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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Bald darauf suchte er im Juli, wo er einen grimmigen Strauß mit Hessen-Darmstadt durchfocht und alle Höfe Deutschlands in Aufruhr versetzte – »nie hat ein Mensch in solchem Ton mit mir gesprochen,« jammerte der Großherzog, »seit dieser unglaubliche Bismarck erschien, hält Preußen seinen Kopf viel höher als sonst« –, den durchreisenden König der Belgier in Wiesbaden auf. Er erhielt von diesem klugen, unterrichteten Herrscher die Bestätigung seiner Befürchtung. »Seien Sie auf der Hut vor dem gekrönten Abenteurer! Der sinnt Krieg gegen irgendwen, um seine Flecken mit Glorie wegzuputzen. Von jeher hatte er Absichten auf Belgien. Der Mensch hat allerlei Broschüren geschrieben, als er sich in London als Hochstapler herumtrieb, und seines Herzens Trachten in vielem verraten. Annexion Belgiens ist eine Lieblingsmarotte seiner politischen Ausschweifung.«

»Preußen würde unbedingt die Neutralität Belgiens schützen, schon der eigenen Sicherheit unserer Rheingrenze wegen.«

»So ist's. Belgien ist die Vorhut Preußens. Überhaupt ist das Band noch nicht zerschnitten, das die Niederlande, sowohl Belgien als Holland, an das alte Deutsche Reich knüpfte. Wir gehören zum mitteleuropäischen Staatenkomplex und werden niemals nach Frankreich und England gravitieren.«

»Daran tun Ew. Majestät wohl, von uns hat man nichts zu fürchten, um so mehr von Westen her.«

Als er aber im Hochsommer nach Ostende reiste, begegnete er nirgendwo preußenfreundlicher Stimmung. Die Wallonen sprechen schlechtes Französisch, die Flämen kein Deutsch, sondern bewahren hartnäckig ihr niederdeutsches Platt, das sie für eine eigene Sprache halten. Otto wollte hier die Spinnweben der »Geschäfte« abschütteln, Hummer an bewegter See frühstücken und möglichst die Bekannten schneiden. Doch die schönen Zeiten, wo er inkognito die Welt besah, waren dahin. Zunächst hatte er das näselnde »How d'ye do« einer Lady O'Donnel und Miß O'Hara zu überstehen, die er bei Cowleys kennen lernte und die sich nach seiner Frau Gemahlin erkundigten.

»Sie ist mit den Kindern in der Schweiz.«

»Sie sind wohl hier, um den Prinzen Wilhelm zu treffen? Er kam soeben von London an. Ach, Sie sollten doch auch nach London gehen, das ist die Schule der Großen Welt, und da laufen doch alle Fäden zusammen.« Die gnädigen Lady Patronesses gaben zu verstehen, daß die two penny-conzerns des Kontinents nichts bedeuteten. Otto, der so die Ankunft seines Gönners erfuhr, eilte zum Prinzen, den er ziemlich ernst fand.

»Mir sehr lieb, Sie zu sprechen. Wissen Sie was aus Berlin? Ich auch nicht. In London scheint mir etwas vorzugehen. Die Intimität mit Frankreich gefällt mir nicht. Ich fürchte ungünstige Auspizien zum Jahreswechsel. Man kokettiert dort auch mit dem sardinischen Gesandten. Weiß Gott, was dahintersteckt. Wie stehen wir denn jetzt mit Österreich?«

»Leidlich, das heißt so schlecht wie immer. Ich habe aber den Eindruck, als wolle man uns mehr freie Hand in Deutschland lassen, weil wieder mal im Osten Wolken aufsteigen. Da hofft man uns wieder für rein österreichische Interessen anzuschirren.«

»Das fehlte noch. Nicht wahr, Sie werden Ihren Einfluß benutzen, um dem König auszureden, daß wir irgendwelche Verpflichtung haben?«

»Verlassen sich Königliche Hoheit auf mich! Was an mir ist, soll geschehen, daß Preußen in nichts verwickelt wird, was nicht ausschließlich unseren eigenen Interessen frommt.«

»Sehr schön. Aber Rußland – Sie wissen, ich habe meine Abneigung gegen dortige Zustände hintangesetzt, weil die verwandtschaftlichen Beziehungen uns doch engeren Anschluß aufnötigen. Mit dem Zarewitsch verbindet mich innigste Freundschaft. Sollte es nun zu europäischem Konflikt kommen, so scheint mir unsere Stellung schwierig.«

