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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Das wüste Leben hatte den Jüngling so angegriffen, daß er, auf der Reise nach Hause unterwegs in Braunschweig und Magdeburg lange bettlägerig mit bedenklichen Fiebererscheinungen, krank und mager in Schönhausen ankam, wo er sich auf dem väterlichen Gute noch wochenlang erholen mußte. Als es zur Aussprache über seine Schuldenlast kam, zog er den kürzeren. »Du bist ein Bruder Lüdrian!« tobte sein sonst so freundlicher Vater. »Bernhard bei den Gardedragonern kostet mir kein Fünftel von dir. Nee, Söhneken, so haben wir nich gewettet, dich reitet der Satan, aber auf mir reitest du nicht herum. Ich sperre dir den Kredit und werd' dich knapp halten.« Auch die gestrenge Mutter ließ ihn in ihrer kalten Art fühlen, daß seine Erscheinung ihr mißfiel: »Dein Samtrock ist lächerlich, dein Ton riecht nach Bierstube und anderen schlechten Häusern. Keine Vorschule zum Diplomaten!«

»Will's gar nicht werden!« trumpfte er verdrießlich auf.

»Schweig! Du weißt nicht, was du willst, doch ich weiß es. Wasch' dich von rohen Sitten rein, dafür ist eine Dosis Berlin gut.«

Leider auch für anderes. Erneut wirtschaftete Otto so böse, daß Kayserlingk, der jetzt in Berlin studierte und mit ihm in gemeinsame Wohnung zog, grämlich nörgelte: »Du bist ein liederliches Tuch.« Das bezog sich nicht auf Erotica, für die Otto keine Anwandlung zeigte, sondern auf seine alte Liebste, die Flasche. Im übrigen bildete sich der Korpsier zum Dandy um, der sich mit schwungvollen Krawattenbinden die Zeit vertrieb, als wäre er der Stutzer Brummel der Londoner Byronzeit. Er machte Visiten, prunkte mit fließendem Französisch und teils geziertem, teils ungezogenem Kavaliersanstand, wovon er im ersten Rang des Opernhauses gedeihliche Proben gab und sich mit herausfordernder Grazie auf seinem Fauteuil lümmelte. Der Göttinger Peter, gleichfalls nach Berlin verpflanzt, um unersättlichen Wissensdurst zu stillen, verfolgte ihn mit liebevoller Anhänglichkeit, zäh wie eine Klette, unabschüttelbar wie ein Schatten.

»O Petrus, der Übel größtes ist nicht die Schuld – ach, hätte Schiller dich gekannt! Die Furien sind zarte Jungfern gegen dich, sie bleiben einem nicht so feste auf den Hacken!«

»Immer der treue alte Otto!« quittierte dankend der große Sprachforscher, der kein Deutsch verstand. »Wie herrlich schimpfst du erst auf Coleurbruder ›Freiheitsbaum‹!«

»Auch dieser Knabe fängt an fürchterlich zu werden!« stöhnte Otto mißmutig. »Der schlanke Freiheitsbaum der Aristokratie steht hier im passendsten Treibhaustopf: Ihm fehlt zum Menschen alles, zum Kammerherrn nichts als ein Schloß vors Maul. Dreißig Vettern hat er hier, sie essen viel, sie säen nicht, der himmlische Vater nähret sie alle. Was leben sie? Sie zählen ihre Ahnen. O polizeiwidrige Ansammlung standesgemäßer Dummheit!«

»So? Dewitz sagte schon, du wärst ein roter Demokrat«, schnüffelte Peter.

»Bah! Ich bin gewiß aus einem edlen Haus, ich sehe blaß und unzufrieden aus.«

»Leider!« bekräftigte Peter, der das Faustzitat nicht verstand. »Mein brüderliches Zureden, die treue Sorge um deine kränkliche Gesundheit –«

»Ich bin unheilbar wie deine Gelahrtheit. Ne, mein guter Oller will mich Weihnachten visitieren. Er wird glauben, ich hungere mich tot aus Mangel an Subsistenzmitteln, ich werd' ihm kräftig einen anreißen, und er wird berappen.«

So geschah es. Der herzensgute Bismarck der Ältere konnte sein weiches Herz dem Augenschein nicht verschließen. Weitere Freude erlebte Otto, als plötzlich Motley auftauchte, der auch Berliner Wissenschaft genießen wollte.

»Kayserlingk verzieht nach Hannover, da kommst du zu mir, Kronenstraße 44. Wie geht's King?«

Motleys Gesicht verdüsterte sich. »Mit dem bin ich verfeindet. Ist drüben in England. Mit jedem Paketboot kreuzen sich unsere Wünsche, daß der andere zum Teufel gehe. Er fordert mich auf Doppelbüchse.«

»Herrje, auf einmal? Hast du ihm einen dummen Jungen aufgebrummt?«

»Er will englischer Offizier werden. Ein freier Amerikaner, pfui Teufel! Und Coffin ist übers große Wasser. Deine Wette steht.«

»Ach die! Und Wright auch weg?«

»Scharlach weiß von ihm. Will eine Weltreise machen.«

»Der Glückliche! Und wir schmoren hier im Teekessel, kneipen Familie. Will dich übrigens bei meinen Verwandten einführen.« Diese bestanden aus seiner Tante, verwitweten Generalin v. Kessel, Schwester seiner Mutter, die mit lauter Töchtern gesegnet war, und den gräflichen Bismarck-Bohlens von der anderen Linie. Graf Theodor auf Karlshorst und seine kluge schöne Gemahlin nebst der noch schöneren Tochter hatten für Otto ein allzeit offnes Haus. »Und mein alter Gieseke sitzt als Amtsauditor in Reinhausen, Landdrostei Göttingen, und spielt Boston mit der Amtmännin. Ungeheure Zwerchfellerschütterung schriftlich zu entladen, ward uns reichbegabten Menschen vom Schöpfer nicht vergönnt. Kinder, wie wir versimpeln! Neulich schickt er 'ne tückische Strafpredigt über Schreibfaulheit und ließ mich ein Halbjahr auf den ersten Brief warten. Göttingen hat mich ganz vergessen. Sogar mein Universitätszeugnis mußt' ich mir sauer erpressen, die hiesigen Behörden wollten schon nichts von mir wissen, nur Konnexionen rissen mich raus. Nicht mal meine Säbelklinge bekam ich nachgeschickt, ein Unsriger behielt sie wohl zu gesegnetem Andenken. Sic transit gloria mundi, finis Poloniae! Dem ›dicken Herrn‹ geb' ich nächstens mal schriftlichen Rippenstoß, wenn ich halbbesoffen bin, nie ohne dieses. Dem ›Kaziken‹ werd' ich die Entdeckung Amerikas melden, damit er endlich aus seinem Kater erwacht. Keiner gönnt mir ein Sterbenswörtchen, und ich sitze hier verlassen auf meiner märkischen Sandbank.«

