutschland aber brüllt die blinde Menge mit blinden Anklagen, weil diesmal nicht das Glück des alten Moltke seine alten Fehler verhüllte und der verrückte Moltkekultus nicht länger die Unfehlbarkeit deutscher Strategie dem Laienverstand aufschwätzen durfte. Rien ne réussit que le succès der äußere Erfolg bestimmt allein das Urteil der Unwissenden. Unsere Schärfe aber entbehrt jedes Beigeschmacks überschäumender Gehässigkeit, sobald wir wie bei dem unglücklichen Manne, den romantische Laune bloß seiner Namenserbschaft wegen an die Spitze des Heeres stellte, mildernde Umstände erkennen. Daß er sich durch Bülow ins Bockshorn jagen ließ, hing wohl auch mit höfischer Schranzerei zusammen, da gewißlich der Kaiser ihm dreinredete.

Das ersehnte allgemeine Rendezvous aller Heere war zwischen Maas und Somme glücklich erzielt, doch allgemeine strategische Berechnung in die Brüche gegangen. Man lag fest. Das beste Beispiel liefert die jetzt unbefriedigende Stellung des Kronprinzen, die nur noch Deckung der Scheinbelagerung von Verdun schien. Man umstellte den Platz zwar in Nord, Ost, teilweise Südost, doch ohne einen einzigen Punkt des Vorgeländes zu besitzen, es schwand vorerst jede Hoffnung, im West und Süd die Verbindung mit dem Innenland zu zerschneiden. Das Duell der Belagerungs- und Festungsgeschütze blieb schaal und unersprießlich, Gouverneur Coutenceau handhabte beweglich die Garnison, obwohl Stegemann gewaltig den Nachteil übertreibt, den seine Ausfälle je bereiteten. Er bewahrte nicht mal Außenstellungen, wie Malancourt vor dem Fall; Sarrail selber stand unter Pressung Mudras, obschon dessen Flankenspitze Ippecourt verloren ging. Die östlichen Ausläufer der Joffre-Offensive schlugen fortan hier nur matte Wellen, es blieb für Sarrail mißlich, daß er dauernd an den Côtes empfindliche Rückenbedrohung spürte, was zu den späteren Massenstößen Dubails zwang. Doch was wog diese Unannehmlichkeit im Vergleich zum 10. September, wo ihm der Kronprinz schon Vernichtung ansagte! Gewiß war dessen südliche Spitze bei Loupy etwas weit von ihrer Basis Varennes entfernt und eigene Seitenbedrohung durch den festen Drehpunkt Verdun durfte nicht vernachlässigt werden, gerade deshalb hätte man zwei der aus Lothringen abrollenden Korps dem Kronprinzen übergeben sollen, statt daß dieser 136., 114. bei ihrem Vorbeizug anhalten mußte, um sich zu stärken. Hier hätten sehr wichtige und große Ergebnisse von strategischer Tragweite erzwungen werden können, während drüben Sarrails so vollblütig sich gebärender Angriffszorn an der Maassenke schon gleich einen hippokratischen Schwindsuchtskeim verriet. Joffre verhieß sich nichts davon, sonst hätte er Sarrail nicht gleich um drei Divisionen geschwächt, beiderseits legte man ungebührliches Gewicht auf den Westflügel, wo weder Deutsche noch Franzosen damals ernstlichen strategischen Vorteil erzwingen konnten. Nichts bezeichnender für die Unklarheit der O. H. L. als die Gleichgültigkeit, mit der man die Lage der 5. A. betrachtete und alles Verfügbare nach Westen abdrehte, wo ein greifbarer Erfolg nur dann gewährleistet war, wenn man rechtzeitig, was nicht geschah, im Norden und nicht im Süden operierte. Noch bezeichnender aber für die unerbittliche Logik der Tatsachen, daß man sich 16 Monate später nun doch entschließen mußte, dem Kronprinzen die an Truppenumfang größte bisherige Unternehmung – die überhaupt größte bis zu Ludendorffs letzter Offensive – gegen Verdun anzuvertrauen. Nicht nur Falkenhayn, sondern auch Ludendorff verteidigten diese von der Fama angepöbelte Tat und sie haben recht. Nie seit der ersten Panik hat Frankreich so gezittert wie während dieser Sechsmonatsschlacht, das deutlichste Zeichen, daß dort strategischer Knicks und Knacks die französische Rüstung in allen Fugen lockerte. Doch die Ablenkung aller Kräfte nach Westen machte auch unmöglich, den Mihielkeil zu schärfen, Jahr für Jahr