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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nach Neujahr 1855 kapitulierte Hessen. Auf einem Diner in Frankfurt näherte sich Minister Dalwigk in sehr unterwürfiger Haltung dem grimmen Preußen: »Wie befinden sich Euer Exzellenz? Wie tief beklage ich das Erkalten unserer einst so herzlichen Beziehungen! Mein hoher Herr möchte jeden Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen.«

»Freut mich. Dann würde wohl ein Handschreiben nach Berlin am Platze sein.«

»Soll geschehen. Achtzehn Monate dauert nun der unerfreuliche Zwist.«

»Nicht durch unsere Schuld, Herr Minister.« Otto blieb steif und kühl, der Mann mußte erst gründlich die Suppe ausessen.

»Mein Gott, ich gestehe, ich war zu schroff, mag ich Herrn v. Canitz, den ich so sehr hochschätze, mißverstanden haben.« Otto schwieg immer noch. »Soll ich denn laut pater peccavi singen? Wenn nichts anderes Sie befriedigt, nun denn, ich war schuld und bitte Sie persönlich um Entschuldigung.«

»Ich danke Ihnen. Doch ich hatte hier nur ein Amt und keine Meinung. Persönliches scheidet bei mir dienstlich ganz aus. Mir kann daher nur Satisfaktion geben, daß Ihre politische Richtung sich ändert und Sie Preußen Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

»O, Sie tun mir unrecht! Ich verehre Preußen,« log Dalwigk, »meine künftige Haltung wird Sie darüber belehren. Übrigens,« er dämpfte vertraulich die Stimme, »würdigt mein erlauchter Gebieter Ihre unsterblichen Verdienste in dieser großen Staatssache und verleiht Ihnen das Großkreuz seines hohen Ordens Philipps des Großmütigen.« (Hier war der berühmte Ahne bloß »großmütig«, nicht »groß« wie bei andern kleinen Fürstengeschlechtern. Warum dieser Gönner Luthers, d.h. des Vorwands, sich von der Kaisergewalt loszureißen, großmütig war, weiß kein Mensch, da er seine brave Frau mißhandelte und sich an Thomas Münzers Folterqual ergötzte.) »Diese Auszeichnung überzeugt wohl von der Notwendigkeit gegenseitiger Freundschaftsbeweise.« Er sah Bismarck schlau an und senkte dann die Augen. Ach so, er will das Komturband des Roten Adlers als Entgelt aus Berlin erhalten. Meinethalben, werd's empfehlen. Früher hatte Otto freilich befürwortet, den Zollunionssieg durch die Forderung sofortiger Entlassung aller Koalitionsminister zu vollenden wie Beust-Sachsen und Dalwigk-Hessen. Dadurch werde die öffentliche Meinung erst den vollen Eindruck des Sieges erhalten und Preußens neues Übergewicht gestärkt werden. Da aber der immer am falschen Ort zu vorsichtige König sich auf so kühne Maßregeln nicht einließ, unterblieb besonders die Ausmerzung Beusts, eines geschäftigen Intriganten, der seinem Vorfahren im Siebenjährigen Krieg alle Ehre machte. Das wäre wichtig gewesen und die Unterlassungssünde rächte sich sehr in der alldeutschen Sache.

Heut waren die Verhältnisse wieder so verfahren, daß der hauptsächlich durch Bismarcks unbestechliche Festigkeit errungene Wirtschaftssieg ohne politische Folgen blieb und Preußen wieder ganz zum Satelliten Österreichs herabsank. Andererseits ging es den Westmächten nicht schnell genug mit Preußens Bekehrung.

»Diese Politik wird Sie nach Jena führen«, warf der französische Botschafter in Berlin, Marquis de Moustier, dem trotzigen Bundestagsgesandten ins Gesicht, der sich auf dem Parkett des Potsdamer Hofes mit solcher Sicherheit bewegte. Moustier hatte den Grafen Bresson, der sich sogar seine Depeschen stehlen ließ, mit einer kräftigen Tonart ersetzt.

