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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Nach Frankfurt zurückgekehrt, fand er das übliche Tohuwabohu der widerspruchsvollen Bundesherrn. Österreichs Übergewicht hatte er zwar erschüttert, doch immer wieder kam die Eifersucht der Mittelstaaten zum Vorschein. Prokesch predigte rechts und links: »Preußens geographische Lage lockt es zum Arrondieren seiner Grenzen auf Kosten des Schwächeren. Nur Österreich kann Sie schützen, das gleichfalls seiner geographischen und saturierten Lage nach nie die Unabhängigkeit seiner teuren Verbündeten antasten wird.« An den Höfen schmuggelte das Wiener Kabinett stets Kreaturen ein, die von Österreich viel, von Preußen nichts zu erwarten hatten. Außerdem mißtraute jedermann der unklaren, schwankenden Politik des preußischen Königsromantikers. »Unter uns,« bekannte ein neutrales Bundestagsmitglied naiv, »von Österreich hat man Repressalien zu fürchten, Freund und Feind, während Preußen versöhnlich und wohlwollend um jeden Preis sein will.«

»Natürlich,« erwiderte Otto bitter, »die Gegenseitigkeit des Händewaschens beruht auf völliger Skrupellosigkeit, rechtlich und moralisch. Darin ist uns Wien über.«

Es wurde ja unter ihm etwas besser, da er unverzagt drohte: »Jede Frage kann entschieden werden durch Appell an das Schwert. Will der Bundestag seine Funktionen zum Zwang und Druck auf Preußen ausnutzen, so werden wir auf dies letzte Band deutscher Einheit ein Gewicht legen, daß es zerreißt.«

»Entschieden, unser teurer Bismarck macht jeden Leumund zuschanden«, medisierte Prokesch hämisch in einem Schmollwinkel mit dem hessischen Minister Dalwigk auf einer Soiree des preußischen Gesandten. »In Berlin hielt man ihn für gut kaiserlich allezeit, und hier häutete er sich so schwarz-weiß wie ein Zebra. In Berlin galt er als Ultra-Feudaler, und hier findet die liebe Bürgerschaft in ihm einen scharmant Liberalen. Bei Bismarcks gehen Musiker, Maler, Schriftsteller ein und aus wie in einem Taubenschlag. Dieser Malprofessor Becker mit den schönen Töchtern, die als malerische Staffage seiner Lokalzelebrität dienen, scheint so eine Art Hausfreund. Und heut abend genießen wir den Vorzug, den Musikus Flotow als Löwen des Abends anzustaunen.«

»Der berühmte Komponist der ›Martha‹«, räusperte sich Dalwigk, »wird hier persönlich die Einstudierung seiner Oper ›Rübezahl‹ leiten.«

» Assurément. Man wäre kein Kavalier, wenn man der Kunst nicht einen gnädigen Blick gönnte. Aber Herr v. Bismarck übertreibt seine Verehrung der schönen Künste. Vorhin beim Diner, wo auch ich die Ehre hatte – zwölf Gedecke –, saß der – eh – Flotow (v. Flothow? wohl ostelbischer Adel, mir unbekannt) – zur rechten des Hausherrn. Der Becker ist natürlich auch dabei und bewegt sich unter uns mit der Gelassenheit eines großen Herrn. Das corps diplomatique sollte doch seinen Fuß vorsetzen, daß solche Verwischung aller Grenzen nicht landesüblich wird.«

»Hm!« bemerkte Dalwigk gewichtig. »Die Eisendecher und andere von ihrer Clique halten alles für comme il faut, was Bismarcks anstellen. Thuns haben die Herrschaften auch verzogen. Manchmal glaubt man sich hier in einem Musikkonservatorium. Da ist so'n verbummelter Legationsattaché, Rudolf v. Keudell, ein entfernter Verwandter der gnädigen Frau, der fällt manchmal hier ins Haus und macht einen Höllenlärm mit Beethoven. Kündigt er sich an, so teilt der Gesandte die frohe Botschaft mit für die Andächtigen, so erzählen Reinhards. Er soll ja sehr gut spielen für einen Amateur, aber der Herr faßt seine Dienstreisen auf wie ein konzertreisender Virtuose. Da sollte man unsern gestrengen Herrn Kollegen sehen! Hingegossen in Ekstase, wenn dieser Keudell und Frau Johanna vierhändig spielen.«

»Ein Cousin, sagen Sie? Vierhändig?« Prokesch wollte schon eine Glosse machen nach schönster Wiener Art, doch der verwunderte Blick Dalwigks und seine eigene Vernunft belehrten ihn über die Aussichtslosigkeit solcher Albernheit. »Merci!« Er ließ sich von einem Diener Champagner einschenken. »Das prickelt so!«, erhob sich und stieß kordial mit dem Hausherrn an, der soeben vorüberkam: »Auf Ihr besonderes Wohl, teuerster Freund! Ich sprach soeben mit Exzellenz Dalwigk über Ihr entzückendes Fest. Nur bei Ihnen findet man jene ungemischte gute Gesellschaft, die den Musen und Grazien huldigt!« –