warteten wir umsonst auf Verständnis dafür. Joffre erkannte viel besser, wie ihn dort der Schuh drückte, er wollte dies Zwicken und Zwacken mit Massenopfern beseitigen, die bei Combres abgeschlachteten Hekatomben dienten doch wenigstens einem vernünftigen strategischen Zweck. Es empört, neben den ungeheuren französischen Verlusten auch die des 5. K. und der Metzer Bayernbrigade zu sehen, die dort allein neben schwerleidenden Teilen des 15. R. K. auf so wichtigem Posten standen. Wo immer man die Kraftverteilung wahrnimmt, war sie unpassend: Entblößung strategisch ausschlaggebender Punkte, unbehilfliche Massenhäufung wie bei Ypern, als dort schon nichts mehr zu hoffen war, immer verspätet. Man ist froh, erst 5, dann nochmals 10 D. für November und Frühjahr nach Rußland abrollen zu sehen, wo sie teils in Meisterhand entscheidende Einwirkung übten, teils wenigstens (Mackensen) strategisch unfruchtbare, aber blendende taktische Erfolge ernteten. In Frankreich herrschte fortan die richtige Ermattungsstrategie, die es verlockend findet, wenn der Feind sich unsanfte Beulen holt, ohne die eigene moralische Schwächung durch Offensiverschütterung feindlicher Initiativen zu bedenken, und im übrigen den Gott der Schlachten einen guten Mann sein läßt.

Man soll nicht verlangen, daß gewöhnliche »Feldherrn« napoleonisch denken oder Unterführer das Ganze sehen statt des eigenen bestimmten Befehlskreises, doch es war wenigstens ein Segen, daß nachher ein Bülow und Kluck nicht mehr glänzten und andere Unterführer mehr hervortraten, denen bescheidenere Unterordnung gegeben war. Doch die Dürftigkeit der O. H. L. versteifte sich teils auf rein taktische Gesichtspunkte teils gebrach ihr rechtzeitige Einsicht für strategische Belastungspunkte. Es ist wieder bezeichnend, daß man später selber unsere Rüge betreffs falscher Massenanhäufung südlich Arras bestätigte und nacheinander 6 Divisionen von dort entfernte. Das Muß der Wirklichkeit korrigiert so die Schnitzer, wenn es zu spät ist. Wie oft konnte großer Zeitverlust ohne merklichen Gewinn bei unrichtiger Gruppierung vermieden werden. Wie sehr hätte Joffre sich gehütet, sein Westmanöver auszuführen, wenn ein einheitlicher Wille zwischen Argonnen und Mihiel zum Schlage ausholte! Wie Großes hätten dort die beiden fürstlichen Heerführer, die einzig wirklich befähigten auf dem westlichen Kriegstheater, zusammen erwirkt! Wir wiederholen zum Überdruß: Absendung von 4 D. zur Hauptfront hätte als Verstärkung genügt, mit den übrigen 12 dorthin verschickten hätte man in Lothringen einen großen Sieg errungen. So erscheinen die Mißgriffe der Marneschlacht nicht als einzelnes »Pech«, sondern allgemeines Symptom für schwankende Unklarheit. Joffres Entblößung der Lothringer Front gerade im kritischsten Augenblick hätte ihm glatt den Feldzug kosten können, statt dessen fing er zwei Fliegen mit der Klappe, da auch dort grundloser Rückzug alle bisherigen Früchte preisgab. Er? Wahrlich nicht, sondern die allgewaltige Vorbestimmung, welche die scheinbar zufällige Kausalität geheimnisvoll aus innerer Notwendigkeit entspringen läßt. Dies unvergleichliche deutsche Heer mußte nach Heldentaten, wie die Welt sie nie gesehen, einem geisttötenden »legitimen« System erliegen. Vielleicht gehörte es auch mit zum System der Generalstabshalbgötter, daß die Klucklegende sich immer weiter spann, wie im Singsang eines Amerikaners auf Herrn Kluck » who won´t be turned«, als dieser schon ausgeschaltet auf dauernden Urlaub ging, ohne »Eichenlaub«, wegen angeblich schwerer Verwundung verabschiedet und im langen Weltkrieg nie wieder mit irgendwelchem Posten betraut. Dies sollte Autoritätsgläubige lehren, wie man an maßgebender Stelle dachte. Bülow freilich erhielt beim Abtreten unberechtigterweise den Marschallstab, eine hohe nur Hindenburg gebührende Würde, die auch noch durch Verleihung an Mackensen und gar Eichhorn entwertet wurde.

