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Bismarck - Band 3

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 3 - Kapitel 17
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 3
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI. Die Argonnenschlacht.

Als 4. A. erst drei Tage stillstand, dann in beschleunigtem Tempo abmarschierte, hatte 5. A. schon vollständigen Sieg neben ihr errungen. Der Kronprinz griff frühzeitig bei Varennes an, jagte das K. Bronchin Tag für Tag südwärts bis Loupy und Laimont. 3. und 6. Kav. D. erreichten Revigny mit 5. Fußjägern, 7., 8. und 13. Jägern z. Pferd, 9., 20. und 23. Drag., 13. und 14. Husaren voraus. 13. franz. K., dessen Hälfte Langle an Sarrail abtrat, hätte die Lücke auf die Dauer nicht stopfen können. Auch dort riß Rückzugsmahnung aus allen Siegeshoffnungen. Freilich tobte die Schlacht im Nordosten nicht ganz so glücklich. Hier warf sich Sarrail entschlossen auf das Metzer K., doch 6. R. K. fiel ihm in die Flanke. Bei Haippes-Ippecourt ballte sich der Kampf zusammen. Zeitweilig bedrohte schon Sarrail Mudras Maasbasis Dannevoux, auch Verduns Garnison fiel aus und es würde Mudra schlecht ergangen sein, wenn nicht Teile 5. R. K. abgeriegelt hätten. Allmählich wich Sarrail auch dort zurück, zugleich im Rücken bedroht, wo 5. K. in die Cotes Lorrains griff und Fort Troyon zerschoß. Noch am 10. legte Moltke in einer Übersicht Wert auf diese Teilhandlung. Zwar blieb der Vorstoß zunächst lau, hätte aber bei Fortsetzung der Schlacht Früchte gezeitigt, die für Sarrail sehr sauer und bitter geschmeckt hätten. Jedenfalls erwog er sofortigen Rückzug längs der Maas, um sich von dreiseitiger Umfassung loszueisen (aus Süden bei Laimont, aus Westen bei Ippecourt, aus Südosten an den Cotes), als zu seinem Staunen im Süden der Kronprinz nachgab und ihn so vom unerträglichsten Druck befreite. Sarrail entschloß sich auch erst zum Nachrücken, als der Gegner am 12. durch die Argonnen auf Menehould abzog, von da weiter nach Montfaucon, wo der Kronprinz die richtige Verteidigungsstelle bezog, nachdem er allen Gewinn seiner Angriffsstellung für lange Jahre verlor. So warfen auch über die Argonnen der Mephisto Hentsch und sein verzauberter Faust Bülow ihren gespenstigen Schatten.

Die Kronprinzenschlacht war wiederum außerordentlich heftig und blutig. Man mußte Sarrail und seiner Hauptmacht am Maasflügel alle Hochachtung zollen, daß sie nach solcher Augusterfahrung so zäh und kühn ihren Standpunkt behaupteten. In den ersten Septembertagen konnten die Deutschen nicht kampflos nach den Argonnen durchschlüpfen, die verwahrte Eingangspforte Varennes mußte am 3. entriegelt werden durch 10. und 11. R. Daran nahmen auch teil die Vorhut des 6. K. mit II/38. und 57. Art.; beide schlesischen K. marschierten dann nebeneinander bis Menehould, worauf Goßlers Linke ostwärts einschwenkte zu Mudras Entlastung. Am 7. vertrieb I/23. und I/157. den Feind aus Lahaycourt nordwestlich Bar le Duc, II/III/31. am 8. aus Loupy; nördlich davon blieben 62. und III/63. nebst 6. P. und 42. Art. bei Isle en Barrois bis 10. hängen. Die Schweidnitzer Batterien litten dort ungewöhnlich (10, 204); indessen verlor das 6. K. im ganzen nur 2700, und Bronchin wurde in diesen andauernden Gefechten bis Leimont vor Bar le Duc zurückgedrückt. Die Linke des Chalonskorps behinderte mit Front nach West den Südmarsch; die Württemberger und R. D. Breslau hatten hier einen kräftigen Feind aus dem Wege zu schleudern. Die Vormarschbahn der ersteren wird nicht klar erkennbar, die löffelweise eingehenden V. L. (oft 6 des gleichen Regimentes), meist ohne Zeit- und Ortsangabe bis Mitte September, erschweren tabellarische Sammlung. Feststehen nur 124. bis 11. (620), sowie II/III/122. (120), 119. (123) am 7. bei Rollicourt. Nehmen wir sie als Maßstab sowohl der größten als geringen Verluste, so erhält man ungefähr 3650. Noch am 1. verlor I/120. allein 32 Tote; bei Romagne am 2. mußte 54. Brig. der 11. R. D. beibringen; bei Durchschreiten der Argonnen litt man durch Spionage und Hinterhalte. Am 6. besetzte 26. D. Clermont; ihr 125. rang um die Höhe bei Pretz. 120. kam herbei und verlor 12 Off. 340 Mann. (Dieses Rgt. behauptet, in den ersten zwei Kriegsmonaten 27 Off. 840 Mann an Toten verloren zu haben; wir vermögen aber eine so hohe Ziffer in den V. L. nicht zu erkennen, es sei denn, daß die meisten Verwundeten starben.) Die Schlacht bei Triaucourt und Grandcourt am 7. und 8. endete gut, worauf Fabeck südlich zum Ornain weiterzog und sich rechts vom 6. K. setzte, am 10. bei Sommaisne. 13. P. litten am Ornain (135), Brig. Teichmann verlor viel, unverhältnismäßig die Art. (465, dabei 190 für sechs Batterien 29. Art.), die wohl für die fehlende hessische am Kanal eintrat. Inzwischen rückte das Gefecht der Breslauer R. D., deren Brigade Schweidnitz vorerst unberührt blieb, wenig von der Stelle; 11. R. Art. feuerte noch am 9. bei Narrecourt. Bei Souilly und Beaucé am Air wich das französische 6. K. langsam; Goßlers 6. R. K. mußte die Ehre, ihm gegenüberzustehen, erst auf dem Rückzug teuer bezahlen.

Am Maasflügel waren am 2. jetzt 145., III/67. nebst 70. Art. drüben (Verlust 375), II/30. und II/135. nebst 12. Jg. z. Pf. erkämpften weiteren Raum zum Vorgehen nordwestlich Verdun, wo Gündell die Festung umlagerte und mit schweren Belagerungsgeschützen die weite Fortumwallung beschoß. Dies Bombardement gegen Nord- und Ostforts ließ Sarrail kalt, peinlicher war schon, daß auf der Westseite ein Geschützkampf gegen Forts St. Mare und Bourrus begann. (Kothe schreibt Bois Bulé, wie er auch franz. 21. K. hier erscheinen läßt und d. 11. statt 16. K., welche – Schreibfehler gar sehr die professorale Wissenschaft trüben.)

In zu ausgedehnter, doch guter Stellung hielt er sich für stark genug, den hier verfügbaren 16 Brigaden der 5. A. bei Montfaucan Trotz zu bieten. Um drei Divisionen vermindert, hatte er immerhin noch 10 Linienbrigaden und 15 der R. D. 65, 67, 75, 54, 72 und 2 K. D. Er steckte gegen Mudra eine stolze Miene auf, hat ihn aber nie umfaßt, wie man behauptet; dazu kam es nicht, wohl aber zur Umfassung seiner eigenen Innenflanke. Mudras rechte Kolonne ging östlich Varennes am Hessenwald vorbei, während D. Reitzenstein links davon nordöstlich auf Haippes nachschwenkte und dort bis 11. standhielt. Am 7. massakrierten die Franzosen eine Sanitätskolonne (90, siehe V. L.), bei ihnen untrügliches Zeichen von Niederlage. Da ihr großer Landsmann Voltaire sie die »Tigeraffen« nannte, so darf man wohl ruhig sagen, daß boshafte Grausamkeit alle Blätter französischer Geschichte besudelt, verbunden mit heuchlerischer Lügensucht für »Freiheit und Recht«. Da geht Barrès süßlich sentimental in Berenices Garten spazieren und frißt nachher jeden Morgen einen gebratenen Boche zum Gabelfrühstück. Zum Speien! Revanche ist ihr Leibgericht und Vae Victis des alten Galliers Brennus ihre Parole. Fern sei es uns, auch liebenswürdige Züge des Nationalcharakters zu bestreiten, doch eine gewisse joviale Gutmütigkeit erstirbt sofort unter hemmungsloser Wut, wenn Haß und Übermut gereizt werden. Der Rheingau weiß ein Lied davon zu singen, daß der Geist Louis XIV. noch immer als Schutzpatron die Trikoloren umweht.

Anfangs ging es also schief, am 8. war Ippecourt in Reitzensteins Händen, Heinemann am 6. in Fleury, dehnte seine Rechte ins Airetal, wo gerade das Chalonskorps bei Beaucé auswich, was Mudras Entwicklung erleichterte. Bis 10. stand er mit 34. D. günstig bei Saraucourt, Rubecourt, doch 33. D. blieb empfindlichem Vorstoß der Verdunbesatzung ausgesetzt, verhielt sich defensiv gegen bedeutende Übermacht und ließ ihre schwere Artillerie arbeiten. 130. verlor hier 800, der Gefechtsstand war lange ungünstig, doch mußte sich jetzt Sarrail aus anderer Klemme ziehen, weil sich Strantz' Betretung der Maashöhen ankündigte. Er deckte sich dort unter Sprengung aller Maasbrücken mit 2. und 7. Kav. D., »Brig. Toul« marschierte von westlich Mihiel dorthin, 8. K. befand sich im Anmarsch. Seine Front war am Südende bei Laimont schon unterhöhlt, die anfangs tief gestaffelte 5. A. entrollte sich, nach Durchziehung der Argonnen bei Clermont, zusehends breiter. Doch scheint am rechten Flügel nur Frontraum für eine Hälfte 13. K. gewesen, denn nur 121., 122., 124. und 127. und die Artillerie kamen nochmals ernstlich ins Feuer. 120. behauptet für sich das Gleiche bei Sommaisne, wo der von O. H. L. untersagte Nachtangriff dennoch stattfand und der Feind südlich der Bahn wich, doch Verwirrung bei 54. Brig. einriß, deren General am 7. verwundet. Da das 120. in allen späteren Monatslisten der 27. D. obenan steht, so wird man wohl unserer Lesung der V. L. beipflichten, daß es bis dahin geschont blieb. Die V. L. lassen wohl keinen Zweifel, daß R. D. Neiße zu Reitzenstein nach St. André abmarschierte, so daß dort der eigene deutsche Flankendruck eindringlicher wurde. Den Verdunausfall fingen Gündells 37er und I/154er auf, die Garnison suchte wieder den Schutz ihrer Festungsmauern, gegen die soeben 16. Fußartillerie donnerte. Am 8. verschlechterte sich Sarrails Lage, als die Oberschlesier im Verein mit 130. und 144. südlich bei Cuisy vordrangen. I/III/22., I/156. Inf. und I/II/22. R. reihten sich an, auch 136. Deimlings, das gerade hinter der Front vorbeizog, wurde angehalten und bei Ippecourt eingesetzt. Es focht energisch. Die polnischen Bestandteile der Oberschlesier taten ihre Soldatenpflicht so gut wie die deutschen, niemand ahnte damals, welche Teufelei die Pollacken später ihrer Heimat bescheren würden, zur Sättigung alten Neidhasses gegen die rassefremden Kameraden. Das Gefecht der 33. D., die diesmal im Gegensatz zum August mehr stritt und litt als die 34., blieb dauernd hart, die Franzosen fochten ingrimmig, 20. P. schanzten jedoch erfolgreich (285), 33. Art. hielt sich, auch Heinemanns 34. Art. feuerte bei St. André (86) nebst 16. P. (90). Der Druck wurde so stark, daß man rasches Abbauen Sarrails erwartete.

Am 10. verfügte Moltke noch, 3. A. solle die gewonnene schräge Front von 50 km behaupten, erst am 11. fiel er um und auf die in voller Blüte stehende Entscheidung ein Mehltau der Rückzugsangst. Gleichwohl ging der Kronprinz nur langsam vom Schauplatz ab, nur sofortiges Weichen Albrechts, der seine Hintertreffen bei Servon wiederfinden wollte, zwang ihn wie Hausen zum weiten Abzug. War dieser ernstlich begonnen, mußte man sich bemühen, die Argonnenpässe zwischen sich und den Feind zu bringen, um nicht Defileen im Rücken zu behalten. Noch steckte der hintere Schweif der Vorstoßkolonne in den Argonnen, während der Kopf sich im Feind verbiß. Es heißt, Albrecht habe vorgeschlagen, er wolle den Ornain entlang bis nördlich Bar marschieren, d. h. dem Kronprinzen südwestlichen Vormarsch abnehmen, damit dieser nordöstlich über Pierrefitte Sarrails Rücken abriegeln könne. Gewiß, wäre dann später Strantz bei Troyon, die Bayern bei Mihiel über die Maas gesetzt, so war Sarrails Schicksal besiegelt. Ist dem so, ehrt solcher Initiativtrieb den Herzog, doch bei Mihiel rührte sich nichts. Strantz benahm sich lau, als halte er diese Diversion für verfehlt, und vor allem, wo waren Albrechts eigene Kräfte für so schneidiges Beginnen?

Wohl erschien der Kronprinz vollzähliger als jede andere Armee, ein Zeichen zielbewußter Führung, doch waren seine Anmarschlinien auf Bar le Duc zu lang und mühselig, als daß er bis zum 10. bei weiterem Vortreiben seiner Südspitze genug Kräfte durchbringen konnte. Vom 13. K. lassen sich höchstens 12 Bataillone als wirklich im Vorderfeuer erkennen, beim 6. K. nur 11 oder mit anderen Figuranten wie II/62. Kosel höchstens 15. Noch war außer dem Kav. K. nichts zur Hand, um die Operation auf Pierrefitte zur Einkreisung Sarrails durchzuführen. Man sah sich auch durch Ankunft des Marseiller K. gebunden und was helfen die schönsten Anschläge, wenn sie Papier bleiben, denn wo blieb 18. R. K., das von den Württembergern ersetzt werden mußte? Aus zutreffenden Gründen verwarf der Kronprinz daher ein weiter südliches Stehenbleiben, wie es Moltke vorschlug, ließ seinen Südflügel sich divisionsweise an den Argonnen durchwinden, bis 13. K. bei Binerville, 6. K. bei Varennes vereint in Stellung gingen. Er zeigte sich ebenso besonnen und vorsichtig an rechter Stelle, wie bisher rastlos kühn, doppeltes Merkmal einer Feldherrnnatur. Viele gehen dahin einig, daß Prinz Rupprecht hetvorragte, für den Deutschen Kronprinzen will man es nicht einsehen. Doch unbekümmert, wie der Mond um das Bellen der Köter, zieht die Wahrheit ihre lichte Bahn.

Sarrail besann sich ziemlich lange, den Abzug aus Süden vor sich her zu stoßen; baß erstaunt, selber so glimpflich davon gekommen zu sein. Nachher hatte auch er einen großen Mund, und Joffre schämte sich nicht zu deklamieren, daß man den Abzug der 5. A. »in Flucht verwandelte«. Dieser Scherz trug wohl dazu bei, daß in Deutschland die Sage raunte, der Kronprinz sei am Verlust der Schlacht schuldig wie Hausen, d. h. die beiden, die sich – der letztere höchst wacker, der andere geradezu hervorragend – allein unter allen Armeechefs ihres Amtes würdig gezeigt hatten. Lüge, dein Name ist Welt. Seltsamerweise entging der bayrische Kronprinz dem Verdacht, daß er als Fürst notwendig ein Stümper sein müsse; dem deutschen Kronprinzen aber, der im Argonnendunkel fern der äußeren Fama seine stille heimliche Arbeit verrichtete, wie sie vorzüglicher nicht gedacht werden kann und dem sehr berechtigterweise nachher ein Großkommando übertragen wurde, dichtete man eine Rolle an, wie 1809 dem Fürsten Rosenberg: »Wo der steht, kriegen wir Schläge«. (Beiläufig gleichfalls eine schnöde historische Ungerechtigkeit). Als Mudra widerwillig den Rückzug antrat, behauptete Reitzenstein mit 144. den Hessenwald bei Vaucquois, mit 130. und dem Elsässer 136. (zog dann zur Aisne ab) Very an der Maas. Die Füsiliere von 22. und 23. R. hielten St. André bis 14., 38. R. blieb bis 13. auf dem Posten, während 51. R. die südliche Nachhut bis Vaubecourt übernahm. Sarrails Nordflügel scheiterte sogleich am Argonnendorf Apremont, wo 124. würt. L. W. verlustreich standhielt (480), während 6. bayr. L. W. bei Chippy leicht ein Näherkommen am Montfauconwald erschwerte (100). Wir rechnen alle Verluste der 5. A. bis 14., denn wie bei ihr keine Kampfpause bis 5. stattfand, wie bei den anderen Heeren, so auch nicht wie dort seit 11. früh bis 15., wo die neue Hauptschlacht begann. Es ist irrig, daß die Metzer über die Maas wichen, sie klemmten sich noch an dem Ufer fest. Von »vernichteten ganzen Batterien« war auch nichts zu sehen, 70. Art. verlor sogar nur 42 Mann, Mudra 4000, Goßler 2900, das Kavalleriekorps 365, (6, 100 Fußjäger, 145 von 9. Drag. und 13. Hus. bei Revigny). Inkl. L. W. und 136. (600) Summa rund 14 000, weit mehr als jede andere Armee verlor. Außerdem beide Posener K. 950 inkl. Belagerungsartillerie, wovon nur 255 auf »10. D.« entfallen, welcher Begriff sich nur auf II/III/153. beschränkt, die am 10. bei Chatillon an den Maashöhen einen Angriff abschlugen. Weshalb Strantz seinen Auftrag, in Sarrails Rücken zu stoßen, als bloße Demonstration behandelte, ist unbekannt. Im Woevre beobachteten 99. R. und Bayernbrigade Riedel die Stromschranke neben 26. und 36. L. W. (135), im Vorbeiziehen half I/114, mit (100). Mit diesen insgesamt 16 000 rundet sich der deutsche Totalverlust von Ourcq bis zur Maas auf rund 53 000 ab, der französische dürfte mindestens 73 000 erreicht haben, wobei Sarrail sehr niedrig berechnet.

Darum Räuber und Mörder! Darum ein Geschrei erheben, als sei der glorreichste Sieg aller Zeiten erfochten, wohlgemerkt erst après Coup, nachdem die Wogen der Überraschung geglättet. Denn anfangs verschlug der »Sieg« den Siegern die Sprache. Wohlbegründet aber ist der Ausdruck »das Wunder der Marne«. Ja, ein Wunder war es, wie die Abkehr Attilas von Rom durch Engelsvisionen. Doch leider retteten die heilige Stadt Paris weder Engel noch Gänse des Kapitols, sondern zwei kapitale Kälber.

Schlußbetrachtung.

