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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Referendar Bismarck saß am Schloß von Heidelberg und leerte seinen Schoppen edeln Rüdesheimer mit jenem Verständnis für süffigen Rebensaft, der ihm von jeher eigen blieb. Die Linden dufteten, doch ihm war nicht minneselig und lenzduselig zu Sinn, sondern er schnitt ein grimmiges Gesicht und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich will dir was sagen,« wandte er sich an einen ehemaligen Kommilitonen, den er als bemoostes Haupt in Alt-Heidelberg wiederfand, »vor der alten Schloßruine sollte jeder Deutsche einen Kniefall tun und die Rechte zum Schwur erheben. Diese Mordbrennerhorde von Franzosen! Nicht vestigia leonis, sondern Tigerkrallen! In Speier hat man die nämlichen Reliquien an die Franzosenzeit. Das muß alles heimgezahlt werden mit Gottes Hilfe.«

»Ach nee!« gähnte der andere gleichmütig. »Der liebe Gott tut was er will, und deine Hilfe wird er wohl auch nicht brauchen.«

»Das hab' ich nicht gesagt, wir kleinen Leute können nur hoffen, daß mal ein Großer kommt. All das Unrecht ist noch ungesühnt, das dieser Erbfeind uns antat jahrhundertelang.«

»Und wer war schuld daran als wir selber? Du hast ja historische Kollegien besucht, ich nicht, aber so viel weiß ich doch, daß die Bayern immer zu den Französischen hielten, und gar erst die Rheinbündler nachher unter Napolium.«

»Das ist ja eben die deutsche Affenschande. Aber das ist gottlob vorüber. Jetzt stehen die Deutschen besser zueinander. 1836 ist nicht 1806.«

»Wer's glaubt! Im Süden schwärmt man immer noch für die Franzosen. Und das ist doch wirklich eine große Nation, uns weit voraus.«

»Was?« fuhr der Märker auf. »So 'n bißchen Französ'sch is doch jar zu scheen! Ich sage dir, ich lass' mir nichts vorreden. Wir, wir sind erst recht ein großes Volk und den windigen Welschen weit voran, wenn wir's nur verständen. Paß auf, wir erleben's noch, daß Deutschland in die Höhe kommt. Glaubt' ich das nicht, so möcht' ich lieber gleich zum Teufel fahren!«

»Fahr' ab! Es steigt der Kantus: Als der Sandwirt von Passeier Innsbruck hat mit Sturm genommen. Prosit, Andre Hofer!« Und der deutsche Michel sang mit schmetternder Stimme: »Ließ er gleich drei Dutzend Eier und drei Dutzend Schnäpse kommen!« Das ist so wunderlich, wenn dir die deutsche Nation im Magen liegt! Die wartet nicht auf dich. Was geht's dich an! Den Karren zieht kein Engel aus dem Dreck!«

»Daß laß man gut sein. Wird schon mal einer aufstehen, der mit dem Deibel abfährt!«

»Ach, Herr Bruder sind ein unverbesserlicher Optimist!« lachte der Bemooste. »Die Schwarzrotgoldenen werden den Kohl wohl auch nicht fett machen!«

»Nein, die nicht! Doch vielleicht gibt es andere Wege.« Der Märker sah starr in die Ferne, auf seiner Stirn grub sich über der Nasenwurzel eine tiefe Falte ein. »Na adjes, ich muß morgen nach Aachen weiter!«

»Aachen? O weh!« Der Bemooste zwinkerte mit den versoffenen Schweinsäuglein. »Die Bäder für gewisse Leiden!«

»Laß das dumme Zeug! Ich habe mit so was nichts zu schaffen.«

»Immer noch der keusche Josef? Na, nichts für ungut! Handelt sich wohl um Staatsstreberei?«

»Habe mich zur rheinischen Regierung versetzen lassen, wo man den Kursus in zwei Jahren absolviert, bei uns in Altpreußen dauert's ein Jahr länger.«

»Ach, könnt' man auch so die Semester abkürzen! Willst wohl hoch hinaus?«

Der Referendar stand auf. »Weiß ich's? Auch Umwege führen nach Rom!«

»Gottes Segen, Sela, Amen! Strebsamer Jüngling, wenn du erst an der Staatskrippe sitzest, da wirst du auch viel Wasser in den Wein schütten und den deutschen Herrgott einen guten Mann sein lassen. Deutschland wird weiter schnarchen, wie der famose Dichter Heine singt, und sein Erwachen erleben wir beide nicht. Prost! Ich komme dir die Blume und werde dir einen Bierjungen anhängen, alter Herr!«

»Ein andermal. Adieu!« – –

Der Präsident, Graf Arnim-Boitzenburg, empfing seinen neuen Beamten wohlwollend. »Seien Sie willkommen! Mein Neffe Harry, der Sie ja seit Kindesbeinen kennt, hat mir viel Schönes von Ihnen erzählt. Etwas Original, wie? Nun, das gibt sich mit den Jahren. Ihr Übergang zur Verwaltung nach der bloßen Juristerei wird Ihnen wohltun. Sie treten so in den inneren Kreis der Staatsmaschinerie ein, in wahrhaft bedeutende Verhältnisse, etwas eigenartige allerdings, denn hier spukt der weiland französische Präfekturgeist. Wir werden gottlob damit fertig. Im übrigen finden Sie hier ein bewegtes, internationales Leben im Badeort, das einen jungen Mann lebhaft anziehen wird. Sonst bietet freilich Aachen nichts.«

»Ich meine doch ... das Grab Karls des Großen.«

»Historische Reminiszenzen?« Der Präsident maß diesen sonderbaren Schwärmer mit mißtrauischen Blicken. »Leiden Sie öfters daran, mein junger Freund? Karl der Große selig liegt nun wirklich so lange im Grabe, daß wir ihn als Sage betrachten dürfen wie den hochseligen Barbarossa im Kyffhäuserberg. Um Auferstehung dieser alten Herrschaften kümmert sich ein kgl. preußischer Beamter am besten gar nicht, Träume sind Schäume. Also, Herr v. Bismarck, ich werde Sie beim Abteilungsdirigenten einführen, dessen Ressort ich Sie eingliedere, und begrüße Sie freundlich als Mitglied der hiesigen Regierung.«