Prokesch sprudelte mit gewohnter kühler Leichtigkeit sowohl Unwahrheiten als Wahrheitsumgehungen hervor. Er übertraf die kühnsten Erwartungen. Wurde ihm der Boden zu heiß gemacht und die völlige Haltlosigkeit seiner Unterstellungen erwiesen, so ließ er den Gegenstand fallen oder deckte seinen Rückzug mit Ausbrüchen tugendhafter Entrüstung, die sofort einen Frontwechsel verschleierten und meist in persönliche Angriffe ausliefen, so daß man jeden Faden verlor. Seine Präsidialbefugnisse überschritt er regelmäßig und hüllte sich dann in passive Abwehr gegen jeden Vorwurf, so daß der preußische Ankläger oft als überlästiger Zänker und Haarspalter erschien. »Eine gewisse Macht zur Geschäftsführung à la discretion ist dem Präsidenten unerläßlich. Niemand hätte früher über solche Nichtigkeiten Lärm geschlagen. Trägt es zu gutem Einvernehmen bei, wenn jede Handlung des Präsidiums vom Vertreter Preußens gehässiger Kritik begegnet?«

Da sich kein Diplomat österreichischer Schule ein Jota um Wahrheit kümmerte, fälschte er sogar die Protokolle. Als ihn Otto bei einer besonders groben Unrichtigkeit ertappte, erhob er seine Stimme: »Wäre das unwahr, so hätte ich gelogen im Namen der k.k. Regierung.« Dabei sah er dem Preußen herausfordernd ins Gesicht.

»Ganz richtig«, versetzte dieser ruhig, und erwiderte fest den Blick. Prokesch fuhr zurück und blickte sich um, sah aber nur niedergeschlagene Augen und ernste Mienen. Da drehte er sich auf den Hacken um und ging in den Speisesaal, wo die Mitglieder häufig dinierten. Otto überlegte, ob Prokesch ihn fordern müsse. Statt dessen kam dieser mit einem Champagnerglas auf ihn zu: »Ach was, soyons amis, Cinna

»Warum nicht? Doch das Protokoll muß geändert werden.«

»Sie verlassen Ihren Posten nicht, Sie Unverbesserlicher«, lächelte er entgegenkommend. –

Eine wichtige Entdeckung lieferte neue Waffen. Ein Gesandtschaftsbeamter teilte mit, daß Prokesch ein altes Schreibpult verkauft habe, das man vielleicht untersuchen könne. »Da gibt es sicher Geheimfächer, wollen nachsehen.« Es war so, und da fand man einen dicken Haufen Papiere. Briefe von Geheimagenten in Berlin, die dort mit der Presse arbeiteten, und Kladden oder Kopien von wütenden Hetzartikeln gegen Preußen, deren Urheber man im demokratischen Lager gesucht hatte.

»Wollen wir nicht den ganzen Stoß in die Presse lanzieren?« Legationsrat Kilchner rieb sich die Hände.

»Beileibe nicht! Nur allgemeine Andeutungen, so daß Prokesch sich quälend unsicher fühlt und das Publikum unsere Langmut bewundert.«

Dagegen erwies sich seine Langmut weniger dauerhaft in einer Schlappe, die er Hessen-Darmstadt versetzte. Dessen Premier, Dalwigk, ein eingefleischter Preußenhasser, stellte im vorigen Sommer plötzlich die Behauptung auf, der preußische Gesandte v. Canitz, dessen Versetzung dorthin aus Spanien Otto selber befürwortet hatte, habe ihn insultiert und müsse abberufen werden. Nun war Canitz ein sanfter, ruhiger Mann von vollendeter Höflichkeit und unbedingter Wahrhaftigkeit, Dalwigks Vorwand daher eine Lüge. »Ich werde Ihnen eine Depesche nach Berlin diktieren«, berief Otto den Legationsrat Kilchner. »Wir müssen ihm mit dauernder Vakanz der Stelle drohen, da ersprießlicher Verkehr unmöglich sei, solange Dalwigk an der Spitze des Ministeriums bleibt, dieser schnöde Rheinbündler. Aber nicht so, daß wir selbst ausdrücklich die Entlassung verlangen, das würde den Großherzog nur erbittern, sondern wir stellen dem hessischen Geschäftsträger Görtz seine Pässe zu und brechen die diplomatischen Beziehungen ab. Ich bin entzückt, diesem österreichischen Vasallenstaat einen Schlag zu versetzen.«

Mit Vollmacht dazu ausgerüstet, begab sich Otto nach Darmstadt und zupfte sogleich den Löwen am Bart. Der Großherzog war sehr ungnädig. »Ich liebe nur Diplomaten um mich, die keine indiskreten Fragen stellen.«

»Diplomaten werden expreß dafür bezahlt, stets zu fragen und zu fragen, bis sie keine Antwort mehr bekommen.«

