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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Holliho! O'er the hills and far away!! Der Junker v. Bismarck jagte über die Heide, recht wie ein englischer Squire. Dabei kamen ihm seltsame Gedanken. Da er viel und unordentlich durcheinander las, um seinen innerlich unruhigen und hungrigen Geist zu nähren, fiel ihm ein Aufsatz in einem englischen Magazin in die Hände über Cromwell von Thomas Carlyle. Die derbgenialische Schreibart behagte ihm und der düstere Fanatismus für »Realitäten«. Dieser alte Oliver war also ein Farmer wie ich und hatte nichts anderes im Sinn als Wolle seiner Schafzucht und Bierbrauen. Er ging aus wie Saul, eine Eselin zu suchen, und fand ein Königreich. Da war er schon ein älterer Herr, er war 45 Jahre alt, als er sich in den Sattel schwang, und 50, als er zur Herrschaft kam. Hm, Cäsar hatte das gleiche Alter, als er sich der Welt offenbarte. Er sich? oder vielmehr das Schicksal, wie die Heiden es nannten? Denn ohne sicheren Willen der unerforschlichen Mächte gedeiht nichts. Die wählen ihr Rüstzeug. Dieser Cromwell, der Königsmörder, war also eigentlich meines Standes, ein Landjunker. Also nach Geblüt und Erziehung ein Konservativer. Und doch so revolutionär bis zum Extrem. Einem König von Gottes Gnaden den Kopf abschlagen, dagegen empört sich das Gefühl. Hm, Karl Stuart war freilich ein fragwürdiger Heiliger, als Politiker ein ziemlich räudiges Schaf. Und wenn auch, ein König ist ein König, und kein Untertan hat das Recht, ihn auf Leib und Leben zu verurteilen. Außerdem benahm er sich königlich genug, tapfer. War nun dieser Cromwell nur ein Ehrgeiziger, ein »blutgieriger Heuchler«, wie die offizielle Geschichtschreibung dekretiert? Darüber habe ich meine Zweifel selbst bei Robespierre, der mir ein ziemlich bedeutender und verhältnismäßig ehrlicher Mensch gewesen zu sein scheint. Die Hochachtung Napoleons (ein höllisch gescheiter Kerl, obschon mir verhaßt) spricht dafür. Cromwell tat, real genommen, nichts anderes, als einen unfähigen Steuermann mit einem Fußtritt ins Meer werfen und selbst das Steuer übernehmen. Seine Rechtfertigung ist also sehr einfach: durch ihn begann England seine Weltherrschaft. Auch war er der erste wirkliche Einiger Britanniens. Ich erinnere mich an das Gespräch über Richelieu mit Motley, der hatte auf einen jämmerlichen Souverän Rücksicht zu nehmen, was seine Kraft zur Hälfte aufrieb. Cromwell war sein eigener Herr, was eben nur möglich auf dem Wege der Revolution. Ohne die Revolution wäre auch Napoleon nie ans Ruder gekommen. Wäre solch ein Weg in Deutschland denkbar, ganz abgesehen von den ethischen Bedenken? Nein, in unseren Zeiten wenigstens nicht. Und gebärt die Revolution überall Cromwells und Napoleons? Das ist sehr zweifelhaft. Auf die kleine Chance hin darf man keine Revolution wagen und mit dem Feuer spielen. Denn Ordnung muß sein, auch in der Republik. Und wer soll da Ordnung schaffen als ein Militärdiktator mit Blut und Eisen, aus Revolutionskampf aufgestiegen! Das ist nichts für uns, wo jeder Professor die Weltordnung dekretiert und jeder Advokat ein Staatsplaidoyer hält, die Winkeladvokaten obenan. Die Deutschen werden nie ein Genie an ihrer Spitze anerkennen, es sei denn durch ererbte amtliche Titel beglaubigt. So viel ich von uns halte, gegen unsere Schwächen bin ich doch nicht blind. Ja, es frißt mir am Herzen, daß eine so große, so hochbegabte Nation wie unsere als Stiefkind in der Ecke steht, aber ich weiß in meines Herzens Kämmerlein, daß wir ein gut Teil Schuld an unserem eigenen Elend tragen. Wir schieben alles auf den Dreißigjährigen Krieg, aber dessen Wesen war schon lange in uns vorbereitet seit Niedergang der Kaisermacht, die wir selber unterhöhlten, und der endlose Glaubenskrieg selber war nur eine Maske für die wahren Motive. Der Protestant Moritz verriet Metz, Toul und Verdun an das katholische Frankreich, und letzteres focht, mit den Schweden vereint, gegen die katholischen Habsburger. Der brave Gustav Adolf, den wir dummen Deutschen als Protestantenbefreier feiern, war unser ärgster politischer Feind, und der katholische Wallenstein scheint ein besserer Deutscher gewesen zu sein, als all seine protestantischen Gegner. Es ging um ganz was anderes dabei, nämlich um die Souveränität der Herren Fürsten von Sachsen, Hessen, Brandenburg, Hannover. Sich vom Kaiser unabhängig machen, war die Losung, ob der Katholik oder Protestant war. Karl V. als Spanier hatte mehr Herz fürs Reich als diese Fürsten, ihm brach das Herz über dem Verlust von Metz. Ich guter Protestant schätze ihn als guter Deutscher höher als den Landesverräter Moritz. Ja, die deutschen Fürsten waren schlimm, und ist von ihnen heut mehr Patriotismus zu erwarten? Schwerlich. Aber ihre Untertanen sind nicht besser, geradeso Partikularisten und neidische Zänker, wo keiner dem anderen den Vortritt gönnt. Das Wahl-Königtum des alten deutschen Reiches war zwar sehr deutsch, unserer zentrifugalen Eigenart angepaßt, aber gerade deshalb ein Krebsschaden. Und wenn wir heut je wieder ein Wahl-Kaisertum kriegten, dann ginge der alte Schwindel los. Die Welt ist aus den Fugen, doch ich bin nicht gekommen, sie einzurenken. So was mag sich ein Kronprinz Hamlet einbilden. Für mich ist der Rest nur Schweigen. Leute in meiner niederen Sphäre haben den Mund zu halten. Das will ich redlich tun. Nur Gedanken sind zollfrei, und die mag ich hier in alle Winde austoben, und sollt ich meinen Gaul zuschanden reiten.

Der Junker v. Bismarck ritt Galopp über die Heide.

*

Die Politik sah er aus weiter Ferne, soviel der neue Monarch von sich reden machte. Dieser König war 45 Jahre alt, als er den Thron bestieg, also reif genug, aber er behielt stets etwas allzu Jünglinghaftes. Sein Idealismus nährte sich zwar mit allen großen Ideen von Kunst und Wissenschaft, und seine Empfindsamkeit löste in ihm eine seltene Wärme hochfliegender Begeisterung aus. Aber bei vielseitiger Begabung und reichlicher Bildung blieb er stets in Selbstwiderspruch befangen. Schon das widersprach sich, daß dieser pathetische Mystiker gleichzeitig als Meister Berliner Witzes galt, daß dieser Mund, der so wohlgerundete tönende Tiraden formte, in schnoddriger Ironie schwelgte. Bei seinem Regierungsantritt zogen die Ultras die Stirn in Falten: »Feldmarschall Boyen Kriegsminister, der Genosse von Scharnhorst und Gneisenau!« Der dann auch in der Tat das Landwehrsystem besonders hochhielt. »Ernst Moritz Arndt in die Bonner Professur wiedereingesetzt, Jahn aus seiner Polizeiaufsicht entlassen! Begünstigung der demagogischen Einheitsschreier!« Aber gleich darauf wußten die Liberalen genug, daß der König nicht zu den Ihren zählte. Die Adresse der ostpreußischen Stände, an deren Spitze der berühmte Oberpräsident v. Schön prangte und an die Einlösung früherer königlicher Versprechen mahnte, lehnte er ab. Friedrich Wilhelm berauschte sich an Improvisationen seines leicht erregbaren Gemütes, worin er sein wahres Denken ausströmte: Suprema lex regis volumas.« So erschienen schon 1841 Flugschriften, die scharf genug das Recht des Volkes betonten.

»Otto, hast du schon das Empörende gelesen?«, stürmte eines Tages sein Jugendfreund Moritz v. Blanckenburg beim Kniephofer herein. »Die wahren Säulen des Staates wanken. Ein so hochverdienter Wann wie Oberpräsident v. Schön spielt den Jakobiner.«

»Vielleicht den Staatsmann«, versetzte sein Freund gelassen. »Die patriarchalische Zeit, wo man die Völker wie Unmündige am Gängelband führe, sei vorbei ... da hat er wohl recht.«

»So? Und der hartgesottene Bösewicht in Königsberg ... Johann Jacoby heißt der Kerl, Jude natürlich ... mit seinen »Vier Fragen« hat wohl auch deine Billigung?«

»Bitte, nicht gereizt, Moritz! Ich bin kein Parteimann und stehe den politischen Vorgängen fern. Aber räumte nicht Seine Majestät selber ein, man müsse an die ›historisch gegebene Grundlage‹ der Provinzialstände anknüpfen? Das wird ja auch wohl geschehen.«

»Gott sei's geklagt! Die alte heilige Ordnung von Fürst und Edelmann über Bürger und Volk wird gestört. Jeder König ist absolut von Gottes Gnaden. Der alte Gott lebt noch und wird nicht zulassen, daß sein Preußen in den Sumpf frevler Neuerungen gerät.«

»Weißt du, Moritz, daß dies eigentlich blasphemisch klingt? Der Herrgott von Dennewitz ist doch kein Jehova bloß für die Preußen, und anderswo auf Erden hat er die Verfassung gesegnet. Wenigstens behaupten so die Pfarrer in England. Und in Frankreich lebt das Bürgerkönigtum verfassungsmäßig, die Franzmänner werden fett und reich dabei.«

»Sprich nicht vom Land des Unglaubens und der Revolution! Und die Insulaner in England – nächstens zitierst du noch die sogenannte freie Schweiz – das sind wüste, barbarische Völker wie die in Amerika, die sich gegen die gottgewollte Obrigkeit auflehnten.«

»Nach deiner Meinung mußten also die Yankees sich von Georg dem Verrückten tyrannisieren lassen?«

»Sprich nicht so unehrerbietig von einem gesalbten Haupt! Er war ihr Herr und Fürst, dessen väterlichem Willen sie sich beugen sollten. Und daß der allmächtige Gott mit besonderer Gnade auf Preußen blickt, hat er sichtbarlich geoffenbart. So nur alles beim alten bleibt, werden wir Gottes Güte genießen.«

Otto schwieg. Er gab es auf, mit solcher pommerschen Dickköpfigkeit zu streiten. Was ging's ihn auch an, hier draußen in der Wildnis!