»Sei froh!« brummte Motley. »Was hätt'st du beiläufig angefangen, wenn die Universität dich nicht haben wollte?«

»Na, ich hätte das Portefeuille des Auswärtigen ausgeschlagen und wär' Rekrutenfuchteler geworden. Sodann hätt' ich mir's angelegen sein lassen, durch Kartoffelschnapsbrennen das Wohlsein meiner Bauern zu untergraben. Scharlach und andere Scheusäler würd' ich zur Hetzjagd einladen, damit sie den Hals brechen. Ich selbst würde vor Mastfett platzen und fluchen, daß die Welt und alle umliegenden böhmischen Dörfer zittern. Ja, Donner und Doria, ich gehe in die böhmischen Wälder, und den großen Carlo Moor nehm' ich mir als Muster vor, wenn ich Treiber und Jagdhunde prügele. Denn mein Lebtag will ich mich nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Wenn eine sittige Gattin mir die hirschledernen Buchsen ausklopft und mir eine Nase dreht, werd' ich alle Hörner der Christenheit für Jagdtrophäen halten. Uf Ähre, suberber Gaul! streich' ich mir den Bart im ländlichen Kreise meiner Schweine, hochbefriedigt, wenn die Wollhändler mich Herr Baron nennen. Darauf leg' ich Wert, dann verkoof ich 2 Dhaler wohlfeiler, verstandez-vous

Motley ergötzte sich nicht wenig an diesem Erguß satirischer Laune. »Immer der Alte! Car tel est ton plaisir. Doch wie steht's mit dem Jus?«

»Ich kam schon bis zum Obligationenrecht, mit Respekt zu melden«, versicherte Otto feierlich. »Danke der gütigen Nachfrage! Meine Alten verkennen mich und möchten jetzt selber den verlorenen Sohn zum Offizier degradieren. Doch j'y suis, j'y reste. Auch mein Bruder Bernhard sattelte um, der vier Jahre bei den Dragonern war, der büffelt jetzt kolossal und wird bald hin werden. Zwei Referendare in einer Familie ist eine Heimsuchung des grundgütigen Himmels, doch mit Hilfe der heiligen Jungfrau nur Mut, die Sache wird schon schief gehen. Betrachte mich heut abend in charmantem Familienzirkel! Ein Gesichte schneid' ich, sag' ich dir, Salomo is nischt dagegen.«

In der Tat nahm er frommen ästhetischen Tee bei Tante Kessel ein. Kusine Helene, ein begabtes Mädchen, die sich mit Malerei beschäftigte, zog ihn auf; dafür zog Kusine Lienchen Bohlen ihn an, mehr als einem Vetterherzen zuträglich. Seine Munterkeit schwand so sichtlich, daß Motley sich erkundigte: »Was ist mit dir los? Seit Monaten bist du nie auch nur halbheiter gewesen. Selbst Peters unverwüstliche Dulderfähigkeit machte sich schon lange rar vor deiner galligen Bosheit.«

»Freß' ich beißende Ratte mich durchs ranzige Speck seiner Geduld? Ich arbeite nicht auf Selbstmord hin, nimm also ein Schachspiel unter den Arm und ich stecke ein Pack Karten in die Tasche, auf daß wir seiner Unterhaltung entrinnen. Aber laß uns den armen Kerl in seiner Höhle aufsuchen, das ist eine hochherzige Mannestat!«

»Na, gutmütig bleibst du wie immer«, lobte Motley beifällig. Doch mit dem Donnerworte ward ihnen aufgetan: Der, den ihr suchet, ist mit Kollegienheit in Professor Luchs' ästhetischer Vorlesung.

»Ästhetisch ooch noch!« seufzte Otto elegisch. »Das Maß ist voll. Ich begehe im Leben keine gute Handlung mehr. Immer fällt man rein, haste nich gesehn, man sucht einen Ochsen und findet die Boa constrictor, die ihn schon verdaut. O mein prophetisches Gemüt, mein Peter! Daß einer lächeln kann und wieder lächeln und doch ästhetisch sein! Freund meiner Seele, fliehen wir die Lasterhöhle, in der ein Unhold wohnt. Und nimmermehr betret' ich diese Schwelle. Ästhetisch! Mir schwante ein Verbrechen. Wir haben mit dem Grauen zur Nacht gespeist ... und hier ist Lutter & Wagener, wo es einen guten Tropfen gibt. Hol' die Pest alle feigen Memmen! Und Falstaff war ein ehrenwerter Mann.«

»Das sind wir alle, alle ehrenwert!« parodierte Motley. »Taugenichtse und kein Ende. Doch dein bizarrer Humor sprudelt umsonst über, verlorene Liebesmüh, ich kenne dich, Spiegelberg. Du selber bist ästhetisch bis in die Fingerspitzen und spielst den Prinz Heinz nur dir selber vor.«

»Weh mir, ich bin durchschaut«, brach Otto trocken ab. »Mich verkuppeln an die dürre Vettel Ästhektik? Laß einen schlichten Christenmenschen in Frieden sterben! Ich komme dir die Blume und einen Ganzen. Probst!«

Der Kusine Helene klagte er: »Meine Finger krümmen sich unter meiner allzu beweglichen Feder. Als Protokollführer die Untaten der Berliner ans Licht zu ziehen, winkt später als zweifelhaftes Vergnügen.«

»Doch frönst du ungewohntem Fleiß und zeigst Ehrgeiz, dich vorwärtszubringen.« Sie musterte ihn mit wohlwollendem Spott. »Du hast so was Verinnerlichtes, bist du vielleicht verliebt?«

»Gegen wen denn?« Er errötete wie ein Backfisch. »Du siehst mir gewiß nichts an, was so schnöden Verdacht rechtfertigt.«

Sie verzog den Mund und dachte: man hat nicht umsonst eine bildhübsche Kusine, sitzt da der wunde Punkt? »Dazu schneidest du ein Gesicht, als hättest du Bauchgrimmen. Baldriantropfen gefällig?«