Die Franzosen schöpften natürlich mancherlei Sagen aus den Tiefen ihres Gemüts, als sie sich nachher dies Wunder zusammensetzten. Als die Garde auf sanft ansteigender Ebene den Gondsumpf durchzog, soll längsseitige Bestreichung sie niedergemacht haben? Tatsächlich hemmten die Sümpfe den flotten Anmarsch nicht, die Garde spazierte förmlich zwischen Fochs zu weit vorgeschobene Vorposten hinein. Daß dieser Edle die »Garde nachher in den Gondsumpf warf«, entstammt der Requisitenkammer der Gloire: Reminiszenz an die famosen Teiche von Austerlitz. Die dort angeblich versunkenen russischen Geschütze werfen hier Junge in einer angeblich im Sumpf ersäuften Gardebatterie, während die Gardeartillerie weniger litt als die aller anderen Korps. Die französische Darstellung verwirrt jeden unkritischen Kopf, sie wirft mit Orten um sich, die in keiner V. L. vorkommen, denn Ferté Gaucher und Sezanne waren nie Kampfplätze. Foch soll am 8. Sezanne zurückerobert haben? So scharf schießen selbst die Preußen nicht, Sezanne erreichten sie nie. Es soll bloß wieder ein französischer Bettelerfolg vorgespiegelt werden. »Der heiße Kampf bei La Ferté Gaucher wandte sich zugunsten Esperets und Frenchs«? Wäre Esperet am 8. noch bei Ferté Gaucher gewesen, so hätte er Montmirail schwerlich vor 10. erreicht. Jedenfalls erfüllt mit Bitterkeit, die franz. Auffassung kennen zu lernen, daß die Deutschen nur deshalb weichen mußten, weil Kluck 2 K. zum Ourcq abberief! Er hatte natürlich große Massen am Grand Morin, sonst würden die großen Feldherrn Esperet-French nicht so lange nicht vom Fleck gekommen sein! Klucks »Fehler, nur ein Korps vor Paris zu lassen«, wurde die überlegene Strategie Joffres gleich gewahr! Leider zerrinnt »der am Ourcq erzielte Erfolg« durch Maunourys eigenen Bericht. Blickt man auf die Karte, so fragt man die Unbelehrbaren: wie durfte er bei Damartin liegen, wenn Kluck bei Meaux schon in seinem Rücken stand? Die Pariser Stimmung war wahrlich nicht danach, sich auf solche Tollkühnheit einzulassen. Und doch der Angriff, obschon man Kluck noch westlich der Marne wußte, worüber sich Maunoury unmöglich getäuscht haben kann? Doch das unklare Bild erhellt sich, sobald man sich in die wahre Lage versetzt, daß er nämlich zu gut unterrichtet war über Klucks Rückwärtsstellung, er also vorerst wenigstens einen Vorstoß wagen konnte. Die ganze Mythe hält dazu her, angebliche Feldherrnkunst Joffres als Ursache deutschen Rückzugs anzukreiden.

Auch Vitry ist nie »zurückerobert« worden, die Leipziger räumten unbemerkt den Ort. Eine »Lücke« zu »Armee Einem« (Hausen, die Nachfolgerschaft im Kommando ist vordatiert), in die sich »Foch hineinstürzte«, bestand nie: Wie wir sahen, grenzte die Gardenachhut bei Chalons unmittelbar an Planitz und andere sächsische Nachhut. Fochs Hineinstoßen der Garde in den Gondsumpf ist tragikomische Illusion. Nackte Prosa der Tatsachen überzeugt vielmehr, daß Garde, Emmich und Montmirailgruppe nicht so ganz unbelästigt entkommen konnten, wie geschah, wenn die französischen und Bülows Ort- und Zeitdaten nur einen Schimmer von Wahrheit hätten. Das alles steht auf gleicher Höhe wie die 7000 Leichen bei Montmirail und die 3000 bei Mondemont, ein kalter Aufschnitt in Pariser Sauce als Ragout fein erfinderischer Gloirekochkunst.

French schickte sich erst am 9. an, den Kavallerieschleier vor ihm zu lüften. Er war am 5. und 6. sicher um einen Tagemarsch hinter Esperet, wie er sich von Joffre ausbat. So schließt sich von vornherein die Fabel aus, daß Linsingen je östlich Meaux mit drei englischen Divisionen anband, da diese weit südlich des Grand Morin standen. Desgleichen beweist die Marschentfernung, daß French bestimmt nicht vor 9. den Grand Morin überschritt, wobei ihn der Übergang bei Tretorin »großen Aufenthalt« bereitete und seine Marschleistung höchstens 12 km betrug. Er erzählt, daß seine Vorhut am 9. abends »La Ferté« erreichte, wo sie nicht Brücken schlagen konnte. Doch welches La Ferté? Kothe hält sich darüber auf, französische Oberflächlichkeit rede hier von F. Milon. Doch solcher planmäßigen Entstellung, um weiteres Vordringen Frenchs vorzutäuschen, halten wir entgegen, daß es sich nicht mal um L. F. s. Jouarre handelt, wie French angibt, sondern höchst wahrscheinlich nur um F. Gaucher, wie eine französische Angabe sich auch gelegentlich entschlüpfen ließ. Nach der Marschferne ist unmöglich, daß er F. s. Jouarre vor 10. abends erreichte, auch hier wieder die geflissentliche Vordatierung. Diesen Tag erklärte er übrigens unverfroren für das Ende der Marneschlacht, weil er nämlich überhaupt nichts mehr tat. Hier überführen Joffres eigene Direktiven, wie toll man die von Tag zu Tag schwankende Stimmung in einen vorbedachten Plan überbrüht hat. Am 1. gab er nämlich die Weisung aus: »Man wird bis zur Aube und wenn nötig bis zur Seine zurückgehen«, was sich speziell auf Esperet und Foch bezieht. Am 3. fordert er French auf, sich 30 km weiter zurückzuziehen, um hinter der Seine (man möchte spotten: hinter der Szene!) Stellung zu nehmen. Sieht das nach »Vorbereitung einer Offensive« aus? Wenn man am 5. alles am 4. Befohlene widerrief, wer soll sich aus solcher Verworrenheit ein Bild machen? Was änderte sich denn seit 24 Stunden? Eins ist jedenfalls klar: daß er damals kein Überschreiten der Marne durch Kluck voraussetzte, sonst hätte er jeden Angriffsbefehl an Esperet unterlassen müssen, zumal an French, der sich natürlich Joffres Konzession vom 3. zu Nutzen machte, also am 5. sich schon der Seine näherte. Joffre wußte, daß Kluck noch zwischen Marne und Oise stand, sein Angriffsbefehl vom 5. ist ein neuer indirekter Beweis für die bodenlose Leichtfertigkeit, Klucks Anwesenheit am Morin für möglich zu halten. Wir wiederholen, daß Marrwitz' Vorhut erst am 3. bei Pontoise 30 km von Paris streifte, das Fußvolk also sicher noch 50 km weiter zurückstand, konnte also niemals am 5. nach Überschreitung verschiedener Flüsse am Grand Morin stehen. Daher konnte Joffre niemals die ihm angedichtete Absicht haben, Klucks Vormarsch über Meaux zuvorzukommen und ihm keinen Anschluß an Bülow zu gestatten. Er wußte Klucks Hauptmassen noch südlich Compiegne und jenseits der Marne, der angeblich von Gallieni gemeldete Vorbeimarsch an Paris bezog sich auf eine Spitze 4. D. (II/14.) und möglichenfalls eine der 7. (II/26.), erst später mag Frenchs Angst ihm zeitweise suggeriert haben, Kluck sei mit einem übermenschlichen Purzelbaum über Maunoury nachgesprungen. Vielleicht verwirrten auch 8. K. und Marrwitz, die aber aus ganz anderer Richtung bei Ch. Thierry die »Marne überschritten«. Später muß man französischerseits den Unsinn durchschaut haben, ließ aber die Legende schlendern, um Frenchs Untätigkeit damit zu decken. In Paris vernahm man Kanonendonner bei Lizy-Meaux überhaupt erst am 7. (93er), sonst warf nur eine »Taube« Bomben als Visitenkarten ab. Daß man deutsche Kolonnen im Weichbild von Paris vorüberwogen sah, ist Mythe; kein Pariser Fort löste einen Schuß. Wahrscheinlich erfuhr Joffre aber am 5. die Zersplitterung der 1. und 2. A. an den verschiedenen Standorten, und disponierte daraufhin vorläufigen Gegenstoß auf deren Vorhuten. Das ist die wahre Schöpfungsgeschichte der Marneschlacht. Geisterseher French verbreitete lange Nebel, am 9. aber vergewisserte sich Esperet, daß die deutschen Teile vor ihm keine Reserve hätten und Angriff auf Montmirail durchführbar sei. Selbst dieser Anlaß zu Optimismus fiel weg, wenn Kluck nur am 7. vereint zwischen Acy und Meaux stand. Joffre muß also die wahre Lage gekannt und weder südlich, noch nördlich der Marne Vereinung Klucks befürchtet haben.

Es ist, rundheraus gesagt, eine Frechheit der Klucklobredner, daß sie aus seinen Sünden eine Tugend machen und seine Skandalosa als vorbildlich empfehlen. Durch zwei Dinge konnte er entscheidend einwirken: entweder am Morin schlagen oder Maunoury über den Haufen werfen. Gerade hierdurch hätte er Bülow entlastet, weshalb Moltke es ihm am 10. befahl. Er tat weder das Eine, noch das Andere. Der Unheilknoten wurde schon geschürzt, als Kluck eben nicht zum Morin abrückte und herzhaft loslegte, ohne sich um Maunoury zu kümmern. Dann gab es keine Marneschlacht, Joffre wäre auf Troyes retiriert, wie er früher ins Auge faßte. Denn wie wir French und Esperet kennen, hätten sie fassungslos das Spiel aufgegeben. Dies wäre kühne weitsichtige Selbsttätigkeit gewesen, auf eigene Verantwortung, obwohl mit bewußtem Ungehorsam gegen Moltkes Direktive, »zwischen Oise und Marne« zu bleiben. Da in der Wirklichkeit die Dinge anders zugehen, als in Kleists »Homburg«, so hätte man ihn dafür sozusagen zum »Herzog von Magenta« ernannt, welche Anspielung ein Geschichtskundiger verstehen wird. Wie wir sehen, fallen er und seine Korybanten von einer Unwahrheit in die andere, weil eben hier alles faul ist, alles Legendenschwindel. Erste Begriffsstellung: der törichte Moltke befahl Vormarsch zum Morin, weil er in harmloser Unschuld von einer Pariser Armee nichts ahnte, während des weisen Kluck Seherinstinkt das schon vorher wußte. Antwort: letzteres ist nur zu wahr, deshalb blieb eben Kluck hübsch dieseits der Marne; wäre dem aber nicht so, dann steht aktenmäßig fest, daß nicht Moltke, sondern er selbst den Vorsatz ins Auge faßte, bis zur Seine an Paris vorbeizumarschieren. Zweite Begriffsstellung: obschon er diesen »Fehler« beging, (wohlbemerkt auf eigene Faust gegen Befehl der O. H. L.), machte er ihn sofort gut, indem er schleunig kehrtmachte und mit Vergeudung kostbarer Marschkraft seine armen Truppen den langen Weg zurückführte, den sie gekommen waren. Antwort: so entblößte er Bülows Flanke, d. h. sein eigenes 9. und angeblich 3. K., und wäre vermutlich schon zu spät angelangt, nachdem 4. R. K. überrannt war. Also nicht sein Marsch zum Morin wäre der grundlegende Fehler, sondern seine Umkehr zu »glänzender Parade«, die so wenig glänzend ausfiel, daß er sich zu viel auf seine Truppen einbildet und ihre mittelmäßige Leistung triumphierend herausstreicht. Nun, Gottlob, sprechen wir ihn hier frei, sintemal ja alles nur Chimäre. Er blieb gehorsam »zwischen Oise und Marne« (außer 9. K., 5. D.), deshalb konnte Maunourys Bluff schon am 6. pariert werden, obwohl ungenügend. Exposition: Verstreuung der 1. A. in getrennte Gruppen; Peripetie: Einstellen jeder Offensive, sei es bei Meaux, sei es bei Nanteuil; Ende des Trauerspiels: sinnloser Rückzug. Es hätte genügt, wenigstens bei Meaux gegen Frenchs Flanke zu demonstrieren, was diesen und Esperet stillgelegt hätte. Selbst noch am 10. wäre er zurecht gekommen, jede Bedrohung Bülows zu vereiteln, wenn er nur Maunoury gründlich schlug, Gott schütze ihn vor seinen Freunden! Die Schwätzer wissen wirklich nicht was sie tun. Selbst angebliche Abberufung des 9. K. soll ihm noch zum Ruhm gereichen, woran sich Bülow eiligst klammert, um das Untunliche dieser rücksichtslosen und unverantwortlichen Maßnahme darzutun. Es ist aber auch dies Chimäre, und wir befinden uns in der ebenso angenehmen wie unerwarteten Lage, auch hier als Verteidiger Klucks aufzutreten, sintemal er weder das ganze 9., noch das 3. K. in eigentlichem Sinne nach dem Ourcq berief, sondern nur deren Hälfte. Immerhin schwächte er in Bülows Meinung dessen Flanke im kritischsten Augenblick, denn eins bleibt doch bestehen: wenn er auch nichts abberief so schickte er doch auch nichts, 6. und 18. D. am Petit Morin hätten natürlich Bülows Lage sehr gestärkt. Kluck tat aber weder das Eine, noch das Andere, weder stärkte er Bülow, noch benutzte er die eigene Stärkung. Wie, er stieß Bülow vor den Kopf, um nur selber recht stark am Ourcq zu siegen, und dann kniff er vor sicherem Siege aus? Wie, er selbst rühmt sich jetzt in seinem Buch, er habe Maunoury überwältigen können, und im selben Atem heißt es, er habe durch schleuniges Abbrechen und unanständig eilfertigen Abzug sein Heer gerettet? Solche Selbstwidersprüche überzeugen doch wohl den Verblendetsten, daß hier unsagbare Haltlosigkeit schwarmgeistert.

Früher glaubte man allgemein, pessimistische Rapporte hätten Moltke zu Rückzugsbefehlen begeistert, heute wissen wir das genaue Gegenteil. Wäre dem aber so, so war es Klucks Pflicht, solcher Übereilung nicht zu gehorchen und vorstellig zu werden, denn daß er Nichtgehorchen aus dem Grund verstand, bestätigte er sonst oft und später nochmals. Auf Bülows Urteil aber, das Hentsch als gute Gabe überbrachte, nahm er sonst nie Rücksicht. Um daher seine neue erstaunliche Ausrede zu würdigen, er sei im Auto weggefahren und Hentsch habe über seinen Kopf hinweg nach Konferenz mit Stabschef v. Kuhl den Rückzug veranlaßt, fragen wir: widerspricht diese Abscheulichkeit etwa Klucks bisherigem Treiben?

Tag für Tag tiftelte er in Furcht um seine rechte Flanke, um Bülows Flanke kümmerte er sich nicht. Und nun rannte er davon in Heidenangst vor wem? Nicht vor Maunourys zerrütteten Scharen, sondern vor eingebildeter Umgehung durch French! Böswillige könnten folgern, daß er just wie Bülow sich überhaupt nicht schlagen wollte, sondern von Anfang an nur Rückzug im Auge hatte, aus sogenannten strategischen Gründen von pedantischen Nichtstrategen. Er begrüßte förmlich den durch Hentsch erschwindelten Rückzugsbefehl als Befreiung von einem Alpdruck, und so mitschuldig Bülow, müssen wir über die Vorstellung lächeln, ihn sozusagen als Verführer Klucks zu betrachten. Das sah Kluck wenig ähnlich. Und siehe da, wir müssen ja auch alles zurücknehmen, denn er will ja überhaupt nicht von Hentschs Suada gehört haben. A la bonne heure! Das nennt man preußische Zucht. Wirtschaft, Horatio, Zustand, sagt der Berliner! Pflegen sonst Armeechefs den Einflüsterungen eines Oberstleutnants mit Karmosinhosenstreifen gehorsamst Ohr zu schenken, der ohne jede schriftliche Vollmacht sich als Vertrauensmann des Generalissimus einführt? So etwas gibt es in keiner Armee, und wenn es leider eine solche damals gab, dann verurteilt sie sich selber zum Tode. Das Kriegsgericht über Hentsch, den Friedrich und Napoleon ohne Erbarmen füsiliert hätten, verduftete und verschloß seine Akten; Hentsch muß einen hohen Hintermann gehabt haben, aber nicht seinen Vorgesetzten. Denn die Tatsachen beweisen, daß Moltke nie solche Vollmacht erteilte, da alle Direktiven und die Übersicht vom 10. schnurrstracks den festen Willen zur Schlachtfortsetzung ausprägen. Wenn Kluck so wenig einverstanden war, warum fuhr er seinen dreisten Stabschef, der etwas so Entscheidendes verfügte, ohne Genehmigung einzuholen, nicht hart an, warum stellte man diesen Herrn nicht auch vors Kriegsgericht? Weil er natürlich ausgesagt hätte, Kluck habe, ob im Auto weggefahren oder nicht, die Maßregel gern gebilligt. Wäre dem nicht so, warum hob er sie nicht auf, wie Hausen dies unverzüglich tat, als er Moltkes den Hentsch desavouierende Weisung vom 9. nachts erhielt? Bekam er nicht am 10. vorm. Befehl, kräftig anzugreifen, um Bülow zu entlasten? Er tat nichts dergleichen, wo er doch behauptet, er habe am 9. Siegeswillen gehabt. Erzähle er daher andern die Autolegende, nicht uns. Denn Auto hin, Auto her, dem Sinne nach ist es Legende und faule Ausrede. Er wollte den Rückzug und hatte ihn nun, just wie Bülow. Im Gerichtssaal pflegen die Schuldigen die Alleinschuld sich gegenseitig zuzuwälzen, der trockene Richter aber urteilt, daß der Rabbi und der Mönch: siehe Heines schnöden Witz. Hentsch selber sagt aus: »Ich hatte nicht das Gefühl, daß man dort vom ausschlaggebenden Erfolge des Armeeflügels überzeugt war!« Man? Wer? Da haben wirs. Lauter verwandte Seelen. Es wirkt daher nur drollig, wenn ein gewisser geistvoller Journalist bei allgemeiner Verdammung solcher Begebenheiten Kluck als weißen Raben zupinselt, dessen feurigem Schwung (o weh) Hentsch aus dem Wege ging und sich lieber an Herrn v. Kuhl hielt. Das ist wirklich ein rechter Kohl. Daß Hentsch zunächst den ihm befreundeten Stabschef aufsuchte und mit ihm beriet, ist ganz verständlich, es versteht sich aber nach militärischer Etikette von selber, daß er sich dem Kommandierenden vorstellte, ohne dessen hochmögenden allein beschlußfähigen Willen überhaupt nichts geschehen darf. Die Autogeschichte ist daher so schwer verdaulich wie Eisbein mit Sauerkohl. Götzendämmerung einer Phantasieschlacht! Wahre Methodik bestätigt immer eine das Dunkel lichtende wahre Divination. Auf Schritt und Tritt begleitet uns die Logik der Tatsachen selber. Es ist das Verhängnis der Klucklegende, daß sie ihn erschwerend belastet, wenn sie ihn feiert, auf Urteilslosigkeit der Menge bauend. Das zuerst von Stegemann ausgepinselte, dann allgemein kopierte Luftgebilde des Morin-Kluck wird schon beeinträchtigt durch den sonderbaren Zusatz, 2. K. habe Verbindung mit 4. R. K. fest aufrechterhalten. Wie konnte es das, wenn schon von Meaux eine Lücke von 10 km klaffte, 2. K. aber »nördlich Coulomiers« 20 km fern stand, die Marne und Maunoury dazwischen. Wenn aber Bülow noch gar das halbe 4. R. K. in Text und Karte südlich Meaux verlegt, so macht solche Ungeheuerlichkeit all seine tendenziösen Angaben verdächtig und schieben wir daher den wichtigen Einwand beiseite, Bülow sei ja ein neuer Gewährsmann für die Legende. Ja, das paßte ihm so. Alle V. L. entheben uns jeglichen Zweifels, nur Liederlichkeit der Einsichtnahme verführt zu solcher Phantasmagorie, »Provins« in einer Liste bedeutet eben das Dorf Les Provins, nicht die ferne Seinestadt.