»Das schon. Doch wir dürfen uns in nichts hineinziehen lassen, und müssen einfach unser Pulver trocken halten. Für uns schaut bei dem allen doch nichts Praktisches heraus.«

»Praktisches wohl nicht. Früher, mein lieber Bismarck, sprachen Sie auch von point d'honneur in der Politik, obschon Sie für Olmütz – doch wir wollen nicht alte Wunden aufreißen.«

»Der große Brite lehrt: um einen Strohhalm bis an die Mündung der Kanone fechten, wenn Ehre auf dem Spiel. Doch Falstaff fragt: Was ist Ehre! Ich kenne nur als nationale Ehre, was sich mit Vernunft und Staatswohlfahrt deckt. Romantische Ehrenpunkte sind in der hohen Politik ein Irrwisch, und um einen Strohhalm wird nicht fechten, wer das Schicksal seines Volkes aufs Spiel setzt.«

»Sehr wahr«, stimmte der Fürst warm bei. »Sie wollen sagen, daß auch russische Interessen nicht die unsern sind. Und die Verwandtschaft der Dynastien gilt da nichts?«

»Es scheint nicht. Denken Eure Hoheit an Graf Brandenburg in Warschau! Der erhabene Schwager des Königs ließ da wenig von solcher Rücksicht merken.«

Prinz Wilhelm zuckte leicht, seine Hand ballte sich unwillkürlich, seine Stirn furchte sich. »Gut, daß Sie mich erinnern. Wir sind d'accord. Apropos, haben Sie Karl Goltz gesehen? Der ist hier nebst Fritz Eulenburg.«

Otto unterdrückte eine Bewegung. So, so! Sind die wieder am Werke? Er wußte, daß eine einflußreiche Clique, zu der Graf v. d. Goltz, ein flotter, eleganter Gardeoffizier und später Adjutant des Prinzen, gehörte, allerlei merkwürdige Sonderbündlerei spann, mit der sie den Thronfolger zu umgarnen hoffte. »Die Schmach von Olmütz« war ihr Leitmotiv für allerlei vage Planmacherei, die nur die Anstrengungen praktischer Politik durchkreuzen wollte. Er stand persönlich mit beiden Goltz – dem Bruder Robert ließ sich ansehnliche Begabung nicht absprechen – auf gutem Fuße und ließ sich daher sein Mißbehagen nicht merken. Die Herren begrüßten sich herzlich am Strande und badeten zusammen im »Paradies«, einer entlegenen Stelle, wo die Männer im reinstem Adamskostüm sich in die Flut warfen, während sonst Herren und Damen bunt durcheinander nach französischer Sitte sich im Wasser tummelten. Ironisch schrieb er an Nanne, nur das ihm höflich innewohnende Bewußtsein tadelfreien Wuchses könne die Dreistigkeit verleihen, sich vor der ganzen Damenwelt zu »produzieren«. Mit Ekel erinnerte er sich an eine Anekdote des alten Metternich, wie die Damen der höchsten Aristokratie vom Fenster aus badende Bekannte beäugelten und eine davon ihr Lorgnon mit himmlischer Naivität zuklappte: »Ich nehme X«, einen jungen Engländer. Alles Frivole stieß ihn gründlich ab, eine reckenhafte Keuschheit beseelte ihn. Dagegen feierte er das Wiedersehen mit einer alten Geliebten, der unergründlichen See. »And I have loved thee, ocean«, zitierte er Byron vor sich hin. Dies Sinnbild der Ewigkeit umwogte ihn zugleich erhebend und beruhigend. Jeder, der viel auf See war, wird seinen Ausruf begreifen: »Ich verstehe nicht, warum man nicht immer am Strande wohnt. Alles andere ist spießbürgerlich klein. Hier hat man den Odem Gottes aus erster Hand.«

