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Bismarck - Band 3

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 3 - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 3
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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September auf der Südostfront.

Da der Septemberkampf sich eng an die Augustgeschehnisse anschloß und ein Abbrechen der Darstellung hier untunlich wäre, fügen wir gleich an, wieso es zur Preisgabe aller bisherigen deutschen Vorteile zwischen Nancy und Epinal kam. Bei den übrigen französischen Heeren war die Stimmung eine gedrückte. Bei French und Esperet Anzeichen der Auflösung, bei Langle viel Entmutigung, so daß auch das berühmte Kol. K. im September lange nicht mehr den früheren Kampfmut zeigte. Die Kluft zwischen 5. und 4. A. war so weit aufgerissen, daß Joffre sich bemüßigt sah, dort eine neue 9. A. einzuschieben, wobei er unverständlicherweise die Nummern 7 und 8 übersprang, wohl um zu bluffen. Zu diesem Behuf trennte er von Langle dessen 11. K. und 17. D., beide R. Div. und die Marokkaner ab. Sollte dies ein Mißtrauensvotum sein, so hatte es Langle wahrlich nicht verdient. Joffre ging in seiner Fürsorge für diese neue Armee seines Günstlings Foch so weit, daß er sogar noch von Sarrail die 42. D. forderte, eine unbegreifliche Maßregel, da doch gerade bei der 3. A. die Lage bedrohlich schien, falls der Kronprinz in raschem Tempo bis Bar le Duc durchstieß. Außerdem wurde Castelnaus 18. D. nach Troyes verladen, wiederum sonderbar, da damals Nancys Bedrohung bedenklich schien. Solchen Wert legte Joffre darauf, nicht auf der Hochfläche von Sezanne und bei Troyes in der Mitte durchstoßen zu werden. Die 14. D. war von Belfort nach Paris berufen, wo gerade die neue 6. A. Maunoury sich sammelte, wo auch 45. D. Oran aus Afrika anlangte. Die wahre strategische Gefahr lag aber garnicht im Westen, wohin alle Blicke sich richteten, sondern im Osten neben Verdun. Die Deutschen hörten immer nur von »St. Quentin«, ohne den wahren Hauptsieg Bülows bei Charleroi zu würdigen, und wissen bis heute nicht, wie gewaltig die Eisenfaust der 5. A. den Franzmann von Longwy bis zum Argonneneingang schüttelte. Im Gegenteil nahm die heimische Mieselsucht es kühl auf, daß der angefeindete Kronprinz solchen Erfolg erntete, jammerte über gräßliche Verluste und ließ sich dafür große Überschätzung der Lothringer Schlacht aufschwatzen, deren strategische Ausbeute ebenso unfruchtbar blieb wie die bei St. Quentin und deren unberechtigter Nimbus mit einem gleich grundlosen Katzenjammer endete. Für den viel wichtigeren Erfolg des Kronprinzen dankte bald Gemunkel und Genörgel, das ist der Lauf der Welt. Sein Druck währte aber noch im September so stark fort, daß die Argonnensperre sofort zerbrach und Sarrails Linke immer weiter südwärts wich und er so, da seine Rechte sich krampfhaft am Maasufer festhakte, sich schräg von Nordost nach Südwest umbog. Seine Lage mußte verzweifelt werden, wenn der Kronprinz um Verdun herumgriff längs der Côtes Lorraines. Dies geschah mit dem 5. K., dem angeblich aus der Front gezogenen, das so bald wieder seine Anwesenheit meldete, während 3. R. K. den Nordkreis um Verdun schloß. Mit dem 6. und 13. K. als Rechte, 6. R. K. als Mitte, 16. K. als Linke, setzte 5. A. unaufhaltsam ihren Südmarsch fort. Sarrails feste Haltung ist um so rühmenswerter, als Joffre ihm auch noch das ganze 4. K. entzog und nach Westen sandte. Erst als die Not aufs höchste stieg, langten 15. und 21. K. im Osten an, um Sarrail und Langle zu retten. Außer den für August schon verrechneten Truppen trafen frisch im Westen die 6. englische D. nebst Reiterei sowie 63. R. D. und 45. D. ein, da das zu Maunoury verladene K. Lamaze schon bei Etain gefochten hatte. Diese Verstärkung um 50 000 Mann fiel um so weniger ins Gewicht, als bei so gefährdeten Auszügen auch eine Unmenge Versprengter umherirrt, die erst später zur Fahne stießen. Deutsche Behauptung, die französischen Divisionen seien neu aufgefüllt worden, entbehrt jeder Begründung. Foch bezeugt ausdrücklich das Gegenteil. Auch der riesige Materialschaden war nicht ergänzt, nachdem außer so viel Festungsstücken etwa 450 Feldgeschütze in deutsche Hände fielen. Die Artillerie trat mit sehr verminderter Stärke in die Septemberschlacht ein, obschon bei Foch und beim 17. K. Langles mit vermehrter Tatkraft, was ihr große Ehre macht. Doch auch sehr viel Gewehre, Maschinengewehre, Munition, Ausrüstungsgegenstände gingen verloren und besonders das algerische Korps zeigte sich derart unlustig und unbotmäßig, daß Esperet es dauernd in Reserve verwies. French wagte wesentlich nur sein 3. K. Poultenay in die Vorderfront zu stellen, dessen Nerven nicht vom unheilvollen Rückzug angefressen. Vaterlandsliebe und Ehrgefühl halten eben den Kulturmenschen fester bei der Fahne, als rohe Kampfwut den Wilden oder Söldner, das zeigten hier viele wackere Teile des französischen Volksheeres. – –

Bei mehrtätigem Ermatten der Vogesenschlacht gab es zwischendurch kräftige Einzelhandlungen der Badenser. Am 2. Sept. wurde die 25. Brig. Barbade des Epinalkorps wieder vom Chipottehügel hinabgeworfen. Ihr 17. Rgt. behielt nur noch zwei Hauptleute, die meisten Offiziere lagen in ihrem Blut. Andere »Badenser« – soll heißen 40. R., 8. und 14. R. Jäger sowie 4 badische Ers. Bataillone – warfen sich im Verein mit der bei Celles neuerschienenen 99. Els. L. W. aufs Lyonkorps und brachten es zwischen Rompatelize und Grand Jumeau in große Not. Es verlor diesmal auch La Salle, wo sechs sächsische Ers. Batl. eindrangen, und zwei bespannte Batterien. In der Nacht zum 4. brach ein großer Überfall durch 109., 110., 111., und 40. bad. Inf. los, Alpins und 44. D. wurden geworfen. Am 5. und 6. flammte die Schlacht nochmals heftig auf. 50. bad. Art. bahnte ihrem Fußvolk den Weg, fünf ihrer Offiziere und achtzig Kanoniere bluteten. Die Badenser, besonders deren Leibgrenadiere, die ihren Garderang im ganzen Weltkrieg aufrechthielten, drängten die 27. D. Grenoble über das Jaques-Plateau; die kräftigen Gebirgler der 28. D. Camberty versuchten starke Gegenbewegung, doch 22. Inf. und drei Chasseurbataillone sahen das Fruchtlose ihres Beginnens ein. Es stimmt indessen nicht, daß nur 14. deutsches das 14. franz. K. aus den Mortagnewäldern herausschlug; der Lage nach wirkten hier sicher 99., 132., 136. Elsässer von St. Remy her; 14. Jäger (früher am Col Marie und Mühlhausen) maßen sich hier mit 14. Chasseurs. Weiter westlich focht erbittert die dorthin verschobene 41. D. Belfort, um 8. Jäger und die Bayerngruppe aufzuhalten; ihre 22. Ch. verloren den Kommandeur und viele Leute, eroberten aber eine wichtige Höhe. Gleichzeitig entrissen links davon 14. Ch. den Mecklenburger Jägern einen Teil des Grand Jumeau, doch alle vier Chasseurbataillone der D. Grenoble waren nicht imstande, erneuten Andrang der Elsässer zu überdauern; alles wich, 41. D. verließ alle Höhen nördlich Mandry. Am 7. entschieden die badischen Leibgrenadiere den Kampf bei Vernies mit großem eigenen Verlust. Legrand mußte weiter zurück. Zusammengesetzt aus Bergbewohnern von Savoyen, Dauphiné, Hochburgund, wehrte sich das Lyonkorps in den Vogesen wie auf bekanntem Gebiet, doch kein Opfer fruchtete. Bei 17. Ch. blieben nur 7 Off. übrig mit der Hälfte der Mannschaft. Westlich St. Dié verloren 11. Ch. alle Kompagniechefs. Wir bitten zu beachten, daß diese als Elite geltenden Chasseurbataillone oft 1700 Gewehre zählten, was wir bei unseren Stärkeschätzungen nie in Rechnung brachten.