Selbst wenn dort irgendein vorwitziges Spitzenbataillon wie II/26. je anlangte, beweist dies nicht das geringste für Vormarsch Armins, der selber ruhig beim Ferté Milon saß, über die Marne, noch gar für seinen unmöglichen Rückmarsch längs Frenchs Front. »Das erlauben die Kiebitze nicht«, sagt man in Schachkreisen, das erlaubt selbst Grouchy nicht, um einen kriegshistorischen Vergleich zu ziehen. Bezüglich 2. K. betonen wir nochmals, daß sein Gefecht mit French schon deshalb glatt erfunden ist, weil sein angeblicher Aufmarsch bei Saignets nördlich Coulomiers ihn nicht mit den Briten in Berührung bringen konnte, die schon südlich Coulomiers zurückgingen. Wenn das Papier vom Fett oder Sonne glänzt, bekommt man metaphorisch eine glänzende Schrift, wenn Unwissenheit und Parteilichkeit das Papier satinieren, bekommt man glänzende Zeugnisse. Mit dem Mangel an Logik, dem man so oft begegnet, wird übrigens vergessen, daß »die Lücke bei Rebais« ja nie bestanden hätte, wenn dort angeblich 3. und 9. K. vereint standen. Dann wäre es ein Armutszeugnis für so famose Truppen, wenn sie mit den seit August moralisch erschütterten Truppen von Esperet-French nicht schon bis 7. fertig geworden wären. Zumal sie außer bei Mons nirgends stritten und litten. Wir müßten alle Register von Hohn und Spott ziehen, wellten wir aufs Neue breit enthüllen, daß rein nichts davon stimmt.

Nein, trotz Bülows nachgebeteten und Klucks verworrenen Angaben hat man das 4. R. K. nie allein, nie solche Lücke gelassen. Eine ehrgeizige Promenade über die Marne, wie früher die Extratour nach Amiens, hätte zwar Kluck ähnlich gesehen, wir sparten uns keineswegs als Trumpf und Gnadenstoß auf, daß Moltke ausdrücklich das Gegenteil befahl, denn Insubordination wäre bei Kluck nichts psychologisch Überraschendes. Verletzte er aber dieses ihm anvertraute Amt des Flankenbeschützers mit grober Gehorsamsverweigerung, dann mußte er durchhalten. Nun, mag er sich trösten, diese Sünden beging er nie, sondern nahm vielmehr Moltkes Befehl einer rückwärts »Staffelung« nur zu wörtlich.

Doch es gibt auch eine Joffrelegende, als ob sein Tagesbefehl vom 4. Ouvertüre der ganzen heroischen Oper bedeutet hätte. Er fußt auf Gallienis Irreführung, Kluck marschiert auf, nicht über Meaux, welche Scheinbedrohung von Paris ihm mehr blendend, als solid erschien. Aber Maunoury selber kann nicht entgangen sein, daß 4. R.K., 4. D., 4. Kav. D. vor ihm standen, also von wirklichem Flankenstoß keine Rede sein konnte. Daß er zur Rettung von Paris etwas wagen wollte, war sozusagen ein grober Buchstabe. Ein nur aus örtlicher Not geborenes Unternehmen galt nachher als feiner Kalkül. Selber noch ganz unvereint, schickte er Lamaze vor, denn er betrachtete seine Manöver nur als keckes Unterfangen. Joffres angebliche Absicht, Kluck und Bülow im Marnebecken zusammenzupressen, ist spätere »Interpolation«, Mönchslatein von Texteinschiebungen, Jägerlatein militärischer Münchhausiaden. Deutsche Verfolgung aufhalten, darauf schrumpft die ganze strategische Bedeutung der Joffreschen Maßregeln ein, und man erkannte es auch so ursprünglich: erst nachher fielen den Interpreten »Ideen« ein. Zum Schlachtverlauf zwang nicht eigene Geistesarbeit, sondern Verbeißen deutscher Vorhuten, deren südöstlich gerichtete Front unvermutet an einer Stelle (Montmirail) nordwestlich einknickte. Hier »dämmert« vorlautes Geschwätz, das vor Erstaunen den Atem stocken macht. Kotau vor Moltke d. Ältercn und Schlieffen empfiehlt beim Generalstab. Diese hätten auch bei Minderzahl Umfassung für den Stein der Weisen gehalten? O si tacuisses! Als ob Umfassungsmanöver je anders geglückt wären, als nur bei nicht nur numerischer oder qualitativer Übermacht (Hinterlader gegen Vorderlader bei Königgrätz), sondern vor allem bei Unbehilflichkeit des Gegners. Auch verwechseln nur Anfänger die heut verhimmelte Autorität von Clausewitz, der bei Lebzeiten seine Werke nicht veröffentlichen durfte, mit Unfehlbarkeit. Als Kriegshistoriker um so weniger ein Orakel, als seine Statistik von Stärken und Verlusten nur von Nachschreiberei ohne Quellenforschung zeugt. (Der so überaus kriegskundige Eugen von Württemberg urteilt herbe über Clausewitz' Unzuverlässigkeit als Historiker.) Seine Sprüche nachleiern, ist ganz verfehlt; so ist sein Diktat, Napoleons Zentrumstöße seien Legende, selbst nur Legende. Umgehungen, diese urälteste Taktik, als »modernes« System angestaunt, blamieren sich oft, so auch in der Marneschlacht. Denn aus solchen schwach aczentuierten Absichten der franz. 6. und 3. U. wurde bald ein Selberumfaßtwerden, während der deutsche Zentrumsstoß zwischen St. Prix und Vitry allein Durchschlagskraft besaß. Wir können Journalstrategen nur warnen, sich aufs Glatteis der Theorie zu wagen und aus gemeinplätzlichen Clausewitzzitaten eine Eselsbrücke darüber zu bauen. Witwe Clausewitz mußte die heut als Sybillenorakel geltenden Schriften aus dem Nachlaß hervorholen; darin sind ihm andere Fingerfertige über, denn bei Deutschen kommt das Bedeutende nie bei Lebzeiten zu Worte. Nicht in Schönfärberei, die sich der Masse einschmeichelt, schwelgt der Kriegsforscher, er unterzieht die Vorgänge scharfer Prüfung der Einzelheiten, deren Zusammenfügung dann erst Urteilsuntersuchung gestattet. Geradheit gegen Freund und Feind machte nicht beliebt, diplomatische Zurückhaltung macht sich vornehmer. Man spendet Joffre unverdiente Anerkennung, hütet sich aber, der deutschen Führung ein scharfes Wort zu sagen. Die O. H. L. bezweckte auch hier, durch harmonisches Zusammenfließen aller Heere Joffre einzukeilen; die geplante Konzentrik kam aber nicht heraus, gemäß Napoleons Verwerfen all solcher weitschichtigen Operationen, »weil man sonst mehrere gute Generäle statt eines braucht.« Dem Takt des Teilführers bleibt da so viel überlassen.

Übrigens ist auch verbindliche Verbeugung vor militärischem Vorurteilen wegen Qualitätswert eines Kasernendrills, wie es schlaue Zivilschützen immer belieben, hier gar nicht am Platze. Die Franzosen hatten die längere dreijährige Dienstzeit, ihre vom Pflug und Werkstatt hergerufenen Reservisten schlugen sich aber teilweise besser, als die Aktivtruppen, besonders Sarrails Reservetruppen mit erstaunlicher Energie, und deutscherseits haben 4. und 8. R. K. und was vom 10. R. K. da war, sich so gut gehalten wie das beste Armeekorps. Erstaunlich war der allgemeine Artillerieverlust: rund 3300 (420 von 1., 650 von 2., 700 von 3., 350 von 4., 1200 von 5. A). Für den abnormen Verlust der Württembergischen gibt es keine andere Erklärung, als daß sie sich für die Hessen aufopfern mußte. Gerade die unverhältnismäßigen Opfer der Artillerie beweisen, daß sie mit besonderer Anteilnahme wirkte, um die Geringfügigkeit der Fußvolkmasse auszugleichen. »Reserven hatte Bülow nicht mehr zu erwarten«, schrieb Baumgarten naiv; oh ja, noch 6 unverwundete Brigaden. Doch er brauchte sie nicht; schon sauste der Hammerschlag auf Foch nieder. In diesem Augenblick brach Bülow ab und zwang seine Kollegen seinem Beispiel zu folgen, obschon seine Angstmeierei nur bei Kluck Gegenliebe fand. So wird mit dem Schicksal eines großen Volkes Schindluder gespielt, die mit kostbarem Blute getränkten Siegesgaben warf man wie verwelkten Müll in den Kehrichteimer und auf die Landstraße.

Wir halten Bülow zu gute, daß er von Anfang an den weiten Vormarsch nicht billigte, daß Moltkes Direktive, seinen Gedankengang verwirrend, ihn keine Wahl ließ. Er wußte, daß auf Einems und Hülsens Gros nicht in absehbarer Zeit zu rechnen sei, ihn trifft die Schuld, daß er den leicht zu überschauenden Stand der Dinge Moltke verheimlichte. Wir wollen ihm sogar die höhere Einsicht zusprechen, daß er früh erkannte, der Feind biete große Feldschlacht an, während andere sich im Wahn wiegten, er liefere nur Rückzugsgefecht. Für solche landet man nicht frische Massen bei Brienne und Troyes. Der deutsche Stoßflügel kam so in Rückstand im Nordwesten, daß man, die deutsche Linke verschiebend, fast mit verkehrter Front schlug; da konnte Ungewißheit über die wahre Lage der 1. A. wohl bedenklich stimmen. Doch nicht ungewiß war der glänzende Erfolg der Linken Bülows und der Rechten Hausens an entscheidender Stelle. Daß er angesichts dieser Tatsache schon am 9. nachm. Rückzug beschloß, dafür gibt es keine Entschuldigung, denn diese Negation lauerte bei ihm stets im Hintergrund, er atmete seit Schlachtbeginn weinerlich verdrossenen Mißmut aus persönlicher Kränkung, daß man Kluck von ihm freimachte und deshalb das geplante »Sedan« bei St. Quentin in Luft zerging. Indem der Ärger über Kluck an ihm nagte, den er sozusagen zu allem fähig hielt; geschah's, daß man ihn über die Lage am Ourcq täuschte. Jeder Optimismus wäre vorteilhafter gewesen, als Klucks Getue, als ob er in Gefahr schwebe. Hier redete Kluck dem Bülow und Bülow dem Kluck vor, es gehe ihm schlecht, denn das wahre Führermerkmal gebrach ihnen, sich veränderten Umständen anzupassen. Als bei Sharpsburg alle Unterführer Lee bestürmten, sofort bei Nacht abzurücken, hörte der hohe Mann schweigend zu und brach kühl ab: »Sie können auf ihren Posten zurückkehren, wir gehen nicht über den Potomac.« Als alle Marschälle bei Eylau abziehen wollten, blieb Napoleon stehen, weil er eigenen Rückzug der Russen voraussah. Dort handelte es sich um ziemlich ungünstige Kämpfe, hier aber stand Bülow groß da, seine Siegespreisgabe befand sich in vollem Widerspruch zu Hausen, der sich Sieger fühlte. Bei Wagram fertigte Napoleon den Boten Massenas, die Schlacht sei verloren, kühl ab: die Schlacht sei gewonnen, weil die Niederlage seiner Linken nicht den wichtigeren Erfolg seiner Rechten aufwog; ähnlich bei Bautzen. Bülow aber mißachtete den vollkommenen Sieg seiner Linken wegen kleinlich pedantischer Sorge um seine Rechte, deren Zurückbiegung gar nichts schaden konnte, bei nur einigermaßen anständiger Haltung, angesichts tödlicher Verwundung der französischen Mitte. Er ließ alles fahren, zwang auf eigene Hand seine trübselige Ansicht Hausen auf, bestimmte Kluck zu gleicher Schwäche, und retirierte dann weiter als irgend nötig war. Ein verdienter Heerführer mag seine schwarzen Stunden haben, doch dies ist militärische Todsünde wider den Heiligen Geist des Krieges, gegen den von Napoleon so hoch geschätzten moralischen Faktor. Hätte er sich wenigstens seither zu seiner Schuld bekannt, so könnte man Nachsicht üben. Doch Veröffentlichung seines »Berichts« von Dezember 1914 zeigt ihn verstockt in seinen Sünden, nach dem Satze: Qui s'excuse, s'accuse. Die Lanze, die wir zu seiner Verteidigung brechen wollten, werfen wir zersplittert aus der Hand. Nein, ebensowenig, wie er der Alleinschuldige nach Meinung Unberufener ebensowenig Kluck allein, wie wir früher glaubten. Beide waren einander würdig.

Bülow hatte es eilig, jedermann die Siegesfreude zu vergällen, daher sein heimtückischer Rückzugsbefehl an Kirchbach, ohne Hausens Einwilligung einzuholen. Nach allen Seiten verbreitete er unheilschwangere Gespensterseherei. »Rückzug 1. A. operativ und taktisch erzwungen«, drahtete er an Moltke. Woher wußte er denn das? Und warum griff er Klucks Aussage vor? »Ohne Nachricht von 1. A.«, gewiß ein netter Dienstbetrieb Kluck, der auch Moltke ganz im Unklaren ließ, seit 5. nicht mal Zeit fand, die O. H. L. auf dem Laufenden zu erhalten. Er trieb Privatstrategie in ungesunder Selbstgier, eigenen Erfolg zu ernten. Unter allen Bemerkungen Bülows, so oft er sich an Kluck reibt, hat wenigstens die eine Hand und Fuß: » Wenn tatsächlich 1. A. so starke Kräfte gegen sich hatte, daß 2., 4. und 4. R. K. nicht allein mit diesem fertig werden konnten«, so hätte sich Kluck einfach näher an Bülow heranziehen sollen. Dann hatte er zwar »auf Möglichkeit eines taktischen Erfolges verzichtet«, wäre aber »seiner Hauptaufgabe treu geblieben«. Schutz der Hauptflanke, wie Moltke vorschrieb. Die richtige Problemstellung liegt solcher Betrachtung fern, weil sie immer von falscher Voraussetzung ausgeht, Kluck habe sich irgendwie bedroht gefühlt. Wenn aber Bülow von Klucks wahrer günstiger Lage nichts wußte, dann durfte er auch nicht der O. H. L. ins Handwerk pfuschen und ihr seine unmaßgebliche Ansicht aufdrängen, Kluck müsse zurückgehen, während Kluck das Gegenteil wußte. Unsere Empörung steigert sich durch die schandbare Hetze, die den unglücklichen Moltke als Sündenbock erkor, dem beide sozusagen das Schwert aus der Hand schlugen. Als Moltke am 13. zurückkehrte, machte er den Eindruck eines tieferschütterten Mannes, »die Umgebung des Kaisers hielt ihn für krank. Von diesem Augenblick an führte Falkenhahn, ohne den offiziellen Titel zu haben, den Oberbefehl.« (Steiner.) Laut Falkenhahns eigenem Bericht ist er dagegen schon offiziell am 14. zum Nachfolger ernannt worden. Man hat also Moltke in geradezu beleidigender Form des Kommandos enthoben, obschon nicht er das Grundübel veranlaßte, daß Majestät, der »Sonne brauchte«, sich den peinlichen Eindrücken des Schlachtfeldes 200 km hinter der Front fernhielt. Generalquartiermeister Stein, der weiteres Annähern des Hauptquartiers vorschlug, hätte lieber dafür sorgen sollen, daß nicht der Telegraphendienst versagte und nur eine Aufnahmestelle für drahtlose Meldungen zu Gebote stand. (Unglaublich, aber wahr). Bedeutende Meldungen sollen sich so 12–18 Stunden verspätet haben, demnach hatte Moltke, als er am 11. in Reims eintraf und sich mit Bülow besprach, ein sehr unklares Bild und ließ sich von Bülow beschwatzen, der nach der Marne auch noch die Vesle hinter sich brachte. Daß er in helle Verzweiflung geriet, zeigt sein trauriger Abgang, er soll geseufzt haben: »Wir verloren den Krieg«. Das wäre an sich eine tadelnswerte Hypochondrie, doch leider erwies sich die schwarzgallige Grille prophetisch. Denn trotz lächerlicher Übertreibung der Bedeutung hat die Laienwelt recht, wenn bei ihr das Schlagwort kursiert, durch die Marneschlacht sei alles zerstört worden. Denn die Möglichkeit durch rasche Entscheidung den Feldzug zu entscheiden, kam im Westen nie wieder.

»So glänzend die alliierten Heere an der Marne fochten, es waren die Deutschen selbst, die mit Überlegung abzogen, obschon sie Aussichten auf entscheidenden Sieg haben mochten.« Wer urteilt so? French! Sein Heer focht jedenfalls nicht glänzend »und die Überlegung« war nichts als unverantwortlicher Nervenzusammenbruch einiger verantwortlicher Personen; aber es verdient Beachtung, daß sogar Frenchs eigener Eindruck so skeptisch für die Alliierten ausfiel, obschon ihm aus weiter Ferne kein Ahnungsblitz die völlige Niederlage Fochs enthüllen konnte. » Am Abend des 8. war unsere Bewegung nach Osten mißlungen. Anstatt die deutsche Rechte zu umgehen, suchte Maunoury nicht selbst eingekreist zu werden. Überall hatte sich die Lage weiterhin verschlimmert, deutsche Truppen wurden bei Barron gemeldet, bedrohten also unsern Rückzug auf Paris.« So amtliche französische Darstellung, aus der übrigens hervorgeht, daß am 8. abends kein Fortschritt Esperets fühlbar, er daher bestimmt erst am 9. nachts in Montmirail war. Gleichwohl scheut Bülow sich nicht, spätere nebelhafte Ort- und Zeitfälschungen Esperets sich zu eigen zu machen, um seine verwerfliche Schwäche zu bemänteln. Doch er muß gewußt haben, daß seine Angabe über Montmirail und Château Thierry den Tatsachen ins Gesicht schlug und daß die 2. A. erst am 11. sich in wirklichem Rückzug befand. Für einen solchen »Bericht« fehlt uns zwar nicht das psychologische, sondern das ethische Verständnis und seine spätere Ernennung zum Feldmarschall ist wohl darauf zurückzuführen, daß Moltke sich so heftig über Bülow aussprach wie über Kluck, doch sein Nachfolger sich mit Bülow verständigte, dessen Prestige zu retten. Übrigens hat Steiner, dessen Auslieferung direkt falscher, sowohl für Moltke als für Deutschland peinlicher Tatsachen an den Matin-Sauerwein uns so sauren Wein einschenkte, daß der Anthroposophenprophet entweder erstaunliche Dummheit oder boshafte Ranküne verrät, auch eine Niedlichkeit eingefügt, die willig dem historisch feststehenden Verlauf widerspricht. Moltke habe bei einem Friedensmanöver Kluck gewarnt: wenn er so im Krieg nach vorn auf Paris ausreiße, würde man den Feldzug verlieren. Als nun Kluck trotzdem so handelte, »wurde Moltke von schrecklicher Ahnung ergriffen«. Bezieht sich dies auf Klucks amüsanten Ausflug nach Amiens, so würden wir gewiß damit einig gehen, auch mag Moltkes bestimmter Befehl zum Verbleiben »zwischen Oise und Marne« darauf hindeuten. Dagegen liegt nicht das kleinste Anzeichen vor, daß Moltke während der Marneschlacht sich irgendwelcher Besorgnis um Kluck hingab, obschon ihn dieser absichtlich ohne jede Aufklärung ließ. Zweimal depeschierte er am 10. vormittags und später, Kluck solle mit aller Kraft eingreifen. Kluck ließ sich nicht herab zu antworten: »Ihr Vertreter Hentsch hat ja Rückzug hinter meinem Rücken angeordnet«, klareres Symptom schlechten Gewissens gibt es nicht. Und die militärisch unglaubliche Behauptung, dies sei ohne Klucks Genehmigung geschehen, taucht ja erst in Klucks wertlosem Buche auf, der sich auch nicht scheute, seinen »hochgeschätzten Gegner« French durch einen Interviewer verbindlich grüßen zu lassen und von der durch seine Schuld entschlüpften englischen Armee mit besonderer Hochachtung zu reden! Die einzige Gegenmitteilung, die Moltke empfing, war am 11. die angenehme Anzeige: »1. A. geht über die Aisne zurück.« –

