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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Wie geht es unserem Freund, dem Herrn Thronfolger, und seiner herrlichen Gemahlin?« geruhte ihn Ihre großbritannische Majestät auf Deutsch anzureden, eine kleine beleibte Dame mit einem stark geröteten und bei allem gnädigen Lächeln hochmütigen Gesicht, das blaue Band des Hosenbandordens auf der Staatstoilette prangend. Sie sprach übrigens freundlich, während der Prinzgemahl, an dessen Arm sie hing, Otto mit kühler Überlegenheit musterte.

»Ich danke untertänigst, das Befinden des hohen Paares ist ausgezeichnet.«

»Und Ihr armer König, der so viel gelitten und so schwere Sorgen hat? Ach, ein so guter und so reichbegabter Mann! Daß er doch bessere Ratgeber fände, die ihn auf seine wahren Freunde verweisen!« Die kleine Dame schielte zu dem Hünen hinauf, der ihr feminin wohlgefiel, dessen Blick und buschige Brauen jedoch etwas Unheimliches hatten. »Wie schön Paris ist, nicht wahr?«

»Sogar schöner als Petersburg«, das er nie gesehen hatte. Er wußte, sie würde ihn, wie sie wirklich in ihr Tagebuch schrieb, als »ganz russisch und Kreuzzeitung« festnageln. Das paßte ihm, denn er merkte sofort, daß die Preußen in Paris mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt wurden, weit besser als die Österreicher. (Begreiflich, Sebastapol wollte noch immer nicht fallen, Preußen blieb eine undurchdringliche Sybille infolge der durch ihn dem König empfohlenen passiven Haltung, und bei der zunehmenden Schwächung der Westmächte durch den mörderischen Krieg konnte man niemals wissen, wenn –! Von der österreichischen Armee hatte man allgemein jene schlechte Meinung, die immer und immer wieder durch Tatsachen widerlegt wird.)

Der Prinzgemahl flocht einige Fragen ein, die eine verhaltene Ironie durchzitterte. Übelwollen und eine gewisse Neugier sprachen aus seinem kalthöflichen Ton: Dieser Junker haßte England, um daheim die Russenknute einführen zu dürfen, soviel stand fest. Niedrige Beweggründe, doch wohl auch ein bißchen Übergeschnapptheit.

»Nun, es hat mich interessiert, Sie persönlich vor mir zu sehen.« Damit rauschte sie davon, und Otto hatte den Eindruck, daß der Prinzgemahl und Baron Stockmar ihn als einen üblen Genius verbohrter Rückständigkeit in Lebensgröße gemalt hatten, sie aber mit ihrem weiblichen Instinkt ihn mehr für einen wunderlichen Kauz hielt. Doch jetzt vollzog sich eine wichtigere Vorstellung. Der Empereur mit der Imperatrice schritt die Reihen ab.

Eugenie Montijo stand in vollster Blüte ihrer zugleich hoheitsvollen und graziösen Schönheit, Augen und Mund bezaubernd, das lange, schmale Gesicht von tadellosem Teint, die Toilette tonangebend für die Mode, obschon etwas zu üppig mit Diamanten überladen. Schönheit konnte man ihrem Herrn Gemahl nicht nachrühmen, seine kurze, dicke Figur mit langem Oberkörper und kurzen Beinen sah besser zu Pferde aus, die Uniform kleidete ihn nicht besonders, und die breiten Goldepauletten erhöhten das Unsymmetrische. Seine Züge hatten etwas Derbes und Sinnliches, wie die des italienischen Monarchen Viktor Emanuel; sein Knebelbart reichte freilich nicht an die martialisch nach oben gedrehte Schnurrbartlänge des Hauses Savoya. Seine Gesichtsfarbe ähnelte derjenigen seines angeblichen Onkels, mit dessen wunderbarem Antlitz er auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit aufwies, nur daß bei Louis ein schmutziges Gelb den gelblichen Marmor der korsischen Cäsarenbüste ersetzte.

Als er Otto huldvoll anlächelte, schoß dabei unvermutet ein kurzer Blick zwischen seinen verschleierten Lidern hervor, forschend, prüfend und gleichsam stechend, so daß es den Germanen kalt überrieselte, als trete er unversehens auf eine Klapperschlange. Doch die Lider schlossen sich wieder, und der schon mächtigste Mann in Europa lispelte mit sanfter, obschon etwas belegter Stimme:

»Seien Sie uns willkommen in Paris, Monsieur de Bismarck. Schon oft hörten wir von Ihnen durch unsere Gesandten. Sie bilden einen bedeutenden Faktor in den Angelegenheiten Ihres so interessanten Staates. Ein Mann von Ihrem Verdienst sollte einen weiteren Spielraum haben.«

»Eure Kaiserliche Majestät sind zu gnädig. Doch mir scheint, jeder hat nur einen ihm passenden Raum: den Punkt, wo sein Vaterland ihn hinstellt.«

»Gut gesagt! Und welch glänzendes Französisch! Man könnte Sie einen Pariser nennen, gar kein fremder Akzent. Ah, Sie müssen sich tief in französisches Wesen versenkt haben.«

