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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Um diese Zeit gewann Ottos häuslicher Kreis einen angenehmen Zuwachs durch einen Kavallerieleutnant, der als Attaché zur Gesandtschaft abkommandiert war. Als der junge Mann, durch einen Brief der Gräfin Borcke und gemeinsame Bekannte empfohlen, vor dem Gewaltigen stand, äußerte er befangen: »Darf ich das Fürwort Euer Exzellenz erhoffen für amtliche Berufung in dero Nähe?«

Da kam ein kalter Wasserstrahl, dessen er nach dem bereiten Wohlwollen des Empfanges sich nicht versah: »Ich freue mich aufrichtig, Sie kennen zu lernen, Sie gefallen mir sehr, und ich werde alles aufbieten, daß Ihr Wunsch nicht in Erfüllung geht.« Kaum wurde der Erschreckte inne, daß dieser Prachtkerl, der sein ganzes Jünglingsherz gewann, seine Anbetung hintertreiben wollte, kam die Fortsetzung: »Das chokiert Sie, denn Sie taten mir nichts zuleide. Nun wohl, warum sollte ich in Ihnen eine Hoffnung nähren, die ich schon einem anderen gewährte? Ich gab jemand das Versprechen, ihn vorzuschlagen. Ein Mann ein Wort. Na also! Lassen Sie all Ihre Minen springen, Ihre Konnexionen sind ja gut, und treten Sie dann wieder an, werde ich mich geschlagen bekennen.«

Die Konnexionen erwiesen sich als durchschlagend, und ziemlich bald meldete sich der Jüngling:

»Euer Exzellenz sehen mich wieder hier. Ich melde mich meinem hohen Vorgesetzten.«

»Weiß schon. Übrigens, Exzellenz? Nein, mein Lieber, hier in Frankfurt steht mir die übliche Hausexzellenz zu, ich lasse mir's gefallen aus dienstlichen Gründen. Aber der König ernannte mich noch nicht zu diesem Titel, und für uns gelten nur preußische Distinktionen. Ich bin für Sie einfach Herr v. Bismarck, Ihr Vorgesetzter, außer dem Dienst sind wir gute Kameraden, im Dienst will ich Sie schon fassen.« Der junge Mann schnitt ein verlegenes Gesicht. »Nur bitte nicht schwer nehmen, 's ist Ihr Herr Rittmeister vor der Front: Bitte eine halbe Pferdelänge mehr nach rechts oder links. Jetzt werde ich Sie mal meiner Frau vorstellen.« Dieser unterwarf sich sofort das echtpreußische ritterliche Offiziersgemüt. Mit einem Blick erkannte der weibliche Instinkt, daß der Jüngling wert sei, ein Vergötterer Ottos des Großen zu werden. Gilt es solchen Einsatz, sind alle weiblichen Frauen unwiderstehlich. Der junge Offizier, von Tag zu Tag mehr von männlicher Verehrung für diese deutsche Frau durchdrungen, schwor Lehnseid auf Leben und Tod dem Hause Bismarck.

Der Gewaltige hatte ihn richtig auf den ersten Hieb erkannt als jenen Typus, den nur wenige außer den eigenen Offizierskreisen kennen, den Normal- und Musterjüngling in Waffen, eine der schönsten Erscheinungen der ganzen Menschheit, den gebildeten preußischen Offizier. Bei diesen ausgezeichneten Menschen ist die bescheidene vornehme Zurückhaltung das halbe Leben, und daß sie den Umgang mit anderen Kreisen vermeiden, stammt keineswegs aus niedriger Überhebung, sondern aus tiefen menschlichen Gründen, die jeder Verstehende sehr wohl begreift. Sie tasten niemand an, sie verlangen gar keine äußere Rangstellung, wie der eitle Bourgeois ihnen zuschiebt, sondern nur, in Ruhe gelassen zu werden. Genau so wie das Genie. Ihre Losung heißt: Ich dien'. Obschon oft sehr hochgebildet, machen sie gar keinen Anspruch darauf, für geistige Begabung wollen sie keine Orden, dabei sind sie nicht nur klug, sondern feinhäutig in Empfindung und Beobachtung. Dieser junge Offizier umfing seinen Chef mit einem stillen Bewunderungsverständnis, um das ihn Louis Napoleon hätte beneiden können. Er notierte sich im Gedächtnis jede Wendung, jede geistvolle Geste Ottos und bewahrte sie so treu, daß er sie fünfunddreißig Jahre später der Öffentlichkeit anonym übermitteln konnte. Die sprühende und dennoch ruhige gesellige Laune, die scheinbar heitere Sorglosigkeit inmitten der Herren- und Damenwelt, nichts entging dem heimlichen Aufpasser.

