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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Der immer noch unversiegt plätschernde Redeschwall in der Kammer erkältete ihn noch mehr als früher. »Dieser Exerzierplatz für die Zunge, dieser Turnplatz für Spitzfindigkeiten, ist die ungesundeste Gymnastik. Zuletzt betrachtet der anständigste Mensch, sobald er Parlamentarier wird, das Rednerpult wie ein erb- und eigentümliches Toilettenstück, ohne das er sich nicht dem Publico und einem hohen Adel vorstellen darf. Nulla dies sine linea! Kein Tag ohne Quatsch!«

General Gerlach lachte verlegen. »Ihr gerechter Abscheu reißt Sie oft hin. Gestern mit Vincke – wir sind ja einig über seine Ungeschliffenheit gegen die Regierung und sein Ausfall gegen Sie war ruppig, aber –«

»Aber? Er wirft mir von der Tribüne Mangel an diplomatischer Diskretion vor, meine einzige bisherige Leistung sei eine brennende Zigarre. Sie wissen, ich hab' es Ihnen jetzt erzählt, der Vorfall mit Thun. Das hatt' ich ihm auf sein ausdrückliches Drängen nach allerlei spaßhaftem Klatsch unter vier Augen erzählt als etwas höchst Unwichtiges. Mich däucht, meine Antwort war sehr berechtigt: Vincke besitze statt der diplomatischen nicht mal die gewöhnliche Diskretion, wie man sie unter Männern von Ehre und Erziehung erwarte.«

»Ja, Sie hatten das Recht dazu,« meinte Gerlach bedenklich, »indessen wird dies doch wohl Folgen haben.«

»Nun, ich habe meinen Schwager Oskar Arnim und EBernhard Stolberg beauftragt, als Zeugen etwaige Eröffnungen Vinckes entgegenzunehmen.«

»Nun und?«

»Er hat mich durch v. Saucken-Julienfelde auf viermaligen Kugelwechsel gefordert. Oskars Vorschlag auf Säbel wurde abgelehnt.«

»Menschenskind, das sagen Sie mir erst jetzt! Und die Sache soll steigen?«

»Morgen früh. Daß ich mich stellen muß, dafür gibt es keinen Ausweg. Heut' abend halt' ich mit Superintendent Büchsel eine Betstunde ab, der natürlich abmahnte. Doch Sie werden begreifen, es muß sein.«

Gerlach stöhnte. »Ich kann Ihnen nicht raten, abzusehen. Doch es ist furchtbar, daß ein Mann, der dem Vaterlande nützlich dient, durch eine tückische Zufallskugel weggerafft werden kann. Das ist ein schweres Verhängnis. Ich werde für Sie beten.« –

Im Waldplatz am Tegeler Seeufer sangen die Vöglein ein Morgenlied, daß alles wohlbestellt und ihr Nest gesegnet sei. Gewaltsam unterdrückte Otto das Bild Johannas, um nicht von Angst um seine Lieben entmannt zu werden. Durch sein Unbewußtes ging ein Gebet: Ewiger, gerechter Gott, wenn mein Leben dem Vaterlande nützen kann, dann halte deine Hand über mich.

Der »Unparteiische«, ein Herr v. Bodelschwingh, trat auf: »Meine Herren, ehe wir beginnen, habe ich zu diesem Ehrenhandel zu bemerken, daß die Forderung den Umständen nach zu harte Konditionen hat. Ich schlage Ermäßigung vor, einmaligen Kugelwechsel.« Nach kurzer Beratung erklärte der Zeuge v. Saucken:

»Wir gehen darauf ein«, und flüsterte mit Graf Stolberg. Dieser nahm Otto beiseite: »Die Gegenpartei läßt Ihnen sagen, man wolle die Affäre beilegen, falls Sie zugeben, Ihre zu schroffe Äußerung tue Ihnen leid.«

»Das wäre eine bewußte Unwahrheit, und die begehe ich nicht. Vincke verdiente die Lektion.«