Eine Napoleonshand hätte durch die beiden Atouts Revigny–Loupy und Connantre–Salon jede Spielchance des Feindes abgestochen, doch die Deutschen hatten eben keine »Veine«, das Spiel um so hohen Einsatz ging verloren, weil die Bank keine »Reserven« hatte, oder vielmehr der wirkliche Bankhalter Bülow dies vorgab. »Reserven hatte er nicht mehr zu erwarten« (Baumgarten). Wirklich? Es unterliegt keinem Zweifel, daß am 12. und 13. längs der Marne alle fehlenden Teile der 2. und links der 3. A. bei Chalons eintrafen, also die Schlacht in Linie Chalons–Dormans sofort wieder aufgenommen werden konnte. »Das Wunder der Marne« war allerdings ein Mirakel kopfloser Verworrenheit, doch für Joffre nur das, was man in der Theatersprache einen »äußeren Erfolg« nennt. Es ergab nur Einschmieden der Deutschen in unzerreißbare Stellungen, wo er sich nachher den Schädel einrannte. Daß er den Feind sich nachlockte, um ihn unter günstigen Bedingungen zu fassen, ist kindliche Legende. Erwartete man nicht früher so viel vom Reimser System (9 Hauptforts wie bei Verdun), unter dessen Schutz man eine stärkere Stellung gehabt hätte, links fortgesetzt vom Marnebogen mit so verteidigungsfähigem hohem Südufer, rechts von den Argonnen? Wer ein Zentraldepot mit mächtigen Vorräten (auch für Aviatik) aufgibt, gibt die Partie auf. Darin, daß Joffre sich bis 5. kampfunfähig fühlte, liegt psychologische Berechtigung des rastlosen Vormarsches, durch den Moltke den Feind mit einem letzten Schubs über die Seine bis aufs Plateau von Nevers zu werfen und dann die Zange der 8. und 7. A. über Nancy und St. Dié anzusetzen hoffte. Denn seine Direktive bekennt unumwunden, daß er sich mit so vielverheißenden Gedanken trug. Nun, das stand ihm gut an, wenn die Voraussetzungen stimmten, obschon wir theoretisch die Anwendungen doppelseitiger Umfassung im größten Stil als einen Irrtum der Moltkeschule verwerfen. Daß man die Demoralisierung der Franzosen überschätzte, war ein Rechenfehler in Nationalpsychologie. Ein Feldherr oder Staatsmann müßte stets ein erfahrener Historiker sein, der seine Pappenheimer kennt. So widersprach Wilhelm I., durch Jugenderfahrung belehrt, als man nach Sedan den Krieg für beendet hielt. (Die Rasse ändert sich nie, das bewies auch nachher Amerikas erstaunlich rasche Kriegsorganisierung, die selbst wir bezweifelten, obschon wir die Erfahrungen der Sezessionskriege gründlich kannten). Deshalb hätte man jede Möglichkeit vermeiden sollen, daß der auf Zero gesunkene Thermometer des gallischen Temperaments durch irgendwelchen Scheinerfolg in die Höhe schnellte. Man zwang Joffre dazu, das Waffenglück nochmals zu versuchen, mit der Parole »Rettung von Paris«. Um so weniger durfte man sich darauf einlassen, in unvereinter Überhastung den jetzt Vollvereinten anzurennen. Den Berliner Generalstab verließ seine gepriesene Methodik. Aus vernünftiger Prüfung der Marschtableaus ließ sich folgern, daß nichts klappen würde. Daß großartige Truppenleistung alles ausgleichen werde, mit solchen Chancen spielt kein Feldherr. Bloße Konjunktur verkennt notwendig eintretende Reibungen, was Napoleon stets im Anschlag brachte, mehr als feindliche Gegenzüge. (Bernadotte bei Jena und Eylau, Brückenriß bei Aspern usw.). Einzelheere lassen sich nicht streng überwachen, wo nur ein starker Wille lenken soll. So lange man den einzelnen Armeechefs überläßt, nach eigenem Gutdünken sich untereinander zu verabreden, werden daraus Kraut und Rüben. Klucks Verhalten ähnelt auffällig dem Neys bei Bautzen und Quatrebras, wo gleichfalls ganze Korps durch Trödelei paralysiert wurden; sein Verhältnis zu Bülow, der seit St. Quentin sicher mit ihm innerlich auf gespanntem Fuß stand, scheint an dasjenige Nays zu Soult zu erinnern. Selbst Vergleich mit Grouchy ist am Platze, in dessen Fall gleichfalls die Dinge lange entstellt und die Schuldigen reingewaschen wurden. Grouchys heut entlarvte Dokumentfälschungen ähneln einigermaßen der Klucklegende, an deren Märchen der General selber teilweise unschuldig sein mag, so daß seine Darstellung sich hin und her dreht, um seinen Freunden den Gefallen zu tun, ihren Erfindungen sich halbwegs anzupassen.

Moltke der Ältere übernahm von Clausewitz die Grundidee, den Feind nach Norden von Paris abzudrängen, sie lag nur im Bereich des Erfüllbaren, wenn Bazaine und Mac Mahon ihm geradezu in die Hände arbeiteten. Moltke der Jüngere entnahm von Schlieffen die Phantasie, den Feind südöstlich an die Schweizer Grenze zu drücken, eine Großspurigkeit, deren Durchführung schon die übermäßige Stärke der 6. und 7. zuwider war, da diese doch nur den über Nevers zurückgestoßenen Feind auffangen sollten, und im Gegenteil nur besondere Stärke der 1. und 2. A. die Einkreisung im Westen vollziehen konnte. Bülows Abbiegen auf Reims schädigte ferner die leitende Anschauung, er selbst vergrößerte die so peinlich empfundene Lücke zu Kluck, dessen Abschieben von 9. K. und 5. D. und Marrwitz auf Château Thierry hierdurch nötig wurde unter Beeinträchtigung der Direktive »zwischen Oise und Marne«. Der seiner Kavallerie beraubte Hausen erhielt nur laue Versprechungen, er hätte sonst vielleicht durch Raids weit voraus die Bahnstränge zwischen Vitry und Troyes unterbrechen können. Und entzog ihm Bülow nicht so viel Kraft, wäre ihm schon am 8. auf Strecke Mailly–Sommepuis der Sieg erblüht. An allen Versehen trug die O. H. L. keine unmittelbare Mitschuld. Sie hatte keinen Anlaß, Klucks Lage anders als gesichert und günstig anzusehen. Wenn sie nach Napoleons Grundsatz: »Ich sehe nur eins, die Massen«, Paris liegen lassen wollte, um die lebendige Feindmasse von Paris abzutreiben, vernachlässigte sie dabei »die Armee von Paris«? Diesen unberechtigten Vorwurf zerstört Moltkes Direktive am 5. Er zog Ausfälle aus Paris sehr wohl in Betracht, wie ja nicht anders angängig, weil Kluck die Anwesenheit von Massen bei Paris nie verhehlte, weshalb die Vorbeimarschlegende ihn zu einem Verrückten stempelt. Er war nichts dergleichen, sondern nur allzu vorsichtig und bedächtig, wie alle seine Entschlüsse zeigen. »Seine Armee« war ihm alles, die brachte er nicht unnötig in Gefahr.

Moltke legte sein Augenmerk auf den Kronprinzen, wie sein Heerbericht am 10. zeigt, und erwartete von Strantz an der Maas viel Schönes. Wenn dieser auf sich warten ließ und sein Vorgehen zunächst schwächlich ausfiel, so ist nicht gesagt, daß es nicht am 12. wirksam geworden wäre. Der Kronprinz soll unbändig gegen den Rückzug getobt haben, mit vollem Recht. Am 12. hätte er Kraft genug entfaltet, um Sarrail abzuschnüren und ihm seine Verdunstellung zu verleiden. Mudras Beweglichkeit bei Ippecourt trug zur Möglichkeit bei, Sarrail sogar von Verdun abzusperren, daß für gleichzeitige Rückenumfassung bei Laimont und südlich der Maas durchschlagender Erfolg winkte. Durch Rückzug verlor man für immer die Aussicht, Sarrail einzupressen, Ippecourt–St. André wurden nie wieder erreicht, Mudra geriet seitwärts ab, Flankierung Sarrails trat nie wieder ein, ein unersetzlicher Verlust.

Wie aber sollte sich Moltke auskennen nach so mangelhaften und verwirrten Rapporten? So ist z. B. Anwesenheit des 3. K. am Morin reine Fabel, doch Moltke wußte es nicht anders aus Klucks täuschendem Rapport, daß 3. und 9. K. die Flanke Bülows deckten. Wenn wir wissentliche Unwahrheit ausschließen, so scheint eben Kluck weit rückwärts in Compiegne und später F. Milon vom Verbleib seines linken Flügels nichts gewußt zu haben. Später erfuhr dann Moltke die angebliche totale Umgruppierung am Ourcq, konnte also nie an Gefährdung der nun vereinten 1. A. glauben, während Bülow sich anstellte, als ob sie in Todesnöten schwebte. Baumgarten meint, daß Moltke »überrascht war vom Wegziehen des 3. und 9. K., von dem er erst erfuhr, als die Bewegung schon im Gange war.« Doch Kluck ließ während der ganzen Krise überhaupt nichts von sich hören; Bülow beklagte sich: »2. A. hat keinerlei Nachrichten von 1. A.«, wir unterstreichen nochmals Moltkes verwunderte Anfrage: »Wie Lage, welcher Feind gegenüber?« Im Dunkeln ist gut munkeln, Kluck der verschleierte Prophet, ließ sich nicht herab, seine Schlachtresidenz anzugeben, er verschleierte geheimnisvoll, was hernach die Reklame für ihn entschleiern durfte. Bülow winkt spöttisch: »Auf Eingreifen der O. H. L. rechnete ich nicht mehr«, nämlich am 8. und 9., doch wie sollte sie da noch eingreifen? Sie hatte keine Reservepfeile mehr zu versenden. Baumgarten wirft Moltke vor, er habe angeblichen Rückzug des 9. K. nicht verhindert, wie sollte er das, nachdem Kluck schon so verfügte? An Bülow war es einzuschreiten. Was er nicht zu wissen vorgibt, bleibt darum doch wahr, nämlich daß Abzug des 9. K. in diesem Sinne nicht erfolgte, erst recht nicht am 7. Insofern griff aber Moltke wirklich ein, als er die hoffnungsvolle Auffassung Hausens teilte. Dieser scheidet für die Schuldfrage glatt aus; Baumgartens Reinwaschung sagte uns nichts Neues, die Sachsen empfanden den Rückzug förmlich als persönliche Beleidigung. Sie wurden auch der durch Bülow verfahrenen Lage gerecht, und waren nahe daran, Langle von Foch abzuschneiden. Es gehörte die Dreistigkeit der Unwissenheit dazu, Hausen verantwortlich zu machen. Bei Egli hat sich der Unsinn so verdichtet, schon am 6. sei Rückzug angeordnet worden! Doch vernunftgemäß setzten auch wir voraus, so weit unsere Anklage gegen Kluck gedieh, irgendwelcher formale Rückzugsbefehl der O. H. L. habe doch vorliegen müssen. Wenn laut üblicher früherer Legende dies am 8. erfolgte, so gehorchten also die 3., 4. und 5. A. nicht, denn sie fochten, wie wir sahen, bis 11. Doch wir konnten uns das Hin- und Hererwägen sparen, denn Moltke dachte selber nie vor 11. an Retirade. Zuletzt verschworen sich Bülow und Kluck gleichsam, als ob sie sich mit des Gegners Zeitfälschung verständigen wollten, ihren Rückzug auf den 9. vorzudatieren, während er am 10. und 11. begann. Da die Botschaften von 3., 4. und 5. A. zuversichtlich lauteten, durfte aber Moltke sich durchaus nicht zum Rückgang verstehen, so lange er Fassung bewahrte. Sein Abwinken an 4. und 5. A. bezüglich des Nachtangriffs war schon ein Umfallen aus seiner offensiven Haltung. Am 10. noch voller Siegeshoffnung, warum steckte ihn am 11. Bülows Rückzugsfieber so an, daß er sich überwunden bekannte? So band ihm Bülow noch nicht die Hände, daß er nicht mit 3. und vor allem mit 4. und 5. A. forthämmern konnte, da die Aussichten bei Revigny–Laimont glänzend waren. Wozu übertriebene Verzweiflung, statt Bülow mit Strenge in seine Schranken zurückzuweisen? Dieser hätte noch am 11. kehrtmachen und die südliche Marne samt der Vesle behaupten können. Blieben die Sachsen bei Chalons, wozu sie willens waren, hätte man jeden Anprall überstanden. Albrecht wiegte sich lange in dem Wahn, die Schlacht werde siegreich durchgekämpft, um so peinlicher traf ihn der plötzliche Abmarschbefehl. Dann hätte er eben Vorstellungen erheben und nicht so weit retirieren sollen, wodurch er Hausen zweimal aufscheuchte. Moltkes Schwäche ließ das zu. Auch entgeht er dem Vorwurf nicht, daß er keinerlei leitende Idee für die Schlacht ausgab. Der Zentrumsstoß auf Hausens rechten Flügel entstand zufallmäßig durch mechanische Kausalität. Ist das die Art, wie Feldherrn sich auf Entscheidung vorbereiten? Man vergleiche Friedrich und Napoleon vor ihren Hauptschlachten. Die Ausrede mit modernen Massenverhältnissen verfängt nicht, bei Hindenburg sehen wir das Unveränderliche der wahren Grundsätze. Wir wollen die O. H. L. nicht weißbrennen, nur bezüglich angeblichen Rückzugsbefehl führt die Untersuchung zu überwältigender Ehrenrettung Moltkes, dem Bülow-Kluck das Heft aus der Hand wanden und den anmaßenden Pfuscher Hentsch nur als Handlanger ihrer eigenen bösen Absicht unterstützten. »Bösen«, denn daß sie natürlich von sich aus nach bestem Gewissen ihren Unfug trieben, ist belanglos und unerheblich, das können auch Ney und Grouchy für sich sagen.

Bülow läßt durchblicken, er habe von Anfang an die Einfädelung der Schlacht mißbilligt. Das mag schon sein, doch im Grunde war er ja selbst der Urheber. Laut ihren V. L. berührten 73. und 78. Emmichs schon am 3. den Petit Morin, also vor der Garde. Konnte man am 5. daran zweifeln, daß Foch und Esperet sich auf Sezanner Bildfläche in Schlachtbereitschaft setzten, zumal schon die Gardevorhut bei St. Goud starke Kanonade spürte. Die Ungleichmäßigkeit solchen Vorgehens mußte unter solchen Umständen verboten werden. »Am 4. fand keine Berührung mit dem Gegner statt«? Was sagt Bülow denn zu obiger Vorhut Emmichs und zur Kavallerie, die als Auge des Heeres sicher sah, welche Massen sich drüben sammelten? Bülow verfuhr also sehr unvorsichtig, er hätte vernünftigerweise stehen bleiben und das Eintreffen seiner Reserven abwarten sollen. Der Feind hätte eine Falle gewittert und keine ernstliche Offensive gewagt. Jeder Tag war ein Gewinn, weil man der Vereinigung näherkam. Wenn Bülow mit Rückzugsgedanken schwangerging, so durfte er nicht Garde und Emmich frühzeitig sich verbeißen lassen, wodurch er Hausen zu Gewaltmärschen zwang und ihn von seiner eigentlichen Aufgabe (Mailly) ablenkte. Gerade Bülow ist also für verfrühte Schlachteinfädelung verantwortlich, geradeso wie er bei Charleroi verfrüht wider die Abrede losschlug. Und doch hatte er dort gleich wieder Bedenklichkeiten (Meldung an Hausen), darin blieb er sich jetzt auch in der »Marneschlacht« treu. Seine Ängstlichkeit steckte alles in seinem Bereich hypnotisch an. Während d'Elsa und Laffert freudig ihren Braven vertrauten, verleumdete Kirchbach seine 24. D., die sich doch gut herauswickelte, sie habe keinen Kampfwert mehr! (Sie schlug sich gleich darauf bei Moronvillers vorzüglich). Bülows dumpfer Pessimismus schlug auch Moltke bei der Reimser Aussprache in Bann, er impfte ihm seine zurückhaltende Skepsis ein, sicher erfuhr Moltke erst später, welchen gewaltigen Erfolg Bülow preisgab. »Loslösung vom Feind geschah ohne jede Schwierigkeit«? Jawohl, Emmichs Loslösung hätte aber große Schwierigkeit gehabt, wenn Bülow schon am 9. seine Rechte zurücknahm. War auch Foch im Abgleiten nach der Niederung des Mauriennebachs, so wäre doch Esperet auf Vauchamps Emmich in den Rücken gefallen, wenn die Lage so war, wie Bülow und der Feind vortäuschen. »Vor Mitte und linken Flügel folgte der Feind überhaupt nicht«, am 9. nämlich? Spaß! Weil damals überhaupt noch kein Rückzug im Gange war. Erst am 11. früh meldeten Flieger, Esperet ziehe ostwärts. »Auch am 10. ward die Bewegung ohne Störung fortgesetzt«? Welche, die der Linken? Also war Esperet nicht mal am 10. in Nähe von Vauchamps, wo doch eine erhebliche »Störung« stattfand. »Erst im Laufe des 11. gewann er die verlorene Fühlung wieder«? Sehr wahr, aber daß der Feind überhaupt am 9. und 10. ohne Fühlung war, ist ja reinster Aberwitz, denn Bülows Karte, »9., 10 Uhr vorm.« vermehrt eine direkte Fälschung der wirklichen Stellung. Was geschah nun mit der westfälischen Brigade und Richthofen, d. h. allem, was aus Montmirail nordwärts abzog? Nicht der »ganze rechte Flügel«, wie Bülow an Moltke mitteilte, denn Hülsen und Emmich gingen über Vauchamps ostwärts. Fortwährend stellt er sich an, als ob »der nicht angelehnte rechte Flügel« keine Seitenwehr gehabt hätte, während Marrwitz, Hauptteil 17. D. und später 5. D. in Aufnahmestellung dauernd deckten. Letztere scheint anfangs bis Condé en Brie südöstlich Thierry vorgegangen zu sein, was unmöglich, wenn Esperet dort schon am 9. nachts (oder gar 8. nachts) die Marne überschritt. Ein Kuddelmuddel von lauter Widersprüchen. Allerdings litt 5. D. so minimal, daß wohl nur 48er in Frage kommen. Da wohl niemand den Brandenburgern Pflichtvergessenheit zutraut, wird offenbar, daß sich General Wuchera noch »nördlich der Marne« befand, wie Moltkes Tagesbefehl am 10. ausdrücklich sagt. (Daraus folgert, wie saumselig Kluck sich rückwärts gestaffelt hatte, denn ungefähr auf gleicher Höhe standen anfangs 2. und 4. K.). Wie schon erwähnt, müßte der rührige Maudhuy unglaublich getrödelt haben, wenn er, am 9. in Thierry, erst am 12. bei Fismes an der Vesle ankam. Setzte sich hingegen Esperet erst am 11. (Fliegermeldung) in Bewegung, dann wird auf einmal alles klar, d. h. die Unhaltbarkeit jeder Bülowschen Angabe. Falls er wirklich am 9. seine Trains über die Marne zurücknahm, so beweist dies zwar seine Rückzugsabsicht, nicht aber Zurücknahme der Truppen. Möglich, daß er am 9. nachmittags den ungeheuren Erfolg Champenoise–Salon nicht kannte. Verlegte er wirklich am 10. sein Hauptquartier nach Epernay an der Marne, so pflegt ein solches ja weit hinter der Front zu sein, wie zuvor Montmort. Lag aber dort nach seiner Angabe damals »14. D.«, so beweist dies nur, daß sie erst jetzt mit ihrem Gros dort anlangte, denn die Jochesgrnppe, um die es sich nur handeln kann, wird doch wohl Hülsens Nachhut bei Vauchamps am 11. unterstützt haben, nach Bülows Angabe sogar noch westlicher bei Champaubert. So wird lediglich falsch ausgelegt, was nur unsere Divination des Zurückbleibens bestätigt. Gleichzeitig bekräftigt Bülow hier unsere Auffassung, daß keine Vorhut der 14. D. bei Montmirail mitfocht (wie noch Bircher glaubt), denn er sagt ausdrücklich, daß nur 13. D. (immer dieser irreführende Ausdruck für eine Brigade) Montmirail verteidigte.