– Otto Bismarck hatte sich's nicht nehmen lassen, das legendäre Grabmal zu besuchen, sogar mehrmals. Sein Abendspaziergang führte immer an dieser geweihten Stätte vorbei. Der Mondschein spielte auf dem Platz, der von seinen festen Tritten widerhallte. Mancherlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Kaiser Karl war ein Genie, ohne Zweifel, obschon ein grausamer Gewalthaber und im Privatleben nicht tadelfrei. Seltsam, daß fast alle großen Männer dem Laster zuneigen. Da war z. B. Peter der Große, wirklich groß, doch als Mensch ein großes Schwein. Mir ist so etwas unbegreiflich und gegen die Natur. Der Mann hatte doch ein unerschütterliches Ideal, dem er alles opferte: Die Idee Rußland. Sogar den eigenen Zarewitsch brachte er diesem Götzen zum Opfer. Götzen? Gibt es Göttlicheres als die Hingabe an die eigene Nation und ihre Größe? Nun, der Franke Karl hat deutsche Kraft hoch erhoben, aber sie auch geschwächt. Wozu germanisches Herrenblut zu den Galliern tragen? Dadurch hat er uns einen kriegstüchtigen Nachbarn beschert, der uns so lange den Daumen aufs Auge drückte. Im Grunde hat die französische Revolution uns genützt, indem sie den blonden germanischen Adel meist aufs Schafott schickte. Jetzt blieben nur die schwarzen Rundköpfe zurück. Die Gallier, händel- und neuerungssüchtig, waren allein nie stark genug, den Rhein gegen die Germanen zu halten. Im Elsaß sitzen echte Alemannen, und die Lothringer sind ein Mischvolk. In Metz, der alten Reichsstadt, mußte ein Ratmann deutschen Geblüts sein von vier Ahnen her. Und wodurch haben wir alles verloren? Durch Verrat von deutschen Fürsten gegen das Kaisertum. Lothringen hat Moritz von Sachsen, Elsaß der Sachse Bernhard ausgeliefert. Das werden wir wohl nie zurückbekommen, seit der Wiener Kongreß uns um alle Siegesfrüchte prellte und Straßburg nicht zur deutschen Bundesfestung erhob. Im übrigen hat uns Karl der Große geradeso geschädigt wie später die Ottonen, Salier und Staufen, indem er dem Phantom eines römischen Cäsarenreichs in Italien nachjagte. Solche internationalen Gebilde haben keinen Bestand, das lehrt die Geschichte, lehrt auch noch Napoleons Empire. Den Charlemagne spielen verbietet sich heut von selbst, wo die großen Völker ihre eigene seßhafte, in sich abgeschlossene Kultur pflegen. Die Rassen fügen sich zusammen schon vermöge der Sprache. Um so mehr ist der Zustand in Deutschland und Italien unnatürlich, alles drängt hin zum Nationalstaat. Aber das ist leichter gesagt als getan. Unsere schwarzrotgoldenen Einheitsschwärmer erinnern an den armen Otto III., der hier am Grabe Kaiser Karls in seiner Phantasie sich gütlich tat. Gott behüte uns vor solchen Romantikern auf dem Throne! Unser jetzt regierender Herr, Friedrich Wilhelm III., ist ja von nüchterner Art, und ich verdenke ihm nicht, daß er die dummen Jungen, die allzu grünen Jungen, der schwarzrotgoldenen Turnerei für bloße Demagogen hielt. Die heutigen sind gefährlicher, lauter verkappte Republikaner! Eine deutsche Republik, daß Gott erbarm'! Kein Land ist weniger zur Republik geeignet als das deutsche. So viel verstehe ich auch noch, so jung und unerfahren ich bin. Der monarchische Sinn lebt tief im Volke. Aber die Fürsten selber – ah, das sind ja lauter Egoisten, die kein Herz haben fürs gemeinsame Vaterland. Wie soll da je die Einigung zustande kommen! Meine Wette mit Coffin verliere ich ohnehin, das sehe ich schon voraus. Diese teutschen Allheilbrüder! Französlinge, die geistig nach Pariser Pfeife tanzen! Als ob unsere deutschen Sitten, Bräuche und Gesinnungen sich mit französischen vergleichen ließen! Dieser welsche Import heißt nur dem gesunden deutschen Mark ein Gift einimpfen, eine fremde Blutmischung, die man von selber abstoßen müßte durch natürlichen Prozeß des Organismus. Hier in Aachen ist das auch eine rechte Schweinerei. Die Kollegien strotzen von Präfektur-Sekretären der weiland napoleonischen Verwaltung, und aus Altpreußen schickt man uns nicht im Staatsinteresse die Tauglichsten, sondern solche, die man gerne abschieben möchte. Worin fährt man denn hier besser als bei den Institutionen der Justiz, die mich zu Tode langweilten? Lauter Zopf und Staatsperücke, endloses Protokollgeschreibsel mit Vergeudung kostbarer Zeit. Man denkt immer an Oxenstiernas Wort: wenn die Welt wüßt, mit wie wenig Weisheit sie regiert wird! Ob's bei der hohen Diplomatie anders steht?

Nun, ich kann's nicht ändern und muß froh sein, wenn ich langsam die Treppe hinaufkrieche. Herrgott, erst 21 Jahre alt, noch so ein langes Leben vor mir. Ich muß Schluß machen mit meiner jugendlichen Überhebung und mich bescheiden. –

Romantische Illusionen verbrauchen sich selber. Das lernte Otto auch auf jener Bühne, die nicht die Welt bedeutet, wo man sich langweilt, auf der luftigen Bretterwelt des Theaters. In einer kleinen Provinzialstadt wie Aachen darf man von schauspielerischen Kräften nicht viel erwarten. Nichtsdestoweniger nahm er sich häufig eine Loge, wie denn sein Wechsel von zu Hause ihm ein standesgemäßes Auftreten erlaubte und für etwaige Schulden sein nachsichtiger Vater aufkam, der ihn verzog. Aus reiner Neugier, da ihm Flirten mit Theaterdämchen fernlag, ließ er sich mal hinter den Kulissen einführen, um das Völkchen zu beobachten, das so geheimnisvoll hinter dem Vorhang die gläubigen Zuschauer und Zuhörer anzieht. Es geschah nach Aufführung des »Carlos«, für welches Stück Otto sehr eingenommen wegen der darin breitgesponnenen Haupt- und Staatsaktionen. Er mußte zwar lächeln über die unmöglichen Formen, in denen Marquis Posa mit dem schrecklichen König Philipp verkehrt, vor dem die höchsten Granden während jeder Audienz niederknien mußten wie vor einem orientalischen Sultan. Auch heute dürfte ein Monarch wohl jeden Posa, der ihm Anzüglichkeiten ins Gesicht wirft, an die freie Luft befördern und lediglich den Eindruck schlechter Erziehung gewinnen, daß jemand sich erdreiste, die schuldige Untertänigkeit zu verletzen. Aber Otto dachte sich, daß es schön sein müsse, einem angestammten Lehnsherrn ritterlich ins Auge zu sehen und innerhalb der gemessenen gehörigen Formen ihm die Wahrheit zu sagen. Er dachte sich überhaupt mancherlei. So ergriff ihn die Szene Wallensteins mit dem schwedischen Unterhändler, die beim Publikum spurlos vorübergeht, obschon nur sie den Schlüssel zu des unheimlichen Feldherrn patriotisch großdeutschem Hochverrat liefert. Hätte Schiller, der in dieser Entdeckung des wahren Wallenstein, obschon er spätere dokumentäre Belege nicht ahnen konnte, seinen Beruf zum Historiker bekundete, nur nicht dem Geschmack der Menge als Theaterdichter huldigen müssen! Obschon ihm selber Gemütswallungen nicht fremd, empfand Otto das Breittreten der Max-Thekla Affäre als peinlich störend, indem es von der hohen Politik ablenkte. Dieser düstere Kondottiere, der ein deutsches Herz im Busen trug, hatte nicht nur aus persönlichem Ehrgeiz, sondern zu großem idealen Zweck mit Blut und Eisen das zerrissene Deutschland einigen wollen. Und das ging nur mit Winkelzügen und verdecktem Spiel. So viel sah Otto ein, obschon seinem vererbten royalistischen Gefühl der Mannentreue der Bruch des Fahneneids und Abfall vom Kaiser stark widerstrebten. Doch hinter den politischen Kulissen sieht wohl manches anders aus als von vorn, gerade wie beim Theater.

Denn als er hier hinten um die Bühne wanderte, sah er Prinzessin Eboli. Ihre ohnmächtige Zerknirschung vor der Königin hatte ihm soeben menschliches Beileid eingeflößt. Hier aber stand sie plaudernd und aß eine Schinkenstulle, wobei sie ziemlich unanständige Witze riß. Ja, ja, so wird's wohl immer im Leben gehen: Wird die Kulisse weggeschoben, so gähnt uns statt himmelstürmender Poesie eine Prosa an, matt und schal zum Übelwerden. –

»Ich halte diese Verfügung für drückend und ungerecht«, bekannte einmal der Präsident Graf Arnim offen vor seinem Referendar, der ihm über eine Regierungsmaßregel Vortrag zu halten hatte. »Ich fürchte, sie schadet unserem Prestige in diesen neuen Landesteilen.«

»Kann denn eine so hochgestellte Persönlichkeit wie Ew. Exzellenz nicht eine untertänigste Vorstellung dagegen einreichen?« erlaubte sich Otto anzudeuten.

»Wo denken Sie hin! Das wäre so viel als meine Stelle wert ist. Ich trage kein Verlangen danach, schon jetzt in den pensionierten Ruhestand zu treten. Nein, mein Lieber, wir müssen uns vielmehr mit allem Eifer dafür einsetzen.«

»Gegen unsere Überzeugung?« warf Otto halblaut hin.