»Er sagt immer das Unerwartete«, lobte die gescheite Nelly Eisendecher diese urwüchsige Unerschöpflichkeit. Ab und zu tauchten geschulte Salonlöwen auf wie der sächsische Minister Baron Beust, der im Plaudern nur Arabesken malte und seine zierlichen Stiefeletten zeigte. »Sind die aus Handschuhleder? Wie elegant!« forschte die Komtesse de Montessuy. Auch sie erschauerte, als mal aus Paris der Duc de Morny, Napoleons Halbbruder, anlangte, müde und blasiert von seinen Eroberungen, umwoben vom Heiligenschein seiner illegitimen »napoleonischen« Abkunft, die in keinem Fall napoleonisch war.

»Wissen Sie, mein lieber Baron,« äußerte er zu Beust, »dieser Preuße ist unstreitig ein superiorer Mann. Allein, er ist – Pardon – ein Deutscher. Einen großen Stil des Weltmanns wird nur ein Franzose und Engländer haben, allenfalls ein Italiener von sehr alter Familie, in gewissem rohen Sinne sogar ein russischer Fürst oder ein Madjare, ein Deutscher nie. Sie bleiben – nochmals Pardon – bürgerlich. Eine gewisse Freiheit von sogenannten moralischen Vorurteilen, eine vornehme Absonderung von der Canaille werden Sie niemals kennen. Dieser Preuße ist ein Mann von Welt, der französischste Deutsche, den ich je sah, aber dabei ein braver père de famille. Das reimt sich nicht. Er gefällt den Damen, natürlich schon äußerlich,« er streifte neidisch die Hünengestalt, seiner eigenen gebrechlichen Eleganz so unähnlich, »aber das Dämonische à la Byron wird kein Deutscher je besitzen. Die deutschen Damen sind keine Erzieherinnen zu Höherem, nicht kokett genug.« Ins Gesicht versicherte er Otto herablassend: »Sie sollten nach Paris kommen. Ihre Majestäten wollen Ihnen beide wohl, und Sie sprechen so gut französisch. Wir würden uns freuen, Sie als Gesandten bei uns begrüßen zu dürfen.«

Das war des Pudels Kern: einen möglichenfalls Gefährlichen kaltzustellen. Als aber Beust giftig den Preußen einen Diplomaten in Holzschuhen nannte, dessen burschikoses Behagen er für schlechtesten Ton hielt, sah ihn Morny mit einem unsagbar blasierten Monokelblick an und dachte: wer in Tanzschuhen auf dem Holzweg hopst, sollte über so gutsitzende Holzschuhe nicht spotten.

Und du sollst mein nicht spotten, keine anderen Götter neben mir! sprach aus Otto der preußische Gott, der »Dienst«. Der junge Anfänger lernte dies bald kennen. Soeben saß er in sehr vorgerückter Nachtstunde nach einem anstrengenden Ball bei einem Krug Bier, als der Kanzleidiener hereinstürzte: »Der Herr Gesandte lassen bitten, sich zu ihm zu verfügen wegen dringlichen Diktats.« Schweigend nahm der Jüngling den Hut vom Nagel, während der umsitzende Kreis von Attachés und Offizieren lärmend lachte.

