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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
projectidd7010140
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Otto suchte Prokesch zu bearbeiten. »Der Kaiser sollte sich nicht von Ihrer Polizei düpieren lassen. Man redet ihm ein, der Zar besolde Kossuth und hetze ihn zu neuer Empörung in Ungarn auf. Heller Blödsinn für jeden, der den Zaren kennt! Er und Kossuth!«

»Unsere Weaner Polizei ihst a liabe, guete Polizei«, wienerte Prokesch ausweichend, wie er immer tat, wenn er gemütlich wurde. »Wer im Glashaus sitzt, sollt' nit mit Steine werfe. Ihr Ohm und Hintze haben's ja auch von Attentat geschwihndehlt, von die Refugiés in London, und Ihrem Herrn Könikk Ahngst gemahcht.« Otto biß sich auf die Lippen. An die infame Geheimpolizei Hinckeldeys, den Verbrecher Hintze und Konsorten, wollte er nicht erinnert werden, deren segensreiches Wirken seine politischen Freunde (? hm!) Gerlach und Kleist-Retzow für ein Fundament konservativer Schreckensherrschaft hielten. »Die heilige christkatholische Kirch ihst auch gegen die russische Kehtzerei, so sich orthodox nennt.« Jawohl, als ob der Ultramontanismus etwa das protestantische Preußen minder hasse.

»Man spricht von Wiederherstellung Polens unter einem Erzherzog. Glauben Sie, daß Preußen damit gedient ist?«

»Ach, Märchen! Wir wünschen keine Eroberungen im Osten.« Prokesch sprach wieder hochdeutsch.

»Auch nicht im Westen?«

»Wo denken Sie hin! Wir rihchten uns nach den Umständen, und uhnsre Rihchtschnur ihst die Erre.«

»Oder die Furcht.«

»Mein Herr!« Prokesch nahm Grundstellung.

»Wissen Sie, was mir General Gerlach schreibt? Da er aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, kann Meyendorff als loyaler Russe dafür eintreten, und ich begehe keine Indiskretion. Meyendorff sagt: ›Mein Schwager Buol ist ein politischer Hundsfott, er fürchtet jeden Krieg. Doch mehr den mit Frankreich.‹ Ja, ja, Italien! Die Furcht ist's, was Ihre Schritte lenkt.«

»Ich sage Eurer Exzellenz wohl nichts Neues und Unerwartetes, wenn ich hiernach jede Diskussion abbreche.« Prokesch entschwand mit gekränkter Würde, aber der Schuß saß. Den Bogen bei Preußen zu überspannen, wäre nicht rätlich. Denn man möchte ja Preußen als Pfeil im Köcher behalten gegen die Westmächte. Das war's, was Bismarck erreichen wollte. Denn solange Österreich nur lavierte, ging alles noch gut. Ein entschiedenes Auftreten Preußens von diesem König zu erwarten, hieße auf Sand bauen. Also das ihm so passende Nichtstun fördern, mußte die einzige Hoffnung sein. –

Der Krimkrieg ging weiter und brachte allmählich eine recht erwünschte Schwächung Rußlands und Englands durch schwere Verluste, weniger Frankreichs, das wenigstens seinen Gloiredusel befriedigte. Rußland gab zähneknirschend Österreichs Forderungen nach, das deshalb nichts Ernstliches mehr wagte, und Preußen schwelgte in unparteilich wohlwollender Neutralität für beide Parteien, nach drei Seiten (Rußland, Frankreich, Österreich) herumhinkend. Nach dem gesunden Grundsatz, daß man es mit dem im Vorteil Befindlichen halten müsse, freundete sich Otto plötzlich mit dem französischen Gesandten am Bundestag an und trug »bonapartistische« Neigungen zur Schau. Der entsetzte Gerlach mahnte ihn an das Wort der Schrift: »Man darf nicht Böses tun, daß Gutes daraus werde.« Das sei hier auch unweise. Solche »indirekten Finesserien« paßten nicht für einen, »um nicht mehr zu sagen, eigentlich unberechenbaren Herrn« wie Friedrich Wilhelm. (So weit sank schon der angeborene Respekt eines so Königstreuen!) »Sie vergessen, daß die Persönlichkeiten das Entscheidende sind.« Leider oder gottlob, je nachdem!