»Ach, die goldene Jugend! Ein preußischer Beamter hat keine Überzeugung, das wäre gegen die Disziplin.«

»Exzellenz werden mich vielleicht komisch finden, aber ich frage: wie soll man das vor seinem Gewissen verantworten?«

»Nu sagen Se ooch noch Spickaal!« lachte der joviale Herr. »Solche altdeutschen Scherze lassen Sie sich nur vergehen! Ein kgl. preußisches Gewissen befiehlt nur eins: dem allerhöchsten Herrn zu gehorchen.« Er maß ihn neugierig. »Passen Sie so wenig in die moderne Zeit? Verfügen Sie über solche moralischen Habseligkeiten? Was Sie Gewissen nennen, ist vielleicht nur – schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort – nur jugendliche – wie soll ich sagen –.«

»Vorlautheit«, ergänzte Otto etwas gereizt. »Exzellenz gestatten mir, ein Gewissen zu borgen, wenn Sie mir selbst ein solches nicht zusprechen. Aber wie kann man ohne Gewissen das Bewußtsein haben, dem Wohl seiner Mitmenschen zu dienen? Diese Voraussetzung ist doch conditio sine qua non. Wie kann man Berufsfreude behalten, wenn man nicht wirklich Nutzen stiftet?«

»Ach du lieber Gott! Mein junger Freund, wenn ich Ihre Bedenklichkeiten für unausrottbar ansähe, dann würde ich väterlich raten: Satteln Sie um! Ich machte ohnehin Beobachtungen – Sie sind sehr befähigt, aber sehr zur Kritik geneigt. So was mochte sich einst der Freiherr v. Stein als Luxus gestatten, aber Sie sind nicht Stein, und Sie wissen, wie unsanft er deshalb mit dem allerhöchsten Herrn zusammenstieß.« Der v. Stein ein launenhafter widerspenstiger Staatsbürger sein! erinnerte sich Otto des königlichen Ausspruchs. »Schnüren Sie Ihre Philanthropie als Bündel und werfen es in die Ecke, wie den Schulsack auf dem Gymnasium, den Sie doch auch nicht mehr auf der Schulter tragen. Der Ranzen eines wohlbestellten Beamten führt nicht solches Ballastgepäck. Hören Sie, mein Neffe Harry kommt nächstens her. Ein gewitzter junger Weltmann, das muß man sagen. Der rückt Ihnen hoffentlich den Kopf zurecht«, brach der gütige Präsident mit wohlwollender Handbewegung das unliebsame Gespräch ab. –

Der junge Graf Harry, der soeben sein erstes Examen bestand, erschien als eleganter Fashionable auf der Kurhauspromenade, Arm in Arm mit seinem Jugendfreund Otto, den er auf eine abgelegene Bank zog. »Onkel erzählte mir, Sie haben Raupen im Kopf. Sie, der forscheste Korpsstudent, von dem die Witwen und Waisen der Erschlagenen in Göttingen Wunderlieder singen!«

»Quatsch' nicht so!« unterbrach ihn der ehemalige Mensurenheld unmutig. »Ich werde im Leben nicht Witwen und Waisen machen, selbst die paar Schmisse gereuen mich. Der öffentliche Unfug liegt hinter mir.«

»So ernst und düster wie ein Mohrenfürst? Na also, dann sind Sie ja schon ein wundervoller Berufsmensch im besten Fahrwasser. Da können Sie es weit bringen.«

»Ich zweifle, ob ich zum besoldeten abhängigen Staatsdiener tauge. Bei uns muh man jeder Individualität sich entäußern, immer ins gleiche Horn tuten, als Glied einer Kaste durch dick und dünn im ausgetretenen Lehm dahintrotten. Das paßt mir nicht. Herkömmliche falsche Meinungen kann ich nicht teilen, Mißbräuche nicht kritiklos mitmachen. Ihr Herr Onkel ist ein ausgezeichneter Mann ... auch Bassewitz in Potsdam soll so sein ... doch umsonst kämpfen sie gegen ein Unwesen an, die Art unserer Verwaltung, das Herkommen der Vorschriften ist mächtiger als sie. Die Untergebenen hängen wie Pech und Schwefel zusammen, die Obern müssen die Dinge gehen lassen. Vorgesetzte oder Kollegen darf man nicht offen tadeln, und täten sie noch so Unrecht. Warum werden die Behörden schwer bezahlt, da die Subalternen oft lauter unnütze Schreibarbeit verrichten und die Zeit totschlagen! Zeit ist Geld, Arbeitskraft ist kostbar. Aber ich frage mich oft: werden Beamte besoldet, um das Notwendige zu besorgen, oder stellt man sie an, um Geschäfte für sie zu erfinden, damit sie doch etwas zu tun haben?«

Der junge Graf nahm die Jeremiade sozusagen offenen Mundes entgegen, als könne er seinen Ohren nicht trauen. So ein vorsündflutliches Rindvieh! »Aber, Otto,« begann er mitleidig, »glauben Sie denn wirklich, man wird Beamter aus abstrakter Vaterlandsliebe? Da muß ich Ihnen eine Laterne aufstecken. Die großen Tiere, die als sogenannte große Staatsmänner Furore machen, kennen doch nur eine Triebfeder: die Sucht, berühmt zu werden und zu kommandieren. Die andern, Dii minorum gentium wollen sicheren Broterwerb, weil ihnen das Kapital fehlt, Kommerzielle zu werden oder sonst was Gutes. Egoismus, mon ami, ist das öffentliche Geheimnis von jedermann und Ihre Skrupel, die Sie so rührend vortragen, sollten Sie sich schon an den Kinderschuhen abgetreten haben. Was geht's Sie an, ob der brave Staat das Geld der Steuerzahler für Beamte verplempert, solange Sie selbst Ihr Gehalt pünktlich beziehen? Natürlich,« beeilte er sich geschmeidig zuzufügen, »halte ich Ihren Pessimismus für übertriebene Grillen eines Hypochonders. Unser ehrenfester Beamtenstand ist hoch erhaben über die Anwürfe der Demagogen, die vielleicht,« sein Auge zwinkerte boshaft, »auf Sie nicht ohne Einfluß blieben. Sie sprachen zu einem wahren Freund im Vertrauen, doch empfehle ich Ihnen, teurer Otto, nicht so unbedacht zu plaudern vor minder liebevollen Beurteilern. Die Welt ist schlecht ... o so schlecht! Sie haben keine Ahnung in Ihrem unverdorbenen Gemüt.«

»Harry, Sie haben ja so recht.« Keine Muskel in Ottos männlichem Gesicht zuckte. »Kommen Sie, wir wollen die alte Freundschaft begießen, hier in der Nähe gibt's einen feinen Rüdesheimer.« Er kann wenig Wein vertragen, dachte er. Diesen Hecht muß ich mir mal näher ansehen, wie er im Karpfenteiche zappelt. Harry Arnim, dem sein Onkel auftrug, dem trefflichen tüchtigen Referendar die Mucken auszutreiben, war mit Begeisterung dabei.

»Ich gebe zu, Ihre überlegene Weltkenntnis hat viel für sich«, bekannte Otto nach dem dritten Glase Wein, nachdem er von Position zu Position wich. »Die Befriedigung der Eitelkeit ist auch nicht zu verachten. Wenn unsere Brauchbarkeit durch schnelles Avancement gleichsam amtlich ihr Siegel erhielt, wenn man ein wichtiger Mann wird, der alle Scheitel minder Wichtiger im Staube vor ihm sich neigen sieht, so muß dies das Herz erheben.«

»Ich habe immer gesagt, mon cher ami, in Ihnen steckt ein wahrhaft nobler Kern«, stieß Harry begeistert an. »Es ist so süß, beneidet zu werden. Und dann die Glorie um die ganze werte Familie, besonders die weibliche. Die Damen überhaupt ... wie lieben die einen einflußreichen Mann! Dies Thema ist unerschöpflich.« Er klemmte sein Monokel ins Auge und lächelte gnädig einige Schönheiten an, die an dem Garten der Weinschenke vorbei promenierten und ihm verstohlen schmachtende Blicke zuwarfen. Er war wirklich schön und gewandt im Umgang mit Frauen, ein gefährlicher Ladieskiller.

»Das müssen Sie freilich wissen, ich habe darin keine Erfahrung«, beichtete Otto elegisch. »Wo Sie den Hof machen, da wächst kein Gras. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich frühe schon. In Neustettin auf dem Gymnasium hatten Sie Ihr Debüt, das weiß ich noch, die holden Grazien einer wandernden Komödiantenschmiere weihten Sie in die Mysterien der Cythere ein. Orchester war nicht, aber dafür war Graf Harry da, der am Klavier seine Virtuosität zeigte. Übrigens, ohne zu schmeicheln, Sie spielen brillant ... wie wär's, wenn Sie mich, Ihren alten Jugendfreund, mit Ihrer Kunst erfreuten?« Er wies auf ein altes Klavier in der Gaststube.