Der deutsche Verlust war nicht unerheblich. Auch 63. sächs. Ers. Batl. litt ziemlich, doch daß eine sächsische Ers. Kompagnie auf 36, eine der 14. J. auf 64 schmolz, dafür geben die V. L. keinen Anhalt; Ausnahmefälle einer Kompagnie beweisen nichts. Nach diesen für Heeringen durchaus glücklichen Gefechten verstrichen vier Tage fast kampflos, was Dubail in Verwunderung setzte, der sich seinerseits mit Verladen seines Clermontkorps ins Pariser Oisetal beschäftigte. Diese Schwächung ließ der Gegner unbenutzt. Erst am 13. erkannte man, daß die Deutschen St. Dié und alle vorgeschobenen Posten längst räumten, denn drüben waren zuerst 122. R. und 180. Inf., dann das ganze Elsässer Korps in Richtung Trier–Maubeuge abgeleitet. Dubail empfing die Kunde der Marneschlacht, vermutlich in übertreibender Ausschmückung, und wollte nun die Siegesgöttin an der bekannten Stirnlocke packen. Doch er stürzte nur ins Leere oder dem Feind in den Rachen, der den Verfolger wiederholt auf die Finger klopfte. Die Deutschen blickten immer noch von Donon und Ban de Rupt in die jenseitige Ebene, behielten Senones und Raon. Die überraschten Franzosen begegneten bei Raon l'Etape und südlich Bacarat keinen Widerstand, dahinter aber wohl. Xylander war dort weg, doch eine tüchtige Nachhut blieb. 26. R. D. verschwand schon, 28. R. D. rückte hingegen nach Fricourt vor Nancy ab, wo Verstärkung nötig schien, Heeringen selber befand sich längst in Laon; von seiner 7. A. behielt er nur K. Deimling. Aus so freiwilligem Abmarsch zog Dubail keinen Vorteil, sein Epinalkorps war in Eile nach Nordwesten auf Brienne verladen, 8. K. gleichfalls nordwärts zur Maas. Die Niederlage des Lyonkorps bis 7. lehrte ihn auch Vorsicht.

Man glaubt irrig, daß ganze Korps gleich abrückten, es blieben Nachhuten. 143. lag am 4. noch bei St. Dié, von wo damals noch 26. und 28. R. Art. lebhaft feuerten, 8. Jg. noch lange in scharfem Gefecht bei Fosse (270), 14. Jg. blieben fortan im Elsaß. Die badische Gruppe in Gegend Nossoncourt verweilte dort noch längere Zeit. III/169., III/170. wurden zu Gaede ins Oberelsaß entsendet, wo drei Lahrer Kompagnien am 9. fochten und bis 2. Okt. dort verblieben. Seinen Belfortflügel betrachtete Dubail nur als lästige Beigabe, verringerte ihn immer mehr; wetterharte Alpenjäger konnten's allein nicht schaffen. Was nochmals in den Sundgau einfiel, holte sich vom 6.–12. solche Schlappe, daß es nicht wiederkam. Schon am 6. griff Gaede die Brig. La Teuche der hier neu erschienenen 66. D. im Münstertal an. Indessen litt in ferneren Gefechten bei Kosbach, Bisel, Tann, Altkirch nur 40. L. W. erheblicher, 109., 110. und 111. Bad., 119. und 120. Würt. sehr wenig. Inkl. Ers. Batl. Sennheim und den zwei badischen Inf. Bataillonen sowie den bei Mühlhausen streifenden 14. Drag. und Teile der 14. Jg. verlor Gaede etwa 900. Der Verlust war zu gering, um den Umfang dieser Stöße für bedeutend zu halten, so gern wir der standhaften L. W. Kränze winden. Die Spaltung in Gruppen wurde vermehrt durch Einströmen neuer Ers. Batl., auch bayr. B. 12. L. W. und 2. und 10. Ers. bei Dreiähren, 2. L. W. bei Col Marie, 3. L. W. und 11. Ers. bei Saales, 3. und 4. Ers., 14. und 11. R. bei Mandry. Nach Menil detachiert 5. und 13. Ers. Zusammen verloren diese Teile 3000, es fanden also heftige Gefechte statt, von denen man nichts hört. Auch 60. und 70. R. Hagenau und Bitsch fochten am 14. bei Markirch. Die bei Rompatelize-La Salle bis 7. Fechtenden verloren 4200, wo 98. R. abmarschierte, das bereits auf Zuzug in die Woevre bei Briey voraus war. Ebenso eilten 15. und III/4. b. R. den I/II/4. R. nach, die in die Woevre gingen. Die badische Gruppe verlor 1450. Da die Einteilung in 6. und 7. A. hier aufhörte (Prinz Rupprecht ging gleichfalls nach Westen), darf man auch die Saarbrücker Nachhut den Obigen beirechnen. 60. Inf. rückte vom Ferchtal nach St. Benoit ab, um sich mit 21. K. zu vereinen, blieb noch bis 10. dort, III/70. bei Domptail, I/137. bei Vallois 67. Art. bei Woyen. 32. Brig. Saarbrücken rückte am spätesten ab, ehe sie den Seitensprung, der wahrlich kein Katzensprung war, zur Abrundung der schiefen Wetterecke im Oisetal machte. Auch hier 1450 Verlust. Von Xylander, der längst den Kampfplatz nach Westen verließ, blieb III/16. mit etwas Pionieren bei Bacarat (200). Summa 11 400. Der französische Verlust muß bis 8. sehr groß gewesen sein, wahrscheinlich 20 000 im Monat inkl. Gaedes Gefecht. Am Fuß der Pässe, zwischen Mandry und Markirch, hielt man Dubails erschöpfte und gelichtete Truppen im Zaum, die sächsischen und badischen Ers. Brigaden waren zwar bis Bacarat zurückgegangen, indessen erfolgte Ende September wieder eine ausgesprochene Vorbewegung, so daß Dubail bis an die Mortagne zurückwich. Der sonst bis 13. recht schweigsam und wortkarge deutsche Heeresbericht wob einen Glorienschein um Gaedes Landwehr als Verteidiger der Heimaterde, tat aber des Guten zu viel und verfiel in einen sozusagen französischen Stil, den man gern missen möchte. Bei Gebweiler habe ein ganzes französisches Korps »eine schon abgeschnittene Abteilung befreien müssen«? Im Südelsaß gab es überhaupt kein solches Korps. Bei Aspach setzten die Haubitzen den Franzosen so zu, daß sie 3000 Gefangene und 2 Batterien verloren? Möglich, klingt's auch wunderbar. Die Hauptsache blieb, daß den Eindringlingen jede Lust zum Einbruch verging, um nicht nach der Schweiz abgeklemmt zu werden.

Es bleibt merkwürdig, daß Moltke und Joffre gleichzeitig zur Einsicht kamen, wie unnütz sie solche Massen bei Epinal–Luneville–Nancy zusammenpackten, während Entscheidung nur in Nord- nie Ostfrankreich zu suchen war. Der Entschluß zum Abwurf solcher Massen erfolgte beiderseits früh. Die herkömmliche Ansicht irrt sehr, Moltke sei durch die Marneschlacht zu solcher riesigen Umgruppierung veranlaßt worden, der größten, von der uns die Kriegsgeschichte meldet. Sonst wären die deutschen acht Divisionen, die Ende September im Westen eingriffen, der unstreitig am frühsten abgerückte Deimling sogar in Monatsmitte, zu spät gekommen. Da Joffre auf innerer Linie über ein ausgiebiges Bahnnetz verfügte, so kamen zwar sechs der von ihm aus Lothringen geschickten Divisionen früher in die Kampfzone, nicht aber die neugebildete 2. A. Castelnau, die im äußersten Westen umfassen sollte. Hier kam ihm Prinz Rupprecht, der doch den weitesten Weg hatte, zuvor. Genötigt, in weitem Bogen hinter der Front per Feldbahn solche Massen über Luxemburg–Brüssel–St. Quentin nach Südwesten zu richten, hat die deutsche Heermaschine hier Erstaunliches vollbracht. Schon am 2. gingen Castelnaus 15. K., 18. D. und 10. Kav. D. ab, dann Kav. K. Conneau, sie trafen aber erst am 8. und 9. auf ihren Bestimmungspunkten ein, während die wohl erst am 6. abrollenden Elsäßer schon nach acht Tagen in Mitte der noch unverlängerten deutschen Hauptfront zur Geltung kamen, nach dreimal so langer Wegstrecke. Das erst am 12. ganz abgerückte 21. K. focht schon am 21. im fernen Westen, eine erstaunliche Leistung.