»Etwas eintönig«, lächelte Graf Goltz blasiert. Ottos Naturschwärmerei schien vielen bei einem so »praktischen« Manne nur eine Scheinmaske, affektiert. Und wirklich riß er sich ja auch bald von seiner Seegeliebten los und begab sich in die geradlinigen heißen Straßen von Brüssel, wo er beim preußischen Gesandten Brockhausen abstieg. Freilich hatte er seine Wohnung in Ostende vor dem preußischen Prinzen Georg räumen müssen, denn selbst ein jüngerer apanagierter Nebenprinz bedeutet ja viel mehr als ein Staatsmann, der sich von ernsten Mühen ausruhen will. Der höfliche, edelgeartete Prinz Georg wollte sich hier auch von der See »Inspirationen« holen, nämlich für seine Verse, er war, mit Respekt zu melden, ein Dichter. Nun, ob man anderswie ein Stümper und Dilettant ist oder dies als sogenannter Diplomat betätigt, kommt aufs gleiche hinaus. In Wahrheit trieb ihn etwas anderes nach Brüssel, abgesehen davon, daß sein Amtspflichtgefühl ihn bei Brockhausen nähere Erkundigungen über Belgien einziehen ließ. Er fand dort auch den von Wien bekannten und nicht holden Botschaftsrat Baron Werthern, und einen vortrefflichen gräflichen Offizier aus Berlin, den langen Lehndorff. »Ja, die Leute sind uns hier nicht besonders grün,« belehrte ihn Brockhausen, »man sollte denken, sie hätten von den Franzosen genug gehabt. Doch das Blut der gemeinsamen Sprache ist offenbar dicker als Wasser, denn eigentlich blutsverwandt sind ja die schwerfälligen Wallonen gar nicht den Franzosen, die sich über deren Sprachfehler mokieren.«

»Geradeso wie über die der Welschschweizer«, flocht Werthern ein. »Die sind auch schwerlich Blutsverwandte, obendrein trennt die Religion, und doch erproben wir ja bei der Neuchâteler Frage, daß sie alle nach Frankreich gravitieren.«

»Und daß Blücher hier die Belgier befreite, ist ihnen ganz entschwunden, Wellington und kein Ende!« bemerkte Lehndorff unmutig. »Wenn ich nur wüßte, was wir den Leuten getan haben, daß man überall in Holland, Belgien, der Schweiz unsinnigem Mißtrauen begegnet.«

»Es ist die Suggestion der französischen Presse«, urteilte Otto gelassen. »Solange alle Welt Französisch liest und nicht Deutsch, wird man jede Verleumdung hinunterschlucken wie der Fisch den Köder.«

Und nun tat er, weshalb er nach Brüssel kam. Er wollte auf dem Feld von Waterloo stehen. Also hier, in dem Jahr, wo er selber geboren, stürzte der fränkische Aar mit gebrochener Schwinge. Doch die gestutzten Flügel wuchsen ihm wieder, und dies unruhige Volk der Gallier wird nie sich friedlich niederlassen. Ob Richelieu, Ludwig XIV., Revolution, Napoleon, sie haben immer den gleichen Drang, ihren Nachbarn das Fell über die Ohren zu ziehen und dabei von edelsten Phrasen zu triefen. Bravement se battre et finement parler. Und die Welt geht auf den Leim, daß Brutalität an der Spitze der Zivilisation marschiert, wenn sie dabei nur schöne Reden hält. Es ist zum Weinen, wie sich das Franzosentum in den Köpfen fremder Völker malt, die gar nichts von dieser Rasse wissen, z. B. Madjaren und Rumänen. Und wo man ihre grausame Tatze spürte, in den Niederlanden und Italien, bleibt unausrottbar die Kinderlegende von französischer Ritterlichkeit und Freiheitsidealismus. Daß Gott erbarm! Keine andere Nation würde sich die Tyrannis dieses Louis Napoleon gefallen lassen, für die man schon bis Dionys von Syrakus zurückgreifen muß, um passenden Vergleich zu finden. Und das sogenannte freie England, das sich ja freilich auch bei jedem Seeräuberzug auf Menschlichkeit und Frömmigkeit beruft, die gleiche Taktik in anderer Auflage, paktiert jetzt innig mit diesem Freiheitsmörder. Waterloo! Eine deutsch-britische Allianz werden wir nie wiedersehen, aber Franzosen und Briten drücken sich brüderlich die Hand. Wie soll das enden! Wie soll man das unglückliche Deutschland durch solche Klippen lavieren! Das müßte ein Lotse sein besonderer Art, wie man ihn schwerlich findet. Und ohne günstigen Wind Gottes kann es nie gelingen. –