»Soweit dies einem Deutschen möglich ist.« Wenn du wüßtest, wie tief, Monseigneur le Diable! »Wie ich höre, beherrschen Sie, Sire, wunderbar die deutsche Sprache. In meiner beschränkten Sphäre ist gutes Französisch de rigeur, für einen großen Monarchen aber die volle Kenntnis einer Fremdsprache ein seltenes Gut von höchster Bedeutung.«

»Wieder gut gesagt!« Louis lächelte geschmeichelt, bei ehrlichem Lächeln oder Schwermut bekam sein wenig anziehendes Gesicht, das seine Feinde sonst wohl spitzbubenhaft nannten, einen merkwürdig gutmütigen Ausdruck, der gar nicht zu seiner Art paßte. »Mein Gott, ich bin in Arenenberg erzogen, ein halber Deutschschweizer. Von jeher bewunderte ich die Tiefe des deutschen Geistes. Ein biederes hochbegabtes Volk, nur etwas träumerisch.«

»Ach, Sie machen so gute Musik!« flocht die Kaiserin ein, um etwas zu sagen. Ihr holdseliges Lächeln verriet, daß ihr Sultan ihr befahl, äußerst gnädig zu sein. »Wir hatten hier neulich eine Oper von Mozart, dem Berliner Hofkomponisten unter Friedrich dem Großen. Himmlisch! Und welch große Musik, die von Meyerbeer, der hier unter uns lebt! Kennen Sie die Libretti von Monsieur Scribe dazu?«

»Gewiß, Majestät. Dieser Herr ist wirklich ein geborener Berliner, und man gibt seine Opern viel bei uns.«

»Wie interessant! Die Deutschen sind so unterrichtete Leute. Man sagt, sie wissen alles.« Diese gutmütige Herablassung sollte natürlich bedeuten, sie sind große Kindsköpfe, die nur das Nötige nicht wissen, nämlich, wie man in der Welt fortkommt. »Ihre Frau Königin bezieht sicher ihre Toiletten aus Paris?«

»Zu Befehl, Majestät. Welche deutsche Frau täte das nicht!«

»Das ist hübsch. Ja. der Pariser Geschmack!«

Der Kaiser zupfte sie am Arm, das Gespräch überstieg schon die herkömmliche Dauer. »Darf ich mich nach dem Befinden Seiner Majestät, Ihres erlauchten Souveräns, erkundigen? Er ist oft unpäßlich, nicht?« Wieder ein leichter Schlangenblick. Er hatte offenbar von allerlei Gerüchten gehört. »Übermitteln Sie meinem Herrn Bruder die herzlichsten Wünsche für seine Gesundheit und die ganze königliche Familie! Mein Herr Gesandter, wir hoffen Sie bei uns wiederzusehen, sobald Sie Paris ein andermal mit Ihrer Gegenwart beehren. Ich fühle, Sie werden als Staatsmann uns Franzosen ein teurer Freund werden.«

O ich wünschte, euch verdammt teuer zu werden! dachte Otto, indem er sich tief verneigte, da im Französischen und Englischen genau wie im Deutschen der Doppelsinn des Wortes besteht, Hatzfeld strahlte nachher vor Vergnügen: »Das war ein überaus gnädiger Empfang. Welch ein großer genialer Herrscher! Er hat seinesgleichen nicht. Und uns Preußen so wohlgesinnt! Ich werde nach Berlin berichten über dies Zeichen kaiserlicher Freundschaft.«

Otto sah ihn mitleidig über die Schulter an. Offenbar glaubte Louis, der lange Preuße sei in irgendeiner besonderen Mission hier. Und solange Sebastopol soviel Geld und Menschen fraß, mußte man Preußen kajolieren. Die wahre französische Liebe würde man wohl später beim Frieden schmecken, eine Liebe zum Auffressen.

Bei dem folgenden riesigen Souper ging es merkwürdig zu. Schon unter dem sogenannten Bürgerkönig Louis Philipp bürgerte sich die illegitime Dynastie Orleans durch großherzig demokratischen Verzicht auf seine Manieren ein. Unter den Bourbonen konnte man wirklich für vornehmes Benehmen am Pariser Hof in die Schule gehen. Louis Napoleon, der Lehren seines »Onkels« eingedenk, befleißigte sich zwar, in der eingerissenen Roheit Wandel zu schaffen, aber Madame Sans Gêne ließ sich nicht so leicht vertreiben. Selbst bei den jüngeren Herren des altlegitimistischen Adels, der sich vorerst dem zweiten Empire fernhielt, herrschte ein rüder Ton des Jockeiklubs, der sich wenig mit den bewundernswerten, auf Selbstbeherrschung, Herzensgüte, Rücksichtnahme auf den Nebenmenschen und echtem Ehrgefühl gebauten Formen des fränkischen (germanischen) Geburtsadels vertrug.