Dagegen leistete sich die O. H. L. etwas sehr Unerfreuliches, als sie sofort Rückzug über Mortagne, Meurthe, ursprünglich sogar Saille anordnete. Nicht die geringste Nötigung lag vor, denn selbst wenn Luftaufklärer versagten, muß sich die parallele Schwächung der Feindesfront drüben sehr bald bemerkbar gemacht haben. Es heißt auch, daß Pr. Rupprecht sich dagegen sträubte und nur murrend nachgab. Ist dem so, dann hatte er eben besseren Überblick. Jeder Rückzug ohne dringende Nötigung ist fehlerhaft, weil er den Truppengeist entnervt. Jede Truppe, die man nach stetem Siegen plötzlich zum Kehrtmachen zwingt, wird mißgestimmt und widerwillig. Jeder Musketier sagt sich: Die Stellung, die wir mit unserem Blut erkauften, behalten wir, erst soll uns der Feind daraus vertreiben, sonst war unsere Mühe vergeudet. Zu vermuten, der schwer erschütterte Dubail werde aus eigener Kraft St. Dié und Raon zurückerobert haben, ist lächerlich. Er geriet über den deutschen Abzug ins größte Staunen. Die eroberten Stellungen waren so gut, daß man sie deutschen Verteidigern nur mit schweren Opfern wieder entreißen konnte. Erst spät erhoben die Franzosen ein Siegesgeschrei und schrieben lärmend diesen unbegreiflichen Rückzug ihrer eigenen Waffenwirkung zu, folgten dann aber im Zentrum anfangs nur zögernd über Luneville, dann dreister. Auch hier entwickelten sich Nachhutgefechte, hitzig bei Harimenil, wo die G. Ers. Brig. mutig standhielt, und füllten den Monat, keineswegs taktisch zugunsten der Verfolger. Das 2. Pfälzer Korps folgte unmittelbar dem 1. Münchner nach Westen, nur Ersatz- und einige bayrische R. Brigaden besetzten die verdünnte Strecke, infolgedessen sich jetzt das badenser Korps ganz nach Norden verschob, um diesen Ausfall zu ersetzen. Es blieb größtenteils noch bis Monatsende bei Fricourt–Limay–Mamey; auch die 28. R. D. beließ dort vorerst eine Brigade. Im Norden bestand erst recht kein Grund, die erkämpfte Linie Dombasle–Maixe–Champenoux zu verlassen. Das nach Abzug des franz. 15. und bald auch 8. K. ganz isolierte 16. K. war nicht in der Lage, die Lücke der deutschen Schlachtordnung zwischen Dombasle und Garbeviller zu benutzen. Die 74. D. brannte schon ganz zur Schlacke aus, ihre erneuten heroischen Angriffe wurden blutig abgewiesen, wobei auch eine Pfälzer Nachhut mitwirkte. Daß man die weit vorgesprungene Spitzstellung westlich Luneville räumte, brauchte wahrlich nicht Aufgeben der Mortagne nach sich zu ziehen. Den bedauerlich verfrühten Rückzug wog es gleichwohl auf, daß das 3. bayr. Korps sich immer weiter nordöstlich Nancy ausdehnte und sich näher an Toul heranschob. Den Feind schüchterte vorhergehende Beschießung und Berennung von Nancy viel zu sehr ein, als daß er sich aus eigener Kraft zur Erzwingung des deutschen Rückzuges aufgerafft hätte. –

Der Kampf im Norden, diesmal bedeutender als im Süden, zerfiel in zwei Teile. Schon vor längerer Weile entschloß sich Pr. Rupprecht, noch einen großen Schlager zu tun, und verharrte dabei, als er schon Befehl zum Abmarsch nach Westen in Händen hatte. Seit 1. wurde der Feind bei Nancy ruhiger, seit 4. war aber ernster Kampf zwischen Friscati und Champenoux im Gange, die Front erzitterte unter schwerer und vermehrter deutscher Kanonade. 136. Brig. der 68. Div. verteidigte den Wald vor Nancy, R. K. Durand schützte die Nordflanke, wo 14. und 21. bayr. Inf. bei Richecourt angriffen nebst einigen Ers. Batl. Von Serres und Einville her erfolgte ein Stoß auf die 39. D. Das Klatschbuch eines Metzer Franzosen quatscht von Attake weißer Lohengrinkürassiere, deren Uniform der Kaiser trage. Weder gibt es Lohengrinkürassiere noch konnten in solcher Gegend Reiterattaken stattfinden. Sind Gardedukorps gemeint oder die Halberstädter Seydlitzkürassiere, in französischer Lesart Bismarckkürassiere? Beide standen fern im Westen. Solcher Tiefstand historischer Wissenschaft – Hanotaux zitiert dies ernsthaft – kennzeichnet die Art, immer romantische Farbenklexe wie »Todesritte« auf die Palette zu setzen, um irgendeinen deutschen Mißerfolg glatt zu erfinden. Es ist auch falsch, daß 1. Garde Ers. Brig. (fünf Bataillone) von Pont à Mousson vorrückte, sie stand schon im August bei Herimenil. Dagegen rückten dort 30 km von Nancy andere Ers. Brig. des General v. Strantz vor, welchem Befehlshaber des Posener Korps, das jetzt an den Côtes Lorraines wirkte, der Oberbefehl im Norden übertragen wurde. Zunächst blieb es hier auf der Nordostseite bei Tastversuchen, während südöstlich von Nancy eine neue Schlacht auf 15 km Front anhob. Weiter südlich verfuhren beide Parteien nicht mehr angriffsweise. General Bigots brave Truppen waren erledigt und die Pfälzer rüsteten zum Aufbruch, um den weiten Spaziergang nach Westen anzutreten. Indessen blieben 18. und 22. Inf. noch bei Fraimbois in Stellung, 9. verschob sich nach Ch. de Villiers östlich in Ablösung der 2. b. D. Diese wichtigen Einzelheiten entnehmen wir den Verlustlisten. Die Franzosen mißverstanden diese Stille als Ermattung. Deutscherseits konnte man den Abzug des 15. K. und später 8. K. beim Feinde wahrnehmen, um so unverantwortlicher, daß man trotzdem am Rückzugsbefehl festhielt. Seit 5. kam es noch zu verschiedenen Zusammenstößen, der Kampf stand so ungünstig wie möglich für die Franzosen. Taverna wich von der Mortagne, 142. aus Gerbeweiler, 223. aus Mont s. Meurthe, in das man sich teilweise einschlich, 81. aus Heudoncourt. Umsonst verteidigte Brig. Xandel das linke Mortagneufer am Guiperholz. Am 6. unternahm General Castelli, ehe sein 8. K. abzog, noch einen Flankenstoß vom Gondelholz und Taverna trieb vom Lamathholz her die Bayern wieder über die Mortagne, 143. drang frontal »unter großem Verlust« erneut in Gerbeviller ein. Am 7. und 8. setzten 81. und 142. bei Fraimbois an, die Reste der 74. und 64. R. D. bei Herimenil. Fruchtlose Mühen eines halben Scheinerfolges. Am 9. hatten 139. und 140. Brig. Tavernas bei Heraucourt und Crevic nur ein stehendes Gefecht ohne Bedeutung, am 8. und 9. wurde das Gefecht auch wieder lebhaft gegen die Hagenauer und das Füsilierbataillon der Saarbrücker 70er, eine hier zugeteilte sächsische Ers. Batterie verlor allein 30 Kanoniere. Deutscherseits war längst Abmarsch beschlossen. Bei Fraimbois standen noch bayrische 8. und 4. R., welch letztere am 10. auf Abmarsch nach der Woevre kurz eingriff. Vorwärts Luneville, wo 70. L. W., die im August viel litt, das Saarbrücker K. nach Westen begleitete, füllten noch Frankfurter 81. und Würzburger 8. L. W. die schwachbesetzte Linie, anfangs auch Wiesbadener 80. L. W., die dann zum Roßberg vor Nancy abmarschierte. Um dem rührigen, wahrhaft verdienstvollen General Taverna gerecht zu werden, muß man veranschlagen, daß er ganz allein die große Lücke zwischen Vitrimont und Magnieres schloß, da anscheinend auch die 64. D. nach Norden abberufen. Er konnte daher dem Abzug über Luneville nichts anhaben. Die Pfälzer begannen erst am 12. abzurücken, Rgt. Landau verließ Fraimbois am 15., Rgt. Germersheim stand bis 16. an der Mortagne, deren Ufer sich immer wieder von Blut röteten, Rgt. Würzburg blieb lange bei III/16., das Bacarat bis 21. hielt. In dieser Richtung ging auch Deimlings Nachtrab ab, wir finden 132. bei Neuwiller, 136. verspätete sich sehr, denn am 23. tauchte es in der Maasschlacht bei Mudra auf. Hanotaux scheint zu glauben, Deimling und Eberhardt hätten damals noch in der Front gestanden, die längst fort waren. Nur Gaede, die jetzt vollzählige bayr. Ers. Div. sowie 19. Ers. D. Tettenborn bewahrten das Elsaß. 88. sächs. Ers. focht aber anfangs im Norden, trat erst spät bei Badonweiler auf. General Falkenhausen, der bis zur Mortagne kommandierte, hatte sogar Ers. Brigaden nach Norden an Strantz abgegeben, so fochten 10., 8. Ers. D. (4. nach Belgien abberufen) jetzt bei Nancy. Diese schwachen Kräfte imponierten Dubail so, daß sein Vorrücken allmählich wieder westwärts abfloß, obschon zuletzt nur noch 8. b. R. an der Meurthe stand und die L. W. von Luneville teilweise bis Avricourt wich. Sie verlor 530, die Garde Res. Brig. 600, alles zusammen 3000. Die Franzosen litten offenbar viel mehr, 74. R. D. ging fast gänzlich zugrunde, sie sollten also über diese Ereignisse nicht »Sprüche machen«, wie der Berliner sagt. Doch scheiden wir mit voller Hochachtung von Taverna und Bigot und ihren wackeren Truppen, die sich weit mehr auszeichneten als das gepriesene K. Foch.