»Sprechen Sie mit Dalwigk!« Doch dieser große Mann ließ Otto ersuchen, in zwei Stunden wiederzukommen, und als dieser endlich in seine Höhle eindrang und ihn zu offener Aussprache vor dem Großherzog mitnehmen wollte, lehnte er kühl ab: »Mein Anzug ist zur Stunde nicht passend, um vor der höchsten Person zu erscheinen.«

Eine zweite Bestürmung der Festung glückte nicht besser. Dalwigk blieb dabei, Canitz habe ihn insultiert, während letzterer auf Ehrenwort es abschwor, und ging in seiner Heuchelei so weit, daß er vor dem Grohherzog sich in die Brust warf: »Wie würde ich Preußen verletzen, für das ich eine besondere Vorliebe habe!« Otto warf ihm einen seiner durchbohrenden Blicke zu und ging. In der Tasche hatte er ein Billett vom Ministerkollegen Dalwigks, Baron Schäffer-Bernstein: »Ich halte einen geheimen privaten Gedankenaustausch zwischen uns für nötig und bitte Eure Exzellenz, unter dem Vorwand eines Jagdausfluges den Wald zwischen Mainz und Darmstadt mit Ihrer Anwesenheit übermorgen mittag zu beehren, wo ich mich einfinden werde.« Dies geschah. Der Herr wollte nämlich seinen Freund Dalwigk entthronen und sich Preußen als geeignet anbieten. Doch der diplomatische Bürgerkrieg raste fort, und Bismarck trieb das Abbrechen diplomatischer Beziehungen so weit, daß er dem Freiherrn v. Bellinghausen den Darmstädter Hofkalender, der stets zu Neujahr mit dem preußischen ausgetauscht wurde, drevi manu zurücksandte.

Diese Stürme im Wasserglase nahmen sich possierlich aus neben dem Kriegsorkan, der im Osten heraufzog. Es wurde bald klar, daß die Westmächte Rußlands neues Attentat auf die Türkei mit Kriegserklärung beantworten würden. Gleichzeitig erhob Österreich seine Stimme gegen die russische Besetzung der Donaufürstentümer. Preußen befand sich in kritischer Lage, ob es seine ererbte Freundschaft für Rußland oder für Österreich betätigen solle. Der König versprengte den geplagten Otto jeden Augenblick nach Potsdam, so daß dieser sozusagen auf ständige Retourbilletts abonniert war und berechnete, daß er pro Jahr 2000 Meilen Bahnfahrt hin und her bewältigen müsse. Sein Herr legte es förmlich darauf an, ihn in den Geruch eines Strebers zu bringen, der mit Gewalt Minister werden wollte, während seinen Wünschen nichts ferner lag als dies und er ehrliche Arbeit nur in Frankfurt verrichten konnte. Die Gegenentwürfe, die er anfertigen mußte, führten zu nichts, als zu dem vom König beabsichtigten Zweck, Manteuffel zu ärgern. Endlich riß Otto die Geduld, und er bat Gerlach, den er im Berliner Schloß tiefsinnig auf die Spree hinunterstarrend fand: »Erwirken Sie mir Rückkehr nach Frankfurt, ich halt's nicht mehr aus.« Er wußte, daß des Königs Kabinett sich nebenan befand, und hörte diesen denn auch zornig rufen, kaum daß Gerlach zu reden begann: »Er soll in Dreiteufelsnahmen warten, bis ich befehle abzureisen.« Gerlach kam verlegen zurück, und Otto lachte: »Ich habe schon meinen Bescheid.« Schon einmal zeigte sich der Monarch sehr ungehalten, als Otto nicht stehenden Fußes einer Ladung folgte, und ließ ihn kleinlichen Ärger fühlen: »Ich mag ihn nicht sehen, er soll aber warten.« So ließ er sich die Hintertür von Ungnade zu Gnade offen, da seine Gutmütigkeit sich leicht besänftigen ließ und er stets von einem Extrem ins andere sprang, heut launisch empfindlich, morgen übermäßig herzlich. Diesmal hinterließ Otto das Konzept eines Handschreibens, das Friedrich Wilhelm an Franz Josef richten sollte, und betonte zu Edwin Manteuffel vor seiner Abreise: »Verfehlen Sie nicht, Majestät darauf hinzuweisen, der Schlußsatz sei das Hauptstück, auf das es ankommt.« Doch bald genug erfuhr er in Frankfurt, daß man gerade den Schluß austrophil verwässerte.

Um diese Zeit erschien plötzlich Graf Robert v. d. Goltz in Frankfurt bei Otto, mit dem ihn eine ziemlich oberflächliche Jugendfreundschaft, wie man das zu nennen pflegt, verband. Der bedeutend angelegte und hochgebildete Mann hatte im Gegensatz zu seinem Bruder Karl, dem späteren eleganten Generaladjutanten auf Lebenszeit, eine etwas unbehilfliche beleibte Erscheinung und einen häßlichen Kopf mit aufgeworfener Stulpnase, aber breitgewölbter Stirn.