Was Otto am meisten auffiel, war der Mangel an Organisation bei dieser Abfütterung. Man teilte die Menagerie in drei Klassen (o, so echt demokratisch!), von denen überhaupt nur die erste vermöge einer Karte sich die Stillung ihrer Magenbedürfnisse sicherte. Marschierte diese aber befriedigt ab, so stieß sie auf die zweite Gruppe, die schon im Menü eine ärmliche Bewirtung erhalten sollte (o, wie so echt demokratisch!) und deren Aufmarsch dem Sturmmarsch der Sambre-et-Meuse entsprach. Diese Revolutionsarmee, obschon sie an bebänderten und gestickten Fracks und reich dekolletierten Damen einen Überfluß hatte, vertrat sofort die Magenfrage durch schmackhafte Injurien: »Muffle!« »Vous êtes un misérable!« »Lache!« Auf diese zwei kommentmäßigen Kraftworte folgten tatkräftige Handgreiflichkeiten. Otto war jedoch überzeugt, daß die sonst hieraus unvermeidlichen Folgen des Ehrenkomments ausblieben, da niemand Karten austauschte. Auf den dritten kommentmäßigen Tusch »Vous en avez menti« fiel niemand mehr herein, denn Gott sei Dank ist Lügen keine Schande. Das war vordem paradox, sagt Hamlet, doch nun bestätigt es die Zeit.

»Eure Exzellenz sind dem Tisch der Gräfin Walewska zugewiesen«, überreichte ihm der Hofbeamte seine Karte mit tiefer Verbeugung. Zu diesem Ressort gehörte jeder auswärtige Diplomat. Doch mit der seltsamen Beliebtheit, deren sich ein offenkundig unfemininer Mann bei besseren Frauen erfreute (seltsam? gerade deshalb!), drangen ihm zwei Patronessen noch zwei andere Karten auf. Indem er sich zur Tafel der Walewska wandte, hörte er den heftigsten Streit. Ein alter Herr in preußischer Gardeuniform und eine hohe französische Dame sollten nicht passieren, weil sie infolge offenbarer Nachlässigkeit keine Karten hatten. Otto erkannte den berühmten Veteranen dreier Zeitalter, Fürst Pückler-Muskau, der sich auch sofort auf Ottos ihm oberflächlich bekanntes Gesicht berief. »Dies ist die Duchesse de Montebello, mich kennen Sie, diese Unordnung ist unerhört.«

Mit der ihm eigenen kühlen Ruhe versicherte Otto: »Der Herr Fürst hier hat mir seine Karte anvertraute, und gab ihm eine seiner drei. Die Karten waren nämlich nach den verschiedenen Vorstandsdamen der langen Tische bezeichnet. »C'est bien, monsieur, mais madame –« »Auch ein Versehen.« Und er gab ihr die zweite Karte. Der Haushofmeister ließ das Paar passieren, bedeutete aber dem unerbetenen Deus ex Machina: »Sie aber werden auch nicht ohne Karte passieren«, als ihm Otto die dritte Karte vors Gesicht hielt. »Pardon, Mon Prince!« So was war ihm noch nicht vorgekommen. –

»Ich bin Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet«, beteuerte der greise Pückler. Solche Hyperbeln sind in der Hofsprache die kleine Scheidemünze. »Übrigens war das Essen miserabel. So was machen wir in Berlin weit besser. Finden Sie nicht auch?«

»Gewiß, und doch besteht die alberne Legende, man esse nur in Paris gut. Nun ja, Brillat-Savarin war ein Franzose. Hier handelt sich's eben um den Mangel an Organisation, in allem bemerkbar.«

»Wie wahr! Was machte denn meinen Park in Muskau? Die Organisation!« Der berühmte Gartenkünstler sah diesen fremdartigen Diplomaten von der Seite an. »Eure Exzellenz interessieren mich ungemein, wenn Sie diese etwas indiskrete Bemerkung nicht ungütig aufnehmen wollen. Das war vorhin ein Coup d'état mit den drei Karten, davon hätte der selige Duc de Richelieu (der Enkel natürlich, nicht der Alte) drei Jahre geredet. Ich vermute, Sie haben es schon vergessen.« Vergleich mit dem alten Richelieu wäre freilich schmeichelhafter als mit dem jüngeren Salonlöwen. Doch man muß auch mit solchen Komplimenten fürlieb nehmen. Dies war also der berühmte Reisende Semilasso, dessen farbige Berichte aus vielen Landen in sechs Bänden einst auch Ottos jugendliche Lesewut verschlang. Hier stand ein ziemlich klapperiger alter Herr mit sehr viel Orden und ausgestopften Waden. –