»Was tut man nicht für seine Freunde!« Der schöne Harry schlug die Tasten an. »Ein oller Rappelkasten, schlecht gestimmt. C'est dommage, mais il faut vivre, in der Not frißt der Teufel Fliegen.« Und er spielte hinreißend Mozart ohne Noten. Das brachte ihn in so erhabene Stimmung, daß er Otto umarmte: »Wir beide werden im Leben zusammenhalten. Nur keine dummen Skrupel, das verdirbt den Teint und die Karriere. Immer feste uf die Weste! Oder um mich minder bukolisch auszudrücken, allons, enfants de la patrie! Parbleu, da ist mir ein gefährliches Zitat entschlüpft. Uns belauscht doch niemand?« Er sah ängstlich umher. »Und Sie, mon très cher werden mich genügend kennen, daß ich nur sozusagen ästhetisch die Marseillaise in den Mund nahm.«

»Das soll Ihnen bei mir nichts schaden, lieber Harry. Gewiß kenne ich Sie genügend.« Er goß ihm das fünfte Glas voll. »Weiß der Henker, seit Göttingen kann ich nicht mehr viel vertragen. Doch dieser Stoff ist süffig. Ihr Spezielles! Ja, die Karriere –.« Er sah tiefsinnig in den Römer.

»Wissen Sie was, vieux garçon?« beichtete Harry mit lallender Zunge. »In jedem Vordermann sehe ich einen persönlichen Feind. Nur,« er kniff die schönen Augen zusammen, »darf er's natürlich nicht merken.«

Otto lachte aus vollem Halse. »Köstlicher Witz! Wir verstehen uns. Ja, wenn ich so eine Flasche Wein getrunken habe, bin ich ganz geblendet von der tröstlichen Aussicht, vielleicht mal Gesandter oder Minister zu werden. Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen! Dann kommt freilich die Nüchternheit, und dann sag' ich mir, das sei Eitelkeit der Eitelkeiten. Was ist da eigentlich für ein Unterschied vom Bankier, der auf seinen Geldschrank protzt, oder vom Dandy, der seinen zierlichen Rock und seine gutgeknotete Halsbinde bewundert – die Ihren, Harry, sind allerdings tadellos. Wer unbefangen die Dinge mißt, sucht doch nicht seinen Wert in der immer zweifelhaften Schätzung der Außenwelt. Wer seine Vernunft beisammen hat, gibt nichts auf das Gerede der Mit- und Nachwelt. Man lebt für sich selbst, und wenn man etwas für recht erkennt und es dann verleugnet, dann sündigt man wider sich selbst.«

»Falsch!« schrie Graf Harry, dem der Wein längst zu Kopfe stieg. »Die Ambition ist eine Leidenschaft wie jede andere, und der Mensch lebt seinen Leidenschaften. Darin besteht der ganze Lebensprozeß.«

»Wenn es aber eine schlechte Leidenschaft ist!«

»So was gibt's nicht. Jede befriedigte Leidenschaft gewährt Sättigung, ist also gut. Wenn ich ein Weib besitze –« Sein Kopf sank vornüber.

»Dann wirst du ihrer überdrüssig«, ergänzte Otto kaltblütig. »Und wenn ich meine ganze Unabhängigkeit der törichtesten Leidenschaft opfere, nämlich dem Erfolg durch Examen, Konnexionen, Aktenstudium, Anciennität und Liebedienerei vor den Vorgesetzten, so reizt mich das so wenig wie dich, o Bruderherz, ein ehrliches Glas Wein.« Harry hörte schon lange nichts mehr. Otto goß den Rest der Flasche auf einen Zug hinunter. Und nun bring' ich das saubere Früchtchen zu seiner Schlafmama. Den hab' ich weg, Streber in Reinkultur. Ein echter deutscher Mann kann keinen Franzmann leiden, doch seine Weine trinkt er gern, und wer keinen Wein trinken kann, den betrachte ich als Franzosen. Mißtraut dem Weichling, dem jedes Glas zu Kopfe steigt! Wir Deutschen sitzen leider nicht mehr auf beiden Ufern des Rheins, aber wenigstens trinken wir immer noch eins. Dieser Frauenliebling hier wird sich schon durchpoussieren, glatt wie 'n Aal, und Trente et Quarante spielen, nämlich mit den Weibern im gefährlichen Alter von Dreißig bis Vierzig. Ich seh' ihn schon als Schoßkind hoher Patronessen. Der wird Gesandter werden, am besten in Paris, wenn ich dummer Bärenhäuter noch an den Hungerpfoten subalterner Posten kaue oder schon längst hinausgeworfen bin.

Also sann Otto, indem er Harry nach Hause brachte, der ihm ewige Freundschaft schwor, wobei eine Träne in seinen schönen Augen blinkte. Als er die kostbare Ware abgeliefert, machte der Regierungsreferendarius einen langen Spaziergang, wobei er mit seinem Stock wiederholt Fechterstreiche in die Luft führte. Wenn diese selbstgefälligen Affen wüßten, wie ich von dem ganzen Zimt denke! Ja, in einem Verfassungsstaat wie in den angelsächsischen Ländern kann jeder freie Mann sich dem Gemeinwohl widmen und für das politische System kämpfen, das er für zweckmäßig erachtet. Für sein Verhalten ist er nur sich selbst verantwortlich, unabhängig wie im Privatleben. Da mag man Erfolg haben oder nicht, das Streben bleibt immer anerkennenswert. Solche Volksmänner wie Peel, O'Connor, Canning, Fox lass' ich mir gefallen und selbst Mirabeau – auf Revolutionen käme es mir nicht an, solange sie sich in gesitteten Bahnen bewegen. Da wär' ich gern Mitspieler und würde vom Licht neuer politischer Wahrheiten angezogen wie jede andere Mücke. Aber die Zeit für große Erschütterungen ist dahin, Europa will lange ausruhen von Napoleon und Robespierre. Soll ich also die Überlegung ausschließen, daß ich besser anderswo am Platze wäre? Muß man nicht ein großes Vermögen haben, wenn man im Staatsdienst vorwärtskommen will? Sonst kann man nicht anständig in der Gesellschaft auftreten, kann auch nicht die Bürde niederlegen, sobald sie keine Freude mehr macht und mit eigenem Pflichtgefühl in dienstlichen Konflikt gerät.

Solcher Konflikt würde bei mir nicht ausbleiben, da mein politisches Glaubensbekenntnis sich durchaus nicht mit dem gouvernementalen deckt. Soll ich etwa einem System regieren helfen, das ich verdamme, zu einer Fahne schwören, der zu widerstreben mir die vornehmste Pflicht jedes Patrioten scheint? Die Unnatur unserer äußeren Richtung, im Schlepptau von Rußland und Österreich, ist mir zuwider. Und da ich mich leider darin kenne, daß ich lieber mehr ausgebe als einnehme, was käme dann eigentlich für mich heraus? Im allergünstigsten Falle, der sich kaum annehmen läßt, würd' ich nach dem 40. Lebensjahr etwa Präsident und könnte mir einen Hausstand gründen. Dann werde ich eine Krankenschwester als Gemahlin engagieren, denn mittlerweile wär' ich vom ewigen Sitzen brustkrank geworden oder hätte Hämorrhoiden oder sonst eine liebliche Zugabe, eingetrocknet von Aktenstaub. Ja, dann hätt' ich was! Den Herrn Präsidenten mag es kitzeln, daß er dem Lande mehr kostet als er ihm je nützen konnte, aber es mag ihm auch wohl der Stachel im Herzen haften, daß er oft nachteilig auf seine Landsleute einwirkt. Das hält er dann für seine Schuldigkeit, weil er unbedachtsam genug die Regierungsmaschine zu seinem Moloch machte. Dafür soll ich Jugend und Lebenskraft hergeben? Ach, es gibt Tausende, die mit Begeisterung den Posten besetzen würden, den ich leer ließ.