»Hören Sie, Bismarck, ich will gleich mit der Tür ins Haus fallen. Ich lade Sie ein, unserer Fraktion beizutreten. Manteuffel, dieser an Österreich mit Haut und Haar versklavte Liebediener muß weg, oder er wird uns wieder in einen Sumpf hineintreten. Sie stehen so zum König, daß Sie uns wesentlich helfen können.«

»Auf diesem Punkt kann ich Ihnen nicht dienen, lieber Freund. Ich halte den Posten hier im Vertrauensverhältnis zum Ministerpräsidenten, und ich wäre ein unanständiger Kerl, wenn ich das zu seinem Sturz benutzte.«

»Bah, der hält selber niemand Treue und ist mißtrauisch wie ein Wiesel.«

Otto erinnerte sich gewisser Vorfälle, bemerkte aber ruhig: »Müßte ich aus zwingenden Gründen mit ihm brechen, so würde ich ihm das vorher ansagen, mit voller Angabe der Ursachen.«

»Um Gotteswillen! Fore warned is fore armed. Sie sind mir ein seltsamer Diplomat!«

Otto lächelte kalt: »Ja, ich habe meine eigene Methode. Ich wünsche das Verbleiben der Minister Raumer und Westfalen, die viel Gutes leisteten, mag ich auch mit Manteuffel nicht immer übereinstimmen. Sehen Sie, lieber Robert, die Fraktion Bethmann-Hollweg verläßt sich auf die Kammermajorität, die sie sicher bekommen würde, und auf den Thronfolger, den sie an seinem wunden Punkte ›Olmütz‹ packt. Prinz Wilhelm ist einer der besten Menschen, aber ganz Offizier, und sein hervorragend klarer Verstand geht mit ihm durch, wenn er die militärische Ehre verletzt glaubt. Er wäre zu den abstrusesten politischen Fehlern zu bewegen, wenn man ihm die Dinge unter diesem Gesichtspunkt zeigt.« Freilich auch zu den größten Vernunftentschlüssen, wenn man seinen moralischen Heldenmut in Bewegung setzt! dachte er heimlich, aber er verschwieg es weislich. »Was denkt Ihre Partei denn eigentlich über die Stellungnahme Preußens?«

»Das ist schwer zu sagen.« Der beleibte Goltz schnaufte ein wenig. »Der Thronfolger ist gegen Österreich, und Manteuffel wird natürlich den dienstfertigen Leporello spielen, indes der flotte Don Juan Österreich seine Eroberungen macht. Aber von Rußland wollen wir auch nichts wissen. Es gibt Leute unter uns, die an Herstellung Polens unter österreichischem Protektorat denken.«

»Und was zahlt Österreich dafür?«

»Ja, das ist fraglich. Es läßt uns vielleicht in Deutschland freie Hand.«

»Da kennen Sie die Bande schlecht.« Aber nachdem er sich diesen bitteren Ausruf entschlüpfen ließ, verschloß Otto seinen Mund. Er hatte genug. Von diesen Leuten konnte er auch eine völlig unzeitgemäße, übereilte Aggressivität erwarten, die er, der Aggressivste und Verständigste zugleich, für völlig out of place hielt. Napoleon nannte sich den »kühnsten Mann im Kriege, der je gelebt«, aber er berechnete stets seine Rückzugslinie und sprach das tiefe Wort: Man solle nicht heut tun wollen, was erst in zehn Jahren möglich sei. Das Ende der Unterredung bildete Goltz' Schrei aus tiefstem Herzen: »Man wird mir schon einen guten Posten geben, davor ist mir nicht bange.«

Natürlich, darauf läuft alles hinaus. Die Völker schwitzen und bluten, misera plebs contribuens, und die Herren am Oberrand des Gipfels balgen sich um die guten Posten. Seine Mahnungen an Manteuffel, die gute Gelegenheit auszunutzen, nutzten nicht das geringste, Ende April schloß Preußen ein Schutz- und Trutzbündnis mit Österreich, wenn auch in beschränktem Umfange, höchst bemerkenswert erschien, daß die Westmächte auch das Königreich Sardinien, das ein Königreich Italien werden wollte, in ihren Konzern aufnahmen. Der Krieg begann, wesentlich beschleunigt durch brutalen Überfall Rußlands auf die türkische Flotte.

Im Juni erschien ein anderer Besucher, der gewaltige Parlamentarier Rudolf v. Auerswald. »Sehen Sie, verehrte Exzellenz, wir sind alte Bekannte, obschon Gegner. Sei mir ein ehrliches Wort gestattet! Ich habe mich der Fraktion Goltz oder Bethmann, wie Sie's nun nennen wollen, genähert. Doch ich sehe ein, daß auch hier kein Heil ist. Den unfruchtbaren Oppositionskampf halte ich für verloren und möchte mich sachte eliminieren.«

»Was kann ich für Sie tun, um ad rem zu kommen?«

»Sie haben das Ohr des Ministers. Man übertrage mir die vakante Gesandtschaft in Brasilien, und ich verspreche feierlich, die Politik an den Nagel zu hängen.«

»Ich werde mich für Sie verwenden.« Immer wieder dieselbe Geschichte. Die traurige Erkenntnis Napoleons: Das persönliche Interesse, das ist alles. So endet der unentwegte Liberalismusheld mit einem guten Posten.