»Warum nicht nach Leipzig und Waterloo?!« kam hochherab die stolze Antwort. Der hochmütige Franzose starrte den Frechling an und erbleichte vor Zorn:

»Ich werde mich bei Ihrem Herrn dem König über Sie beschweren. In so arrogantem Ton redet man nicht mit dem Vertreter Frankreichs.«

»Jede Nation hat Schlachten verloren und gewonnen. Ich wünschte nicht bei Ihnen einen geschichtlichen Kursus zu machen.« Der Franzose antwortete nicht. Bismarck verbeugte sich spöttisch und drehte ihm den Rücken. Doch die Beschwerde fiel durch, denn wo es sich um geistreiche Abfuhren und derlei handelte, war der König sozusagen Fachmann, der sich daran erfreute, und die verletzende Äußerung des Gesandten empörte seinen Preußenstolz.

»Wir müssen einen großen Ball geben«, vertraute im Februar Otto seiner Gattin an »Etwa 400 Personen!«

»Um Gottes willen! So viel faßt das Haus nicht, man wird auf den Treppen stehen.«

»Das tut man in London immer bei jedem Rout.«

»Und die Kosten! Muß es denn sein?«

»Ja. Überschlage dir's! Eingeladen werden außer unsern Kreisen und der Frankfurter Hautevolée nebst den regierenden Bürgermeistern erstens die Bundesmilitärkommission, zweitens das Offizierkorps der hiesigen Bundestruppen, drittens die Offiziere des 38. Regiments in Mainz, das die Musikkapelle stellt. Es wird ein halbes Kostümfest werden.«

»Auch noch! Hat das einen besonderen Zweck?«

»Ich denke doch. Ein kriegerischer Karneval soll alle Militärtrachten des vorigen Jahrhunderts entfalten, die Damen dabei in Rokoko-Hoftracht. Es wird da Ost- und Westmächte geben.«

»Ich verstehe schon,« sagte sie mit schlauem Blick, »und wer sind die Vortänzer?«

»Der Galopptanz endet mit einem Menuett nach dem Dessauer Marsch, erste Kolonne führt ein preußischer Offizier, zweite ein französischer Attaché. Verstandezvous, Madame?«

» Je comprends trop bien. Du willst das Oberste zu unterst kehren, nicht nur in unserem armen Hause.«

Der Ball war ein riesiger Erfolg. Beim Souper, das um 1 Uhr nachts einsetzte und dem als Abschluß ein Kotillon folgte, näselte Prokesch dem Grafen Montessuy ins Ohr: »Außerordentlich taktvoll, obschon etwas dunkel, diese preußisch-französische Doppelkolonne. Ah, Frankreich lanciert zum Tanz unter den Auspizien des preußischen Avanciermarsches. Bedeutet dies sinnreiche Symbol eigentlich Krieg oder Frieden?«

»Es bedeutet einen glänzenden, gesellschaftlichen Triumph unseres verehrten Gastgebers,« gab der Franzose kalt und vornehm zurück, »ein ausgezeichnet komponiertes Kostümfest, wie man es von seinem auserlesenen Geschmack erwarten durfte, und freilich auch ein liebenswürdiges Kompliment an Frankreichs Adresse, über das an meine Regierung zu berichten ich die Ehre haben werde. Auf Ihre Gesundheit, verehrter Herr Kollege!« Das friß du! Prokesch preßte die Lippen zusammen, indes Fräulein Maxe Becker in einer Kunstpause des Balles eine Mendelsohnsche Melodie herausschmetterte, so daß die Zaungäste in Senferfelds Nachbargärtchen, Gallusgasse 19, ihre Freude daran hatten. Kaum schwieg die Sängerin, als er geräuschvoll in die Hände klatschte: »Bravo! Il bel canto!« und seiner Nachbarin zurief: »Ah, quel succeès! Un goût tout-à-fait distingué!«

Auf der französischen Gesandtschaft in Frankfurt war ein alter Diplomat auf Besuch, der schon vor dem Julikönigtum wirkte und jetzt am Kaiserhof Anstellung fand wie jeder nicht verstockte Legitimist de vieille roche, aber sich die skeptische Medisance und das kühle kritische Urteil bewahrt«, die bei jedem Franzosen nur äußerlich von geschwollenem Phrasenlärm übertönt werden. Der alte Herr betrachtete den ernsten Germanen mit so untadeligen Formen und so anscheinender Gemütlichkeit forschend durch sein Pincenez. Der möchte mal einen guten Zuhörer haben! folgerte Bismarck. Dem Manne kann geholfen werden, ich höre so gerne zu, wenn Leute plaudern und – – ausplaudern. Am Schluß des Diners bei Montessuy lud er verbindlich den alten Herrn ein, der sehr sachkundig über Weine sprach vom Chablis bis zur Liebfrauenmilch, mit ihm zwei Flaschen alten Johannisberger auszustechen, Geschenk von Metternich.