»Dritte Wiederholung, unwiderruflich letztes Benefiz! Dies Stückchen kenn' ich auswendig. Dreimal hab' ich's schon erlebt. An der Quelle saß der Knabe, da kam die Parze mit der Spindel. Halb zog es ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn!« »Verflixter Dienst!«

»Ich tauscht' ihn mit keinem andern.« Der Abgehende knöpfte sich die Handschuhe zu. »Mein Chef ist nicht nur ein großer Herr, sondern ein großer Mann. Und wenn Sie wüßten, wie das ist, mit ihm allein zu sein und ihn anzuhören, Sie würden mich alle beneiden. Zehnmal hat er mich nun schon aus den Federn geklopft oder mir sonst die Nacht genommen, und wenn er's hundertmal tut, ich bin bereit. Gute Nacht!«

»Des Jünglings erste Liebe!« brummte der vorige Spötter. »Der ist in seinen Chef verschossen, sonderbarer Geschmack. Aber 'n famoser Kerl muß er sein, an dem seine Leute so hängen.«

»Bei unseren Soldaten ist er riesig populär. Er besucht manchmal die Kaserne und spricht mit den Mannschaften, an die er Zigarren verteilt. Uns alle, Offiziere wie Gemeine, hat er in der Tasche. Auf sein Wohl!«

Der oft an Schlaflosigkeit leidende Gigant schritt hastig im gelben Kabinett auf und ab, einen geblümten Schlafrock von grünem Seidendamast umgeschlagen. »Na, da sind Sie, lieber Sohn. Danke verbindlichst! Ließen Sie Ihre Müdigkeit auch hübsch bei den Kotillonschleifen? Jetzt müssen Sie 'ran zu Dauerwalzer mit der Feder! En avant, s'il vous plait.« Er diktierte. »Als der Reformator Knox – was stocken Sie?«

»Wie wird der Name geschrieben?« stotterte der Schüler.

»Ei, ei, sollte Ihnen das eine oder das andere Blatt in Beckers Weltgeschichte entgangen sein? Zwei Dinge muß der junge Diplomat wissen: Neuere Geschichte (die alte schenk' ich Ihnen, deshalb lernt man sie auf den Schulen, weil sie unnütz ist) und den Gothaischen Almanach und Hofkalender. Was da drin steht, Verwandtschaften usw., hat für die Politik leider große Bedeutung. Aber nu 'ran an die Gewehre!« Und er diktierte hastig mit jäh herausgestoßenen Sätzen, so daß des Schreibenden Hand kaum folgen konnte. Seine ungestüme Ungeduld bei dieser Art zu diktieren ähnelte sehr derjenigen des großen Korsen, nur daß er nicht selber unleserlich kritzelte wie dieser. Dazwischen flocht er aber zur allgemeinen Belehrung des Neophyten so beißende oder humoristische Erläuterungen ein, daß der junge Mann manchmal die Feder niederlegte. »Entschuldigen, Exzellenz, sonst gibt es Tintenflecke, ich muß so lachen.«

»Diese Erschütterung Ihrer Lachmuskeln ist hygienische Gymnastik, um Ihre müden Lebensgeister aufzukratzen. Nun fix weiter!«

Die Morgensonne schien längst herein. Johanna erschien in der Zimmertür.

»Guten Morgen! Der Kaffee kommt gleich. Ach Sie Armer!«

»Meine gnädigste Frau, Bedauern ist nicht am Platze. Ich fühle, als ob ich ein Seebad genommen hätte.«

Der Gestrenge kramte zerstreut in Papieren, Johanna fragte eilig: »Da ich deiner habhaft werde, so sage rasch, wie das neue Hemd sitzt, das du gerade trägst. Entschuldigen Sie!«