»Das kommt davon,« Otto atmete erleichtert auf, so abzulenken, »daß mein Alter, der zum Wettrennen hier ist, mich zu drei Stunden Diner zwang. Das verträgt meine zarte Konstitution nicht.«

»Habe dich man nich! O meine Nerven!«

»Ach, Helene, mein klägliches Dasein! Der längste Titel und breiteste Orden entschädigen nicht, wenn die Brust einschrumpft geistig und körperlich. Wie gern vertauscht' ich Feder und Aktenmappe mit Pflug und Jagdtasche!«

»Du kannst nicht ewig ein Bruder Studio bleiben. Was treibt denn dein fröhlicher Scharlach, von dem du so oft erzählst?«

»Hat sich verlobt mit seiner Kusine Helene, erklärt sich von allem burschikosen Rest befreit. Ich unheiliger armer Teufel geb' ihm meinen väterlichen Segen. O die glückliche Dame, die ich einst wähle! Die beneid' ich unter allen Sterblichen.«

»Die Affektiertheit steht dir patzig gut. Frauenhasser und jede Woche in eine andere verliebt. Kam ich auch schon an die Reihe?«

»Dazu verehre ich dich zu sehr«, sagte er ernsthaft. »Bei mir traurigem Geschöpf ist keine Neigung von Dauer.«

»Ei, ei, und bist berüchtigt wegen philosophischer Ruhe. Alle Bekannten beiderlei Geschlechts nennen dich den kaltblütigsten Verächter weiblicher Reize. Nur ich sehe auf deiner Denkerstirn was anderes geschrieben, doch ich verrate dich nicht.«

»Hätt' ich doch so beneidenswert nichtssagende Züge wie der Herr v. Malortie aus Hannover!«

»Der mit Kusine Lienchen kokettiert? Das läßt tief blicken! O du Zwiespalt der Natur, edler Herr v. Örindur.«

»Dein unzarter Wink, fluchbeladene Seherin, schießt vorbei. Frauenzimmer wittern überall Herzfehler, auch bei den gesündesten Herzklappen.«

Doch eines Winterabends erschien er bei Kessels in langer Wollenweste und mit großkarrierten, blaugrauen Beinkleidern, ähnlich den satirischen Zeichnungen zu Dickens' Romanen, dabei aber das üppige Haar herabgekämmt, mit düster leidender Miene wie ein Titelkupfer zu Byrons sämtlichen Werken.

»Frisur à la Melancholie? Hinreißend!« Helene klatschte in die Hände, der Gesellschaftskreis sparte nicht mit Witzen, die er still und gottergeben hinnahm. »So muß ich dich festhalten für die Ewigkeit. Sitz' ruhig, ich konterfeie dich ab.« Helenes Stift entwarf von ihm eine niedliche Karikatur. Als am anderen Tage die Verlobungskarte von Komtesse Bohlen einlief, die sich dem eleganten Herrn v. Malortie versprach, ging ihr ein Licht auf. Sie lächelte schmerzlich: So 'n bißchen unglückliche Liebe is doch gar zu schön! Die schöne Lina aber lachte den gratulierenden Vetter unbefangen an: »Siehst, Otto, auf andere Leute mach' ich einigen Eindruck, das merke dir, alter Grobian.«

Laß fahren dahin! Doch wer selbst die Angebetete täuschen kann, bringt's noch weit in Verstellungskunst! dachte er bitter. Noch ist nicht Hopfen und Malz verloren zum Diplomaten. –

Der Studiosus Bismarck stand in seinem sechsten Semester. Er hatte das vierte und fünfte auch verbummelt und dem großen Rechtslehrer Savigny keinen Anlaß gegeben, auf ihn mit günstigem Auge zu schauen. Jetzt auf einmal begann er zu büffeln mit einem Eifer und einer Schnelligkeit, die eine wunderbare Fähigkeit zur Konzentration verriet. Er verkehrte oberflächlich mit Kommilitonen oder jungen Offizieren und führte das übliche Lotterleben eines Jünglings von guter Familie, wobei er es zu bedeutender Virtuosität im Gähnen brachte. Einen etwas merkwürdigen Verkehr pflegte er mit einem Studenten hoher Semester, der soeben sein Examen machte. Rudolf Schramm fühlte in sich Seelenverwandtschaft mit St. Just, dem blondlockigen Johannes des bleichen Messias Robespierre, und das dringende Bedürfnis, die Menschheit zu beglücken, womöglich auf gütlichem Wege der Guillotine. Begreiflicherweise nicht offen aus sich herausgehend, ließ er doch Otto gegenüber sich los beim Glase Wein um Mitternacht bei Lutter & Wagener, wo sich damals noch alle Schauspieltragöden und verbummelten Genies herumtrieben und sich die Stammtische von Callot-Hoffmann, später Grabbe und Heine zeigten. Schramm schwelgte in düsteren Winken über eine künftige deutsche Revolution, bis Otto ihn unterbrach: »Liebster, Sie strotzen bis zum Rande von französischen Tiraden, wie ein gewisses wenig wohlriechendes Gefäß von Sevresporzellan. Doch rate ich Ihnen, behutsamer zu sein, Sie können nicht viel Schoppen vertragen. In vino veritas!«

»Vor Spitzeln werde ich mich schon hüten!« brauste jener auf mit giftigem Blick.

»Hoffentlich ist das keine Anzüglichkeit, sonst müßte ich Sie ohrfeigen«, versetzte Otto bedächtig. »Bei mir fällt alles in einen tiefen Brunnen. Aber es gibt Neugierige in öffentlichen Lokalen, die gern zuhorchen.«

»Bah, wegen privater Äußerungen akademischer Natur, politischer Theorien verfolgt man niemand. Die Zeit der Demagogenhetze ist vorbei.«

»Sehr wahr, und das beweist, daß unser verrufener Polizeistaat noch lange nicht mit Spionen des hochseligen Dionys von Syrakus oder gar des seligen Robespierre konkurriert. Sonst ständen Sie längst im schwarzen Buch und ich auch wegen Umgangs mit übel berüchtigten Individuen. Sie machen Ihr Staatsexamen und lernen dabei alle Konventsreden auswendig, aber das würde Ihnen bei unserer erzliberalen Bureaukratie nichts schaden, eher nützen, weil man Sie für einen vielversprechenden Anhänger halten würde, der eine Verfassung wünscht.«

»Sie etwa nicht?« forschte Schramm mit lauerndem Blick.