Der neue französische Gesandte, Comte de Montessuy, entfaltete eine Lebendigkeit und Regsamkeit, die ihn bei seinen gravitätischen Kollegen unbeliebt machte. Er überfiel förmlich die Bundestagsleute mit Fragen nach jeder Sitzung, nahm sie ins Kreuzverhör und inquirierte hochnotpeinlich, was denn wieder beschlossen sei. Dabei arbeitete er mit Kleistertopf und Schere wie eine ganze Redaktion, schnitt aus allen Preßorganen die ihm passenden Rosinen heraus, klebte sie zusammen und schickte diesen unverdaulichen Plumpudding nach Paris. Jeder fand für sich was darin. Seine höllische Majestät selber, der Duc de Morny, der Kriegsminister St. Arnaud, der Polizeipräfekt Pietri und all die andern Katilinarier. So sehen nämlich normale Gesandtschaftsberichte aus. Otto amüsierte sich weidlich über den geschäftigen Herrn und nahm ihm nichts übel. Denn seine zudringliche Unverschämtheit wurde durch eine echtfranzösische Angenehmheit gemildert.

»Ihr Schwanken sollte Sie an Jena erinnern!« trumpfte er heftig auf, nach fruchtloser Auseinandersetzung über Preußens Zurückhaltung.

»Warum nicht an Roßbach?« Die schlagfertige Antwort gefiel dem Französchen so gut, daß er lächelnd seine blankgeputzten Zähne zeigte. Un bon garçon Dagegen seine Gattin –

»Ich sage Ihnen, liebste Frau v. Bismarck,« versicherte Frau v. Eisendecher, »zu Montessuys wird kein Mensch mehr gehen.«

»Mein Mann steht sich gut mit ihnen«, lehnte Johanna ab. »Er klagt nur über das schlechte Essen und Trinken. Aber das tut ihm gut,« lachte sie, »denn er fürchtet schon eine Karlsbader Kur wegen der endlosen guten Diners.«

»Das ist aber unser Stolz. Ja, bei Montessuys ist nichts solid ... außer ihren Diamanten und den Prätensionen von Madame. Für uns Bundesdamen ist sie nicht höflich genug, und das will eine Pariserin sein! Von gesellschaftlichen Unterschieden versteht sie nichts, sie ladet Krethi und Plethi ein, und ihre Einladungen bringen immer Zank. Sie setzt die Gäste an der Tafel pêle-mêle, ohne Ahnung von Rang und Etikette.«

Die Pariserin machte sich ihrerseits lustig über die Krähwinkelweiber. So rollte Deutschlands Geschick in männlichen und weiblichen bekrallten Samtpfötchen hin und her.

Der neue englische Gesandte, Sir Alexander Malet, war ein redlicher Gentleman nach Ottos Herzen, beide schlossen eine Freundschaft. Ein leidenschaftlicher Jäger und Angler, wie alle Gentlemen seiner Klasse, empfand er eine herzliche Gleichgültigkeit gegen alle deutschen Sachen, hatte aber als ruhiger gemäßigter Mann von rechtlicher Art bald genug gesehen, um weit mehr zu Preußen als zu dem turbulenten und intriganten Österreich hinzuneigen. Ottos weidmännische Fähigkeiten erfüllten ihn mit hoher Achtung, ebenso die Sittenreinheit seines Lebenswandels, und er ließ sich gern von Frau Johanna » home, sweet home« vorspielen. Als ein englischer Hauptmann Yates sich über die Unziemlichkeit der Berliner Polizei bei Malet beschwerte, schrieb der preußische Gesandte einen recht scharfen Brief an Mauteuffel, die Berliner Schutzleute seien die gröbsten und schikanösesten in Europa. Durch solche Ungebühr der preußischen Subalternbeamten wird mehr Ärger und Groll geweckt, als durch wirkliche Tyrannei im großen. Er wollte dabei auch dem Polizeipräsidenten Hinckeldey eins auf die Kappe geben, dessen Schnüffelei und Willkür das preußische Staatswesen lächerlich machte. Dies war die schöne Zeit, wo man Berlin nicht ohne Paß betreten konnte und wo ein »Kalabreser« Filzhut revolutionäre Umtriebe verriet.

Der unglückliche Bismarck wußte sehr wohl, daß er an seinen lieben Kollegen keine Stütze hatte: nicht an Baron Werthern und Graf Münster in Petersburg (an Stelle Rochows), Bunsen in London, Usedom in Italien, Hatzfeld in Paris. Letzterer hielt den Neffen der Schlacht von Austerlitz für viel bedeutender als den Onkel, der neben diesem Genie ein Waisenknabe gewesen sei. Graf Alvensleben, Erxlebener Angedenkens, erschien in Frankfurt und erklärte, nie wieder unter diesem Monarchen dienen zu wollen, falls der König ihn etwa als Prätendenten gegen Manteuffel aufstellen wolle, wie er das schon mit Graf Pourtalès aus der Wochenblattspartei versucht habe.