*

»Meine Herren, es läßt sich nicht leugnen, daß man in den Armenhäusern zu viel Talg verbraucht.« Über diesen hochwichtigen Gegenstand hielt der Gutsherr vom Kniephof seine erste öffentliche Rede in der Kreisdeputation. Er sprach schlecht, beendete seine Sätze nicht und erntete wenig Beifall. Doch genoß er anfangs bei seinen Standesgenossen ein gewisses Ansehen als eifriger Wirtschafter. Er verkaufte Wolle, leitete Holzfällung, handelte auf Kirchweihmärkten und trieb Pachtrenten ein. In Abwesenheit des Bruders Bernhard, der die Landratwürde bekleidete, fungierte er zeitweilig als Stellvertreter. Seiner Schwester, die einen Herrn v. Arnim-Kröchlenberg heiratete, schüttete er sein Herz aus, wie langweilig und anstrengend das sei. Mal nahm er am Wollmarkt teil, mal hielt er Gerichtstag bei schrecklicher Sommerhitze und fuhr durch die sandigen Fichtenstriche so unermüdlich hin und her, daß er und seine Pferde mehr als genug davon hatten. Und dann mußte er wieder als Reserveoffizier dienen, zu den Stargarder Landwehrulanen eingezogen. Das verband er mit einem Aufenthalt in Schönhausen, wo sein Alter noch immer kräftig aß und trank und sogar Fuchsjagden einführte. »Ich bin zu sehr mit Geschäften überhäuft«, gähnte Otto auf den Vorwurf, er mache den Pastoren der Umgebung keine Besuche. »Zweimal am Tage besichtige ich das Treibhaus, einmal die Schafhürden, jede Stunde die vier Thermometer im Wohnzimmer. So hab' ich wirklich keine Zeit ... übrigens haben die Pfarrer auch keine Stimme bei den Kreiswahlen.«

»Sieh einer den Politikus und Diplomatiker!« lachte sein Vater. »Praktisch muß der Mensch sein. Du bist der erste Bismarck, der auf Wollmärkten Bescheid weiß. Ein gediegenes Früchtchen wirst du werden und noch an Fett und Wohlbehagen krepieren, wenn du so fortmachst.«

Den wahren Grund, warum er Pfarrer mied, verschwieg Otto. Seine religiöse Gesinnung erfreute sich einer zunehmenden Laxheit. Wenn er von des Landmanns Cromwell Prayer-Meetings und Kummunion mit den puritanischen Heiligen las, schüttelte er sich. Brr! Der Kerl ist mir im Grunde doch antipathisch. Wo da der Glaube aufhört und die Heuchelei anfängt! Ein gesunder Mann ist doch keine Betschwester. Imponieren tut mir nur die derbe Junkerfaust, mit der er nachher das Plapperment, das sogenannte Parlament, traktierte. Nee, sympathisch sind diese großen historischen Herrschaften alle nicht. Napoleon kommt mir wie ein Falstaff vor, Friedrich der Große war manchmal ein eitler Windbeutel, datierte seine französischen Oden auf geschichtliche Momente und brüstete sich: Nicht üble Verse vor einem Schlachtabend! Solche ungeschäftsmäßigen Romantizismen sind immer Pose, mir ekelhaft. Und Richelieu, der schlechte Verse schrieb, und Corneille aus Dichterlingsranküne ein Bein stellte, ist der beste Bruder auch nicht. Es scheint, mit solchen Menschlichkeiten muß man bei den großen Herren der Geschichte fürlieb nehmen. Hm, Cromwell fällt aber doch in mein Gusto, weil ihm zuerst die Einigung der britischen Inseln gelang. Durch die Einheit zur Groß- und Weltmacht! Erst durch ihn ist England groß geworden. Das ist gewiß ein Fingerzeig, aber das rasche Ende seines Commonwealth auch. Was helfen solch überstürzte Gebilde von Republiken, als lebten wir im Altertum! Denn die italienischen Republiken, die es zu etwas brachten, wie Venedig, waren bloß Adelsoligarchie, und ein krasses Junkerregiment scheint mir auch nichts Ersprießliches. Ob der amerikanische Freistaat sich erhält, weiß auch niemand. Die Sklavenbarone im Süden sind doch die reinen Feudalen. Nee, mit Revolution und Republik ist in Europa nichts anzufangen. Aber gibt's am Ende nicht auch eine Revolution von oben? Hieß nicht der Alte Fritz mit Recht der Revolutionär auf dem Throne? Damit läßt sich noch heut was machen. Unser jetziger Herr ist ja schrecklich geistreich, soweit ein kleiner Outsider wie ich aus der Ferne beurteilen kann, man begreift nur nicht, was er will. Vielleicht wälzt er große Pläne im Busen und kommt nur nicht recht damit heraus. Fromm ist er freilich auch, das tut nicht immer gut, Karl I. war auch fromm, und doch ließ er für sich seinen getreuen Minister Strafford das Schafott besteigen, ließ ihn feige im Stich, bloß um selber später aufs gleiche Schafott zu wandern. Nee, soviel weiß ich: für so einen König ließ ich mich nicht köpfen, da wär' mir mein steifer Nacken zu lieb. Nur treue Herren haben treue Diener ... Ach, wozu solch müßige Spekulationen! Was schert mich die hohe Politik! Ich bin der geborene Schafzüchter und wäre ein rechtes Schaf, wollt' ich politische Wolle zu Markte tragen. Damit bringt man's oft nur zum Wollespinnen im Zuchthaus, was ich manchem Demagogen wünsche, der heut im Jahre des Heils 1842 – 200 Jahre seit Ausbruch des Puritanerkriegs – so ungebärdig lärmt.

*

»Hilfe, ich ertrinke!« Der Bursche des Landwehrleutnants Bismarck fiel bei Pferdeschwemme in tiefes Wasser. Ohne Besinnen sprang da sein Herr hinein und rettete ihn mit großer persönlicher Gefahr, unter dem lauten Hurra der Kameraden. »Na, lieber Hildebrand, künftig vorsichtiger! Wasser tut's freilich nicht, aber wer die Taufe der Todesfurcht riskiert, muß ordentlich schwimmen können! Den Ort hier, Lippehne, wirst du im Gedächtnis behalten, dem Tod ins Auge sehen ist eine Feuertaufe wie die Schlacht für den Rekruten. Ich bin mal wie toll geritten, und der Gaul scheute und warf mich ab: drei Rippen gebrochen, ich glaubte zuerst mein letztes Stündlein nahe. Der Doktor meinte nachher mit sittlicher Entrüstung, es sei ein Skandal gegen jede wissenschaftliche Methode, daß ich nicht den Hals brach. Na, da hat man sonderbare Gedanken. Man soll sich merken, man schuldet sein Leben nur seinem Vaterlande. Da darf man's weggießen wie Wasser. Aber sonst ist Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit. Verstanden?«

»Zu Befehl, Herr Leutnant.« Der Mann hielt aber nicht Wort, wanderte nach Amerika aus, nachdem er seiner Dienstpflicht genügte. Als er's tat, war kaum zu hoffen, daß Preußen seiner Söhne bedürfen werde auf glorreichen Schlachtfeldern.

»Die Rettungsmedaille?« Der Junker Bismarck reckte sich stolz, als er die Auszeichnung empfing. »Zum Donnerwetter, die soll man mir dann doch auf meinem Sarge nachtragen, wo wohl jeder andere Orden durch Abwesenheit glänzt. Ich habe einen deutschen Landsmann dem Staate erhalten, darauf bilde ich mir was ein. Nicht auf die Tat, bei Gott nicht, das ist verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Aber es ist so gewissermaßen ein religiöses Gefühl, sein Menschentum erfüllt zu haben. Denn wie der alte Blücher sagt: den Hundsfott hat jeder im Leib, doch nur ein Hundsfott läßt ihn herauskommen.«

*

Die Standesgenossen und Nachbarn des Kniephofer Junkers schnitten allmählich bedenkliche Gesichter. Man bot ihm zwar anfangs einen Landratposten an, da er interimistisch während der Vakanz seines Bruders dies Amt zur Zufriedenheit ausfüllte. Aber Herr Otto lehnte ab, da er amtliche Pflichten nicht auf sich nehmen wolle, und bald genug ließ man jeden Vorschlag solcher Art fallen, weil sein Lebenswandel alle Gevatter und Basen in Aufregung brachte. Nicht der sonst üblichen erotischen Ausschweifung kraftvoller Jugend frönte er, seine höfliche Gleichgültigkeit für das weibliche Geschlecht änderte sich nicht, und wenn er mal ein Bauernmädel jovial um die Hüfte faßte, so geschah es mehr, um nicht gegen landesüblichen standesgemäßen Brauch zu verstoßen, als aus Wohlgefallen. Aber der altgermanische Saufteufel schien ihn ganz in den Krallen zu haben. Selbst sein wenig leidenschaftliches Tanzen lief nie auf Plänkeleien mit den Grazien und Handgemenge mit der Venus hinaus, sondern auf nachfolgende Trinkgelage vermittels Erzeugung von unbändigem Durst. Sein Weinkeller war sein Allerheiligstes, im Tempel des Bacchus brachte er täglich Trankopfer von seltenem Umfang. Seinem wilden Wesen entsprach auch sein wildes Reiten, das zum Gespräch des Landkreises wurde.

»Heut tollt er wieder wie ein Verrückter!« brummte ein Nachbar, als er in der Ferne den Junker Otto wie einen vom Dämon Besessenen vorüberjagen sah. Die Damen konnten ihren Unmut nicht verbergen, daß ein so stattlicher junger Herr so gar nicht auf Freiersfüßen ging und nicht mal das Courmachen bei Ehefrauen betrieb, verbunden mit roher Geringschätzung aller ästhetischen Bildung. Kamen die lautersten Reize der Dichtkunst aufs Tapet, wie die süße Undine des seligen Baron Fouquet oder Schulzes Verzauberte Rose oder Tiedges Urania, die in Pommern noch viele adelige Stiftsdamen beseligte, so fing er schauerlich zu lachen an. Die sogenannten Klassiker Schiller und Goethe genoß man nur mit besonderer Auswahl, etwa »Braut von Messina«, »Iphigenie«, »Tasso«, weil man sich dort in fürstlicher Hofgesellschaft befand und standesgemäßen Umgang mit vornehmen Idealen bekam. Dagegen widerrieten die Pastoren schon die Lektüre von »Maria Stuart«, weil der Dichter, dieser lockere Zeisig, über dessen Kredo man im Unklaren blieb, dort dem verruchten Papismus Weihrauch streute.

Aus Naugard und Stolpe lud er sich diejenigen Offiziere zur Jagd ein, die in ihren Garnisonen als Teufelskerle galten. Seine ländliche Einsamkeit durften nur auserlesene Genossen teilen, die selbst einen biedern Drei-Flaschen-Mann der guten alten Zeit unter den Tisch getrunken hätten. Die Palme und den Preis trug aber stets der freundliche Gastgeber davon. Mit Begeisterung erzählte ein junger dämlicher Dragonerleutnant bei Puttkamers auf Reinfeld bei Zuckers: »Mein Freund Bismarck hat ein neues Getränk erfunden, englischen Porter mit Champagner gemischt. Pyramidal, freilich nur für Kenner! Für Anfänger unmöglich! Und neulich nahm er ein altertümliches Trinkhorn von der Wand, hat's von oben bis unten mit Champagner gefüllt und – was wollen Sie sagen! – goß es auf einen Hieb hinter die Binde. Kolossale Leistung! Dazu schlug er eine tolle Lache auf: ›Ich fordere meine Pässe für die Diplomatie!‹ Witz mir nicht ganz verständlich.«

Erst das betretene Schweigen bei Puttkamers belehrte den Unglücklichen, in welche Fußangel er hineingeriet, und er stotterte Entschuldigung vor den Damen. »O ich Dämelack bei den Pietisten!« jammerte er in Naugard. »Die kleine schwarze Kröte Johanna hat Augen gemacht – zum Totschießen!«

Der Gutsherr vom Kniephof bereitete aber seinen Gastfreunden noch eine andere freundliche Überraschung, wenn sie zur Nacht bei ihm Unterschlupf fanden. Pünktlich bei Sonnenaufgang knallte er Pistolenschüsse vor ihren Schlafzimmern ab und belehrte die unsanft Geweckten mit mock-heroischem Pathos: »Morgenstunde hat Gold im Munde. So führt man arme Sünder auf den sogenannten Pfad der Tugend.« hervorragend niederträchtig benahm er sich gegen einige entfernte Kusinen, die ihn mit zartem, weiblichem Mitleid heimsuchten, um ihn von so ödem und rauhem Junggesellentum zu bekehren. Er empfing sie ritterlich, nahm Tassen verhaßten Tees aus ihren weißen Händen demütig entgegen. Da öffnete sich die Saaltür, und zwei gezähmte Füchse, die er auf dem Gutshof unterhielt, stürmten ungebeten herein mit gierigem Zähnefletschen. Aufkreischen, Ohnmachten, Anspannen und Abfahren trotz aller Versicherung, daß dies angenehme, behagliche Haustiere seien. Der rohe Junker verbeugte sich bis zur Erde, seine Füchse und Wolfshunde neben sich, als die Damen unter einem wüsten Geheul des Tierchorus das Weite suchten, und knallte dazu mit der Peitsche. »Damen in so hohen Semestern sollten sich nicht in meine Wildnis wagen. Mein Name ist Lederstrumpf und nicht Hase.« Und damit ritt er fröhlich auf die Hasenjagd, seine Hühnerhunde Chincacok und Unkas, die letzten Mohikaner, sprangen neben ihm um die Wette.