Beide Schüsse krachten. Otto fühlte sich unverletzt, und als der Dampf sich verzog, stand auch Vincke aufrecht da. Allgemeine Freude, Bodelschwingh vergoß sogar Tränen der Rührung. »Zwei so hochverdiente Männer! Gottlob, alles ist aus, der Ehre Genüge geschehen.« Alles schüttelte sich die Hände. Einen Augenblick hatte Otto überlegt, ob er auf Vincke schießen solle. Als er aber schoß und fehlte, ärgerte er sich und schob die Schuld auf die Pistolen. »Gott verzeihe mir die Todsünde,« bekannte er nachher seiner Schwester, »ich hätte den Kampf gern fortgesetzt. Doch jetzt bei ruhigem Blut preise ich Gottes Fügung. Zu guter Letzt ist Vincke zwar ein rabiater Parteimann, aber persönlich anständig, wenn nicht sein Jähzorn mit ihm durchgeht.« –

Eine neue Dienstreise Anfang Juli verlängerte diesmal die Trennung von Frau und Kindern ins Unbestimmte, da der König ihm einen kleinen Abstecher nach Wien aufnötigte.

»Mein bester Bismarck, ich meine es sehr gut mit Ihnen. Sie müssen auf die hohe Schule, um Ihr diplomatisches Reifezeugnis zu erlangen. Mein Botschafter in Wien, Graf Arnim-Warbelow, ist schwer erkrankt, ich beschloß, Sie erst in Vertretung und dann als Nachfolger nach Wien zu senden. Wie? Ich lese auf Ihrem Gesicht gerade keine übergroße Freude.«

Otto verneigte sich. »Ich gehe überall hin, wohin mein König mich stellt. Doch ich fürchte, ich bin in Wien nicht gut angeschrieben, Thun hat mich gewiß tüchtig verklatscht, und man hält mich schon lange nicht mehr für einen ergebenen Diener Österreichs.«

Der König runzelte die Stirn. »Ich will nicht hoffen – Sie sind mein Diener, soviel ich weiß. Aber Sie hegen doch sicher keine Animosität gegen diesen von mir so hochverehrten Staat?«

»Wie sollte ich! Ich wache nur eifersüchtig in meiner geringen Sphäre über Preußens Behandlung im Bundestag, und ist das Österreich nicht lieb, so kann ich's nicht ändern.«

»Sie sehen zu schwarz, mein Lieber. Wir werden ja prüfen, wie es sich zum Handelsvertrag stellt. Hier übergebe ich Ihnen ein Einführungsschreiben unterm 5. Juni 1852 an den Kaiser. Lesen Sie es durch!«

Das Schreiben, obwohl mit einigen Floskeln des Kurialstils belastet und für Ottos Geschmack zu warm, »das Glück Ihres Beifalls«, »Ihre so wichtige und mächtige Freundschaft« betonend, trug den glatten und eindrucksvollen Stil des Königs, dessen Begabung selbst in solchen höfischen Episteln durchschimmerte. »Die Anwesenheit des teuren herrlichen Kaisers Nikolaus ist mir eine wahre Herzstärkung gewesen.« Der Zar hatte sich jüngst herbeigelassen, in Berlin zu erscheinen und dort seine Gnadensonne leuchten zu lassen. Das mußte einen gewissen Druck auf Österreich üben. Dies und die folgenden Anspielungen auf »unsere dreifache Eintracht« (Dreieinigkeit der heiligen Allianz) wären Otto jedoch willkommener gewesen, wenn der König es mit preußischen Hintergedanken und nicht aus vollem Herzen als Gemütspolitik betrieben hätte. Andererseits scheute der König nicht vor dem scharfen Ausdruck zurück: »was die rheinbundschwangeren Mittelstaaten mit Entzücken die Differenzen Österreichs und Preußens nennen.« Der Zusatz, daß Herr v. Bismarck-Schönhausen, »mein Freund und treuer Diener«, dies Treiben »mit scharfem und richtigem Blick betrachtete«, konnte Otto nur schmeicheln.