»Ah, wie pikant! Gewächs von Monsieur de Metternic! Das hat historische Weihe. Johannisberger, die Krone der Weine, und Geschenk von Monseigneur le Diable in höchsteigener Person – – wer könnte solcher Lockung widerstehen! Fügen wir als drittes hinzu: Mit Ihnen, Monsieur de Bismarck, diesen Pokal zu leeren gibt dem Ganzen den vollsten Applomb. Führen Sie mich zu diesem ambrosischen Gastmahl der Götter!«

Mit Otto in dessen Hause allein plauschte und zechte der alte Causeur anfänglich nur obenhin, als ein hinter den Kulissen stehender Sachverständiger der Pariser Gesellschaft. Als aber der Wein dem Franzosen zu Kopfe stieg – – niemand außer ihm konnte so viel Johannisberger auf einen Hieb vertragen, das wußte Otto – –, und sein liebenswürdiger Wirt immer treuherziger wurde, knöpfte das Diplomatenherz sich auf. Zuletzt platzte er mit dem Bekenntnis heraus:

»Der Kaiser braucht Kriege. Aber gegen wen das nächste Mal, das weiß er selber noch nicht. Bei ihm herrscht der Impuls, genau das zu tun, was niemand erwartet. Das ist geradezu krankhaft bei ihm, und die Kaiserin reizt ihn noch dazu. Sie wissen, die Frauen! Aus Liebe hat sie ihn nicht geheiratet, untreu ist er schon jetzt, Kinder haben sie nicht. Da muß sie wenigstens Eklat haben, jeder Kaprice fröhnen. Kaiserin der Mode sein genügt ihr nicht, sie ist zu klug, um sich immer im Spiegel zu bewundern und sich mit Anprobieren neuer Hüte zu amüsieren. Auch als echte Spanierin kann man nicht den ganzen Tag in die Messe laufen. So nimmt sie sich Politik als Spielzeug, einen kleinen Krieg oder sonst was Sensationelles. Bei jedem Dejeuner hat sie solche täglichen Einfälle. Man muß diesem Paar ein Kind machen, sonst werden sie nie vernünftig.« Schmunzelnd erzählte er von hoffnungsloser Leidenschaft eines italienischen Kavaliers, Eugenie sei eine kalte Natur, und als sie neulich ihren Herrn Gemahl auf einer Hofjagd in Fontainebleau für seine Sultanpassionen mit der Reitgerte ausklopfte, geschah es nicht aus sinnlicher Eifersucht, sondern aus gekränktem Stolz. Sie, die Schönste der Schönen, eifersüchtig auf eine fettige alte Schachtel! Regelmäßig wachse ihr Einfluß nach solchen Szenen und sie schmeichle: »Ich bete dich an, wenn du was tust, daß alle Welt staunt.« Der alte Herr strich mit der Hand über die Stirn, er sah nicht mehr gut, und das Zimmer fing an, vor ihm zu schwimmen. »Es geht ein absurdes Gerücht, er wolle den Franzosen ihren bisherigen Mißerfolg in der Krim vergüten, indem er plötzlich Konstantinopel besetzt. Das ist Blague, aber zeigt, was man ihm zutraut, denn Treu und Glauben kennt er nicht und würde über Nacht jeden Bundesgenossen erdolchen. O, dieser Mensch wird uns eines Tages verderben, das zweite Empire wird damit enden, daß er Frankreich in die Luft sprengt.« Er schwieg schlaftrunken, vom Wein übernommen, Otto brachte ihn in seinen Wagen.