»O doch! Nur find' ich komisch, wenn man Geschehenes und obendrein bei einem fremden Volke mit ganz anderem Temperament als Rezept für alle Fälle ansieht.«

»Es gibt nur ein Allheilmittel: Blut und Eisen!« deklamierte Schramm mit dumpfer Stimme.

»Zugestanden. Doch wer mit dem Schwert sündigt, wird durchs Schwert umkommen. Fragt sich nur, wer die Eisenpillen schlucken muß. Wie endete denn Ihre berühmte Revolution? Mit der Säbelherrschaft.«

»Wir haben gelernt und werden uns solche Musjös Bonaparte vom Leibe halten.«

»Wie wollen Sie das anfangen, wenn er die Feldherrnuniform am Leibe hat? Bei uns muß alles gesetzmäßig gehen, wir würden sicher beim ersten Stadium stehenbleiben, aus unserer Nationalversammlung erwüchse doch nie ein Konvent.«

»Falsch! Die Reaktion wird dann Gewalt brauchen, Blut wird fließen und dann – –«

»Und dann kommt alles anders. Wir sind keine Franzosen. Na, nichts für ungut! Ihr Wohl! Wie war's gestern in der Oper?« – –

»Herrje, Otto!« faßten ihn zwei junge Männer ab, als er am Kastanienwäldchen vor der alten Universität herumspazierte und ein juristisches Pensum memorierte.

»Bist du's, Fritz, alter Schlangentöter?« Den Spitznamen trug sein Vetter, Graf Bismarck-Bohlen, weil er mal eine Kreuzotter zur Strecke brachte. »Und du, Ulrich? Wie lange nicht gesehn!« Dies war ein Herr v. Damitz-Milzow aus Mecklenburg, ein Schulfreund aus den Kinderjahren. »Wo kommst du her?«

»Zu Besuch bei Thaddens, die du wohl kennst? Nicht? Intim mit Puttkamers-Reinfeld, die dir sicher von euren pommerschen Gütern her bekannt? Auch nicht? Sehr herzliche Herrschaften, tief gemütlich, wie du es liebst, alter Kerl.«

»Ich? O ich habe mich sehr verändert. Gemütlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.«

»Ja, ich habe von Fritz hier gehört, du bist in Göttingen ein schreckliches Licht gewesen. Einen Schmiß hast du auch.«

»Dabei geht's ganz gemütlich her, das mein' ich nicht. Aber ich bin schon wieder verberlinert und elend blasiert.«

»Ach laß dir nichts vorreden! Wenigstens in puncto amoris immer noch –«

Fritz, der Graf, sagte Damitz etwas ins Ohr und lachte. »Nich mal ein ordentliches Verhältnis hat er, kein Küchendragoner und kein Konditorfräulein kann sich rühmen: er geht mit mir; keiner jungen Dame macht er mit unanständigen Absichten den Hof, von anständigen ganz zu schweigen.«

»Laß mich zufrieden mit der Fopperei!« brauste Otto ärgerlich auf. »Ich habe keine Zeit für schmierige Chosen, muß ins Examen steigen.«

»Weidmannsheil nebst Hals- und Beinbruch! Gratuliere voraus zum Durchfall!«

Bohlen klopfte ironisch mit der Reitgerte seine eleganten Stiefel ab. »Den Aktenstaub, den du ansammelst, möcht' ich auch sehen. Du heißt ja der große Schwänzer. Dunklem Gerücht zur Folge sollst du mal einem Kolleg beigewohnt haben. Deine übrigen Kollegstunden hältst du im Treptower Park ab oder in den Rüdersdorfer Kalkbergen oder am Müggelsee ... rudern, reiten, jagen, boxen, fechten sind deine adeligen Passionen. Auch stehst du im Verdacht, Verse zu machen.«

»Das ist schlimmer als ein Verbrechen, das ist ein Fehler, sagte der selige Talleyrand«, versetzte Otto kühl. »Oder hier: schlimmer als eine Verleumdung, eine falsche Gloriole. Ich wollt', ich könnte es. Doch ich bin ganz schuldlos.« »Nanu! Moritz Blanckenburg hat dich doch auf der Potsdamer Pfaueninsel ertappt, wie du im Boot aus einem Buch Verse deklamiert hast.«

»Lenaus ›Schilflieder‹. Nichts für dich, mein Söhnchen. Was wäre übrigens dabei? Prinz Wilhelm hat auch Verse gemacht an seine Jugendflamme, die Radziwill.«

»Potztausend! Ein so strammer Soldat, von dem die Leute sagen, daß er in Uniform zu Bette geht.«

»Die medisanten Berliner quasseln viel. Denen ist nichts heilig ... nicht mal meine unbefleckte Jungfräulichkeit im Musendienst, nicht mal mein guter Ruf als nüchterner Rechtsbeflissener.«

»Na abwarten! Ich lach' mich tot, wenn du je Referendar wirst. Übrigens verbreitet Moritz auch mit tiefer Trauer, daß du in deinem Kämmerlein unbändig schmökerst ... unsittliche Belletristik.«

»Bei Moritz ist alles unsittlich, was nicht in der Bibel steht.«

»Ja, du bist ein ungläubiger Heide. Schmökern ist ja soweit ganz nett, z. B. Romane von Graf Sternberg und Gräfin Ida Hahn-Hahn ... die sind freilich sehr überspannt.«

»Ach, das ist die!« mischte der ehrliche Damitz sich ein. »Belle warst de, triste bist de, Belletriste.«

»Mit solch faulen Witzen bringen die Berliner jeden um. Aber für sentimentalen Weiberschund hab' ich keine Zeit. Da les' ich noch eher das Zeug von einem gewissen Gutzkow.«

»Herrgott, der ist ja geächtet vom Deutschen Bundestag!« schrie Damitz auf. »Ein ganz rabiater Kerl.«

»Ach wirklich?« Otto machte ein unschuldiges Gesicht. »Bei aller schuldigen Ehrfurcht vor dem hochmögenden Deutschen Bund, allzuviel verbieten ist ungesund. Laßt doch die Leute schreiben! Bellende Hunde beißen nicht. Übrigens, wer die Feinde will verstehn, soll in Feindes Lande gehn. Wie soll ich denn die Demokraten begreifen, wenn ich nicht ihre Bücher lese? Tröste dich aber, ich lese fast nur Englisch und Französisch.«