Der König fuhr fort: »Der Kaiser steht mir nahe seit den fabelhaften Tagen von Tegernsee, wo wir uns kennen lernten. Ich verspreche mir viel von Ihrer Mission. Erläutern Sie mein Betragen wegen der Zollunion und zerstreuen Sie jeden Argwohn. Und wenn Österreich in einen Handelsvertrag mit uns eintreten will, um so besser.«

»Verzeihen Majestät, ich zweifle gar nicht daran, daß es Zolleinigkeit mit uns erstrebt. Aber man wird sich anstellen, als ob dies nur besondere Freundlichkeit und herablassendes Entgegenkommen sei. Man wird dafür politische Konzessionen ergattern wollen, und dafür sind wir doch nicht zu haben.«

»Nein, nein, da bleiben Sie nur fest. Sie treffen ein seltsames Ministerium, ich nenne es das ›einsilbige‹ mit einem schnöden Doppelsinn.« Der König konnte sich einen Witz nicht verbeißen. Die kurzen Namen Bach, Brück, Buol luden dazu ein, während sich sonst die Einsilbigkeit der pomphaften Herren darauf beschränkte, eine hochmütige Reserve herauszubeißen. Diese Minister waren meist bürgerlicher Herkunft, und spielten gerade deshalb den hochnäsigen Kavalier. »Die Herren sind in der hohen Aristokratie recht unbeliebt. Man erzählt da einen bösen Skandal, wie Graf Hardegg einen dieser regierenden Staatslenker aus seinem Salon hinauswarf mit Injurien, die kein Mann von Ehre sich gefallen ließe. Nun, das erleichtert vielleicht Ihre Aufgabe irgendwie, ich überlasse das Ihnen. Nur vor allem meinen guten Willen hervorkehren, meine innige Anhänglichkeit an das alte, glorreiche Kaiserhaus, das jedem Deutschen teuer bleiben muß.«

*

Die Reise nach Wien verlief damals nicht viel anders als heut, nur länger. Die gleichen anregenden Landschaftsbilder, besonders bei Prag und Znaym, die gleichen Klagen über unbequeme Waggons, obschon heut nicht mehr Ottos Zornruf zutrifft: »Die erste Klasse kaum besser als unsere dritte.« Am kahlen Nordbahnhof empfing ihn die Schlacht- und Mahlsteuer, sie trat in ehrfurchtsvolle Ferne zurück, als der Diplomatenpaß zum Vorschein kam: »Kiess' die Hand, mach' mein Kompliment.« Als er in die Stadt einfuhr, drängten sich ihm die Erinnerungen auf, wie er mit Nanne hier bummelte, damals ein geschäftsfreier Unbekannter. Diese Bilder ließen ihn während seines ganzen Aufenthalts nicht mehr los. Wie viel älter war er geworden! Heut ein angehender Großer, wie die Welt es nennt – möchte er tauschen mit damals? Weiß doch net. Jede Zeit und jedes Milieu hat besonderen Nachteil und besonderen Vorteil. Im allgemeinen wird der Mann von seinem Ehrgeiz beherrscht, sagen wir zynisch von seiner Eitelkeit, sagen wir ebenso richtig vom Erfolg seiner Arbeit. Vom Erfolg? Das sind eben die ordinären Weltlinge, die Minderwertigen. Für die Höheren ist die Arbeit selbst, ob mit oder ohne Erfolg, das A und O. Vielleicht hat Mutter selig doch recht gehabt, und dies wäre die beste Arbeit für mich. Heut? Gewiß nicht. Dies ist nur geschäftiger Müßiggang, denn mit aller Pflichttreue und Arbeitsamkeit bleib' ich fünftes Rad am Wagen. Ein Gesandter ist nur ein Gepäckträger. Für später den Boden sondieren, als vielgereister Odysseus die Fremde studieren, das hat wohl Wert. Aber ob je das »später« kommt, steht nur in Gottes Hand.