Da er tagelang in der Sonnenglut umherwanderte, bräunte sich seine Gesichtsfarbe, und er kam als wilder Asiate, mit einem Turban auf dem Kopf, auf den Tanzboden bei Plathe. Keilerei und Tanzvergnügen, wie er als Student auf der Berliner Hasenheide es manchmal genoß, suchte er aber vergebens, wenn er einem Dorfrüpel seine Liebste zum Tanz entführte, sintemal die ganze Umgebung seine derben Fäuste kannte und sich nicht herangetraute. Bäche von Champagner, Marke Montebello, schwemmten ihm jeden Abend den Staub des Tagewerks weg, und nach der gehörigen Bettschwere erwachte er ohne Kopfschmerzen, um Geschäftsbriefe zu schreiben. In einem Wahlkampf zeigten sich die Früchte seines Ringens um den Beifall seiner lieben Nachbarn. Vier Wahlmänner schworen sich ihm zu auf Leben und Tod, zwei waren lauwarm, der ganze Rest eine geschlossene Phalanx gegen ihn, so daß er aussichtslos zurücktrat und sich diebisch über den Spaß freute.

Der Mond sah freilich manchmal ein anderes Bild, wenn der heimkehrende Gutsherr angekleidet auf seinem Bettrand saß und in die Nacht hinausstarrte. Da gingen ihm tausend Gedanken durch den breiten Schädel, bis er in einem Anfall verzweifelter Schwermut sein Gesicht in den Händen vergrub: »Verfehltes Leben!« Und die Post brachte nicht immer »Kisten von Spirituosen«, sondern auch dicke Bücherpakete. Das sogenannte Bibliothekzimmer, das auf deutschen Herrensitzen seit Urvätertagen seinem Namen Unehre macht – locus a non lucendo –, füllte sich bei ihm ansehnlich. Er brütete oft bis tief in die Nacht hinein bei einsamer Studierlampe über einem Folianten wie Magister Faust, und kein Geringerer als Spinoza bot ihm die schwere Kost für seinen hungernden, einsamen Geist. Aber er fand nur den alten Spruch, daß wir nichts wissen können, und sein Faustischer Drang tat ihm schier das Herz verbrennen.

Sein Schulfreund Moritz v. Blanckenburg, ein kirchlich Bigotter, völlig beschränkt in religiösen und politischen Dingen, aber ehrenwert, treu und reinen Herzens, drohte ihm, seine Besuche einzustellen. »Otto, mit dir geht es immer mehr bergab. Du mißachtest Gottes Gebot, alle Herren Pastoren wehklagen über dich. In die Kirche gehst du selten und nur anstandshalber, neulich hast du in deinem Betstuhl laut gegähnt und der Gemeinde ein Ärgernis gegeben. Es ist furchtbar, was man alles hört. Du bist das Gespräch und Gespött aller Gutgesinnten zehn Meilen in die Runde. Raffe dich auf aus deiner sündigen Verkehrtheit und lebe wie ein Christenmensch!«

»Lieber Moritz«, lehnte der Kniephofer ruhig ab, »Du weißt, ich hab' dich gern, drum hör' ich deine Predigt zu Ende. Aber laß ab, mich ändern zu wollen. Viele sind berufen, wenige auserlesen. Ich jedenfalls nicht, kann nicht aus meiner Haut fahren.«

»Du sollst aber auserlesen sein, denn du bist berufen durch deine großen Gaben.«

»Für was? Wenn du das wüßtest, wär' ich dir dankbar. Das Leben hat wenig Zweck, die meisten Menschen vegetieren nur wie Pflanzen oder Unkraut. Laß mich wenigstens die allgemeine Dürre mit Trinkbarem begießen! Denn sauf' ich nicht, so bin ich dumm und gallig dazu.«

»Selbst deine Riesennatur wirst du untergraben, einen Knacks fürs Leben bekommen.«

»Davor keine Bange! Der Kadaver hier hält's schon aus.«

»Doch deine Seele? Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet. Ich gebe die Hoffnung nicht auf und schließe dich täglich in mein Gebet.«

Das wird viel nützen! dachte der Skeptiker. Doch Spinoza nützt mir auch nichts. – So braun seine Wange, so bleich war sein Herz, von des Gedankens Blässe angekränkelt.

Um den Winter seines Mißvergnügens durch etwas Sonne zu erhellen, machte er schon früher wiederholt kleine Spritztouren in die so nahen pommerschen Seebäder. Er watete durch den weißen Dünensand von Swinemünde, ließ sich am Strand von Kolberg in der Sommerhitze braten und sprang an Rügens weißen Klippen in die Salzflut. Ein furchtloser Schwimmer, lernte er auch das Tauchen und griff einmal einen Hering in den Tiefen der Ostsee mit eigenen Händen auf. »Armer Kerl!« lachte er. »Nirgends ist man sicher vor dem Menschen, dem ärgsten Raubtier. Eins frißt das andere in dieser seltsamen Schöpfung, doch nur den Menschen blieb der Trieb, sich sogar untereinander zu zerfleischen. Keine Tierrasse kennt dies Vertilgen unter sich, keine Bestie ist grausam wie der Mensch, man beleidigt die armen Tiger, wenn man einen Menschentiger eine Bestie nennt. Was sind die Eroberer anders als Menschenfresser! Was für ein zähes Gewissen muß solch ein Bursche haben, wenn er Kriege anzettelt zum Verderben von vielen Tausenden!«

»Sie scheinen ein Philosoph, mein Herr«, erwiderte ein alter Kapitän, an den er diese Bemerkungen richtete und der den blondbärtigen Athleten neugierig musterte. »Doch ich meine, die großen Herren gehen ihrem Mordhandwerk, das sie Ruhm nennen, geradeso gleichgültig und behaglich nach, wie jeder beliebige Bürger. Hai und Schwertfisch halten sich für ebenso anständig wie der friedfertige Wal. So wird's wohl beim Löwen sein im Vergleich zum Elefanten.«

»Und doch ist der friedliche, weise Elefant stärker als jedes Raubtier. Das ist doch das schönste: seine Stärke nicht mißbrauchen und nur zum Schutz der Schwachen zu dienen, wie der Elefant bei Tigerjagden.«

»Das sagen Sie so! Kalkuliere aber, ist ein seltener Fall. Der Starke, der Maß hält im Erfolg, soll noch geboren werden ... unter uns Menschen. Napoleon war gewiß ein smart fellow doch ging zugrunde, schätz' ich, weil er nie ordentlich Anker warf und immer alle Segel beisetzte, dem Wind in die Zähne.« –

Im Herbst 1844 fuhr er nach Norderney, um sich die Poren mit Seeozon auszulüften. An der Table d'hôte fand er nur wenige Gäste, doch von verschiedenen Nationalitäten. Da war ein russischer Offizier, dessen ungeschlachte Figur an einen Stiefelknecht erinnerte. Da war eine rachitische, dänische Dame, die ihn mit Trauer und Heimweh erfüllte. Da war ein alter preußischer Ministerialbeamter, der wie ein Alpdruck wirkte, ein fetter Frosch ohne Beine, der seinen Mund weit aufriß wie eine Reisetasche für jeden Bissen, nach dem er schnappte. Man muß sich an der Tafel festhalten, sonst schwindelt einem! klagte der satirische Otto mit grotesker Übertreibung. Von diesen Bekanntschaften erholte er sich beim Meer, mit dem er innige Freundschaft schloß, wie mit dem Fischer Tomke Hans. Gar manchen Abend fuhr er bei Sonnenuntergang weit in die See hinaus, bis die goldene Scheibe tief über dem Wasser lag und zu einem Glühpünktchen einschrumpfte und dann erlosch. In seiner melancholisch-philosophischen Hamletstimmung wälzte er dabei Totengräbergedanken: So geht's mit dem Tagesruhm, ein Lichtstümpfchen, und dann ist Nacht. Aus, kleine Kerze! Wozu die Mühe des Leuchtens! Das ist doch nur ein Selbstverbrennen.

Im Fischerboot so zu Hause wie im Sattel seines Pferdes, bestand er mit seinem getreuen Tomke einen plötzlichen Orkan, der sie bei Wangeroog auf hoher See überraschte. Vierundzwanzig Stunden lang trieben sie dahin, durchnäßt bis auf die Haut, keinen trockenen Fleck am Leibe, aber mit Schinken und Portwein ausgerüstet. Zwanzig Segelschiffe strandeten derweil bei Borkum und den anderen friesischen Inseln, doch die beiden kühnen Bootsleute, sich wechselseitig am Steuer ablösend, kehrten wohlbehalten heim. Geredet hatten sie dabei so gut wie nichts, hätten sich auch nicht verstehen können beim Donner der See und Heulen des Sturmes. Als die Wogen um ihn her zischten und über Bord spritzten, fiel ihm Uhlands Vers ein: »Der Kaiser Karl am Steuer saß, der hat kein Wort gesprochen, er lenkt das Schiff mit festem Maß, bis sich der Sturm gebrochen.« So sollte einer sich halten, der ein Staatsschiff zu lenken hat unterm Brüllen feindlicher Elemente.

Jeden Tag segelte er stundenlang hinaus, um zu fischen oder Seehunde zu schießen. Nur eine der vorsichtigen Robben kam ihm vor den Schuß, und als er auf das sanfte Hundegesicht mit der borstigen Schnauze und den schönen braunen Augen blickte, tat ihm sein Töten von Herzen leid. Ach, dachte er, ich gehöre nicht zu den Männern von Blut und Eisen, die kein menschliches Rühren kennen. Am Ende ist's gut, daß ich nicht Soldat wurde, Krieg führen könnt' ich nicht, habe zu viel Mitleid mit der Kreatur. Ist das nun weichlich-weiblich in mir? Dünke mich doch sonst männlich genug. Er gedachte, wie Lord Byron, mit dessen Poesie er sich in Mondscheinnächten seiner pommerschen Wildnis durchtränkte, einen Adler im Ambracischen Golf hoch aus der Luft herabholte und sich dann vor dem brechenden Auge des sterbenden Vogelkönigs zuschwor, nie wieder seine nie fehlende Kugel auf Lebewesen zu entsenden. Nein, so weit würde er nicht gehen, solche sentimental-poetischen Anwandlungen mochten für einen Byron und den doch sonst nicht so weichmütigen Jagdverächter und Menschenjäger passen, den man Friedrich den Großen nannte. Aus so zartem Metall war er, der unbedeutende Privatmann Otto Bismarck, denn doch nicht gegossen, als robuster Landjunker würde er auch ferner auf den Anstand gehen und das Wild beschleichen. Aber man muß nicht hinsehen, wenn das Reh stirbt. –

Die Wellen, die ihn am flachen Strande herumkugelten, machten ihm viel Spaß, leider auch Hin- und Herwogen des Glücksspiels im Bade-Roulette.

»Am 4. August 1844« in Hannover geschah die denkwürdige Tat, daß er endlich wieder an seinen Getreuen Scharlach schrieb, er wolle ihn auf Rückkehr von Norderney wiedersehen. Doch aus Besuch in Hildesheim wurde wieder nichts. Der Spielpächter Hartog nahm Ottos Finanzen in so umfassende Obhut, daß er eiligst einpacken und zu den heimischen Penaten flüchten mußte. Vormals erreichte er Norderney, mit einem Rudel Damen zusammengepfercht im Postwagen, als lustiger Schwerenöter. Jetzt fuhr er düster über Hamburg heim, den wohlfeilsten Weg. So freigebig unterstützte er besagten Hartog mit blanken Talern preußisch Kurant, daß er mit Müh und Not und 25 Groschen in der Tasche Vaters Hof erreichte.