Manteuffel in seinem kurzsichtigen Mißtrauen (weil er sich selber mißtraute) wollte nicht. Von ihm erhielt Otto kurz zuvor ein pikiertes Schreiben. »Euer Hochwohlgeboren« seien nach Berlin befohlen, wie er von Gerlach vernehme, ohne daß ihm etwas davon bekannt gewesen. Der Schlußsatz drohte: »Mit Rücksicht auf die beim Bundestag schwebenden Verhandlungen dürfte Ihr Aufenthalt hierselbst nicht von langer Dauer sein

*

Er stand vor dem König. »Was sagen Sie nun? Sie haben manchmal ganz gute Eingebungen.«

»Meine unmaßgebliche Meinung geht dahin, daß Preußen hier endlich Ellbogenfreiheit gewinnt. Wir müssen statt der sekundären Stellung die führende erobern, die uns sofort allgemeine Sympathie und Leitung des Deutschen Bundes verschaffen wird.«

»Was will denn der Bund?«

»Er ist diesmal nicht österreichisch genug, um es mit Frankreich verderben zu wollen. Eure Majestät kennen die rheinbündlerischen Tendenzen von Hessen-Darmstadt. Nun, diesmal kann es nichts schaden, denn als Korrektiv bleibt die antifranzösische Stimmung der Nation. Wir müssen dies aber benutzen, um ganz Deutschland klarzumachen, daß Österreich nur seine außerdeutschen Hausinteressen im Auge hat und sich keinen Pfifferling um spezifisch deutsche Interessen kümmert.«

»Aber, aber! Sie verleumden das echtdeutsche Herrscherhaus.«

»Das aber, wie nicht anders zu erwarten, vornehmlich slawische und vor allem ungarische Wünsche berücksichtigt. Die Frage der Moldau und Walachei geht uns gar nichts an. Wir dürfen uns deshalb nicht mit Rußland brouillieren.«

»Sie drücken meine Intentionen sehr treffend aus«, rief der König lebhaft. Er hatte zwar diese Intentionen nur sehr unklar gehabt, aber glaubte jetzt steif und fest an sein geistiges Eigentumsrecht auf diese Idee. »Aber Preußen dürfte doch nicht allein stehen. Der Druck von England wird immer unbehaglicher, und Sie wissen, ich will mit dieser Macht nicht brechen, die übrigens der Thronfolger bevorzugt.«

»Das ist auch gar nicht nötig. Man muß die Westmächte hinhalten. Die möchten gern eine völlige Niederlage Rußlands, um allein in Europa zu schalten. Eure Majestät sollten aber schon in der dänischen Angelegenheit erkannt haben, daß England uns durchaus nicht wohlwill. Und Frankreich erst! Das Rheinufer! Wir haben nicht das geringste Interesse daran, diese Verschiebung des Gleichgewichts zu fördern. Österreich möchte uns in die faule Sache hineinziehen, und was wäre das Ende? Daß es von den Westmächten in seinen deutschen Hegemonieplänen begünstigt würde. Natürlich um allerlei Kompensationen! Ich appelliere an Euer Majestät deutsches Gefühl. Österreich würde sich keinen Augenblick besinnen, deutsches Gebiet an Frankreich zu opfern, und sogar beschränkte Rheinbundtendenzen zu dulden, wenn es nur selbst die absolute sonstige Oberhand in Deutschland hat.«

»Sie sind ein Pessimist, Bismarck, das weiß ich schon lange. Ich fürchte, Sie studieren das abscheuliche Pamphlet Macchiavellis ›Vom Fürsten‹, das mein erhabener Ahne, der große König, so glänzend widerlegte. Sie trauen dem verbündeten Herrscherhause Absichten zu, die – ich will nichts weiter sagen. Aber was wollen Sie denn?«

»Der Vertrag mit Österreich ist vorsichtiger als ich dachte. Er läßt Raum für Zuwarten. Wir sollen gleich 100 000 Mann bei Lissa aufstellen? Nun wohl, sammeln wir sie in Oberschlesien! Da können sie sowohl die österreichische als die russische Grenze überschreiten. Die Österreicher sind in Ostgalizien aufmarschiert, ihnen gegenüber die Russen in bloß auf dem Papier gleicher Stärke. Ihre ganze Kraft ist im Osten gebunden. Das gilt aber auch für die Westmächte, wenn sie ihre Krimexpedition ausführen. General v. Gerlach schrieb mir, daß wir noch freie Hände haben.« Der König runzelte unwillig die Stirn. Der ehrliche Gerlach hatte den Abschluß mit Österreich »eine verlorene Bataille« genannt und befand sich deshalb in Ungnade, denn wenn der König durch einen Minister einen Bock schoß, hielt er an diesem fest, was übrigens in der menschlichen Natur liegt.