Die Visiten in der preußischen Botschaft nahmen nie ein Ende, die Dinereinladungen ebensowenig. Der derzeitige Ministerpräsident, Graf Walewski, bei dem er tafelte, erregte Ottos Neugier durch seine fabelhafte äußere Ähnlichkeit mit seinem wirklichen Vater, dem großen Korsen. Dieser wirkliche Napoleonide mußte sich aber begnügen, dem Hortense-Bankert die Stiefeln zu putzen. Man hatte ihn als Fassade gewählt, dahinter steckte nichts, denn in den klassischen Zügen Walewskis thronte die leere Mittelmäßigkeit. Ein Napoleonkonterfei, nur der heilige Geist fehlte. Übrigens ließ sich Otto erzählen, daß Prinz Jérôme, Sohn des Exkönigs von Westfalen, auch seinem (wirklichen) Onkel wie aus dem Gesicht geschnitten sei und daher als General in der Krim sich in bekannter Pose, die Hand auf der Weste oder beide Hände auf dem Rücken, den Truppen vorstellte. Als aber die Kanonenkugeln flogen, bekundete er die entschiedenste Abneigung dagegen, und damit c'est fini, so was können die Franzosen nicht vertragen. C'est le ridicule que tue. Seltsames Rätsel! Wer sieht einem Menschen an, ob er ein Genie sei? Die gleichen Gesichtszüge, in allem der gleiche Typ, nur Walewski und Plonplon (Jérôme) zwei Köpfe größer, und nichts mehr vom heiligen Geist, verflogen ist der Spiritus.

So sann er in der Mondnacht im Garten des Gesandtschaftshotels, hoch über der Seine, über welche die Lichter des Tuileriengartens blinkten. In der Ferne spielte eine Militärkapelle den Chant du Départ, dessen Text jetzt für die im Orient Kämpfenden etwas besser paßte als sonst: Partant pour la Syrie! So war dies prächtige Babylon wieder ganz napoleonisch, die Legionen Cäsars zogen fröhlich übers Marsfeld oder durch den Triumphbogen. Über die Elysäischen Felder (Frankreich muß immer alles mit olympischen Namen verbrämen) ragte die Vendômesäule mit dem kleinen Mann im großen Hut. Geht die Gloire wieder an? Der Tiger hat Blut geleckt, die Regierung Napoleons des Kleinen bedarf geradeso des Glanzes wie einst die Diktatur des Großen. Das wird nicht der letzte Krieg sein, den er anzettelt. Nachdem er jede Spur von Freiheit mit Stumpf und Stiel ausgerottet und nur die leeren Hülsen »Plebiszit« »durch den Willen der Nation« übrigließ, wird er den Galliern so viel spartanische schwarze Suppen mit Bluttinktur einbrocken, daß sie sich überessen und eines Tages vomieren werden. Rußland gedemütigt, kommt dann wohl Österreich an die Reihe, möglichenfalls dann wir, wenn er's der Mühe wert achtet. Ich sehe schon den ewigen Frieden mit Grabesstille in Europa, ehe denn der gallische Hahn dreimal kräht. Und wir werden der betrübte Petrus sein, der feige beiseite schleicht. Mit England wird er nicht anbinden, die beiden Weltschwindelfirmen verstehen sich zu gut, um einander Konkurrenz zu machen. Natürlich fechten sie für die Befreiung vom Zarismus, nächstens für Befreiung Italiens, übernächstens für Befreiung Deutschlands. Wie der andere sagte: »Ich will, daß Sie frei seien, ganz frei in Ihren Beratungen, darum habe ich Ihnen eine Schildwache vors Tor gestellt.« So wird unser lieber Bundestag unter französischen Bajonetten beraten, was Deutschland frommt, nämlich ein neuer Rheinbund. Barmherziger Gott, nimm diese Schande von uns! Es ist ja so schwer, über alle Maßen schwer, das Unheil abzuwenden, das sich riesig heranwälzt. Aber Gott kann helfen und die Verderber mit Blindheit schlagen.

Otto stand auf und knöpfte sich den Rock zu, ein frostiger Wind wehte von der Seine her, wahrscheinlich durch einen Blizzard im Kanal hierher verschlagen. Hocherhobenen Hauptes ging er zur Ruhe und betete: Du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. –

Bei der ersten flüchtigen Begegnung war es nicht geblieben, er hatte noch mal das Vergnügen, auf einer Hoffestlichkeit vom Oberzeremonienmeister bedeutet zu werden: »Seine Majestät der Kaiser wünschen Sie morgen in Audienz zu sprechen.« Die Unterredung konnte natürlich nur kurz und, da Otto unmöglich ohne Beistimmung seines Hofes offizielle Audienz erbitten durfte, unverbindlich sein. Der Empereur beschränkte sich auf jene allgemeinen Redensarten, wie sie meist im diplomatischen Verkehr üblich, wo man zwischen den Zeilen lesen soll.