»Erlkönig hat mir ein Leids getan«, summte er mit Galgenhumor. »Dem Vater grauset's, ich reite geschwind.« Doch freute ihn baß, daß seine kavaliermäßige Erscheinung den Zollbehörden an der Grenze unverdächtig schien und sie ihn ohne Paß passieren ließen, dessen Lösen seine Vagabundenkasse nicht gestattet hätte. Die Paßscherereien zwischen deutschen Einzelstaaten führten ihm immer wieder Deutschlands Zustand ins Gedächtnis zurück. Er vergaß es ganz in seiner pommerschen Wildnis. Unkundig wie ein schriftgelehrtes Stadtkind, übernahm er vor fünf Jahren die verschuldeten Güter, die mehr fraßen als einbrachten, und jetzt rettete er schon den besten Teil des Erbvermögens. »Das war der Zweck der Übung,« gestand er dem Schwager Arnim, »aber nun Schluß. Geistig bin ich so eingerostet, daß meine unempfängliche Verdrießlichkeit sich nicht viel zum Ärger aufschwingt, wenn meine Untergebenen mich betrügen. Das ist der Dank, weil ich das Leben, das sie mir vergällen, ihnen behaglich mache. Nur nach Tisch bei der Flasche bin ich milden Gefühlen zugänglich, sonst grenzt meine Gelangweiltheit an grauesten Lebensüberdruß.«

»Hast du keinen anregenden Umgang?«

»Doch, Hunde und Pferde. Bei den Junkern steh' ich in Verruf wegen Hexerei, ihr Signalement heißt: ›wegen alten Adels schreibensunkundig‹. Außerdem kleide ich mich wie ein Mensch. Doch anerkennt man meine guten Seiten, denn ich zerwirke ein Stück Wild wie ein berufsmäßiger Metzger, galoppiere wie ein Jockei, schmauche die schwersten Zigarren und trinke alle unter den Tisch mit freundlicher Kaltblütigkeit. Die schönen Tage von Aranjuez, wo ich als braver Mann einen Rausch gehabt, sind nun vorüber, ich Unseliger kann nie mehr betrunken werden. Wozu auch! Früher suchte ich Betäubung, heut hab' ich nichts zu vergessen, in mir ist alles tot. Keine Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen! Bin also eine sehr harmonische Natur, die sich akkurat abrollt wie ein Uhrwerk.«

Man sprach jetzt von gescheiterter Verlobung Ottos.

»Wir hören aber,« fiel Malwine eifrig ein, »daß du deine ehemalige Flamme wiedersahst. Ihre Mama hat nichts mehr gegen die Verbindung. Wir sind beauftragt, neue Annäherung einzuleiten. Auch die Karlsburgerin ist sehr dahinter her, die dich doch immer treulich bemuttert. Gehst du darauf ein oder ist jede Neigung in dir erstorben?«

Otto gähnte. »Mein bester Wille vermag nichts wider meine Schwerfälligkeit, die mir verbietet, eine Beleidigung in Lethe zu tunken. In mir ist so viel Bitterkeit gegen dein zartes Geschlecht angesammelt, daß ich's nicht hinreichend unterdrücken kann, um euch eine glückliche Zukunft an meiner Seite zu sichern.«

»Du wirst schon aus anderer Tonart reden.«

»Und ich,« schlug Oskar vor, »sorge dafür, daß du durch besondere Vergünstigung als Volontär wieder im Staatsdienst unterkommst.«

Da gähnte Otto ganz fürchterlich. »Wenn du meinst! Ich bin so schlaff, so teilnahmlos, daß einförmige Tätigkeit mich vielleicht aufkratzt. Ein großes Vielleicht, wie der sterbende Rabelais sagte, und das Leben nach dem Tode ist nicht unsicherer und rätselhafter als das, was wir hier Leben nennen. Meinethalben! Ich verhalte mich dazu leidend.« Tief im Unbewußten wurmte ihn die Erkenntnis, daß dem Genialen nichts Gesundung bringt als eben Spielraum für seine Genialität, daß der Große sich nur mit Großem beschäftigen soll. Das peinvolle Los unterdrückter Größe, wer weiß, wie mancher unerkannt es trägt! Ein Glück, daß Genie unbewußt handelt, nicht altklug seiner selbst bewußt. Und so schützten Otto vor dumpfer Verzweiflung das geringe Ansehen, in dem er bei sich selber stand, die resignierte Gleichgültigkeit gegen den eigenen nur unklar gefühlten Wert. »Mein Freund Scharlach, einst hochfliegender Idealist voll edler Lebenslust, hockt heut stillvergnügt als Familienvater. Mitchell King schrieb neulich aus seiner Farm, er besitze eine Frau, fünf Kinder und 150 Schwarze, hänge die Medizin an den Nagel und baue Tabak. So 'n Kerl! Früher wollt' er englischer Söldner in Spanien werden, Wright machte uns die Finte vor, King sei von Karlisten niedergemetzelt. Ach, solch rühmliches Ende wird uns Philistern nicht beschert. Motley, seit er nach Neuyork heimging, schreibt beliebte Romänchen. Mich wird er konterfeiern als Leibfuchs, der aus der juckenden Philisterhaut fahren will. Faule Romantik! Da seht mich an, als Vater Biedermann in meinen vier Pfählen verbauert! So finden sich alle mit ihren Jugendträumen ab.« Ja, das tun sie, alle Gewöhnlichen, nur der Ungewöhnliche schließt tief im Innern keinen Kompromiß, er geht daran zugrunde oder setzt sich dennoch durch. »Coffin läßt nichts von sich hören. Ach Gott, die alte Wette! Lang, lang ist's her. Sieht man Menschen wieder, die man vor Jahren kannte, muß man sich erst einander wieder vorstellen. Alle sieben Jahre bauen die Körperzellen sich um, ewiges Vergehen und Entstehen! Miserables Geschäft, das die Kosten nicht deckt! So nennt's ein Pessimystiker, Schopenhauer, den ich mir neulich in stiller Klause zu Gemüte führte. Es hat was. Doch der Mann heult wie ein Schloßhund über seine Verkennung durch die nämliche Menschheit, die er begeifert. So inkonsequent und albern eitel sind alle, ach wir Armen!«

»Was du nicht durcheinander verschlingst!« staunte Malwine.

»Wenn man verhungert! In der Not frißt der Teufel Fliegen und unverdauliche Philosophie. Du überhaupt«, brach er heiter ab, »trägst Schuld an meinem Sündenfall. Mädel, die unverheiratete Brüder haben, dürften sich nicht mir nichts dir nichts einen fremden Mann nehmen. Seid ihr bloß in der Welt, um euer fabelhaften Eva-Bestimmung zu folgen? Oskar ist ein Bandit, raubte dich mir. Unnatur und Selbstsucht! Davon ist das männliche Geschlecht frei.«

»Besonders du!« scherzte Malwine, indes Oskar und seine Schwester Adele aus vollem Halse lachten. »Als du deiner scheußlichen Britin nachliefst, bekam man alle Jubeljahre von dir einen Wisch. Bin ich da, willst du mich in Seide und nachher in Watte wickeln, deine Leute prahlen, du wärst mit mir wie mit einer Braut, aber bin ich nicht da, denkst du keine Minute an mich, Herr Philosoph am Ofen. Alles nimmst du kalt und kritisch. Über deine Ehemalige fälltest du den Spruch, sie werde bald den Rosenteint verlieren und rot glühen wie eine Klatschrose. Dann wundere dich noch, daß sie dich aufgab.«

»Beide salvierten sich rechtzeitig.« Otto gähnte wieder mit unsäglicher Gleichgültigkeit. »Eine Drahtpuppe anzubeten, dafür bin ich zu lange aus den Kinderschuhen. Gebt Euch keine Mühe, ich liebe nichts mehr als meinen Hund.« –

Ein Jahr zuvor hatte er wichtigere Reisen versucht. Da er an Überlegenheit der westlichen Kultur nicht glaubte, wollte er sich mal durch den Augenschein überzeugen. Denn was die Leute reden und die Schriftsteller schmieren, braucht noch lange nicht wahr zu sein. So packte er eines Tages seine sieben Sachen in den Reisekoffer und dampfte über den Rhein, dessen vaterländische Majestät er mit einer Art stiller Andacht betrachtete, zu den schnöden Welschen. Als junger Mann ohne Amt und Würde, seit der Mutter Tod ohne jede Beziehung zu tonangebenden Kreisen, brachte er keine Empfehlungen mit, und die preußische Gesandtschaft kümmerte sich nicht um ihn. Dagegen erlaubte ihm seine Redefertigkeit in elegantem Französisch mit ausgezeichneter Aussprache, in Hotel, Restaurant, Café gelegentlich mit Einheimischen zu parlieren. Diese machten ihm höfliche Komplimente über seinen hohen Bildungsstand, der nach ihrer Meinung natürlich allein in Kenntnis ihrer erhabenen Weltsprache lag, höchlich verwundert, daß ein nordischer Barbar sich zu solcher Höhe aufschwingen könne. Doch sein Bekenntnis, daß er bloß ein Preuße sei, verwandelte ihre Höflichkeit zu gnädiger Herablassung. Es war ihnen ja wohlbekannt, daß Preußen eine einzige Baracke voll bunter Bleisoldaten vorstelle, wo man in Mußestunden nach täglichem Drill die Gänse hütete und sich schlecht und recht von Blutwurst mit Sauerkraut nährte. Ob übrigens Königsberg nicht in Sibirien oder am Nordpol lag, bekanntlich die Hauptstadt von Pommern, wo zumeist Polen wohnen, schien nicht hinreichend geklärt. Geographie schwach. Um so genauer kannten sie ihre eigne Weltgeschichte. Als auf den Kölner Dom die Rede kam, von dessen endlicher Vollendung man damals viel hörte; ein ziemlich gotisches, also barbarisches Bauwerk, das sich natürlich mit Notredame nicht messen konnte, belehrte ihn ein liebenswürdiger Flaneur: »Den Grundstein legte Charlemagne, der erste französische König, der Deutschland uns unterwarf. Er war nicht der letzte. Pardon, Monsieur, doch wie Alfred de Musset so schön singt: Wir haben ihn gehabt, euren deutschen Rhein.«

»Parfaitement!« verbeugte sich der preußische Reisende verbindlich. »Und Ludwig XlV. hat das Straßburger Münster gebaut.« Dies war den Parisern neu, doch eine hochwillkommene Kunde, die der höfliche Verehrer de Mussets sofort in einem Salon verbreitete. Er habe es aus bester Quelle von einem deutschen Baron, einem riesigen Bären norischer Urwälder, der dem Herzog Rudolf in Sue's »Mysterien von Paris« gleiche wie ein Ei dem andern.

Infames Gesindel! grollte der nordische Bär in sich hinein. Und das blüfft die weite Welt mit dem Märchen französischer ritterlicher Höflichkeit. Kein Deutscher wäre je fähig, mit so plumper, protziger Prahlerei einen Fremden zu beleidigen. Und die naiven Affen merken nicht mal ihren Verstoß gegen die guten Sitten. Ach, politesse du coeur kennt man nur bei uns zu Hause, nicht in diesem Vaterland aller Friseure, Köche, Konditors und Kokotten. Hol' die Pest die ganze Blase, dies aufgeblasene, windige Pack! Das äußere Leben sieht sich hier gut an, Paris ist schön, aber schmutzig, innen und außen unreinliche Sauerei. Reich ist diese Bourgeoisie, die hier allein regiert, doch was kann man von einem Volk erwarten, dem sein bekanntester Staatsmann Guizot die Losung gibt: Bereichert euch! Wohlleben, Luxus, Liederlichkeit ... was bei uns nur einzelne Kreise vergiftet, dringt hier durch den ganzen Körper der Nation. Stark sind sie nur durch ihre vereinte Zahl. Wären die Deutschen geeint, sollte es wohl für immer mit dem Krähen des gallischen Hahnes ein Ende haben. Leider hat das noch gute Wege. Aber wenn man die Zentralisierung sieht, wo die Provinzen nur dazu dienen, der »Lichtstadt« (übrigens sehr schlecht beleuchtet) Blut zuzuführen, so denkt man an Kongestionen nach dem Kopfe und Schlaganfall. Deshalb gedeiht hier wohl jeder Schwindel, weil dem Pariser vor seiner Gottähnlichkeit schwindlig wird. Die deutsche Dezentralisierung hat auch ihr Gutes für die Eigenkultur. Wäre nur nicht die verdammte politische Schwäche! Nur hierin brauchen wir Stärkung, nicht aber ein Aufsaugen des Ganzen durch Zentralgewalt.