Was sind das nun für Zustände, daß Einem bei Epernay war, seine 25. Brig. aber isoliert auf Dormans zurückging! Dadurch entstand ja eine richtige Lücke, in die Esperet durchstoßen konnte, wenn die Lage Bülows Bilde entsprochen hätte. Wenn der Feind am 9. früh, »mit zahlreichen Kolonnen« den nördlichen Marnebogen überschritt, dann konnte die Besatzung von Montmirail einem bösen Schicksal nicht mehr entgehen, falls sie auf Dormans abrückte, und hätte nie die Vesle decken können. Militärs in hoher Stellung setzen bei den Lesern völlige Urteilslosigkeit voraus, denen sie jeden Bären aufbinden können. Wie konnte ferner die Gardenachhut am 10. abends bei Avize–Flavigny südlich Chalons stehen, wenn sie erst in der Nacht zum 11. Champenoise räumte, wie wir unwiderlegbar festlegten? Die 4. G. Brig. hatte ihr Nachhutgefecht erst am 12. »bei Chalons« laut V. L.: hier hat man genaue Fixierung eines Zeitbetrugs von zwei vollen Tagen. Bülow, Hausen um alle Siegesfrüchte prellend, beschuldigt sich eines ebenso unentschuldbaren, wie unmöglichen Rückzugs am 9., der tatsächlich erst am 11. wirklich im Gange war. (Räumung des vorgeschobenen Postens Mondemont am 10. vorm., hat dabei nichts zu sagen, den Umständen nach mußte Emmich früher abrücken als die Garde, was er aber auch nur sehr langsam tat, ohne irgendwie von dem zermürbten Feind belästigt zu werden). Und warum belastet er sich so? Um dem schweren Vorwurf zu entgehen, daß er völlig grundlos in einem Zug bis hinter die Vesle zurückrannte und schon am 9. mittags Kluck durch Hentsch bearbeitete, gleichfalls auszureißen. Er muß die Lage verwirren, um seinen Unfug verständlich zu machen. Das aber übersieht er, daß auch seine nordöstliche Rückzugsrichtung ihn in groben Selbstwiderspruch verwickelt. Denn gerade hierdurch erzeugte er gründliche Unterbrechung der Verbindung mit Kluck, was zu verhindern ja gerade sein angeblicher Vorsatz beim schandbaren Rückzug war. Ursprünglich redete er von Unterstützung des angeblich umgangenen Kluck »nördlich der Marne«; kaum verließ sich Moltke darauf, als Bülow schon eine entgegengesetzte Richtung einschlug. Allerdings verlor Moltke jetzt selber den Kopf, denn am 11. in Reims befahl er selber: »2. A. geht hinter die Vesle«; dies geschah aber nach persönlicher Rücksprache mit Bülow, der bereits solche Maßregeln traf und ähnliche Klucks hervorrief, daß die O. H. L. gar nichts mehr daran ändern konnte. Dieser erste und einzige Rückzugsbefehl ist von ihr geradezu erpreßt worden.

Es hat etwas Bemühendes, wie allerhand Autoren sich früher das Unbegreifliche zusammenreimten. Egli vermutet als Rückzugsgrund (wohlbemerkt schon am 7.) mangelnde Betriebsfähigkeit der Feldbahnen zu rechtzeitiger Truppenbeförderung nach dem bedrohten Kluckflügel, weshalb man vorzog, »der Gefahr auszuweichen.« Erstens war der Flügel nicht bedroht, zweitens erfuhr Moltke überhaupt nichts davon, wegen Klucks wunderbarer Schweigsamkeit trotz späterer Redseligkeit dieses großen Schweigers. Drittens waren die Bahnen so leistungsfähig, daß schon am 12. das K. Deimling aus Lothringen bei St. Quentin ausgeladen wurde. Nach eigener Darstellung Klucks traf er ja auch am 9. keinerlei Anstalten zum Rückzug, sondern zum Gegenteil, bis ihn Hentsch heimsuchte. Stegemann verlegt den angeblichen Rückzugsbefehl auf 8. wegen böser Nachrichten aus Osten, sowie des belgischen Ausfalls aus Antwerpen. Letzterer begann erst am 12.; am 8. wußte man schon, daß Hindenburg auch gegen Rennenkampf erfolgreich sein werde, und die große österreichische Niederlage reifte noch lange nicht aus. Übrigens sollte diese erst recht zu siegreichen Schlägen in Frankreich gereizt haben. Die Franzosen wollen einen Tagesbefehl des 8. K. aufgefangen haben, der für 8. eine Hauptschlacht voraussah, und triumphieren: also hätten die Deutschen Entscheidung gesucht und dabei den Kürzeren gezogen. Dem General Tschepe stand der Drang nach Entscheidung um so weniger an, als er erst am 9. sein Korps notdürftig vereinte. Wie sehr trübt man das wirkliche Verhältnis, wenn man diesen Drang bei anderen als bei Hausen und dem Kronprinzen voraussetzt. Ausgesprochene Rückzugsneigung aber konnte am 8. noch bei niemand bestehen, obschon Bülows Entstellungen dies für sich selber andeuten. Weder gab es planmäßige Einleitung einer Hauptschlacht, noch planmäßiges Abbrechen, was immerhin scharfe Kritik herausfordern und Moltke das Brandmal der Schwäche aufdrücken würde, doch nie hat er es gut geheißen, alles ist allein Bülows trostloses Werk. » Vous avez ruiné la France«, herrschte am 17.6.1815 Napoleon den Ney und Erlon an: Moltkes Verzweiflungsausbruch entstammt herber Enttäuschung und gerechtem Zorn. Politische Rücksichten dürfen keinen militärischen Augenblicksakt beeinflussen; ein neuer Sieg hätte ja die politische Lage von Grund aus gebessert, doch wer hinten in Luxemburg am grünen Tisch saß, war sich wohl nicht bewußt, daß gerade jetzt Rückzug auch politisch der größte Fehler war? Doch! Moltke ahnte deshalb ein böses Ende, ein Finis Germaniae. –

Klucks Rückzug, dessen herrliche Ordnung die Fama preist, sah recht unschön aus. Er verließ eine Stellung nach der anderen, obschon Moltke ihm ursprünglich vorschrieb, südlich der Aisne zu bleiben. Er zeigte die Haltung eines Demoralisierten, was den Franzosen sonst nirgends, auch nicht bei Bülows Abzug, nach ihrer eigenen Aussage begegnete. Erschöpft wie er war, verfolgte Maunoury Armins Nachhut über Laval und stieß am 12. hinter I/27. Aufklärungstrupps in Richtung Nouvron vor. Indessen zeigen die V. L., daß am 13., 14. nur Scharmützel stattfanden. Bei Cotterets hielten 35er die Verfolger auf und hatten 66. R., das wahrscheinlich noch als Nachhut Opfer brachte, I/III/49. Berührung mit dem Feinde. Daß der 4. Kav. D. alliierte Reiterei durch Überfall ihre Batterie abnahm, zeigt die sorglose Liederlichkeit des Abzugs. Jeder weitere Rückzug bedeutete weiteres Sinken der Wage, Verzicht auf schnelleres »Matt«, nur »Remis« war noch möglich, ein »Patt« der festgerannten Offensivlinie der Verbündeten. Als der Rückdruck die deutsche Front in eine einzige straffe Mauer verwandelte, wo alle Einzelheere, die bisher teilweise vermißte innere Fühlung gewannen und alles besser in einen einheitlich gespannten Rahmen zu passen schien, hatte man sich allerdings taktisch verbessert, doch um so mehr Grund zu strategischer Niedergeschlagenheit. Eine Horizontallinie statt einer gekrümmten bedeutet eben reine Frontalaufstellung. Als Joffre hier wie einst Grant gegen Lee zu »hämmern« begann, hatte er nicht Grants Entschuldigung, daß die gewaltige Überlegenheit der Nordstaaten an Menschen und Material ihm jedes Blutbad erlaubte, wenn nur die Südstaaten dabei auch geschwächt wurden. Vorerst war Frankreich auf sein eigenes Menschenreservoir angewiesen, und das war wahrlich nicht unerschöpflich, erst 1916 warf England ein großes Gewicht in die Wagschale. Die »unzählbaren Bataillone des Zaren« und seine ausgeschrienen Reiterhorden, die sich in der Wirklichkeit jämmerlich blamierten, schmolzen schon 1914 wie Schnee in der Sonne. Es hatte lange den Anschein, als ob Deutschland auf beiden Fronten nur den linken Arm gegen Rußland und den rechten gegen Frankreich zu erheben brauche, um beide niederzuschlagen. Das unmittelbare Fortsetzen der Marneschlacht in allgemeiner vermehrter Hauptschlacht kann man nicht als Fehler Joffres bezeichnen, sondern als psychologisch richtig, doch eben nur unter der falschen Voraussetzung, daß die Deutschen durch übergroße Verluste »demoralisiert« sein müßten, denn warum hätten sie sonst, überall Sieger, unaufhaltsam Rückzug angetreten? Daß sich nachher die Sage bildete, die wundersame Berliner Strategie habe absichtlich den Feind sich nachgelockt, um ihn sich an der neuen starken Linie verbluten zu lassen, begreift sich angesichts des Ergebnisses, obwohl jeder Wahrheit entbehrend. Doch dies sind alles rein taktische Auffassungen. Strategisch glaubt man sich in die altersgraueste rohe Empirik zurückversetzt, wo man frontal auf einander losklopfte. Aus solchen ungeheuren Schützengräben von 150 km Länge gibt es keine gelenke Entwicklung, keine Dynamik entfalteter Bewegung. Grade diese bessere taktische Stellung erklärte strategische Trauben für zu sauer, dem Feind allein fiel jetzt die Initiative zu, erst im Westen mußte man sich das Gesetz des Handelns wieder erwerben, wo es aber Joffre gleichzeitig den Deutschen aufzwingen wollte. Beharrliches Schweigen des Heeresberichts über die Marneschlacht und ihre Folgen ermöglichte dem Gegner, unbeanstandet ein Legendengebäude zu errichten, das zu schwindelnder Höhe anwuchs. Erst behandelte man selber unter dem Eindruck der Wirklichkeit das Ganze als gelungene Abwehr deutschen Übermuts, doch immer greller umflammte Reklame diese Walstatt und stachelte durch Glorienplakate den Siegeswillen der Nation, der bisher den französischen Führern unter der eisigen Douche ernüchternder Niederlagen abging. Das hielt auch dann noch vor, als alle Einsichtigen das wahre Wesen des Pyrrhussieges erkannten. Denn dauerndes Totschweigen der Marneschlacht deutscherseits stützte den falschen französischen Amtsbericht. Dieser schrieb Maunoury die bestimmende Rolle zu, die er nur in Bülows Wahngebilden spielte, denn Kluck an Ort und Stelle kann sich unmöglich so getäuscht haben. Ein General Pelissier hielt nach dem Krieg einen Vortrag, der angeblich glänzende Raid der Kavallerie Bridoux am 9. habe Kluck zum Rückzug bewogen. Klucks eigenes Buch leugnet aber jede Einwirkung auf ihn, obwohl er die Episode seines Stabsquartiers zugibt. Jede Entstellung der obwaltenden Verhältnisse, die man auch heute in Paris nicht zu kennen scheint, blieb aber sonst unangefochten.

Da errät wohl der Dümmste, die O. H. L. habe besondere Gründe zum Schweigen gehabt. Warum nicht offen darlegen, daß nur die Hälfte der Heere doppelter Übermacht ausgesetzt wurde und der Mißerfolg sich durch »Irrtümer« einiger Führer trotz gewonnener Schlacht erkläre? Ja, das hätte eben das blinde Vertrauen in die Leitung erschüttert, und dies zu bewahren war Suprema lex und regis voluntas. So ließ man auch zu, obschon alle Eingeweihten das Gegenteil gewußt haben müssen, daß die Klucklegende sich herausbildete. Es scheint ziemlich sicher, daß ihr Ursprung in ausländischer Phantasie wurzelt, French und Esperet bedurfte dringend zu ihrer Reinwaschung der Täuschung, der fürchterliche Kluck habe sie am Morin scharf angefaßt. Deutsche Bänglichkeit im Westen befremdet aber um so mehr, als Abmarsch der Armee Ruprecht dorthin schon beschlossene Sache war. Was hatte man also dort von Umgehung zu fürchten, deren Parierung von Woche zu Woche näherrückte. So wenig wie bei Montmirail lag je am Ourcq ein triftiger Beweggrund zu Bedenken vor, erst recht nicht wegen Verlusterschütterung. Wir wiesen ja nach, daß dort die 1. unendlich weniger litt, als 2., 3., 5. A. Leider lassen die Einzelschriften des Generalstabs über den Weltkrieg fast durchweg bezüglich Gefechtsstatistik im Stich. Wozu die gut ist, ahnt der Leser wohl jetzt, sie allein führt den wahren Weg unter Fußangeln zerfahrener Berichte.

Sollte man für möglich halten, daß Kothes lächerliche Schrift zum »Ruhme der 1. A.« das Märchen der 7000 (!) deutschen Leichen bei Montmirail nachbetet. Ein selbst für französische Verhältnisse ungewöhnlicher Luxus im Lügen, da hier nicht einmal das Abstreichen einer Null hilft! Doch vielleicht liegt auch hierin Absicht, um eine grause Niederlage Bülows vorzuspiegeln, die natürlich Kluck zu dessen Leidwesen um gewissen Sieg brachte. Die Kämpfe an dieser Front hörten ganz auf, weil Kluck einen zu großen Vorsprung gewann? Das ist falsch, es gab Nachhutgefechte, »Loslösung vom Feinde glänzend gelungen«, »strategische Tat, wie wenige in der Weltgeschichte verzeichnet«!! »Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber«. So stellt laienhafte Unkunde es noch so dar, daß man Kluck dafür danken solle, weil er den Feind losließ! Wohl aber stellten wir über jeden Zweifel fest, daß er noch am 10., 11. nicht die geringste Gefahr durch French lief, worauf man sich jetzt hinausredet, nachdem das Maunoury-Märchen durch eigenes Zugeständnis dieses Heerführers entlarvt. Dabei spotten die Phantasten ihrer selbst und wissen nicht wie: Wenn Klucks Zurückgehen bloß bis Grepy en Valois, 5 km von Neuilly genügte, um ihn »loszulösen«, und seine Nachhut noch am 10. vorm. bei Nanteuil stand, dann drohte ihm also gar nichts und es beweist zugleich, daß weder French noch Esperet damals schon die Marne überschritten, sonst wäre so geringe Loslösung unmöglich gewesen. Selbst wenn er nur stehenblieb und demonstrierte, konnte noch alles gutgehen. Maunoury war abgetan, French stockte wieder und Esperet hätte sich besonnen, nur einen Fuß über Château Thierry nachzusetzen. Die anderen Heere konnten ruhig ihr Heldenwerk vollenden, dem Joffre sicher erlegen wäre. Dieser adoptierte oder erfand die herumspukende Klucklegende aus Frenchs naiven Spiegelfechtereien, weil es Blendwerk der eigenen offiziellen Legende von Joffres »meisterhaftem« Flankenangriff so paßte. Lieber ein »brillantes Manöver« Klucks, dessen wunderbare Ausführung dann übrigens nur Linsingen und Armin gutzuschreiben wäre, – hinten in F. Milon konnte doch Kluck nichts davon überwachen – bombastisch anerkennen, als eingestehen, daß Maunourys »Flankenstoß« nie wirklich auf eine Flanke, sondern eine zwar schüttern, spärliche, aber zusammenhängende Front stieß, also von vornherein zur Unfruchtbarkeit verurteilt war.

Da so geringe Kräfte der 4. A., was immer vertuscht wird, zur Einkneifung von Langles Kanalstellung genügten, wäre vorteilhaft gewesen, auch 8. R. K. gegen Vitry einzudrehen, dagegen 3. A. nur zwischen Mailly und Ecurie. Die Innenflanken von Foch und Langle zu sprengen, wo die Einfüllung der 9. Kav. Division dem ersten Stoß nachgegeben hätte, war die wichtigste Aufgabe und Hausen hätte Abgabe von drei Divisionen zu Bülows linker Flanke von der Hand weisen sollen. Eine 2. G. D. war Manns genug, sich allein zu behaupten, und wer hieß Bülow den Angriff so weit östlich verlegen, da er doch durchaus nach Westen zum 9. K. aufschließen wollte. Statt dessen dehnte er sich auf 46 km aus, östlich bis zur Chalonchaussee, der passenden Anmarschrichtung der Sachsen, denen er so teilweise den Weg ersparte. Der Frontalangriff auf St. Gond war auch taktisch verfehlt, viel richtiger hätte die Garde unter Umgehung der Sümpfe südwestlich auf Vauchamps weitermarschieren sollen, wodurch Emmich westlicher geschoben wurde und so die Stellung Gault–Montmirail verstärkt hätte. Nicht dem ehrgeizigen und doch so unfesten Bülow stand der Angriff zu, sondern Hausen, der sich bei richtiger Verwendung seiner Sachsen für immer mit Ruhm bedeckt haben würde. Die ungaren Verhältnisse des Anmarsches ließen aber keinerlei planmäßigen Einsatz der nacheinander auf den Feind prallenden Teile zu. Daß die unvergleichlichen Truppen, die sich alle, Sachsen, Garde, Hannoveraner, über alles Lob erhaben schlugen, den Zentrumsdruchbruch erzwangen, war reine Zufallskausalität, wenn man es nicht kausal bedingt nennen will, daß solche Truppen alles über den Haufen warfen, wohin man sie auch stelle. Für Bülow schien dieser Sieg ganz wider die Abrede, so daß er sich bemüht, ihn zur bloßen Verschleierung eines Rückzugs zu degradieren. Er wird uns aber nicht vormachen, er habe schon früh solchen Pessimismus aufsteigen lassen, dann wäre doppelt strafbar, daß er sozusagen den schlummernden Löwen weckte, und schon am 5. vom Fleck aus, wo gerade die Garde den Feind vor sich fühlte, eine Schlacht anbandelte. In rasenden Gewaltmärschen dem Feind wie toll nachrennen, in der Einbildung, man brauche nur noch den Genickfang zu gehen, unbekümmert, ob man nur mit der Hälfte des Verfügbaren ins Feuer komme, und nach erfochtenem Siege wieder wie toll auf und davon rennen, das ist denn doch eine Führung, die sich nicht gewaschen hat! Man lasse nicht aus den Augen, daß Bülow durchaus selbständig handelte, nicht etwa gehorsam einem Gebot Moltkes folgte, der ahnungslos erst an der Seine Schlacht erwartete. Wer trägt dafür die Verantwortung? Einzig die 1., 2. A., deren unvollkommene Meldungen ihm die Ungleichmäßigkeit der Anmärsche verheimlichten, an denen das Schicksal des Ausgangs hing. Nicht Kluck war am 5. kompromittiert, wie Joffre sich einbildete, wohl aber Bülow mit weitem Zurückhängen von Einem und Hülsen. Die Krise seiner Rechten wäre viel früher eingetreten, wenn nicht vor Marrwitz ein French stand, den schon kecke Schwadronen in Schrecken setzten.