Man hört nichts von der »Eisernen Division«, doch muß sie es gewesen sein, nicht »ein Rgt. Bigots«, die bei Rheinviller von der Garde Res. Brig. abgewiesen wurde. Nördlich davon griffen 5. pommersche Ers. Brig. nebst der 55. badischen an, frische Truppen, man begreift, wie spät der Feind das Verdünnen der deutschen Front bemerkte. Eine Weile bis 12. stand hier noch 5. b. Inf. Bamberg, sonst bei Einville–Maixe 2., 12. und 13. b. R., 1. R. Jg. nebst acht Ers. Bataillonen, in Reserve Ers. Saarbrücken, Saarlouis, am Roßberg 80. L. W., drei Ers. Batt. und 15. els. Pioniere, die beim Abmarsch Deimlings dort festgehalten wurden. Sie schanzten neben Ers. Trier und Wesel, bloße Lückenfüller, während 50. Mainz (früher St. Dié) 247 verlor. Dombasle hielten 9. Ers. Gnesen, 10. und 11. Brandenb. Die so sehr geleerte Front nach Abzug der meisten bayrischen Reserveregimenter und des 22. und 23. Inf. hielt trotzdem fest zusammen, allerdings verloren 2. und 12. R. über 900 vom 7.–9,, auch packten schon am 7. hier 20. und 53. und später 54. würt. Ers. kräftig an unter namhaftem Verlust. 88. und 89. sächs. Ers. (früher St. Dié) erstürmten den Turm Dommayre, wobei der Kommandeur des 88. fiel, und es allein 320 verlor. 1. R. J. hielten Friscoli, 12. R. obsiegte bei Maix mit besonderer Beihilfe der noch hier verbliebenen 5. Art. des pfälzer Korps. Schon in der Nacht zum 5. erreichte die Schlacht bei Champenoux besondere Heftigkeit. Hier gingen Ers. Münster und Minden schärfer ins Feuer, als Ers. Osnabrück, Hannover, Hameln, Kassel und Köln, 2. b. Jäger stürmten, 1. P. Ingolstadt und Res. Komp. der 2. Speyer, von den abziehenden Korps vorerst hier verblieben, schanzten mit bedeutendem Verlust. Am 5. häuften sich Leichenberge vor der großen Waldbarrikade, die Franzosen machten verzweifelte Anstrengungen, auch ihre mehrfach demolierte Artillerie hielt brav aus. Man muß es ihnen lassen, daß sie freudig für ihr Vaterland ihr Leben dahingaben. Warum dann nur das ewige Prahlen und Entstellen, so daß der Unkundige ihnen nachher ihre wahren Heldentaten nicht glaubt! Es ist läppisch, den Deutschen hier großen Verlust aufzuhalsen, er betrug bis 12. rund 4000. Der Aderlaß war ziemlich einseitig, denn bei allen Blutbadfabeln geben die Franzosen zu, daß sie selber sehr schwer litten. 5. Art. richtete furchtbare Verwüstung an, sie deckte auch später den freiwilligen Rückzug, schlug aber den Rekord aller Artillerieverluste (300). Vorläufig wich aber General Balfourier überall, dem 20. K. mußten 64. D., eine Kolonialbrigade und ein Alpinregiment nachher einverleibt werden, da sein Hinschmelzen einer so ungewöhnlichen Auffrischung durch 7 Regimenter bedurfte, wohl ein untrüglicher Beweis, wie auch der Septemberkampf es mitnahm. Die Reservedivisionen auf der Nordflanke litten aber noch mehr, hier galt es den Amanceberg wegzunehmen, nach dessen Fall die Nancystellung nicht mehr haltbar gewesen wäre. Schwere Metzer Festungsartillerie bombardierte Tag und Nacht, bis das Panzerfort am M. Couronné wankte, die dortige Massenbatterie litt furchtbar und stellte wiederholt ihr Feuer ein. Durch Abmarsch der 18. D. geschwächt, wehrten sich die Generäle Fayolle und Durand verzweifelt gegen 3. bayr. K. und die eintreffende Metzer Reserve, ihre Linke wurde zwar nach Toul geschleudert, ihre Rechte zurückgedrängt, doch ließ sich kein durchschlagender, nachhaltiger Erfolg erzwingen. Erscheinen des Kaisers, um sich am Fall Nancys zu weiden, haben phantastische Franzosenköpfe ausgeheckt, sie finden so großes Gefallen an solchen Märchen.

Am 5. abends lagerte das fränkische Korps zwischen Saill und Rhein-Marnekanal bei Remereville, 6. Ers. D. bei Mont. 2. b. K. bei Einville, das indessen bald abzog und nur noch mit einer Division zur Stelle war). Ein neuer Feind erschien vor Nancy am nördlichen Horizont: drei rheinische L. W. Rgt., ergänzt durch die nirgends genannte 30. Metzer L. W. und Hälfte 33. D., nicht ganze, wie man liest, ihre Brig. Riedel, nach kurzem Demonstrieren bei Novéant (Kriegsarchiv), stand jetzt im Woevre. Das angeblich zerschlagene K. Oven war also gleich wieder gefechtsbereit, seine würt. und bayr. L. W. schloß sich dem Kronprinzen in den Argonnen an, die Thüringer 13. und 43. Brig. (45. sächsische später in Rußland mit besserer Haltung) trat im Woere neben 32. R. D. des 15. R. K. Dort hatte sich Dubail schon am 13. mit Sarrail in Verbindung gesetzt, in dessen Befehlskreis das an der Mosel ausgeschiedene 8. K. übertrat zum Schutz der Maasufer. Die bei Pont à Mousson angetretene Gruppe wandte sich auf Nomery–Genevieve in Richtung Toul. Dies schien Castelnau so bedenklich, daß er 73. D. dorthin zurückberief nebst 2. Kav. D. am Westufer der Mosel, wo bereits am Ostufer Umgehung drohte. 8. F. Art. begann sogleich zu hämmern, begleitet von schwerstem Metzer Festungsgeschütz, das Bombardement gegen Amance steigerte sich auf beiden Ufern, an welchen acht Ers. Brig. der Heerabteilung Strantz aufwärts drangen. 59. D. glaubte sich in der Flanke gefaßt, infolgedessen Belfourier mit seiner dorthin geschickten Korpsreserve am 6. wieder Remereville anzuknabbern sucht. Die Nürnberger 14er hielten aber fest, Haubitzbatterien donnerten vom rechten Sailleufer hinüber, Ersatzbrigaden trieben sein 117. Brig. bis Marboche 10 km von Nancy. Inzwischen erreichte 67. R. in mäßigem Gefecht Blamod, doch »scheiterte« der Nachtangriff der rheinischen 68. L. W., Genevieve hielten 314. (59. Div.) und die halbvernichteten Batterie Langlade, gegen welche L. Sturmbatterie Neuß nicht aufkam. Angeblich griff auch 130. R. ein, ihr Oberst Rostock sei gefallen, dies Rgt. litt aber sehr wenig. Jedenfalls räumte der verwundete Kommandant Monteliebert den Ort, nur 232. hielt umliegende Höhen. Dies klingt schon anders als »gescheiterter« Angriff! Auf der Chaussee Nancy-Salins weiter südlich wurden 206. und 212. in die Flucht gejagt, bei letzterem fielen der Oberst und zwei Bataillonschefs. Französische Darstellung zitiert hier 38., 40. und 48. Ers., von denen überhaupt nur 38. Verluste hatte, und dazu 15! 17! Bayern! Sind vielleicht 19. und 7. gemeint? Ebenso konfus ist die Behauptung, die rheinische L. W. habe allein 1200 Tote verloren! 65., 68., I/25. L. W. und die Metzer Res. Brig. verloren nämlich zusammen 1200 Tote und Verwundete! Möglich, daß Hanotaux dies Ergebnis der V. L. kannte und daraus aus freier Hand machte, was ihm paßte. Daß 67. R. bei Blamod vernichtet sei (es litt recht mäßig), ist geradeso glatter Aufschnitt, wie daß zwei Radfahrkompagnien sich durch Nachtirrtum gegenseitig aufrieben. Auf solche Weise könnte man jede Fälschung historisch machen, so versüßt man Kindern die bittere Pille der eigenen Aufreibungen durch Märchen über feindliches Unglück, vergißt nur dabei die bittere Schlußfolgerung: erging es den Deutschen so schlecht, warum errangen sie Tag für Tag Erfolge, warum vermochte man trotz aller (natürlich geleugneten) Übermacht nichts? Welch Armutszeugnis für Führer und Truppen und wie ungeheuer müssen die eigenen Verluste gewesen sein, die jede Tatkraft lähmten! Wie dem auch sei, 58. und 70. D. waren überall geschlagen, 68. hielt mühsam den Champenouxwald, 20. K. und 64 D. mußten Kräfte nach Norden abgeben. Auf dem Amanceberg waren 29 Festungsgeschütze schon zum Schweigen gebracht, eröffneten aber nochmals ihr Feuer. Auch die aus Toul heranziehende Festungsdivision Dantan wich, nachdem sie sich der fast zerstörten 70. D. angliederte, der man nun Wald und Dorf Champenoux ganz entriß. Die Trümmer bargen sich unmittelbar vor Nancy im Dorfe Cerceuil, unheimlicher Ortsname, der »Sarg« bedeutet. Er wurde ein Sarg für Viele. Barrés spricht bezeichnend von »heroischen Resten« und Hanotaux: »was von den Reservedivisionen noch übrig war.« General Farry erschien hier mit 41. und 44. Kol. Rgt. und 44. Ch., die frische schwarze Brig. und eine Res. Brig. opferte sich hier gegen die Bayern in der Gegend Richecourt. Diese verloren rund 1300 und es erheitert, wenn ein Farceur dort – 40 000 Deutsche abschlachtet. Ei, was für Helden sind die Deutschen, daß sie dem Kriegsgott solche Opfer darbringen! Vielleicht hörte man irgend etwas von 4000 Verlusten (525 L. W., 650 Metzer Brigade, 1500 Bayern, 1250 Ers. Brig.) und hing dann eine Null zu viel an, der beliebte Trick. Und dann wundern sich die Franzosen, daß man seit Thiers ihre Kriegsgeschichten nicht ernst nimmt. Die Mühe, deutsche V. L. durchzusehen, darf man natürlich von solcher Oberflächlichkeit nicht erwarten.