»Was rührt denn die wieder ein? Das wird ein hübscher Brei sein mit allerlei Kolonialzucker aus England.«

»Sie sagen es. Die sogenannte öffentliche Meinung in England, der Prinzgemahl (unser Schulmeister am Hofe) und Lord Palmerston würden sich hochherzig für Deutschland opfern. Liberale Gesittung! Rußland muß ganz zerschnitten werden, erstens in Groß- und Kleinrussen, zweitens durch Herrschaft des Weißen Adlers der Republik Polen bis Smolensk, drittens durch Abladen der Ostseeprovinzen einschließlich Petersburg und Finnland an Preußen und Schweden. Derlei kindisches Zeug wird bei uns als hohe Weisheit angestaunt und das apokryphe Testament Peters des Großen zitiert, das Moskowitertum strebe als allgemeiner Feind der Menschheit nach der Weltherrschaft.«

»Das ist schon möglich«, urteilte Otto kühl. »Der Zarismus und der heilige Synod der orthodoxen Kirche litten immer an Größenwahn mit halbreligiösem Anstrich. Die räumliche Ausdehnung auf der Karte nährt solche Wahnvorstellung, etwa so, als ob die Sahara sich für unendlich erhaben über das kleine Ägypten hielte! Das wird Rußland ebensowenig gelingen, wie einst den Mongolen und später den Türken, die bis Liegnitz und Wien ihren werten Besuch ausdehnten und dann nie wiederkamen wegen zu ungastlicher Aufnahme. Aber ebensowenig können solche furiosen Schwätzer Rußland Gesetze diktieren, dazu gehören andere Zeiten und andere Machtverhältnisse. Diese Unverantwortlichen wollen uns leichten Herzens zugrunde richten, denn daß sich die Westmächte und Österreich nachher über unsern Kopf weg mit Rußland verständigen werden, ist ohnehin sicher.«

»Sie müssen mit dem Könige reden«, drang Alvensleben in ihn. »Sonst werden die Goltz und Albert Pourtalès den Thronfolger noch ganz umstricken.«

»Der König wird mich in Kürze nach Potsdam befehlen«, nickte Otto mit einer gewissen Traurigkeit. Die frühere Ungnade vergaß der hohe Herr schon lange, wie seine drängende Gedankenflucht Tag für Tag alles vergaß, nur nicht sein allmächtiges Gottesgnadentum. »Ob etwas Gutes dabei herauskommt, ist eine andere Frage.«

*

Als er der erwarteten Ladung folgte, nahm ihn zuvor der Thronfolger in Beschlag. Der hohe Herr schien erregt, wie selten bei seiner würdevollen Ruhe. »Sie haben keine Ahnung, wie hier gewühlt wird. Kürzlich war der König der Belgier an der Reihe, den natürlich die andern Koburger, d. h. die Engländer aufstacheln. Preußen müsse durch dick und dünn Hand in Hand gehen mit Österreich, selbst um den Preis einiger kleiner Opfer der Eigenliebe. Also so weit kam es, daß wir immer nur Opfer bringen sollen. König Leopold scheute sich nicht anzudeuten, wenn Preußen sich nicht füge, werde Frankreich den Rhein erobern und England, wenig treu seinen älteren Traditionen, dies sogar mit einiger Genugtuung begrüßen. Also schamlose Erpressung!« Die Stimme des Prinzen bebte. »Ich selbst bin antirussisch und westmächtlich gesinnt, ich sage es offen. Aber solche Sprache verwundet doch aufs tiefste mein vaterländisches Ehrgefühl.«

»Ich beglückwünsche Euere Kgl. Hoheit zu solchen Gefühlen«, erwiderte Otto warm. »Indessen dürften wir von dieser Seite wohl kaum mehr etwas hören. Seine Majestät ließen mich amtlich wissen, daß man mit dem Gedankengang einer so erprobten Monarchenweisheit konform gehe, doch ich demolierte diese Weisheit mit dem einfachen Satz: »Wäre Seine Majestät von Belgien statt dessen König von Preußen, so würde er das Gegenteil geraten haben«, und ferner mit dem Hinweis: »Frankreich am Rhein wäre auch Herr von Belgien, England und König Leopold sollten das bedenken!« Nun, man scheint es bedacht zu haben, denn Schweigen trat ein. Übrigens äußerte sich der belgische hohe Herr mir gegenüber noch voriges Jahr ganz anders.«