Den Rückmarsch des ganzen 9. K. von 80 km, welche neue Todsünde die Kluckverherrlicher ihm schnöde andichten, führte er zwar nie aus, doch haben Failly bei Wörth (den übrigens Duquet heraushaut) und Bazaine bei Spichern sich nicht unkollegialer benommen, als Kluck überhaupt gegen Bülow. Man werfe uns also nicht vor, wir sähen sein Verhalten Ende August mit zu scheelen Augen, es sind immer die gleichen Symptome, alles aus einem Guß. Und ihm, als den herrlichsten von allen, hat man noch Kränze zu Füßen geschüttet! Bei Frenchs verworrenen Angaben fragen wir: wenn er angeblich hinter Maunoury über Meaux folgte, wozu brauchte er dann neuen Brückenschlag bei L. F. S. Jourre? Und wenn er Kluck verfolgte, wozu östliche Umbiegung nach Tardenois? Unsere Abänderung der Daten macht klar, daß »Rückzug 1. A., durch strategische und taktische Lage erzwungen«, aufgelegter Schwindel war. Nachdem ihm Moltke ans Herz legte, 2. A. durch Angriff zu entlasten, meldete Kluck trocken zurück: »1. A. geht am 11. über die Aisne«. Neue Sachverwirrung, die Bülow für sich ausbeutet, die aber erneut dem armen Moltke das Heft aus der Hand wand. Denn am 11. ging Kluck noch keineswegs über die Aisne, die V. L. lehren, daß noch am 13., 14. Nachhutscharmützel südlich des Flusses stattfanden. Daß am 13., nach Bülow sogar am 12., allgemeiner Angriff der Verbündeten begann, gehört zum Inventar der legendären Ausschmückung.

Als die Briten frech geworden, zogen endlich sie nach Norden, vorwärts mit Trompetenschall ritt der Generalfeldmarschall Sir John Falstaff French. Sofort erbettelte er aber ein Korps als Seitendeckung von Esperet, es dürfte wohl das 18. gewesen sein, das schon deshalb nicht früh an der Vesle anlangte. Daß Kluck einen englischen Interviewer verbindliche Empfehlung an seinen hochachtbaren Kollegen und bedeutenden Gegner auftrug, krönt das Ganze. Wie konnte aber French am 11. (denn am 10. ist sinnlose Vordatierung) sich von Kluck in der Flanke bedroht fühlen, wenn dieser schon hinter die Aisne rückte. Lauter Untiefen der Tatsachenwidersprüche, in die jeder Blinde hineinpurzelt, nur nicht der Sehende. Man sollte sich schämen, diesen typischen John Bull, der jenen unpassenden Gruß wohl mit hochmütigem Achselzucken entgegennahm, noch zu schmeicheln. Das ist derselbe Herr, der sich bei Ypern erdreistete, seine Leute seien Mann für Mann den Deutschen überlegen. So kam seine prahlende Anmaßung seiner Unfähigkeit gleich, bei jeder Gelegenheit beschimpfte er schwadronierend das deutsche Heer, um sich für seine steten Niederlagen zu rächen. Jetzt, nachdem er die Frenchies (Franzosen) allein fechten ließ, hütete er sich auch peinlich, gegen Kluck weiter vorzukommen, trotzdem in dessen Rückzug nirgends Ruhe und Würde erkennbar wurden. Er hatte keine andere Sorge, als sich in neuer selbsterdachter Linie weit nach Westen einzurichten. Naive Übersichtskarten wie die Stegemanns lassen jedes Korps fein säuberlich am festumgrenzten Platze stehen, doch Entrinnen dieser kopflosen Retirade war nicht so leicht. Das 9. K. bugsierte man mit Gottes Hilfe vom linken auf den äußersten rechten Flügel, die neben ihm stehende 6. D. auf den äußersten Linken! Das 2. K. gravitierte schon zum 9., so daß 4. D. sich allmählich von 3. D. trennte. 4. und 4. R. K. schoben sich ineinander. Dies alles kann nicht ohne Marschaufenthalt und ohne Kreuzung geschehen sein, alles verlief sich durcheinander, richtiges Bild regellosen Rückzugs, wo nichts mehr an ursprünglicher Stelle in der Schlachtlinie blieb. Nie vollzog ein ungeschlagenes Heer einen unordentlicheren Abzug. Was nicht gefochten hatte, ließ jetzt die angeblich Geschlagenen durch, so daß jetzt im Vordertreffen standen 26., 27., 153., 165., 2., 149. Die V. L. gaben hier die lehrreichsten Aufschlüsse. Das am meisten am Ourcq gelichtete 4. R. K. war so ungünstig aufgestellt, daß der Feind es sich zum besonderen Angriff aussuchte. Neben diesem Rückzug sieht selbst der Bülowsche wie ein Xenofontischer aus, doch blindgläubige Schwafler ließen sich nicht nehmen, aus ihrer Umnebelung heraus Klucks Ruhm auch hier noch in feurigem Wagen zum Himmel fahren zu lassen. Da aber 17. R. D. schon am 12. bei Peronne gemeldet wurde, schwoll dem großen Anführer wieder der Kamm, zudem er vernahm, Prinz Rupprecht solle später westlich von ihm die Hauptarbeit verrichten. Jetzt wollte er, wieder gegen ausdrückliche Weisung der O. H. L., sich selber auf eigene Hand etwas Lorbeergemüse servieren. Dagegen haben wir nichts, sobald es auf die rechte Tafel gestellt wird, nur ist bemühend, daß just er, der Hauptschuldige, die Marnescharte auswetzte. Er stand schon im allgemeinen gesicherter hinter Aisne und Morsain, als irgendein anderes Heer, erhielt als Zuwachs ein frisches und starkformiertes Korps und besaß für später die Gewißheit der Anlehnung an Prinz Rupprecht. Kein Heer litt verhältnismäßig so wenig, wie das seine, obwohl einen gewissen Historiker sein dichterischer Schwung hinreißt, Tausende der Kluckschen bei Nanteuil in den Tod sinken zu lassen. Die beiden Korps, die allein am Ourcq und Morin bluteten, 4. R. K. und 9., grade auf den bedrohten Westflügel zu stellen, war übrigens sehr unvernünftig und vor dortiger Eindrückung rettete ihn nur Boehns baldiges Eingreifen. So entstand sein Erfolg, der einzige positive in dieser Hauptschlacht, durch Verkettung glücklicher Umstände. Es gibt eben vom Glück Auserwählte, die sozusagen immer auf die Füße fallen.

Den Überschuß des für 1. A. summierten Marneschlachtverlustes muß man für Rückzug bis 14. rechnen, die in glühenden Tönen besungene Ourcqschlacht selber kostete sicher noch lange nicht 6000, sie war die zahmste auf der ganzen deutschen Front. Der geringe Verlust liefert neuen Beweis, wie unsinnig man Kluck eine Doppelschlacht zumutet, nämlich noch eine frühere am Morin. Wieviel größer müßte denn sein Verlust gewesen sein! Allerdings bereiten sich der Überführung insofern Hindernisse, als manchmal die V. L. öfters summarisch alle Kämpfe bis Monatsende umfassen. Doch alle minder summarischen Listen mit genauen Zeit- und Ortsdaten zeigen z. B. deutlich beim 2. K., daß der weitaus größte Hauptverlust auch beim 4. R. K. erst seit 15. eintrat, das gleiche gilt bei allen Heeren. Zudem liegt bei allem die Verlustbegründung in den Verhältnissen selber, die bei Kluck, wie an mancher andern Stelle festlegen, daß man in vier Schlachttagen am Ourcq oft nur ein Drittel dessen verloren haben kann, wie in der dreizehntägigen viel furchtbareren Schlacht, wobei man von Rechts wegen noch 9. R. K. abziehen müßte, um den richtigen Vergleich zu ziehen. Wir gaben sogar manchmal etwas zu und gingen über das Wahrscheinliche hinaus, um nicht die Marneschlacht als bloßes Vorhut- und Nachhutgefecht erscheinen zu lassen, wozu man sie deutscherseits öfter herunterdrücken wollte. Das war sie nicht und wir verwahren uns gegen den Verdacht, als ob wir sie tendenziös unterschätzten. Die Franzosen freilich malen sie umgekehrt als Riesenpanorama, weil sie mit der wirklichen Hauptschlacht nichts für ihren Gloireglanz anzufangen wissen.

Wir tragen nochmals nach, daß der eitle Esperet sich erst am 9. abends in Tagesbefehle berühmte, er stehe auf dem alten Siegesfeld von Montmirail. Die Hinzufügung »Champaubert« bedeutet offenbar nur eine rhetorische Phrase, ein Aufwaschen für alle napoleonischen Siegesdenkmäler der Umgegend. Wir tun ihm nicht die Unbill an, er würde nicht Bülows Rückzug arg belästigt haben, wenn er sich am 9. bis Vauchamps vorwagen konnte. Wir verwerten dies Dokument also nur als Geständnis, daß er erst am 9. abends in Montmirail war, ganz wie wir sagten. Nur ein Bülow kann diese Vordatierung auf Vauchamps ernstnehmen, ein echt französisches corriger la fortune. Daß Michel jede ausländische Wahrheitsfälschung demütig hinunterwürgt, ist ganz in der Ordnung, echtdeutsch. Doch Bülow verfolgt bei eigener Vordatierung besondere Privatinteressen. Das berühmte Verwischen von Schlachtstundenterminen (klassisches Beispiel Mars la Tour) wird hier auf ganze Tage übertragen. Ja, Kriegsgeschichte ist kein billiges Vergnügen. Dem General Lettow-Vorbeck entpreßt sich angesichts des preußischen G.-St.-W., kein Österreicher habe je wieder Chlum nach dessen erster Einnahme betreten, der Ausruf: »Da schreibe einer noch Kriegsgeschichte«. Gelogen wird intra und extra Ilium. Wer alle Franzosen für geborene Lügner hält, begeht einen psychologischen Irrtum. Eitelkeit durchsättigt all ihr Dichten und Trachten, die nationale Einbildung geht als phantasievolle Einbildungskraft mit ihnen durch, sie erfinden gläubig und verüben eine Selbsthypnose, wodurch die eigene Erfindung zur eidlich beschworenen Wahrheit wird. Und so wird jeder Durchschnittsfranzose sich darauf totschlagen lassen, die Deutschen seien in der Marneschlacht geflohen, denn sonst ging es ihnen schlimm! Und doch irrt man, wenn man dies verallgemeinert. Selbst für 1870 gab es nur einen Dick de Lonlay, der tausend infame Verleumdungen zusammentrug, die Bücher von Lehautcourt und sogar das französische G.-St.-Werk befleißigen sich maßvoller Objektivität, schießen sogar in Verdammung sämtlicher französischer Generäle übers Ziel hinaus, und wir bezeichnen es als skandalös, daß man deutscherseits gar noch diese kühle Wissenschaftlichkeit mit Anwürfen belohnte, denn alles was nicht blind vor Moltke und jeder preußischen Geschichtsfärberei Kotau machte, zieh man der Verleumdung. Die deutschen Historien der Befreiungskriege strotzen von Entstellungen, während Thiers keineswegs den Ruf eines bloßen Chauvinistenschwätzers verdient, den man ihm aufbürdete, und seine Stärke- und Verlustangaben viel beherzigenswerter sind, als die der Napoleonsgegner. (Wir haben dies nach Archivtableau toter und verwundeter Offiziere des Kaiserreichs von Martinian Punkt für Punkt festgestellt). In maßlosem Prahlen und Entstellen sind weit mehr Briten und Russen Meister. Man sollte die Kriegsgeschichtsschreiberei jeder Nation in Volapück nebeneinander drucken und darüber den vermittelnden Kommentar eines wahren Forschers, dann würde man sein Wunder erleben. Uns berührten die Kluck- und Bülowlegende viel empfindlicher, als die französische Übertreibung, denn wenn letztere nur in majorem Franciae gloriam arbeitete, so erstere ad usum Delfini zum Schaden deutschen Heeresruhms. Die Wahrheit wird oft unglaubhaft, wie jeder Geschichtsschreiber weiß. Wer stellte sich einen Hentsch vor, der als deus ex machina das Schicksal Deutschlands bestimmt, ohne jede schriftliche Vollmacht, – so etwas gibts einfach nicht beim Militär, – doch wahrscheinlich mit Berufung auf eine unverantwortliche Instanz, gegen die keine Widerrede gilt. Eine Armee, die solche »legitimen« Verhältnisse zuläßt, ist wurmstichig nach oben. Über Hentsch schloß sich das Grab, die Akten des Kriegsgerichts bekommt man nicht zu Gesicht, der Mann muß gegen den aufgebrachten Moltke hohe Deckung gehabt haben. Versicherte er vielleicht Bülow amtlich, Kluck sei geschlagen, was Bülow auf Treu und Glauben hinnehmen mußte, da er von Kluck so wenig wußte, wie die O. H. L. selber? Daß Kluck sich systematisch ausschwieg, gibt sehr zu denken. Divination, die sich auf nichts schriftliches oder gedrucktes bezieht, sondern allein auf die innere Logik, wird wie gewöhnlich Recht behalten. Auch in der nur von uns angeschnittenen so hochwichtigen Frage der Unvollzähligkeit und Nichtvereinung. Am 9. forderte Bülow von Hausen einen noch größeren Schlag als Fernwirkung für die Montmirailflanke, als ob hierdurch der nötige Rückhalt gewährt worden wäre. Mehr konnte Hausen für Bülow nicht tun, doch wozu der Lärm? Stand nicht alles sehr gut bei Garde und Emmich? Die Westdrehung der Garde und die Aufforderung an Hausen verraten aber offenbare Offensivtendenz. Wenn also am 9. abends nach besonders großem Tageserfolg plötzlich Rückzug für Bülow feststand, so muß solch nervöser Stimmungswechsel besondere Gründe gehabt haben, nicht nur Hentschs Einrede. Und siehe da, er meldete an Moltke, »infolge Verluste« (tolle Übertreibung) schätze er sich nur auf drei Korps. Das ist unfreiwilliges Geständnis, daß er eben seine vier K. nicht beieinander hatte, die Ausrede »infolge Verluste« verbrämt nur die Nichtanwesenheit von 23 Bataillonen Hülsens und Einems und wahrscheinlich 10 Emmichs. Vermutlich erfuhr er erst am 9., daß er auf Zufluß von Norden noch lange nicht rechnen könne.

Ähnlich würdigen wir Baumgartens verzweifelte Versuche, die Schwäche der 3. A. im Feuer mit ungeheurem Strapazenabgang zu erklären. Da bei keiner andern Armee gleiches vorfiel, so müßten die Sachsen ja wirklich schlapp geworden sein, welches Gerücht sie sich verbitten dürfen. Ein Monatsabgang von 20 Prozent durch Strapazen wäre erfahrungsgemäß schon anormal, hier aber müßte man bataillonsweise umgesunken sein, wenn von 83 000 Inf. nur 37 000 in die Marneschlacht eintraten. Da nun die Sachsen im September 28 500 verloren, so müßten von ihnen nur schmale Reste übriggeblieben sein, was um so lächerlicher, als sie im Oktober lustig fortkämpften. Die Behauptung, daß nur 27 000 Inf. fochten, ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen, denn wer im Verlust auf 133 Off. des 19. K. nur 2584 Mann, dagegen auf 168 des 12. K. volle 4784 rechnet, der ist schreiend unzuverlässig in Zahlen. (Bei 168 Off. 12. K. sind unstreitig die von 104. fälschlich mit eingerechnet). Wohl aber nehmen wir gern das unfreiwillige Geständnis entgegen, daß sehr viele Bataillone bei den Gewaltmärschen zurückblieben, und erst am 14. in der neuen Stellung standen, also höchstens 40 bis 45 000 Inf. Hausens wirkten. Da man unsere eigene Berichtigung in Einzelverlusten nicht beanstanden darf, weil sie zu gleichem Gesamtergebnis kommt, so müssen auch unsere Voraussetzungen stimmen. Hausen brauchte ein Korps mehr, nämlich das ihm abgenommene Thüringer? Nein, wie die Wertmaßstäbe sich herausstellten, brauchte er nur Vollzähligkeit seiner Masse, ergänzt durch die ihm entsprechende Kavallerie, deren Abgang nach Ostpreußen nötiger war, als ihre vorherige Vergeudung in Lothringen, eine technische Unbehilflichkeit, von der nichts die O. H. L. reinwäscht. In der Hauptschlacht schieden 12., 18. K. aus der 3., 4. A. aus, dennoch vermochten Langle, der jetzt sechs Korps zählte und Fochs Hauptteil nichts gegen die ihm gegenüberstehenden 5 K. auszurichten. Warum? Weil letztere jetzt endlich vollzählig waren. Das in der Marneschlacht gar nicht hervortretende 7. K. spielte in der Reimser Schlacht die Hauptrolle. Warum? Weil es endlich vereint focht. Was zu beweisen war.

Um seine Unmöglichkeit riesigen Strapazenabgangs durchzudrücken, scheut Baumgarten nicht die tollsten Entstellungen. Scherzhaft klingt der Vergleich, Napoleon habe 1812 schon bis Witebsk zwei Drittel verloren, eine durch Fabrys Archivfunde längst entkräftete Fabel. Märsche in Frankreich mit deutschen Trains oder im damaligen Rußland sind grundverschieden. Militärs schöpfen ihre falschen Vergleiche aus nachgeschriebenen Vorträgen der Kriegsakademie, die mit der Forschung nicht Schritt halten, und Laien beugen sich vor unwahren Ziffern, weil sie nicht nachprüfen können. Hier aber liegt der Unsinn auf der Hand. Hatte das 12. K. nur 270 Off. in der Marneschlacht, so mußte es schon 430 auf der Strecke gelassen haben, obwohl es bis dahin keine 100 Off. im Gefecht verlor und erfahrungsgemäß nur wenig Offiziere auf Strapazenabgang kommen. Im ganzen Weltkrieg gingen 39 Prozent des Offizierkorps verloren, inkl. Vermißten. Da wird man wohl schwerlich glauben, daß in der verhältnismäßig harmlosen Marneschlacht (im Vergleich zu späteren Schlachten) 66 Prozent Offiziere des 12. und 50 Prozent des 19. K. bluteten. Höchstens könnte dort ein Drittel Verlust gerechnet werden, was bei rund 300 Off. Verlust beider K. eine Stärke von 900 anwesenden Offizieren ergibt. Aber auch das wäre natürlich viel zu wenig, da von mindestens 1300 Inf. Off. beider Korps dann schon 400 im August abzustreichen wären, ein völliges Unding. Wenn ferner das R. K. nur 77 Off. verlor, so beweist dies vollends, daß kaum seine Hälfte ins Feuer ging. Kurz, wenn manche Regimenter nur mit 1500 Gewehren (statt mit 3000 zu Anfang) fochten, so ergab sich dies allein durch die von uns gebotene Aufhellung, daß eben mindestens ein Bataillon fehlte, und wenn Baumgarten weiß, daß die 3. A. mit ungewöhnlich schwacher Gewehrzahl kämpfte, so hat man ihm natürlich den wahren Grund verschwiegen, daß nach unserer Meinung sogar ganze Regimenter fast völlig fehlten. Wie übrigens mancher Mann, z. B. Bircher, Verlustlisten liest, ohne Verständnis für Orts- und Zeitdaten, macht lächeln. Wir weigern uns, Truppenkörpern Gefechtstage und Einbußen aufzuladen, von denen nichts gebucht steht.