Die hartnäckige Verbissenheit der Briten und die wilde Leidenschaftlichkeit der in Ehrenpunkt reizbaren, obwohl sonst kühlskeptischen Franzosen ist weit eher geeignet, jusqu´au bou the knok – out durchzuhalten in Erraffung selbstischer Zwecke. Das Säbelrasseln vor Jena, die persönliche Tapferkeit in der Schlacht, dann der schmähliche Zusammenbruch – das sind leider typische Züge deutscher Generale und Beamten, denen Ruhe die erste Bürgerpflicht und die sofort den Kopf verlieren, sobald die übliche Ordnung gestört wird. Ein genialer Ludendorff, den man für einen eisernen Mann hielt, bekam in der letzten Krise einen Nervenkollaps wie jeder Jena-General, der vor Schatten kapitulierte. Ohne dämonische Persönlichkeiten wie die zu früh weggerafften Einheitsstreber Moritz v. Sachsen und Wallenstein oder den nach unsäglicher Mühe das Deutschelend überwindenden Bismarck kann den Deutschen nicht geholfen werden. Ohne Blücher, den sachlich ganz untauglichen, aber seelisch mächtigem Dämon der Vaterlandsliebe, wären Scharnhorst und Gneisenau ohnmächtig geblieben. Sein Wort »den Hundsfott hat jeder im Leib, doch nur ein Hundsfott läßt ihn rauskommen«, das klassische »Grouchy steht mir im Rücken? Gerade recht, er kann mir!« – das ist die Gesinnung, die deutschen Führern nottut. Kühle Bedächtigkeit hat der Teutone schon zu viel, er braucht den Furor Teutonicus und den »Zorn der freien Rede«, wie der ehrliche Arndt ihn als Geschenk pries vom Gott, der Eisen wachsen ließ. Doch lakaienhafte Liebedienerei nach oben und Mißverstehen von Manneszucht als Kadavergehorsam hat eine heilige Scheu vor wahrer Kritik. Denn wie Altmeister Moltke so hübsch sagt: »Die Prestigen müssen geschont werden«. Die sonst an kritischer Mieselsucht kranken Deutschen ächteten Jeden, der sich nicht in Militärfrommheit den Mund verbinden ließ. Wer den übergroßen Zufalls- und Schicksalsanteil an Moltkes Triumphen aufdeckte, wer vor Geringschätzung der französischen Soldaten warnte, wer die Schäden stehender Heere durchschaute und das im Weltkrieg überall ausschlaggebende Milizsystem eines Volksaufgebots empfahl – den Krieg gegen Rußland führte man überwiegend mit milizartigen Gebilden und die 9 Freiwilligendivisionen bei Ypern, die wahrlich keinen Drill hinter sich hatten, lehrten sofort den Wert solcher begeisterten Scharen – der handelte als vaterlandsloser Geselle! Hätte man doch lieber auf ihn gehört! Der Halbgott mit karmoisinenen Hosenstreifen wandelte auf dem Alsenplatz wie ein Professor ins Kolleg, und eine militärische Besprechung glich keinem französischen Marschallkonseil, sondern einem Konsilium von Oberlehrern, das Jedem, der gegen die »Schule« und Schema F frevelt, das Consilium Abeundi erteilt. Doch eigenständige Charaktere werden so nicht großgezogen. Friedrich Karls Spruch »der Wille zum Siege siegt« verkehrte sich an der Marne in »der Wille zum Nicht-Sieg erliegt«. Di« Franzosen werden dort gewiß neue Siegessäulen errichten, die alten noch überstrahlend. Wo Foch sich zum Fliehen anschickte, wird eine Viktoria segnend die Hände breiten über das Wunder der Marne, und wo Maunoury verzweifelt gen Himmel schrie, wird eine Kapelle für Notredame les Victoires zum Himmel schauen. Jetzt sträubte Chanteclair den Kamm, seine Krallen wetzten sich, sein Krähen gellte schärfer, er witterte Morgenluft.

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