Recht lehrreiche Aufschlüsse! Die Winke muß man sich zunutze machen. Politische Damen sind ein besonderes Entzücken. Welche Vorlesung beim Frühstück wohl heut Prinzeß Augusta hielt, gewürzt mit liberalen Zeitungsartikeln und Briefchen, wie Schleinitz sie täglich für diese Stunde sammelt! Mit den Damen hab ich kein Glück. Die Königin, mir einst so gewogen, hat mich fallen lassen als Antiösterreicher. Die eine für England, die andere für den schlimmsten Feind! O, simples Gretchen Germania!

Unsäglich widerlich berührte den Gründer einer neuen natürlichen Diplomatenschule das Treiben der politischen Geheimpolizei, deren dunkle Ehrenmänner sich besonders auf nächtlichen Einbruchsdiebstahl diplomatischer Dokumente verstanden. Ein gewisser Töchen hatte sich hohen Ruf verschafft, indem er in die französische Gesandtschaft einbrach und dort Papiere kopierte. Einen so tüchtigen Mann konnte Manteuffel nicht unbeschäftigt lassen, der seinerseits sich auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege Einblick in eine Korrespondenz General Gerlachs mit dem König verschaffte.

»Jetzt ist er bei Moustier bedienstet«, klärte Gerlach seinen Freund auf. »Der Agent Hassenkrug führte ihn dort ein.«

»Also Landesverrat? Und das duldet der Polizeipräsident?«

»Der zählt sich mit Stolz zum Kundenkreis des bewährten Spitzels. Neulich lief er zu mir mit Kopie eines Briefes von mir, worin sein werter Name vorkam. Hinckeldey habe sich nach Stolzenfels zum König begeben. »Wo der Adler ist, da sammelt sich das Aas.« Gott verzeihe mir, daß ich den Satz der heiligen Schrift vom Aas und den Raben so umkomponierte!«

Otto lachte. »Und was antworteten Sie, als er Sie zur Rede stellte?«

»Ich fragte, wieviel die Kopie ihn koste. Dreißig Taler? »Welche Verschwendung! Dafür hätt' ich Ihnen zehn solcher Briefe geschrieben!« Der Kerl zog ab wie ein begossener Pudel, von Reparation gekränkter Ehre murmelnd. Und ich gab ihm doch so hübsche Satisfaktion!« – –

Die Untreue der Polizeiagenten bedrückte ihn so, daß er sich dem russischen Gesandten Budberg gegenüber ausklagte. »Wir können nicht Mittel anwenden, wie sie in Wien noch unter Kaunitz üblich waren. Der hat mal vier Agenten, weil er nicht herausfand, wer der Schuldige sei, allesamt in der Donau ersäufen lassen. Türkisch! Die Säcke im Bosporus, die seidene Schnur!«

Der Russe lachte. »Was ihr Deutschen für Bedenklichkeiten habt! Ist jemand Ihnen ein Ärgernis, schicken Sie ihn auf Mission nach Rußland, dort werde ich dafür sorgen, daß er spurlos verschwindet.«

»Was, auch ersäufen?«

» Mais non, mon cher. Im Innern Rußlands verschwindet man leicht, und Sie werden ihn dann als anstelligen, geschickten Beamten der vierten Abteilung bei uns wieder auftauchen sehen.«