Der kranke Graf Arnim lag im Bett, bezeugte aber ein unmutiges Erstaunen, daß er die Akten ausliefern solle. So rasch »substituiert« zu werden, paßt keinem Gesandten. »Ich finde dies Arrangement etwas ungewöhnlich, um so mehr als hier ja gar nichts zu tun ist.«

»Das hat des Königs Majestät zu beurteilen«, rügte Otto gemessen.

»Der ich mich gern unterwerfe«, versicherte Arnim eilfertig.

Der Legationssekretär Baron Werthern bemeisterte nicht seine Verstimmung, daß er nicht interimistisch Geschäftsträger wurde, und bat um Urlaub, was Bismarck trocken bewilligte. Einen unlustigen Mitarbeiter zu haben, schien ihm kein Hochgenuß. Es fiel ihm ein, daß der hannoversche Gesandte Graf Platen, Berliner Angedenkens, ihm ja die offizielle Einführung bei den Ministern und in die diplomatische Gesellschaft, wie es der gute Ton verlangt, verschaffen könne.

Gleich in den ersten Tagen merkte er, daß er hier überflüssig sei, so überaus liebenswürdig man ihm entgegenkam. Er kannte das österreichische Wesen noch zu wenig, diese Mischung von hoher Intelligenz, sentimentaler Herzensgüte, Schlamperei, Unzuverlässigkeit, weniger aus berufsmäßiger Falschheit als aus allgemeiner Nachlässigkeit. Der slawische Einschlag macht sich bemerkbar. Dazu kommt dem Preußen gegenüber der eingefressene schwarz-gelbe Dünkel, die Herablassung eines verlumpten, großen Herrn für den angeblichen Parvenü. Infolgedessen merkte er sehr bald, daß der Versöhnungsschritt dieser Sendung, mit der man Österreich ein wirtschaftliches Geschenk machen wollte, so aufgefaßt wurde, als fühle Preußen das Bedürfnis, sich um jeden Preis mit Österreich zu »arrangieren«, was keineswegs, selbst nicht beim König, der Fall war. Daher die flaue Aufnahme der angebotenen Zollunion. Innerlich war Otto davon halb entzückt. Denn das würde in Berlin die Augen öffnen. Doch andererseits waren die Dinge noch nicht reif, und der Rückschlag in Berlin, nachdem die Gelegenheit zur Verständigung abgelehnt, paßte ihm nicht. Bei Thun hatte er den biederen Norddeutschen ohne Falsch gespielt, der auf Österreichs falsches Spiel hereinfiel, sich nur äußerlich jede Ungebühr verbat. In diesem Sinne faßte die österreichische Staatskunst ihn auf. Daß es Preußen im Bundestag gelang, die Zollunion durchzusetzen, schien ein Zufall, nicht Bismarcks Wühlerei verschuldete das. Dem mußte man nur deutlich zu verstehen geben, daß Österreich, dem alle Finger nach Zollunion gierten, kühl bis ans Herz hinan diesem Geschenk gegenüberstehe, dann würde der gut österreichisch gesinnte Mann schon für allerlei Konzessionen zu haben sein. Der Kaiser ließ sich nicht blicken und fuhr nach Keskemet und Budapest, man mußte ihm also nachreisen und antichambrieren. O, wenn man erst wieder auf der Thüringer Bahn säße, die so langsam fährt und so viel Langeweile macht! Dann geht's endlich nach Hause zu Weib und Kind! Unwiederbringliche Zeit geht verloren, und andere Ehegatten, die sich bei Trennung besonders wohlfühlen, läßt man beieinander. Lori, Peppi, Jugerl, Wigerl, lauter schöne Damen bei Frau v. Meyendorff, der Russin, und anderen feineren Gönnerinnen – o, wie schauderhaft, mutterseelenallein zu sein! An Nanne darf ich mein Herz über Politik nicht ausschütten, denn es fällt der Thurn- und Taxis-Gaunerpost in die Hände.