Im Strudel des Pariser Lebens, als einfacher Tourist wie ein unbeachtetes Bläschen untertauchend, gewann er den nachhaltigsten Eindruck im Dom der Invaliden. Vor Napoleons Sarkophag, den nur die goldenen Schlachtennamen umkränzen, vergegenwärtigte er sich die letzte Stunde, als ein Orkan die Weiden von St. Helena knickte und er sein großes Leben sah im letzten Fieberwahn. Was aber war sein letztes Wort? Stört es nicht der Nachwelt sein großes Sterben? Der Prometheus am Fels im Weltmeer, kannte er nur dies Wort, mit dem er verröchelte: »An der Spitze der Armee!«? Er, der die Welt im Schädel trug, war nur ein Tamerlan, der Schädelpyramiden baute und Schlachtenrosen pflanzte und auf goldenem Sessel sich von Knechtgewürm umschranzen ließ? Diese prahlenden Namen auf seinem Steinsarg: Austerlitz, Jena e tutti quanti, wie schal ist dieser Nachruhm! Darum verlohnte sich's, den Erdball zu erschüttern? Doch freilich, die Menschlein beißen auf Stein, wenn sie an ihm die Zähne wetzen, sein Richter bleibt einzig das Weltgesetz der unerforschlichen Mächte. Vielleicht lallte er tieferen Sinn mit seinem letzten Odem, ein Feldherr an der Spitze, die Menschheit die Armee.

Doch wozu gerecht sein wollen wie Gott! Wir Deutschen und wir Preußen sollen ihn hassen übers Grab hinaus und Krieg führen mit seiner Erbschaft und dem Geiste von Louis Quatorze, den diese Demütiger Deutschlands dem eitlen Gloirevolk vererbten. Als man den Leichnam von der Insel abholte, wo er unversehrt wie im Leben in der Steingrotte schlief, rief hier der Premierminister in der Kammer: »Ja, er war unser legitimster Kaiser und König.« Das war er, das legitimste Sinnbild gallischer Überhebung, der korsische Parvenü. Den sogenannten Prinzen Louis Napoleon haben sie geächtet, aber wer weiß, ob das Erbteil seines Namens nicht noch reiche Zinsen trägt! Diese Nation kann nicht Ruhe halten, sich nicht bescheiden. Dieser Bürgerkönig Louis Philipp mit seinem legendären Regenschirm ist nichts für die Gloiresucht. Schon holt sich die Armee in Algier billige Lorbeeren. Aufgepaßt, sie kommen wieder, die munteren Französchen, und zupfen den Vater Rhein am Bart. Ich traue diesem 30 jährigen Frieden nicht. Wir werden noch was erleben. Ich mag dann als simpler Landwehrrittmeister die Plempe ziehen, und die Reise nach Amerika bleibt mir kaum erspart, denn die Wette mit Coffin verliere ich. Schon zwölf Jahre sind verflossen, nur acht noch ausständig, bis dahin ändert sich nichts.

– – Als er in Hull ans Land stieg, fühlte er gleichsam ein germanisches Verwandtschaftsgefühl auf englischem Boden. Fröhlich schlenderte er, die Hände in den Hosentaschen, vom Hafen herein und pfiff einen Berliner Gassenhauer. Allsogleich erscholl eine feierliche Stimme, ein ältlicher Gentleman trat ihm in den Weg: »Sir, Sie sind Ausländer, das entschuldigt Sie. Heut ist Sonntag, der Tag des Herrn, der Sabbat wird in diesem Land geheiligt.«

»Wie? Ich verstehe nicht. Man wird doch pfeifen dürfen.«

»Keineswegs. Das ist weltlich sündige Frolic. Nur heilige Musik ist gestattet. Ich bitte Sie, solches Geräusch zu unterlassen. Sonst müßte ich Sie dem Konstabler anzeigen, der schon aufmerksam wird.«

Mit einem derben Fluch wandte sich Otto ab. Da hört denn doch verschiedenes auf! Diese wahrhaft scheußliche Tyrannei ist wohl britische Freiheit? Haha, ich rate unseren Demokraten, dies gelobte Land kennen zu lernen. – Überall in der Stadt fand er gähnende Öde und bleierne Langeweile. Alle öffentlichen Lokale geschlossen, nur Trupps von geputzten Kirchgängern umhertrottend. Und dabei wett' ich, dachte der Ankömmling mit seinem realistischen Scharfsinn, daß diese biederen Pharisäer hinter ihren Mauern ohne Zeugen sich geistliche Stärkung durch geistige Getränke verschaffen und so in den Montag hinüberschnarchen. Wieviel netter und sauberer sieht es bei uns in der Umgebung Berlins aus, wenn die Leute in ihren Sonntagskleidern im Freien wandern und sich heiter amüsieren! Die englischen Krämer sind sicher nicht bessere Christen als wir, dies scheinheilige Gebaren ist bloße Gewohnheit, durch die Puritaner erzwungen. Damals hatte solche Strenge einen bestimmten Sinn, das liederliche »lustige Altengland« sollte nicht ohne Grund gemaßregelt werden, später aber und gar erst in unseren Tagen hat die unbehagliche Sonntagsheiligung nur Heuchelei zur Folge. Bah, ich habe schon genug. Steifleinene Baumwollseelen, die Bibel in der einen und das Kontorkontobuch in der anderen Hand, a nation of shopkeepers. Was soll man denn davon lernen? Fromme Grimassen und stillen Suff. Diese Seeräuber haben bloß Glück gehabt, zu Shakespeares Zeit kamen sie materiell und literarisch plötzlich um eine Pferdelänge voraus, weil unsere verfluchten Religionskriege uns kulturell zurückwarfen. Nachher hatten sie Überfluß an Kohle und Eisen für die Industrie, da steckt das ganze Geheimnis ihres Vorsprungs. Nun, ich will mir London sparen, im romantischen Schottland wird man solche Pharisäersitten nicht kennen.

Und er drehte sich auf den Hacken um und löste ein Schiffsbillett nach Edinburgh, was eine rührende Unkenntnis schottischer Frömmelei verriet. Der arme Reisende machte ein langes Gesicht, als er dortige Bräuche noch freiheitswidriger fand als in England. So viel Betrunkene sah er nie, wie Sonnabend nachts an den Straßenecken, doch die Betrunkenen schnarchten dann pflichtschuldigst in der Kirche. Die Romantik von Walter Scott, die seinen Feudalinstinkt angenehm kitzelte, schwand ja auch schon lange, zum zerfallenen Holyrood führte eine schnurgerade Straße, die schönste und regelmäßigste Britanniens, Princesstreet. Doch blieben genug alte Burgen und Klöster, umrahmt von reizenden Landschaftsbildern, daß sie sein halbkünstlerisches Empfinden befriedigten. Nichtsdestoweniger machte er bei der Heimkehr seiner Enttäuschung humoristisch Luft, als ob sich bei ihm alles um Leibeskost und Speiseatzung seines umfangreichen Korpus drehe: »Ich bringe von diesen berühmten Inseln nur eine große Erinnerung mit, Welsh Rabbits, gerösteten Käse auf geröstetem Brot. Das ist eine Errungenschaft, Entdeckung von Neuland. Sonst alle Fressalien eintönig und salzlos wie die Bewohner, Beaf und Mutton, Mutton und Beaf. Boiled Beaf ist fein, doch in Mecklenburg pökelt man besser. Gemüse in Wasser, schauderhaft! Die Puddings ein fetter Kleister, Plumpudding nur kalt vorzüglich, was man bei uns nicht weiß. Pommersche Gänsebrust und Flundern sind viel gediegener als ihre Salmonsteaks. Und einen Stoff trinken sie drüben mit Sodawasser, heißt Hock, soll heißen Hochheimer – eine schnöde Verleumdung! Gänsewein von Jüterbogk ist nichts dagegen und Moselkutscher ein Idealgebilde. Sherry ist lauter Sprit, Port wegen der Seereise gut, Ale und Porter sind Magenbitter, meist verpanscht, denn alle Brauer werden Millionäre.« Ein Seufzer der Sehnsucht ging durch die andächtig lauschende Versammlung der Standesherren in Naugard. »Gegen französische Küche will ich nichts sagen. Champignons in Öl, Bouillebaisse-Fischsuppe, Artischocken, Sauerampfersalat sind Spezialitäten, aber im ganzen doch mehr Ragout als saftiger Braten. Ich lobe mir norddeutsche Kost, und die lobenswerten Weine Bordeaux und Burgunder nippen sie mit Wasser. Keiner wagt einen ehrlichen ungemischten Schluck. Pfui Teufel, was kann man von solchen Schwachmatikussen erwarten!« Zur Erbauung von Männlein und Fräulein schloß er: »Mit denen können wir uns noch messen. Das sind nur die Fremdwörter, die uns blenden. Die Grampians sind nicht schöner als der Harz, der Rhein ist viel schöner als Themse und Seine. Der dumme Michel schwatzt von des Deutschen Reiches Erzstreusandbüchse, aber Potsdam und die Havelseen sind viel reizvoller als Richmond oder St. Germain. Versailles, nun ja, aber ich lobe mir mein Sanssouci, und wenn Paris viel großartiger als Berlin, die Pariser sind Laffen, ihren berühmten Esprit stecken wir noch lange in die Tasche. Die Deutschen sollten endlich lernen: Wozu in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah! Laßt euch nur nicht verblüffen von den Ausländern, die koofen den Alten Fritz noch lange nich.«

Das freilich verschwieg er, daß er seinen alten Liebeskummer, dessen Wunde wieder aufbrach, von England zurück nach Frankreich und von da bis über die Alpen trug auf der Fährte verflossener Glückserinnerung. In London feierte er bei kurzem Aufenthalt ein peinliches Wiedersehen. Als er im Hydepark am Marble Arch den Reitweg Rotten Row entlang schritt, wo die schöne Welt zu Pferd und Wagen sich tummelte, stand ihm das Herz still. Er sah Isabella plaudernd vorüberreiten, sie übersah ihn in der Menge oder würdigte ihn keines Blickes. Über Triest nach dem Orient! war sein erlösender Wunsch. Das europamüde Childe-Harold-Fieber der Byronzeit erlosch noch nicht. In Indien kann man sich die schlimmen Afghanen besehen und ehrlichen Kriegertod finden. Doch als er sich ausrüstete, erhielt er den tränenfeuchten Brief des Vaters. »Ich bin jetzt 73 Jahre alt, ein armer, tauber Witwer, muß Dich vor meinem letzten Stündlein wiedersehen und befehle es Dir an.« Da blieb keine Wahl. Der Alte starb aber nicht, Otto mußte ihm sein Siechtum erleichtern, mit dem er sich 14 Monate quälte. Meist saß er auf einem kleinen Sofa, wo vor ihm die Laubkronen der Parkwipfel im Winde schwankten, und schaute zu einem Grab hinüber an der äußersten Ecke. »Der ging mir voraus!« Ein Vetter, Hauptmann Bismarck, angelte dort stets zur Sommerszeit am Ufer des Parkgrabens, wo jenseits Felder von Mais und Runkelrüben sich freundlich dehnten. Nun lag er begraben auf seinem Lieblingsplatz, den ein Kreuz aus Gußeisen bezeichnete. »Ihm ist wohl«, sann Otto manchmal, an das Kreuz gelehnt. »Ewiger Schlaf oder die Sprache einer anderen Welt.«

Die Schönhauser Bauern tuschelten bedenklich: »Unser Junker liest Tag und Nacht in sechs Zoll dicken Büchern, er will Zauberer werden.« Als er beim Lesen einmal einnickte, fuhr er plötzlich empor, vernahm leise Schritte, und sein Gast v. Dewitz rief aus dem Nebenzimmer laut und ängstlich: »Wer da?« Die Uhr schlug Mitternacht und niemand war da. Otto starrte auf die drei Risse in der Bibliothektür, die von französischen Bajonetten herrührten. Hier brachen einst freche Voltigeurs ein, um Ottos Mutter zu erhaschen, die sich in den Wald flüchtete. Dachte er daran, stieg ihm immer Zornröte ins Gesicht. Suchte ihn heut ein Ahne heim, ihn zu erinnern, daß aller Schimpf des Auslandes wider Frau Germanias Ehre noch ungesühnt? Was wollte ein Geist der Vorzeit von ihm, dem nichtssagenden Nachfahren! Weh dir, daß du ein Enkel bist! Draußen im Dorf der Gasthof hieß »Zum Deutschen Hause«, doch wann ersteht ein Haus für alle Deutschen, wetterfest gezimmert!