Am 9. raste die Kanonade im Amancetal wie toll, überall schlug man sich wütend, an einer Südecke des Champenouxwaldes wurden die ganze Batterie Rivers vernichtet, schon zündeten deutsche Granaten in Nancy an der Cercenilhöhe. Am 10. erzielte der Gegenstoß aller vier R. D., verstärkt durchs Touler Marschregiment Bault, nur mäßigen Erfolg. Lauter Skelette, materiell und moralisch, das Rückrat herausgebrochen. Nochmals stürmten die arg gelichtete 2. Ch. der 39. D. durchs Hericourtholz nach Domeore, 11. Div. auf Maixe, doch 69. und 70. Inf., 43. Kol. kamen vor Hericourt nicht weiter. Am 11. warfen sich die Franzosen erneut auf den Champenouxwald südlich Nancy, in dessen Südsaum man erneut unentschieden raufte. Das Amancetal schwamm im Blut, »enormer Verlust« bei 155. (Toul), 168., 143., 206. und 212. Regt, und der 70. Div,, deren Rest sich um General Fayolle zusammenschloß. Ein Vorderregiment floh, Oberst Boult fiel, 286., 314., 315. und 325. zerstoben wie Blätter im Wind. An einigen Punkten der Salinsstraße machte Ferry etwas Fortschritte, doch die Lage war unverbesserlich. Da plötzlich sah man die Deutschen am 12. bei Nomeny abziehen, bald darauf lief Kunde ein, daß sie auch bei Luneville kampflos abbauten. Nach kurzer Verblüffung erhob der gallische Hahn den Schnabel, als sei dies ein Siegeszeichen seiner Krallen. Sein Gekrähe schwand erst später, als er die große Abwanderung nach Westen erfuhr. Bald standen nur noch Strantz' Ers. Brigaden im Felde, auch die 5. bayrische R. D. enteilte westwärts.

Hier wiederholte sich die gleiche französische Logik wie bei der Marneschlacht: Der Gegner ist überall im Vorteil, gibt aber das Spiel auf, also muß er zu riesigen Verlust gehabt haben! Genau den gleichen Unsinn folgerte man in der Ardennenschlacht für K. Strantz und Mudra. Darf man dies verdenken? »Strategischer Rückzug« gehört mit zur Kategorie militärischer Fach-Euphemismen, wie »Verstärkung holen«, wenn ein General nach hinten durchgeht. Man will und kann nicht an die Möglichkeit glauben, daß Rückzüge aus höheren Gründen ohne irgendwelche taktische Nötigung erfolgen. Indessen ward Dubail, der die ganze Front übernahm, bald inne, daß es mit dem Rückzug nicht viel auf sich hatte, denn Prinz Rupprecht war jetzt persönlich hier und erachtete für angängig, auch jetzt noch nicht mit Bedrohung südlich Toul einzuhalten.

Denn nunmehr erschien bei ihm das 14. Korps, das seinen Abschub nach Richtung Cambrai unterbrach, wahrscheinlich weil die Bahnen durch die anderen Massen belastet waren. Als daher Dubails Bestreben dahin ging, Touls Bedrohung aufzuheben und energisch gegen das fränkische Korps auszufallen, traf er plötzlich deutsche Kräfte ungeahnt sich gegenüber, die er früher in den Vogesen kannte. Die Bekanntschaft wurde auch hier ihm unangenehm. Die Badenser zerfielen in drei Gruppen und ihre V. L. bringt den Suchenden zur Verzweiflung, denn sie springt bis 7. Oktober und erschwert die Übersicht. Sie blieben wesentlich bis 28. hier, nur 50. und 76. Art. waren schon am 27. und 29. an der neuen Westfront, I/114. focht bald bei Cheppy, im Befehlskreis des Kronprinzen. Eine Tabelle, wie die Blutsopfer sich verteilten, würde ermüden, wir beschränken uns darauf, daß I., II. und IV/170. (4. Batl. eingetroffen) in langem Kampf bei Fliry–Limay 1120, 109. nach starkem Verlust im Süden bei Nossancourt hier nochmals bei Mamey–Fricourt 1055 verloren, die anderen Teile bei Menil la Tour litten nicht so erheblich. Immerhin betrug der Gesamtverlust etwa 5500. Bei Fricourt traten hinzu 111. R. (920), 110. R. (etwa 500). 9. L. W. Fußartillerie. Die Franken litten in dieser Phase nicht erheblich. 13. Inf. mehrmals bei Hattonviller, 21. bei Heudicourt nebst 10. Art. Erlangen (mit 2 Ers. Batt. 170), Summa 1500. Während die erste Monatshälfte hier 11 000 kostete, so die zweite 8500. Im französischen Bericht spielt die Stadt Thiaucourt eine Rolle, man unterstreicht, daß die Badenser südlich Thiaucourt–Pont à Mousson–Limay–Mamey gleichsam umkreist seien. Es war aber nicht so schlimm damit, es gelang nicht die Badenser aus ihrem Dreieck zu verdrängen. Die von Einbildung gefärbte französische Darstellung, als sei ein wirklicher Rückschlag erfolgt, weil der törichte Rückzug zur Meurthe den Raumgewinn nicht bewahrte, schließt die Augen davor, daß die Linie Donon–Vlamont–Avricourt noch völlig die linke Flanke der Badenser deckte. Ihr unstreitig gefährlicher und blutiger Kampf verhinderte nicht, daß mittlerweile das fränkische Korps, seine Linke mit 6. Art. und sieben Ers. Batl. bei Montser deckend, aus bis 21. erkämpfter Linie Hattenville– Heudicourt–Buxieres den Druck auf Toul nach Bois Brulé und Bois d'Ailly vortrug.