»Waren's schon in Wien, hohe Exzellenz? Doch net. Sonst hätt' man's erfahren aus'm Polizeibericht.« Das war so das übliche Gesprächsthema. O ja, er war schon mal hier. »Inkognito? Serr interessant.« Die Kunde machte die Runde durch die Salons, der Herr v. Bismarck sei schon mal inkognito hier gewesen. Da schauen's! Da steckt was dahinter. Die Preißen. Schlau sind's. Daß der Mensch sozusagen auch mal seine Hochzeitsreise machen muß, diese romantische Tatsache hätte ihn freilich den Wienern empfohlen: Er hat G'müet. Natürli, nach Wean macht man immer sein Hochzeitsreisen. Doch eine ihm eigentümliche Keuschheit des Empfindens verbot Otto, ans G'müet der Weaner zu appellieren.

Er ging an dem Haus vorbei, wo sein Beethoven gelebt, der so Gewaltiges in ihm aufstörte, und hatte merkwürdige Gedanken. Die Heroica! Ach, für ihn blies ja doch nie der Sturmmarsch. Dann stieg er hinter Nußdorf zu Schiff und genoß den goldigsten Abendduft über Kloster-Neuburg. Ein Schiff von Linz her fuhr vorüber, »Austria«, mit der er einst fuhr, Nanne zur Seite. Et tu, felix Austria, nube! Aber das Völkerschicksal besteht nicht aus Hochzeitsreisen. Im Grunde hatte er eine Vorliebe für dieses sonderbar gemütliche Österreich, ein halbgeniales Bohemientum. Nicht umsonst liegt Bohemia, wie die Engländer (auch Shakespeare) jedes Fabelland taufen, in den schwarz-gelben Grenzpfählen. Wenn Österreich nicht wäre, mußte man es erfinden.

Die glühende Innenstadt, temperiert durch schneidende, schwindsüchtige Winde, die am Schottentor sich verfingen, entnervte ihn wie der Glaskasten der zugemachten Fiaker. Doch es war guter Ton, dies alles zu erdulden. Selbst die Wiener Natürlichkeit unterwarf sich dem strengen Gesetz der Mode. So sind die Menschen überall Sklaven.

Die Schwestern Fürstin Schönburg und Fürstin Bretzenheim, geborene Schwarzenberg, Schwester des verstorbenen Premierministers, den kein Preuße vergessen soll, zogen ihn auf über seine altmodische, spießbürgerliche Ehesehnsucht. Frau v. Meyendorff spottete: »Es treibt Sie aus den Geschäften, um in Frankfurt soeur grise zu spielen. Enfin, Ihre liebe Frau Gemahlin wird's auch ohne Sie überstehen.« (Johanna war wieder guter Hoffnung). Aber Otto erwiderte ruhig: »Verzeihen Sie, meine gnädigen Freundinnen, doch mir war die Ehe wie ein Regenbogen über der Sintflut. Ach, schon hier, wo ich einsam bin, überkommt mich die liebeleere, trostlose Verwilderung meiner jüngeren Jahre. Doch Gottes Barmherzigkeit wird meine Seele nicht fahren lassen, seit er sie einmal angerührt, des trage ich feste Zuversicht. Das glatte Parkett der großen Welt, auf das er mich stellt, wird mich nicht straucheln machen.«

Nachher fragten die Damen unter sich: Was ist das nun? Ein vollkommener Weltmann, die Manieren eines großen Herrn, gar nicht bloß simpler v. Bismarck, und doch so fromm und sentimental! Dabei gestanden sie sich aber seufzend, daß sie die Frau wohl kennen möchten, an der ein solcher Mann mit ganzer Seele hing. Die sei beneidenswert, und es wäre schön, besonders für die Frauen, wenn alle Männer so wären.

Obschon durch Frau v. Vrintz in Frankfurt an ihren Bruder Graf Buol empfohlen, fand Otto beim Premierminister einen steigenden Mangel an Kordialität. Wahrscheinlich hatte Thun hier vorgearbeitet. Der Minister des Innern, Bach, empfing ihn mit schlecht verhehlter Abneigung. Sofort zog sich der preußische Emissär steif zurück, jeden Anschein von Dringlichkeit vermeidend.