»Auf der Schule hast du schon immer geschwärmt für den göttlichen Shakespeare«, erinnerte sich der gute Damitz, der durchaus nicht das Pulver erfunden hatte. »Da gehst du wohl viel ins Theater?«

»Gott sei bei uns! Da stolzieren die Könige auf Stelzen, die Staatsmänner sind lauter feierliche Poloniusse und die Helden wie Bramarbasse. Ich will mir doch den Dichter nicht verhunzen lassen, das spiel' ich mir selber in meiner Stube vor.«

Bohlen schüttelte den Kopf. »Du wirst täglich verrückter. Sei doch nicht so schrecklich exzentrisch! (Neues Wort in den Salons, merk' dir das.) Der jöttliche Devrient –«

»Gut gebrüllt, Löwe! Theater und Konzerte sind hier der Menschheit große Gegenstände. Na adjes, ich muß nach Hause.«

»Wie befinden sich deine verehrten Eltern?« erkundigte sich Damitz. »Da drüben am Opernplatz habt ihr gewohnt, dicht neben der katholischen Kirche. Dort war es immer so nett. Und was macht Walwine?«

»Danke der Nachfrage. Eine junge Dame mit Gardemaß. Wird dir allergnädigst auf den Kopf herabblicken. Besucht uns doch beide, man wird sich freuen.« –

Berlin war damals noch nicht durch die Ära Schinkel unter dem nachfolgenden kunstsinnigen Monarchen verschönert. Nur die ehrwürdige schlichte Vornehmheit der Schlüterschen Bauten, das Brandenburger Tor, die Gebilde Rauchs belebten das eintönige und ziemlich ärmliche Stadtbild, dessen sparsame Spießbürgerlichkeit so recht zum Wesen des regierenden dritten Friedrich Wilhelm paßte. Auf der Charlottenburger Chaussee rasselten wenig Equipagen, Kremser fuhren bis Spandau, Omnibusse bis Schöneberg und Köpenik, der feine Westen endete »am Karlsbad«, weiter draußen weideten allzu ländlich Ziegen und Schafe zwischen Kohlfeldern. Auf der Wilmersdorfer Heide stand kein einziges Haus, und es hätten sich dort Räuberbanden ansiedeln können, wie auf der Schwarzen Heide ( black heath) bei London. Charlottenburg lag weit jenseits des Berliner Weichbildes, und in Moabit sagten die Hunde ohne Maulkorb sich gute Nacht. Im weitgedehnten und von wenig Reitwegen durchzogenen Tiergarten galten Apolloplatz, Goldfischteich und Umgebung der Rousseauinsel als romantisch verschwiegene Tummelplätze für verliebte Stelldicheins. Unter den Zelten lustwandelten Paare und löffelten saure Milch. Kahnfahrten nach Pichelswerder, wo man Aal grün mit Gurkensalat servierte, und andere »Landpartien« standen hoch im Kurs als verfeinerter Lebensgenuß. Bei Kranzler aß die schöne Welt ihr Eis in eleganter Biedermeiertracht, die Uniformen konnten an Häßlichkeit nicht übertroffen werden, die Damentoiletten würden wohl auch nicht einen Schönheitspreis bei internationaler Konkurrenz errungen haben. Die Armut kam hier entschieden von der Pauvreté, schmucklose Lustschlößchen adelten sich durch echtdeutsche Namen wie Bellevue und Monbijou. Aber die Herrensitze in der Wilhelmstraße sahen würdig aus, die Feldherrnstatuen auf dem Wilhelmsplatz mit den Rasenspalieren verkörperten kräftig das altpreußische Kriegertum; das Mobiliar in den Häusern hatte eine gediegene Vornehmheit, die Umgangsformen waren gebildet, höflich, von guten Sitten, die ästhetischen Tees mit Butterbrot verzichteten auf rohe Abfütterung und lieferten dafür gratis den reinsten Zucker geistreicher Konversation. Von den großen Männern der Befreiungskriege ging ein Teil dahin, doch über Preußens Heer gossen immer noch lebende Namen eines Clausewitz, Boyen, Grolman, Müffling einen Schimmer des Ruhms, hohe wissenschaftliche Bildung lebte im Generalstab fort. Hegel, Humboldt, Schleiermacher wirkten in diesem alten Berlin, etwas von Fichtes Geist war noch zu spüren, Naturwissenschafter wie Ehrenberg und Mitscherlich begannen hier den Ausbau ihrer Forschungen. Selbst in der Militärjustiz wehte ein humaner Hauch durch das Wirken des hochverdienten Generalauditeurs Friccius, des Erstürmers des Grimmaischen Tores. So konnte kein Vernünftiger es den Berlinern verargen, daß sie von der Bedeutung ihrer Stadt eine hohe Meinung hatten, wenngleich in Kunstdingen das Isarathen des eigenartigen Bayernkönigs Ludwig eifersüchtig dem Spreeathen den Rang ablief.

Von dem geistigen Leben Berlins spürte freilich Otto Bismarck nicht viel, für ihn gab es keine Salons der Humboldt und Varnhagen, so wie ihm später ähnliche Mittelpunkte zur Zeit von Stahr und Fanny Lehwaldt verschlossen blieben. Seine Geburt und Familie beschränkten ihn wesentlich auf Kreise des niederen Adels, wo zwar ein gewisses Maß von ästhetischer Bildung damals noch zum guten Ton gehörte, aber sehr mit Maß. Allerdings darf man an jene vornehme Zeit, wo man wenig Geld, aber viel Geist, wenig Geschmeidigkeit, aber viel Charakter hatte, nicht die heutige Krämerelle anlegen. Der Schwager des Königs, Prinz Karl von Mecklenburg, seines politischen Zeichens starrer Reaktionär, las bei Hofe Goethes »Iphigenie« vor, das sagt alles. In den Kreisen des jungen Bismarck aber drehte sich der Lebensinhalt wesentlich um Beamten- und Militärhierarchie, gewürzt durch höfische Intrigen. Diese Kümmerlichkeit trat jedoch in seinem Elternhause nicht so grell hervor, da Vater und Mutter, beide in ihrer Art, keine Herdenmenschen waren.