*

Er fuhr jetzt nach Amsterdam, um von dort nach Norderney an den wogenden Busen seiner angebeteten Seenymphe zu eilen. Doch verband er damit ein Stelldichein, das sein Freund Schele, jetzt tonangebender Minister Hannovers, sich dringend ausbat für ein gewisses Angebot. Niemand wußte darum. Nur unter bestimmter Bedingung wäre Otto nicht abgeneigt gewesen, darauf einzugehen. Er mußte also prüfen. Holland durchblätterte er wie ein altes Bilderbuch und beschrieb das seltsame nordische Venedig mit dem Stift eines Malers und Poeten in prächtigem Brief an Nanne, die vielleicht jetzt fern auf dem Eigergletscher die Jungfrau bewunderte. Damals bestand freilich noch nicht das heutige Farbenspiel zinnoberroter Backsteinerker-Türmchen-Kaminschornsteine auf violett oder kaffeebraun angestrichenen Häusern, der rostige Schimmer der vom schmierigen Wasser der Grachten angehauchten Kanalalleen. Doch das Labyrinth winkliger Kanäle, der Mastenwälder wirkte wohl gespenstiger und verworrener als heut. Otto dachte an Rip van Winkle, wie ihm einst Motley das Märchen Washington Irvings vorlas. Wenn so ein Heutiger verschwände und nach einem Lebensalter ins deutsche Land heimkehrte, wie würde er das künftige Deutschland finden? In Groningen, Westfriesland, erglühte er platonisch für Milch und Blut liebreizender Bäurinnen mit helmartiger, vergoldeter Haube. Welch ein germanischer Schlag! Aber auf ihre germanischen Brüder sind die Holländer schlecht zu sprechen und behaupten eifersüchtig, ihr Platt sei eine besondere Volkssprache, und haben eine tiefe Zuneigung für die edeln, vornehmen Engländer, die ihnen See- und Finanzmacht raubten und sie für immer von ihrer Höhe herabstürzten! Wenn man die Menschen prügelt, dann liebt man uns. Voilà les hommes! wie der selige Napoleon sagte, der sich auf derlei verstand und in Fontainebleau den entsetzlichen Hohn seinem Volk ins Gesicht spie: »Wenn man dem Kaiser vorwarf, daß er die Menschen verachte, so wird man jetzt wohl zugestehen, daß er einigen Grund dazu hatte.« Die Holländer sind ein großes Volk gewesen, nie hat ein numerisch so kleines Volk eine solche Großmacht aus sich herausgeschält. Die herrschende See- und Finanzmacht, auf Kosten der deutschen Hansa, hatte ihre Flagge auf allen Meeren, an allen Küsten. Das sollte zu denken geben, was germanische Kraft vermag. Aber auch darin sind sie echte Germanen, daß ihre störrige Michelei sich in fixe Ideen verbohrt und sie den Wald vor Bäumen nicht sehen. Jedes gesunde Gefühl müßte sie unversöhnlich gegen England machen, jede vernünftige Überlegung ihnen sagen, daß sie nur im Anschluß an Deutschland ihre alte Bedeutung zurückgewinnen können. Doch weit gefehlt! England ist Trumpf, und der Deutsche ist ein »Muff«. Über seinem Bett hing ein Bild der Himmelfahrt mit der sonderbaren Unterschrift: »Verreißniß van den Heyland«. Ja, wer auch so »verreisen« könnte aus dieser irdischen Misere! Dazu muß man erst gekreuzigt werden, den Kelch zur Neige leeren und gebetet haben, daß dieser Kelch an uns vorübergehe. Und wie Elias im feurigen Wagen des Ruhmes gen Himmel fahren unter Donner, Blitz und Orkan, wie die Natur beim Tode Napoleons, Cromwells, Byrons ein Zeichen gab, das wird so selten Sterblichen zuteil. –