Vor allem erwarb jetzt Pr. Rupprecht das Wichtigste, volle Fesselung von Toul, durch genialen Handstreich auf St. Mihiel a. d. Maas. Vielleicht erklärt Castelnaus Abberufung nach Arras das überrasche Gelingen, da Dubail sich wohl noch nicht in die ihm bisher fremde Lage einlebte. Fayolle eilte zwar mit 73. D. früh dorthin, doch nach rascher durchschlagender Beschießung durch 2., 3. und 8. F. A., 18. R. Mörser, 28. sächs. Ers. Batterie nahm die 6. D. am 25. Sperrfort Romains und am westlichen Maßufer die Vorstadt Chauvoncourt mit Sturm, gleichzeitig nordöstlich davon vordringend. Nicht ohne ansehnlichen Verlust, denn wenn 6. Inf. trotz heftigen Kampfs schon bei Hattonchatel nicht viel verlor, umso mehr I/lI/13. (III. schloß sich dem 13. R. zur Westfront an): 900 und III/11. allein 538. Wahrscheinlich Teile 8. K. suchten seitwärts bei Spada am östlichen Maasufer zu entlasten, wurden aber von 1. Jäger, 10. Inf. zurückgeworfen. Die Ingolstädter müssen nach ihrem neuen erheblichen Verlust zu bestehen aufgehört haben, der Rest, da das Rgt. im Oktober gleich wieder in blutigen Kampf verwickelt, wurde durch Ersatzrekruten neu errichtet. 1. Jg. der bayr. Kav. D, fochten dann im Oktober an der Westfront. Irrig hält man Eroberung des Forts und St. Mihiels für den Hauptkampf; ihn führten nur I/II/11. und II/III/6.; mit viermal größerer Einbuße rangen die 11. Ingolstädter Brigade, III/11. und I/6. bei Spada, ohne ihren Willen gegen Fort Perroches durchsetzen zu können, obschon 20. Posener Brig. in gleicher Gegend sich mühte. Den bis 150 m hohen Steilrand der Maashöhen ersteigend, konnte die 6. D. doch nicht zum Ufer durchdringen. Auch 5. D. wurde am 27. am Foret d'Apremont stark bedrängt, 7. und 19. hielten aber fest. Prinz Rupprecht befand sich selbst noch hier, ließ 1. K. bei Metz ausladen, um für alle Fälle dem Stoß Nachdruck zu geben, und eilte erst dann mit ihm wieder westwärts. Die Franken übten fortan im Mosel–Maaswinkel einen unermüdlichen Kleinkrieg und umlagerten Toul auf der Nordseite, immer näher herandrängend. Eine rasch gebildete Jägergruppe (2. und hierbelassene 2. R. Jg.) warf sich ins Bois Brulé, 2. R. Art. beschoß das Toul vorgelagerte Hauptfort Liouville, wohin sich auch die später verstärkte Artillerie vor St. Mihiel wandte. Doch gelang es nicht, die starke Befestigung in Trümmer zu legen. Später schanzte dort eine zahlreiche Pioniergruppe (3. Pionierregiment und der Hauptteil der beiden Pionierregimenter des Saarbrücker Korps, die nicht zur Westfront abgingen). Die Erstürmung des Romainsforts, das sich sehr tapfer verteidigte, bis es mit noch 458 (nicht 700) Mann kapitulierte, war ein glänzendes Manöver. Besitznahme des Sperrpunkts St. Mihiel zerschnitt jede Verbindung zwischen Toul und Verdun; die Pioniere zerstörten auch die telegraphische und telephonische Verbindung im Maastal. Die Entwicklung brachte es mit sich, daß bis 12. das Posener Korps die nördlichen Sperrforts berührte, dann aber vor dem aufmarschierten 8. K. Halt machte, das in heftigen Kämpfen die deutschen gemischten Gruppen (Magdeburg-Thüringer L. W., Lothringer Res. und später auch Elsaßlothringer L. W.) aus der Woevre-Ebene zu entfernen suchte, unterstützt von zwei Kav. Div. und Reservebrigaden. Der drohend eingeschobene Keil bei St. Mihiel wirkte natürlich dauernd auf den Nordostkampf an den Côtes Lorraines ein und verursachte dort zuletzt günstigen Umschwung für Strantz. Nach der sehr zurechtgemachten Ausmalung der »Schlacht bei Thiaucourt« erzählen die Franzosen von gescheiterten Vorstößen der Badenser auf »Rupt« und der Bayern im Airetal in Verbindung mit diesen Kämpfen. Das ist eine Konfusion, für die auch die V. L. keinen Beleg liefern. Solche Ablenkungsmätzchen von angeblicher Bedrängnis der Bayern sollen dem verbissenen Ärger die leidige Tatsache mundgerecht machen, daß Prinz Rupprecht, der noch persönlich die schöne Unternehmung einleitete, bei St. Mihiel einen eisernen Riegel vorschob zur Trennung von Sarrail und Dubail. Ihn zu sprengen gelang weder aus Toul–Nancy noch seitwärts über Spada–Regniville, wo die Bayern dauernd den Feind abschmetterten. Obschon nur eine Stimme darüber sein kann, mit welcher Energie von Monat zu Monat Dubail den Keil abzusplittern suchte, erschütterte man nie bis Ende des Weltkrieges diese strategische Stellung. Über das im Vergleich zu größeren Aktionen unscheinbare, doch überaus wertvolle Wirken des fränkischen Korps Gebsattel weiß die Kritik nur erfreulichen Bescheid. Auf ihm lastete fortan die ganze Wucht des Ringens in Westlothringen, während die Kämpfe südlich davon dauernd abflauten.

169., 170. und 40. Badenser entschwanden zunächst nach der Westfront, 114. hielt sich noch einige Zeit an der Maas auf. General Eberhardt, dessen 26. R. D. schon lange voraus war, wanderte auch mit den badischen Reserven bald nach der Westfront. Von 33. R. D. verblieb einige Zeit das Metzer Ers. Rgt. bei Mamay, ging dann auch ins Woevre, wo gleichfalls 98. und 99. L. W. erschienen. Nach so gründlicher beiderseitiger Ausleerung der Front verlor das Kriegstheater Nancy–Mühlhausen fortan jede Wichtigkeit, obschon Gaedes L. W. Gelegenheit fand, sich in winterlich vereisten Bergkuppen und verschneiten Hochwäldern als Bergkraxler unter erschwerenden Umständen zu bewähren. Dubail hatte fortan nichts anderes zu tun, als auf seiner Nordflanke zu hämmern, um die Bayernschranke zu brechen. Jeder Durchbruchsversuch ward vereitelt, die Franken behaupteten das ganze Waldgebiet bis Bois d'Ailly. Dubails Anrennen weiter östlich über den Priesterwald bis Pont à Mousson, um Strantz in der Flanke aufzurollen, ertrank in Blutbädern. Zuletzt richtete er sein Augenmerk ausschließlich auf die Côtes Lorraines bei Combres, doch kurze Freude über einigen Gewinn nach neun Kriegsmonaten wurde auch dort gedämpft, durch steigenden Riesenverlust, der seine zahlreichen Verstärkungen wegfraß. Auch im September muß sein Verlust am Nordflügel nach eigenen französischen Geständnissen sehr groß gewesen sein. Im Oktober klagte Paris, 40 000 der besten Soldaten seien in Lothringen beerdigt, was einer Gesamteinbuße von 200 000 entspricht. Was die Deutschen zwischen Magniàres und St. Mihiel verloren, in der zweiten Phase rund 11 700 inkl. 3300 bei St. Mihiel–Liouville, also ganzer Monatsverlust rund 34 000 bis Altkirch, betrug noch nicht die Hälfte des Augustverlustes und wurde sicher durch weit größeren französischen aufgewogen, der wohl kaum unter 60 000 zu stehen kam.

Wesentliche Schmälerung deutscher Gewinnchancen trat also Ende September nicht ein. Mußte man auf Nancy–Epinal verzichten, so ersetzte dies die Bedrohung Touls. Indem Rupprecht jetzt seine Rechte so weit ausreckte und sich dort fortan das ganze Kampfgewitter zusammenzog, überführten sich beide Parteien, daß der endlos gespreizte Frontalkampf Epinal–Nancy strategisch wertlos gewesen war. So schwer es fällt, zeitgenössisch Feldherrnverdienste festzulegen, so scheint uns der hohe Ruf, der den Bayrischen Kronprinzen im ganzen Weltkrieg umgab, berechtigt. Denn daß er den unseligen Rückzugsbefehl der O. H. L. noch in einer Weise umsetzte, der dem Unsinn die Spitze abbrach und noch vor seiner neuen großen Aufgabe an der Westfront, von der er doch den Kopf voll hatte, die stärkste strategische Handlung vollzog, die der Weltkrieg je in Frankreich zeitigte, gibt uns eine hohe Meinung von seiner Entschlossenheit und Fähigkeit. Dies beweist zugleich, daß er den Rückzug überhaupt mißbilligte.

Da später 14. und 20. und im Oktober auch 16. K. Taverna sich abmeldeten, so schieden nicht weniger als 18 Inf. und 3 Kav. D. (früher entsendete 17. D. ungerechnet) nacheinander aus der französischen Südostfront aus, während deutscherseits 14 Inf. und 2 Kav. D. (beziehentlich, sächs. nach Rußland) den Kampfplatz verließen. Um so weniger lag Nötigung zum Rückzug vor. Gewiß blieben im Oktober nur etwa 160 deutsche Bataillone gegen noch 220 französische übrig (inkl. 1. Kol. D. und ganzes Alpenkorps), doch bis 12. Sept. noch 270 inkl. Nachhut des 15. und 21. K., 4 Rgt. des 2. b. K. und 3. R. Rgt. sowie III/16. und Gruppe Genevieve gegen etwa 295. Ist das ein Kraftverhältnis für deutsche Truppen, um »strategische« Rückzüge anzutreten, nachdem im August 350 deutsche fast 500 französische Batl. ununterbrochen über den Haufen warfen? Und dabei muß man noch den viel größeren französischen Verlust bedenken, der die Kräfte nahezu gleich machte. Solche Statistik setzt den Punkt aufs I, um die unverantwortliche Schwäche der O. H. L. zu geißeln, die nach der Marneschlacht von zeitweiliger Panik befallen schien. Mindestens ein Korps zu viel ging nach der Westfront ab. Die »Schlacht bei Thiaucourt« fiel nur deshalb nicht ungünstig für Dubail aus, weil alle Badenser nacheinander abrollten. Daß man sich dies erlaubte, zeigt freilich, daß die angebliche Krise dort gar nicht eintrat. Von der 28. R. D. focht nur eine Brigade, die andere und die Artillerie waren schon weg nach Richtung Albert, wo bloß eine Division genügt hätte. Es ist wahr, daß die aktiven Badenser, die im September mehr (7500) als im August verloren, im Oktober auf der Westfront eine bedeutende Rolle spielten und dort rechtzeitig eintrafen, um Unannehmlichkeiten für die Westfalen zu verhüten. Doch das ist hier nicht die Frage, sondern ob sie dort nötiger waren als bei Nancy, ob es richtig war, sie dort zu verabschieden und überhaupt den ununterbrochenen deutschen Siegeslauf an der Mosel jählings zu unterbrechen.