– – »Wirf dich nur rasch in Wichs! 's ist nicht mehr viel Zeit bis zum Diner«, trat ihm auf der Schwelle des Korridors ein hochaufgeschossenes Mädchen entgegen. Er küßte ihr kluges energisches Gesicht. Das war seine Schwester Malwine, an der allein er mit aufrichtiger Liebe hing. Heut war der 24. Februar, der Geburtstag seiner Mutter. Noch lange mußte es dauern, bis die entlaubten Kastanienbäume ihre weißen rotpunktierten Blüten streuten, noch duftete es nicht Unter den Linden. Die frostige graue Luft drückte wohl beklemmend auf sein Gemüt, alles kam ihm so verdrossen und abgestanden vor. Ekel, schal und unersprießlich! dachte er mit der üblichen Hamlet- und Wertherstimmung jedes jugendlichen Idealisten, der sich ein wenig die Hörner ablief und schon das Wiederkäuen satt hat. Das blickt so melancholisch wie der Dänenprinz, obschon man keinen Vater zu rächen und sich nicht für den faulen Staat Dänemark zu sorgen braucht. Eben das wünschte man sich, und daß man so unbedeutend als fünftes Rad am Wagen nebenher rollt, das ist der wahre Sitz des Übels. Der Ichschmerz nennt sich Weltschmerz und findet etwas faul im Staate Dänemark, wenn man selber faul ist.

Als er seiner Mutter vor dem Diner die Hand küßte, seufzte die noch immer schöne Frau: »Das liebste Geburtstagsgeschenk wäre, wenn du nicht durchs Examen fällst, wie leider zu erwarten. Du machst uns schwere Sorgen.«

»Uns? Bleibe bei dir, Minchen!« Der joviale Papa klopfte dem Sohn auf die Schulter. »Darüber laß dir man keine grauen Haare wachsen. Du kannst die langen Beene noch lange unter Vaters Tisch strecken.«

»So verziehst du ihn immer«, schmollte Frau v. Bismarck und tadelte mit spitzem Ton: »Unsere Finanzen stehen nicht mehr so glänzend infolge deines liebenswürdigen Mangels an Sparsamkeit.«

»Na, rede man nich!« Ehe ein ehelicher Zwist am Festtage entbrannte, begann glücklicherweise schon die Gratulationscour. Lauter Beamte und Offiziere. Beim Diner dachte Otto an seine Kindheit zurück. Zu solchen Familienfesttagen holte ihn aus der Schülerpension der Jäger ab. Bismarcks gaben's nobel und steckten ihren einen Bedienten in Jägerlivree mit Federhut. Dann gab es ein Festessen mit ziemlich den gleichen Personen wie heut, sozusagen erbangesessenen Hausfreunden. Einige der alten Herren mit dem Ordensstern hatte schon jene Jakobinerversammlung von Würmern verzehrt, die Hamlet dem Polonius in Aussicht stellt. Die Überlebenden schlemmten noch heut in Kaviar, Hummer, Gänseleberpastete, Champagner, allen Leckerbissen der üppigen Bismarckschen Tafel. Die Offiziere, damals junge Leutnants und Rittmeister, meist von des alten Bismarcks früherem Regiment, den Karabiniers, waren jetzt im Laufe der zehn Jahre nur selten zu Majoren aufgerückt. Als solche würden sie wohl verschimmeln, und brachte es einer zum Obersten, so konnte er reichlich Großvater sein. Otto musterte mit mitleidig verächtlichem Lächeln diese illustre Versammlung von Nullen. Von Göttingen trug er die studentische Geringschätzung des Philisters mit, und verdienten etwa nur ehrsame Bürger diesen Titel und nicht auch hochbetitelte Staatsdiener? Am schnurrigsten kamen ihm die greisen Würdenträger vor, die ihre uralten Bonmots und Historien vorbrachten.

»Da hätten gnädigste Frau sehen sollen, wie Prinzeß Luise indigniert den charmanten Kopf tournierte und den Roturier lorgnettierte. Ihre Kgl. Hoheit hatten dabei ein Air, wie die hochselige Prinzeß Amalie, des großen Königs gnädige Schwester, höchstdero Fasson hatte une charme, une grace – tout à fait distinguée. Ich war damals junger Kavalier beim corps diplomatique – hélas, les jours de fête sont passés

Dieser Zug erinnert mich an meine früheste Jugend, spöttelte Otto in sich hinein. Wie der alte Knabe noch schlingt und kaut! Damals zog mich nach dem Diner, wenn man mich als gesättigt fortschickte, die Kammerjungfer beiseite, die mich bemutterte, und stopfte mich mit Baisertorte voll. Wie stehlen doch all diese Domestiken, die Lakaien halbleere Weinflaschen, die Zofen Kuchen und Dessert! Das frißt an jeder hochadeligen Wirtschaft. Ach, mein guter Vater ist ein Verschwender, ich auch, das liegt im Blute. Damals hab' ich mir meinen kindlichen Magen verdorben, diese großen Kinder tun's noch heute. Das ist nun das Leben.

Nachdem die Gesellschaft sich verabschiedete, saß Frau v. Bismarck in ihrem Boudoir, wo prächtige Kleider und schön gebundene Bücher als Geschenke des Tages unter allerlei Nippsachen bric-à-brac umherlagen. Das Zimmer duftete nach Maiblumen, weil die Dame diese Blume besonders liebte, die so früh im Jahre nur durch künstliche Treibhauszucht mit schwerem Geld erworben werden konnte. Für Bismarcks war nichts zu teuer. Der alte Rittmeister und Gutsherr besaß nur die natürliche Gleichgültigkeit eines Grandseigneurs für den Mammon, ohne daß er im geringsten den äußern Schein liebte. Offene Hand und offene Tafel, leutselige Wohltätigkeit und Gastlichkeit, und wenn seine bäuerlichen Untertanen und Pächter nicht pünktlich ihren Tribut entrichteten, stundete er eben, solange sie wollten. Freunden pumpte er bis zum Jüngsten Gericht, und Standesdünkel haßte er mit der ganzen Schlichtheit eines echten Blutadels uralter Herkunft. Die Bürgerliche hingegen, die geborene Mencken, protzte gern mit Prachtaufwand, spielte die große Dame der Gesellschaft und führte ein strenges Regiment.