Der Prinz lächelte etwas verlegen. »Eigentlich dürfte ich Ihnen nicht danken, denn im System stehe ich ja auf Englands Seite. Doch Sie haben recht, durch Drohungen uns übertölpeln wollen, das muß abgelehnt werden, und die Versprechungen schmecken auch manchmal zu gesalzen. Kennen Sie die Affäre Bunsen?«

»Oberflächlich«, bekannte Otto vorsichtig. »Er ist erledigt, nicht wahr? Auf Reisen verschickt, und sein Urlaub dürfte ein dauernder sein.«

»So ist's. So sehr der König Bunsen liebt, dies ging ihm doch wider den Strich, daß ein Gesandter, auf die Gnade seines Herrn pochend, selbständige Abmachungen trifft. Die Sache spielt ja lange zurück ins vorige Jahr hinüber, und es wuchs das nötige Gras, doch der Vorschlag könnte sich wiederholen. Man bietet uns die Elbherzogtümer, die wir natürlich erst erobern müßten und wozu die andern wohl auch nicht ohne weiteres Ja und Amen sagen würden.«

»Sehr verfrüht!« entschlüpfte es Otto. Der Prinz sah ihn bedenklich an, nicht mit Mißtrauen, sondern mit einem gewissen Ahnungsgefühl:

»Verfrüht? Also Sie denken auch daran? Nun, wie dem sei, die Bedingungen, die Bunsens Denkschrift übermittelte, waren unannehmbar, unsinnig. Herstellung Polens, Österreichs Expansion bis in die Krim, endlich – last, not least – Einsetzung der koburgischen Linie ins sächsische Königtum, was doch auch nur mit Waffengewalt und nicht ohne Einspruch des Bundestags geschehen könnte. Wie nennen Sie das?«

»Mischung von Unverschämtheit mit Unwissenheit und Phantasterei«, erwiderte Otto kühl. »Und das schönste ist, daß Bunsen nicht mal amtlich von England und erst recht nicht von unserer Regierung ermächtigt war, sich wechselseitig mit diesem Handel einverstanden zu erklären. Die englischen Staatsmänner erklären nachher jede mündliche Abmachung für ein Mißverständnis, sobald der Hase anders läuft, und haben wahrscheinlich den armen Bunsen gründlich hineingelegt. Ich fürchte, in London werden noch andere deutsche Gesandte das nämliche erleben bis ans Ende aller Tage, falls nicht mal England selber einen gründlichen Klaps erhält.«

»Sie sind ein Englandhasser.« Der Prinz runzelte die Stirn. »Das ist eben die Differenz, weshalb meine Gemahlin gegen Sie eingenommen ist. Sie kennen meine Freundschaft für den Zarewitsch, aber Sie sind uns eben zu russisch.«

»Ich erlaubte mir schon mehrmals zu betonen,« erwiderte Otto mit ehrerbietiger Festigkeit, »daß ich höchstens zu deutsch bin. Früher hieß ich der Wiener, der landesverräterisch paprizierte Backhändl liebt, heut soll ich nach Juchten riechen als Spreekosake. Nächstens wird man verbreiten, daß ich nach dem neuesten Pariser Parfüm der Rue de Rivoli dufte. Ich habe aber nicht das geringste Talent für Thuguts und Cobenzls der alten Schule, die von einer Zehe auf die andere hüpften und sich dabei die Beine brachen. Nur mag ich nicht bloß auf einem Beine stehen wie ein stelzbeiniger Marabustorch, sondern mir freie Bewegung beider Füße vorbehalten. Ich bin kein Englandhasser und Rußlandliebhaber, und eine Buhlschaft mit Frankreich möchte ich auch nicht treiben, falls es nicht notwendig wird.«

»Ah, ah!« Der Prinz horchte hoch auf. »Also grundsätzliche Abneigung gegen die Westmächte liegt Ihnen fern? Nun, Sie werden beim König als Schiedsmann fungieren zwischen zwei widerstreitenden Parteien. Ich beschwöre Sie, lassen Sie ein wohlverstandenes Wohlwollen für Rußland den Ausschlag geben.«