»Hm, der Kabinettsrat Niebuhr hat Budberg« (den russischen Gesandten) »in Arbeit genommen und seinen Unmut beschwichtigt. Doch wenn ich Sie recht verstehe, würde man uns, wenn wir Ihrer unmaßgeblichen Meinung folgten, des doppelzüngigen Wortbruches zeihen.«

Otto lachte verächtlich. »Der Dieb schreit: Haltet den Dieb! Gegen solche Anwürfe muß man dickfellig werden. Der Vertrag war natürlich ein Fehler.« Der König rümpfte die Nase. »Er enttäuschte Deutschland und diskreditierte Preußen, denn nun glaubt man, daß Österreich unser Herr sei.«

»Erlauben Sie, mein Bester, das geht zu weit. Hat übrigens Deutschland kein Interesse an den Mündungen der Donau, dieses urdeutschen Stromes?«

»Gar keins. Weit mehr am Adriatischen Meer, Triest und den Jonischen Inseln, die England beschlagnehmen möchte.«

»Und die Drohungen mit einer polnischen Insurrektion?«

»Ein Blech, wie es nur England und Frankreich in ihrer lächerlichen Unwissenheit schmieden können. Kein Bauer in Polen und Galizien würde sich erheben. Auch steht es nicht bei Napoleon, irgendeine Revolution in Deutschland oder Italien zu schüren. Die Völker sind dort vernünftig geworden und denken: Hüte dich vor dem Ausland! Wenn das Ausland mich lobt, dann, Majestät, ist es Zeit, mich abzusetzen.«

»Auf die Art, wie Sie denken, könnten wir ganz aus dem europäischen Konzert hinausgedrängt werden«, klagte der König in kindischer Furcht, als ob er seine Großmachtstellung dem Beistand von Paris und London und nicht dem Ansehen des preußischen Heeres verdanke. Unwahr gegen sich selbst, wollte er dafür wahr und klar nach außen sein, gab dabei auch der inneren Gereiztheit gegen den geliebten Zarenschwager nach, dem er so die Warschau-Olmützer Unanständigkeit heimzahlen konnte. »Rußland hat es mit ganz Europa verdorben, es sitzt in der Patsche, und ich sehe nicht ein, warum wir ihm heraushelfen sollen.«

»Majestät mißverstehen, das würde ich gewiß nicht wünschen. Aber noch weniger, daß die anderen auf unsere Kosten sich politisch bereichern. Auch ist ein Irrtum in der Rechnung, die Stimmung in Deutschland bei Hof und Volk ist diesmal prorussisch, weil antifranzösisch. Es sind wohl die dynastischen Sympathien, die in Bayern, Württemberg, Hannover, Sachsen das monarchische Prinzip bei Rußland und die Revolution bei Frankreich sehen.«

»Die Revolution, ah!« Die lose Schraube kam wieder in Schwingung. »Ich würde mich an die Spitze eines deutschen Fürstenbundes stellen.«

»Aber bitte nur dann, wenn Preußen dadurch für sich Vorteil erlangt.« Der König hatte sich ein L'Allemagne, ce'st moi natürlich nur platonisch-romantisch gedacht. »Alle können uns nichts anhaben, wenn wir Forderungen stellen.«

»Und wenn sie rundweg ablehnen?«

»Dann wird mobilisiert, nicht nur mit 200 000, wie vorgesehen, sondern mit 400 000, die können wir aufbringen, wenn wir wollen.«

»Immer ein Phantast, guter Bismarck. Und gegen wen sollten wir denn mobilisieren?«

»Natürlich gegen Österreich. Von Rußlands Niederlage hätten wir nichts zu unserem Vorteil zu erwarten, während der Donaustaat uns die Reorganisierung Deutschlands und die Erwerbung von Schleswig-Holstein einräumen müßte.«

»Was, was! Schleswig-Holstein?! Und früher waren Sie doch ganz dagegen. Nur aus Parteirücksichten?«

»Weil es noch nicht an der Zeit war. Heut sind wir Herren der Situation. Nicht nur die deutsche Nation, auch die Mittelstaaten wären für uns, mit wenigen Ausnahmen. Die wünschen aus dynastischen Gründen keine Niederlage Rußlands.«

»Ja, die Revolution!« Die steigende Paranoia des Königs horchte auf dies pathologische Leitmotiv. Die Reste seines so prächtig angelegten Intellekts verkannten aber nicht die Möglichkeiten. Er lächelte sehr freundlich, indes er eine Weile schwieg. Dann klopfte er Otto auf die Schulter und berlinerte: »Liebeken, das is allens sehr scheene, aber is mich zu teuer. So was konnte die Sorte Napoleon machen, aber nich unsereins.« –