Daher der Name Rußland. Trieb es Napoleons Geheimpolizei anders? Wir Deutschen bleiben Philister. Warum man einen Schuft nicht beseitigen soll, wissen die Götter. Die Deutschen aber wären umgekehrt fähig, einen Warren Hastings, der ihnen die beste Kolonie erwarb, wegen irgendeinem fragwürdigen Vergehen gegen abstrakte Moralgesetze zu ruinieren. Neid, Mißgunst, Parteiwirtschaft schlimmster Art hält der Deutsche für berechtigte Eigentümlichkeiten, seine Presse ist seiner würdig, geschwollene Redensarten und dahinter die niedrigste Gesinnung. Aber die Moral, o, die Moral! Have you got morals? Im Plural wohlbemerkt, als ob es nicht eine einzige und ewige Moral gäbe: Sei gerecht, kränke nicht böswillig deinen Nebenmenschen, diene deinem Vaterlande, also auch allen geistigen Potenzen darin, im übrigen geht deine Auslegung des konventionellen Moralkodex uns nichts an, das ist Privatsache. Die Deutschen halten sich für Idealisten, aber vom wahren Idealismus sind sie noch weit entfernt, und ihre ideale Presse, an der selbst die gewaltigste Welterschütterung nichts bessert, ist ihr Spiegelbild. Mit ihrem Instinkt für jeden Kitsch und jede geniale Begabung fuhr diese Presse fort, jeden läppischen Tagesschreier zu fördern und den Großen zu bespeien, wo sie konnte. Aber Otto kannte die Macht dieser teuflischen Anstalt für Herrschaft der Mittelmäßigkeit und des Schwindels. Sein wütender Haß gegen die sogenannte öffentliche Meinung der Zeitungskritiker, »die Macht der Ohnmächtigen« (Lamartine), machte ihn nicht blind für die bittere Notwendigkeit, mit diesem Gesindel zu paktieren, das sich noch gar »ideale« Beweggründe unterschob. Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit, Ungerechtigkeit und Böswilligkeit regieren in Deutschland geradeso, wie in minder gebildeten Ländern. Der Deutsche trägt getrost nach Hause, was er Schwarz auf Weiß besitzt, für ihn bleibt sein Leibblatt das Delphische Orakel, und dabei windet er mit seiner Presse sich in Krämpfen, wenn die ausländische Presse eine Lügenkampagne gewissenlos durchführt. Daß die deutsche Presse unendliche Verbrechen beging, daß ihr lügenhaftes Schimpfen oder Totschweigen damals einem gewissen Bismarck und einem gewissen Richard Wagner das Leben verbitterte, daß sie endlos Eintagsfliegen unsterblich macht und wahren Unsterblichen das Messer an die Kehle setzte, das wird diese fade Heuchelei immer vergessen. Doch die immanente Gerechtigkeit der Dinge läßt ihrer nicht spotten.

Anfang März stürzten die Kreuzritter schreckensbleich in die Kammer, etwas Unerhörtes war geschehen, der Jakobiner Tod hatte vor dem Zaren aller Reußen nicht den geringsten Kotau gemacht und ihn in der Fülle seiner kraftstrotzenden Mannheit wegrasiert. Dieser kalte, jeder musischen Empfindung bare Barbar, der sich verächtlich abwendete, als ihm König Ludwig in München seine berühmten Künstler und Gelehrten als Leibgarde vorstellte, sollte eine Nationaltrauer in Deutschland haben. So verlangte der von reaktionärer Tollwut schon ganz übergeschnappte Ludwig v. Gerlach. »Unser Heiliger, unser Abgott!« Er entblödete sich nicht zu kreischen: »Dieser größte, edelste Herrscher muß von jedem Preußen wie ein leiblicher Vater betrauert werden!« Nämlich der brutale Demütiger Preußens in Warschau, der es in Ölmütz an die noch brutalere Vergewaltigung Österreichs auslieferte! Die Kreuzzeitung weinte laute Tränen, daß alle Rinnsteine des Seelenschmutzes überrannen. Zu solcher Selbstentehrung sank eine Partei herunter, die für Thron und Altar den allein waschechten Patriotismus pachtete und sich mit jeder nur möglichen Niedertracht im Erfinden hochnotpeinlicher Verschwörungsprozesse befleckte. Und das war die Partei, welcher der Bundestagskämpe und Vorkämpfer deutscher Nation auf verlorenem Posten sich eingegliedert hatte! – –

»Bismarck repräsentiert wie ein Millionär. Voriges Frühjahr gab er dem Prinzen Karl von Preußen, der sich in Baden-Baden amüsieren wollte und sich auf solche Chosen versteht, ein wahrhaft lukullisches Diner. Er studiert Brillat-Savarin, obschon er selber am liebsten blutige Beefsteaks verschlingt, wie seiner Statur angemessen«, ergoß der liebenswürdige Prokesch seine Klatsch-Registrierung vor seinen Satelliten. »Welch ein Haushalt! Da wird einem alles geboten, was auf Erden je gegessen oder getrunken werden kann. Großvater, Vater, Mutter und Kind essen, trinken, spielen Piano, schießen Pistolen, a tempo und zu jeder Tageszeit im gleichen Salon und Speisezimmer nach hinten hinaus. Wegen der Gartenaussicht natürlich, aber die freie Bewegung ist die Hauptsache, und man hört den Lärm so weniger. Jeder schmaucht ohne Unterlaß die feinsten Havannas, alle Achtung, eine splendide Marke, wohl von seinen republikanischen Freunden in Amerika! Ich hoffe, Frau v. Bismarck wird auch noch das Rauchen lernen.«