Fern aus der öden Stille hörte er den greisen Vater husten. Seine Kindheit zog an ihm vorüber. Im Sommer blieben die Eltern auf dem Lande, die Kinder allein in der Berliner Wohnung, Behrenstrahe 32 und 39, später Dönhoffsplatz, wo die Leipziger Straße mündet. Ihr leibliches Wohl überwachte die treue Trine Neumann, verschiedene Erzieher erteilten den Zöglingen Bernhard und Otto des Friedrich-Wilhelmgymnasiums Nachhilfestunden. Der Kammergerichtsreferendar Hagens glich im Gesichtsschnitt Napoleon, man munkelte, seine Mutter sei eine Marquise aus dem Elsaß gewesen. Der Genfer Gollot brachte Otto gutes Französisch bei. Der Philologe Winckelmann aus der Familie des Archäologen, dessen Standbild in Stendal an altmärkische Abkunft gemahnte, flößte ihm eine Vorliebe für die Antike ein, bis dies Verlöbnis des Goetheschen Faust mit der schönen Helena jählings abbrach, weil der Philologe das Land der Griechen mit der Seele suchte und mit der Wirtschaftskasse durchbrannte. Dann kam Otto in Pension nach der Königstraße zu Professor Prévost und bezog das Graue Kloster. Seine Konfirmation in der Dreifaltigkeitskirche ließ ihn kalt, die Entfernung vom Elternhause machte ihn teils selbständig, teils unsicher. Man verzog ihn sonst, die mütterliche Strenge hinderte nicht, daß der Vater und die Kammerzofe Lotte Schmeling ihn mit übertriebener Zärtlichkeit überhäuften. Wartete er am Nebentisch auf sein Süppchen, so rief der Alte seiner Frau vor den Gästen zu: »Schau, Minchen, wie der Junge mit de Beenekens strampelt!« als vollführe der Stammhalter damit eine Großtat. Kleine Züge aus der Kindheit fielen dem Sinnenden ein. Maßlose Abhärtungsmethode der Plamanschen Pension, wo man sich im Hungern und Frieren übte, machte ihn zeitlebens auch der Turnerei abgeneigt. Der gepredigte Franzosenhaß und Deutschenstolz paarten sich mit grober demokratischer Verachtung des Adels, den man seit »Jena« für alles Übel verantwortlich machte. Lehrer und Schüler betrachteten den kleinen Junker mit mißgünstigen Augen, als habe er »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht« mitverschuldet. Und doch waren Bismarcks immer Volksfreunde gewesen. Oberst August, bei Czaslau als Held gefallen, zog in seiner Garnison Gollnow mit Offizieren und Musik zur Ihnabrücke, wo der Holzesel stand, ein Strafinstrument für die Gemeinen, und ließ ihn ins Wasser stürzen. »Allen Sündern soll vergeben und der Esel nicht mehr sein!« Dieser Nimrod, der im Jahre hundert Stück Rotwild erlegte, dieser joviale Kneipbruder, der seine Banketts durch Karabinersalven verschönte, lag den Bismarcks noch heute im Blute.

Auf dem Gymnasium setzte sich das Hänseln der »Junker« fort. Der gute Direktor Bonnel, zu welchem Otto in Pension kam und im Erkerstübchen Königsgraben 18 fleißig über Geschichtsbüchern saß, konnte kaum den Groll besänftigen, den zwei Lehrer, Bellermann und Fischer, gegen den armen Jungen faßten, weil er sich »von« nannte. Der Lehrer im Französischen blieb unhold gestimmt, weil das Kind die ihm bei Plamans eingetrichterte Franzosenfresserei festhielt. Wie nichtig scheinen im späteren Leben Vorfälle der Schulzeit! Und doch legen sie Grundlagen der Welt- und Menschenkenntnis; genau ähnliche Erfahrungen macht man im Mannesalter. Gleichsam eine Skizze, die nachher ein Bild breiterer Linien ausfüllt. Auch daß der ungeduldige Jüngling auf der Chaussee nach Friedrichsfelde an der Neuen Wache mit dem Gaul stürzte und ein Bein brach, daß er dies unheimliche Stilliegen während der Cholerazeit in Berlin mit Humor ertrug, wiederholte sich nachher, wo seine Furchtlosigkeit bei Choleraausbruch auf den pommerschen Gütern sich zur Beschämung der Landleute bewährte.

Die Schulfreunde, wo blieben sie! Wilhelm Schenk saß auf Schloß Mansfeld, Hans Dewitz in Mecklenburg, Moritz Blanckenburg in Pommern, Oskar Arnim als Landrat in Angermünde. Die Couleurbrüder gingen ihrer Wege. Oldekopp reiste neulich durch Berlin als hannoverscher Kriegsrat. Moritz Lauenstein hatte eine Dorfpfarre. Im Grunde brachten sie's alle weiter als Otto. Er blieb der ewig Unbehauste, der Unmensch ohne Rast und Ruh, und vom Übermenschen, wie der Erdgeist Faust anredet, keine Spur. Faust ist nicht die Menschheit, wie die Deutschen es auslegen, Franzosen und Briten schütteln über ihn den Kopf, er ist die Deutschheit. Mit Gretchen ist's freilich so eine Sache, man kann sich viel höhere Entwicklung von Venus Vulgivaga zur Venus Urania vorstellen, und der Reichskanzler Faust braucht nicht zu den Müttern hinabzusteigen, um einen Kaiser zu beschwindeln. Doch einen Deichdamm bauen für ein freies Volk ...

Bah, er selbst war nur gut für Schnaps brennen und Wolle in der Schäferei probieren. Die Altmärker haben ein Bauernsprichwort: Über und über! sagt Schulenburg, Meinetwegen! sagt Alvensleben, Noch lange nicht genug! sagt Bismarck. Was bedeutet's? Bei Alvenslebens die Milde, bei Schulenburgs die Strenge, bei Bismarcks den Tätigkeitstrieb, der sie und andere anfeuert. Er aber verrostete wie ein Schwert in der Scheide ...

Der Morgen graute, die Bibliothektür knarrte, durch halboffenen Spalt schlich die dänische Dogge herein, der stolze Odin, der sich als große Persönlichkeit fühlte. Er sagte Guten Morgen, indem er die Schnauze an der Herrenhand rieb. Otto stand langsam auf, nicht mehr bleich und hager, sondern von mächtigem Knochenbau der hohen Gestalt, das Gesicht von starkem Vollbart umrahmt. Nicht mehr trugen die Augen eine helle, strahlende Freundlichkeit jugendlichen Freimuts, etwas vorstehend und wasserblau, hatten sie eigentümliche Blankheit, als schimmere eine Degenscheide hindurch. Langsam sprach er vor sich hin: »Noch lange nicht genug!«

Zwar erkannten die pommerschen adeligen Herren, daß der Kniephofer doch ein rassiger Bursche sei, die Damen kamen jedoch überein, daß es ihm an feinerer ästhetischer Bildung fehle, daß eine zartbesaitete Seele einen Menschen verpönen müsse, der nur materielles Essen und Trinken im Sinne habe und deshalb auch weiblichen Reizen verschlossen blieb. Als er sich plötzlich von jedem Umgang fernhielt in stiller Klause, frönte er offenbar heimlicher Völlerei und brütete über gottloser Gemeinheit, irgendein Attentat auf die guten Sitten mit Füchsen, Wölfen und Bären. Nicht ohne gottselige Enttäuschung entdeckte Blanckenburg, der eines Abends mit Jesaiaseifer eindrang, die ziemlich unverfängliche Ursache. Otto studierte nämlich einen gewissen Shakespeare an der Hand der neuen Shakespearestudien des Göttinger Professors Gervinus.

»Na, ich fürchtete Schlimmeres, gegen den vielgerühmten Dichter – ich verstehe nichts davon – sage ich ja nichts, doch war er nicht ein ungelehrter, liederlicher Kulissenreißer? Ein Komödiant –«

»Könnt' einen Pfarrer lehren«, murmelte Otto. »Ist das so gewiß? Ich verstehe einiges von Soldaterei und Nautik, sehr viel von Jagd, der Autor war Soldat, kannte die See, war Weidmann von Fach mit Leib und Seele, ich denke ihn mir als Oberförster im Sherwoodwald. Außerdem muß er Jus studiert haben, ich merke das als Jurist. Das Theater kannte er, nun ja, deshalb braucht er noch kein Histrione gewesen zu sein. Goethe und Schiller kannten auch das Theater. Vor allem aber, sag' ich dir, der Mann kannte Staatsgeschäfte genau, wußte, wie es dabei zugeht, das merk' ich, das kribbelt mir in den Fingern.«

Blanckenburg sah ihn dumm an. »Was soll nun das? Soll der Name des Autors gefälscht sein?«

»Wie man's nimmt. Shake-Speare heißt Speerschütteler, das klingt doch verteufelt nach Pseudonym. Es mag sich ein hoher Herr hinter einem Strohmann versteckt haben. Nimmermehr glaub' ich, ein beliebiger Schmierenschauspieler habe solche Werke vollbracht. Das ist unmöglich und die Begriffsstutzigkeit der gelehrten Kommentatoren erstaunlich, die an solchen Aberwitz glauben.«

Blanckenburg schüttelte den Kopf. »Schon wieder eine neue Schrulle! Entschuldige! Aber es ist doch sicher unmöglich, daß ein Mensch von Genie im Verborgenen bleibt und sich nicht nennt.«

»Meinst du?« Ein eigentümlicher Blitz schoß unter den buschigen Augenbrauen hervor. »Eins kann sich jeder vorstellen, daß nämlich ein Genialer gar nicht an die Oberfläche kommt, weil das Schicksal nicht will. Von da ab aber ist nur ein Schritt zu der Möglichkeit, daß er persönlich nicht gekannt sein will, daß er nur seinen geheimen Werken lebt und den Ruhm verachtet. Die Welt ist gar nicht wert, daß ein Speerschütteler sich ihr preisgibt.«

»Das ist mir zu hoch. Doch um von ernsteren Dingen zu reden, von deinem Seelenheil: bist du glücklich bei deinem Träumen und Vagabundieren?«

»Das könnt' ich nicht sagen. Über Gott und Jenseits sagen mir alle Denker und Dichter nichts Gewisses, und ich habe manchmal das Bedürfnis, mich daran aufzurichten, daß dies sündige Leben doch einen Sinn habe.«

»Siehst du wohl!« Auf der Stelle stürzte sich der fromme Junker in einen theologischen Diskurs. Otto hörte geduldig zu und schwieg. –