»Rückzug ist Niederlage« folgert großartig ein französischer Historiker, nur ein französischer Rückzug nicht, das verbittet man sich. Doch ein französischer Offizier spendet hier dazu den schmerzhaften Kommentar: »Scheinverfolgung gab uns Siegillusion«. Es wird zugestanden, daß die Truppen erschöpft und entmutigt waren. Uns besteht kein Zweifel, daß bei normalem Verlauf die Deutschen bis 10. September bei Charmes–Rambervillers durchgedrungen wären. Hatte man St. Dié, so hatte man auch Charmes; Isolierung von Epinal bedeutete die Möglichkeit, die Moselfront aus Süden aufzurollen, d. h. in dem Rücken von Toul–Nancy zu operieren, deren Fall dann nur eine Frage der Zeit war. Die eigenen französischen Aussagen lehren, daß die ganze französische Front bis Blenod hier unmittelbar vor dem Zusammenbruch stand. Glaubt man, ein so großer taktischer Sieg mit großer Beute hätte nicht weithin seine Schatten geworfen und die Ereignisse in Nord und Nordwest des Kriegstheaters nicht beeinflußt? Ganz von selber wäre Entlastung von Oise bis Argonnen eingetreten, wenn dann schon mal dort der noch dünnere und peinlichere Rückzug von Ourcq, Morin und Marnekanal erfolgte. Noch mehr: es wäre wahrscheinlich gar nicht zu diesem gottverfluchten Rückzug gekommen, wenn bei Joffre und Moltke die Kunde eintraf, die franz. 1. und 2. A. seien vernichtend geschlagen, wodurch Flanke und Rücken der franz. Hauptmacht entblößt. Unter allen Umständen waren dann Sarrail, Langle und Foch zu Abzug genötigt und Joffre hätte sich wohl gehütet, mit seiner Linken offensiv zu bleiben. Selbst die ärgste Willensschwäche Klucks und Bülows hätte sich auf solche Kunde ermannt. Die spätere geplante Umgehung auf St. Quentin hätte Joffre füglich unterlassen, so daß die Bildung der neuen 6. A. im äußersten Westen unnötig wurde. Daß die Umgruppierung nach Westen, die Moltke schon lange vor der Marneschlacht ins Auge faßte, an sich richtig war, tut nichts zur Sache. Das hätte man beiderseits vorher bedenken sollen, ehe man solche Massen im Süden anhäufte, wo auch die überlegene deutsche Manöverkunst nicht zur Geltung kam. Hat man aber beim Aufmarsch falsch disponiert, so soll man trotzdem dabei verharren, so lange noch irgendwelche Erfolgmöglichkeit winkt. Jede nicht unbedingt nötige Neu-Orientierung verschlingt nutzlos Zeit und Kraft. Als Joffre die Front Belfort–Toul derart entblößte, um Massen ins Marnetal zu werfen, geschah es wenigstens unter schwerem Zwang; es hätte ihm aber bitter aufstoßen können, wenn Moltke nicht gleiches tat, sondern den Stoß auf Nancy–Charmes dauernd fortsetzen ließ. Selbst französische Gefechtsberichte gestehen, daß Nancys Fall nahe bevorstand und bei weiterem Anprall des 1. b. und 21. K. die Korps Montpellier und Limoges überrannt worden wären. Wollte man die bayrischen Reserven und 2. K. zu westlicher Flankenbildung fortnehmen, meinethalben, obschon ja dazu sogar 4 K. der Hauptfront (2., 4., 18. und Garde) schon früher frei wurden. Auch Auswanderung Deimlings, was ja rein zufällig ein Glück wurde (Moltke ahnte natürlich am 2. nichts von der Lage vom 14.), hätte nichts geschadet; Heeringen war stark genug, um Dubail auch so niederzuhalten, der sozusagen kein Bein mehr rühren konnte. Doch ihm mitten im Siege sechs Divisionen zu rauben, war wirklich des Guten zu viel. Selbst so noch müssen wir den übereilten Abzug von St. Dié und Raon rügen; man war in den genommenen starken Stellungen in der Lage, sie mindestens länger zu behaupten und in vorspringendem Halbkreis den gänzlich erschütterten Feind an die Mosel festzuklemmen. Beim 1. b. und 21. K. war das schwerste getan, man brauchte nur die Früchte der großen gehabten Anstrengung zu pflücken; so aber gingen sie alle zum Teufel, die schweren Opfer waren umsonst gewesen. Auf die heldenmütigen Truppen wirkt derlei niederdrückend. Der schlichte Mann sagt sich: wir haben gesiegt und gehen doch zurück, also taten die Nachbarn nicht ihre Schuldigkeit, deshalb sollen wir die von ihnen versalzene Suppe ausessen! Später durchflogen Gerüchte einer schrecklichen Marne-Niederlage die Reihen der hiesigen Sieger; vielleicht glaubten sie nicht mal mehr an die früheren Siege der anderen Heere. Genau das Gleiche geschah in der Marneschlacht, wo jede überall siegreiche Armee wegen Rückzugsbefehl an irgendwelche schwere Niederlage der Nachbarn glaubte und Jeder nachher dem Anderen die Schuld zuschoben, er sei zuerst gewichen. Doch Keiner war gewichen, am wenigsten die siegreichen Sachsen, gegen die nachher alberne Fama stichelte; nur zwei Armeeführern rissen die Nerven. An dieser grauenvollen Eselei trug freilich Moltke nicht die Schuld, wie man verleumdet, doch Mißtrauen schlich sich ein; der gesunde Heerinstinkt spürt, daß es bei der höchsten Führung hapere. Der gleichfalls unentschuldbare Rückzug an der Meurthe fällt in ein anderes Gebiet der höchsten Strategie, und man kann billigerweise dem armen Moltke nicht vorwerfen, daß er geistig und charakterologisch nicht zum Feldherrn solcher Massen taugte. Der auf der Kriegsakademie geschulte Militär kam gemeinhin mit ein paar Phrasen der älteren Moltkeschule aus, sah alles Heil in doppelseitiger Umfassung wie bei Schlieffens »Cannä« (als ob wir etwas Authentisches von Cannä wüßten!), die theoretisch kriegshistorische Durchbildung war sehr vernachlässigt und nur die allergründlichste kann das Wesen der wahren Kriegskunst durchschauen. Strategie erlernen läßt sich aber nicht wie taktische Regeln, da sie nicht Wissenschaft, sondern Kunst ist.