»Um sich von seinem Haushalt zu erholen, wo jeder tut, was er will, nimmt er ein Rundreisebillet an alle süddeutschen Höfe«, fiel Reinhard giftig ein. »Am 14. Dezember war er bei unserm Allergnädigsten in Stuttgart. Der preußische Gesandte Graf Seckendorf war aus dem Häuschen über den Sukzeß. Mit der Frau Kronprinzessin hat der Gast Whist gespielt, ein halber Kreuzer der Point, und sich wiederholt zur Ordnung rufen lassen müssen, weil er über die Stränge schlug. Doch die hohe Frau als Russin (Großfürstin Olga) fand das himmlisch harmlos. Am 16. Januar war er in München zur Tafel. (Seltene Auszeichnung für Diplomaten, wenn ihre Herren nicht dabei.) Da trank er drei Glas Bier, die Königin zwei. Er versteht's mit den Damen.« – –

Der Krieg nahm eine für Rußland ungünstige Wendung, wie es immer der Fall sein wird, wenn gute europäische Truppen mit diesen Halbasiaten zusammenstoßen. Der eifrige Montessuy und Sir Malet ersparten trotz ihrer persönlichen Freundschaft dem preußischen Gesandten nicht derbe Vorwürfe. Preußen sah sich in der frechen englischen und französischen Presse, deren Unwissenheit nur noch von ihrer Lügenhaftigkeit übertroffen wird, mit Schimpfworten bedroht, als handle es sich um einen Vasallenstaat, der Heerespflicht verweigere.

»Die Friedensverhandlungen rücken immer näher«, betonte Malet. »Wie wird Preußen dort dastehen?«

»Mit einer frischen, gerüsteten Armee«, kam die kalte Antwort.

Der Franzose lachte schelmisch. »Das ist immer Ihr letztes Wort. Und was hilft das ohne Bundesgenossen?«

»Oh! Und Österreich?« fragte Otto ironisch. Alle drei lächelten.

»Um diesen Scherz zu übergehen,« fuhr Malet fort, »das übrige Deutschland wird natürlich auf der Konferenz, die vermutlich in London stattfindet,« der Franzose machte eine pikierte Bewegung, da er Paris für den einzig geeigneten Ort hielt, »nur durch Österreich – – und Preußen,« setzte er zögernd hinzu, »vertreten sein. Die Kleinstaaten werden also vorher ein Mandat erteilen müssen.«

»Sehr wahr«, fiel der Franzose eifrig ein. »Die Beschlüsse müssen vorher hier konstruiert werden.«

»Fürs erste kaufen Sie das Fell des Bären, ohne ihn zu haben. Sebastopol fiel noch nicht, und es scheint müßig, jetzt schon vom Ende zu reden.« – –

Mit Prokesch, der Preußen nicht einen Quadratfuß Gleichberechtigung mehr lassen wollte, wurden die Auseinandersetzungen immer galliger. Er hatte jetzt den bayrischen Ministerpräsidenten v. d. Pforten in der Mache, einen im allgemeinen nicht undeutsch gesinnten Mann, der aber gern auf Sirenenlieder von Schlangenzungen hörte. Die Verschwägerung mit Preußen, dessen Königin ja eine bayrische Prinzessin war, diente nur dazu, daß Bayern bei allen Einflüsterungen Österreichs das Einverständnis Preußens als sicher annahm. Otto hatte Prokesch im tiefsten Unfrieden verlassen. Als sie sich wieder trafen, strahlte der Österreicher von geschmeidiger Heiterkeit. Der kannte ihn nicht, der ihm je Verlegenheit zutraute. Völlig frei von jeder Donquichotterie strenger Ehrbegriffe, überhäufte ihn der Gute, immer versöhnlich und immer perfide, mit herzlichen Fragen nach Verlauf seiner Urlaubsreise. In diesem Augenblick schlug es Mittag, und Otto bemerkte, um etwas zu sagen: »Dies markiert genau die Mitte dieses Jahres 55, wir haben heut den 2. Juli.« Auf der Stelle streckte Prokesch seine Hand aus, die in zart himmelblauen Glacéhandschuhen stak, als wolle er damit seine himmlischfromme Denkart veranschaulichen: »Das ist ein Omen. Vergessen wir alle Sorgen und Zänkereien des alten Jahres, und beginnen wir ein neues!«