Und nun saß er in Norderney und horchte auf Kindergeschrei und Sturmheulen um eine Flaggenstange am Giebel. Doch auch hier fand er außer seiner Seenymphe viele überlästige Bekannte. Serenissimus der Herzog von Nassau und Prinz Friedrich von Hessen waren überglücklich, in ihrer steifen Einsamkeit einen standesgemäßen Bekannten zu treffen, und beehrten Seine Exzellenz mit langem Besuch, wobei auch allerlei leeres Stroh über deutsche Einheit am hohen Bundestag gedroschen wurde. Im übrigen zog sich hier jeder in seine Koje zurück wie der Dachs in seinen Bau. Otto las viel Romane, darunter die brandenburgischen eines gewissen Wilibald Alexis, der wenig Verbreitung im löblichen deutschen Publikum hatte, das immer nach jedem Quark greift und einen wunderbaren Instinkt für »Kitsch« hat. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß der hochgebildete Deutsche seine großen Autoren erkennt, solange sie leben. Denn nach dem Tode – nie ohne dieses! Die Lieblinge der Deutschen sind alle unsterblich – solange sie leben. Sie schauen Kotzebues Geist bei Philippi wieder, und der schlechte, elende Geschmack hoher Herren, die den miserabelsten Kitsch als Leibspeise zu sich nehmen, käut ihnen ihre Modekost vor. In keiner Nation wäre das Schicksal Heinrich v. Kleists möglich gewesen, in keiner wäre ein naiver Kitscher wie der gute Körner zu einem Klassiker erwachsen, in keiner hätte die »gute Gesinnung« eines Freiligrath, dieses Verskommis für Kolonialwaren, einen Heros deutscher Dichtung geschaffen. Den Germanen, der eigentlich und einzig genialen Rasse, fehlt jeder Instinkt für das Geniale, solange es sich leiblich und lebend darstellt. Darin stehen die Romanen höher, nur daß sie ihre Talente für Genies halten. Eine Art Farbenblindheit für alles Bedeutende, solange es nicht durch Presseschwindel oder staatlich durch Titel geeicht, kennzeichnet den deutschen Philister, obschon er im Grunde ein gescheiter Kerl. Nur in Deutschland konnte der Philisterhochgesang entstehen: »Das Genie bricht sich immer Bahn« oder »das wahre Genie ist bescheiden«. Das ist es allerdings, wenn man es nur abseits in Stille schaffen läßt, aber gegen Lumpenhunde war es noch nie bescheiden, und Goethe bekennt: Nur die Lumpen sind bescheiden.

Otto erinnerte sich, wie Feldmarschall v. Boyen, ein hochgebildeter Mann und Meister eines kernigen, vornehmen deutschen Stils, in einer Gesellschaft seufzte: »Heut dichtet jeder. Da ist unser lieber guter Polizeirat W. Häring, ein vortrefflicher Beamter. Muß der arme Mann Romane schreiben, und zwar vaterländische! So etwas hätte der Baron Fouquet leisten können oder Achim v. Arnim, aber dem guten Willibald Alexis, wie er sich nennt, fehlt jede poetische Ader.« Und nun las Otto im »Falschen Waldemar«, wie sehr einem der größten Dichter deutscher Zunge die poetische Ader fehlte. Sein Brandenburgertum fühlte sich tief ergriffen von dieser Heimatkunst, die freilich nicht die Taten der Kärrner registrierte, sondern wie Könige bauten. Der falsche Waldemar! Der Mann, der eine falsche Rolle spielen und mystischen Hokuspokus vormachen muß, indes er die eigentliche Wahrheit vertritt und sich für sein Volk opfert.

Lange starrte Otto, der im Seegrasbette lag, während Sturm und Regen das Fenster schüttelten, zur Decke empor. Unheimliche Gedanken gingen ihm durch den Sinn. Nanne schrieb aus dem Schweizer Thun – Thun, peinlicher Name! – und riet ihm, »Römer 12« zu lesen. Das tat er. Meinen Feind soll ich speisen, wenn er hungert – mit Vergnügen! Aber ihn segnen – und welche Feinde habe ich denn? Leute wie Thun, nicht persönliche Feinde, die sind mir schnuppe, und sie haben meinen Segen, doch Feinde meiner Nation. Die segne ich nicht, und mag der Heiland es mir dreimal befehlen! Doch Goethes Spruch fiel ihm ein: die Kraft, die stets verneint und stets das Gute schafft! Wer weiß, ob Österreichs Tücken nicht das Gute vorbereiten!