»Bah, der trägt ja auch Vatermörder und hat dieselbe Pein. Das Hemd ist bequem, aber der Kragen –« Er griff blitzschnell eine Papierschere auf und schnitt oberhalb der Krawatte hinein. »Das muß um so viel verkürzt werden!« worauf er artig lächelnd mit der Schere salutierte. Das machte Napoleon ja auch so, der jede Krawatte abriß und auf den Boden warf, wenn sie nicht Order parieren wollte. »Ja, und was ich sagen wollte –« wandte er sich plötzlich an den Schüler, »vorgestern führten Sie einen Auftrag, den ich Ihnen disponierte, nicht so genau und pünktlich aus wie wünschenswert. Das wird Ihnen wohl unangenehmer sein als mir. Zweifellos sind Sie mit mir darin einig: hat ein Kavalier etwas übernommen, ist's schon so gut wie getan.« Der Ton war leise und verbindlich, aber so eiskalt, daß es den Verdutzten überlief und er sich zuschwor, nie mehr unachtsam zu sein. »Das wäre alles für heute. Ich danke recht sehr. Übrigens, Sie wissen, Ihr Platz am Familientisch ist jeden Mittag offen, Sie machen sich etwas rar. Nun, die Jugend gibt ihrem Hang zu anderen Schauplätzen nach, wo sie mehr unter sich ist, doch das veredelt nicht immer die Sitten.«

»Ich wagte nicht, so unbescheiden zu sein –« stammelte der junge Mann errötend.

»Kommen Sie nur heut mittag!« begütigte Johanna wohlwollend. »Unsere Schwester Arnim ist hier, mit der Sie sich ja bei ihrem vorigen Besuch gut standen. Sie werden uns willkommen sein.«

»Ich werde nicht verfehlen, gnädigste Frau, Ihrer so Großes gewährenden Einladung zu folgen.«

Otto sah ihm mit grimmigem Lächeln nach. »Ein guter Junge, obwohl kein Überflieger. So war ich auch einmal. Die Jugend ist weder dankbar noch klug, das lernt erst der Mann.« –

Malwine war wirklich ein anmutiges Frauenbild. Sie galt für schön und ähnelte etwas der Kaiserin Eugenie, für welche Otto vielleicht deshalb eine Vorliebe nährte. (Nicht mal seine politische Schmeichelei für diese hohe Dame konnte also als unaufrichtig gelten, ebensowenig wie seine persönliche Achtung für den Empereur: so seltsam verknüpften sich bei ihm die Dinge, daß ihn nie der ärgste Feind einer wissentlichen Falschheit zeihen konnte.) Frau v. Arnim glich am meisten der verstorbenen Mutter, deren kalte Schönheit nur eigenartiger und spiritueller war. Sie galt auch für geistvoll, doch Frauen, und nun gar schöne Frauen, geraten so leicht in diesen Ruf, ähnlich wie Prinzen. Sagen sie mal ein gescheites Wort oder zeigen sie einige Bildung, flugs sind sie als Aspasien abgestempelt. Nun gibt es gewiß bedeutende, hervorragende Frauen, ausnahmsweise auch in der Salonsphäre, wie Madame de Staël oder die George Sand, dann haben sie aber gänzlich jene Reize abgestreift, die zur üblichen Frauenherrschaft verhelfen. Viel wichtiger und staunenswerter ist die Durchschnittsklugheit der Frauen, und davon hat jede ein vollgerüttelt Maß. Und da Johanna ihren Otto weit richtiger verstand als seine Schwester, die ihn doch von Jugend an kannte, so war sie, die so gar nicht »geistvolle«, sicher die klügere, obschon die Schwester später einen Nimbus um sich zu verbreiten wußte. Sie blieb im ganzen eine vergnügungssüchtige Weltdame, die von ihrem Bruder hauptsächlich begriff, daß er »Karriere machte«. Seine besondere Anhänglichkeit an sie ging wohl auch nicht über das Maß des Wohlgefallens hinaus, eine so hübsche ansehnliche Schwester zu haben und mit ihr Erinnerungen an die Kindheit aufzufrischen.