Und damit war's entschieden, Preußen tat überhaupt nichts, was freilich Bismarck noch wohlgefälliger war, als wenn es etwas zugunsten Österreichs unternommen hätte. Aber auch diese Hoffnung trog, Preußen war auf bestem Wege, in schiefer Bahn hinabzugleiten. Der König reiste im Sommer nach München, doch die hierdurch erzeugte germanomanische Begeisterung verrauchte, weil sie unbenutzt blieb. Die Mittelstaaten traten in Bamberg zu einem Vertrag zusammen, der sich widerwillig dem Präliminarvertrag Preußens mit Österreich anschloß, verfielen von da ab wieder ganz dem österreichischen Einfluß. Der blinde König in Hannover, immer zu falschem Spiel geneigt, wenn es Preußen betraf, zeigte sich unzuverlässig, Bayern fiel halb um, Sachsen lavierte. Thüringen folgte natürlich dem Wink des Koburger Prince Consort, der heftig an den Herzog Ernst etwa in dem Sinne schrieb: »Friedrich Wilhelm ist ein schwankendes Rohr. Er läßt sich durch jedes Kopfnicken des Zaren seinen Willen diktieren.« Das war nun freilich übertrieben, im Gegenteil vergaß sich Preußen so weit, die österreichischen Forderungen in Petersburg zu unterstützen. Otto reiste, um sich Gewißheit zu verschaffen, nach Stuttgart zu König Wilhelm, dem einsichtigsten der Mittelfürsten. Er hatte im Krieg gegen Napoleon I. sich als Kriegsmann einen Namen gemacht und innerlich die Rheinbundneigungen abgestreift. Aber als er mit dem preußischen Gesandten, den er schätzte, vertraulich am Kamin saß, seufzte er schwer:

»Die Lage ist zu verfahren und Preußen zu schwach. Gewiß hat es den gleichen Grund wie wir, Österreich am Krieg mit Rußland zu hindern, und wenn es den Mut hätte, hätte es auch die Macht dazu. Doch wir sehen, wie ein windiger, beschränkter Herr wie Graf Buol braufloshandelt, ohne nur seinen Verbündeten, Preußen, zu fragen, das sich mitschleppen läßt als quantité négligeable. Da müssen wir an unsere eigene Sicherheit denken. Wir Mittelstaaten allein, ohne Preußen, können nicht Österreich und Frankreich zugleich vor den Kopf stoßen. Straßburg als Ausfallpforte liegt zu nahe, wir würden okkupiert, ehe Preußen fertig wäre. Ich für meine Person will nicht aus dem preußischen Lager das Jammern meiner überfallenen Untertanen hören, ich müßte dann doch mich Frankreich unterwerfen.«

»Aber die allgemeine deutsche Sache würde dies Opfer Württembergs und Badens lohnen, ganz Deutschland würde gegen solche Vergewaltigung zusammenstehen.«

»Ich danke bestens. Das Württemberger Hemd ist mir näher als der deutsche Rock. Ich will ganz offen mit Ihnen reden, weil ich weiß, daß Sie ein sehr verständiger Mann von klarem Blick sind. Was wäre die Folge eines preußisch-österreichischen Krieges gegen Rußland, der dies Reich zur Desperation brächte? Sprechen Sie sich ehrlich aus, denn ich kenne gewisse geheime Winke und Versuche, und Sie werden von Ihrem befreundeten Kollegen Graf Montessuy, der sich drohweise wohl ein Wörtlein entschlüpfen ließ, das Nötige wissen. Sie sehen, ich bin gut unterrichtet. Die Bahn wäre geebnet zu etwaiger französisch-russischer –«

»Allianz. Der Zar würde sein Dynastengefühl über Bord werfen und sich mit Louis verständigen, der überhaupt den Krieg nur aus Prestige- und Gloiregründen betreibt und sehr wohl weiß, daß er sonst nur für England Kastanien aus dem Feuer holt. Frankreich und Rußland trennen keinerlei wirkliche Reibungsflächen. Ihre Allianz, wie Bonaparte sie schon dem Zaren Paul vorspiegelte, wäre eine natürliche, sowohl gegen England als gegen die deutschen Mächte gerichtet. Deshalb muß das Äußerste geschehen, um diesen bösen Streich zu verhüten, bei dem wir Deutschen am schlimmsten führen.«

Der König von Württemberg nickte. »Dann würde zuerst Österreich aus dem Leim gehen, denn Frankreich würde Italien und Rußland die orthodoxen Slawen insurrektionieren. Deshalb würde die Donaumacht eiligst die Segel streichen, und Preußen bliebe dann allein der Rache seiner beiden Nachbarn überlassen. Die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet uns Mittelstaaten, zunächst mit Österreich und Frankreich zu marschieren und später, falls letztere auseinandergehen, mit Frankreich, das uns am ehesten schaden kann.«