An der Table d'hote unterhielten sich diverse Fähnriche und Referendare laut und lärmend über die falsche Nachricht, der famose Bismarck sei angekommen, ein »urfideles Haus«. Die fürstlichen Herrschaften des Badeorts fanden die Sandbüchse der Düne nur passend für Scheibenschießen, und brachten ihre sonstige Zeit beim Spielpächter zu, der immer noch Geschäfte machte. Fast zehn Jahre verstrichen, seit Otto hier seinen »Kies« ließ. Damals hatte er auch mit seinem weiland Göttinger Korpsbruder Scharlach ein Wiedersehen feiern wollen, was mißglückte. Wo mag der wohl sein? Und siehe da, plötzlich fiel ein Amtsrichter Scharlach in die Stube, just als er vom Wasserfall des Wellenbades und Scheibenschießen heimkehrte. Der schon recht ältliche Herr wußte nicht recht, wie er die Exzellenz anreden solle, und stotterte etwas Undeutliches, bis Otto ihm ins Wort fiel: »Gieseke, lieber alter Kerl! Das ist mal schön von dir!« Das Gesicht des kränklichen Beamten strahlte vor Glück, daß sein vornehmer Freund, eine Exzellenz, ihn wiedererkannte. Zur Zeit der Kreuzzeitungskämpfe mit der Revolution hatte Bismarck ihn aufgefordert, hier und da Korrespondenzen über hannoversche Verhältnisse zu senden, dann schlief der kurze Briefwechsel ein.

»Und nun bist du doch ein großer Mann geworden, wie ich immer prophezeite!«

»Ich? Daß ich nicht wüßte. Ich bin nichts als königlich preußischer Bevollmächtigter zum Bundestag, der jeden Moment abberufen werden kann, um sich in die Stille des Privatlebens zurückzuziehen.«

»Aber die Öffentlichkeit ist voll von deinem segensreichen Wirken.«

»Dann weiß die Öffentlichkeit entschieden mehr als ich. Doch lassen wir das und sprechen von deinem Privatleben.« Er entwickelte die gemütvollste Herzlichkeit und Scharlachs mußten bei ihm wohnen. Als sie schieden, versicherte die Frau Amtsrichter nachher, noch nie habe sie einen so wahrhaft vornehmen, so sprudelnd geistreichen und dabei so tugendhaft frommen Mann gesehen. Scharlach zehrte sein Leben lang von diesem Wiedersehen und erzählte natürlich bis an seinen Tod allerlei Schönes, das immer begann: »Mein berühmter Jugendfreund« ... Weniger erfreut hätten ihn die Zeilen, mit denen Otto an Nanne über dies Erlebnis berichtete. Auch ihn erfüllte dies Wiederaufleben ferner Vergangenheit mit wehmütiger Rührung, doch nicht ohne peinliche Beimischung. Die Melodie war noch da, doch der Text des Liedes war vergessen. Wo blieb der Studiosus voll heiterer, ungebundener Laune? Untergegangen in einem gedrückten Kleinstädter, der sich wie aus einem Staatsgefängnis entlassen vorkam, wenn er hier Gottes freie Natur brausen und rollen und von Dingen der großen Welt hörte. Dabei schienen ihm aber die Kleinigkeiten seiner Amtssklaverei unendlich wichtig zu sein, und es beruhigte Ottos geringschätziges Mitleid, daß sein einstiger Busenfreund mit seinem Los zufrieden schien. »Du schaffst in der Welt da draußen, wir Beamten schaffen in der Stille«, betonte er mit stolzer Würde, und Otto war zu liebreich nachzuforschen, was er denn schaffe ... Er versank in düsteres Nachdenken. Der Frosch im Weiher plätschert so behaglich wie der Walfisch im Ozean. Der Kleine blinzelt von seinem idyllischen Bächlein schadenfroh auf die Brandung, wo ein wetterfester Wagehals sich abarbeitet. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit. Und wenn umgekehrt der Neid der Vielzuvielen sich ärgert: warum bin ich nicht groß und frei wie dieser, ist das nicht ungleiche Verteilung der Lebensgüter? Glücklicherweise richtet sich der Neid fast immer nur auf Äußerliches, auf materiellen Erfolg, die »Größe« der ellenhohen Socken, und kennt nicht die Wahrheit: Du bleibst doch immer, was du bist. Da nun der äußere Erfolg von hundert Zufälligkeiten abhängig und hinter den Höhen der tiefe, donnernde Fall lauert, so gibt's hier nichts zu beneiden. Das Steigen zu den sogenannten Spitzen der Gesellschaft ist eine unsichere Alpenfexerei, wobei man leicht ausgleitet und in den Abgrund stürzt. »Denn die Größe ist gefährlich und der Ruhm ein eitles Spiel.« Wollte aber der Neid sich gegen das wirklich Beneidenswerte wenden und geistige Schöpferkraft als unerlaubte Bevorzugung anklagen, woneben alle Mittelmäßigen sich ungerechter Zurücksetzung bewußt wären, so ahnen sie sogar nur unvollkommen den hohen Selbstgenuß des Schaffenden, ahnen dafür aber erst recht nicht die ungeheure Arbeitslast, die Widerwärtigkeiten, das dumpfe Leid, die mit jedem Schaffen verbunden.