»Frankreich und Preußen, dessen Institutionen, Rechts- und Schulpflege ich genau studierte, stehen unstreitig an der Spitze der Zivilisation«, begann er mit langsam schleppendem Ton, wie denn überhaupt eine gewisse Schwerfälligkeit und Bedächtigkeit auf seine väterliche Abstammung von einem Mynheer (Admiral Verhuell) schließen ließ. »Im Durchschnitt der Bildung seiner Bevölkerungsschichten steht Preußen groß da.« (Unermeßlich höher als Frankreich, oben Halbbildung, unten gänzliche Unbildung. In England nicht viel anders, nur daß die Bildungsschicht dort tiefer und gründlicher angelegt. Würde das vielleicht Gallier und Briten hindern, uns Barbaren zu schimpfen? Bah, wenn man von deutscher Bildung und Gelehrsamkeit schwärmt, muß der Deutsche sich in acht nehmen. Ich möchte lieber, der gute Freund hier rede von den preußischen Waffen.) »Beide schönen Kulturen sind aufeinander angewiesen. Das sollte uns Richtschnur sein. Ich selbst bin ganz den Künsten des Friedens hingegeben, das Kaiserreich ist der Friede.« O weh, er bläst die Friedensschalmei, das Thermometer zeigt also auf baldiges Unwetter. »Unsere Grenzen berühren sich ja nicht.« Gottlob, Belgien und Luxemburg dazwischen, sonst hätten wir morgen Besuch in Aachen und Düsseldorf. »Unsere Interessen divergieren nirgends.« Ein kurzes mattes Aufleuchten des umschleierten Blicks. »Nicht wahr?«

»Im Gegenteil, statt sich zu kreuzen, könnten sie sich vereinen.«

»Gut gesagt. Wir hatten ja jüngst eine kleine Mißhelligkeit. Es war mir unlieb, ja schmerzlich, daß gerade Preußen, ein solches Kulturland, nicht im Anschluß an uns die Waffen gegen den ewigen Kulturunterdrücker im Norden erhob.«

»Eure Majestät verkennen vielleicht unsere schwierige Lage.«

»Keineswegs,« Louis winkte hastig mit der Hand ab. »Beschwerden wünsche ich nicht vorzubringen. Mir scheint, daß von gewisser Seite ein taktloser Druck geübt wird. Mit mir allein, würde Preußen sich viel leichter verständigen.«

»Sie sind sehr nachsichtig, Sire, doch fallen unsere Sünden unter das Shakespearewort: More sinned against that sinning.« Er wußte, daß Louis vom langen Londoner Aufenthalt her gut Englisch konnte. Seine Geliebte, Miß Howard, die er nachher schnöde sitzen ließ, gab ihm Stunden genug.

Der Kaiser lächelte. »Sehr gut! Ich verstehe Sie.« Er erhob sich schwerfällig vom Tisch. »Wir reden wohl noch öfter im Leben darüber.« Er nickte freundlich und entschwand. Er wußte nun, was er wissen wollte, daß dieser trotzige Herr unter Österreichs Kränkungen litt und wahrscheinlich Rache kochte. Daß er aber dies wissen sollte nach Ottos Wunsch, wußte er nicht. Dagegen wußte Otto, daß man ihm sein eigenmächtiges Anbändeln mit »Bonaparte«, dem er offenbar die Cour machte, in Berlin arg verdenken würde. Als er in Koblenz dem zum Dombaufest reisenden König seine Frau vorstellte, verhielt sich dieser zwar freundlich: »Ich lade Sie und Ihre Gemahlin zur Rheinfahrt nach Köln ein.« Aber die Königin nickte kaum merklich und gab Anzeichen allertiefster Ungnade. Fürstliche Damen haben selten die Selbstbeherrschung ihrer seit früher Jugend auf würdevolle Zucht gedrillten Gatten. Auf der Rheinfahrt und als es in Remagen zur Tafel gehen sollte, züchtigte die geliebte Landesmutter den charakterlosen Streber echtweiblich durch beleidigendes Ignorieren seiner armen Frau, so daß Johanna in den Boden sinken wollte und die Hofschranzen sie ängstlich mieden.

Gerlach nahm ihn beiseite: »Verlasse dich auf Fürsten nicht! Doch wie konnten Sie nur! Wer einen Pakt mit dem Satan schließt –«

Der Thronfolger trat hinzu: »In Paris gewesen, lieber Bismarck? Wie gefiel es Ihnen dort?« Halblaut befahl er: »Sprechen Sie offen! Will der neue Herr sozusagen die Stiefel seines Onkels anziehen?«

»Ich zweifle, Königliche Hoheit. Für riesige Erobererschritte ist er nicht gemacht. Solcher Impuls als Naturinstinkt beherrscht ihn nicht, überhaupt liebt er mehr das Kalkulieren, vielleicht auch das Intrigieren, als das rauhe Zugreifen. Er ist kein Feldherr, und im Krieg würde seine Armee, auf der seine Diktatur beruht, mehr einem siegreichen General als ihm zujubeln. Ich sage durchaus nicht, daß er nicht Kriege plant, doch er wird sich dazu nur entschließen, wenn innerpolitische Motive ihn zwingen.«

Prinz Wilhelm hörte aufmerksam zu. »Das klingt vernünftiger als alles, was ich hörte. Ich dachte mir wohl, daß wir von Ihnen ein wohldurchdachtes, reifes Urteil hören würden. So war Ihre Reise nach Paris ein patriotischer Akt. Doch Pardon, man bläst zur Tafel, und Ihre Frau Gemahlin scheint sich hier fremd zu fühlen.« Und der hohe Herr ging eilends zu Johanna, die ganz allein saß, reichte ihr den Arm und führte sie zu Tische. Zum höchsten Verdruß seiner Schwägerin, doch es gab jemand, der das nie vergaß. Ja, jeder Zoll ein König!