Was später in den Reichslanden vorfiel, Versumpfung in Stellungskrieg und Gebirgsrauferei, war eigentlich das Normale. Noch 1906 empfahlen französische Theoretiker die Räumung Nancys, erst später gewannen Offensivgedanken die Oberhand, von denen man sich versprach, was sie nicht halten konnten. Wohl schützte ein weitläufiges befestigtes Lager, hastig ausgerüstet, Lothringens Hauptstadt, doch was wurde aus Joffres Offensive? Sie erlosch in sich selbst, nichts hinderte die deutsche Zone, sich bis Toul auszudehnen und fortdauernde Beschießung der Umgegend in Angriff zu nehmen. Di« bayrischen Schützengräben, als Belagerungslaufgräben vor dem Fortgürtel gedacht, bekamen undurchdringliche Festigkeit, doch man führte den Feldzug hier mit so geringen Mitteln, daß er sich viele Jahre lang kümmerlich hinschleppte unter leichtem Vor- und Rückstoßen. In die Mortagne floß selten noch Blut und in den Vogesen duellierte man sich um den kitzlichen Ehrenpunkt einzelner Höhen. Das war das natürliche Ende beiderseitig weitausschauender Pläne. Aber trotzdem möchte man hier eine Vorlesung halten über Napoleons Grundsatz: »Ist der Entschluß einmal gefaßt, so muß man daran festhalten, es gibt kein Wenn und Aber mehr.« Hat man den Stoß falsch angesetzt, so bleibts dabei, denn selbst ein falscher Stoß, wenn er gelingt, ist besser als keiner. Wir gehen daher so weit, rundheraus zu versichern, daß überhaupt jede Truppenentsendung nach Westen damals von Übel war. Hat man den Feind derart am Kragen, wie die Deutschen hier noch am 10. Sept., so ist es immer eine strategische Todsünde, abzulassen und seine Schwerkraft mit riesigem Zeitverlust nach entfernter Stelle zu verlegen. Das ist ein einfaches Gesetz der Mechanik. Zwischen 10. und 25. Sept. haben vier deutsche Korps nirgendwo gefochten, ein fünftes (Deimling) seit 15. doch immer mit Verlust von 5 Tagen, während sie an ihrem vorherigen Standort einen vollen Sieg verbürgt hätten. Was riskierte denn die deutsche Hauptmacht, wenn sie hinter die Aisne und die Argonnen zurückging? Sehr wenig. Nach der Karte ließ sich bemessen, daß die ins Oise- und Sommetal entsendeten Korps niemals rechtzeitig ankommen konnten, weder um eine deutsche Niederlage an der Marne und Seine auszugleichen, noch um einen dortigen Sieg zu vervollständigen. Sie fielen für die ganze Krise vom 10.–25. Sept. auf dem Schachbrett so aus, als ob man dem Gegner eine »Vorgabe« gestatten wolle. Daher war unter allen Umständen besser, sie vorerst zu belassen, wo sie waren, bis der voraussichtliche Vollerfolg bei Charmes und Nancy errungen war, der jeden Mißerfolg an der Marne wieder gutgemacht hätte.

Diese Auffassung ändert freilich nichts an der ursprünglichen Stümperei, rund 31 Div. in Elsaß-Lothringen hineinzuzwängen, während der entscheidende Stoßflügel im Westen zuletzt nur 20 hatte, ursprünglich freilich 28, was aber im Verhältnis auch noch zu wenig war. Tatsächlich spukte hier die moderne Lehre »Up to Date« von »doppelseitiger Umfassung«, die sich immer als falsch erweist, gegen einen tüchtigen Gegner. Soll Umfassung wirken, muß sie einseitig erfolgen durch einen starken Flügel. Man hätte deutscherseits geradezu auf die Revancheeitelkeit spekulieren und möglichst wenig Truppen vor Metz und Straßburg versammeln sollen, um mit desto größerer Masse im Westen durchzubrechen. Nach der Südfront gehörten höchstens 10, nach der Mittelfront 24 (die 5. A. hätte ein ganzes Korps stärker sein sollen), auf dem Stoßflügel 47 Divisionen. Allerdings waren ihm noch die ursprünglich 9 D. Hausens zugedacht, doch es ließ sich vorhersehen, daß dieser als Lückenfüllung zwischen 2. und 4. A. unmöglich zu weit westlich sich wenden durfte. Es war auch ein Jammer, daß man nicht zur Verstärkung Hindenburgs lieber zwei K. aus Lothringen schickte, statt sie Bülow und Hausen wegzunehmen, denen sie in der Marneschlacht bitter fehlten. Doch sollte man dies alles Moltke nicht zu hart anrechnen, man vergißt einen wesentlichen Fehler, die Kriegsüberstürzung, die durch politische Vertrauensseligkeit verspätete Mobilisierung. Der Informationsdienst war so unter aller Kritik, daß die lange Kriegsvorbereitung Rußlands verhüllt blieb und dessen rascher Aufmarsch alle schönen Dispositionen in den Aktenschränken des Generalstabs über den Haufen warf. Es wäre wahrlich vernünftiger gewesen, das 5. und 8. K. gegen Rußland zu belassen, statt daß man später zwei Korps von Aachen nach Eylau beförderte, die also tatsächlich im August den famosen Spaziergang Erlons am 16. Juni 1815 nachmachten, d. h. zwischen zwei Kriegszonen kampflos hin und her pendelten. Ludendorff behauptet, er habe gar nicht Unterstützung verlangt, was freilich sonderbar und schrullenhaft scheint, ohne Gallwitz und Plüskow hätte man die erste Masurenschlacht vom 7.–12. Sept. nicht siegreich durchführen können. Die Übereilung beim Aufmarsch erlaubte aber kein langes Besinnen und gebot, die Süddeutschen auf möglichst nahe Entfernung zu verwenden. Teile von ihnen zur Verteidigung Ostpreußens zu brauchen, verbot sich politisch und moralisch, so blieb untunlich, andere als die zurückgebliebenen Korps Gallwitz und Plüskow nach Osten abzuwerfen. So gab es eine Komödie der Irrungen. Moltke gehörte eben nicht zu den Fortunaten wie Moltke der Ältere und sein Glück. Weh dir, daß du ein Neffe bist!

Nur napoleonisches Hellgesicht oder besonderes Glück hätten das Zauberstück bei Maubeuge aufführen können, das heut als sicher möglich vorgespiegelt wird. Doch »das Glück war niemals bei den Hohenstaufen«, nur selten bei den Hohenzollern, des alten Moltke berufenes Wort »Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige« (eine geradezu triviale Frivolität, da hier doch der äußere Erfolg gemeint ist, also waren Hannibal und Friedrich der Gr. vermutlich untüchtig) klingt scherzhaft in seinem Munde, den immer Schicksalsverkettung begünstigte. Nur solche hätte die unleugbaren strategischen Chancen der 3. A. ins Rollen gebracht, doch die den Deutschen nicht holde Glücksgöttin wollte es anders.

Ob man beim Aufmarsch gegen Toul-Epinal weitgesteckte Ziele verfolgte, wie die Ententekritik unterschiebt, blieb zwar aktenmäßig ungeklärt, doch spricht Moltkes Direktive vom 5. Sept. allen Ernstes von Herandrücken der französischen Gesamtmacht an die Schweizer Grenze, eine ganz unglaubliche Träumerphrase. Da aber umgekehrt Joffre einen Sieg unter die Mauern von Metz tragen wollte, wird man, preisend mit viel schönen Reden, seinen großen Mißerfolg doch wohl nicht als Weisheitszeugnis bewundern dürfen. Der Gedankenkreis, in dem sich Moltke bewegte, wird aber erst recht nebelhaft, dadurch, daß er am 5. noch der 6. und 7. A. eine wichtige Rolle im Süden zudachte, während er doch schon früher deren Umgruppierung nach Westen anordnete. »Seine Basis wechseln kann die Tat eines Genies sein, meist ist sie die eines Verrückten.« »Man soll nicht immer erraten wollen, was der Feind tun könnte, mein Plan bleibt immer derselbe.« Gegenüber diesen goldenen Wahrsprüchen Napoleons war der so geläufig gewordene Begriff Umgruppierung im Weltkrieg oft ein Schwächezeichen, um durch verspätete Korrektur einen Fehler einzurenken. Verurteilen Moltkes bedeutet aber nicht Loben Joffres, dessen Dynamik-Oekonomie beim Aufmarsch den gleichen Schiefbau herstellte. Bis 4. Sept. gab er lauter unbrauchbar, von den Ereignissen überholte Direktiven. Über die Linien, die er einzuhalten befahl, war der Gegner immer bald hinaus, das nennt Hanotaux »Manövrieren«, während der sinnlos freiwillige Abzug der 6. und 7. A. natürlich »erzwungen« war: Ja, Bauer, das ist ganz was anderes! Es erheitert, wenn allerlei Dilettanten vor gläubigem Publikum orakeln und »Feldherrn« Ideen unterschieben, die diesen Herren ganz fern lagen. Mommsen nennt es den Fluch der Monarchie, daß kaum einmal in Jahrhunderten auf dem Throne Einer sitzt, der zum Herrscher geboren. Es ist der Fluch jeder Militärhierarchie, daß so selten Jemand Heere leitet, den eine Vereinigung verschiedener Eigenschaften dazu bestimmt. Ohne durchdachte Theorie und kriegshistorische Schulung bleibt jeder Kommandierende ein Stümper, doch der beste Theoretiker versagt als Armeeleiter, wenn ihn nicht gewisse Charakterelemente unbeugsamer Willenskraft zu Gebote stehen. Wir sehen es an Erzherzog Karl, das Umgekehrte an Blücher, dessen dämonischer Instinkt gegen Gneisenaus Widerstreben die Entscheidung bei Belle Alliance erzwang. Jedenfalls hat Foch kein Recht, absprechend über deutsche Strategie zu urteilen, da die Entente nur einen einzigen Feldherrn besaß, nämlich den Pechvogel Nikolajewitsch. Wenn Ludendorff (vergl. das Buch des späteren Französischen Stabschefs Buat) über Strategie spottet, so sägt er den Ast ab, auf dem er sitzt, wohl in unklarer Verkennung des Begriffs. Denn Hindenburg-Ludendorffs Maßnahmen waren stets ganz und gar von Strategengeist durchtränkt.

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