Und was schaffe ich denn? Nichts oder so wenig in meiner abhängigen Stellung. Dem König habe ich ja unter vier Augen bekannt, daß ich nie freiwillig, nur auf ausdrücklichen Befehl nach Wien gehen könne, wo man mich hinterrücks überlisten und mein Ansehen untergraben würde. Der König nannte diesen Posten eine Hochschule meiner diplomatischen Laufbahn und verlangte Dank dafür, daß er mich ausbilde. Auch als Minister würde ich nur ein Ei sein, das die Henne brütet, und das widerstrebt meiner Selbstachtung. Verantwortung seiner Selbstherrlichkeit jähen Launenwechsel zu decken, fiele mir um so schwerer, als seine unregelmäßige Sprunghaftigkeit im Arbeiten oder Liegenlassen sich mit solcher Beeinflußbarkeit seiner Stimmung durch jeden geschickten Intriganten paart. Selbst mein edler, ernster Prinz Wilhelm, auf den ich so viel Hoffnungen setze, wenn auch nicht gerade für mich, denn mit seiner Frau Gemahlin und seiner Umgebung habe ich's nun mal verdorben – selbst er ist den Einflüsterungen der Unberufenen zugänglich. Die Hintertreppenschleicherei der Goltz, Bethmann-Hollweg, Pourtalés träufelt Gift auf alle Dielen. Nun, laß sehen, ob es mit Hannover ginge. Da könnte man einen wichtigen Mittelstaat in die richtige deutsche Sache hineinbugsieren und so Preußen fördern.

In Hannover empfing ihn der Minister Bacmeister: »Ich trat soeben aus dem Ministerium Schele aus, habe daher ganz freie Hand, Sie – sagen wir einmal – zu sondieren. Sind Sie geneigt, bei uns einzutreten?«

»Nur unter einer Bedingung: daß König Georg sich völlig an Preußen anschließt. Mein Preußenrock ist mir auf dem Leibe festgewachsen, und ich kann ihn nicht ausziehen.«

»Hm, so. Jedenfalls wünschen Seine Majestät mit Ihnen zu konferieren. Er will aber, daß eine geheime Unterredung nicht bekannt werde. Sie werden ihn im Erdgeschoß des Schlosses treffen. Ich werde Sie hinführen.«

Der blinde König saß in einem kleinen Kabinett. Er sah peinlich darauf, daß die Fiktion aufrechterhalten wurde, er sehe ganz gut. Er begann mit hoher, heller Stimme: »Ich verfolge mit Befriedigung Ihre Bestrebungen gegen den gotteslästerlichen Geist der Revolution. Die mir oktroyierte Verfassung bedrückt mich und hemmt den Flug meiner landesväterlichen Fürsorge. Ein Fürst von Gottes Gnaden läßt sich nicht Vorschriften von der Krapüle machen. Ich berief Sie zu mir, um Ihren Rat zu hören, wie man durch Bundestagsbeschluß eine Verfassung revidieren kann.« Otto gab sich dazu her, auf dieses Ansinnen einzugehen, wobei er ausweichend Mäßigung empfahl. »Fixieren Sie das bitte schriftlich, und zwar sogleich.« Die Niederschrift dauerte lange, und der König verriet seine Ungeduld. Plötzlich schlug es 6 Uhr, er sprang erschreckt auf, denn um 5 Uhr hatte er Tafel. Er verschwendete kein Wort an den Gesandten, der sich herbemüht hatte, lief in sein Schlafzimmer und ließ Otto allein, der sich allein in den Schloßgängen zurechtfinden mußte. Als ein Lakai ihm den Weg vertrat, antwortete er mit schneller Geistesgegenwart englisch, und vor dieser Zaubersprache verneigte sich der Lakai bis zur Erde, ein Brite geht ein und aus, wie er will.