*

In Frankfurt reifte wieder ein Skandal. Sebastopol war gefallen, nicht durch Verdienst der Briten, die sich am Redan grauenvoll blamierten, sondern durch den Elan der Division Mac Mahon am Malakof. Natürlich feierten aber die Briten diesen englischen Sieg, und die Kolonie der Kurgäste in Homburg hörte im Oktober einen Speech von Sir Malet, der eine hochnäsige Rüge gegen Preußens laue Haltung enthielt. Die Berliner Presse dürstete nach Rache und heischte Abberufung dieses Gesandten, der auf deutschem Boden den bekannten schulmeisterlichen Ton anschlug, der England so gut zu Gesichte steht. Otto bat jedoch, amtlich keine Notiz davon zu nehmen, da ein Wechsel der Gesandtenperson nur ungünstiger werden könne, der König willigte ein. Immerhin bewies der Fall wieder, mit welcher souveränen Nichtachtung das Ausland sich Mitreden im eigenen Hause Deutschlands gestattete.

»Ich bedaure den Zwischenfall sehr, lieber Freund«, versicherte Malet. »Ich habe die Deutschen gern, und besonders Sie. Aber wo Briten beisammen sind, stecken sie einander an, bis jeder die gleiche Meinung hat. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen. Meinen Landsleuten, frisch von England her aus der Gesellschaft, konnte ich nicht umhin beizupflichten, und es war schicklich, daß ich ihren Gefühlen Ausdruck gab. Sie hätten sonst erklärt, daß ich nicht schicklich meines Amtes waltete.«

Jawohl! Wie die Franzosen, das Freiheitsvolk, jedem Leithammel folgen, so die Briten der konventionellen Schablone. Der Policeman bleibt draußen, mein Haus ist meine Burg, doch drinnen müssen Mobiliar, Mahlzeiten und Gesinnungen genau denen meines Nachbars gleichen. Wehe dem Briten, der eine eigene Meinung hat oder irgendwie gegen etwas konventionell Schickliches verstößt! Der wird sofort gesellschaftsunfähig, verliert Kaste. Und diese zwei innerlich uniformiertesten Völker des Erdballs entrüsten sich über die preußische Uniform als Zeichen der Knechtschaft! Nur der Deutsche hat selbständig unabhängige Persönlichkeit, der Konvention so wenig untertan als der blinden Anbetung von Machthabern. Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit! konnte nur ein Deutscher singen. Daß wir dadurch zentrifugal werden, ist unsere Schwäche, aber ohne sie wäre auch die Stärke der Idealität nicht da. Wie stark die ist, wird die Welt erst inne werden, wenn einmal wirklich die bedrohte deutsche Persönlichkeit sich zusammennimmt zum Kampf auf Leben und Tod. –

Das neue Jahr brachte Frieden auf Erden, doch kein Wohlgefallen für Preußen. Mit unglaublicher Kopflosigkeit ließ sich auch jetzt Manteuffel durch Österreich an Händen und Füßen binden, damit es mit Zustimmung des Bundestags und voller Vollmacht die Pariser Konferenz allein betrete und Preußen dabei ganz ausschalte. Zwei annehmbare, von Preußen gestellte Vorschläge wies Buol ab, brachte eine eigene Vorlage ein und gab dabei noch eine Vorschrift, wie Preußen seine Abdankung unterzeichnen, d. h. sich wie jeder deutsche Kleinstaat durch das großmächtige Österreich in Paris vertreten lassen solle. Jeden Bundesbeschluß konnte letzteres dann nach Belieben auslegen, wenn Preußen nicht dabei war.

»Es gibt nur eine Möglichkeit, dem vorzubeugen«, äußerte Otto in Sanssouci zu Gerlach. »Preußen muß einfach erklären, es werde erst seine Absicht bekunden, wenn die Zeit gekommen sei, und schließe sich etwaigen Beschlüssen nicht an. Dann werden v. d. Pforten und Beust sofort kopfscheu werden, da sie unsere Bestimmung voraussetzten, und die anderen Höfe würden diesmal zu uns stehen. Gerade dann wird man uns aus Paris dringend bitten, an den Verhandlungen teilzunehmen, da wir also doch mündig und nicht unter österreichische Kuratel gestellt sind! Dann könnte man noch Kompensationen holen.« –

Bei der Hoftafel erhob der König seine Stimme: »Sie, werter Bismarck, kennen ja Napoleon III. intim, wie man hört. Was denken Sie de sa Majesté?« Auf die unverkennbare Ironie erwiderte Otto gemessen: »Obschon ich mir nicht anmaßen kann, den Kaiser der Franzosen anders als sehr von fern zu kennen, glaube ich so viel urteilen zu dürfen, daß er ein sehr gescheiter Herr ist, auch anscheinend wohlwollend und liebenswert. Aber sein Prestige, als wäre er ein Genie des Bösen, und er lasse im Stillen Ozean regnen und im Atlantischen donnern, überschätzt seine Fähigkeit. Seine Machinationen als allgemeiner Menschenfeind sind wirklich harmlos oder richtiger ein Hirngespinst.«