»Was sollte ich denn tun?«

»Rußland Frieden aufnötigen, sonst geht es zugrunde. All seine magnifiquen Truppen würden nicht die Walstatt bedecken, darunter Freunde von uns, wenn wir rechtzeitig durch unsern Beitritt zum übrigen Europa den Zaren zum Beigeben forciert hätten. Wir müssen ihn salvieren auch gegen sa propre volonté. Gott selber weist uns diese schöne Aufgabe zu.«

»Ich zweifle, daß unser Herrgott mit günstigem Auge auf Krieg schaut, für die man nicht mal einen Vorwand hat. Welchen Kriegsgrund haben wir? Liebedienerei für Österreich und die Westmächte, gemischt mit Furcht. Wenn wir ohne jede Provozierung unsern alten Freund und Nachbar anfallen, so wird er ewig an Revanche denken, und die falschen Freunde ließen uns dann im Stich. Ferner: wie denkt man die polnische Frage zu lesen ohne Benachteiligung Preußens? Die edeln Polen sollte man doch kennen, die verlangen Posen und womöglich noch Danzig dazu, und das hohe Protektorat im Westen würde uns dann gnädigst mit Landstrichen entschädigen, die wir erst noch mit dem Schwert gewinnen müßten. Sind wir etwa das Yorksche Korps, das gezwungen dem Gewalthaber folgte, oder ein indischer Vasall, der treu-gehorsam Englands Kriege mitmacht?«

Dem Thronfolger stieg die Röte ins Gesicht, und er stampfte leicht mit dem Absatz auf: »Von Vasall und Furcht ist keine Rede.« Er bezwang sich aber in würdiger Sammlung und sprach freundlich weiter. Es lag nicht in seiner wahrhaft vornehmen und unerschütterlich charaktervollen Art, gegen Leute loszufahren, die ihm scharf widersprachen, besonders nicht solche, die einmal fest in seinem Vertrauen saßen. –

Der König begann sogleich sein Steckenpferd zu reiten: »Ja, Bismarck, die Revolution! Sind wir mit Österreich uneins, so setzen wir alle Throne erneut dem Drachen aus, wie mein weiser Freund Leopold von Belgien mir damals ins Gewissen redete.«

»Im Gegenteil würde eine zu enge Einigung mit dem ultramontanen Österreich alle unruhigen Köpfe in Deutschland mit Wut erfüllen, und die franzosenfeindliche Stimmung in den Mittelstaaten würde zu der Behauptung umschlagen: Preußen verrate alle nationalen Interessen, das deutsche Volk müsse sich selber helfen.«

»Das hat Hand und Fuß«, sah der König ein. »Übrigens billige ich nicht Österreichs neue Winke auf Abtretung Bessarabiens. Rußland hat ja die Moldau-Walachei geräumt, zeigte also seinen guten Willen.«

»Gebietsabtretung würde es nur nach langem, unglücklichem Kriege gewähren und noch fiel nicht mal Sebastopol. So würde die Revolution Zeit und Gelegenheit gewinnen, überall ihr Haupt zu erheben.«

»Das leuchtet mir ein. Raten Sie also, Österreich abzuschütteln?«

»Nicht doch. Wir müssen seine Balkanpolitik scheinbar unterstützen, solange wir es dadurch abhalten, direkt die Waffen zu ergreifen. Rußland hat uns viel Unrecht getan, und unser Interesse mit dem seinen zu identifizieren wäre närrisch. Auch brauchen wir seine Hilfe nicht, um einen neuen revolutionären Ausbruch niederzuschlagen. Ich würde einen Krieg gegen Rußland gar nicht abraten, wenn dabei ein würdiger Siegespreis in Aussicht stände. Doch schon der Gedanke empört mich, daß wir uns in Gefahr und Not für dies Österreich stürzen sollen, für dessen Sünden gegen uns Euere Majestät so viel Nachsicht entwickeln, wie unser Herrgott sie einst hoffentlich meinen eigenen angedeihen läßt.« Das hieß kühn sprechen, doch dem König schmeichelte gewissermaßen der Vergleich mit dem höchsten Herrn im Himmel, vor dem auch ein allerhöchster Herr einst Revue passieren muß. Gewohnt, sich als Instrument des Himmels zu betrachten, gefiel er sich in der Rolle eines verzeihenden, aber gerechten Sündenrichters.

»Da haben Sie meine Intentionen richtig erkannt«, schloß er die Unterredung. »Wir werden von jeder prononcierten Gewaltpolitik abstehen.« Weil natürlich das Zuwarten und Nichthandeln bequemer ist.

*

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