Wozu denn zwei Beamte in einer Familie! Mein Bruder Bernhard findet Geschmack an dem Hokuspokus, wird nie freiwillig aus dem Amte scheiden und sehnt sich in seines Herzens Kämmerlein nach dem Präsidententitel als Ende seiner ersprießlichen Laufbahn. Damit ist der Familienehre Genüge geschehen. Nun, ich will mir's überlegen. Laß sehn, was die nächsten Jahre bringen! Vielleicht seh ich zu schwarz als Jugendgreis und Hypochonder. Will's mal nachher mit Potsdam versuchen. – –

Trotz seiner deutschnationalen Bärbeißigkeit schloß sich Referendar Bismarck besonders gern Engländern an, von denen der Kurort wimmelte, zu deren Sitten er sich hingezogen fühlte. Er sprach so gut Englisch und bewegte sich in so englischer Haltung, daß die Kurgäste auf der Promenade ihn für einen Mylord anglais hielten und dementsprechend mit scheuer Ehrfurcht behandelten. Die Aachener Hautevolee fiel aus den Wolken, als man ihn deutsch reden hörte; der Referendar hörte hinter sich die vernehmlichen Worte: »Ah, das ist nur ein Deutscher!« Seine rosige Gesichtsfarbe ging in ein glühendes Schamrot über, und er wollte sich just umdrehen zu heftiger Aussprache, als ihm einfiel, daß Berliner oder Dresdner oder Münchner ja auch nicht anders dächten. »Der ist nicht weit her!« Ein Landsmann gilt nichts, und wenn er gar mit einem auf der Schulbank saß oder mit ihm Hasen jagte, dann wehe ihm, wenn er was Besonderes sein will! Und siehe da, ein waschechter eleganter Mylord, dem ein Brite den Jüngling vorstellte, ließ sich huldvoll zu ihm herab und fand Gefallen an diesem unverkennbaren Sportsmann, der so gut zu Pferde saß. Einer Einladung zum Lunch folgend, erwies der Märker sich bewandert in allen Feinheiten der Tafelbräuche, aß nicht nur nie mit dem Messer, was damals in allen deutschen Gauen landesüblich, sondern sogar den Fisch mit einem Brotstück in der Linken. Auch kannte er alle Wendungen wie »Pass the butter please!« »May I trouble you for the water?« »May I carve for you?« »Well done or underdone?« Let me drink a glass off wine with you!« Kurz, er war ganz Gentleman, und da beim Briten der Mensch mit dem Englischreden anfängt, erkundigte man sich teilnehmend, ob vielleicht seine Frau Mutter englischen Blutes sei. Obschon er sich so vornehmer Herkunft nicht rühmen konnte, versicherten Seine Gnaden der Herzog von Cleveland gnädig: »Sie, Sir, sind ganz Engländer.«

Dies höchste Lob, das einem Sterblichen zuteil werden kann, lehnte leider der Referendar kühl ab, errötend offenbar aus schamhafter Bescheidenheit. »Euer Gnaden sind zu gütig. Ich bin jedoch ganz ein Deutscher.« Das klang wahrhaftig so, als ziehe er dies vor, und staunendes Schweigen folgte so sonderbarem Bekenntnis. Doch da man sich gewiß irrte, da doch kein vernünftiger Mensch sich der seltenen Auszeichnung entziehen wird, einem Briten verglichen zu werden, fiel der Herzog höflich ein: »Die Deutschen sind sehr gute Musiker und der Rhein ist sehr schön.«

»Sehr schmeichelhaft!« Otto verneigte sich kühl. »Wir können noch einiges andere als musizieren.«

»Ach ja«, bemerkte ein Tischgast ironisch. »Mr. Bulwer widmet seinen neuesten Roman dem deutschen Volk der Denker und Dichter – weil die Londoner Kritiker ihn herunterreißen. Denke mir, es werden bei euch wohl auch nicht alles Denker und Dichter sein.«

»Gottlob nein!« rief der Märker ärgerlich. »Wir haben auch Soldaten und Staatsmänner.«

»Staatsmänner, verstehe ich recht?« Ein anderer Brite hob spöttisch die Hand zur Ohrmuschel. »Wo sind denn aber die Staaten und wo die Männer? Jedes kleine Fürstentümchen redet ja mit in Ihrem Deutschen Bund.«

»Keine Politik bei Tische!« brach der Herzog höflich ab und suchte auf ein anderes Thema überzuspringen. »Herrn Bulwer lese ich nicht, ist mir zu exzentrisch, zu ... Verzeihung, Mister von Bismärk ... zu deutsch. Der Herzog von Wellington sagt von ihm: der Autor kennt die gute Gesellschaft ... von der Hintertreppe her.«

»Zweifle, daß unser großer Feldherr was von Literatur versteht«, warf jemand pikiert ein. »Übrigens gehört Bulwer-Lytton v. Knebworth Park zu den allerältesten, vornehmsten Familien.«

»Das gebe ich zu,« räumte der Herzog ein, »doch seine politische Gesinnung ist um so peinlicher. Diese Whigs des Adels werden uns noch ins Verderben stürzen, ich als Hochtory verabscheue solch Liebäugeln mit dem liberalen Firlefanz des Kontinents. Hat Mr. Bulwer nicht ein Pamphlet losgelassen ›England und die Engländer‹, worin er Altengland unwürdig herabsetzt?«

»Wenigstens preist er preußische Institutionen als viel liberaler und macht sich über unser Snobtum lustig.«

»Ein Skandal, schon nicht mehr anständig, fast Hochverrat! Ein Brite, der das Ausland als Vorbild empfiehlt, by Jove, das ist kein Brite mehr.«

»Das Komische dabei ist aber,« warf der Deutsche bitter hin, »daß unsere eigenen Liberalen die britische Konstitution in allen Tonarten anbeten als unübertreffliches Meisterstück.«

»War sie auch!« bekräftigte der Herzog eifrig. »Doch seit der infamen Reformbill von 1831 geht alles drunter und drüber. Demagogie und kein Ende! Man tritt die heiligen Vorrechte der Peers mit Füßen, man beschneidet noch mehr die Befugnis der Krone. Doch lassen wir dies Gespräch vor einem Ausländer! Trotz alledem bleiben wir für immerdar die erste Nation und regieren die Welt. Das bestreitet ja niemand, auch nicht die vorlauten Frenchmen. Die Deutschen – kenne ich nicht, nur Preußen, Bayern, Hannoveraner. Das sind zu viele Vaterländer für eine Nation.«

»Einst im heiligen Römischen Reich,« bemerkte ein angehender Diplomat, der wohl in Oxford historische Vorlesungen hörte, da man sonst von jedem Briten die gesundeste, vollkommenste Unkenntnis aller Kontinentalgeschichte erwarten muß, »spielten die Deutschen ja eine gewisse Rolle. Doch England und Frankreich waren ihnen stets so weit voraus in höherer Kultur.«

»Bitt' um Verzeihung!« trumpfte der junge Deutsche auf. »Bis zur Reformation sind nur Deutschland und Italien Kulturträger gewesen. In England beginnt die Hochkultur mit Elisabeth, in Frankreich kaum erst mit Franz I.«

Die Briten starrten mitleidig den sonderbaren Schwärmer an. »Seit Jahrhunderten –« »Nun ja, der Dreißigjährige Krieg hat uns zurückgeworfen. Doch heut haben wir's nachgeholt und sind sicher geistig jedem Ausland gewachsen. Sehen Sie unsere Universitäten!«

»Viel Bier und Schlägerei!« Der Herzog rümpfte vornehm die Nase. »Oxford, Cambridge, Edinburgh sind doch anerkanntermaßen die ersten Universitäten der Welt, genau so wie unsere Flotte und unsere Armee, die allein den Korsen überwand.«

»Da muß ich doch sehr bitten!« Der lange Preuße erhob sich vom Tische, bleich vor Ärger. »Preußenschlachten haben natürlich keine Bedeutung, weil nach Gottes unerforschlichem Ratschluß nur britische Waffentaten gelten. Aber bei uns zu Hause lehrt man, daß Lord Wellington bei Waterloo eklige Prügel bekommen hätte, wenn Blücher ihn nicht aus der Patsche riß. Ich habe die Ehre, mich Euer Gnaden zu empfehlen und meinen verbindlichsten Dank zu sagen.«

»Sah aus, als wollt' er boxen, dabei doch gute Formen!« Der britische Hocharistokrat sah dem Jüngling anerkennend nach, der hocherhobenen Hauptes davonschritt. »Wenn mehr von der Sorte in Preußen sind –! Doch ich sage ja: ganz Engländer!«

Englische Boxerfähigkeit wenigstens betätigte der forsche Otto bald genug bei öffentlicher Gelegenheit. Als eine Prozession seinen Weg kreuzte, hielt er es als treuer Protestant für überflüssig, Kniebeuge der katholischen Bevölkerung mitzumachen, und zog nicht mal den Hut, da ihn seiner Meinung nach ein fremder Ritus nichts anging.

»Verdammter Preiß, wirst du wohl deinen Deckel vom Kopf rucken?« rempelte ihn ein fanatischer Kleinbürger an und wollte ihm mit der Faust den Hut vom Kopfe schlagen. Doch im nächsten Augenblick lag er auf allen vieren in der Gosse, und dem beginnenden Volksauflauf drückte der athletische Junker eine so koriolanische Geringschätzung aus, daß niemand sich an diesen Champion heranwagte. Graf Arnim erhob freilich freundschaftliche Vorstellungen, erteilte ihm einen leichten Verweis, daß er die Würde eines Regierungsvertreters verletzt habe, und war vielleicht froh, als der allzu urwüchsige Referendar nach Ablauf seines Kurses den Fuß wieder nach Norden setzte. Ins Regierungskollegium nach Potsdam versetzt, erwarteten ihn auch dort Ernüchterung und Enttäuschung.