»Ihre Indifferenz überrascht mich, ich hörte anders. Hat er Ihnen denn nicht imponiert?«

»Majestät, ich habe ein sehr unglückliches Auge, das viel eher die Schwächen als die Vorzüge sieht. Bangemachen gilt nich, sagen wir Berliner, wir lassen uns nicht imponieren.«

»Nicht?« Das empfand der König wie einen persönlichen Stich, tröstete sich aber gleich wieder mit der Selbstverständlichkeit, daß dieser Nörgler mit seinem allergnädigsten Herrn und Lehrmeister in den politischen Wissenschaften eine Ausnahme mache.

»Der Kaiser hat kein sanguinisches, noch weniger ein cholerisches, sondern ein phlegmatisch-melancholisches Temperament.« Das Krokodil hat's nämlich auch, nur heischt sein kaltes Blut recht viel Fraß. »Er steigt ungern zu Pferd, sitzt gern bei Tafel, liebt überhaupt sitzende Lebensweise und behagliche Ruhe, den Genüssen dieser Welt nicht abgeneigt. Von Napoleon I. ist keine Faser in ihm. Man preist seinen Verstand und verkennt sein Gemüt. Denn nach Aussage aller, die ihn kennen, hat er zum Beispiel die seltene Tugend der Dankbarkeit in ausgezeichnetem Grade.«

Der König lachte überlaut, was natürlich die ganze Tafelrunde in treugehorsamste Heiterkeit versetzte. Der Ausgelachte lächelte kühl: »Eure Majestät erinnern sich wohl des Generals v. Canitz, der auf der Kriegsakademie das große Wort gelassen sprach: ›Napoleon war ein seelensguter Kerl, aber dumm, dumm.‹ Ich darf wohl vermuten, daß Eure Majestät über mich etwa ebenso denken.«

Der König lachte verdrießlich, doch da ihm eine geistreiche Replik immer wohlgefiel, brach er höflich ab: »Sie mögen recht haben, doch den jetzigen Napoleon kenne ich nicht, will Ihnen also nicht bestreiten, daß sein Kopf schlechter ist als sein Herz.«

Gerlach flüsterte ihm später zu: »Ihre Majestät die Königin sind ganz besonders indigniert, weil Sie dem Satanskerl Gemüt zusprechen. Machen Sie doch keine Faxen!«

Otto zuckt« die Achseln, »'s ist so meine Meinung.« Und er behielt sie auch später. Vielleicht war es gut so, weil es ihm ein Überlegenheitsgefühl und zugleich eine von keiner persönlichen Abneigung getrübte Ruhe diesem Menschen gegenüber verschaffte, vor dem ganz Europa zitterte. Aber das Urteil war falsch nach jeder Richtung, obschon es von oberflächlichen Historikern nachgelallt wurde. Napoleon der Kleine war kein kleiner Mensch, wenn man Begabung dafür zum Maßstab nimmt. Allen Herrschern (Friedrich den Großen natürlich ausgenommen) an Geisteskultur unendlich überlegen, überhaupt voll ungewöhnlicher, umfassender Bildung, besaß er zwar kein Atom schöpferischer Ader, mehr Staatsgelehrter als Künstler, und verhielt sich zu Napoleon dem Großen, wie ein experimentierender Forscher oder Texte prüfender Philologe zum freien Dichterdenkergenie. Zog er als Neffe der Schlacht von Austerlitz zu Felde, so machte er eine traurige Figur, doch die Nerven des schwer an Stein kranken Mannes gaben im Granatschauer nicht nach, niemand hat ihn je feige gesehen, wie er denn schon bei den lächerlichen Abenteuerputschen seiner Anfängerschaft einen kalten Mut bewies, der nichts weniger als lächerlich war. Sein grübelnder Verstand, unfruchtbar für zeugende Gedanken, blieb durchdringend klar und in manchem bedeutend, sein Wille nicht stark genug für große Taten, doch für große Verbrechen. Könnte man bei der unerhörten Gemeinheit und Grausamkeit seines blutrünstigen Staatsstreichs, bei der skrupellosen, meineidigen Hinterlist seines Komplotts noch an der unheilbaren Niedertracht seines Wesens zweifeln, so zerstreute die nachfolgende gesetzliche Abwürgung aller anständigen Leute mit den Massenverschickungen nach Cayenne den letzten Zweifel. Eine so schamlose Tyrannei, ein solches Spitzel- und Delatorentum bis in die Familie hinein, eine so schmutzige, systematische Korrumpierung der öffentlichen und privaten Sitten wie unter diesem Apachenhäuptling hat die Welt noch nie gesehen. Er hat Frankreich moralisch zugrunde gerichtet, ihm jeden Rest von Idealität gestohlen, so wie er eben alles stahl. Er überzuckerte jede Frechheit mit herzloser Heuchelei, baute die breitesten Boulevards und riß die engsten Winkel nieder, wohin noch Tugend und Anstand sich flüchten konnten. Er erzog ein Prätorianerheer, das sich noch gegen die Kommune mit Schande bedeckte, weil sein giftiger Odem in ihm fortlebte. Ein ungeheurer Schmutzfink, besudelte er das ganze Staatswesen. Und diesem Menschen hat man Treue gegen seine »Freunde« nachgerühmt. Er hatte keine, nur Spießgesellen. Vierzigtausend Räuber schauten von der Pyramide seines Empire herab und verlangten freilich vom Räuberhauptmann »Treue«. Wie es damit stand, bewies der Tod St. Arnauds, wo der »brave« Canrobert unterm Kopfkissen des sterbenden Obergenerals Geheimpapiere stehlen mußte. Stehlen war immer die Losung. –