»Exzellenz wollen gestatten,« meldete sich der Kanzleivorstand der Gesandtschaft, »Ihrer Mitteilung an den Herrn Ministerpräsidenten liegt die Instruktion an Sie aus Berlin nicht im Original bei.«

Otto staunte ihn an. »Was meinen Sie? Wo auf der Welt ist denn so was gebräuchlich?«

»Leider hier, ich bin so lange schon hier eingebürgert, daß ich diese eingerissene Gewohnheit nicht ändern kann.«

»Sie werden es aber. Ich erlasse mein formales Verbot. Unerhört! Dann wäre ja die Vermittelung des Gesandten ganz überflüssig. Es geht Graf Buol einen Dreck an, welche Instruktion ich erhalte. Das ist Dienstgeheimnis.«

»Nicht hier. Man wird einfach bezweifeln, ob Eure Exzellenz den Text Ihrer Instruktion innehalten und die Intention unsrer Regierung ausdrücken. Ach Gott, Exzellenz, früher war es ja noch schlimmer, als keine Eisenbahnen fuhren. Da nahm ein k. k. Beamter dem preußischen Kurier an der Grenze sein Felleisen ab, öffnete und exzerpierte die Depeschen, ehe sie an uns weiterbefördert wurden. Und da es bei Thurn- und Taxis-Post überhaupt kein Briefgeheimnis gibt, so schrieb man Briefe an die Gesandten zu dem Zweck, daß scharfe Bemerkungen von der Gegenpartei gelesen werden sollten, die man doch im formalen Geschäftsverkehr nicht anwenden wollte.«

»Eine entzückende Art von Insinuierung! Ich danke bestens für Ihre Aufklärung. Doch solange ich hier bin, wird Benachteiligung des Dienstes nicht genehmigt. Ich händige Buol meine Instruktionen nicht aus, oder ich stelle die Kabinettsfrage. Das ist ja ein Betragen, als ob wir ein k. k. Paschalik wären. Dazu werde ich meine Hand nie bieten.« –

»Die Leute sollen bloß nicht wähnen, wir suchten sie mit Empressement«, äußerte er zu Lynar, der ihn als Sekretär begleitete, und schrieb in gleichem Sinne an Manteuffel. »Dieser Bach wird ohnehin in der hohen Gesellschaft verpönt. Was mir Majestät daheim von einer Szene mit Graf Hardegg andeutete, ist zwar Verwechselung mit einer viel früheren Szene mit einem Märzminister Pillendorf, den Hardegg anschrie: ›Wie kann ein Schuft wie Sie die Stirn haben, in ein Zimmer zu treten, wo ich bin? Nur Achtung vor den Damen hindert mich, Sie anzuspucken, aber raus mit Ihnen!‹ Und der Bursche ging. Aber nur des Kaisers Name und sein hohes Amt schützen Bach vor ähnlichen Auftritten. Die Herrschaften sind hier äußerst vorsichtig in der Konversation, aber wenn auf Bach die Sprache kommt, halten sie mit nichts hinterm Berge. In der großen Welt ladet man ihn nie ein, er muß sich mit offiziellen Staatsdiners begnügen.«

Auf einem solchen hatte der preußische Botschafter das Vergnügen, am Schluß mit allen Gästen fünf Minuten zu warten, bis der übermütige Emporkömmling seine Zähne gereinigt und seinen Mund ausgespült hatte. So verstand er das Benehmen eines Kavaliers.

»Arroganz und Nonchalance verdecken nicht die schlechte Erziehung. Dieser Mensch ohne Geburt und Herkommen!« empörte sich Frau v. Meyendorff, wo die große Welt verkehrte. »Ich begreife nicht, Mizzi, wie dein seliger Bruder ihn tolerieren konnte!« wandte sie sich an Fürstin Schönburg.