Dies taten sie diesmal beide bei Tisch und neckten sich munter. Bei Aufheben der Mahlzeit bot er ihr den Arm, wie der junge Offizier die Frau des Hauses führte, und legte in dem langen, schmalen Korridor, zwischen Speisezimmer und Wohnräumen seinen Arm um sie zum Tanz. So galoppierten sie walzend den Flur entlang, bis sich Malwine am Türrahmen stieß. Ihr vernehmliches Au! erregte seine ritterlichste Teilnahme, und seine Bemühung um sie fand der junge Offizier als Zuschauer geradeso entzückend wie ihre Grazie, die unnötige Besorgnis abzuwehren. Er grub sich dies allerliebste Bild als unvergeßlichen Augenblick ein. Nun ja, ganz hübsch, aber ein außerordentlicher Mensch hat außerordentlichere Augenblicke als solche. Die besten und klügsten Leute der »höheren« Stände können sich eben nicht den Folgen ihrer nur auf Äußerliches gerichteten Erziehung entziehen, daß sie den Kleinigkeiten des Gesellschaftslebens zu viel Wert beilegen und »Haltung« dabei für das einzige Zeichen vornehmer Bildung ansehen. Doch in jedem bedeutenden Menschen steckt ein Wildling oder Bohemien. (Auch in Louis Napoleon.) Glättet sich durch polierte Selbstzucht diese Rauheit, wo nicht Roheit (Peter der Große), wie bei dem in höfischem Milieu sich frei und sicher bewegenden Weltmann Otto Bismarck, so geschieht es auf Kosten tieferer Kräfte, wie das Abflauen des Dichteringeniums in Geheimrat v. Goethe bewies. Alles, was er dabei an Ansehen für den Bildungsphilister gewinnt, verliert Faustens unsterblich Teil.

Daß aber trotz behaglichen Philistertums eines Familien- und Gesellschaftsmenschen in diesem geschniegelten Berserker ein Etwas lebte, was gar nicht zu seinem Milieu paßte, das drückte der boshafte Prokesch im Vertrautenkreis seiner Mitverschwörer so aus: »Ich kann mir nicht helfen, dieser preußischer Junker ist in meinen Augen ein Erzrevolutionär. Er plant Umsturz der bestehenden Ordnung.«

Im Juli hatte er ein Wiedersehen gefeiert, das ihn in ferne Zeiten zurückrief. »Motley, dear old fellow! Is it possible!« Hätte es nicht seiner männlichen Art widerstrebt, er würde seinen amerikanischen Jugendfreund mit beiden Armen umhalst haben. »Johanna, dies ist Dr. John Lothrop Motley.«

»Von dem ich so viel hörte, Sie sind mir kein Fremder.« Sie behandelte ihn wie einen alten Freund, bei ihrer fraulichen Herzlichkeit und vollkommenen Natürlichkeit fühlte er sich gleich zu Hause und nahm an betitelten »Swells«, die zu Tische kamen, mit der kühlen Sicherheit eines Yankee keinen Anstoß. Aber das brüderliche Du wollte nicht mehr recht von der Lippe, unwillkürlich sprachen die Jugendfreunde englisch miteinander, wo das Du wegfällt.

»Sie sind beleibter geworden, Otto, das steht Ihnen gut bei Ihrer Länge. An Ihrer Stimme hätte ich Sie aber auf weite Ferne wiedererkannt, und Ihre Haltung, Ihr Betragen, kurz alles sind so die gleichen geblieben, wie man es selten findet. So jugendlich, daß es mir auffällt, so elastisch, so lebendig. Well, nun sind Sie also Staatsmann geworden, wie ich prophezeite.«

»Staatsmann? Bah! Beamter bin ich.«

»Diplomat. Wissen Sie noch, wie Sie sich mit Händen und Füßen gegen diese Möglichkeit sträubten? Jetzt haben Sie wohl die scheue Ehrfurcht vor diesen Eleusinischen Mysterien überwunden?«