Alles vergebens. Der traurige Manteuffel opferte jede Scham, unterschrieb alles, um nur als zudringlicher Bettler, der vor der Tür gewartet, zur Pariser Konferenz zugelassen zu werden, wo Preußen als fünftes Rad am Wagen kläglich herumholperte. »Schamade und Waffenstreckung!« stöhnte Otto auf, als er die letzte Instruktion erhielt, die ihm wenigstens ersparte, persönlich als Unterhändler nach Paris abzugehen. Dafür waren ja in der Tat angesehenere Diplomaten von höherem Range vorhanden. Er bekam ein heftiges Gallenerbrechen, das sich während 24 Stunden wiederholte. Preußen in Deutschlands Augen noch mehr gedemütigt, als Großmacht kaum mehr geduldet, so schloß all sein Mühen und Sorgen am Bundestag, das vierjährige Ringen eines einzelnen für sein Vaterland, dem fortwährend falsche Freunde und Schwächlinge in den Rücken fielen. Danach erhob er sich, wie ein rechter, starker Mann nach einem schweren Schlag, der ihn niederwarf, aber ihm nicht die Knochen brach, und schrieb bei Lampenschein in seinem Studierzimmer das glänzende Meisterstück eines staatsmännischen Pro Memoria an den König, das nie seinesgleichen hatte. Nun gerade nicht! Und nun werd' ich mich mit dem Teufel selbst verbünden. Das Licht fiel auf die hohe, kahle Stirn wie ein Strahl von oben, als sein grimmiger Genius über ihn kam.

Mit prophetischer Klarheit sagte er zwei Kriege voraus, die zuerst Österreich aus Italien, dann auch Deutschland vertreiben würden. Sobald Krieg ihm nützlicher erscheine als Frieden, werde Napoleon die italienische Frage als Vorwand zum Zwist aufrollen. Zurzeit ziehe er Frieden vor, und alle Mächte wetteifern im Buhlen um seine Gunst. Da darf Preußen nicht dahinten bleiben. Wir müssen alles tun, ihn zu versöhnen und ihn für uns zu gewinnen. Mit Rußland oder Österreich könnten wir jederzeit marschieren, wie es fällt, doch um Frankreich muß man sich bemühen, und Allianz mit ihm wäre das beste für uns. Man sollte Napoleon den Schwarzen Adlerorden senden oder ihn zu einem großen Manöver einladen, das schmeichelt ihm. (Für einen hochgebildeten Mann wie ihn hat der Staat Friedrichs des Großen immer einen gewissen Nimbus.) Am meisten sei das Natürlichste zu fürchten, Franko-Russische Allianz, doch ständen da gottlob dynastische Gründe dazwischen, und es müßte unser Bestreben sein, solange wie möglich diese Nachbarn in Ost und West auseinanderzuhalten. Keinenfalls aber darf man uns je wieder unter Frankreichs oder Rußlands Gegnern treffen. Denn selbst wenn wir damit auf der Gewinnseite wären, wofür föchten wir? Für Österreichs Übergewicht und das unselige Phantom des Deutschen Bundes, der nur dem Namen nach ein Bund. Oft genug im letzten Jahrtausend focht der deutsche Dualismus – nicht von Norden und Süden – einen unerträglichen Zwist mit dem Schwert aus. Und in unserer Gegenwart ist dies der einzige Weg, wie die Uhr richtiggestellt werden mag. In nicht ferner Zeit müssen wir mit Österreich um unser Dasein ringen, und es steht nicht in unserer Macht, dies zu vermeiden. Deshalb wäre es schon unheilbarer Wahnsinn, durch ewige zahme Selbstverleugnung unsere eigene Wohlfahrt für Österreichs Integrität aufs Spiel zu setzen, in einem obendrein hoffnungslosen Kampf. Wir müssen vielmehr den preußischen Planeten mit der aufgehenden Sonne des Empire verknüpfen, dann wird Österreichs Stern sicher erbleichen.

Das alles führte er in großen Zügen aus, meisterlich und klar. Die Feder flog bis zum letzten Punkt. Als sie seiner Hand entsank, ging das Licht aus, nur die Sterne strahlten herein. Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen.

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