Der König verlangte aber eine fernere Unterredung in einem größeren Audienzsaal, den Tisch bedeckten alle möglichen Papiere, die jeder Eintretende hätte lesen oder stehlen können, und als ein schwerer Lichtschirm von einem Armleuchter herunterfiel, kam auf das Dröhnen niemand aus dem leeren Vorzimmer. Diese Verlassenheit des armen Blinden, dem man so nichtachtend gar keine Obhut schenkte, wäre menschlich ergreifend gewesen, wenn nicht der wahrhaft blinde Dünkel, mit dem sich der Gottesgnadengläubige umwob, abgestoßen hätte. Diesmal berührte er das Ministerangebot: »Soll ich verstehen, daß Sie als mein Minister sozusagen Preuße bleiben wollen? Ja? Dann ist die Diskussion darüber geschlossen. Hannover, dessen andere Linie den Königsstuhl von Großbritannien innehat, steht zu hoch und groß auf Erden da, um sich fremden Dynastien anzuschmiegen ... von etwas jüngerem Datum. Das Haus Welf, das älteste herrschende Europas, das unter Heinrich dem Großen, genannt der Löwe, ganz Norddeutschland beherrschte, wird auch bei Ungunst der Zeiten als Fels der Legitimität in sich selbst bestehenbleiben. Leben Sie wohl, Herr Minister! Ich habe meinen Hofrat Meding beauftragt, Ihnen eine Dekorierung als Zeichen meiner Erkenntlichkeit zu übersenden.« –

Daß es in Hannover österreicherte, erfuhr Otto bald. Er äußerte zu Schele: »Beim preußischen Zollkommissar fand ich einen etwas orientalischen Konsul Spiegelthal. Wovon ist er Konsul als preußischer Beamter?«

Schele lachte laut. »Ich für mein Teil kenne nur die stille Wirksamkeit des Herrn, wonach ich ihn für einen österreichischen Agenten hielt.« Dieser freundschaftliche Wink fiel auf fruchtbaren Boden, ein Telegramm forderte Manteuffel auf, diesen Spiegelthal, sobald er nach Berlin reise, an der Grenze zu sistieren und seine Papiere zu untersuchen. Ein Gegentelegramm blieb aber aus.

Ehe er zu seiner Familie nach dem Genfer See weiterreiste, machte er Station in Potsdam, wo General Gerlach über die »Wochenblatt«-Partei klagte, die sich als kommendes Ministerium des Prinzen von Preußen geriere. »Das Blättchen finanzieren Albert Pourtalès und Graf Fürstenberg, nicht zu vergessen Bethmann-Hollweg. Sie haben alle das große Portemonnaie, und das vergoldet alle Ränke. Sie schreiben auch gewandt, besonders Robert Goltz, und fraternisieren besonders mit dem Herzog von Koburg, dem liberalen Schützenkönig. Auch englischen oder gar französischen Beistand würden sie nicht verschmähen. Mit den Gothaern haben sie wenig Fühlung, mit der liberalen Volksstimmung gar keine. 's ist halt eine Hofopposition.«

»Ich habe sie nie für »deutsch« gehalten, z. B. ist Karl Goltz der bei Prinz Wilhelm ein und aus geht und ihnen dort Eingang verschaffte, ein Stockpreuße, schwarz-weiß in der Wolle gefärbt. Die Herren haben ein rein praktisches Ziel: Ote-toi que je m'y mette! Manteuffels Sturz, voilà tout

»Und meiner mit. So wenig wir uns vertragen, sind wir beide doch eins im Frontmachen gegen diese ehrgeizigen Wühler. Ich schrieb Ihnen schon früher, daß Goltz sich wenigstens ins Ministerium Manteuffel eindrängen wolle. Er versteifte sich aber auf Säuberung der königlichen Suite, das heißt meine Entlassung, und das ließ Manteuffel nicht zu.«

Aha! er hat aber doch Goltz als Karte gegen Gerlach ausspielen wollen. »Goltz verdirbt alles durch Trotz und Galle. Wie durfte freilich Manteuffel diesen begabten Kopf – vor den Kopf stoßen. Goltz ist ohne Vermögen, also ein Stellenjäger. Übrigens ist auch Pourtalès brüskiert worden, und der möchte auch Manteuffel ersetzen.«

»Unter uns, der König hat ihn sogar encouragiert. Bei uns stellt jeder dem andern ein Bein. Was Manteuffel hält, ist der österreichische Einfluß. Übrigens ist er manchmal sonderbar. Neulich stellte er die Kabinettsfrage, wenn nicht ein gewisser Konsul Spiegelthal zur königlichen Tafel gezogen werde, was denn auch geschah.«

Otto sagte nichts. So behandelte Manteuffel seine Anzeige. Diese fanatische Österreicherei hatte einen verdächtigen Anstrich bis zu Landesverrat.

*

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