Zuvor aber eine ganz andere freudige Überraschung.

»Lieber Baron Bismarck! Wir trafen kürzlich den Herzog von Cleveland, der Sie in Aachen kennen lernte. Er sprach sehr schön von Ihnen und weiß, daß sich durch Wohlwollen einflußreicher Personen Ihnen günstige Aussichten auf glänzende Laufbahn eröffnen. Führt ein edler Ehrgeiz als Lotse Ihr Steuer, so werden wir gern aus der Ferne Ihr Wimpel beobachten. Sollten Sie aber zu einem Abstecher in ausländische Meere Lust haben, so würde es uns freuen, wenn Sie ein wenig im Kielwasser unserer Fahrt segelten. Sie haben gewiß Urlaub in dieser Ferienzeit. Unserem Verwandten Lord R. begegneten wir nämlich schon in Como, unerwarteterweise auf Rückreise nach England. Seither führen wir ein Wanderleben. Isabellas Onkel, der bei ihr Vaterstelle vertritt, nahm uns unter seine Fittiche. Neuerdings gedenken wir durch Belgien und Frankreich oder durch die Schweiz uns nach Italien zu wenden. Wenn Sie Ihr Urlaub etwa nach Zürich führen könnte, so würden Sie dort finden sowohl Isabella, die Ihnen sehr freundliche Grüße sendet, als Ihre ergebene Adelaide Russel.«

Yours truly! Treulich den Koffer packen und von Arnim Urlaub auf unbestimmte Zeit erbitten, war das Werk weniger Stunden. Hoch klopfte ihm das Herz, als ihn der Züricher See seinem Ziel entgegentrug. Ja, er wollte den Kurs ändern, die Prise zum Beilegen zwingen, bis sie die Flagge strich, kein Ehepirat sollte sie ihm abjagen. Offenbar strich Cleveland ihn heraus, entwarf ein irrig übertriebenes Bild von »Expectations« auf einige gütige Worte Arnims hin. Tante Russel verschloß sich also nicht der Möglichkeit, der angenehme Deutsche sei am Ende eine gute Partie. Der junge Skeptiker begriff sehr gut. Doch warum nicht mit dem Feuer spielen!

Und das Wiedersehen gestaltete sich feurig genug. Isabella hing die Purpurflagge zum Liebeskriege aus, errötete über und über. Eine zusammengefundene Reisegesellschaft von Briten, Franzosen, Belgiern freute sich, einen liebenswürdigen Jüngling, der ihre Sprachen beherrschte, kostenlos als Dolmetsch und Reisemarschall zu engagieren. Man reiste wahllos hin und her, Isabella ließ sich nach allen Regeln der Kunst von Otto den Hof machen, spielend entwickelte sich schon Vertraulichkeit, die notwendig Wirrnis bringt, wenn sie nicht zu natürlicher Lösung drängt. Auf solche steuerte Otto mit vollen Segeln los, dachte nicht an Schiffbruch. Leicht vorauszusehende, schwer zu überwindende Nachwehen großer Enttäuschung, die keiner Jugend erspart bleiben, ahnt man nie, bis die Stunde kommt. Bis dahin schwimmt das törichte Herz in der bekannten Seligkeit.

Der blonde Engel verschmähte es mit dem ganzen Stolze Albions, ein Wort Deutsch zu lernen. »Wenn Sie nun in Deutschland leben müßten!« deutete er zaghaft an. – »O gräßlich!« – »Wenn Isabel einen Ausländer heiratete,« betonte Miß Russel scharf, »so müßte der natürlich Engländer werden. Warum nicht! Ein schönes Los!« Er schwieg betroffen, so stellte er sich das nicht vor. Isabella lächelte befangen über die Deutlichkeit des Winkes und glitt rasch darüber weg: »Kennen Sie Dresden? Dort gibt's eine Englische Kolonie.«

»Flüchtig. Eh ich nach Aachen ging, wollt' ich einen Freund in Hannover besuchen, doch der Teufel ritt eine alte Tante von hoher Rasse, ich solle sie über Dresden nach Böhmen geleiten. Ihrer Ungnade zu trotzen, wäre vermessen gewesen.«

»Ah, eine Erbtante!« Die Russel horchte interessiert auf. Und von »hoher Rasse«, he is highly – connected, the charming young Baron. Er ließ sie in solchem Glauben.

»Ja, vor Tanten und Basen hatt' ich stets einen Heidenrespekt. ›Freunde findet man überall‹, belehrte mich die alte Dame, die es in ihrer leichtsinnigen Jugend wohl so hielt. Ich bin nicht so, ich vergesse schwer.« Sein Auge weilte treu und innig auf Schön-Isabel, die anmutig ablenkte:

»Erzählen Sie von Ihrem Schloß an der Elbe! Haben Sie auch ein Hausgespenst wie bei uns jede vornehme Familie?«

»In der Burg meiner Väter vereinen sich unbegrenzte Möglichkeiten zu solennem Spleen. Mein Schlafzimmer sieht auf den Kirchhof, eine tröstliche Aussicht. Die Mauern sind vier Fuß dick, Spitzbögen gibt es auch, da drinnen aber ist's fürchterlich, nur wenige Zimmer wohnlich möbliert, in hohlen Kaminen heult der Wind, die Damasttapeten hat das Alter entfärbt und zerfetzt, Ratten knabbern daran.« Good gracious! seufzte Miß Russel. Romantische Bettelei, arm wie Kirchenmäuse! Wie wird mir! »Die Kirche ist altersgrau, die geschnittenen Taxushecken im Park steif von Vornehmheit. Oft war ich in diesem Verfall die einzige lebende Seele, nur ein ausgetrocknet greises Weiblein fütterte mich, früher Spielgefährtin und jetzt Wärterin meines 65 jährigen Vaters.«

»Sterben Sie nicht vor Langeweile?« Miß Loraine sah ganz erschrocken aus.

»Nicht daß ich wüßte! Ich hörte die Nachtigallen schlagen und schoß nach der Scheibe, was minder musikalisch knallte, aber herzhaft und männlich klingt.« Gottlob, doch etwas englischer Sport! dachte die Russel. Welcher englische Squire hört auf Nachtigallen! »In der Bibliothek fand ich Schweinsledernes wie Voltaire und Spinozas Ethicum und das Theatrum Europäum, ein altes politisches Vademekum, aus dem ich viel lernte, und dazu heulte, wie ein Dichter singt, die Turmuhr Mitternacht.«

»Spinoza der greuliche Atheist? Was lernten Sie denn daraus?« forschte Miß Russel mißbilligend.

»Kaltblütiges Untersuchen der Ursachen, z. B. der Liebe«, entschlüpfte es ihm unvorsichtig.

»Abscheulich!« hauchte Isabel. » How dare you! Wie darf solch eisgrauer Professor sich in Herzensdinge mischen!« Miß Russel fand es very shocking indeed Otto sprang mit gezwungener Lustigkeit auf Gespenstergeschichten über und tröstete unwillkürlich die Damen über die angebliche Ärmlichkeit von Schönhausen, indem er nochmals ein Panorama davon entwarf:

»Steigt aus meiner Linken der Zigarrendampf durchs Fenster, so blicke ich nordwärts in einen sehr altertümlichen Garten der Rokokozeit voll Buchsbaum, Taxus und anderen Künsteleien von Lenotres Schere, voll Bassins, hohen Baumgängen, Sandsteingöttern, drüberhin auf dem hohen Elbufer das Städtchen Arneburg. Blick' ich hingegen vom Südgiebel, seh' ich Tangermünde, im Westen den Dom von Stendal. Nach innen zeigt unser Haus gewaltige Grundmauern noch aus dem Dreißigjährigen Krieg, uralte Quadern dicker Seitenwände. Darüber Tapeten von Damast, Leder und Leinwand mit Landschaftsmalereien, am Sims Wandgemälde und reiche Stukkatur, überall Eichenmöbel mit verblichenem Seidenbezug, kurz einen Zuschnitt, der einem glänzenden Vermögen der Vorgänger entspricht, das wir leider nicht voll überkamen.« Ah, ein wirklicher Herrensitz! dachten die Damen befriedigt. Ramponiert, aber riesig vornehm! »In Flurhalle, Gartenzimmer, weiß tapeziertem Speisesaal, grünem Wohnzimmer, Schlafzimmer mit rotem Vorhang vor dem Alkoven, wo Ihr untertäniger Diener das spärliche Licht dieser dunkeln Welt erblickte, in den Gesellschaftsräumen mit japanischer Ausstattung und Gipsabgüssen nach Rauch und Kiß«, fuhr Otto fort, in Erinnerung verloren, »überall Verschwendung von Stuckarbeit an Decken, Friesen, Kaminen, Türeinfassungen, hohen Kachelöfen. Mein Vater, der bei den blauweißen Karabiniers diente und heut noch gut zu Pferde sitzt, liebt Fuchsjagden mit Rossen und Rüden, doch macht er sich's daheim gemütlich und übt viel Gastfreundschaft.« Das fanden die Damen sehr ansprechend, ihnen fiel ein Stein vom Herzen. Fuchsjagden wie in Altengland! Ganz wie ein Squire! Also wahrhaft anständige Sitten, nicht wie sonst bei den elenden Foreigners.