Die prächtige Gefangenenziffer, die von Monat zu Monat in der gallischen Phantasie anschwoll, erledigt sich sehr einfach auf die übliche Art; man muß eine Null von »70 000« abstreichen, nur um so ergötzlicher, als der deutsche Gesamtverlust nicht entfernt heranreichte. Baumgarten leugnet andere als lokale Schwierigkeiten beim Rückzug; auch gaben die Sachsen später eine besondere Sammelliste ihrer sämtlichen Gefangenen heraus, nur 3000, meist Verwundete. Wo wollen die Verbündeten die Gefangenen gemacht haben? Jawohl, in den Hospitälern von Kluck. Wo 150 eroberte Geschütze herkommen sollten, weiß wohl nicht einmal der bon Dieu de France. Ob die Sachsen viel demontierte Stücke ohne Bespannung liegen ließen oder ob sie selber 70 Geschütze eroberten, von denen wohl nur wenige wegen Bespannungsmangel in die deutschen Linien wanderten, und 10 000 oder 5000 Gefangene mitschleppten, sei dahingestellt. Um großen deutschen Verlust vorzuzaubern, warfen die Franzosen wirr und wild die Marne- mit der folgenden Schlacht durcheinander. Wir haben jedoch nur mit Verlusten bis zum 13. zu tun; die eigentliche Schlacht endete am 10., 11., nicht am 9., wie die übliche Datumfälschung beliebt. Verluste des Argonnenrückzugs sind jedoch mehr beizurechnen, wodurch (51. R. bei Vaubecourt) vielleicht 7000 statt 70 000 Gefangene im ganzen herauskommen mögen; liegengebliebene Schwerverwundete natürlich inbegriffen. (Wir kennen persönlich solche Fälle.)

Hausen, den ein Ruhranfall, d. h. Kummer, aufs Krankenbett warf und dem ein gnädiges kaiserliches Handschreiben die sofort einsetzende ungerechte Verkennung versüßte, konnte wegen der ihm zugestoßenen Widerwärtigkeiten sein umsichtiges Bemühen nicht durchsetzen. Der Kronprinz aber, frei von Bülows Einfluß, wie anders wirkt dies Zeichen auf uns ein! Nur hier war die deutsche Führung sicher und zielbewußt. Kam Hausen nach Troyes, der Kronprinz nach Bar le Duc, so gab es für Joffres Aufstellung keine Rettung mehr; in zwei Teile gespalten, Langle und Sarrail abgeschnitten, der Feldzug ging schon dann verloren. Der Kronprinz allein ließ es an nichts fehlen. Sein Vormarsch begann so pünktlich und schwungvoll, daß Bronchein schon am 5. aus Nettoncourt vertrieben wurde, dann Tag für Tag südwärts gestoßen. Eigentlich scheint unangebracht, die Argonnenschlacht mit den andern nur mittelbar davon berührten Vorgängen in eins zusammenzufassen. Ihr lag ob, Sarrail so zu umfassen, daß er bei Rückzug Joffres kaum mehr südwärts abdrehen konnte. Unter entschlossener Mitwirkung des 5. K. wäre seine Einschließung in Verdun wohl erzwingbar gewesen. Zu diesem Zweck mußte man seine Linke möglichst eindrücken, was in vollem Maße geschah. Hierdurch wurde seine Linke ganz abgeschrägt, die Mitte nach Südost geschraubt, während seine Rechte sich noch nordwärts spreizte. Mit seiner rückwärtigen Maasfront nach Osten entstand so ein offenes Dreieck ohne Hypothenuse, in das er stoßweise hineingezwängt. Anfangs zu enggedrängt, gewann der Kronprinz nach Öffnen des Argonnendefilees bald gesunde Entfaltung durch möglichste Ausbreitung seiner Rechten. Allerdings konnten auch hier die Hintertreffen nicht rasch genug folgen, doch irrt Stegemann, daß nur eine schlesische R. D. focht; Goßler brachte beide Divisionen ins Feuer. Der Kronprinz spielte im Gegensatz zur Schlamperei der anderen Armeechefs immerhin rund 72 von verfügbaren 99 Bataillonen aus. Das Umbiegen des Südflügels verlief so günstig, daß man in der Nacht zum 10. die störende Marseiller Artillerie zu überfallen plante: bei Vassaincourt, ein Ort, der in der V. L. nicht vorkommt, den also die Franzosen nicht großartig erstürmt haben können. Dies Hilfskorps wäre sicherlich nach Eintreffen der 23. R. D., die aber ausblieb, den Württembergern erlegen. Doch nach anfänglicher Billigung unterbrechen Moltkes sich kreuzende Widerrufe den Siegeslauf; er hatte schon Bülows schwarzen Zaubertrank im Leibe und sah Schönheit in jedem Rückzug. Das Unterbleiben eines letzten Schlages auf Laimont rettete Sarrail und Langle vor sicherster Gefahr. Die Abberufung mitten im vollen Erfolg machte den übelsten Eindruck auf die Truppen und rief beim mühseligen Rückzug anscheinend einige Panik bei Goßlers Nachhut hervor. Bei 4., 5. A. bestand nicht der kleinste Anlaß zu so einschneidendem Schwächebekenntnis. Die bösen moralischen Folgen im In- und Ausland wogen eine wirkliche Niederlage auf; denn was sollte man daheim angesichts so endlosen Rückzugs anders schließen, als daß man völlig geschlagen sei? Jede Armee tröstete sich zwar, daß sie gesiegt habe, doch wie schlimm mußte es bei den andern stehen! Allgemein hörte man, daß die 1. A. im schweren Wundfieber darniederläge, während die siegessichere 1. A. das Unglück der 2. A. bedauerte, die freilich, wie die Fama ganz genau wußte, nur wegen Versagens der 3. A. so böse Erfahrungen machte! Es ist zum Heulen.

»Die Meinung« ( l'opinion) sei im Krieg das Wesentliche, lehrte Napoleon. Was Bülow grundlos vermeiden wollte, kam nun erst recht heraus. Überstand auch deutsche Manneszucht in der endlich festgestellten deutschen Linie die harte Prüfung, so war vorerst die Stimmung herabgedrückt, die des Feindes gehoben, der nach kurzem Stutzen das Unbegreifliche einem Erfolg seiner Waffen zusprach. Darf man ihm das verdenken? Kaum, auch nicht, daß Mythen über riesigen deutschen Verlust als Erklärung festhielten. Der gesunde Menschenverstand schließt bei jeder Wirkung auf natürliche materielle Ursachen und ahnt nicht, daß Oxenstjernas Hohn, »mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird,« auch beim Militär gilt. Man kann nicht Kriegsfälle beurteilen, ohne hinter die Front zu blicken und dort den Schlüssel zum Allzumenschlichen zu finden. »Er ist nur General, er hat keinen Geist,« urteilt Napoleon über Wellington und sprach es aus: »Ein Feldherr muß Genie haben, und einen großen Charakter.« Letzteres ist fast noch wichtiger; wir sehen es bei Blücher im Gegensatz zu Gneisenau am Waterlootag und in erhabener Form bei dem großen Friedrich, dessen wahres Genie als Gründer der napoleonischen Vernichtungsstrategie, seinen Zeitgenossen weit voraus, sich durch starre Heldengröße verständlich machte. »Die Kriegskunst ist die schwerste (?) aller Künste, man setzt dabei seinen eigenen Ruf und den seines Volkes aufs Spiel.« Alle Künste sind gleich schwer und unerlernbar, poeta nascitur non fit, der Feldherr wird geboren, wie bei Cromwell und so manchem Generalzivilisten des amerikanischen Bürgerkriegs, so manchem Freiwilligen der französischen Revolution (Färberlehrlinge, Notarschreiber, Hausierer, Schmuggler, Handelsgehilfen später Marschälle Napoleons) ersichtlich. In stehenden Heeren findet selten wahre Auslese statt, höfische Gunst und Mißgunst der Vorgesetzten heben oder knicken die »Karriere«; eines der sinnbildlichsten Symptome des Weltkrieges lag in dem schlimmen Anfangswort: »Für Hindenburg keine Verwendung«. Wer in Kunst oder Wissenschaft das Echte unterbindet und den Charlatan krönt, begeht nur eine Sünde wider den heiligen Geist, wer schlechte Reichskanzler ernennt, gegen den Staat, wer aber im Kriegswesen die Fähigen unterdrückt und die Unfähigen fördert, gegen die ganze Nation, die ihre Haut zu Markte trägt. Man darf nicht verlangen, daß Armeeführer genial seien? Wozu ernennt man sie denn auf Kosten des Steuerzahlers? Im Kriege ist das Beste gerade gut genug. Stets sträubte sich deutsches »Prestige«, Bazaine in seiner wahren Gestalt zu sehen, obwohl man die Metzer Schlachten und die Kapitulation nie verstehen wird, ohne als Psychologe hinter die Kulissen zu sehen. Hier bekam man die Strafe der Verblendung, als ob nur französische, nie deutsche Generäle dem Feind in die Hände arbeiten könnten. In der Marneschlacht hätte Bazaine an Stelle Joffres unbedingt am 8. den Rückzug angetreten, doch ebenso sicher Bülow bei Vionville in wirklich peinlicher Lage. Prinz Friedrich Karl, der dort nicht vom Platze wich, und mit stärkerem Willen Bazaine zum Abzug bewog, verlangte Kriegsgericht gegen Goltz und Manteuffel nach der nutzlosen und schädlichen (in deutschen Legende natürlich genialen) Colombey-Rauferei; gegen Bülow und Kluck würde er infame Kassierung, gegen Hentsch den Tod auf den Sandhaufen beantragt haben. Der Generalstab trug aber mit keiner Silbe zur Beruhigung von Volk und Heer bei durch offenes Bekenntnis, in welchem Zustand der Nichtvereinigung die braven Truppen den Kampf aufnehmen mußten. Das hätte den moralischen Faktor gehoben, doch Zweifel an der unfehlbaren Führung aufkommen lassen, und dies Prestige zu wahren, war die einzige Sorge der Halbgötter.

Auch 4., 5. A. hatten Anspruch und Aussicht auf entscheidenden Sieg, zumal Joffres falsche Kraftökonomie zu viel Masse nach Westen verlegte und Sarrails bogenförmige Ausdehnung um drei Divisionen schwächte. Zwar trieb er den napoleonischen Grundsatz, alles Verfügbare zur Entscheidung zu vereinen, auf die Spitze durch Ausleerung der Lothringer Front, doch 15., 21. K. kamen schon zu spät und wären nur in die Niederlage verwickelt worden, wenn den Deutschen ausreichende Truppenzahl zu Gebote stand zu raschem Ausfechten. Es ging aber auch ohne dies, wenn die Schlacht nur an gleichen Punkten fortging; die bisher siegreichen Teile waren sich selbst genug. Das zaghafte Verhalten des 15. und 21. K. lehrt, wie wenig Langle auf wirkliche Besserung rechnete. Wie deutscherseits Kluck, so galt französischerseits Foch als Größe, der unrettbar Geschlagene. Eher disponierte Langle großzügig, indem er eine dichte Gruppe auf den Hauptgefahrpunkt schob, doch auch die Gefahr seiner rechten Flanke war zu dringend, als daß das 15. K. sie beschwören konnte. Seine Gleichgültigkeit gegenüber der ihm bekannten 4. A. zeigt, daß er sich von ihr keineswegs eines stürmischen Tempo versah. Ihre Rolle hätte aber bedeutend werden können, wenn sie östlich des Ornain Langle von Sarrail trennte. Auf H. Albrecht lastete das Bewußtsein der Verspätung seiner Hinterstaffeln. Man wird so glänzende Truppen wie den Rheinländern und den Hessen wohl nicht zuschieben, daß sie nicht sofort im Handumdrehen mit so moralisch und materiell geschwächten Schlachthaufen wie denen des 2., 12. und Kolonial-K. fertig geworden wären, wenn sie nur einigermaßen vereint waren. Und doch hätten selbst die ungenügenden eingesetzten Teile auch am 10. gesiegt, wenn nicht die böse Fee, deren Patengeschenk so oft Deutschland niederdrückte, einen Hexennebel um deutsches Sehvermögen gebreitet hätte.

Noch nach 100 Jahren gelten die gröbsten Sachentstellungen als »Geschichte« napoleonischer Kriege, vielleicht vergeht wieder ein Jahrhundert, bis die Pariser Archive sich öffnen. Dann werden sie, wenn Auskramen so unliebsamer Wahrheiten gewagt wird, wahrhaft erschreckende Verlustziffern für diesen September zum Besten geben. Deutsche Quellen fließen bisher dürftig und spärlich, französische trübe und schlammig. Deutschfreundliche Neutrale kleben doch noch an französischen Schriftsätzen, deutsche Autoren an eigenen liebgewordenen Täuschungen, ein Mitstreiter wie Baumgarten huldigt ehrerbietig dem Fabelkluck und macht einseitig nur gegen Bülow und Moltke scharf. Angesichts der Direktiven der O. H. L. müßte man an vorgefaßte Parteilichkeit glauben, die sich blind stellt und nicht sehen will, daß Moltke als unmittelbarer Schuldiger gänzlich ausscheidet. Den sächsischen General, dessen sämtliche Angaben außerhalb der 3. A. unbrauchbar, entschuldigt Erbitterung über Bülows Ausnutzung Hausens, doch damals, als er sein Buch schrieb, war sein Anklagematerial gegen Bülow äußerst dürftig, noch war sein »Bericht« nicht veröffentlicht, der so wunderbar den Satz illustriert: qui s'excuse, s'accuse. Wer sich über Verleumdung Hausens empört, soll überlegen, wie so etwas tut, und weder das Andenken Moltkes zu schwer belasten, noch einseitig nur einen Hauptschuldigen suchen, wo es doch zwei gibt für jeden, der Moltkes Akten (Direktiven) und Bülows Bericht in Händen hat. Wenn Moltke die Dinge schlendern ließ, so verließ er sich eben auf die Armeechefs, die ihn über ihren unvollkommenen Aufmarsch keinen Aufschluß gaben. Was soll man aber mit Kluck anfangen, der grundsätzlich keine Nachricht sendete! Als bloßer Günstling verrufen, was er keineswegs war, genoß der unglückliche Scheingeneralissimus keine so nötige Autorität, dafür kann er nichts, sondern wer ihn an die Spitze stellte und sich wohl schmeichelte, selbst der Spiritus rector zu sein. Kluck behandelte Moltke geradezu mit Mißachtung, da er ihm überhaupt nichts meldete: Wir erinnern nochmals an das Telegramm: »Wie Lage, welcher Feind gegenüber?« Wir wollen die Klucklegende um so weniger triumphieren lassen, als sie das Verbrechen begeht, zu phantasieren, daß der hellsichtige Kluck gleichsam Moltkes »Fehler« wieder gut machte. Ob dieser jemals vor Armin und Linsingen die Zukunftsmusik »Nogent-Provins« aufspielte? Ein Umgehen des klaren Wortlauts »zwischen Oise und Marne« war doch ausgeschlossen, sonst konnte ein Donnerwetter kaiserlicher Ungnade dreinfahren, wenn er nicht Ordre parierte. Sein angeblicher Vorschlag auf die Seine loszumarschieren, zeigt höchstens, daß er mit der ihm zugedachten passiveren Rolle nicht zufrieden war. Für das Wahngebilde erzwungenen Wiederabzugs vom Grand Morin lassen schon die Zeitumstände keinen Raum. Also 2., 4., 3., 9. K. aufmarschiert zwischen Cressy und Esternay auf 85 km Breite, Marrwitz südlicher bei Courtacon? Nun sind es von Conlomiers bis Lizy 25 km, von Esternay bis Nanteuil 80 km, von Provins 100 km. Danach konnte ein am 6. vormittags oder mittags von Morin abgerückter Linsingen unmöglich am 8. nachmittags bei Acy sein nach 35 km Marsch mit Flußübergang, noch weniger ein am 8. von Esternay verschwindendes 9. K. bei Nanteuil, sondern nur dessen Hintertreffen, das erst im Anmarsch zur Marne war. »Das von der Südfront zurückgenommene 4. K.«, wie Kluck sich ausdrückt, erhielt einfach Gegenbefehl, als seine Vorhut (93., II/26., II/27.) sich anschickte, bei Lizy-Meaux in Maunourys Flanke vorzugehen. Südfront heißt doch nicht gleich südlich der Marne. Wir wiederholen bis zum Überdruß, daß schon am 6. Teile 4. K. beim 4. R. K. fochten, und da es angeblich noch südlicher stand als 2. K., ist seine kampflose Loslösung vom Feind ebenso unmöglich, wie sein baldiges Erscheinen am Ourcq, wenn an der Fabel ein wahres Wort wäre. Es müßte mit Wunderdingen zugehen, wenn hinter so unklarem Ausdruck »von der Südfront zurückgenommen« etwas Genaueres stäke, als in der Rapportwendung: 3. K. »deckte rechte Flanke 2. A.«, wo doch damals 6. D. sich bei Betz dem Ourcq näherte und 5. D. im Heerbericht vom 9. abends » nördlich der Marne« genannt wird. Wie der Kluckkult alles verdrehen muß, zeigt uns Baumgartens drollige Behauptung: 9. K. sei schon am – 6. abkommandiert worden, damit der Unsinn vom Ourcq-Gefecht, 9. K. am 9., etwas an Möglichkeit gewinne. (80 km mit den Flußübergängen!) Wer focht denn bei Esternay als Ersatz? Ach so, das 10. K.! Man wird geradezu mitleidig gestimmt, wenn man diese schreiende Unkenntnis eines Generals vernimmt, der sich natürlich nie die Mühe nahm, die V. L. einzusehen, wo man Schwarz auf Weiß hat, wer bei Esternay am 6., 7., 8. focht. Den historischen Gasnebel, der aus Frankreich aufstieg und die Wahrheit verhüllte, begrüßt Bülow freudig für seinen Bericht, der wohlbemerkt erst im Dezember niedergeschrieben wurde, nach Joffres pomphafter Darstellung. »Erzwungener« Rückzug Klucks am Morin wie am Ourcq! Zusammenwirken verschiedener Interessenpolitik, um den Giftpilz einer Geschichtsfälschung zu züchten! Es liegt uns fern zu glauben, Bülow habe sich vollbewußt wider besseres Wissen die Kluckdinge so zurecht gemacht, daß Kluck als wirrer Hitzkopf erscheint, dem anfangs der Himmel voller Geigen hängt und der beim Wetterwölkchen aus allen Himmeln fällt, von Tag zu Tag seine Ansichten ändernd, und dessen Ehrgeiz immer nur eigenen Interessen nachrennt, ohne Rücksicht auf Kollegenbedürfnis. Das letztere ist wahr, doch Bülows Zeugnis ist überhaupt keins, da er nach nichts mehr als Klucks unklaren Funksprüchen urteilt. In der Klucklegende besteht eine förmliche Verschwörung zur Wahrheitsumdunkelung, wobei Deutsche und Franzosen sich in die Arbeit teilen. Ihr tragikomisches Verhängnis besteht darin, daß sie ihn immer belastet, wo sie ihm preist. Wer nach dem Urheber des Rückzugs forscht, den belehre der amtliche französische Bericht: »Am 10. mittags wich der Feind auf der ganzen Linie; er erfuhr offenbar, 1. A. sei im vollen Rückzug und war wegen seiner Flanke beunruhigt.« Also der Feind selber gesteht, nur Klucks Rückzug habe den aller andern nach sich gezogen. Und zwar erst am 10. mittags, wodurch Klucks und Bülows Darstellung glatt zu Boden fällt. Brauchen wir weiter Zeugnis? Alle Franzosen gestehen, Maunourys Lage sei »schlecht«, Klucks Rückzug »eine Überraschung« gewesen. Diese vernichtende Verdammung Klucks, dessen Benehmen der Feind sich nicht erklären kann, wird mit unerschütterter fixer Idee umgebogen und unterdrückt. Links und rechts wird mit Zeitdaten nach Belieben jongliert. Die elende französische Angabe, French sei am 9. bei Fère en Tardenois gewesen, widerspricht sogar dessen eigener Angabe. Da er aber stets nur mit Marrwitz in Berührung kam, so kann er überhaupt nur erst am 11. nördlich der Marne gestanden haben, denn Marrwitz ritt am 14. südlich der Aisne auf. Kluck wußte aber bestimmt durch Marrwitz, wie fern ihm French noch war. General de Bonal urteilt, daß Maunoury schon am 8. abends seine Ohnmacht empfand, Kluck mit Gewalt zu werfen, dessen Abzug »eine unerwartete freudige Überraschung« war. Wir betonen nochmals, daß Klucks Autofahrt ihm historisch nichts helfen wird. So unwahrscheinlich sie klingt, mag sie an sich richtig sein, aber unerbittlich erhebt sich eine Frage. Also Hentsch belehrte, die allgemeine Lage sei ungünstig, besonders 7. K. (die eine Brigade bei Montmirail!) sei zurückgeworfen, Bülow wünsche Rückzug, er entledige sich dieses Auftrags und habe unbedingte Vollmacht – mit dem Munde. Solange nicht Moltkes Genehmigung vorlag, an den man ja depeschieren konnte, hatten die gefeierten Unheilstifter kein Recht, auf Sirenenlieder Unberufener zu horchen, mündliche Vollmacht, das kann jeder sagen! Und siehe da, schon in der Nacht zum 10. lief Angriffsbefehl der O. H. L. ein, am 10. vorm. bestimmte Weisung: »Kampf auf ganzer Front günstig, Sicherung rechte Flanke 2. A. durch Eingreifen 1. A. unbedingt erforderlich.« Am 10. war nun zwar der angeblich Kluck unbekannte Rückzug (er muß langer Nachtruhe gepflogen haben!) im Gange, konnte aber natürlich sofort aufgehalten werden. Stand die Schlacht auf ganzer Front günstig, dann log also Hentsch und nicht nur Gehorsam und Pflicht, sondern einfacher Anstand geboten, dem Vorgesetzten zu willfahren und an das Vaterland zu denken. Um uns diplomatisch auszudrücken, fehlt uns für Klucks Seelenzustand ebenso jedes parlementarische Wort wie für die Kluckträumer, die aus reiner Unwissenheit schwärmen, sich aber doch einigermaßen unterrichten sollten, ehe sie ihre Böllerschüsse verknallen. Schon nachts durch Moltkes ersten Angriffsbefehl belehrt, daß er oder sein Stabschef auf mündliche Vorspiegelung eines Pseudo-Bevollmächtigten hereinfielen, ließ er sich also auf klaren schriftlichen unbedingten Befehl nicht ein, sondern sandte die trockene wie Hohn klingende Anzeige zurück: er retiriere bis hinter die Aisne! Auf diese Provokation folgte Moltkes Peitschenhieb: »Sr. Majestät befehlen, 1. A. wird dem Befehl 2. A. unterstellt!« Deutlicher konnte man Ungnade nicht ausdrücken. Berief sich also Hentsch vor dem Kriegsgericht auf hohe Personen, die mit Stimmungsumfall launenhaft hereinpfuschten, so ward dies jedenfalls verleugnet, freilich auch der arme Moltke, der den Laufpaß erhielt. Und er erlebte noch den Schmerz, daß er den Bock zum Gärtner machte. Bülow, mitschuldig an Klucks Rückzug, führte den seinen derart aus, daß einem die Haare zu Berge stehen.