Auf seinem treuen Caleb, einem muntern Klepper, ritt er meilenweit durch die Rieselfelder, wo saftiges Wiesengrün und Wasserflächen unter schattenden Eichen in der Sonne blitzten. Im Park des sogenannten Dombergs kamen dukatengroße Blätter von Flieder und Faulbaum heraus, die Stachelbeeren zeigten eine frische, giftgrüne Farbe, weiße und blaue und gelbe Primeln konnte sich der Junker zum Strauße winden. Das waren ja die Couleurs seines eigenen Wappenschildes. Doch für wen winden? Es kam über ihn jene weiche Schwermut träumerischer Versonnenheit, die ein Dichter in die Worte goß: Ich liebe eine Blume, doch weiß ich nicht welche... ich such' ein Herz so schön wie das meine, so schön bewegt. Diese Heiden und Büsche, Seen und Ackerfelder, die Kätnerhäuser und Tagelöhner kannte er von Kind auf, er hatte hier unter manchen Baumes Wipfel gespielt und geschlafen, den er einst selber gepflanzt. Ein feiner Regen rieselte auf die von leichtem Wind bewegten Grashalme nieder und verfing sich plätschernd im Gebüsch, durch dessen Lichtung ein mattes Abendrot hereinlugte. Und dem seltsamen Menschen wurden die Augen naß. Wie der Regen sickerte, schienen salzige Herzenswasser ihm bis zum Munde zu steigen. Jugend, Begabung, Vermögen, Gesundheit, wieviel davon hatte er schon vergeudet, verpraßt, über Bord geschleudert! Er kam sich merkwürdig alt vor. Und wozu führte all das jugendliche Überschäumen? Zu einem Wrack ohne Hafen, zur Reue eines entweihten Herzens über dumme, plumpe Genußsucht ohne wahres Genießen. Was liebte er? Nichts. Wer liebte ihn? Niemand. Doch was darf man weiter verlangen von einem mittelmäßigen Leben, wenn man selber nur mittelmäßig! Er dachte an den Jüngling Carlos »und nichts für die Unsterblichkeit getan«, und lachte bitter. Als ob man so leicht was für die Unsterblichkeit tun könnte! Ein pommerscher Landjunker baut seinen Weizen und Hafer und damit holla, das Abendrot soll ihn ungeschoren lassen, denn weder Poesie noch Ruhm bescheinen seinen gediegenen Viehstall. –

Das klirrende Waffenhandwerk wäre wohl noch die einzige Rettung für ein so unbefriedigtes Dasein. Unter dem Vorwand, die angenehme Gesellschaft einiger Kameraden länger zu genießen, machte er sich gründlich mit dem Reiterdienst bekannt. Diese Waffengattung gefiel ihm am besten, und er führte theoretische Diskurse darüber, ob ihre Rolle als Königin der Schlachten schon ausgespielt sei, wie die von der Infanterie behaupteten. Als er aber seinem alten Herrn mit der Absicht herausrückte, aktiv einzutreten, riet ihm der sorgliche Vater dringend ab. Das sei Fahnenflucht, die Güter im Stich zu lassen, kaum daß wieder etwas Schwung in die Bewirtschaftung kam. Auch erinnerte er ihn daran, beim Andenken der seligen Mutter, daß man von ihm immer noch Ausnutzung seiner Geisteskräfte erwarte, die im Soldatenlager weggeworfen seien. »Versuch's doch noch einmal mit dem Staatsdienst, wenn du denn schon die Landwirtschaft satt hast. Mach' dein Assessorexamen, dann wird's schon gehen wie geschmiert!«

Den Rittersitz Kniephof umgaben Wiesen, Gehölze, Karpfenteiche, das Flüßchen Zampol floß unfern vorbei. Der schmucklos einfache Fachwerkbau prunkte nicht mit malerischen Reizen, den reichen Wildstand hatte zu eifriges Weidwerk gelichtet. Pistolenschüsse in den Schlafzimmern abgerechnet, vor denen der Kalk bröckelnd auf die Langschläfer fiel, wußte Otto es seinen Gästen behaglich zu machen. Doch später verbreiteten manche lustigen Gesellen, daß im Kneiphof – so taufte der Volkswitz den Ort – die Welt einziehe, wo man sich langweilt. Der Wirt zettele plötzlich ernste politische Gespräche an nebst den Rädelsführern Dewitz-Maserow und Bülow-Hoffelde. »Scheußlich liberal is er auch, hat die bekannte Premierleutnants-Melancholie. Hol' mich dieser und jener, man mopst sich sträflich«, gestand Gutsnachbar von Knobelsdorf. Als ihm in Schönhausen Korn verhagelte und Bäume abstarben, verleugnete Otto sogar den Bacchus, hustete und unterschrieb sich an Malwine »Dein schwindsüchtiger Bruder!« Nichtsdestoweniger blieb er aufs Reiten so versessen, daß er mal zu einer Abendgesellschaft in Polzien sieben Meilen zu Pferd durchmaß und Reisen im Wagen für größere Strecken verschmähte. Deshalb machte er freiwillig Dienstübungen der 4. Pommerschen Ulanen mit, geriet aber mit dem Regimentskommandeur v. Plehwe in Zwist. Dieser schurigelte den vertrackten Landwehrleutnant eklig und beschied ihn häufig zum Wirtshaus »Goldener Mops«, einen Rendezvousplatz zwischen Treptow und Greiffenberg, den Garnisonstädten der Ulanen, um ihm den Kopf zu waschen. Der Freiwillige trieb es freilich arg in den Freistunden. »Der Bürgermeister von Treptow, ein so umgänglicher Mann, klagt mir sein Leid über Ihre Unsitte. Sie setzten sich auf die Bank vor dessen Haus und rauchen wie ein Schlot.« »Herr Oberst gestatten die gehorsamste Motivierung, daß der Herr, weil er den Tabak haßt, uns Offizieren das Rauchen auf der Straße verbieten will. Nun gut, dann lassen wir uns gehorsam auf seine Hofbank nieder, dem Wanderer zur kühlen Rast bereitet.« »Ich verbitte mir Poesie im königlichen Dienst, Wilhelm Tell steht nicht bei den Ulanen. Der Herr bedeutete Sie, sein Haus sei kein Gasthof. Sie haben einem hohen Magistrat Gehorsam verweigert.« »Zivilisten habe ich nicht zu gehorchen.« »Dann mir! Die Tabaksblockade ist aufgehoben und, wer zuwiderhandelt, mit Arrest bestraft.« Sofort meldete sich Herr v. Bismarck in Zivil ab, warf dem Oberst einige liebenswürdige Grobheiten ins Gesicht und schritt spornklirrend von dannen, der militärischen Machtsphäre entrückt. Noch lange zitierte ihn General v. Plehwe als Beispiel eines übermütigen stockpommerschen Erzjunkers, gleich verdorben für die Armee wie für jedes Zivilamt.

Frau Marie v. Blanckenburg, geb. Thadden-Trieglaff, vereinte reine Frömmigkeit mit feiner Bildung und fraulichem Verstand. Sie erfaßte den berüchtigten Kniephofer richtiger als andere Damen und hielt ihm die Stange, bemühte sich die Jugendfreundschaft ihres Moritz mit Otto zu vertiefen. So lebhaft ihn die Güte der edlen Hausfrau ansprach, wollte aber ein näheres Verhältnis zu Blanckenburgs gottesfürchtigem Bibelchristentum nicht in Fluß kommen. Am zweiten Weihnachtstag 1844 fand er zu Cardemin im roten Zimmer unter der roten Ampel einen strammen Herrn in Uniform sitzen, dessen bärbeißiges Gesicht mit buschigem Schnurrbart, massivem Kinn und scharfen Falkenaugen ihm gefiel.

»Hauptmann v. Roon!« Das war ein sehr gelehrter Offizier, Schüler des Geographen Ritter, daher später Ehrendoktor der Universität Halle. Dieser ausgezeichnete Generalstäbler sprach klar und bedächtig über die Schäden der Zeit. Der Armee tue eine Reform an Haupt und Gliedern not. Sein kluger Blick musterte den langen Junker, von dem er schon viel hörte, mit durchdringendem Verständnis. Beide dachten unwillkürlich: dem möcht' ich nähertreten. –

Seit Jahren laborierte Otto an neuem Herzensübel, das sich nach Schönhausen hinüberspielte. Er fand in der Altmark jene Schöne von gutem Range, deren Ballreize ihn etwas aufregten und an die man ihn standesgemäß verheiraten wollte. Anfangs sträubte er sich, gleichwohl kam ein halbes Verlöbnis zustande. Sinnlicher Anreiz herrschte vor. Schon nach wenigen Wochen erwarb er sich aber die Ungnade der künftigen Schwiegermutter, die ihn allzu unverfroren über sein Vermögen ausholte.

Eines Sonntags ritt er mit seiner Huldin und einer Kavalkade von Standesherren durch die grüne Landschaft von Jerichow, über der die Sonne lag und die Glocken läuteten. Das metallene Christusbild an der Redeliner romanischen Kirche blitzte, um das uralte graue Steinwerk säuselten hohe Pappeln.

»Wie die Glocken mir wohltun!« Er atmete hoch auf.

»So fromm, Otto?« fragte sie halb spöttisch.

»Das nicht, doch es tönt so viel Poesie heraus.«

»Nanu? Die Leute sagen doch, du seist ein Heide. Ich natürlich bin gute Christin, Mama hält darauf. Ist dies da Alvenslebens Herrenhaus? Zu pauvre für meinen Gout. Die Felder sind wohlbestanden, Jagd scheint gut. Schau, Damwild!« Am Laubwaldstreifen ums Nadelholz der märkischen Heide äugte ein scheues Reh, witterte neugierig und galoppierte davon, um tiefer im Innern zu äsen.

Er hielt den Zügel an und sog den Duft ein, der von Blüten alter Linden und den Rosengärten von Jerichow aufstieg, geschwängert mit Heugeruch der Landmark. »Die Natur in ihrer holden Einsamkeit stören ist eigentlich ruppig.«

Sie zuckte die vollen Schultern und verzog den Wund. »Sentimental? Wozu ist Wild da, als um geschossen zu werden? Jagd ist gottvoll. O, hier ist Fischbeck. Euer Grund und Boden, nicht?«

»Macht sich«, erwiderte er zerstreut. Sein Blick schweifte über die Fähre und den Elbspiegel nach Tangermündes Türmen, wo Karls IV. alte Kaiserburg ragte. »Dort drüben stand die Gerichtslinde, wo ein Kaiser Hof hielt. Ein deutscher Kaiser in unsrer Mark statt im goldenen Mainz oder anderen Pfalzen am Rhein und Harz! Wird nimmer wieder vorkommen, daß ein Markgraf von Brandenburg den Kaisertitel trägt. Eigentlich war's ein Ausländer, ein halbdeutscher Böhmake, aber –«

»Was du nur immer in muffigen Scharteken wühlst!« unterbrach sie ihn schnippisch. »Das ist so lange her, daß es gar nicht mehr wahr ist.«

Er sah sie von der Seite an und schwieg. Nun fuhr man nach Schönhausen hinüber. Die Begleiter stritten über das Wappen der Kattes, deren Besitztümer zwischen Havel und Elbe verstreut liegen.

»Blauer Schild mit weißer Katze, die eine Maus im Maul hält! Riecht nach Raubritterei!« meinte ein junger Gardeoffizier, Graf Wartensleben.

»Deshalb ist's bei uns über der Tür in Stein gehauen«, lachte Otto gleichmütig. »Wir Märkischen waren schlimme Brüder. Unsre Ahnfrau war eine Katte. Wir sind hier meist verschwägert, so Kattes mit Euch Wartenslebens.«

»Ganz recht. Euer eigenes Wappen gefällt mir besser: goldenes Kleeblatt im blauen Feld, mit silbernen Eichblättern in drei Winkeln.«

»Ich hätte nichts dawider, wenn wir ein Schwert oder sonst Gewalttätiges im Schilde führten.«

»Glaub's wohl«, schnitt eine scharfe Stimme dazwischen, die der künftigen Schwiegermama. »Sie haben ein Stück Tyrann im Leibe, gelt?« Sie blickte auf den schwefelgelben Kragen und Mützenstreifen der Landwehrreiter, deren Uniform der letzthin zu einer Übung eingezogene Otto trug, als sei dies die Livree des Höllenfürsten. Fritz Bismarck-Bohlen fiel rasch ein:

»Warum nicht gar! Wir Bismärcker waren stets gute Kerls und sanfte Gutsherren. Das weiß der Bauer. Da bin ich stolz drauf.« Bohlens und Wartenslebens, »liberal« angehaucht, suchten das Edelmännische in friedlich freundlicher Gesittung. Ottos Schöne aber schmollte und stichelte:

»Bohlens haben einen roten Greifen im zweiten Silberfeld und Büffelhörner über dem Helm. Das sieht viel imposanter aus.«

»Besagte Büffel führen wir auch«, berichtigte Otto ruhig. »Das bedeutet Büffelmark. Hörner lassen wir uns freilich nicht aufsetzen, und die diversen Greifen der Bohlens zeigen an, daß wir feste zugreifen.«

»Den Sparren nicht zu vergessen«, flocht die unartige Schwiegermama spitz ein.