» Mysteries be damned! Das Ganze ist ein großer Galimathias zur Betölpelung der Einfältigen. Und so was nennt sich ein Beruf, für den man Kameralia studiert!«

Motley lachte. »Bei uns in Amerika verfährt man anders, da macht man Schriftsteller und Gelehrte zu Gesandten und fährt gut dabei. Wissen Sie, wer unser Gesandter in Madrid wird, ein Hauptposten für unsere Staatsbeziehungen? Longfellow der Dichter. Ich, wie Sie mich da sehen, bin für Wien in Aussicht genommen. Wir sind also bald Kollegen.«

»Mein herzliches Beileid! Das ist ja famos. Und Ihre politischen Anschauungen?«

»Sind natürlich die gleichen, demokratisch-republikanisch, das versteht sich bei Amerikanern von selbst. Der Wandel Ihrer Ansichten hat mich natürlich verwundert, doch Sie werden ja Ihre Gründe haben, da Sie so gut in die Karten schauen konnten.«

»Ich änderte mich vielleicht weniger als Sie glauben«, meinte Otto bedächtig. »Sie kennen deutsche Verhältnisse doch nicht genügend, um meine Mauserung zu begreifen, warum ich aus einem lauen Liberalen ein eifriger Royalist wurde. Glauben Sie mir, mein Freund es geschah aus Vaterlandsliebe.«

»Davon bin ich überzeugt. Ich höre, Sie sind auch zu tiefem religiösen Glauben bekehrt. Dazu gehört Mut in unserer Zeit. Nun, an Mut hatten Sie ja immer Überfluß. Doch mich däucht, Ihre Ehrlichkeit und Ihr hohes Ehrgefühl dürften Ihnen hinderlich sein. Wer seine Wahrhaftigkeit nicht unterdrücken kann, hat viel Gefahren in den Geschäften dieser Welt.«

»Das ist mir Wurscht.« Er sagte es deutsch. »Bisher ging's leidlich damit. Hilft das wirklich, wenn keiner dem andern traut, weil jeder lügt und deshalb Lügen bei andern voraussetzt? Ehrlich währt am längsten.« Motley schüttelte leicht den Kopf. Der wird nie Premierminister werden. Er selbst war so nüchtern geworden, daß er die opulente Gastfreundschaft – er wohnte eine Woche bei Otto – nicht genießen konnte. Auf Ottos anglosächsische erste Frage: » What will you take? Port, Champagner, Burgunder, Bordeaux, Lagerbier?« hatte er lächelnd abgewehrt: »Man wird mich auf die Straße setzen, weil ich ein zu geringer Konsument bin, alles, was ich für Sie tun kann, ist eine Masse Selterwasser trinken.«

»So tief gesunken, lieber alter Kerl?« rief Otto erschüttert in trauerndem Mitleid. »Aber meine Havanna wirst du rauchen, es sind die besten im Lande.« Beim Scheiden war er der weitaus Bewegtere, obschon er den fröhlichen Studenten vermißte, der in seinem Gedächtnis lebte. »Wie alt sie alle werden!« klagte er Johanna. »Nur ich bleibe so schauderhaft jung.«

»Jawohl, Ottochen, manchmal ein Kindskopf!« strich sie ihm zärtlich über die Stirn. Der Riese war ihr Kind, denn die Frau ist immer Mutter. Wie sagte doch Schopenhauer? Der Geniale bleibt sein Leben lang ein Kind – vielleicht weil er der stärkste Mann ist.

Motley schrieb an seine Frau über Ottos »bemerkenswerte Talente«, welches » remarkabe« nachher Sprachunkundige mit »merkwürdig« übersetzten, hätte er doch wenigstens das Merkwürdige erkannt! Er pries auch Ottos Charakter sehr, aber das alles ohne wahre Wärme. Die menschliche Eitelkeit ist so maßlos unanständig, daß die »Freunde« großer Männer fast immer nur ihre Bekritteler sind.

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