»Und nun die Hausgespenster!« ermunterte Isabella. »Das hör' ich für mein Leben gern. Es ist so reizend, wenn man das Grauen hat.«

»Bei uns lernt man das Gruseln, so unheimliche Geschichten gehen um. In der Bibliothek spukt es bestimmt. Draußen raschelts auf schweren Eichenholztreppen, eisiger Hauch berührt uns, jemand tappt an der Wand, poltert dumpf am Schreibtisch, die Hunde im Hof schlagen nicht an, sie winseln. Mein Onkel, General Bismarck, sah mal eine verschwimmende weiße Gestalt. Man spricht von unterirdischen Gängen und Schatzgräberei der alten Tempelritter, die hier gehaust haben sollen mit ihrem Rotkreuz auf weißem Mantel.«

Isabella strahlte vor Vergnügen. »Scotts Ivanhoe! Sir Brian war immer mein Ideal und Ihnen, Otto, hätte die Templertracht auch prächtig gestanden.«

»Wirklich romantisch und vornehm!« anerkannte Miß Russel. Die Templer überwältigten sie als sichere Bürgen für der Bismarcks uralten Adel. Sie entzog sich nicht der Ehrerbietung für ein Haus, in dem es von Templern spukte, und machte fortan kein Hehl daraus, daß sie Freierwerbung des Templererben begünstige oder wenigstens mit erhabener Unparteilichkeit seine Verdienste würdige.

»Er ist ja bloß ein Deutscher,« belehrte sie ihre Nichte, »doch von untadeliger Noblesse. Keine Mesalliance! Von Staatskarriere, die ihm Cleveland zusprach, redet aber unser Freund nie.«

»Vielleicht Bescheidenheit«, tröstete der Onkel und Vormund bedächtig. »Anfangs hört' ich mit Entsetzen, daß er ein jüngerer Sohn sei. Doch wir erfuhren, daß die Ausländer es nicht so halten wie bei uns, wo nur der Ältere ein Majorat erbt. Er teilt die Güter mit dem älteren Bruder. Viel Wohlstand schaut wohl nicht dabei heraus, doch wenn er hoch im Staatsdienst steigt –! Isabel hat einiges Vermögen, zu klein für England, doch genug für ärmliche Deutsche. Die Partie kann sich machen.« Miß Loraine sagte nichts dazu, erwog aber solche Weltlichkeiten genau im klugen Köpfchen, indes der deutsche Jüngling zwar nicht wie Schillers Ferdinand die stolze Britin verwarf, wohl aber jede schnöde Nebenberechnung. Ob sie Geld hatte, kümmerte ihn nicht.

Eines Abends, als sie am Kai von Luzern allein spazieren gingen, schilderte er die lauschigen Plätzchen im heimischen Park. »Unter der oberen Terrasse bilden Lindenzweige eine schattige Laube, bis zur Erde niederhängend. In solch grünem Tafelraum der Natur läßt Vater im Sommer den Tisch für Gäste aufschlagen, dort tafelt sich's so gemütlich. An die Terrassenmauer klammert sich eine liebliche Birke, sie wurzelt im Gestein unter wilden Rosensträuchern und weht über den Felsrand wie ein grünes Banner. Ach, fände doch so in mir hartem Stein eine Liebliche ihre Herberge, ich würde sie tragen als Kleinod und Panier des Herzens!« Sie lächelte holdselig und sagte nichts. »Aus der Orangerie blickt man auf die Torfgasse, wo die Bäuerinnen in Landestracht zur Kirche ziehen in roten, faltigen Röcken und knappen, schwarzen Miedern. Auf dem Ausgang zum Feld an kleiner Holzbrücke über schilfreichem Graben steht ein Herkules, die Statue hält die Hand auf den Rücken. Dort hab' ich als Junge ihm eins auf den Pelz gebrannt mit meinem winzigen Jagdgewehr, damit man doch wisse, was die Stellung bedeutet: der Schuß schmerzt ihn jämmerlich, darum faßt er nach der Lende.«

» Naughty boy!« lächelte sie zärtlich. Ein bißchen zu derbnatürlich, fast unanständig – doch das mißfällt Frauen nicht immer.

»Ferner gibt's ein künstlich Inselchen, moosüberwachsen, mit düsterem Boskett und einsamem Pavillon. O Geliebte,« brach er los, »könnten wir uns dort verbergen vor aller Welt wie im verwunschenen Paradies!« – Die Verlobung wurde gefeiert. – –

O Straßburg, du wunderschöne Stadt! Die Misses schwärmten für das deutsche Münster und die schicken französischen Offiziere, die sporenklirrend über den Kleberplatz stolzierten. Otto war weniger davon erbaut und bewahrte auffallende Schweigsamkeit. Aus dem Gasthof schrieb er an Assessor Scharlach, Harzburg am Harz, er werde auf dessen Einladung zur Jahrhundertfeier der Georgia Augusta nach Göttingen kommen. Im Frühjahr müsse Herzbruder aber nach England wandern als Brautzeuge, um ihn in den heiligen Stand der Ehe springen zu sehen. Dabei kam ihm eine Erinnerung, und er trug Scharlach auf, der Frau v. Malortie in Hannover die Kunde mitzuteilen, falls er sie zufällig sehe. (Er schrieb » par hazard«, » en attendant« nach seiner leidigen deutschen Vorliebe für Fremdwörter.) Schreiben möge er seiner alten Flamme nicht.

Verabredetermaßen wollte man nochmals die Schweiz durchqueren. Er sollte seine Verlobte bis Mailand geleiten, dann sich endlich von Aachen abmelden und nach Potsdam abschieben. Seine Eltern wußten nichts vom Verlöbnis, über das er aus guten Gründen schwieg, doch befanden sie sich in Unruhe, entrüstet über sein »Auskneifen vom Amt«, wie Papa schrieb. »Das ist eine Desertion. Graf Arnim schrieb, Du wollest Dich durch Reisen bilden, dagegen ist nichts einzuwenden, doch das dauert nun schon vier Monate. Und nachher wirst Du eine Schuldenrechnung präsentieren, obschon ich Deinen Wechsel verdoppelte. Komm uns nicht vors Gesicht mit so was, sonst werden wir ernstlich böse werden.« Doch Otto nahm es nicht ernst und amüsierte seine Britinnen mit Schilderung der trefflichen Eltern. »Er ist ein schöner stattlicher Herr, seiner Dame ritterlich ergeben, meiner Frau Mutter. Will man ihn grimmig machen, muß man Papa und Mama sagen. Das verbittet er sich als Kauderwelsch französischer Papageien, er sei kein Papchen. Mutter ist eine schöne Frau, sehr klug und gebildet, aber kalt zum Frieren. Unterhaltung mit Gelehrten oder sonstwie geistreichen Leuten ist ihre einzige Leidenschaft, außerdem spielt sie Schach wie ein Meister.«

»Und Sie recht mittelmäßig«, meinte die Russel verdrießlich, die auch diesem Sport frönte.

»Was kann ich dafür! Ich gehöre nicht zu den großen Geistern, die Schach dem König bieten und Matt ansagen. Nur Schach der Königin ist mein Fall ... in dem bestimmten Falle.« Er küßte Isabella herzhaft.