»Wilhelmine ist klug, sehr klug,« urteilten ihre Freundinnen bei jedem Kaffeeklatsch, »aber Gemüt hat sie nich für einen Silbergroschen. Und helle ist sie, die richtige Berlinerin, aber mittemang janz verschroben, glaubt an Geisterseher und solchen Schmuß.« –

Als sie jetzt ihre Familie um sich versammelte, trat der harte kalte Zug in ihrem Gesicht auffallend hervor. »Ich will nur hoffen,« begann ihre Gardinenpredigt dem versammelten Kriegsvolk die Leviten zu lesen, »daß unser Haus nicht noch einen Knacks bekommt durch deine allzu philanthropische Gutmütigkeit, lieber Mann, und deine Extravaganzen, Otto.« Der ältere Bruder Bernhard, ein guter Junge, bedeutete nichts, und von der Tochter Malwine, bei der sich der klare lebhafte Mutterwitz durch väterliches Gemütserbteil erwärmte, war ja am Ende nichts zu erwarten, als daß sie einen standesgemäßen Freier erkiesen werde, so begütert wie möglich, aber sicher kein großes Kirchenlicht, mit dem man Staat machen konnte. Dazu standen die Bismarcks nicht hoch genug, um auf eine besonders glänzende Partie für die Tochter des Hauses hoffen zu dürfen. Eine Ballschönheit erblühte in Malwine auch gerade nicht, die etwa einem höheren Standesherrn den Kopf verdrehen könnte. Da blieb nur Otto, auf den diese ehrgeizige Mutter Hoffnungen setzte, die für sie bei Lebzeiten sehr unbefriedigt blieben.

»Ach, Karlineken, na warum denn nich!« summte der leichtherzige Papa. »Otto schlägt nicht aus der Art, wir Bismarcks waren immer forsche Kerle, die sich wenig drum scherten, was die Basen und Muhmen über sie zeterten. Mir ist einer lieber, der auf Nebenwegen über Stock und Stein trottet, als die stieseligen Bengels von heute, wo jeder in gleichem Schritt und Tritt ängstlich auf der Landstraße marschiert. Alle Wege führen nach Rom, und was ein richtiger Gaul von gutem Gestüt ist, findet schon immer heim zum Stall. Um Otto ist mir nich bange.«

Dabei sah er seinen stattlichen Jüngsten mit liebevoller Zärtlichkeit an. Seine ohnehin gutherzige Natur entfaltete ein Übermaß von Selbstlosigkeit diesem Sprossen gegenüber. Dessen Göttinger Schulden zu bezahlen machte ihm eine Herzensfreude, und er wurde nicht müde, von den achtundzwanzig Duellen erzählen zu hören. Seltsamerweise stieß aber diese »Affenliebe« den Sohn ab, erschien ihm unmännlich. Seine spröde Art, die sich nur selten anschloß und über äußere Kameraderie nicht herauskam, vergalt dem Vater nicht durch Erwiderung einer hingebenden Ergebenheit. Verdrossen und mürrisch, wie sein ernüchterter Seelenzustand sich ausbildete, kehrte er auch dem guten Alten gegenüber nur Stacheln hervor, launische Gleichgültigkeit, ironische Verbissenheit. Gleichwohl hatte er im Grunde seines Herzens ein anhängliches treues Gefühl für seinen Erzeuger, während er seine Mutter nur achtete und fürchtete, zuletzt auch herbe kritisierte.

»Sie ist niemandem gut,« beichtete er seiner Vertrauten Malwine, »warum sollte ich ihr gut sein?«

»Sie ist doch unsere Mutter«, entsetzte sich die weibliche Empfindung.

»Und ich ihr Sohn. Mit mir will sie nur Ehre einlegen, deshalb soll ich so viel lernen, nicht des Lernens wegen, sondern um irgendwas Großes zu werden. Ich will aber nicht groß sein, habe gar nicht das Zeug dazu. Solche Mutterliebe ist nur Selbstsucht, für die ich nicht zu danken brauche.«

Mit solcher Gesinnung hörte er ungeduldig den Ermahnungen zu. »Ich war entsetzt über die tudesken Manieren, die du aus Göttingen mitbrachtest. C'est dégoutant. Das haben wir dir ja wieder abgeschliffen. Du ziehst dich wieder anständig an wie ein Sohn aus gutem Hause, und ich bin enchantiert, daß man von Saufen und Raufen nichts mehr vernimmt. Auch die Karten, des Teufels Bibel, scheinst du zu meiden. Aber arbeiten tust du nicht, wenigstens jetzt erst, wo es vermutlich zu spät ist. Du wirst dein Examen nicht bestehen, und dann haben wir die Bescherung. Ich begreife nicht, wie ein Sohn von mir, ein Enkel meines Vaters, ein solcher fainéant ist. Der richtige Landjunker, der bloß den Stammbaum seiner Pferde und seinen eigenen kennt!«

Das geht auf Vater! dachte Otto zornig. Sie soll uns Bismarcks in Ruhe lassen. Die Welt wird nicht anders, wenn man auf die Kirchtürme steigt und Mordio schreit.

»Otto ist aber kein Faulpelz«, trat Malwine kräftig für ihn ein. »Er liest riesig viel, und wenn er sich bei den Pandekten mopst, wer tut das denn nicht!«

»Sage mir, was er liest, und ich sage ihm, wer er ist!« fuhr jedoch die weise Dame, halb Parze, halb Minerva, fort, mit jener glatten Beherrschung der Sprache, die oft einen Mann in Erstaunen setzt. Daß sich mit der Erbweisheit des weiblichen Geschlechts, einer überlegenen Klugheit und Einsicht, die der Mann erst erwerben muß durch bittere Kämpfe, doch andererseits eine ordinäre Konventionalität mischt, errät erst der Frauenkenner eines späten Alters. Auf einen Jüngling wie Otto wirkte die mütterliche Lehrhaftigkeit teils einschüchternd, teils erbitternd, da nur einem erfahrenen Mann die nötige ritterliche Ironie zu Gebote steht. »Malwine hat mir berichtet, du liest besonders Shakespeare und Goethe – exzellent! Überhaupt sage ich nichts gegen schöne Literatur. Die göttliche Poesie« – sie sagte »göttliche«, nicht »jöttliche«, und hatte einen gut Berliner Abscheu gegen Berliner Dialekt, der ihr pöbelhaft dünkte – »veredelt das Gemüt.« Derlei Gemeinplätze glitten ihr glatt von der Zunge mit einer Salbung, als habe sie soeben den Stein der Weisen verschluckt. »Allein der Mensch lebt nicht vom Geist allein.«

»Sondern von jeglichem Brot, das aus dem Mund Gottes gehet«, ergänzte Otto boshaft, und zwar mit biederernster Betonung.