»Bach war für den Fürsten, was der Mohr für Fiesko in Schillers Stück. Solche Subjekte braucht man eben«, warf Otto hin. »Es widerspricht zwar diplomatischer Usance, doch ich brauche hier keine Reserve, denn alle Welt deutet mir ja auf diesen Herrn hin als Fahnenträger und Blasebalgbläser antipreußischer Raserei.«

»Ach, das ist die Judenclique!« maulten verschiedene Stimmen verächtlich. »Bach, Bruck und ein Stab von Zeitungsschreibern. Besonders kommerziell verabscheuen sie Preußen, sie werden schon wissen warum. Da gibt's immer geheime Proßentche, wenn die ein Geschäft wollen oder nicht wollen.«

»Graf Buol scheint mir aber auch ganz in deren Händen. Entre nous soit dit, es hat den Anschein, als hintertreibe er meine Präsentierung vor Seiner Majestät dem Kaiser.« Man schwieg. Es schien ja offenkundig, daß der Monarch auf Betreiben und Anraten seiner Minister möglichst lange dem Preußen aus dem Wege ging. Mußte er auch gerade jetzt in Ungarn jagen! Zuletzt mußte aber ein anderer Einfluß im Spiele sein, auch ging es auf die Dauer nicht an, den Überbringer eines eigenen Handschreibens des Preußenkönigs Wochen um Wochen warten zu lassen. So eröffnete denn Buol eines Morgens: »Mein allergnädigster Herr wird geruhen, Sie in Ofen zu empfangen, wenn Exzellenz sich dorthin bemühen wollen.« Er schien minder zugeknöpft als im Anfang. Seine anglomanische ablehnende Steifheit entsprang mehr verlegener Unsicherheit als üblem Willen.

»Ich taxiere ihn so,« urteilte Otto zu Lynar, »daß er mit mauvaise honte seine unergründliche Unwissenheit in deutschen Angelegenheiten verstecken will. Wie bezeichnend, daß er mal Kurhessen mit Hessen-Darmstadt verwechselte! In Galizien weiß er besser Bescheid. Und das nennt sich ein deutscher Bundesstaat!«

Er fuhr nun im Dampfer, der ihm zu Ehren eine preußische Flagge aufsteckte, von Gran nach Budapest ans kaiserliche Hoflager. Da er die Donaufahrt Passau-Linz kannte, wo die noch schmale Donau die Kluft zwischen eng zusammengereckten und bis zum Ufer niederwallenden Waldbergen füllt, so hatte er schon Ähnliches genossen. Aber mächtig ergriff ihn das Bild, als die Ofener Burg aus dem Wasserspiegel aufstieg und jenseits über Pest die Pußta braunrötlich vom blaurötlichen Abendhimmel sich abhob. Er saß auf dem Schloß in gewölbter Halle, vom Mondlicht umspielt. Die Lichter der großen Stadt am anderen Ufer blitzten zu ihm herauf, Geigenklänge einer Zigeunerkapelle tönten herüber, auf der langen Kettenbrücke nach Ofen schob sich weithosiges, breithutiges Volk hin und her, auf Holzflößen standen braune Gesellen mit schwarzem Schnurrbart und speckglänzenden, wildflatternden Haaren. Der Globus von Ungarn tat sich auf, wo der Tokayer wächst und jeder Jüngling im Café- oder Freudenhaus sich auf Stuhlrichter oder Obergespan vorbereitet, wo halbnackte Hirten im Schafpelz den Czardas tanzen und die zottigen Rößlein mit dem Lasso einfangen auf öder Pußtaheide, wo von der Theiß bis zum Eisernen Tor von Orsowa und von da bis in die Siebenbürgener Karpathen das romantische Halbasien in freier Sonnenglut gedeiht, wo Paprika gegen das Sumpffieber nutzen soll und in Wahrheit nur die fetten Speisen würzt, die sonst selbst einen ungarischen Magen erdrücken würden. Ein schönes, freies Land, wo sich's herrlich lebt und wo das steifleinene Europa Abschied nimmt.

*

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