Franzosen heckten aus und Deutsche schrien nach, daß Montmirail am 8. abends und Reims gar schon am 11. von Esperets stolzem Siegergang erdröhnte. Das stimmt nicht mal zu Bülows Rapport, den sich der Heeresbericht zu eigen machte, wonach 2. A. am 10. abends zwischen Dormans a. d. Marne und Avice südlich der Marne gestanden habe. Wie gewöhnlich, eilte Bülow den Tatsachen voraus, denn sie stand dort noch am 11. und die Nachhut bei Chalons am 12. Wenn nach eigener französischen Angabe die Deutschen erst am 10. mittags wichen (»auf der ganzen Linie« ist unwahr, immer sind nur 1., 2. A. gemeint), so konnten sie am 10. abends nicht schon südlich der Marne stehen. Diesen Rattenkönig von Täuschungen entwirrten wir früher, halten aber die dreiste Vorausdatierung von Esperet am 11. bei Reims für symptomatisch, was man alles mit Herumschmeißen falscher Daten wagte. Bülow sprach von Stützen der 1. A. »nördlich der Marne«, kaum aber übergab ihm Moltke den Oberfehl über Kluck in Erwartung mannhafterer Haltung, als sie Kluck zeigte, so befahl Bülow Rückzog »hinter die Aisne«, welche »wichtigste Aufgabe« er dadurch ergänzte und erfüllte, daß er selber hinter die Vesle auskniff! »In Übereinstimmung mit dem Vertreter der O. H. L.« berief er sich zwar auf Hentsch, jetzt aber ließ er nur sein eigenes Ingenium selbstständig leuchten. Obschon er Moltke über die wahre Lage der 1., 2. A. dauernd im Unklaren ließ, befahl dieser im Vertrauen auf günstige Nachrichten von 3., 4., 5. A. deren Festhaltung alles Raumgewinns am 10. abends und dennoch weist Baumgarten mit dem Finger auf Moltke, als habe er an Klucks und Bülows Rückzug den geringsten Anteil! Erst am 11. erließ er Rückzugsbefehl an 3., 4., 5. A. nach der lähmenden Aussprache mit Bülow, der seinen verderblichen Einfluß schon durch drastische Mittel unterstützte, indem er auf eigene Verantwortung immer weiter retirierte. Wir erkennen hier eine wahre Frivolität. »Stützte« er etwa Kluck, indem er ostwärts über die Vesle davonrannte? Nein, er entblößte dessen linke Flanke, ärger, als Kluck angeblich Bülows Rechte entblößt hatte. Indessen trug auch hierbei Kluck ein vollgerüttelt Maß der Mitschuld. »Nördlich der Marne« Widerstand zu leisten, trugen sowohl Bülows Vorschlag, als der Heeresbericht ihm auf, statt dessen wich er weiter in unanständiger Eile. Damit lieferte er Bülow den besten Vorwand zu eigenem Retiradebedürfnis. Ein psychologisches Gesetz will, daß Verteidigungsschriften dort, wo wirklich etwas hapert, zur Selbstanklage werden und so Bülows Verkehrungen von Zeit und Ort erst recht auffällig und verdächtig. Man sehe sich doch auf der Karte an, welche Form Bülow wählte, um seine Rechte zu sichern. Die Aufstellung der deutschen Mitte erhielt so eine sehr tiefe Einbuchtung nach Osten, ohne irgendwie auf gleicher Höhe mit 3., 4., 5. A. zu bleiben, die mit Front nach Süden fochten, 2. A. nach Westen. Schon hierin jeder gesunden Regel hohnsprechend, opferte Bülow vollends die 1. A., die natürlich dann nicht südlich der Aisne bleiben konnte, ohne jede Anlehnung an 2. A. Doch selbst Rückzug hinter die Aisne half nichts, denn zwischen Vailly und Orinville nordöstlich Reims, bis wohin Bülows Aufstellung am 13. nur reichte, klaffte eine lange, breite Lücke. Er lud also förmlich den Feind ein, zwischen 1. und 2. A. einzubrechen, was fast wie eine unedle Rache an Kluck aussieht: Wie Du mir, so ich Dir! Du ließest mich (angeblich) im Stich, jetzt tue ich Dir das Gleiche.

Doch lassen wir keineswegs unser Mißfallen über Bülows unerhörtes Betragen so weit gehen, daß uns deshalb Kluck entwischen soll. Wir haben keinen romantischen Knalleffekt umständlich vorbereitet, sondern folgten stets ruhig dem Gang der Dinge, doch wir unterstreichen nochmals, daß Moltke am 9. nachts funkte, Kluck solle Umfassung Bülows »durch Angriff verhindern«, und dies dringendst am 10. vormittags wiederholte. Es fehlt also jede Ausflucht, Kluck sei nicht rechtzeitig vom Willen der O. H. L. unterrichtet worden, der jeder Meinung Bülows und Hentschs schnurstracks zuwiderlief, zugleich mit der entscheidenden Begründung, die Schlacht stehe günstig auf der ganzen Front. Kluck aber stellte sich taub und tot, ließ überhaupt nichts von sich hören, außer der freundlichen Botschaft er retiriere lustig weiter hinter die Aisne, – wohlgemerkt noch ehe er Bülows Weisung hierzu erhielt. Für das Vorkommnis, daß angeblich sein Stabschef hinter seinem Rücken den Rückzug einleitete und er dagegen gar keinen Widerspruch erhob, gibt es kein zweites geschichtliches Beispiel. Daß Grouchy und sein Stabschef, der notorische Verräter Senecal, am Waterlootag auf »Bleistiftzettel« lasen: » La bataille est gagné«, während das Original im Pariser Archiv deutlich mit Tinte sagt: La bataille est engagée, ist harmlos dagegen. Wir sind überzeugt, daß fleißige Akteneinsicht noch allerlei Schriftliches aus Klucks Hauptquartier entdecken könnte.

Es kommt also nicht wesentlich in Betracht, daß Bülow endlosen Rückzug Klucks für unvermeidlich hielt, um seinen eigenen ebenso grundlosen zu entschuldigen, der übrigens lange nicht so überhastet erfolgte, das fingiert er nur absichtlich. Bülows Rückzug vollzog sich anfangs in anständigen Formen, seine Nachhuten (Teile Hülsens mit 73ern, 24. R. D., Gardegrenadiere Augusta und Elisabeth) klopften dem Verfolger derb auf die Finger. Bei Kluck aber waren selbst die notwendig werdenden Nachhutgefechte matt und leblos. Er war von vornherein schon willens, so weit das Feld zu räumen, ohne daß er sich bei Bülow nach dessen Maßregeln erkundigt hätte. Er bedurfte nicht Bülowscher Anregung, zwei Seelen und ein Gedanke!

Allerdings machte Bülow ja schon am 9. sich zum Mitschuldigen des traurigen Ereignisses. Geteiltes Leid ist halbes Leid, er wünschte förmlich eine Parallele zu seiner eigenen unwürdigen Retirade, wobei die zwei erhabenen Heerführer sich gegenseitig mit ihrer wohlerwogenen tiefen Einsicht deckten: Wenn zwei Größen den gleichen unrichtigen Beschluß fassen, dann muß er wohl richtig sein! Das war schlimmer als ein Fehler, schlimmer als ein Verbrechen, zugleich Verbrechen und Fehler. Nach dem Heergebot jedes Staates hat kein Unterführer das Recht, etwas so entscheidendes wie Rückzug aus günstiger Lage gegen den Willen der O. H. L. zu wagen. Ja, hier lag wirklich etwas Ungewöhnliches vor, doch im übelsten Sinn, während alles Übrige bei 1. A. höchst gewöhnlich und mittelmäßig ausschaut. Joffre handelte »genial«, indem er aus lauter Verzweiflung vor Paris bluffte, Kluck »genial«, weil er sich notgedrungen diesem Bluff entgegenstellte und ohne Ursache pflichtwidrig beugte. So leicht wird der Ruhm eines Kriegsmanns erworben oder besudelt. Kluck »erwachte eines Morgens und fand, daß ich berühmt war« (Byron), er hatte Unsagbares auf dem Gewissen, flugs hieß es, er habe das Vaterland gerettet. Baumgartens Gereiztheit gegen Bülow wegen dessen operativem Eingriff bei Hausen verhindert ihn, der Wahrheit mehr als eine sehr schmale Gasse zu brechen, indem er vor Klucks Schuld die Augen schließt und sich der Legende unterwirft. Merkwürdigerweise weiß er selber plötzlich, daß bei St. Quentin nur 2 Div. Klucks mitwirkten, was freilich auch noch zu viel ist, doch wenigstens das einstige Gerede von Klucks dortigem großartigen Umfassungsmanöver aufhebt, wie denn Bülow unverkennbar Mißtrauen gegen Kluck aus dessen Augustscherzen schöpfte. Bircher, der bezüglich 2., 4. K. auf der rechten Fährte war, belobigte später, um zu verwischen, daß er errötend unsern Spuren folge, Klucks hellsichtiges Feldherrntum. Man will der Sache nicht auf den Grund gehen, um nicht die Führung um ihr Ansehen zu bringen. Gegen »Prestigen« aufzumucken sei unpatriotisch, lehrte vorsorglich schon der Onkel des Neffen, des alten Moltkes Unfehlbarkeit anzutasten war Landesverrat, dagegen des Jüngeren Fehlbarkeit aufzudecken ist heute beliebter Sport und die Klucklegende zerstören steht wohl auf gleicher Stufe der Verwerflichkeit wie vor den schriftlichen Übungen der hochseligen historischen Abteilung des Generalstabs nicht den Hut ziehen. Klucks Offenbarung seiner Autofahrt, während sein Stabschef den Rückzug besorgte, ruft nach doppeltem Kriegsgericht; die Franzosen würden in solchen Fällen kurzen Prozeß machen. Das verfängt nicht und mildert in nichts seine Verantwortung, da er ja den Unfug billigte, trotz gegenteiligen Befehls. Aus solchem Traum der Weltlüge, wo man einen Schwachmatikus als Heros umjubelt, erwacht man mit Lettow-Vorbecks früher zitiertem empörtem Ausruf.

In seinem Ludendorffbuch spottet General Buat: Die Bedrohung durch Maunoury sei nur Schein gewesen, man habe sich dort sogar eine Schlappe geholt, doch schon die Scheinflankierung habe genügt, die Deutschen in Angst um ihre rückwärtige Basis zu versetzen. So baut man theoretische Folgerungen über Wichtigkeit jeder Flankierung auf Unkenntnis der wirklichen Ursachen. Moltke wußte überhaupt nichts davon, selbst Bülow meint nicht Klucks rechte, sondern linke Flanke, deren Aufrollen durch Esperet und French bevorstehe als Abdrängung von der Hauptarmee. Maunourys Umgehung würde ja umgekehrt die 1. auf die 2. geworfen haben, durch Bülows eigene Maßnahmen war die 1. A. jetzt tatsächlich von ihm abgedrängt. Bei solcher allgemeinen Verwirrung der Begriffe wundert man sich nicht über den französischen Anspruch: »Der zähe französische Wille siegte«, nein, der deutsche Nichtwille verschaffte den Geschlagenen den äußeren Sieg. Wie beschämt hier Foch, der »fühlbar zurück« mußte, (Euphemismus für gänzliche Niederlage) und doch nicht den Mut verlor!

Ganz zu Unrecht wurde Müller-Löbnitz' »Wendepunkt« als grundlegend gepriesen. »Es war ein Kannä, das Joffre anstrebte, ähnlich dem, das Hindenburg und Ludendorff errungen haben«!? Empörender kann wahre Großstrategie nicht entwürdigt werden, das seit Schlieffen stereotypierte Kannäbeispiel paßt in nichts. Sarrail bot ja selbst seine linke Flanke dem Kronprinzen und Maunourys Umgehung war Schein. » On se battra sur la Marne« war eine Tirade Joffres auf Grund falscher Voraussetzung, man schlug sich ja gar nicht an der Marne, richtiger hieße das Ganze »Morinschlacht«. Klar ergibt Joffres Disposition, daß er die Deutschen viel nördlicher vermutete, als sie schon auf ihn zukamen. Müller weiß nichts von Demoralisierung der Gegner; weil man sie unsererseits nach verschiedenen Anzeichen noch überschätzte, bleibt doch bestehen, daß viele Teile sich in Auflösung ihrer Spannkraft befanden. Allerdings zog das französische Naturell Angriffsversuche weiteren Rückzügen vor, immerhin blieb die Lage der 5., 9. A. bedenklich, die Seine im Rücken. Für den Mißerfolg nimmt auch Müller ein Hinschwinden der Frontstärken durch Strapazen auf; unsere triftigere Erklärung, daß überstürzte Vorbewegung die Einheit der Heereskörper lockerte, paßt den Herren vom Generalstab natürlich nicht: daß 1., 2. A. »jeder Tiefe entbehrte«, ist Rederei, sie hatten nur zu viel rückwärtige Staffeln, ebenso 3. A. nach 330 km Märschen. Neu ist freilich die komische Enthüllung, daß der famose Hentsch sich schon am 3. bei Kluck befand und rasches Zurückwerfen des Feindes über die Seine empfahl: dieselben unklaren Köpfe sind abwechselnd verwegen oder zaghaft immer an falscher Stelle. »Notwendiger Flankenschutz schwächt Offensivkraft« meldete Kluck an Moltke? Da hört doch alles auf! Jede Offensive, die nicht für Flankenschutz sorgt, ist schon verurteilt. Oberst Müller vom Gr. G. St. weiß aus eigner Anschauung nicht das mindeste über 1. A., schreibt also einfach nach, was darüber gefabelt wurde. Für Wertung der allgemeinen Lage bleibt sein Buch gradso unfruchtbar wie das von Kuhl oder Baumgarten. Nur eins begrüßen wir, daß er nämlich nur 19. R. D. von Hülsen fechten läßt, und zwar geschwächt um »zwei Drittel, die zur Bekämpfung von Versprengten ins Etappengebiet rückwärts entsendet«. Von solcher Bestätigung unserer These, daß so viele nicht mitfochten, ist nur ein Schritt zur andern, daß 14. D. viel zu spät anlangte, zeitliche und räumliche Gründe dafür sind aber beim 3., 2., 4. K. die gleichen; daß ausgerechnet 6. D. bei Montcaux in schwerem Kampf gegen franz. 3., 18. K. gelegen hätte, ist öde Nachschreiberei, unmöglich wegen minimalem Verlust des ganzen K. Lochow und früher Mitwirkung von 4 Batl. der 6. D. am Ourcq. Völlig haltlos ist Müllers seltsame Vorstellung, die schwachen anwesenden Kräfte Hülsens und – 14. D. seien bis – Mondemont vorgegangen; keine V. L. verzeichnet Mondemont außer für 164. Inf. »Lage ernst, doch nicht hoffnungslos« meldete Hentsch über 2. A., damals war sie also noch nicht »Schlacke«, wie er vor Kuhl verleumdete! Nur 25. L. W. Brig. bei Fismes? Laut V. L. fochten unstreitig dort noch Teile Einems. Daß »4« Jägerbatl. von Marrwitz östlich des Ourcq durch Engländer litten, ist nur für 4. Jäger nachweisbar. »Schmerzliche Verluste« bei Klucks Rückzug über F. Milon bis nördlich Cotterets können wir nur bei 66. R. vermuten.

»Die menschlichen Unzulänglichkeiten der Persönlichkeiten« steigen in Müllers Schrift »Die Sendung des Oberst Hentsch« zu der Anklage, »daß eine Reihe von bewährten Männern versagt hat«. Anscheinend rechnet er auch Kluck dazu; doch geht wie die Katze um den heißen Brei herum, möchte selbst dem seligen Kameraden Hentsch nicht wehtun. Gewiß war dieser durch vorherige schwere Krankheit gebrochen und pessimistisch, Stabschef Lauenstein krank und apathisch, dann sollten solche Leute zu Hause bleiben. Der Augenzeuge Hauptmann König sagt, daß erst durch Hentsch der Stab Bülows und er selber so bänglich wurden. Umsonst lachte Einem ihn aus: »Der Feind ist ja im Rückzug«. Sehr richtig bezeugt General Tappen: »Die O. H. L. hatte keine Veranlassung zum Eingreifen«. Er und Dames stimmen überein, »daß rückgängige Bewegungen unbedingt vermieden werden sollten«; Moltke beauftragte Hentsch, bei 1., 2. A. zu » verhindern, daß sie zurückgehen«. Hentsch selbst gesteht, ihm sei nur befohlen: falls Kluck zurückgehe, soll er ihn auf Fismes instradieren, um die Lücke zu schließen. Auch hierin hat Kluck den unnützen Rückzug in wissentlich Moltke zuwiderer Richtung durchgeführt. »Irgendwelche Vollmacht, Rückzug seitens O. H. L. anzuordnen oder gutzuheißen« habe Hentsch nie gehabt, bezeugt Tappen. Hiermit schließen wir die Akten, Kluck und Hentsch sind gerichtet, Moltke freigesprochen.

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