» Gardez la reine!« lispelte Miß Russel mit eigentümlicher Betonung. Otto zeigte ein Medaillonbild der Mutter. »Der Mund so lieblich, das Haar so schön,« urteilte Isabella, »doch sie blickt so ... gebieterisch.«

»So ist's«, stimmte Miß Russel bei. »Die Stirn so klar und hoch, die Augen so klar und klug, doch das ganze Gesicht hat etwas Strenges. Nicht wahr, sie herrscht gern, wo sie kann?«

»Und sie kann immer«, lachte Bismarck. »Ich erbte nichts davon. Mir ist nur wohl, wenn ich keine Vorgesetzten habe und nicht gehorchen muß, das Kommandieren überlass ich anderen.«

»Schlechtes Temperament für den Staatsdienst! Wer weder gehorchen noch herrschen will, was wird aus dem?«

»Weiß ich selber nicht, Miß Russel.« Diese wurde sehr nachdenklich, auch Isa hing das Köpfchen. Beim Schlafengehen ermahnte die Tante: »Man muß vorsichtig sein. Cleveland hat übertrieben. Ich fürchte, aus Otto wird nichts als ein Landedelmann wie in unserer kleineren Gentry. Dafür ist eine Loraine zu hochgeboren.« Auch der Onkel runzelte die Stirn: »Der junge Mann hat nette Manieren wie ein Sohn aus gutem Hause, das ist eigentlich alles, was für ihn spricht. Ist man faul und disziplinlos, bringt man's zu nichts mit den schönsten Talenten. Er ist ja kein ›Tartar‹, kein ›Detrimental‹, der Versorgung in reicher Ehe sucht, doch für deutsche Bettler ist Isabels Mitgift ein fetter Bissen. Er ist ja ehrlich verschossen, doch der Gedanke, eine Britin mit Geld zu heiraten, mag ihn doch auch bestimmen. Kurz, ich werde im Auge behalten, daß ich meine Einwilligung als Vormund möglichenfalls zurückziehe. Isabel darf keine Dummheiten machen.«

Von solcher britischen Weltweisheit ahnte der deutsche Idealist nichts, harmlos erzählte er, wie die Berliner ihn für verrückt hielten, die Bauern aber mitleidig den Stab brechen: »Use arme junger Herr, watt mak em wull sin!« Weil er nämlich im rotangestrichenen Bibliothekzimmer nächtlicherweise alle Folianten verschlang, zum Entsetzen der greisen Wirtschafterin Bellin. Seine Verlobte hörte aufmerksam zu und sagte kein Wort. Er kam dann auf Korrespondieren zu sprechen, wenn man sich in Mailand trenne. »Ich habe die leidige Gewohnheit, wie ein Affe immer viel von mir zu reden, du tust, hoff' ich, das Gleiche, das sind die einzigen Themata, die mich interessieren.«

»Ich liebe Briefschreiben nicht sehr«, versetzte die Schöne trocken. Er phantasierte weiter, wie er in die Arme seiner Eltern, die er zwei Jahre nicht sah, und seines alten »Gieseke« zurückeilen wolle. Einsames Gutsbesitzern halte er nicht aus, doch verknöcherter Formelkram des Staatslebens mache ihn seekrank. »Ach, das Leben wirft so krause Wellen, man treibt willenlos dahin ohne Steuer als die Erregung des Augenblicks. Wo die Flut uns ans Land wirft, ist gleichgültig.«

»Nicht doch, Sir, Sie irren«, rügte der Brite ernst. »Gleichgültig ist nur, was aus jungen Menschen wird, die sich so ziellos treiben lassen«. Nachher nahm er Miß Russel beiseite: »Ein ganz zerfahrener Mensch!« Otto aber, als sie später per Post über den Gotthard fuhren und frische Freiheit des Hochgebirges einatmeten, verbreitete sich noch ungezwungener über seine Unabhängigkeit, die keinen Zwang dulde, über angeborenen Widerspruchsgeist wider alles Bureaukratische, über Staatsposten, die jede Selbständigkeit ausschließen, über den Haß, den er gegen jede Beschränkung persönlichen Sichauslebens einsog. Er merkte nicht, wie die Gesichter länger und länger wurden, wie höfliche Einsilbigkeit seine zutrauliche Offenheit belohnte.

»Er sagt, Berlin sei infam teuer,« vertraute Isabel ihre Schmerzen der Tante an, »und seine Eltern unduldsam bei pekuniären Unannehmlichkeiten. Wovon sollen wir denn leben, wenn er sich mit jedermann überwirft? Auf dem Lande zu versauern, fällt mir nicht ein.« –

Am Lago Maggiore wandelte das Schicksal heran. Ein älterer Brite, dessen gute Haltung den Offizier verriet, begrüßte als Londoner Bekannter die Gesellschaft und bemühte sich bald auffallend um Miß Loraine. »Der Herr dürfte wohl fünfzig Jahre zählen«, warf Otto hin.

»Man sieht's ihm nicht an«, lehnte Miß Russel kühl ab. »Übrigens gefallen uns Frauen gesetzte Männer reiferen Alters besser als grüne Schwärmer, die sich in Illusionen wiegen. Der Oberst ist noch ein schöner Mann.«

»Geschmackssache. Invalide mit einem Arm!«

»Der andere wurde ihm bei Waterloo weggeschossen«, betonte der Onkel gewichtig. »Das macht ihn jedem Briten teuer.«

Isabel versicherte, daß sie besonders für Helden schwärme. Auch trat zutage, daß der Kolonel – » of a very good family, highly-connected« – 3000 Pfund Revenüen, 4 Vollblut in Marstall und einen herrlichen Landbesitz habe. Dieser Enthüllung reihte sich die andere an, daß er in Miß Loraine das Ideal seines ritterlichen, obschon etwas ältlichen Herzens erkenne.

Eines Mittags, nachdem er eine einsame Gondelfahrt nach Isola Bella unternahm, fand sich Otto allein, mit einem lakonischen Abschiedsbrief des blonden Engels, dem Stil nach von Miß Russel in die Feder gegeben, der eine Absage und ein Ausschlagen fernerer intimer Beziehungen enthielt. Man bestätigte dem aus allem Himmeln Gestürzten, daß die edeln Briten, umgürtet mit dem ganzen Stolze des perfiden Albion, den Staub des Kontinents von ihren Sohlen schüttelten. Während er in der Barke die »Verlobten« Manzonis las, trat seine Verlobte über den Simplon die Heimreise an.

Der Verratene überlegte einige Stunden, ob er sich in den See stürzen solle, besann sich aber eines Besseren und fuhr spornstreichs über die Alpen. Aachen berührte er nicht. Seine Kasse erlitt solche Havarie, daß er sich in Frankfurt von einer schwerfälligen fremden Gallione ins Schlepptau nehmen ließ. Ein älterer Herr suchte einen Reisebegleiter, wozu Otto sich dienstbeflissen anbot. So tief heruntergekommen, nicht mehr Herr seiner Bewegungen, passierte er Göttingen, ohne seinen treuen Scharlach sehen zu können, da sein Gebieter schon am Mittag in Hannover sein wollte. In Einbeck, wo man übernachtete, konnte Scharlach sich nicht einstellen. So genoß Otto nicht mal den Trost, seiner Gereiztheit gegen Gott und Menschen vor seinem ältesten Vertrauten Luft zu machen. Sein aufgeregtes Gemüt empfand die ihm zugefügte Beleidigung bis ins innerste Mark wie ein zehrendes Gift, doch hielt er es seiner Würde nicht angemessen, je anderen sein Erlebnis zu beichten.

»Arm am Beutel, krank am Herzen, schlepp' ich meine müden Tage, und die Geister, die ich rief, lassen mich dummen Zauberlehrling nicht mehr los. Gegen unglückliche Liebe gibt's Universalheilmittel: Spielen, Saufen, Schulden, Reisen. Doch bei mir sind Liebe und Haß gleich unglücklich, beide ins Herz getroffen. Vertrauen verraten, Stolz bis aufs Blut gekränkt, wahrste Empfindung leichtfertig mißhandelt, ohnmächtiger Zorn nicht mal der Rache fähig ... solche Erinnerung soll ich mein Lebtag wiederkäuen. Und dies kaltschnäuzige, hochnäsige Britenpack belächelt meinen Haß wie der Mond den bellenden Köter. Wir deutschen Michel sind gerade gut genug, daß die Fremden auf uns herumtrampeln. Geht's Deutschland besser als mir? Ich unwürdiger Deutscher greine über mein kleines Los. Auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du! Bah, leeres Strohdreschen der Amtsstreberei wird mir zuträglich sein wie mechanisches Holzhacken.« –

Doch die Anmaßung der Vorgesetzten, die sogar in Gesellschaften einen dienstlichen Ton anschlug, die protzige Krähwinkelei des Beamtentums dünkten dem Vielgereisten noch fataler als früher.

*

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