»Eure Majestät malen ein düsteres Bild, vielleicht zu düster.«

»Es kann sich nur aufhellen, wenn Preußen starke Schritte tut, Österreich am Krieg zu verhindern, das ohne den Deutschen Bund es nicht wagen wird.«

Im August befand sich der König auf Rügen beim Fürsten Puttbus, von wo Kabinettsrat Niebuhr einen ganz verzweifelten Brief an Otto richtete und darin die Wiener Herren als Schlafwandler auffaßte, die sich schon im Krieg mit Rußland zu befinden glaubten. Otto lächelte bitter über solche Verkennung. Schlaftrunkenheit und mondsüchtiges Nachtwandeln, wobei man jeden Augenblick, zu jäh geweckt, den Hals brechen kann, paßte für die Weisen an der Spree, nicht für die schlauen Blagueure und Faiseure an der Donau, die ja gerade durch ihre flotten Tanzbeine Preußen in diese Nachtwandlerei hineinlockten. Dort wurde mit der altbewährten Bluffmethode fortgewurstelt, während das Fortwursteln in Berlin überhaupt kein Steuer kannte und sich nach dem Poloniustakt bewegte: Ist dies auch Wahnsinn, hat es doch Methode!

Johanna war auf Ferien mit den Kindern in Reinfeld und erkrankte schwer, so daß er eiligst dorthin nachreiste. Aber als er in Stettin ausstieg, trat ein Postdirektor auf ihn zu und salutierte: »Befehl Seiner Majestät, ich soll auf Exzellenz fahnden und Sie ersuchen, sich stante pede nach Puttbus zu verfügen.« Otto brummte etwas Unverständliches in den Bart.

» Voyez, teuerster Bismarck, ich mußte Sie herbemühen, weil Manteuffel wieder zu österreichisch denkt und schreibt. Der Zar hat nachgegeben wegen der Donaufürstentümer, wir müssen aber auf Buols Frohlocken gemessener antworten, nicht so in seinen Jubel einstimmen. Redigieren Sie eine andere unverbindliche Antwort, die soll zu Graf Arnim nach Wien gehen.« Otto gehorchte sehr gern. Gleich darauf erschien der russische Abgesandte Graf Benckendorff, der zuversichtlich äußerte: »Die Verbündeten in der Krim gelandet? Freut mich, dort sind wir am stärksten.« Der König schwenkte wieder mal ins Russische.

»Nun hab' ich wohl meine Pflicht getan,« drängte Otto den armen Gerlach, »ich habe schlechte Nachrichten von zu Hause und bitte um Entlassung von hier.« Gerlach kam betreten zurück: »Majestät haben Sie dem allerhöchsten Gefolge zugeteilt, ein Gnadenbeweis ersten Ranges. Aber«, setzte er übellaunig hinzu, »überschätzen Sie das nicht. Sie bilden sich wohl ein, Sie seien geschickter gewesen als wir? Der König schenkt Ihnen diese Depesche an Arnim, wie er einer Hofdame ein Bukett schenken würde, aus gnädiger Laune.«

»Jedenfalls bestehe ich darauf, zu meiner sterbenskranken Frau zu eilen, was Sie unserm Herrn mit meinem untertänigsten Dank vorstellen wollen.« Diesmal kam Gerlach sehr ernst zurück, zuckte die Achseln und führte ihn zum König. Dieser rief aufgebracht: »Ha, seine Häuslichkeit ist ihm lieber als das ganze Reich. Mag er also zum Teufel fahren!«

Otto ging still davon. Von so ungerechter Selbstsucht war nie etwas Gedeihliches zu erwarten, doch gottlob, die inhaltsreiche Depesche haben wir durchgesetzt! – Prost Mahlzeit! Sie wurde telegraphisch angehalten und wieder in die alte Form abgeändert. Als er das erfuhr, fuhr seine Hand unwillkürlich nach der Halsbinde. Er hatte ein Gefühl, als solle er ersticken. So lohnte man den Unermüdlichen, den einzigen Arbeiter, der seines Lohnes wert war. Bah, das Wasser geht oft bis an den Hals, doch was ein guter Schwimmer ist, duckt darum den Kopf noch nicht unter. –

Da mit Johannas Gesundheit bald eine Windung zum Besseren eintrat, packte er bald seine »liebe Familie Irrwisch«, die ihm zwischen den Fingern entschlüpft sei, säuberlich zusammen und fuhr zu den heimischen Penaten. Hallo, Bockenheim! Wer in seinen eigenen vier Pfählen sitzt, erkältet sich nicht mehr vor der Zugluft da draußen. Aber wer läuft denn da draußen herum in Nacht und Wind? Das arme Waisenkind, das Aschenbrödel Deutschland. Bin ich sein Vormund? Wer hat mich dazu ernannt? Seltsam, wie der Aufenthalt im Süden mein Borussenherz erweichte! Die Stockpreußen behagen mir gar nicht mehr. Daraus wuchs ich auch heraus, die alten Kleider werden zu eng. Nun, wie Gott will! Seine Pflicht tun, weiterkämpfen!

*

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