»Der Sparren aus roten Stufen und der Baumstamm im Helm,« erläuterte Fritz gemessen, »bedeuten vermutlich, daß wir gerne mit dem Zaunpfahl winken, wenn jemand uns ans Tor poltert, und einen tüchtigen Sparren im Kopfe haben, wenn jemand uns am Helme zaust.«

Otto warf ihm einen dankbaren Blick zu. Die liebenswürdige Xanthippe nickte jedoch tiefinnig zu solcher Auslegung und seufzte schwer. Ihre holde Tochter hauchte:

»Ach, Ihre schwarzweißen Straußenfedern mit der Silberraute und die güldne Grafenkrone überm Helm! Euer Wappen, Otto, ist doch zu einfach.«

Ihm schwoll eine Zornesader. » Take or leave it! Mit Bohlens Krönlein können wir nicht aufwarten, Komteß. Grafen machte jeder Fürst, Ritter machte Gott. Unterschied der Titel hebt die Adelsgleichheit nicht auf.«

»Selbstredend!« beeilte sich Graf Wartensleben zu bejahen, und Vetter Fritz bekräftigte: »Kleeblatt bedeutet Treue, und das ist der wahre Adel.«

Die schnippische Schöne und die unmögliche Schwiegermutter hatten am Innern von Schönhausen viel auszusetzen. Bei der Inspektorsgattin Bellin, die einst Otto und seine Geschwister auf den Knien gewiegt, einer derben, tüchtigen Märkerin mit hellen Augen, stolz auf ihre Riesenküche mit dem berühmten Salzkastenpfeiler, erwarben sich die anspruchsvollen Damen kein Wohlwollen.

»Die Olle klappert mit de Oogen!« entdeckte sie das veraltete Bedürfnis der intriganten Witwe, auch noch Gegenstand zärtlicher Blicke zu sein, was ihr künftiger Eidam freilich vernachlässigt hatte.

»Eins mißfällt mir hier«, bekannte dieser. »Ich habe eine Stunde zu reiten, ehe ich ins Holz komme, und der schwere Weizenboden ist klumpig. Als Reiter ziehe ich deshalb Kniephof vor.« Die Linden am unteren Ende der großen Allee und die besonders schöne erste Kastanie zunächst am Schlosse, wo ein breiter, gepflasterter Weg sich der Einfahrt mit gemauerten Pfeilern näherte und im Schloßhof eine mächtige Linde vor einer Sandsteinvase aufragte, warfen stillen, grünen Schatten umher. Das hohe Dach des schweren Gebäudevierecks umspielten goldige Sonnenlichter. Doch von der prächtigen Dorfkirche mit der schöngeschnitzten Kanzel kam ein heiserer Klang. Die Glocke, geborsten und noch nicht umgegossen, schien mit Mißton Unheil zu prophezeien.

Dies blieb nicht aus. Nachdem die halboffizielle Verlobung sich längere Zeit hinschleppte, zeigte Otto dem Vetter Fritz eine erbauliche Zuschrift der Schönen, die unter ziemlich beleidigendem Vorwand das Band löste. »Ich bin ein unerträglicher Charakter? Das edle Mutterherz hat den Schmarren diktiert. Um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sie ist die böseste Hexe zwischen Elbe und Havel. Ich könnte unangenehm werden, die Herren Brüder meiner treulosen Flamme zu Schießerei einladen, doch Manöverfechten gegen Staub und markierte Feinde verdarb mir den Geschmack. Gewinst in der Ehelotterie ist mir nicht beschieden, doch dadrum keine Feindschaft nich! Ich will den Kopf schon über Wasser halten.«

Um dem guten Alten zu Willen zu sein und seine trübe Einsamkeit loszuwerden, verpflanzte sich Otto wirklich nach Potsdam zurück an die Stätte seiner früheren Tätigkeit als Referendar. Schon bei den Antrittsvisiten spürte er, daß die Räte, seine einstigen Vorgesetzten, ihn als einen Abtrünnigen, einen sozusagen der Schule Entlaufenen betrachteten, der nun nonchalant seine unregelmäßige Beamtenlaufbahn wieder aufnehmen wolle. Die Kühle des Empfangs trug nicht dazu bei, seine guten Vorsätze zu verstärken. Außerdem fühlte er heraus, daß die alte Abneigung der höheren Beamten gegen das konservative Junkertum eher noch zunahm. »Haben lauter liberale Mucken im Kopf!« klagte er seinem Vetter Fritz, der ihn besuchte. »Unsereins von unserer Klasse, die Rittergutsbesitzer, sollen alle nach ihrer Pfeife tanzen.«

» Qu'importe! Hoffentlich wird diesmal etwas daraus, daß du in die Karriere kommst. Deine Kusine in Karlsburg und Linchen sind noch heut untröstlich über den Refüs, den du damals gabst, als sie dich im Amte festhalten wollten.«

»Meine gnädige Kusine und Karoline urteilen eben nach dem Schein, wie Frauenzimmer tun«, rief Otto ärgerlich. »Von der Folter, die ein regsamer Geist am grünen Tisch der Staatsmandarinen aussteht, haben sie keine Ahnung. Lauter chinesische Zöpfe! Damals war ich 23 Jahre alt, das Alter der Illusionen, heut bin ich volle 30, um so viel Illusionen ärmer. Damals hatte noch die praktische Nationalökonomie des Landwirtberufs, wenn ich mich so ausdrücken darf, den blauen Dunst ferner Berge. Heut weiß meine Erfahrung das arkadische Glück doppelter Buchhaltung und chemischer Düngerstudien richtiger einzuschätzen. Also will ich mal wieder hier mein Glück versuchen, weil das eine so gut Essig ist wie das andere. Ein Referendar von 30 Jahren, der erst jetzt vor dem letzten Staatsexamen steht, ist freilich keine erfreuliche Erscheinung.«

»Da hast du's!« Der liebenswürdige Graf Bismarck-Bohlen, der seinen Vetter gern hatte und sich ehrlich um dessen Fortkommen sorgte, seufzte. »Wie mancher deiner Alters- und Standesgenossen ist schon rasch avanciert! Das hättest du auch haben können. Kränkt dich das nicht?«

»Vielleicht ein bißchen. Ich war nicht ohne Ehrgeiz, doch mein einsames Leben hat mir das ausgetrieben. Glück ist nicht außer uns, nur in uns, und wer nicht glücklich im Innern ist, dem kann's gleich sein, wie er draußen im Leben steht.«

»Hat dir's denn niemals leid getan, daß du damals den Abschied nahmst?«

»Vielleicht später, als das Landleben mich anödete. Doch meine Meinung über die Misere der Staatsdienerei ändere ich nicht, trotz dieses erneuten Anlaufs auf eine Ministerstelle, die man mit Gottes Hilfe als Greis erklimmt. Es ist nur – ich spüre gewisse Fähigkeiten, und die wollen doch etwas zu tun haben, wie ein Pferd im Stall krank wird, wenn man es nicht zum Traben ausführt.«

»Dann bist du also jetzt im besten Zuge.«

»Ich glaube kaum. Täglich beklag' ich, daß ich nicht eine Kunst treiben kann. Schriftstellern, das ist noch die einzige Freiheit, die ein moderner Mensch hat. Da kann er sich ausleben. Doch was sollt' ich schreiben! Für schöne Literatur fehlt's mir an Talent, und politische Flugschriften sind langweilig und gefährlich.«

»Um Gottes willen nicht! Warum legst du so hohe Maßstäbe an die Beamten an? Denk' doch an den Spruch: Alles verstehen heißt alles verzeihen.«

»Die diese Phrase im Munde führen, sind meist Leute, die nicht verstehen, was über ihren Horizont geht, und nicht verzeihen, was sie nicht verstehen. Dieser humane Schmuß ist eitel Humbug. Man verzeiht das Gemeine und Schlechte, wittert aber in allem Ungemeinen und Hohen eine feierliche Pose. Die Mittelmäßigen machen immer Front gegen jeden, der aus ihrer Art schlägt, ihre eigene kindische Eitelkeit fühlt sich tödlich gekränkt vom Selbstgefühl des Größeren, Genie taufen sie Größenwahn, und daß sich einer nicht unterdrücken lassen will, nennen sie geistesgestörte Überhebung. Was aber wäre wohl lächerlicherer Wahnsinn als die Unverschämtheit der Gewöhnlichen, einen Ungewöhnlichen beurteilen zu wollen! Davon sollte doch jeder Vernünftige die Finger lassen. Verzeih den Exkurs! Doch ich mag das nicht hören: Tout comprende c'est tout pardonner! Wer versteht denn und wer verzeiht?«

Der Vetter ging betrübt weg: mit Otto ist's manchmal nicht ganz richtig. –

Die so verschiedene Weltanschauung der Beamten und ihres Referendar-Mitarbeiters spitzte sich immer mehr zu. Es kam zum Klappen, als er einen Rapport über Kompensationen aufsetzen mußte, wodurch Landeigentümer wegen zwangsweiser Abtretung von Ländereien für Staatszwecke entschädigt werden sollten. Dieser unglaubliche Referendar erlaubte sich, das Recht des Staates gewissermaßen in Frage zu stellen. Sein dreistester Satz lautete: »Man kann mich nicht in Geld bezahlen, wenn man den Blumengarten meines Vaters in einen Karpfenteich und das Grab meiner verstorbenen Tante in einen Aalsumpf verwandelt.« Entschieden, der Rebell machte ein Fiasko. Sein höchster Vorgesetzter ließ ihn vor sich bescheiden und bedeutete ihm unter vier Augen: »Ihre Ausdrucksweise scheint mir geradezu ungehörig.« Sämtliche Brillenträger betrachteten diesen unregelmäßigen Outsider als einen Eindringling in das Reich des heiligen Bürokratius. Als er daher um Urlaub einkam, weil Verhältnisse seiner Güter seine Anwesenheit heischten, ließ ihn sein Chef lange im Vorzimmer warten, obschon die Tür seines Amtszimmers offenstand. Otto setzte sich ans Fenster und trommelte mit den Fingern auf den Scheiben den Dessauer-Marsch. Je länger das Warten währte, desto lauter wurde das Geräusch, mit dem er sich die Zeit vertrieb, und schwoll aus Adagio zu einem wahren Crescendo an, das endlich den mit Petschaft und Siegellack Arbeitenden von seinem Bureau vertrieb. »Was wünschen Sie?« frug der Vorgesetzte barsch. »Und was soll dieser unziemliche Lärm?«

Otto erhob sich in seiner ganzen Länge, überkochend von Ärger. »Das war das Paternoster des preußischen Patrioten.« Und mit der unschuldigsten Miene setzte er hinzu: »Ich wollte um Urlaub nachsuchen, doch Herr Geheimrat gaben mir so lange Zeit zum Überlegen, daß ich nun lieber gleich um meinen Abschied nachsuche.« Der Vorgesetzte stierte ihn an, wie Polonius den Hamlet, und stotterte wutschnaubend hervor, daß dieser lobenswürdigen Absicht nichts im Wege stände. –

So stand der Junker vom Kniephof also wieder draußen. Aus und zu Ende mit dem Staatsdienst! Als er heimfuhr, dachte er: Wenn ich nicht Reiterschwadronen drillen darf wie Cromwell, so kann ich doch, wie der mal wollte, nach Amerika auswandern. Ich will an Motley und Coffin schreiben, ob sie dort einen Ranch, eine Farm, einen jungfräulichen Boden für mich wissen. Ich bin ein Farmer, weiter kann ich nichts. Mit der Armee in Friedenszeiten würd' ich vom Regen in die Traufe kommen. In einer kleinen Garnison versauern, wäre Selbstmord. Na also, pflanzen wir weiter unsern Kohl! Die Sonne scheine auf Gerechte und Ungerechte, wenn sie nur auf meinen Weizen scheint! Das Weltverbessern überlasse ich anderen, ich will mein eigenes Los verbessern und als Landmann meine Ochsen mästen.

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