»O ciel, quelle horreur! Wie oft bin ich aigriert durch deine respektlosen Ausdrücke über die heiligsten Dinge! Soll ich mehr erschrecken oder mehr zürnen über deinen völligen Unglauben? Du lästerst Bibel und Christentum, du mißachtest die Religion deiner Väter.«

»Na gestatte mal!« mischte sich der wackere Rittmeister a. D. ein. »Deiner Väter ist gut. Welche Religion meine ehrwürdigen Ahnen hatten, will ich lieber nicht untersuchen. Was aber den Vater betrifft, meine unwürdige Person, so habe ich mit Otto nie über solche Dinge gesprochen. Religion ist Privatsache, mein' ich. Meine Wenigkeit baut auf einen gütigen Gott, und wo der residierte, weiß ich nicht, ist mir auch schnuppe. Aber da er ist – das fühle ich –, so muß er äußerst barmherzig sein, sonst wäre er nicht allweise. Und was ein elender Mensch ›glaubt‹, interessiert ihn sicher so viel, wie mich die Gedanken einer Ameise.«

»Ameise! Da haben wir's! Pantheismus! Schon Schleiermacher war nicht frei davon. Und du, Otto, wie ich aus Bemerkungen Malwines entnehmen konnte, bist pur et simple Pantheist.«

»Und wenn schon!« Otto stand auf und reckte sich. »In dem Glauben kann man auch selig werden. Ameise – da kommst du mir gerade recht! Wenn die Lehre von der Wiedergeburt stimmt – mir schien sie immer vernünftig und logisch – dann möcht' ich als Ameise wiederkommen.«

»Herrgott im Himmel!« Bruder Bernhard war außer sich, Malwine lachte, Frau v. Bismarck hob die Hände gen Himmel:

»Und warum als Ameise, wenn ich fragen darf?«

»Weil sie alles das hat, was mir fehlt: unermüdliche Arbeitsamkeit, für die Arbeiten das einzige Vergnügen und das wahre Leben ist, und unbedingte Anhänglichkeit an den Staat mit selbstverständlicher Aufopferung.«

Eine Pause trat ein. Vater Bismarck sah etwas dumm aus, die Mama aber erstaunlich klug, indem sie ihren ungeratenen Sprößling lange ansah. Ihr untrüglicher weiblicher Instinkt hatte etwas begriffen.

»So, so!« machte sie gedehnt. »Das wünschest du dir? Was der Mensch sich wünscht – suchet, so werdet ihr finden – wir wollen das Beste hoffen. Doch Pantheismus, weißt du, ist vieux jeu. In meiner Jugend war es Mode in der guten Gesellschaft. Fichte, Schelling, die Brüder Schlegel zur Zeit ihres Unglaubens – doch das alles ist altmodisch. Heut ist en vogue in den besten Kreisen ein aufgeklärtes Christentum. Und wer da nicht mitmacht, schädigt in hohem Grade seine Karriere.«

»Nu aber raus! Faß' dich man an die eigene Neese, Minchen!« prustete der alte Bismarck los, dem die weihevolle Salbaderei zu viel wurde. »Das jeht mir doch übers Bohnenlied und die sogenannte Hutschnur. Du selber jehst ja grundsätzlich nie in die Kirche.«

Frau v. Bismarck war teils die duldende Märtyrerin der Arena vor wilden Tieren, teils die erstarrende Medusa. »Sprich doch nicht von solchen Mysterien!« schmachtete sie, wobei aber ihr Auge einen gefährlich metallischen Glanz hatte. »Das geht doch leider über deine Begriffe. Sprach nicht der Heiland, es komme die Zeit, wo man nicht in Tempeln anbetet, sondern im Geist und in der Wahrheit?«

»Sehr richtig,« fiel Otto ein, »deshalb begriff ich nie, warum die Pfaffen sich auf Christus berufen. Überhaupt, was da alles in den Evangelien steht, die ich genau gelesen habe –«

»Mein Sohn, gib der Kirche, was der Kirche ist, und Gott, was Gottes ist. Die Unerleuchteten bedürfen der Kirche. So auch du. Ich bin mystische Christin. Wenn du reifer wirst und Thomas a Kempis liest, vor allem Zschokkes »Stunden der Andacht –«

»Da mußt du mir verzeihen, Mutter. Die hab' ich in deiner Abwesenheit mal von deinem Büchergestell entlehnt und scheußlich studiert. Mir ging ein Mühlrad im Kopf herum, und ich rief mit der seligen Madame Roland: O heilige Logik, wieviel Verbrechen begeht man in deinem Namen! Das ist weder Fisch noch Fleisch, weder Christentum noch Pantheismus, nichts als Verzückungen des Autors, die sich für Paulinische Briefe ausgeben. Da ist mir ehrlicher Atheismus verdaulicher.«

Da rief Frau v. Bismarck in höchstem Zorn: »Hebe dich fort von mir! Du störst die Kreise meiner Seele. Ja, daß ihr's nur wißt, ich lege Zeugnis ab: Ich glaube an Swedenborg, an die Seherin von Prevost und Herrn Doktor Justinus Kerner, an Cagliostro und Mesmer. Die Geisterwelt ist nicht verschlossen, wie Goethe so herrlich singt. Dir aber, mein unglücklicher Sohn, empfehle ich reuige Einkehr in deine sündige Seele ... und wenn du so in der Weise über Christum redest, wirst du nie Kabinettsrat werden, das prophezeie ich dir.«

Als Vater und Sohn von dannen gingen, legte ersterer bedeutungsvoll den Finger an die Stirn. »Sie haben nu mal lange Haar, die lieben Frauen. Kurzer Verstand – das will ich nicht sagen. Aber die Jeister, die sie sehen, werden sie ihr Lebtag nich los. Ich möchte man bloß, Mutter könnte so 'n bißchen geistersehen, was aus dir werden wird, mein lieber Kronensohn.« Und er umarmte seinen Liebling. Der ging gerührt von dannen und faßte gute Vorsätze, seinem guten Alten Freude zu machen, vor allem aber seiner Mutter zu imponieren. »Nu jrade nich! Durchs Examen rasseln, damit sie wieder ihre Litanei hersagt? Das wollen wir doch erst mal sehen.« – Zu allgemeinem Erstaunen bestand er sein Staatsexamen.

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