Überflüssig zu sagen, daß die Auguren dazu nur lachten. Es begann nichts als ein neues Halbjahr, das dem vorigen wie ein Ei dem anderen glich. Um sich zu zerstreuen und die große dortige Industrieausstellung zu besehen, wie er offiziell sagte, in Wahrheit, um die dortige Stimmung zu sondieren, reiste er plötzlich im August nach Paris. Verbindlicher Antrag des preußischen Botschafters Graf Hatzfeld gab den Vorwand. Aha! Der hält mich für Manteuffels seligen Erben und will sich bei mir insinuieren. Gottlob schlug des Königs wohlmeinende Absicht um, zum Minister mag er einen Undankbaren nicht, dem seine todkranke Frau mehr gilt als sein geliebter König und Herr.

Die Frankfurter Kollegen nahmen übrigens keinen Anstoß an diesem Ausflug, den man sonst beargwöhnt hätte. Denn wo es Hoffeste und Galadiners gibt, und hielte sie der Satan selber ab, da muß ein Diplomat von echtem Schrot und Korn dabei sein. Er machte es noch plausibler. Eigentlich wollte er die Bäder in Trouville aus den so beliebten Gesundheitsrücksichten genießen, doch da er den ihm bekannten Fürsten Ratibor und den Hofherrn Graf Redern in Paris wußte, konnte er natürlich dem Drange seiner Freundschaft nicht widerstehen. Der preußische Botschafter Hatzfeld lud ihn zuvorkommend ein, bei ihm zu wohnen, um die Feste mit anzusehen, die man zu Ehren der Königin Viktoria gab, die unter Kanonendonner und Glockengeläut mit acht geführten Pferden vor ihrer Kalesche majestätisch im Schritt einzog. Ihr Koburger Prinzgemahl saß neben ihr in schwarzer Uniform, schön wie ein Eiskönig.

»Das trifft sich glücklich,« empfing ihn Hatzfeld, »man gibt übermorgen in Versailles einen großen Ball, wo die höchsten Herrschaften huldvollst erscheinen werden. Sie wissen, die englische Herrscherin ist hier. Ihr werde ich Sie vorstellen sowie natürlich dem Kaiserpaar. Ich muß Sie freilich aufmerksam machen, daß neulich ein heftiger Ausfall gegen Sie im offiziellen Moniteur erschien, der Sie als einen Feind Frankreichs denunzierte. Man fängt an, Sie hier zu studieren!«

»Wie kann man nur!« entrüstete sich Otto würdevoll. »Ich ein Feind Frankreichs, das ich so innig bewundere, dem ich für mein geistiges Leben so viel verdanke! Das kann unmöglich mit Willen der Regierung geschehen sein, denn sie kennt meine glänzenden Beziehungen zu meinem Freund de Montessuy.«

Freilich kam der Alarmschuß von Moustier. Doch Otto, der natürlich den Artikel des Moniteur sehr wohl kannte – – dies war ein Grund seiner »Badereise« – –, traute Louis zu, daß er immer zwei Bogen auf der Sehne habe und nach dem Rezept des sogenannten Onkels gleichzeitig Peitsche und Zuckerbrot anwenden würde. Die Berichte Moustiers und Montessuys widersprachen einander, also wird erst die eine, dann die andere Auffassung eskamottiert.

Ein flüchtiger Blick überzeugte Otto, daß die vornehmen Müßiggänger aller Völker hier Musterung passierten, nur keine Russen. So weit gedieh die Entfremdung, obschon sich natürlich unbelästigt Untertanen des Weißen Zaren in Paris befanden. Denn die Maßregel, alle Zivilpersonen einer verfeindeten Nation bis zum Säugling an der Mutterbrust zu »internieren«, blieb einem späteren humaneren Zeitalter vorbehalten, wo man auch mit altmodischen Rücksichten aus Privateigentum gründlich aufräumte.

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